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Full text of "Sämtliche Werke [in zehn Bänden;"

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Heines  Werke  in  zehn  Bänden 

Unter  Mitwirkung  von  Jonas  Fränkel, 

Walther  Gensei,  Albert  Leitzmann  und 

Julius  Petersen  herausgegeben 

von  Oskar  Walzel 


Heinrich  Heines  Sämtliche  «/. 
^X^rke /Neunter  Band 


Im  Insel  =  Verlag  /  Leipzig  1910 


L  u  t  e  z  i  a 

Berichte  über  Politik, 
Kunst  und  Volksleben 

Erster  Teil 


Zueignungsbrief. 

An  seine  Durchlaucht,  den  Fürsten  Pückler-Muskau. 


Die  Reisenden,  welche  irgendeinen  durch  Kunst 
oder  historische  Erinnerung  denkwürdigen  Ort 
besuchen,  pflegen  hier  an  Mauern  und  Wänden 
ihre  respektiven  Namen  zu  inskribieren,  mehr  oder 
minder  leserlich,  je  nachdem  das  Schreibmaterial  war, 
das  ihnen  zu  Gebote  stand.  Sentimentale  Seelen 
sudeln  hinzu  auch  einige  pathetische  Zeilen  gereimter 
oder  ungereimter  Gefühle.  In  diesem  Wust  von  In* 
Schriften  wird  unsre  Aufmerksamkeit  plötzlich  in  An* 
spruch  genommen  von  zwei  Namen,  die  nebenein* 
ander  eingegraben  sind;  Jahrzahl  und  Monatstag  steht 
darunter  und  um  Namen  und  Datum  schlängelt  sich 
ein  ovaler  Kreis,  der  einen  Kranz  von  Eichen*  oder 
Lorbeerblättern  vorstellen  soll.  Sind  den  spätem 
Besuchern  des  Ortes  die  Personen  bekannt,  denen 
jene  zwei  Namen  angehören,  so  rufen  sie  ein  hei* 
teres:  »Sieh  da!«  und  sie  machen  dabei  die  tief* 
sinnige  Bemerkung,  daß  jene  beiden  also  einander 
nicht  fremd  gewesen,  daß  sie  wenigstens  einmal  auf 
derselben  Stelle  einander  nahe  gestanden,  daß  sie 
sich  im  Raum  wie  in  der  Zeit  zusammengefunden, 
sie,  die  so  gut  zusammen  paßten.  —  Und  nun  wer* 
den  über  beide  Glossen  gemacht,  die  wir  leicht  er- 
raten, aber  hier  nicht  mitteilen  wollen. 

Indem  ich,  mein  hochgefeierter  und  wähl  verwandter 
Zeitgenosse,  durch  die  Widmung  dieses  Buches  gleich- 
sam auf  die  Fassade  desselben  unsre  beiden  Namen 
inskribiere,  folge  ich  nur  einer  heiter  gaukelnden  Laune 
des  Gemütes,  und  wenn  meinem  Sinne  irgendein  be- 
stimmter Beweggrund  vorschwebt,  so  ist  es  allenfalls 


±  Lutezia 

der  oberwähnte  Brauch  der  Reisenden.  —  Ja,  Reisende 
waren  wir  beide  auf  diesem  Erdball,  das  war  unsre 
irdische  Spezialität,  und  diejenigen,  welche  nach  uns 
kommen,  und  in  diesem  Buche  den  Kranz  sehen, 
womit  ich  unsre  beiden  Namen  umschlungen,  ge- 
winnen wenigstens  ein  authentisches  Datum  unsres 
zeitlichen  Zusammentreffens,  und  sie  mögen  nach  Be- 
lieben  darüber  glossieren,  inwieweit  der  Verfasser 
der  »Briefe  eines  Verstorbenen«  und  der  Bericht« 
erstatter  der  »Lutezia«  zusammen  paßten.   — 

Der  Meister,  dem  ich  dieses  Buch  zueigne,  ver- 
steht das  Handwerk,  und  kennt  die  ungünstigen  Um- 
stände, unter  welchen  der  Autor  schrieb.  Er  kennt 
das  Bett,  in  welchem  meine  Geisteskinder  das  Licht 
erblickten,  das  Augsburgische  Prokrustesbett,  wo 
man  ihnen  manchmal  die  allzulangen  Beine  und  nicht 
selten  sogar  den  Kopf  abschnitt.  Um  unbildlich  zu 
sprechen,  das  vorliegende  Buch  besteht  zum  größten 
Teil  aus  Tagesberichten,  welche  ich  vor  geraumer 
Zeit  in  der  »Augsburgischen  Allgemeinen  Zeitung« 
drucken  ließ.  Von  vielen  hatte  ich  Brouillons  zu- 
zückbehaften,  wonach  ich  jetzt,  bei  dem  neuen  Ab- 
druck, die  unterdrückten  oder  veränderten  Stellen 
restaurierte.  Leider  erlaubt  mir  nicht  der  Zustand 
meiner  Augen,  mich  mit  vielen  solcher  Restaura- 
tionen zu  befassen;  ich  konnte  mich  aus  dem  ver- 
witterten Papierwust  nicht  mehr  herausfinden.  Hier 
nun,  sowie  auch  bei  Berichten,  die  ich  ohne  vor- 
läufigen Entwurf  abgeschickt  hatte,  ersetzte  ich  die 
Lakunen  und  verbesserte  ich  die  Alterationen  so  viel 
als  möglich  aus  dem  Gedächtnisse,  und  bei  Stellen, 
wo  mir  der  Stil  fremdartig  und  der  Sinn  noch  fremd- 
artiger vorkam,  suchte  ich  wenigstens  die  artistische 
Ehre,  die  schöne  Form,  zu  retten,  indem  ich  jene 


Zueignungsbrief  5 

verdächtigen  Stellen  gänzlich  vertilgte.  Aber  dieses 
Ausmerzen  an  Orten,  wo  der  wahnwitzige  Rotstift 
allzusehr  gerast  zu  haben  schien,  traf  nur  UnwesenU 
liches,  keineswegs  die  Urteile  über  Dinge  und  Men^ 
sehen,  die  oft  irrig  sein  mochten,  aber  immer  treu 
wiedergegeben  werden  mußten,  damit  die  Ursprünge 
liehe  Zeitfarbe  nicht  verloren  ging.  Indem  ich  eine 
gute  Anzahl  von  ungedruckt  gebliebenen  Berichten, 
die  keine  Zensur  passiert  hatten,  ohne  die  geringste 
Veränderung  hinzufügte,  lieferte  ich  durch  eine 
künstlerische  Zusammenstellung  aller  dieser  Mono- 
graphien ein  Ganzes,  welches  das  getreue  Gemälde 
einer  Periode  bildet,  die  ebenso  wichtig  wie  inter- 
essant  war. 

Ich  spreche  von  jener  Periode,  welche  man  zur 
Zeit  der  Regierung  Ludwig  Philipps  die  »parlamen- 
tarische« nannte,  ein  Name,  der  sehr  bezeichnend 
war  und  dessen  Bedeutsamkeit  mir  gleich  im  Beginn 
auffiel.  Wie  im  ersten  Teil  dieses  Buches  zu  lesen, 
schrieb  ich  am  9.  April  1840  folgende  Worte:  »Es 
ist  sehr  charakteristisch,  daß  seit  einiger  Zeit  die 
französische  Staatsregierung  nicht  mehr  ein  konsti- 
tutionelles, sondern  ein  parlamentarisches  Gouverne- 
ment genannt  wird.  Das  Ministerium  vom  ersten 
März  erhielt  gleich  in  der  Taufe  diesen  Namen.« 
—  Das  Parlament,  nämlich  die  Kammer,  hatte  da- 
mals schon  die  bedeutendsten  Prärogative  der  Krone 
an  sich  gerissen,  und  die  ganze  Staatsmacht  fiel  all- 
mählich in  seine  Hände.  Seinerseits  war  der  König, 
es  ist  nicht  zu  leugnen,  ebenfalls  von  usurpatorischen 
Begierden  gestachelt,  er  wollte  selbst  regieren,  un- 
abhängig von  Kammer-  und  Ministerlaune,  und  in 
diesem  Streben  nach  unbeschränkter  Souveränetät 
suchte    er    immer    die    legale    Form    zu    bewahren. 


f5  Lutczia 

Ludwig  Philipp  kann  daher  mit  Fug  behaupten,  daß 
er  nie  die  Legalität  verletzt,  und  vor  den  Assisen 
der  Geschichte  wird  man  ihn  gewiß  von  jedem  Vor- 
wurf, eine  ungesetzliche  Handlung  begangen  zu 
haben,  ganz  freisprechen,  und  ihn  allenfalls  nur  der 
allzu  großen  Schlauheit  schuldig  erklären  können. 
Die  Kammer,  welche  ihre  Eingriffe  in  die  könig- 
lichen Vorrechte  weniger  klug  durch  legale  Form 
bemäntelte,  träfe  gewiß  ein  weit  herberes  Verdikt, 
wenn  nicht  etwa  als  Milderungsgrund  angeführt 
werden  dürfte,  daß  sie  provoziert  worden  sei  durch 
die  absoluten  Gewaltsgelüste  des  Königs;  sie  kann 
sagen,  sie  habe  denselben  befehdet,  um  ihn  zu  ent- 
waffnen und  selber  die  Diktatur  zu  übernehmen,  die 
in  seinen  Händen  Staats-  und  freiheitsverderblich 
werden  konnte.  Der  Zweikampf  zwischen  dem 
König  und  der  Kammer  bildet  den  Inhalt  der  parla- 
mentarischen Periode  und  beide  Parteien  hatten  sich 
zu  Ende  derselben  so  sehr  abgemüdet  und  geschwächt, 
daß  sie  kraftlos  zu  Boden  sanken,  als  ein  neuer  Prä» 
tendent  auf  dem  Schauplatz  erschien.  Am  24.  Fe- 
bruar 1848  fielen  sie  fast  gleichzeitig  zu  Boden,  das 
Königtum  in  den  Tuilerien  und  einige  Stunden  später 
das  Parlament  in  dem  nachbarlichen  Palais  Bourbon. 
Die  Sieger,  das  glorreiche  Lumpengesindel  jener 
Februartage,  brauchten  wahrhaftig  keinen  Aufwand 
von  Heldenmut  zu  machen,  und  sie  können  sich 
kaum  rühmen,  ihrer  Feinde  ansichtig  geworden  zu 
sein.  Sie  haben  das  alte  Regiment  nicht  getötet, 
sondern  sie  haben  nur  seinem  Scheinleben  ein  Ende 
gemacht:  König  und  Kammer  starben,  weil  sie  längst 
tot  waren.  Diese  beiden  Kämpen  der  parlamentari- 
schen Periode  mahnen  mich  an  ein  Bildwerk,  das 
ich  einst  zu  Münster  in  dem  großen  Saale  des  Rat- 


hauses  sa 


Zueignungsbrief 


hauses  sah,  wo  der  Westfälische  Frieden  geschlossen 
worden.  Dort  stehen  nämlich  längs  den  Wänden, 
wie  Chorstühle,  eine  Reihe  hölzerner  Sitze,  auf  deren 
Lehne  allerlei  humoristische  Skulpturen  zu  schauen 
sind.  Auf  einem  dieser  Holzstühle  sind  zwei  Fi- 
guren dargestellt,  welche  in  einem  Zweikampf  be^ 
griffen;  sie  sind  ritterlich  geharnischt,  und  haben 
eben  ihre  ungeheuer  großen  Schwerter  erhoben,  um 
aufeinander  einzuhauen  —  doch  sonderbar!  jedem 
von  ihnen  fehlt  die  Hauptsache,  nämlich  der  Kopf, 
und  es  scheint,  daß  sie  sich  in  der  Hitze  des  Kampfes 
einander  die  Köpfe  abgeschlagen  haben  und  jetzt, 
ohne  ihre  beiderseitige  Kopflosigkeit  zu  bemerken, 
weiter  fechten.  — 

Die  Blütezeit  der  parlamentarischen  Periode  waren 
das  Ministerium  vom  1.  März  1840  und  die  ersten 
Jahre  des  Ministeriums  vom  29.  November  1840.  Er» 
steres  mag  für  den  Deutschen  noch  ein  besonderes 
Interesse  bewahren,  weil  damals  Thiers  unser  Vater- 
land in  die  große  Bewegung  hineintrommelte,  welche 
das  politische  Leben  Deutschlands  weckte;  Thiers 
brachte  uns  wieder  als  Volk  auf  die  Beine,  und 
dieses  Verdienst  wird  ihm  die  deutsche  Geschichte 
hoch  anrechnen.  Auch  der  Erisapfel  der  orienta- 
lischen Frage  kommt  unter  jenem  Ministerium  be- 
reits zum  Vorschein,  und  wir  sehen  im  grellsten 
Lichte  den  Egoismus  jener  britischen  Oligarchie,  die 
uns  damals  gegen  die  Franzosen  verhetzte.  Daß 
das  aufrichtige  und  großmütige,  bis  zur  Fanfaronade 
großmütige  Frankreich  unser  natürlicher  und  wahr- 
haft sicherster  Alliierter  ist,  war  die  Überzeugung 
meines  ganzen  Lebens,  und  das  patriotische  Bedürf- 
nis, meine  verblendeten  Landsleute  über  den  treu- 
losen Blödsinn  der  Franzosenfresser   und  Rheinlied- 


S  Lutezia 

barden  aufzuklären,  hat  vielleicht  meinen  Berichten 
über  das  Ministerium  Thiers  manchmal,  namentlich 
in  bezug  auf  die  Engländer,  ein  allzu  leidenschaft- 
liches  Kolorit  erteilt;  aber  die  Zeit  war  eine 
höchst  gefährliche,  und  Schweigen  war  ein  halber 
Verrat. 

Bis  zur  Katastrophe  vom  24.  Februar  gehen  nicht 
meine  Pariser  Berichte,  aber  man  sieht  schon  auf 
jeder  Seite  ihre  Notwendigkeit,  und  sie  wird  bestän- 
dig vorausgesagt  mit  jenem  prophetischen  Schmerz, 
den  wir  in  dem  alten  Heldenliede  finden,  wo  Trojas 
Brand  nicht  den  Schluß  bildet,  aber  in  jedem  Verse 
geheimnisvoll  knistert.  Ich  habe  nicht  das  Gewitter, 
sondern  die  Wetterwolken  beschrieben,  die  es  in 
ihrem  Schöße  trugen  und  schauerlich  düster  heran- 
zogen. Ich  berichtete  oft  und  bestimmt  über  die 
Dämonen,  welche  in  den  untern  Schichten  der  Ge- 
sellschaft lauerten,  und  aus  ihrer  Dunkelheit  herauf- 
brechen würden,  wenn  der  rechte  Tag  gekommen. 
Diese  Ungetüme,  denen  die  Zukunft  gehört,  be- 
trachtete man  damals  nur  durch  ein  Verkleinerungs- 
glas, und  da  sahen  sie  wirklich  aus  wie  wahnsinnige 
Flöhe  —  aber  ich  zeigte  sie  in  ihrer  wahren  Lebens- 
größe, und  da  glichen  sie  vielmehr  den  furchtbarsten 
Krokodilen,  welche  jemals  aus  dem  Schlamm  ge- 
stiegen. — 

Um  die  betrübsamen  Berichterstattungen  zu  er- 
heitern, verwob  ich  sie  mit  Schilderungen  aus  dem 
Gebiete  der  Kunst  und  der  Wissenschaft,  aus  den 
Tanzsälen  der  guten  und  der  schlechten  Sozietät, 
und  wenn  ich  unter  solchen  Arabesken  manche  allzu 
närrische  Virtuosenfratze  gezeichnet,  so  geschah 
es  nicht,  um  irgendeinem  längst  verschollenen  Bie- 
dermann des  Pianoforte  oder   der  Maultrommel  ein 


Zueignungsbrief  g 

Herzeleid  zuzufügen,  sondern  um  das  Bild  der  Zeit 
selbst  in  seinen  kleinsten  Nuancen  zu  liefern.  Ein 
ehrliches  Daguerreotyp  muß  eine  Fliege  ebensogut 
wie  das  stolzeste  Pferd  treu  wiedergeben,  und  meine 
Berichte  sind  ein  daguerreotypisches  Geschichtsbuch, 
worin  jeder  Tag  sich  selber  abkonterfeite,  und  durch 
die  Zusammenstellung  solcher  Bilder  hat  der  ord- 
nende Geist  des  Künstlers  ein  Werk  geliefert,  worin 
das  Dargestellte  seine  Treue  authentisch  durch  sich 
selbst  dokumentiert.  Mein  Buch  ist  daher  zugleich 
ein  Produkt  der  Natur  und  der  Kunst,  und  während 
es  jetzt  vielleicht  den  populären  Bedürfnissen  der 
Leserwelt  genügt,  kann  es  auf  jeden  Fall  dem  spä- 
teren Historiographen  als  eine  Geschichtsquelle  die- 
nen, die,  wie  gesagt,  die  Bürgschaft  ihrer  Tages- 
wahrheit in  sich  trägt.  Man  hat  in  solcher  Beziehung 
bereits  meinen  »Französischen  Zuständen«,  welche 
denselben  Charakter  tragen,  die  größte  Anerkennung 
gezollt,  und  die  französische  Übersetzung  wurde  von 
historienschreibenden  Franzosen  vielfach  benutzt. 
Ich  erwähne  dieses  alles,  damit  ich  für  mein  Werk 
ein  solides  Verdienst  vindiziere,  und  der  Leser  um  so 
nachsichtiger  sein  möge,  wenn  er  darin  wieder  jenen 
frivolen  Esprit  bemerkt,  den  unsre  kerndeutschen, 
ich  möchte  sagen  eicheldeutschen  Landsleute  auch 
dem  Verfasser  der  »Briefe  eines  Verstorbenen«  vor- 
geworfen haben.  Indem  ich  demselben  mein  Buch 
zueigne,  kann  ich  wohl,  in  bezug  auf  den  darin  ent- 
haltenen Esprit,  heute  von  mir  sagen,  daß  ich  Eulen 
nach  Athen  bringe. 

Aber  wo  befindet  sich  in  diesem  Augenblick 
der  vielverehrte  und  vielteure  Verstorbene?  Wohin 
adressiere  ich  mein  Buch?  Wo  ist  er?  Wo  weilt  er, 
oder  vielmehr  wo  gallopiert  er,  wo  trottiert  er?    er, 


lO  Lutezia 

der  romantische  Anacharsis,  der  fashionabelstc  aller 
Sonderlinge,  Diogenes  zu  Pferde,  dem  ein  eleganter 
Groom  die  Laterne  vorträgt,  womit  er  einen  Men* 
sehen  sucht.  —  Sucht  er  ihn  in  Sandomir,  oder  in 
Sandomich,  wo  ihm  der  große  Wind,  der  durch  das 
Brandenburger  Tor  weht,  die  Laterne  ausbläst?  Oder 
trabt  er  jetzt  auf  dem  höckerichten  Rücken  eines 
Kamels  durch  die  arabische  Sandwüste,  wo  der  lang* 
beinigte  Hut^Hut,  den  die  deutschen  Dragomanen 
den  Legationssekretär  von  Wiedehopf  nennen,  an  ihm 
vorüberläuft,  um  seiner  Gebieterin,  der  Königin  von 
Saba,  die  Ankunft  des  hohen  Gastes  zu  verkünden 
—  denn  die  alte  fabelhafte  Person  erwartet  den 
weltberühmten  Touristen  auf  einer  schönen  Oase  in 
Äthiopien,  wo  sie  mit  ihm  unter  wehenden  Fächer- 
palmen und  plätschernden  Springbrunnen  frühstücken 
und  kokettieren  will,  wie  einst  auch  die  verstorbene 
Lady  Esther  Stanhope  getan,  die  ebenfalls  viele  kluge 
Rätselsprüche  wußte  —  Apropos:  aus  den  Me- 
moiren,  welche  ein  Engländer  nach  dem  Tode  dieser 
berühmten  Sultanin  der  Wüste  herausgegeben,  habe 
ich  nicht  ohne  Verwunderung  gelesen,  daß  die  hohe 
Dame,  als  Ew.  Durchlaucht  sie  auf  dem  Libanon 
besuchten,  auch  von  mir  sprach,  und  der  Meinung 
gewesen,  ich  sei  der  Stifter  einer  neuen  Religion. 
Du  lieber  Himmel!  da  sehe  ich,  wie  schlecht  man 
in  Asien  über  mich  unterrichtet  ist!   — 

Ja,  wo  ist  jetzt  der  wandersüchtige  Überall  und 
Nirgends?  Korrespondenten  einer  mongolischen  Zei- 
tung behaupten,  er  sei  auf  dem  Wege  nach  China, 
um  die  Chinesen  zu  sehen,  ehe  es  zu  spät  ist  und 
dieses  Volk  von  Porzellan  in  den  plumpen  Händen 
der  rothaarigten  Barbaren  ganz  zerbricht  —  ach! 
seinem    armen    wackelköpfigen    Porzellan-Kaiser    ist 


Eueignungsbrief  11 

schon  vor  Gram  das  Herz  gebrochen!  —  Der  >Cal= 
cutta  advertiser«  scheint  der  oben  erwähnten  mon- 
golischen  Zeitungsnachricht  keinen  Glauben  zu 
schenken  und  behauptet  vielmehr,  daß  Engländer, 
welche  jüngst  den  Himalaja  bestiegen,  den  Fürsten 
Piukler^Miuskau  auf  den  Flügeln  eines  Greifen  durch 
die  Lüfte  fliegen  sahen.  Jenes  Journal  bemerkt,  daß 
der  erlauchte  Reisende  sich  wahrscheinlich  nach  dem 
Berge  Kaf  begab,  um  dem  Vogel  Simurgh,  der  dort 
haust,  seinen  Besuch  abzustatten  und  mit  ihm  über 
antediluvianische  Politik  zu  plaudern.  —  Aber  der 
alte  Simurgh,  der  Dekan  der  Diplomaten,  der  Ex- 
Wesir  so  vieler  präadamitischen  Sultane,  die  alle 
weiße  Röcke  und  rote  Hosen  getragen,  residiert  er 
nicht  während  den  Sommermonaten  auf  seinem 
Schloß  Johannisberg  am  Rhein?  Ich  habe  den 
Wein,  der  dort  wächst,  immer  für  den  besten  ge- 
halten, und  für  einen  gar  klugen  Vogel  hielt  ich 
immer  den  Herrn  des  Johannisbergs;  aber  mein  Re- 
spekt hat  sich  noch  vermehrt,  seitdem  ich  weiß,  in 
welchem  hohen  Grade  er  meine  Gedichte  liebt,  und 
daß  er  einst  Ew.  Durchlaucht  erzählte,  wie  er  bei 
der  Lektüre  derselben  zuweilen  Tränen  vergossen 
habe.  Ich  wollte,  er  läse  auch  einmal  zur  Ab- 
wechslung die  Gedichte  meiner  Parnaßgenossen,  der 
heutigen  Gesinnungspoeten;  er  wird  freilich  bei 
dieser  Lektüre  nicht  weinen,  aber  desto  herzlicher 
lachen.   — 

Jedoch  noch  immer  weiß  ich  nicht  ganz  bestimmt 
den  Aufenthaltsort  des  Verstorbenen,  des  lebendig- 
sten aller  Verstorbenen,  der  so  viel  Titularlebendige 
überlebt  hat.  —  Wo  ist  er  jetzt?  Im  Abendland 
oder  im  Morgenland?  In  China  oder  in  England? 
In  I  losen   von  Nanking   oder  von  Manchester?     In 


12 


Lutezia 


Vorderasien  oder  in  Hinterpommern?  Muß  ich  mein 
Buch  nach  Kyritz  adressieren  oder  nach  Tombuktu, 
poste-restante?  —  Gleichviel  wo  er  auch  sei,  über* 
all  verfolgen  ihn  die  heiter  treuherzigsten  und  weh- 
mütig tollsten  Grüße  seines  ergebenen 

Heinrich  Heine. 

Paris,  den  23.  August  1854. 


Erster  Teil  13 


Paris,  25.  Februar  1840, 

Je  näher  man  der  Person  des  Königs  steht  und  mit 
eigenen  Augen  das  Treiben  desselben  beobachtet, 
desto  leichter  wird  man  getäuscht  über  die  Motive 
seiner  Handlungen,  über  seine  geheimen  Absichten, 
über  sein  Wollen  und  Streben.  In  der  Schule  der 
Revolutionsmänner  hat  er  jene  moderne  Schlauheit 
erlernt,  jenen  politischen  Jesuitismus,  worin  die  Jako- 
biner manchmal  die  Jünger  Loyolas  übertrafen.  Zu 
diesen  Errungenschaften  kommt  noch  ein  Schatz 
angeerbter  Verstellungskunst,  die  Tradition  seiner 
Vorfahren,  der  französischen  Könige,  jener  ältesten 
Söhne  der  Kirche,  die  immer  weit  mehr  als  andere 
Fürsten  durch  das  heilige  öl  von  Reims  geschmei- 
digt  worden,  immer  mehr  Fuchs  als  Löwe  waren, 
und  einen  mehr  oder  minder  priesterlichen  Charakter 
offenbarten.  Zu  der  angelernten  und  überlieferten 
simulatio  und  dissimulatio  gesellt  sich  noch  eine 
natürliche  Anlage  bei  Ludwig  Philipp,  so  daß  es  fast 
unmöglich  ist,  durch  die  wohlwollende  dicke  Hülle, 
durch  das  lächelnde  Fleisch,  die  geheimen  Gedanken 
zu  erspähen.  Aber  gelänge  es  auch,  bis  in  die  Tiefe 
des  königlichen  Herzens  einen  Blick  zu  werfen,  so 
sind  wir  dadurch  noch  nicht  weit  gefördert,  denn 
am  Ende  ist  eine  Antipathie  oder  Sympathie  in  be» 
zug  auf  Personen  nie  der  bestimmende  Grund  der 
Handlungen  Ludwig  Philipps,  er  gehorcht  nur  der 
Macht  der  Dinge  <la  force  des  choses),  der  Not- 
wendigkeit. Alle  subjektive  Anregung  weist  er  fast 
grausam  zurück,  er  ist  hart  gegen  sich  selbst,  und 
ist  er  auch  kein  Selbstherrscher,  so  ist  er  doch  ein 


i^  Lutezia 

Beherrscher  seiner  selbst;  er  ist  ein  sehr  objek= 
tiver  König.  Es  hat  daher  wenig  politische  Be- 
deutung, ob  er  etwa  den  Guizot  mehr  liebt  oder 
weniger  als  den  Thiers;  er  wird  sich  des  einen  oder 
des  andern  bedienen;  je  nachdem  er  den  einen  oder 
andern  nötig  hat,  nicht  früher,  nicht  später.  Ich 
kann  daher  wirklich  nicht  mit  Gewißheit  sagen,  wer 
von  diesen  zwei  Männern  dem  König  am  ange- 
nehmsten  oder  am  unangenehmsten  sei.  Ich  glaube, 
ihm  mißfallen  sie  alle  beide,  und  zwar  aus  Metier* 
neid,  weil  er  ebenfalls  Minister  ist,  in  ihnen  seine 
beständigen  Nebenbuhler  sieht,  und  am  Ende  fürchtet, 
man  könnte  ihnen  eine  größere  politische  Kapazität 
zutrauen  als  ihm  selber.  Man  sagt,  Guizot  sage 
ihm  mehr  zu,  als  Thiers,  weil  jener  eine  gewisse 
Unpopularität  genießt,  die  dem  Könige  gefällt.  Aber 
der  puritanische  Zuschnitt,  der  lauernde  Hochmut, 
der  doktrinäre  Belehrungston,  das  eckig-calvinistische 
Wesen  Guizots  kann  nicht  anziehend  auf  den  König 
wirken.  Bei  Thiers  stößt  er  auf  die  entgegenge- 
setzten Eigenschaften,  auf  einen  ungezügelten  Leicht- 
sinn, auf  eine  kecke  Laune,  auf  eine  Freimütigkeit, 
die  mit  seinem  eigenen  versteckten,  krummlinigten, 
eingeschachtelten  Charakter  fast  beleidigend  kon- 
trastiert und  ihm  also  ebenfalls  wenig  behagen  kann. 
Hierzu  kommt,  daß  der  König  gern  spricht,  ja  so- 
gar sich  gern  in  ein  unendliches  Schwatzen  verliert, 
was  sehr  merkwürdig,  da  verstellungssüchtige  Naturen 
gewöhnlich  wortkarg  sind.  Gar  bedeutend  muß  ihm 
deshalb  ein  Guizot  mißfallen,  der  nie  diskuriert,  son- 
dern immer  doziert  und  endlich,  wenn  er  seine  The* 
sis  bewiesen  hat,  die  Gegenrede  des  Königs  mit 
Strenge  anhört,  und  wohl  gar  dem  Könige  Beifall 
nickt,   als  habe  er  einen  Schulknaben  vor   sich,   der 


Erster  Teil 


»5 


seine  Lektion  gut  hersagt.  Bei  Thiers  gehts  dem 
Könige  noch  schlimmer,  der  läßt  ihn  gar  nicht  zu 
Worten  kommen,  verloren  in  die  Strömung  seiner 
eigenen  Rede.  Das  rieselt  unaufhörlich,  wie  ein 
Faß,  dessen  Hahn  ohne  Zapfen,  aber  immer  kost- 
barer  Wein.  Kein  anderer  kommt  da  zu  Worte, 
und  nur  während  er  sich  rasiert,  ist  man  imstande, 
bei  Herrn  Thiers  ruhiges  Gehör  zu  finden.  Nur  so- 
lange ihm  das  Messer  an  der  Kehle  ist,  schweigt  er 
und  schenkt  fremder  Rede  Gehör. 

Es  ist  keinem  Zweifel  unterworfen,  daß  der  König 
sich  endlich  entschließt,  den  Begehrnissen  der  Kam* 
mer  nachgebend,  Herrn  Thiers  mit  der  Bildung  eines 
neuen  Ministeriums  zu  beauftragen  und  ihm  als  Prä- 
sidenten des  Konseils  auch  das  Portefeuille  der  äußern 
Angelegenheiten  anzuvertrauen.  Das  ist  leicht  vor- 
auszusehen. Man  dürfte  aber  mit  großer  Gewißheit 
prophezeien,  daß  das  neue  Ministerium  nicht  von 
langer  Dauer  sein  wird,  und  daß  Herr  Thiers  selber 
eines  frühen  Morgens  dem  Könige  eine  gute  Ge- 
legenheit gibt,  ihn  wieder  zu  entfernen  und  Herrn 
Guizot  an  seine  Stelle  zu  berufen.  Herr  Thiers,  bei 
seiner  Behendigkeit  und  Geschmeidigkeit,  zeigt  immer 
ein  großes  Talent,  wenn  es  gilt  den  mät  de  Cocagne 
der  Herrschaft  zu  erklettern,  hinaufzurutschen,  aber 
er  bekundet  ein  noch  größeres  Talent  des  Wieder- 
heruntergleitens,  und  wenn  wir  ihn  ganz  sicher  auf 
dem  Gipfel  seiner  Macht  glauben,  glitscht  er  un- 
versehens wieder  herab,  so  geschickt,  so  artig,  so 
lächelnd,  so  genial,  daß  wir  diesem  neuen  Kunst- 
stück schier  applaudieren  möchten.  Herr  Guizot  ist 
nicht  so  geschickt  im  Erklimmen  des  glatten  Mastes. 
Mit  schwerfälliger  Mühe  zottelt  er  sich  hinauf,  aber 
wenn   er  oben   einmal   angelangt,   klammert  er  sich 


i6  Lutezia 

fest  mit  der  gewaltigen  Tatze;  er  wird  auf  der  Höhe 
der  Gewalt  immer  länger  verweilen,  als  sein  ge- 
lenkiger  Nebenbuhler,  ja  wir  möchten  sagen,  daß  er 
aus  Unbeholfenheit  nicht  mehr  herunterkommen  kann 
und  ein  starkes  Schütteln  nötig  sein  wird,  ihm  das 
Herabpurzeln  zu  erleichtern.  In  diesem  Augenblick 
sind  vielleicht  schon  die  Depeschen  unterwegs,  worin 
Ludwig  Philipp  den  auswärtigen  Kabinetten  ausein- 
andersetzt, wie  er,  durch  die  Gewalt  der  Dinge  ge- 
zwungen, den  ihm  fatalen  Thicrs  zum  Minister  neh= 
men  muß,  anstatt  des  Guizot,  der  ihm  viel  ange- 
nehmer  gewesen  wäre. 

Der  König  wird  jetzt  seine  große  Not  haben,  die 
Antipathie,  welche  die  fremden  Mächte  gegen  Thiers 
hegen,  zu  beschwichtigen.  Dieses  Buhlen  nach  dem 
Beifall  der  letztern  ist  eine  törichte  Idiosynkrasie. 
Er  meint,  daß  von  dem  äußern  Frieden  auch  die 
Ruhe  seines  Inlands  abhänge,  und  er  schenkt  diesem 
nur  geringe  Aufmerksamkeit.  Er,  vor  dessen  Augen- 
zwinkern alle  Trajane,  Titusse,  Mark-Aurele  und 
Antonine  dieser  Erde,  den  Großmogul  mit  einge- 
rechnet, zittern  müßten,  Er  demütigt  sich  vor  ihnen 
wie  ein  Schulbub  und  jammert:  »Schonet  meiner! 
verzeiht  mir,  daß  ich  sozusagen  den  französischen 
Thron  bestiegen,  daß  das  tapferste  und  intelligenteste 
Volk,  ich  will  sagen  36  Millionen  Unruhestifter  und 
Gottesleugner  mich  zu  ihrem  König  gewählt  haben. 

—  Verzeiht  mir,  daß  ich  mich  verleiten  ließ,  aus  den 
verruchten  Händen  der  Rebellen  die  Krone  und  die 
dazu  gehörigen  Kronjuwelen  in  Empfang  zu  nehmen 

—  ich  war  ein  unerfahrenes  Gemüt,  ich  hatte  eine 
schlechte  Erziehung  genossen  von  Kind  an,  wo 
Frau  von  Genlis  mich  die  Menschenrechte  buch- 
stabieren ließ    —    bei   den  Jakobinern,    die  mir  den 


Erster  Teil  17 

Ehrenposten  eines  Türstehers  anvertrauten,  habe  ich 
auch  nicht  viel  Gutes  lernen  können  —  ich  wurde 
durch  schlechte  Gesellschaft  verführt,  besonders 
durch  den  Marquis  de  Lafayette,  der  aus  mir  die 
beste  Republik  machen  wollte  —  ich  habe  mich 
aber  seitdem  gebessert,  ich  bereue  meine  Jugend* 
liehen  Verirrungen,  und  ich  bitte  Euch,  verzeiht  mir 
aus  christlicher  Barmherzigkeit  —  und  schenket  mir 
den  Frieden!«  Nein,  so  hat  sich  Ludwig  Philipp 
nicht  ausgedrückt,  denn  er  ist  stolz  und  edel  und 
klug,  aber  das  war  doch  immer  der  kurze  Sinn  seiner 
langen  Reden  und  noch  längern  Briefe,  deren  Schrift* 
züge,  als  ich  sie  jüngst  sah,  mir  höchst  originell  er- 
schienen. Wie  man  gewisse  Schriftzüge  »Fliegen» 
pfötchen«  <pattes  de  mouche)  nennt,  so  könnte  man 
die  Handschrift  Ludwig  Philipps  »Spinnenbeine«  be- 
namsen; sie  ähneln  nämlich  den  hagerdünnen  und 
schattenartig  langen  Beinen  der  sogenannten  Schneider- 
spinnen, und  die  hochgestreckten  und  zugleich  äußerst 
magern  Buchstaben  machen  einen  fabelhaft  drolligen 
Eindruck. 

Selbst  in  der  nächsten  Umgebung  des  Königs  wird 
seine  Nachgiebigkeit  gegen  das  Ausland  getadelt;  aber 
niemand  wagt,  irgendeine  Rüge  laut  werden  zu  lassen. 
Dieser  milde,  gutmütige  und  hausväterliche  Ludwig 
Philipp  fordert  im  Kreise  der  Seinen  einen  ebenso 
blinden  Gehorsam,  wie  ihn  der  wütendste  Tyrann 
jemals  durch  die  größten  Grausamkeiten  erlangen 
mochte.  Ehrfurcht  und  Liebe  fesselt  die  Zunge  seiner 
Familie  und  Freunde;  das  ist  ein  Mißgeschick,  und 
es  könnten  wohl  Fälle  eintreten,  wo  dem  königlichen 
hinzclwillen  irgendein  Einspruch  und  sogar  offener 
Widerspruch  heilsam  sein  dürfte.  Selbst  der  Kron- 
prinz, der  verständige  Herzog  von  Orleans,  beugt 

IX,  1 


18  Lutezia 

schweigend  das  Haupt  vor  dem  Vater,  obgleich  er 
seine  Fehler  einsieht  und  traurige  Konflikte,  ja  eine 
entsetzliche  Katastrophe  zu  ahnen  scheint.  Er  soll 
einst  zu  einem  Vertrauten  gesagt  haben,  er  sehne 
sich  nach  einem  Kriege,  weil  er  lieber  in  den  Wogen 
des  Rheines  als  in  einer  schmutzigen  Gosse  von 
Paris  sein  Leben  verlieren  wolle.  Der  edle  ritter« 
liehe  Held  hat  melancholische  Augenblicke,  und  er- 
zählt dann,  wie  seine  Muhme,  Madame  d'Angou- 
lerne,  die  unguillotinierte  Tochter  Ludwigs  des  XVI., 
mit  ihrer  heiseren  Rabenstimme  ihm  ein  frühes  Ver- 
derben  prophezeit,  als  sie  auf  ihrer  letzten  Flucht 
während  den  Julitagen  dem  heimkehrenden  Prinzen 
in  der  Nähe  von  Paris  begegnete.  Sonderbar  ist 
es,  daß  der  Prinz  einige  Stunden  später  in  Gefahr 
geriet,  von  den  Republikanern,  die  ihn  gefangen  nah- 
men, füsiliert  zu  werden,  und  nur  wie  durch  ein 
Wunder  solchem  Schicksal  entging.  Der  Erbprinz 
ist  allgemein  geliebt,  er  hat  alle  Herzen  gewonnen, 
und  sein  Verlust  wäre  der  jetzigen  Dynastie  mehr 
als  verderblich.  Seine  Popularität  ist  vielleicht  ihre 
einzige  Garantie.  Aber  er  ist  auch  eine  der  edelsten 
und  kostbarsten  Blüten,  die  dem  Boden  Frankreichs, 
diesem  »schönen  Menschengarten«,  entsprossen  sind. 


II. 

Paris,  den  i.  März  1840. 
Thiers  steht  heute  im  vollen  Lichte  seines  Tages. 
Ich  sage  heute,  ich  verbürge  mich  nicht  für  morgen.  — 
Daß  Thiers  jetzt  Minister  ist,  alleiniger,  wahrhaftiger 
Gewaltminister,  unterliegt  keinem  Zweifel,  obgleich 
viele  Personen,  mehr  aus  Schelmerei  denn  aus  Über- 


Erster  Teil 


19 


zeugung,  daran  nicht  glauben  wollen,  ehe  sie  die 
Ordonnanzen  unterzeichnet  sähen,  schwarz  auf  weiß 
im  »Moniteur«.  Sie  sagen,  bei  der  zögernden  Weise 
des  Fabius  Cunctator  des  Königtums  sei  alles  mög- 
lieh;  vorigen  Mai  habe  sich  der  Handel  zerschlagen, 
als  Thiers  bereits  zur  Unterzeichnung  die  Feder  in 
die  Hand  genommen.  Aber  diesmal,  bin  ich  über- 
zeugt, ist  Thiers  Minister  —  »schwören  will  ich 
darauf,  aber  nicht  wetten«,  sagte  einst  Fox  bei  einer 
ähnlichen  Gelegenheit.  Ich  bin  nun  neugierig,  in  wie- 
viel Zeit  seine  Popularität  wieder  demoliert  sein  wird. 
Die  Republikaner  sehen  jetzt  in  ihm  ein  neues  Boll- 
werk des  Königtums,  und  sie  werden  ihn  gewiß  nicht 
schonen.  Großmut  ist  nicht  ihre  Art,  und  die  re- 
publikanische Tugend  verschmäht  nicht  die  Allianz 
mit  der  Lüge.  Morgen  schon  werden  die  alten  Ver- 
leumdungen aus  den  modrigsten  Schlupfwinkeln  ihre 
Schlangenköpfchen  hervorrecken  und  freundlich  zün- 
geln. Die  armen  Kollegen  werden  ebenfalls  stark 
herhalten.  »Ein  Karnevalsministerium«,  rief  man 
schon  gestern  abend,  als  der  Name  des  Ministers 
des  Unterrichts  genannt  wurde.  Das  Wort  hat  den- 
noch eine  gewisse  Wahrheit.  Ohne  die  Besorgnis 
vor  den  drei  Karnevalstagen  hätte  man  sich  mit  der 
Bildung  des  Ministeriums  vielleicht  nicht  so  sehr  ge- 
eilt. Aber  heute  ist  schon  Faschingsonntag,  in  die- 
sem Augenblick  wälzt  sich  bereits  der  Zug  des 
beeuf  gras  durch  die  Straßen  von  Paris,  und  morgen 
und  übermorgen  sind  die  gefährlichsten  Tage  für 
die  öffentliche  Ruhe.  Das  Volk  überläßt  sich  dann 
einer  wahnsinnigen,  fast  verzweiflungsvollen  Lust, 
alle  Tollheit  ist  grauenhaft  entzügelt,  und  der  Frei- 
heitsrausch trinkt  dann  leicht  Brüderschaft  mit  der 
Trunkenheit  des  gewöhnlichen  Weins.  —  Mummerei 


20 


Lut< 


gegen  Mummerei,  und  das  neue  Ministerium  ist  viel- 
leicht eine  Maske  des  Königs   für  den  Karneval. 


III. 

Paris,  den  9.  April  1840. 
Nachdem  die  Leidenschaften  sich  etwas  abgekühlt 
und  denkende  Besonnenheit  sich  allmählich  geltend 
macht,  gesteht  jeder,  daß  die  Ruhe  Frankreichs  aufs 
gefährlichste  bedroht  war,  wenn  es  den  sogenannten 
Konservativen  gelang,  das  jetzige  Ministerium  zu 
Sturzen.  Die  Glieder  desselben  sind  gewiß  in  diesem 
Augenblick  die  geeignetsten  Lenker  des  Staatswagens. 
Der  König  und  Thiers,  der  eine  im  Innern  des  Wa* 
gens,  der  andere  auf  dem  Bocke,  sie  müssen  jetzt 
einig  bleiben,  denn  trotz  der  verschiedenen  Situation 
sind  sie  denselben  Gefahren  des  Umsturzes  ausge- 
setzt.  Der  König  und  Thiers  hegen  durchaus  keinen 
geheimen  Hader,  wie  man  allgemein  glaubt.  Per- 
sönlich hatten  sich  beide  schon  vor  geraumer  Zeit 
ausgesöhnt.  Die  Differenz  bleibt  nur  eine  politische. 
Bei  aller  jetzigen  Einigkeit,  bei  dem  besten  Willen 
des  Königs  für  die  Erhaltung  des  Ministeriums,  kann 
doch  in  seinem  Geiste  jene  politische  Differenz  nie 
ganz  schwinden;  denn  der  König  ist  ja  der  Reprä- 
sentant der  Krone,  deren  Interessen  und  Rechte  in 
beständigem  Konflikt  mit  den  usurpierten  Gelüsten 
der  Kammer.  In  der  Tat,  wir  müssen  der  Wahr- 
heit gemäß  das  ganze  Streben  der  Kammer  mit  dem 
Ausdruck  Usurpationslust  bezeichnen;  sie  war  auch 
immer  der  angreifende  Teil,  sie  suchte  bei  jeder  Ver- 
anlassung die  Rechte  der  Krone  zu  schmälern,  die 
Interessen  derselben  zu  untergraben,  und  der  König 


Erster  Teil  21 

übte  nur  eine  natürliche  Notwehr.  Z.  B.  die  Charte 
verlieh  dem  König  das  Recht,  seine  Minister  zu 
wählen,  und  jetzt  ist  dieses  Prärogativ  nur  ein  leerer 
Schein,  eine  ironische,  das  Königtum  verhöhnende 
Formel,  denn  in  der  Wirklichkeit  ist  es  die  Kammer, 
welche  die  Minister  wählt  und  verabschiedet.  Auch 
ist  es  sehr  charakteristisch,  daß  seit  einiger  Zeit  die 
französische  Staatsregierung  nicht  mehr  ein  konsti- 
tutionelles, sondern  ein  parlamentarisches  Gouver- 
nement  genannt  wird.  Das  Ministerium  vom  1.  März 
erhielt  gleich  in  der  Taufe  diesen  Namen,  und  durch 
die  Tat  wie  durch  das  Wort  ward  eine  Rechtsbe* 
raubung  der  Krone  zugunsten  der  Kammer  öffent- 
lieh  proklamiert  und  sanktioniert. 

Thiers  ist  der  Repräsentant  der  Kammer,  er  ist 
ihr  gewählter  Minister,  und  in  dieser  Beziehung  kann 
er  dem  König  nie  ganz  behagen.  Die  allerhöchste 
Mißhuld  trifft  also,  wie  gesagt,  nicht  die  Person  des 
Ministers,  sondern  das  Prinzip,  das  sich  durch  seine 
Wahl  geltend  gemacht  hat.  —  Wir  glauben,  daß 
die  Kammer  den  Sieg  jenes  Prinzips  nicht  weiter 
verfolgen  wird;  denn  es  ist  im  Grunde  dasselbe 
Elektionsprinzip,  als  dessen  letzte  Konsequenz  die 
Republik  sich  darbietet.  Wohin  sie  führen,  diese 
gewonnenen  Kammerschlachten,  merken  die  dyna- 
stischen Oppositionshelden  jetzt  ebensogut  wie  jene 
Konservativen,  die  aus  persönlicher  Leidenschaft, 
bei  Gelegenheit  der  Dotationsfrage,  sich  die  lächer- 
lichsten Mißgriffe  zuschulden  kommen  ließen. 

Das  Verwerfen  der  Dotation,  und  gar  der  schwei- 
gende Hohn,  womit  man  sie  verwarf,  war  nicht  bloß 
eine  Beleidigung  des  Königtums,  sondern  auch  eine 
ungerechte  Torheit;  —  denn  indem  man  der  Krone 
alle  wirkliche  Macht   allmählich   abkämpfte,  mußte 


22  Lutezia 

man  sie  wenigstens  entschädigen  durch  äußern  Glanz, 
und  ihr  moralisches  Ansehen  in  den  Augen  des 
Volks  vielmehr  erhöhen  als  herabwürdigen.  Welche 
Inkonsequenz!  Ihr  wollt  einen  Monarchen  haben, 
und  knickert  bei  den  Kosten  für  Hermelin  und  Gold» 
prunk!  Ihr  schreckt  zurück  vor  der  Republik  und 
insultiert  Euren  König  öffentlich,  wie  Ihr  getan  bei 
der  Abstimmung  der  Dotationsfrage!  Und  sie  wollen 
wahrlich  keine  Republik,  diese  edlen  Geldritter,  diese 
Barone  der  Industrie,  diese  Auserwählten  des  Eigen» 
tums,  diese  Enthusiasten  des  ruhigen  Besitzes,  welche 
die  Majorität  in  der  französischen  Kammer  bilden. 
Sie  hegen  vor  der  Republik  ein  noch  weit  entsetz» 
licheres  Grauen  als  der  König  selbst,  sie  zittern 
davor  noch  weit  mehr  als  Ludwig  Philipp,  welcher 
sich  in  seiner  Jugend  schon  daran  gewöhnt  hat. 

Wird  sich  das  Ministerium  Thiers  lange  halten? 
Das  ist  jetzt  die  Frage.  Dieser  Mann  spielt  eine 
schauerliche  Rolle.  Er  verfügt  nicht  bloß  über  alle 
Streitkräfte  des  mächtigsten  Reiches,  sondern  auch 
über  alle  Heeresmacht  der  Revolution,  über  alles 
Feuer  und  allen  Wahnsinn  der  Zeit.  Reizt  ihn  nicht 
aus  seiner  weisen  Jovialität  hinaus  in  die  fatalistischen 
Irrgänge  der  Leidenschaft,  legt  ihm  nichts  in  den 
Weg,  weder  goldene  Apfel  noch  rohe  Klötze!  .  .  . 
Die  ganze  Partei  der  Krone  sollte  sich  Glück  wün» 
sehen,  daß  die  Kammer  eben  den  Thiers  gewählt, 
den  Staatsmann,  der  in  den  jüngsten  Debatten  seine 
ganze  politische  Größe  offenbart  hat.  Ja,  während 
die  andern  nur  Redner  sind,  oder  Administratoren, 
oder  Gelehrte,  oder  Diplomaten,  oder  Tugendhelden, 
so  ist  Thiers  alles  dieses  zusammen,  sogar  letzteres, 
nur  daß  sich  bei  ihm  diese  Fähigkeiten  nicht  als 
schroffe  Spezialitäten  hervorstellen,  sondern  von  sei» 


Erster  Teil 


23 


nem  staatsmännischen  Genie  überragt  und  absorbiert 
werden.  Thiers  ist  Staatsmann,-  er  ist  einer  von 
jenen  Geistern,  denen  das  Talent  des  Regierens  an* 
geboren  ist.  Die  Natur  schafft  Staatsmänner  wie 
sie  Dichter  schafft,  zwei  sehr  heterogene  Arten  von 
Geschöpfen,  die  aber  von  gleicher  Unentbehrlich* 
keit;  denn  die  Menschheit  muß  begeistert  werden 
und  regiert.  Die  Männer,  denen  die  Poesie  oder 
die  Staatskunst  angeboren  ist,  werden  auch  von  der 
Natur  getrieben,  ihr  Talent  geltend  zu  machen,  und 
wir  dürfen  diesen  Trieb  keineswegs  mit  jener  kleinen 
Eitelkeit  verwechseln,  welche  die  Minderbegabten 
anstachelt,  die  Welt  mit  ihren  elegischen  Reimereien 
oder  mit  ihren  prosaischen  Deklamationen  zu  lang- 
weilen. 

Ich  habe  angedeutet,  daß  Thiers  eben  durch  seine 
letzte  Rede  seine  staatsmännische  Größe  bekundete. 
Berryer  hat  vielleicht  mit  seinen  sonoren  Phrasen  auf 
die  Ohren  der  großen  Menge  eine  pomphaftere  Wir- 
kung ausgeübt;  aber  dieser  Orator  verhält  sich  zu 
jenem  Staatsmann  wie  Cicero  zu  Demosthenes.  Wenn 
Cicero  auf  dem  Forum  plädierte,  dann  sagten  die 
Zuhörer,  daß  niemand  schöner  zu  reden  verstehe  als 
der  Marcus  Tullius;  sprach  aber  Demosthenes,  so 
riefen  die  Athener:  »Krieg  gegen  Philipp!«  Statt 
aller  Lobsprüche,  nachdem  Thiers  geredet  hatte,  öff- 
neten die  Deputierten  ihren  Säckel  und  gaben  ihm 
das  verlangte  Geld. 

Kulminierend  in  jener  Rede  des  Thiers  war  das 
Wort  »Transaktion«  —  ein  Wort,  das  unsere  Tages- 
politiker sehr  wenig  begriffen,  das  aber  nach  meiner 
Ansicht  die  tiefsinnigste  Bedeutung  enthält.  War 
denn  von  jeher  die  Aufgabe  der  großen  Staatmänner 
etwas  anderes  als  eine  Transaktion,  eine  Vermitt- 


2±  Lutezia 

lung  zwischen  Prinzipien  und  Parteien?  Wenn  man 
regieren  soll,  und  sich  zwischen  zwei  Fraktionen, 
die  sich  befehden,  befindet,  so  muß  man  eine  Trans- 
aktion versuchen.  Wie  könnte  die  Welt  fortschreiten, 
wie  könnte  sie  nur  ruhig  stehen  bleiben,  wenn  nicht 
nach  wilden  Umwälzungen  die  gebietenden  Männer 
kämen,  die  unter  den  ermüdeten  und  leidenden  Kamp* 
fern  den  Gottesfrieden  wiederherstellten,  im  Reiche 
des  Gedankens  wie  im  Reiche  der  Erscheinung?  Ja, 
auch  im  Reiche  des  Gedankens  sind  Transaktionen 
notwendig.  Was  war  es  anders  als  Transaktion 
zwischen  der  römisch-katholischen  Überlieferung  und 
der  menschlich-göttlichen  Vernunft,  was  vor  drei 
Jahrhunderten  in  Deutschland  als  Reformation  und 
protestantische  Kirche  ins  Leben  trat?  Was  war  es 
anders  als  Transaktion,  was  Napoleon  in  Frankreich 
versuchte,  als  er  die  Menschen  und  die  Interessen 
des  alten  Regimes  mit  den  neuen  Menschen  und 
neuen  Interessen  der  Revolution  zu  versöhnen  suchte? 
Er  gab  dieser  Transaktion  den  Namen  »Fusion«  — 
ebenfalls  ein  sehr  bedeutungsvolles  Wort,  welches  ein 
ganzes  System  offenbart.  —  Zwei  Jahrtausende  vor 
Napoleon  hatte  ein  anderer  großer  Staatsmann,  Alex- 
ander von  Mazedonien,  ein  ähnliches  Fusionssystem 
ersonnen,  als  er  den  Okzident  mit  dem  Orient  ver- 
mitteln wollte,  durch  Wechselheiraten  zwischen  Sie- 
gern und  Besiegten,  Sittentausch,  Gedankenverschmel- 
zung. >—  Nein,  zu  solcher  Höhe  des  Fusionssystems 
konnte  sich  Napoleon  nicht  erheben,  nur  die  Per- 
sonen und  die  Interessen  wußte  er  zu  vermitteln, 
nicht  die  Ideen,  und  das  war  sein  großer  Fehler  und 
auch  der  Grund  seines  Sturzes.  Wird  Herr  Thiers 
denselben  Mißgriff  begehen?  Wir  fürchten  es  fast. 
Herr  Thiers  kann  sprechen  vom  Morgen  bis  Mitter- 


Erster  Teil 


25 


nacht,  unermüdet,  immer  neue  glänzende  Gedanken, 
immer  neue  Geistesblitze  hervorsprühend,  den  Zu^ 
hörer  ergötzend,  belehrend,  blendend,  man  möchte 
sagen,  ein  gesprochenes  Feuerwerk.  Und  dennoch 
begreift  er  mehr  die  materiellen  als  die  idealen  Be~ 
dürfnisse  der  Menschheit,-  er  kennt  den  letzten  Ring 
nicht,  womit  die  irdischen  Erscheinungen  an  den 
Himmel  gekettet  sind:  er  hat  keinen  Sinn  für  große 
soziale  Institutionen. 


IV. 

Paris,  den  30.  April  1840. 
»Erzähle  mir,  was  du  heute  gesäet  hast,  und  ich 
will  dir  voraussagen,  was  du  morgen  ernten  wirst!« 
An  dieses  Sprichwort  des  kernichten  Sancho  dachte 
ich  dieser  Tage,  als  ich  im  Faubourg  Saint-Marceau 
einige  Ateliers  besuchte  und  dort  entdeckte,  welche 
Lektüre  unter  den  Ouvriers,  dem  kräftigsten  Teile 
der  untern  Klasse,  verbreitet  wird.  Dort  fand  ich 
nämlich  mehre  neue  Ausgaben  von  den  Reden  des 
alten  Robespierre,  auch  von  Marats  Pamphleten,  in 
Lieferungen  zu  zwei  Sous,  die  Revolutionsgeschichte 
des  Cabet,  Cormenins  giftige  Libelle,  Baboeufs  Lehre 
und  Verschwörung  von  Buonarotti,  Schriften,  die  wie 
nach  Blut  rochen;  *-  und  Lieder  hörte  ich  singen,  die 
in  der  Hölle  gedichtet  zu  sein  schienen,  und  deren 
Refrains  von  der  wildesten  Aufregung  zeugten.  Nein, 
von  den  dämonischen  Tönen,  die  in  jenen  Liedern 
walten,  kann  man  sich  in  unsrer  zarten  Sphäre  gar 
keinen  Begriff  machen;  man  muß  dergleichen  mit 
eigenen  Ohren  angehört  haben,  z.  B.  in  jenen  Unge- 
heuern Werkstätten,  wo  Metalle  verarbeitet  werden, 


26  Lutezia 

und  die  halbnackten  trotzigen  Gestalten  während  des 
Singens  mit  dem  großen  eisernen  Hammer  den  Takt 
schlagen  auf  dem  dröhnenden  Amboß.  Solches  Ak- 
kompagnement  ist  vom  größten  Effekt,  sowie  auch 
die  Beleuchtung,  wenn  die  zornigen  Funken  aus  der 
Esse  hervorsprühen.  Nichts  als  Leidenschaft  und 
Flamme! 

Eine  Frucht  dieser  Saat,  droht  aus  Frankreichs 
Boden  früh  oder  spät  die  Republik  hervorzubrechen. 
Wir  müssen,  in  der  Tat,  solcher  Befürchtung  Raum 
geben;  aber  wir  sind  zugleich  überzeugt,  daß  jenes 
republikanische  Regiment  nimmermehr  von  langer 
Dauer  sein  kann  in  der  Heimat  der  Koketterie  und 
der  Eitelkeit.  Und  gesetzt  auch,  der  Nationalcha- 
rakter der  Franzosen  wäre  mit  dem  Republikanismus 
ganz  vereinbar,  so  könnte  doch  die  Republik,  wie 
unsere  Radikalen  sie  träumen,  sich  nicht  lange  halten. 
In  dem  Lebensprinzip  einer  solchen  Republik  liegt 
schon  der  Keim  ihres  frühen  Todes;  in  ihrer  Blüte 
muß  sie  sterben.  Gleichviel  von  welcher  Verfassung 
ein  Staat  sei,  er  erhält  sich  nicht  bloß  und  allein 
durch  den  Gemeinsinn  und  den  Patriotismus  der 
Volksmasse,  wie  man  gewöhnlich  glaubt,  sondern  er 
erhält  sich  durch  die  Geistesmacht  der  großen  In» 
dividualitäten,  die  ihn  lenken.  Nun  aber  wissen  wir, 
daß  in  einer  Republik  der  angedeuteten  Art  ein  eifer- 
süchtiger Gleichheitssinn  herrscht,  der  alle  ausgezeich- 
neten  Individualitäten  immer  zurückstößt,  ja  unmög- 
lieh  macht,  und  daß  also  in  Zeiten  der  Not  nur 
Gevatter  Gerber  und  Wursthändler  sich  an  die  Spitze 
des  Gemeinwesens  stellen  werden.  Durch  dieses 
Grundübel  ihrer  Natur  müssen  jene  Republiken  not- 
wendigerweise zugrunde  gehen,  sobald  sie  mit  ener- 
gischen und  von  großen  Individualitäten  vertretenen 


Erster  Teil  27 

Oligarchien  und  Autokratien  in  einen  entscheidenden 
Kampf  geraten.  Daß  dieses  aber  stattfinden  muß, 
sobald  in  Frankreich  die  Republik  proklamiert  würde, 
unterliegt  keinem  Zweifel. 

Während  die  Friedenszeit,  die  wir  jetzt  genießen, 
sehr  günstig  ist  für  die  Verbreitung  der  republika- 
nischen  Lehren,  löst  sie  unter  den  Republikanern 
selbst  alle  Bande  der  Einigkeit;  der  argwöhnische 
Geist  dieser  Leute  muß  durch  die  Tat  beschäftigt 
werden,  sonst  gerät  er  in  spitzfindige  Diskussionen 
und  Zwistreden,  die  in  bittere  Feindschaften  aus* 
arten.  Sie  haben  wenig  Liebe  für  ihre  Freunde  und 
sehr  viel  Haß  für  diejenigen,  die  durch  Gewalt  des 
fortschreitenden  Nachdenkens  sich  einer  entgegen- 
gesetzten Ansicht  zuneigen.  Mit  einer  Beschuldigung 
des  Ehrgeizes,  wo  nicht  gar  der  Bestechlichkeit  sind 
sie  alsdann  sehr  freigebig.  In  ihrer  Beschränktheit 
pflegen  sie  nie  zu  begreifen,  daß  ihre  früheren  Bundes- 
genossen manchmal  durch  Meinungsverschiedenheit 
gezwungen  werden,  sich  von  ihnen  zu  entfernen.  Un- 
fähig, die  rationellen  Gründe  solcher  Entfernung  zu 
ahnen,  schreien  sie  gleich  über  pekuniäre  Motive. 
Dieses  Geschrei  ist  charakteristisch.  Die  Republi- 
kaner haben  sich  nun  einmal  mit  dem  Gelde  aufs 
feindlichste  überworfen,  alles  was  ihnen  Schlimmes 
begegnet,  wird  dem  Einfluß  des  Geldes  zugeschrieben; 
und  in  der  Tat,  das  Geld  dient  ihren  Gegnern  als' 
Barrikade,  als  Schutz  und  Wehr,  ja  das  Geld  ist 
vielleicht  ihr  eigentlicher  Gegner,  der  heutige  Pitt, 
der  heutige  Koburg,  und  sie  schimpfen  darauf  in 
altsansculottischer  Weise.  Im  Grunde  leitet  sie  ein 
richtiger  Instinkt.  Von  jener  neuen  Doktrin,  die  alle 
sozialen  Fragen  von  einem  höheren  Gesichtspunkt  be- 
trachtet, und  von  dem  banalen  Republikanismus  sich 


J 


28  Lutezia 

ebenso  glänzend  unterscheidet,  wie  ein  kaiserliches 
Purpurgewand  von  einem  grauen  Gleichheitskittel,  da- 
von haben  unsere  Republikaner  wenig  zu  furchten; 
denn  wie  sie  selber  ist  auch  die  große  Menge  noch 
entfernt  von  jener  Doktrin.  Die  große  Menge,  der 
hohe  und  niedere  Plebs,  der  edle  Bürgerstand,  der 
bürgerliche  Adel,  sämtliche  Honoratioren  der  lieben 
Mittelmäßigkeit,  begreifen  ganz  gut  den  Republikanis* 
mus  —  eine  Lehre,  wozu  nicht  viel  Vorkenntnisse 
gehören,  die  zugleich  allen  ihren  Kleingefuhlen  und 
Verflachungsgedanken  zusagt,  und  die  sie  auch  öffent- 
lieh  bekennen  würden,  gerieten  sie  nicht  dadurch  in 
einen  Konflikt  —  mit  dem  Gelde.  Jeder  Taler  ist  ein 
tapferer  Bekämpfer  des  Republikanismus,  und  jeder 
Dukaten  ein  Achilles.  Ein  Republikaner  haßt  daher 
das  Geld  mit  großem  Recht,  und  wird  er  dieses  Feindes 
habhaft,  ach!  so  ist  der  Sieg  noch  schlimmer  als  eine 
Niederlage:  der  Republikaner,  der  sich  des  Geldes 
bemächtigte,  hat  aufgehört,  ein  Republikaner  zu  sein ! 
Wie  die  Sympathie,  die  der  Republikanismus  er- 
regt, dennoch  durch  die  Geldinteressen  beständig 
niedergehalten  wird,  bemerkte  ich  dieser  Tage  im 
Gespräche  mit  einem  sehr  aufgeklärten  Bankier,  der 
im  größten  Eifer  zu  mir  sagte:  »Wer  bestreitet  denn 
die  Vorzüge  der  republikanischen  Verfassung?  Ich 
selber  bin  manchmal  ganz  Republikaner.  Sehen  Sie, 
stecke  ich  die  Hand  in  die  rechte  Hosentasche,  wo- 
rin mein  Geld  ist,  so  macht  die  Berührung  mit  dem 
kalten  Metall  mich  zittern,  ich  fürchte  für  mein  Eigen- 
tum, und  ich  fühle  mich  monarchisch  gesinnt;  stecke 
ich  hingegen  die  Hand  in  die  linke  Hosentasche, 
welche  leer  ist,  dann  schwindet  gleich  alle  Furcht,  und 
ich  pfeife  lustig  die  Marseillaise  und  ich  stimme  für 
die  Republik  !c  ~ 


Erster  Teil  29 

Wie  die  Republikaner  sind  auch  die  Legitimisten 
beschäftigt,  die  jetzige  Friedenszeit  zur  Aussaat  zu 
benutzen,  und  besonders  in  den  stillen  Boden  der 
Provinz  streuen  sie  den  Samen,  woraus  ihr  Heil  er^ 
blühen  soll.  Das  meiste  erwarten  sie  von  der  Pro- 
paganda, die,  durch  Erziehungsanstalten  und  Be^ 
arbeitung  des  Landvolks,  die  Autorität  der  Kirche 
wiederherzustellen  trachtet.  Mit  dem  Glauben  der 
Väter  sollen  auch  die  Rechte  der  Väter  wieder  zu 
Ansehen  kommen.  Man  sieht  daher  Frauen  von 
der  adeligsten  Geburt,  die,  gleichsam  als  Ladies  pa= 
tronesses  der  Religion,  ihre  devoten  Gesinnungen 
zur  Schau  tragen,  überall  Seelen  für  den  Himmel 
anwerben,  und  durch  ihr  elegantes  Beispiel  die  ganze 
vornehme  Welt  in  die  Kirchen  locken.  Auch  waren 
die  Kirchen  nie  voller  als  letzte  Ostern.  Beson- 
ders nach  Saint-Roch  und  Notre-Dame-de-Lorette 
drängte  sich  die  geputzte  Andacht;  hier  glänzten  die 
schwärmerisch  schönsten  Toiletten,  hier  reichte  der 
fromme  Dandy  das  Weihwasser  mit  weißen  Glace- 
handschuhen, hier  beteten  die  Grazien.  Wird  dies 
lange  währen?  Wird  diese  Religiosität,  wenn  sie 
die  Vogue  der  Mode  gewinnt,  nicht  auch  dem 
schnellen  Wechsel  der  Mode  unterworfen  sein?  Ist 
diese  Röte  ein  Zeichen  der  Gesundheit?  . . .  »Der 
liebe  Gott  hat  heute  viel  Besuche«,  sagte  ich  vori- 
gen Sonntag  zu  einem  Freunde,  als  ich  den  Zudrang 
nach  den  Kirchen  bemerkte.  »Es  sind  Abschieds- 
visiten«  —  erwiderte  der  Ungläubige. 

Die  Drachenzähne,  welche  von  Republikanern  und 
Legitimisten  gesäet  werden,  kennen  wir  jetzt,  und  es 
wird  uns  nicht  überraschen,  wenn  sie  einst  als  ge- 
harnischte Kämpen  aus  dem  Boden  hervorstürmen 
und  sich  untereinander  würgen,   oder  auch  mit  ein- 


3<> 


Lutezia 


ander  fraternisieren.  Ja,  letzteres  ist  möglich,  gibt  es 
doch  hier  einen  entsetzlichen  Priester,  der,  durch 
seine  blutdürstigen  Glaubensworte,  die  Männer  des 
Scheiterhaufens  mit  den  Männern  der  Guillotine 
zu  verbinden  hofft. 

Unterdessen  sind  alle  Augen  auf  das  Schauspiel 
gerichtet,  das  auf  Frankreichs  Oberfläche,  durch 
mehr  oder  minder  oberflächliche  Akteure,  tragiert 
wird.  Ich  spreche  von  der  Kammer  und  dem  Mi- 
nisterium. Die  Stimmung  der  ersteren,  sowie  die 
Erhaltung  des  letzteren,  ist  gewiß  von  der  größten 
Wichtigkeit,  denn  der  Hader  in  der  Kammer  könnte 
eine  Katastrophe  beschleunigen,  die  bald  näher,  bald 
ferner  zu  treten  scheint.  Einem  solchen  Ausbruch 
so  lange  als  möglich  vorzubeugen,  ist  die  Aufgabe 
unserer  jetzigen  Staatslenker.  Daß  sie  nichts  anders 
wollen,  nichts  anders  hoffen,  daß  sie  die  endliche 
»Götterdämmerung«  voraussehen,  verrät  sich  in  allen 
ihren  Handlungen,  in  allen  ihren  Worten.  Mit  fast 
naiver  Ehrlichkeit  gestand  Thiers  in  einer  seiner 
letzten  Reden,  wie  wenig  er  der  nächsten  Zukunft 
traue  und  wie  man  von  Tag  zu  Tag  sich  hin* 
fristen  müsse;  er  hat  ein  feines  Ohr,  und  hört 
schon  das  Geheul  des  Wolfes  Fenris,  der  das  Reich 
der  Heia  verkündigt.  Wird  ihn  die  Verzweiflung 
über  das  Unabwendbare  nicht  mal  plötzlich  zu  einer 
allzu  heftigen  Handlung  hinreißen? 


V. 

Paris,  den  30.  April  1840. 

Gestern  abend,   nach  langem  Erwarten  von  Tag 

zu  Tag,  nach  einem  fast  zweimonatlichen  Hinzögern, 


Erster  Teil 


3' 


wodurch  die  Neugier,  aber  auch  die  Geduld  des 
Publikums  überreizt  wurde  —  endlich  gestern  abend 
ward  »Cosima«,  das  Drama  von  George  Sand,  im 
Theätre  francais  aufgeführt.  Man  hat  keinen  Begriff 
davon,  wie  seit  einigen  Wochen  alle  Notabilitäten 
der  Hauptstadt,  alles  was  hier  hervorragt  durch 
Rang,  Geburt,  Talent,  Laster,  Reichtum,  kurz  durch 
Auszeichnung  jeder  Art,  sich  Mühe  gab,  dieser 
Vorstellung  beiwohnen  zu  können.  Der  Ruhm  des 
Autors  ist  so  groß,  daß  die  Schaulust  aufs  höchste 
gespannt  war;  aber  nicht  bloß  die  Schaulust,  son- 
dern noch  ganz  andere  Interessen  und  Leidenschaften 
kamen  ins  Spiel.  Man  kannte  im  voraus  die  Ka« 
balen,  die  Intrigen,  die  Böswilligkeiten,  die  sich  gegen 
das  Stück  verschworen  und  mit  dem  niedrigsten 
Metierneid  gemeinschaftliche  Sache  machten.  Der 
kühne  Autor,  der  durch  seine  Romane  bei  der  Ari» 
stokratie  und  bei  dem  Bürgerstand  gleich  großes 
Mißfallen  erregte,  sollte  für  seine  »irreligiösen  und 
immoralischen  Grundsätze«  bei  Gelegenheit  eines 
dramatischen  Debüts  öffentlich  büßen;  denn,  wie  ich 
Ihnen  dieser  Tage  schrieb,  die  französische  Noblesse 
betrachtet  die  Religion  als  eine  Abwehr  gegen  die 
herandrohenden  Schrecknisse  des  Republikanismus 
und  protegiert  sie,  um  ihr  Ansehen  zu  befördern  und 
ihre  Köpfe  zu  schützen,  während  die  Bourgeoisie 
durch  die  antimatrimonialen  Doktrinen  eines  George 
Sand  ebenfalls  ihre  Köpfe  bedroht  sieht,  nämlich 
bedroht  durch  einen  gewissen  Hornschmuck,  den  ein 
verheirateter  Bürgergardist  ebenso  gern  entbehrt,  wie 
er  gern  mit  dem  Kreuze  der  Ehrenlegion  geziert  zu 
werden  wünscht. 

Der  Autor  hatte  sehr  gut  seine  mißliche  Stellung 
begriffen,  und  in  seinem  Stück  alles  vermieden,  was 


32 


Lutezta 


die  adeligen  Ritter  der  Religion  und  die  bürgerlichen 
Schildknappen  der  Moral,  die  Legitimisten  der  Po- 
litik und  der  Ehe,  in  Harnisch  bringen  konnte;  und 
der  Vorfechter  der  sozialen  Revolution,  der  in  seinen 
Schriften  das  Wildeste  wagte,  hatte  sich  auf  der 
Bühne  die  zahmsten  Schranken  gesetzt,  und  sein 
nächster  Zweck  war,  nicht  auf  dem  Theater  seine 
Prinzipien  zu  proklamieren,  sondern  vom  Theater 
Besitz   zu  nehmen.     Daß    ihm   dies  gelingen   könne, 

v  erregte  aber  eine  große  Furcht  unter  gewissen  klei- 
nen Leuten,  denen  die  angedeuteten  religiösen,  po- 
litischen und  moralischen  Differenzen  ganz  fremd 
sind,  und  die  nur  den  gemeinsten  Handwerksinter- 
essen huldigen.  Das  sind  die  sogenannten  Bühnen- 
dichter, die  in  Frankreich  ebenso  wie  bei  uns  in 
Deutschland  eine  ganz  abgesonderte  Klasse  bilden, 
und  wie  mit  der  eigentlichen  Literatur  selbst,  so  auch 
mit  den  auzgezeichneten  Schriftstellern,  deren  die 
Nation  sich  rühmt,  nichts  gemein  haben.  Letztere, 
mit  wenigen  Ausnahmen,  stehen  dem  Theater  ganz 
fern,   nur  daß  bei   uns  die  großen  Schriftsteller  mit 

"  vornehmer  Geringschätzung  sich  eigenwillig  von  der 
Bretterwelt  abwenden,  während  sie  in  Frankreich 
sich  herzlich  gern  darauf  produzieren  möchten,  aber 
durch  die  Machinationen  der  erwähnten  Bühnen- 
dichter von  diesem  Terrain  zurückgetrieben  werden. 
Und  im  Grunde  kann  man  es  den  kleinen  Leuten 
nicht  verdenken,  daß  sie  sich  gegen  die  Invasion  der 
Großen  so  viel  als  möglich  wehren.  »Was  wollt  ihr 
bei  uns,«  rufen  sie,  »bleibt  in  eurer  Literatur  und 
drängt  euch  nicht  zu  unsern  Suppentöpfen!  Für  euch 
der  Ruhm,  für  uns  das  Geld!  Für  euch  die  langen 
Artikel  der  Bewunderung,  die  Anerkenntnis  der 
Geister,   die  höhere  Kritik,   die   uns   arme  Schelme 


Erster  Teil 


n 


ganz  ignoriert!  Für  euch  der  Lorbeer,  für  uns  der 
Braten!  Für  euch  der  Rausch  der  Poesie,  für  uns 
der  Schaum  des  Champagners,  den  wir  vergnüglich 
schlürfen  in  Gesellschaft  des  Chefs  der  Claqueure 
und  der  anständigsten  Damen.  Wir  essen,  trinken, 
werden  applaudiert,  ausgepfiffen  und  vergessen,  wäh- 
rend  ihr  in  den  Revuen  »beider  Welten«  gefeiert 
werdet  und  der  erhabensten  Unsterblichkeit  entgegen- 
hungert!« 

In  der  Tat,  das  Theater  gewährt  jenen  Bühnen* 
dichtem  den  glänzendsten  Wohlstand;  die  meisten 
von  ihnen  werden  reich,  leben  in  Hülle  und  Fülle, 
statt  daß  die  größten  Schriftsteller  Frankreichs,  rui- 
niert durch  den  belgischen  Nachdruck  und  den 
bankerotten  Zustand  des  Buchhandels,  in  trostloser 
Armut  dahindarben.  Was  ist  natürlicher,  als  daß 
sie  manchmal  nach  den  goldenen  Früchten  schmach- 
ten, die  hinter  den  Lampen  der  Bretterwelt  reifen, 
und  die  Hand  darnach  ausstrecken,  wie  jüngst  Balzac 
tat,  dem  solches  Gelüst  so  schlecht  bekam !  Herrscht 
schon  in  Deutschland  ein  geheimes  Schutz-  und 
Trutzbündnis  zwischen  den  Mittelmäßigkeiten,  die 
das  Theater  ausbeuten,  so  ist  das  in  weit  schnöderer 
Weise  der  Fall  zu  Paris,  wo  all  diese  Misere  zen- 
tralisiert ist.  Und  dabei  sind  hier  die  kleinen  Leute 
so  aktiv,  so  geschickt,  so  unermüdlich  in  ihrem 
Kampf  gegen  die  Großen  und  ganz  besonders  in 
ihrem  Kampf  gegen  das  Genie,  das  immer  isoliert 
steht,  auch  etwas  ungeschickt  ist  und,  im  Vertrauen 
gesagt,  auch  gar  zu  träumerisch  träge  ist. 

Welche  Aufnahme  fand  nun  das  Drama  von 
George  Sand,  des  größten  Schriftstellers,  den  das 
neue  Frankreich  hervorgebracht,  des  unheimlich  ein- 
samen Genius,  der  auch  bei  uns  in  Deutschland 
ix,  3 


34 


Lutezia 


gewürdigt  worden?  War  die  Aufnahme  eine  ent- 
schieden  schlechte  oder  eine  zweifelhaft  gute?  Ehr* 
lieh  gestanden,  ich  kann  diese  Frage  nicht  beant- 
worten.  Die  Achtung  vor  dem  großen  Namen 
lähmte  vielleicht  manches  böse  Vorhaben.  Ich  er- 
wartete das  Schlimmste.  Alle  Antagonisten  des 
Autors  hatten  sich  ein  Rendezvous  gegeben  in  dem 
ungeheuren  Saale  des  Theätre  francais,  der  über 
zweitausend  Personen  faßt.  Etwa  einhundertvierzig 
Billette  hatte  die  Administration  zur  Verfügung  des 
Autors  gestellt,  um  sie  an  die  Freunde  zu  verteilen; 
ich  glaube  aber,  verzettelt  durch  weibliche  Laune, 
sind  davon  nur  wenige  in  die  rechten,  applaudieren- 
den Hände  geraten.  Von  einer  organisierten  CIaque 
war  gar  nicht  die  Rede ;  der  gewöhnliche  Chef  der- 
selben hatte  seine  Dienste  angeboten,  fand  aber  kein 
Gehör  bei  dem  stolzen  Verfasser  der  »Lelia«.  Die 
sogenannten  Römer,  die  in  der  Mitte  des  Parterres 
unter  dem  großen  Leuchter  so  tapfer  zu  applaudieren 
pflegen,  wenn  ein  Stück  von  Scribe  oder  Ancelot 
aufgeführt  wird,  waren  gestern  im  Theätre  francais 
nicht  sichtbar. 

Über  die  Darstellung  des  bestrittenen  Dramas 
kann  ich  leider  nur  das  Schlimmste  berichten.  Außer 
der  berühmten  Dorval,  die  gestern  nicht  schlechter, 
aber  auch  nicht  besser  als  gewöhnlich  spielte,  tru- 
gen alle  Akteure  ihre  monotone  Mittelmäßigkeit  zur 
Schau.  Der  Hauptheld  des  Stücks,  ein  Monsieur 
Beauvallet,  spielte,  um  biblisch  zu  reden,  »wie  ein 
Schwein  mit  einem  goldenen  Nasenring«.  George 
Sand  scheint  vorausgesehn  zu  haben,  wie  wenig 
sein  Drama,  trotz  aller  Zugeständnisse,  die  er  den 
Kapricen  der  Schauspieler  machte,  von  den  mimi- 
schen Leistungen    derselben  zu  erwarten  hatte,   und 


Erster  Teil 


35 


im  Gespräch  mit  einem  deutschen  Freunde  sagte  er 
scherzhaft:  »Sehen  Sie,  die  Franzosen  sind  alle  ge- 
borne  Komödianten,  und  jeder  spielt  in  der  Welt 
mehr  oder  minder  brillant  seine  Rolle;  diejenigen 
aber  unter  meinen  Landsleuten,  die  am  wenigsten 
Talent  für  die  edle  Schauspielkunst  besitzen,  widmen 
sich  dem  Theater  und  werden  Akteure.« 

Ich  habe  selbst  früher  bemerkt,  daß  das  öffentliche 
Leben  in  Frankreich,  das  Repräsentativsystem  und 
das  politische  Treiben,  die  besten  schauspielerischen 
Talente  der  Franzosen  absorbiert,  und  deshalb  auf 
dem  eigentlichen  Theater  nur  die  Mediokritäten  zu 
finden  sind.  Dieses  gilt  aber  nur  von  den  Männern, 
nicht  von  den  Weibern;  die  französische  Bühne  ist 
reich  an  Schauspielerinnen  vom  höchsten  Wert,  und 
die  jetzige  Generation  überflügelt  vielleicht  die  frühere. 
Große,  außerordentliche  Talente  bewundern  wir,  die 
sich  hier  um  so  zahlreicher  entfalten  konnten,  da 
die  Frauen  durch  eine  ungerechte  Gesetzgebung, 
durch  die  Usurpation  der  Männer,  von  allen  politi- 
schen Ämtern  und  Würden  ausgeschlossen  sind  und 
ihre  Fähigkeiten  nicht  auf  den  Brettern  des  Palais 
Bourbon  und  des  Luxembourg  geltend  machen 
können.  Ihrem  Drang  nach  Öffentlichkeit  stehen  nur 
die  öffentlichen  Häuser  der  Kunst  und  der  Galan« 
terie  offen,  und  sie  werden  entweder  Aktricen  oder 
Loretten,  oder  auch  beides  zugleich,  denn  hier  in 
Frankreich  sind  diese  zwei  Gewerbe  nicht  so  streng 
geschieden,  wie  bei  uns  in  Deutschland,  wo  die 
Komödianten  oft  zu  den  reputierlichsten  Personen 
gehören  und  nicht  selten  sich  durch  bürgerlich  gute 
Aufführung  auszeichnen:  sie  sind  bei  uns  nicht  durch 
die  öffentliche  Meinung  wie  Parias  ausgestoßen  aus 
<ln    Gesellschaft,    und    sie    finden    vielmehr    in    den 


36  L  u  t  e  z  i  a 

Häusern  des  Adels,  in  den  Soireen  toleranter  jüdi- 
scher  Bankiers  und  sogar  in  einigen  honetten  bürger- 
lichen Familien  eine  zuvorkommende  Aufnahme. 
Hier  in  Frankreich  im  Gegenteil,  wo  so  viele  Vor- 
urteile ausgerottet  sind,  ist  das  Anathema  der  Kirche 
noch  immer  wirksam  in  bezug  auf  die  Schauspieler; 
sie  werden  noch  immer  als  Verworfene  betrachtet, 
und  da  die  Menschen  immer  schlecht  werden,  wenn 
man  sie  schlecht  behandelt,  so  bleiben  mit  wenigen 
Ausnahmen  die  Schauspieler  hier  im  verjährten  Zu- 
stande des  glänzend  schmutzigen  Zigeunertums. 
Thalia  und  die  Tugend  schlafen  hier  selten  in  dem- 
selben Bette,  und  sogar  unsere  berühmteste  Mel- 
pomene  steigt  manchmal  von  ihrem  Kothurn  her- 
unter, um  ihn  mit  den  liederlichen  Pantöffelchen 
einer  Philine  zu  vertauschen. 

Alle  schöne  Schauspielerinnen  haben  hier  ihren  be- 
stimmten Preis,  und  die,  welche  um  keinen  bestimmten 
Preis  zu  haben,  sind  gewiß  die  teuersten.  Die  meisten 
jungen  Schauspielerinnen  werden  von  Verschwendern 
oder  reichen  Parvenüs  unterhalten.  Die  eigentlichen 
unterhaltenen  Frauen,  die  sogenannten  femmes  entre- 
tenues,  empfinden  dagegen  die  gewaltigste  Sucht, 
sich  auf  dem  Theater  zu  zeigen,  eine  Sucht,  worin 
Eitelkeit  und  Kalkül  sich  vereinigen,  da  sie  dort  am 
besten  ihre  Körperlichkeit  zur  Schau  stellen,  sich 
den  vornehmen  Lüstlingen  bemerkbar  machen  und 
zugleich  auch  vom  größern  Publikum  bewundern 
lassen  können.  Diese  Personen,  die  man  besonders 
auf  den  kleinen  Theatern  spielen  sieht,  erhalten  ge- 
wöhnlich gar  keine  Gage,  im  Gegenteil,  sie  bezahlen 
noch  monatlich  den  Direktoren  eine  bestimmte  Summe 
für  die  Vergünstigung,  daß  sie  auf  ihrer  Bühne  sich 
produzieren   können.     Man  weiß  daher  selten   hier, 


Erster  Teil  yt 

wo  die  Aktrice  und  die  Kurtisane  ihre  Rolle  wech- 
seln, wo  die  Komödie  aufhört  und  die  liebe  Natur 
wieder  anfängt,  wo  der  fünffüßige  Jambus  in  die 
vierfüßige  Unzucht  übergeht.  Diese  Amphibien  von 
Kunst  und  Laster,  diese  Melusinen  des  Seinestrandes, 
bilden  gewiß  den  gefährlichsten  Teil  des  galanten 
Paris,  worin  so  viele  holdselige  Monstra  ihr  Wesen 
treiben.  Wehe  dem  Unerfahrenen,  der  in  ihre  Netze 
gerät!  Wehe  auch  dem  Erfahrenen,  der  wohl  weiß, 
daß  das  holde  Ungetüm  in  einen  häßlichen  Fisch- 
schwanz endet,  und  dennoch  der  Bezauberung  nicht 
zu  widerstehen  vermag,  und  vielleicht  eben  durch 
die  Wollust  des  innern  Grauens,  durch  den  fatalen 
Reiz  des  lieblichen  Verderbens,  des  süßen  Abgrunds, 
desto  sicherer  überwältigt  wird. 

Die  Weiber,  von  welchen  hier  die  Rede,  sind 
nicht  böse  oder  falsch,  sie  sind  sogar  gewöhnlich 
von  außerordentlicher  Herzensgüte,  sie  sind  nicht 
so  betrüglich  und  so  habsüchtig  wie  man  glaubt, 
sie  sind  mitunter  vielmehr  die  treuherzigsten  und 
großmütigsten  Kreaturen;  alle  ihre  unreinen  Hand- 
lungen entstehen  durch  das  momentane  Bedürfnis, 
die  Not  und  die  Eitelkeit;  sie  sind  überhaupt  nicht 
schlechter  als  andere  Töchter  Evas,  die  von  Kind- 
heit auf  durch  Wohlhabenheit  und  überwachende 
Sippschaft  oder  durch  die  Gunst  des  Schicksals  vor 
dem  Fallen  und  dem  noch  tiefer  Fallen  geschützt 
werden.  —  Das  Charakteristische  bei  ihnen  ist  eine 
gewisse  Zerstörungssucht,  von  welcher  sie  besessen 
sind,  nicht  bloß  zum  Schaden  eines  Galans,  sondern 
auch  zum  Schaden  desjenigen  Mannes,  den  sie  wirk- 
lich lieben,  und  zumeist  zum  Schaden  ihrer  eigenen 
Person.  Diese  Zerstörungssucht  ist  tief  verwebt  mit 
einer  Sucht,  einer  Wut,  einem  Wahnsinn  nach  Ge- 


*g  Lutezia 

nuß,  dem  augenblicklichsten  Genuß,  der  keinen  Tag 
Frist  gestattet,  an  keinen  Morgen  denkt,  und  aller 
Bedenklichkeiten  überhaupt  spottet.  Sie  erpressen 
dem  Geliebten  seinen  letzten  Sou,  bringen  ihn  da- 
hin, auch  seine  Zukunft  zu  verpfänden,  um  nur  der 
Freude  der  Stunde  zu  genügen;  sie  treiben  ihn  da- 
hin, selbst  jene  Ressourcen  zu  vergeuden,  die  ihnen 
selber  zugute  kommen  dürften,  sie  sind  manchmal 
sogar  schuld,  daß  er  seine  Ehre  eskomptiert  —  kurz 
sie  ruinieren  den  Geliebten  in  der  grauenhaftesten 
Eile  und  mit  einer  schauerlichen  Gründlichkeit. 
Montesquieu  hat  irgendwo  in  seinem  »Esprit  des  lois« 
das  Wesen  des  Despotismus  dadurch  zu  charakteri- 
sieren gesucht,  daß  er  die  Despoten  mit  jenen  Wilden 
verglich,  die,  wenn  sie  die  Früchte  eines  Baumes 
genießen  wollen,  sogleich  zur  Axt  greifen  und  den 
Baum  selbst  niederfällen,  und  sich  dann  gemächlich 
neben  dem  Stamm  niedersetzen  und  in  genäschiger 
Hast  die  Früchte  aufspeisen.  Ich  möchte  diese  Ver- 
gleichung  auf  die  erwähnten  Damen  anwenden. 
Nach  Shakspeare,  der  uns  in  der  Kleopatra,  die 
ich  einst  eine  »reine  entretenue«  genannt  habe,  ein 
tiefsinniges  Beispiel  solcher  Frauengestalten  auf- 
gezeichnet hat,  ist  gewiß  unser  Freund  Honore  de 
Balzac  derjenige,  der  sie  mit  der  größten  Treue  ge- 
schildert. Er  beschreibt  sie,  wie  ein  Naturforscher 
irgendeine  Tierart  oder  ein  Pathologe  eine  Krankheit 
beschreibt,  ohne  moralisierenden  Zweck,  ohne  Vor- 
liebe noch  Abscheu.  Es  ist  ihm  gewiß  nie  ein- 
gefallen, solche  Phänomena  zu  verschönern  oder  gar 
zu  rehabilitieren,  was  die  Kunst  ebensosehr  verböte 
als  die  Sittlichkeit. 


Erster  Teil  7g 

Spätere  Notiz. 

Berichterstattungen  über  die  erste  Vorstellung 
eines  Dramas,  wo  schon  der  gefeierte  Name  des 
Autors  die  Neugier  reizt,  müssen  mit  großer  Eil- 
fertigkeit abgefaßt  und  abgeschickt  werden,  damit 
nicht  böswillige  Mißurteile  oder  verunglimpfender 
Klatsch  einen  bedenklichen  Vorsprung  gewinnen. 
In  den  vorstehenden  Blättern  fehlt  daher  jede  nähere 
Besprechung  des  Dichters  oder  vielmehr  der  Dich- 
terin, die  hier  ihren  ersten  Bühnenversuch  wagte; 
ein  Versuch,  der  gänzlich  mißglückte,  so  daß  die 
Stirn,  die  an  Lorbeerkränze  gewöhnt,  diesmal  mit 
sehr  fatalen  Dornen  gekrönt  worden.  Für  die  an- 
gedeutete Entbehrnis  in  obigem  Berichte  bieten  wir 
heute  einen  notdürftigen  Ersatz,  indem  wir  aus 
einer  vor  etlichen  Jahren  geschriebenen  Monographie 
etwelche  Bemerkungffi  über  die  Person  oder  viel- 
mehr die  persönliche  Erscheinung  George  Sands 
hier  mitteilen.     Sie  lauten  wie  folgt: 

»Wie  männiglich  bekannt,  ist  George  Sand  ein 
Pseudonym,  der  nom  de  guerre  einer  schönen  Ama- 
zone. Bei  der  Wahl  dieses  Namens  leitete  sie 
keineswegs  die  Erinnerung  an  den  unglückseligen 
Sand,  den  Meuchelmörder  Kotzebues,  des  einzigen 
Lustspieldichters  der  Deutschen.  Unsere  Heldin 
wählte  jenen  Namen,  weil  er  die  erste  Silbe  von 
Sandeau;  so  hieß  nämlich  ihr  Liebhaber,  der  dfl 
achtungswerter  Schriftsteller,  aber  dennoch  mit  seinem 
ganzen  Namen  nicht  so  berühmt  werden  konnte, 
wie  seine  Geliebte  mit  der  Hälfte  desselben,  die  sie 
lachend  mitnahm,  als  sie  ihn  verließ.  Der  wirkliche 
Name  von  George  Sand  ist  Aurora  Dudevant,  wie 
ihr   legitimer  Gatte  geheißen,  der  kein  Mythos   ist, 


aq  Lutezia 

wie  man  glauben  sollte,  sondern  ein  leiblicher  Edel- 
mann aus  der  Provinz  Berry,  und  den  ich  selbst 
einmal  das  Vergnügen  hatte,  mit  eigenen  Augen  zu 
sehen.  Ich  sah  ihn  sogar  bei  seiner,  damals  schon 
de  facto  geschiedenen  Gattin,  in  ihrer  kleinen  Woh- 
nung  auf  dem  Quai  Voltaire,  und  daß  ich  ihn  eben 
dort  sah,  war  an  und  für  sich  eine  Merkwürdigkeit, 
ob  welcher,  wie  Chamisso  sagen  würde,  ich  selbst 
mich  für  Geld  sehen  lassen  könnte.  Er  trug  ein 
nichtssagendes  Philistergesicht  und  schien  weder 
böse  noch  roh  zu  sein,  doch  begriff  ich  sehr  leicht, 
daß  diese  feuchtkühle  Tagtäglichkeit,  dieser  porzellan- 
hafte Blick,  diese  monotonen,  chinesischen  Pagoden- 
bewegungen für  ein  banales  Weibzimmer  sehr  amü- 
sant sein  konnten,  jedoch  einem  tieferen  Frauen- 
gemüte  auf  die  Lange  sehr  unheimlich  werden  und 
dasselbe  endlich  mit  Schauder  und  Entsetzen,  bis 
zum  Davonlaufen,  erfüllen  mußten. 

Der  Familienname  der  Sand  ist  Dupin.  Sie  ist 
die  Tochter  eines  Mannes  von  geringem  Stande, 
dessen  Mutter  die  berühmte,  aber  jetzt  vergessene 
Tänzerin  Dupin  gewesen.  Diese  Dupin  soll  eine 
natürliche  Tochter  des  Marschalls  Moritz  von  Sachsen 
gewesen  sein,  welcher  selber  zu  den  vielen  hundert 
Hurenkindern  gehörte,  die  der  Kurfürst  August  der 
Starke  hinterließ.  Die  Mutter  des  Moritz  von 
Sachsen  war  Aurora  von  Königsmark,  und  Aurora 
Dudevant,  welche  nach  ihrer  Ahnin  genannt  wurde, 
gab  ihrem  Sohne  ebenfalls  den  Namen  Moritz.  Dieser 
und  ihre  Tochter,  Solange  geheißen  und  an  den 
Bildhauer  Clesinger  vermählt,  sind  die  zwei  einzigen 
Kinder  von  George  Sand.  Sie  war  immer  eine  vor- 
treffliche Mutter,  und  ich  habe  oft  stundenlang  dem 
französischen  Sprachunterricht   beigewohnt,  den  sie 


Erster  Teil 


41 


ihren  Kindern  erteilte,  und  es  ist  schade,  daß  die 
sämtliche  Academie  francaise  diesen  Lektionen  nicht 
beiwohnte,  da  sie  gewiß  davon  viel  profitieren  konnte. 

George  Sand,  die  größte  Schriftstellerin,  ist  zu*  " 
gleich  eine  schöne  Frau.  Sie  ist  sogar  eine  aus* 
gezeichnete  Schönheit.  Wie  der  Genius,  der  sich  in 
ihren  Werken  ausspricht,  ist  ihr  Gesicht  eher  schön 
als  interessant  zu  nennen;  das  Interessante  ist  immer 
eine  graziöse  oder  geistreiche  Abweichung  vom 
Typus  des  Schönen,  und  die  Züge  von  George  ^ 
Sand  tragen  eben  das  Gepräge  einer  griechischen 
Regelmäßigkeit.  Der  Schnitt  derselben  ist  jedoch 
nicht  schroff  und  wird  gemildert  durch  die  Sentimen- 
talität, die  darüber  wie  ein  schmerzlicher  Schleier 
ausgegossen.  Die  Stirn  ist  nicht  hoch,  und  ge- 
scheitelt fällt  bis  zur  Schulter  das  köstliche  kastanien- 
braune Lockenhaar.  Ihre*  Augen  sind  etwas  matt, 
wenigstens  sind  s\e  nicht  glänzend,  und  ihr  Feuer 
mag  wohl  durch  viele  Tränen  erloschen  oder  in 
ihre  Werke  übergegangen  sein,  die  ihre  Flammen- 
brände über  die  ganze  Welt  verbreitet,  manchen 
trostlosen  Kerker  erleuchtet,  vielleicht  aber  auch 
manchen  stillen  Unschuldstempel  verderblich  ent- 
zündet haben.  Der  Autor  von  »Lelia«  hat  stille 
sanfte  Augen,  die  weder  an  Sodom  noch  an  Go- 
morra  erinnern.  Sie  hat  weder  eine  emanzipierte 
Adlernase,  noch  ein  witziges  Stumpfnäschen;  es  ist 
eben  eine  ordinäre  gerade  Nase.  Ihren  Mund  um- 
spielt gewöhnlich  ein  gutmütiges  Lächeln,  es  ist  aber 
nicht  sehr  anziehend;  die  etwas  hängende  Unterlippe 
verrät  ermüdete  Sinnlichkeit.  Das  Kinn  ist  voll- 
fleischig, aber  doch  schön  gemessen.  Auch  ihre 
Schultern  sind  schön,  ja  prächtig.  Ebenfalls  die 
Arme  und  die  Hände,  die  sehr  klein,  wie  ihre  Füße. 


42 


Lutezia 


Die  Reize  des  Busens  mögen  andere  Zeitgenossen 
beschreiben;  ich  gestehe  meine  Inkompetenz.  Ihr 
übriger  Körperbau  scheint  etwas  zu  dick,  wenigstens 
zu  kurz  zu  sein.  Nur  der  Kopf  trägt  den  Stempel 
der  Idealität,  erinnert  an  die  edelsten  Überbleibsel 
der  griechischen  Kunst,  und  in  dieser  Beziehung 
konnte  immerhin  einer  unserer  Freunde  die  schöne 
Frau  mit  der  Marmorstatue  der  Venus  von  Milo 
vergleichen,  die  in  den  unteren  Sälen  des  Louvres 
aufgestellt.  Ja,  George  Sand  ist  schön  wie  die 
Venus  von  Milo;  sie  übertrifft  diese  sogar  durch 
manche  Eigenschaften:  sie  ist  z.  B.  sehr  viel  jünger. 
Die  Physiognomen  welche  behaupten,  daß  die 
Stimme  des  Menschen  seinen  Charakter  am  untrüg- 
lichsten ausspreche,  würden  sehr  verlegen  sein,  wenn 
sie  die  außerordentliche  Innigkeit  einer  George  Sand 
aus  ihrer  Stimme  herauslauschen  sollten.  Letztere 
ist  matt  und  welk,  ohne  Metall,  jedoch  sanft  und 
^  angenehm.  Die  Natürlichkeit  ihres  Sprechens  ver- 
leiht ihr  einigen  Reiz.  Von  Gesangsbegabnis  ist  bei 
ihr  keine  Spur;  George  Sand  singt  höchstens  mit 
der  Bravour  einer  schönen  Grisette,  die  noch  nicht 
gefrühstückt  hat  oder  sonst  nicht  eben  bei  Stimme 
ist.  Das  Organ  von  George  Sand  ist  ebensowenig 
glänzend  wie  das  was  sie  sagt.  Sie  hat  durchaus 
nichts  von  dem  sprudelnden  Esprit  ihrer  Lands- 
männinnen, aber  auch  nichts  von  ihrer  Geschwätzig- 
keit. Dieser  Schweigsamkeit  liegt  aber  weder  Be- 
scheidenheit noch  sympathetisches  Versenken  in  die 
Rede  eines  andern  zum  Grunde.  Sie  ist  einsilbig 
vielmehr  aus  Hochmut,  weil  sie  dich  nicht  wert 
hält,  ihren  Geist  an  dir  zu  vergeuden,  oder  gar  aus 
Selbstsucht,  weil  sie  das  Beste  deiner  Rede  in  sich 
aufzunehmen  trachtet,  um  es  später  in  ihren  Büchern 


Erster  Tci! 


43 


zu  verarbeiten.  Daß  George  Sand  aus  Geiz  im 
Gespräche  nichts  zu  geben  und  immer  etwas  zu 
nehmen  versteht,  ist  ein  Zug,  worauf  mich  Alfred 
de  Musset  einst  aufmerksam  machte.  »Sie  hat  da- 
durch einen  großen  Vorteil  vor  uns  andern«,  sagte 
Musset,  der  in  seiner  Stellung  als  langjähriger  Ca* 
valiere  servente  jener  Dame  die  beste  Gelegenheit 
hatte,  sie  gründlich  kennen  zu  lernen. 

Nie  sagte  George  Sand  etwas  Witziges,  wie  sie 
überhaupt  eine  der  unwitzigsten  Französinnen  ist, 
die  ich  kenne.  Mit  einem  liebenswürdigen,  oft 
sonderbaren  Lächeln  hört  sie  zu,  wenn  andere  reden, 
und  die  fremden  Gedanken,  die  sie  in  sich  auf- 
genommen und  verarbeitet  hat,  gehen  aus  dem 
Alambik  ihres  Geistes  weit  kostbarer  hervor.  Sie 
ist  eine  sehr  feine  Horcherin.  Sie  hört  auch  gerne 
auf  den  Rat  ihrer  Freunde.  Bei  ihrer  unkanonischen 
Geistesrichtung  hat  sie,  wie  begreiflich,  keinen 
Beichtvater,  doch  da  die  Weiber,  selbst  die  eman- 
zipationssüchtigsten, immer  eines  männlichen  Lenkers, 
einer  männlichen  Autorität  bedürfen,  so  hat  George 
Sand  gleichsam  einen  literarischen  directeur  de 
conscience,  den  philosophischen  Kapuziner  Pierre 
Leroux.  Dieser  wirkt  leider  sehr  verderblich  auf 
ihr  Talent,  denn  er  verleitet  sie,  sich  in  unklare 
Faseleien  und  halbausgebrütete  Ideen  einzulassen, 
statt  sich  der  heitern  Lust  farbenreicher  und  be- 
stimmter Gestaltungen  hinzugeben,  die  Kunst  der 
Kunst  wegen  übend.  Mit  weit  weltlichem  Funk- 
tionen hatte  George  Sand  unsern  vielgeliebten  Fre- 
deric Chopin  betraut.  Dieser  große  Musiker  und 
Pianist  war  während  langer  Zeit  ihr  Cavaliere  ser- 
vente; vor  seinem  Tode  entließ  sie  ihn;  sein  Amt  war 
freilich  in  der  letzten  Zeit  eine  Sinekure  geworden. 


44 


Lutezia 


Ich  weiß  nicht,  wie  mein  Freund  Heinrich  Laube 
einst  in  der  »Allgemeinen  Zeitung«  mir  eine  Äuße- 
rung in  den  Mund  legen  konnte,  die  dahin  lautete, 
als  sei  der  damalige  Liebhaber  von  George  Sand 
der  geniale  Franz  Liszt  gewesen.  Laubes  Irrtum 
entstand  gewiß  durch  Ideenassoziationen,  indem  er 
die  Namen  zweier  gleichberühmten  Pianisten  ver- 
wechselte. Ich  benutze  diese  Gelegenheit,  dem 
guten  oder  vielmehr  dem  ästhetischen  Leumund  der 
Dame  einen  wirklichen  Dienst  zu  erweisen,  indem 
ich  meinen  deutschen  Landsleuten  zu  Wien  und 
Prag  die  Versicherung  erteile,  daß  es  eine  der  mise- 
rabelsten Verleumdungen  ist,  wenn  dort  einer  der 
miserabelsten  Liederkompositeurs  vom  mundfaulsten 
Dialekte,  ein  namenloses,  kriechendes  Insekt,  sich 
rühmt,  mit  George  Sand  in  intimem  Umgange  ge- 
standen zu  haben.  Die  Weiber  haben  allerlei  Idio- 
synkrasien, und  es  gibt  deren  sogar,  welche  Spinnen 
verspeisen;  aber  ich  bin  noch  keiner  Frau  begegnet, 
welche  Wanzen  verschluckt  hätte.  Nein,  an  dieser 
prahlerischen  Wanze  hat  Lelia  nie  Geschmack  ge- 
funden, und  sie  tolerierte  dieselbe  nur  manchmal  in 
ihrer  Nähe,  weil  sie  gar  zu  zudringlich  war. 

Lange  Zeit,  wie  ich  oben  bemerkt,  war  Alfred 
de  Musset  der  Herzensfreund  von  George  Sand. 
Sonderbarer  Zufall,  daß  einst  der  größte  Dichter  in 
Prosa,  den  die  Franzosen  besitzen,  und  der  größte 
ihrer  jetzt  lebenden  Dichter  in  Versen  (jedenfalls 
der  größte  nach  Beranger),  lange  Zeit  in  leidenschaft- 
licher Liebe  füreinander  entbrannt,  ein  lorbeer- 
gekröntes Paar  bildeten.  George  Sand  in  Prosa  und 
Alfred  de  Musset  in  Versen  überragen  in  der  Tat 
den  so  gepriesenen  Victor  Hugo,  der  mit  seiner 
grauenhaft  hartnäckigen,  fast  blödsinnigen  Beharrlich- 


Erster  Teil 


45 


keit  den  Franzosen  und  endlich  sich  selber  weis* 
machte,  daß  er  der  größte  Dichter  Frankreichs  sei.  ^ 
Ist  dieses  wirklich  seine  eigene  fixe  Idee?  Jedenfalls 
ist  es  nicht  die  unsrige.  Sonderbar!  die  Eigenschaft,^ 
die  ihm  so  viel  fehlt,  ist  eben  diejenige,  die  bei  den 
Franzosen  am  meisten  gilt;  und  zu  ihren  schönsten 
Eigentümlichkeiten  gehört.  Es  ist  dieses  der  Ge* 
schmack.  Da  sie  den  Geschmack  bei  allen  fran- 
zösischen Schriftstellern  antrafen,  mochte  der  ganz* 
liehe  Mangel  desselben  bei  Victor  Hugo  ihnen  viel* 
leicht  eben  als  eine  Originalität  erscheinen.  Was 
wir  bei  ihm  am  unleidlichsten  vermissen,  ist  das, 
was  wir  Deutsche  Natur  nennen:  er  ist  gemacht, 
verlogen,  und  oft  im  selben  Verse  sucht  die  eine 
Hälfte  die  andere  zu  belügen;  er  ist  durch  und 
durch  kalt,  wie  nach  Aussagen  der  Hexen  der 
Teufel  ist,  eiskalt  sogar  in  seinen  leidenschaftlichsten 
Ergüssen;  seine  Begeisterung  ist  nur  eine  Phantas* 
magorie,  ein  Kalkül  ohne  Liebe,  oder  vielmehr,  er  y' 
liebt  nur  sich;  er  ist  ein  Egoist,  und  damit  ich  noch 
Schlimmeres  sage,  er  ist  ein  Hugoist.  Wir  sehen 
hier  mehr  Härte  als  Kraft,  eine  freche  eiserne  Stirn 
und,  bei  allem  Reichtum  der  Phantasie  und  des 
Witzes,  dennoch  die  Unbeholfenheit  eines  Parvenüs 
oder  eines  Wilden,  der  sich  durch  Überladung  und 
unpassende  Anwendung  von  Gold  und  Edelsteinen 
lächerlich  macht:  kurz,  barocke  Barbarei,  gellende 
Dissonanz  und  die  schauderhafteste  Difformität!  Es 
sagte  jemand  von  dem  Genius  des  Victor  Hugo:  ^ 
»Cest  un  beau  bossu«.  Das  Wort  ist  tiefsinniger, 
als  diejenigen  ahnen,  welche  Hugos  Vortrefflichkeit 
rühmen. 

Ich   will    hier  nicht    bloß  darauf  hindeuten,    daß 
in    seinen   Romanen   und   Dramen    die  Haupthelden 


4.6  Lutezia 

mit  einem  Höcker  belastet  sind,  sondern  daß  er  selbst 
im  Geiste  höckericht  ist.  Nach  unserer  modernen 
Identitätslehre  ist  es  ein  Naturgesetz,  daß  der  inneren, 
der  geistigen  Signatur  eines  Menschen  auch  seine 
äußere,  die  körperliche  Signatur  entspricht  —  diese 
Idee  trug  ich  noch  im  Kopfe,  als  ich  nach  Frank- 
reich kam,  und  ich  gestand  einst  meinem  Buch- 
händler Eugene  Renduel,  welcher  auch  der  Verleger 
Hugos  war,  daß  ich,  nach  der  Vorstellung,  die  ich 
mir  von  letzterem  gemacht  hatte,  nicht  wenig  ver- 
wundert gewesen  sei,  in  Herrn  Hugo  einen  Mann 
zu  finden,  der  nicht  mit  einem  Höcker  behaftet  sei. 
>Ja,  man  kann  ihm  seine  Difformität  nicht  ansehen«, 
bemerkte  Renduel  zerstreut.  »Wie«,  rief  ich,  »er  ist 
also  nicht  ganz  frei  davon?«  »Nicht  so  ganz  und 
gar«,  war  die  verlegene  Antwort,  und  nach  vielem 
Drängen  gestand  mir  Freund  Renduel,  er  habe  eines 
Morgens  Herrn  Hugo  in  dem  Momente  überrascht, 
wo  er  das  Hemd  wechselte,  und  da  habe  er  bemerkt, 
daß  eine  seiner  Hüften,  ich  glaube  die  rechte,  so 
mißwüchsig  hervortretend  sei,  wie  man  es  bei  Leuten 
findet,  von  denen  das  Volk  zu  sagen  pflegt,  sie  hätten 
einen  Buckel,  nur  wisse  man  nicht,  wo  er  sitze. 
Das  Volk  in  seiner  scharfsinnigen  Naivetät  nennt 
solche  Leute  auch  verfehlte  Bucklichte,  falsche 
Buckelmenschen,  so  wie  es  die  Albinos  weiße  Mohren 
nennt.  Es  ist  bedeutsam,  daß  es  eben  der  Verleger 
des  Dichters  war,  dem  jene  Difformität  nicht  ver- 
borgen blieb.  »Niemand  ist  ein  Held  vor  seinem 
Kammerdiener«,  sagt  das  Sprichwort,  und  vor  seinem 
Verleger,  dem  lauernden  Kammerdiener  seines  Geistes, 
wird  auch  der  größte  Schriftsteller  nicht  immer  als 
ein  Heros  erscheinen;  sie  sehen  uns  zu  oft  in  unserm 
menschlichen  Neglige.     Jedenfalls  ergötzte   ich  mich 


Erster  Teil 


47 


sehr  an  der  Entdeckung  Renduels,  denn  sie  rettet 
die  Idee  meiner  deutschen  Philosophie,  daß  nämlich^ 
der  Leib  der  sichtbare  Geist  ist  und  die  geistigen 
Gebresten  auch  in  der  Körperlichkeit  sich  offen- 
baren. Ich  muß  mich  ausdrücklich  gegen  die  irrige 
Annahme  verwahren,  als  ob  auch  das  Umgekehrte 
der  Fall  sein  müsse,  als  ob  der  Leib  eines  Menschen 
ebenfalls  immer  sein  sichtbarer  Geist  wäre,  und  die 
äußerliche  Mißgestalt  auch  auf  eine  innere  schließen 
lasse.  Nein,  wir  haben  in  verkrüppelten  Hüllen 
sehr  oft  die  geradgewachsen  schönsten  Seelen  ge- 
funden,  was  um  so  erklärlicher,  da  die  körperlichen 
Difformitäten  gewöhnlich  durch  irgendein  physisches 
Ereignis  entstanden  sind,  und  nicht  selten  auch  eine 
Folge  von  Vernachlässigung  oder  Krankheit  nach 
der  Geburt.  Die  Difformität  der  Seele  hingegen 
wird  mit  zur  Welt  gebracht,  und  so  hat  der  fran- 
zösische Poet,  an  welchem  alles  falsch  ist,  auch 
einen  falschen  Buckel. 

Wir  erleichtern  uns  die  Beurteilung  der  Werke 
George  Sands,  indem  wir  sagen,  daß  sie  den  be- ^ 
stimmtesten  Gegensatz  zu  denen  des  Victor  Hugo 
bilden.  Jener  Autor  hat  alles,  was  diesem  fehlt:"' 
George  Sand  hat  Wahrheit,  Natur,  Geschmack, 
Schönheit  und  Begeisterung,  und  alle  diese  Eigen- 
schaften verbindet  die  strengste  Harmonie.  George 
Sands  Genius  hat  die  wohlgeründet  schönsten  Hüften, 
und  alles  was  sie  fühlt  und  denkt,  haucht  Tiefsinn 
und  Anmut.  Ihr  Stil  ist  eine  Offenbarung  von 
Wohllaut  und  Reinheit  der  Form.  Was  aber  den 
Stoff  ihrer  Darstellungen  betrifft,  ihre  Sujets,  die 
nicht  selten  schlechte  Sujets  genannt  werden  dürften, 
so  enthalte  ich  mich  hier  jeder  Bemerkung,  und  ich 
überlasse  dieses  Thema  ihren  Feinden  —  — « 


4.8  Lutezia 

VL 

Paris,  7.  Mai  1840. 
Die  heutigen  Pariser  Blätter  bringen  einen  Bericht 
des  k.  k.  österreichischen  Konsuls  zu  Damaskus  an 
den  k.  k.  österreichischen  Generalkonsul  in  Alexan- 
dria, in  bezug  der  Damaszener  Juden,  deren  Martyr- 
tum  an  die  dunkelsten  Zeiten  des  Mittelalters  erinnert. 
Während  wir  in  Europa  die  Märchen  desselben  als 
poetischen  Stoff  bearbeiten  und  uns  an  jenen  schauer* 
lieh  naiven  Sagen  ergötzen,  womit  unsere  Vorfahren 
sich  nicht  wenig  ängstigten;  während  bei  uns  nur 
noch  in  Gedichten  und  Romanen  von  jenen  Hexen, 
Werwölfen  und  Juden  die  Rede  ist,  die  zu  ihrem 
Satansdienst  das  Blut  frommer  Christenkinder  nötig 
haben;  während  wir  lachen  und  vergessen,  fängt 
man  an  im  Morgenlande  sich  sehr  betrübsam  des 
alten  Aberglaubens  zu  erinnern  und  gar  ernsthafte 
Gesichter  zu  schneiden,  Gesichter  des  düstersten 
Grimms  und  der  verzweifelnden  Todesqual!  Unter* 
dessen  foltert  der  Henker,  und  auf  der  Marterbank 
gesteht  der  Jude,  daß  er  bei  dem  herannahenden 
Paschafeste  etwas  Christenblut  brauchte  zum  Ein- 
tunken für  seine  trockenen  Osterbröde,  und  daß  er 
zu  diesem  Behufe  einen  alten  Kapuziner  abgeschlachtet 
habe!  Der  Türke  ist  dumm  und  schnöde,  und  stellt 
gern  seine  Bastonnaden-  und  Torturapparate  zur 
Verfügung  der  Christen  gegen  die  angeklagten  Juden ; 
^denn  beide  Sekten  sind  ihm  verhaßt,  er  betrachtet 
sie  beide  wie  Hunde,  er  nennt  sie  auch  mit  diesem 
Ehrennamen,  und  er  freut  sich  gewiß,  wenn  der 
christliche  Giaur  ihm  Gelegenheit  gibt,  mit  einigem 
Anschein  von  Recht  den  jüdischen  Giaur  zu  miß- 
handeln.    Wartet  nur,    wenn   es   mal  des  Paschas 


Erster  Teil 


49 


Vorteil  sein  wird  und  er  nicht  mehr  den  bewaffneten 
Einfluß  der  Europäer  zu  furchten  braucht,  wird  er 
auch  dem  beschnittenen  Hunde  Gehör  schenken, 
und  dieser  wird  unsere  christlichen  Brüder  anklagen, 
Gott  weiß  wessen!  Heute  Amboß,  morgen  Hammer!  — 

Aber  für  den  Freund  der  Menschheit  wird  der*«-' 
gleichen  immer  ein  Herzeleid  sein.  Erscheinungen 
dieser  Art  sind  ein  Unglück,  dessen  Folgen  unbe- 
rechenbar.  Der  Fanatismus  ist  ein  ansteckendes 
Übel,  das  sich  unter  den  verschiedensten  Formen 
verbreitet,  und  am  Ende  gegen  uns  alle  wütet.  Der 
französische  Konsul  in  Damaskus,  der  Graf  Ratti- 
Menton,  hat  sich  Dinge  zuschulden  kommen  lassen, 
die  hier  einen  allgemeinen  Schrei  des  Entsetzens  er- 
regten. Er  ist  es,  welcher  den  okzidentalischen 
Aberglauben  dem  Orient  einimpfte,  und  unter  dem 
Pöbel  von  Damaskus  eine  Schrift  austeilte,  worin  die 
Juden  des  Christenmords  bezüchtigt  werden.  Diese 
haßschnaufende  Schrift,  die  der  Graf  Menton  von 
seinen  geistlichen  Freunden  zum  Behufe  der  Ver» 
breitung  empfangen  hatte,  ist  ursprünglich  der  »Biblio- 
theca  prompta  a  Lucio  Ferrario«  entlehnt,  und  es 
wird  darin  ganz  bestimmt  behauptet,  daß  die  Juden 
zur  Feier  ihres  Paschafestes  des  Blutes  der  Christen 
bedürften.  Der  edle  Graf  hütete  sich,  die  damit 
verbundene  Sage  des  Mittelalters  zu  wiederholen, 
daß  nämlich  die  Juden  zu  demselben  Zwecke  auch 
konsakrierte  Hostien  stehlen  und  mit  Nadeln  so  lange 
stechen,  bis  das  Blut  herausfließe  —  eine  Untat,  die 
im  Mittelalter  nicht  bloß  durch  beeidigte  Zeugen- 
aussagen, sondern  auch  dadurch  ans  Tageslicht  ge- 
kommen, daß  über  dem  Judenhause,  worin  eine  jener 
gestohlenen  Hostien  gekreuzigt  worden,  sich  ein 
lichter  Schein  verbreitete.  Nein,  die  Ungläubigen, 
ix,  4 


50 


Lute  z  ia. 


die  Muhamedaner,  hätten  dergleichen  nimmermehr 
geglaubt,  und  der  Graf  Menton  mußte,  im  Interesse 
seiner  Sendung,  zu  weniger  mirakuiösen  Historien 
seine  Zuflucht  nehmen.  Ich  sage  im  Interesse  seiner 
Sendung,  und  überlasse  diese  Worte  dem  weitesten 
Nachdenken.  Der  Herr  Graf  ist  erst  seit  kurzer 
Zeit  in  Damaskus;  vor  sechs  Monaten  sah  man  ihn 
hier  in  Paris,  der  Werkstätte  aller  progressiven,  aber 
auch  aller  retrograden  Verbrüderungen.  —  Der  hie* 
sige  Minister  der  auswärtigen  Angelegenheiten,  Herr 
Thiers,  der  sich  jüngst  nicht  bloß  als  Mann  der 
Humanität,  sondern  sogar  als  Sohn  der  Revolution 
geltend  zu  machen  suchte,  offenbart  bei  Gelegenheit 
der  Damaszener  Vorgänge  eine  befremdliche  Lau- 
heit. Nach  dem  heutigen  »Moniteur«  soll  bereits  ein 
Vizekonsul  nach  Damaskus  abgegangen  sein,  um 
das  Betragen  des  dortigen  französischen  Konsuls  zu 
untersuchen.  Ein  Vizekonsul!  Gewiß  eine  unter- 
geordnete Person  aus  einer  nachbarlichen  Landschaft, 
ohne  Namen  und  ohne  Bürgschaft  parteiloser  Un- 
abhängigkeit! 


VII. 

Paris,  14.  Mai  1840. 
Die  offizielle  Ankündigung  in  betreff  der  sterb- 
lichen Reste  Napoleons  hat  hier  eine  Wirkung  her- 
vorgebracht, die  alle  Erwartungen  des  Ministeriums 
übertraf.  Das  Nationalgefühl  ist  aufgeregt  bis  in 
seine  abgründlichsten  Tiefen,  und  der  große  Akt  der 
Gerechtigkeit,  die  Genugtuung,  die  dem  Riesen  un- 
seres Jahrhunderts  widerfährt  und  alle  edlen  Herzen 
dieses  Erdballs  erfreuen  muß,  erscheint  den  Franzosen 


Erster  Teil.  ci 

als  der  Anfang  einer  Rehabilitation  ihrer  gekränkten 
Volksehre.    Napoleon  ist  ihr  Poinud'honneur. 

Während  aber  der  kluge  Präsident  des  Konseils  ^ 
die  Nationaleitelkeit  unserer  lieben  Kechenäer,  der 
Maulaufsperrer  an  der  Seine,  mit  Erfolg  zu  kitzeln 
und  auszubeuten  weiß,  zeigt  er  sich  sehr  indifferent, 
ja  mehr  als  indifferent  in  einer  Sache,  wo  nicht  die 
Interessen  eines  Landes  oder  eines  Volks,  sondern 
die  Interessen  der  Menschheit  selbst  in  Betracht  kom- 
men.  Ist  es  Mangel  an  liberalem  Gefühl  oder  an 
Scharfsinn,  was  ihn  verleitete,  für  den  französischen 
Konsul,  dem  in  der  Tragödie  zu  Damaskus  die 
schändlichste  Rolle  zugeschrieben  wird,  offenbar  Par- 
tei zu  nehmen?  Nein,  Herr  Thiers  ist  ein  Mann 
von  großer  Einsicht  und  Humanität,  aber  er  ist  auch 
Staatsmann,  er  bedarf  nicht  bloß  der  revolutionären 
Sympathien,  er  hat  Helfer  nötig  von  jeder  Sorte,  er 
muß  transigieren,  er  braucht  eine  Majorität  in  der 
Pairskammer,  er  kann  den  Klerus  als  ein  gouverne- 
mentales  Mittel  benützen,  nämlich  jenen  Teil  des  Kle- 
rus, der,  von  der  altern  Bourbonischen  Linie  nichts 
mehr  erwartend,  sich  der  jetzigen  Regierung  ange- 
schlossen hat.  Zu  diesem  Teil  des  Klerus,  welchen 
man  den  clerge  rallie"  nennt,  gehören  sehr  viele  Ultra- 
montanen, deren  Organ  ein  Journal,  namens  »Uni- 
vers«; letztere  erwarten  das  Heil  der  Kirche  von 
Herrn  Thiers,  und  dieser  sucht  wieder  in  jenen  seine 
Stütze.  Graf  Montalembert,  das  rührigste  Mitglied 
der  frommen  Gesellschaft  und  seit  dem  ersten  März 
auch  Seide  des  Herrn  Thiers,  ist  der  sichtbare  Ver- 
mittler zwischen  dem  Sohn  der  Revolution  und  den 
Vätern  des  Glaubens,  zwischen  dem  ehemaligen 
Redakteur  des  »National«  und  den  jetzigen  Redak- 
toren  des   »Univers«,   die    in    ihren  Kolonnen  alles 


?2  Luteiia 

mögliche  aufbieten,  um  der  Welt  glauben  zu  machen, 
die  Juden  fräßen  alte  Kapuziner  und  der  Graf  Ratti- 
Menton  sei  ein  ehrlicher  Mann.  Graf  Ratti-Men- 
ton,  ein  Freund,  vielleicht  nur  ein  Werkzeug  der 
Freunde  des  Grafen  Montalembert,  war  früher  fran- 
zösischer  Konsul  in  Sizilien,  wo  er  zweimal  Banke- 
rott machte  und  fortgeschafft  ward.  Später  war  er 
Konsul  in  Tiflis,  wo  er  ebenfalls  das  Feld  räumen 
mußte,  und  zwar  wegen  Dingen,  die  nicht  sonder- 
lich ehrender  Art  sind;  nur  so  viel  will  ich  be- 
merken, daß  damals  der  russische  Botschafter  zu 
Paris,  Graf  Pahlen,  dem  hiesigen  Minister  der  aus- 
wärtigen Angelegenheiten,  Grafen  Mole,  die  be- 
stimmte Anzeige  machte:  im  Fall  man  den  Herrn 
Ratti-Menton  nicht  von  Tiflis  abberufe,  werde  die 
kaiserlich  russische  Regierung  denselben  schimpflich 
zu  entfernen  wissen.  Man  hätte  das  Holz,  wodurch 
man  Flammen  schüren  will,  nicht  von  so  faulem 
Baume  nehmen  sollen! 


VIII. 

Paris,  20.  Mai  1840. 
Herr  Thiers  hat,  durch  die  überzeugende  Klarheit, 
womit  er  in  der  Kammer  die  trockensten  und  ver- 
worrensten Gegenstände  abhandelte,  wieder  neue 
Lorbeern  errungen.  Die  Bankverhältnisse  wurden 
uns  durch  seine  Rede  ganz  veranschaulicht,  sowie 
auch  die  Algierschen  Angelegenheiten  und  die  Zucker- 
frage. Der  Mann  versteht  alles;  es  ist  schade,  daß 
er  sich  nicht  auf  deutsche  Philosophie  gelegt  hat; 
er  würde  auch  diese  zu  verdeutlichen  wissen.  Aber 
wer  weiß!    wenn   die  Ereignisse   ihn   antreiben   und 


Erster  Tei 


53 


er  sich  auch  mit  Deutschland  beschäftigen  muß,  wird 
er  über  Hegel  und  Schelling  ebenso  belehrend  spre^ 
chen,  wie  über  Zuckerrohr  und  Runkelrübe. 

Wichtiger  aber  für  die  Interessen  Europas,  als  die 
kommerziellen,  finanziellen  und  Kolonialgegenstände, 
die  in  der  Kammer  zur  Sprache  kamen,  ist  die  feier- 
liehe  Rückkehr  der  irdischen  Reste  Napoleons.  Diese 
Angelegenheit  beschäftigt  hier  noch  immer  alle  Geister, 
die  höchsten  wie  die  niedrigsten.  Während  unten  im 
Volke  alles  jubelt,  jauchzt,  glüht  und  aufflammt,  grü* 
belt  man  oben,  in  den  kältern  Regionen  der  Gesell* 
schaff,  über  die  Gefahren,  die  jetzt  von  Sankt  Helena 
aus  täglich  näher  ziehen  und  Paris  mit  einer  sehr 
bedenklichen  Totenfeier  bedrohen.  Ja,  könnte  man 
schon  den  nächsten  Morgen  die  Asche  des  Kaisers 
unter  der  Kuppel  des  Invalidenpalastes  beisetzen,  so 
dürfte  man  dem  jetzigen  Ministerium  Kraft  genug 
zutrauen,  bei  diesem  Leichenbegängnisse  jeden  un* 
gefügen  Ausbruch  der  Leidenschaften  zu  verhüten. 
Aber  wird  es  diese  Kraft  noch  nach  sechs  Monaten 
besitzen,  zur  Zeit,  wenn  der  triumphierende  Sarg  in 
die  Seine  hereinschwimmt?  In  Frankreich,  dem  rau- 
schenden Lande  der  Bewegung,  können  sich  binnen 
sechs  Monaten  die  sonderbarsten  Dinge  ereignen: 
Thiers  ist  unterdessen  vielleicht  wieder  Privatmann 
geworden  (was  wir  sehr  wünschten),  oder  er  ist 
unterdessen  als  Minister  sehr  depopularisiert  (was 
wir  sehr  befürchten),  oder  Frankreich  ward  unter- 
dessen in  einen  Krieg  verwickelt  —  und  alsdann 
könnten  aus  der  Asche  Napoleons  einige  Funken 
hervorsprühen,  ganz  in  der  Nähe  des  Stuhls,  der 
mit  rotem  Zunder  bedeckt  ist! 

Schuf  Herr  Thiers  jene  Gefahr,  um  sich  unent- 
behrlich  zu   machen,   da   man   ihm   auch   die   Kunst 


-,  Lutezia 

zutraut,  alle  selbstgeschaffcnen  Gefahren  glücklich 
zu  überwinden,  oder  sucht  er  im  Bonapartismus  eine 
glänzende  Zuflucht  für  den  Fall,  daß  er  einmal  mit 
dem  Orleanismus  ganz  brechen  müßte?  Herr  Thiers 
weiß  sehr  gut,  daß,  wenn  er,  in  die  Opposition  zu* 
rücksinkend,  den  jetzigen  Thron  umstürzen  hülfe,  die 
Republikaner  ans  Ruder  kämen  und  ihm  für  den 
besten  Dienst  den  schlechtesten  Dank  widmen  wür- 
den; im  günstigsten  Falle  schöben  sie  ihn  sacht  bei» 
seite.  Stolpernd  über  jene  rohen  Tugendklötze  könnte 
er  leicht  den  Hals  brechen  und  noch  obendrein  ver* 
höhnt  werden.  Dergleichen  hätte  er  aber  nicht  vom 
Bonapartismus  zu  befürchten,  wenn  er  dessen  Wieder* 
einsetzung  förderte.  Und  leichter  wäre  es  in  Frank* 
reich  ein  Bonapartisten*Regiment  als  eine  Republik 
wieder  zu  begründen. 

Die  Franzosen,  aller  republikanischen  Eigenschaften 
bar,  sind  ihrer  Natur  nach  ganz  bonapartistisch.  Ihnen 
fehlt  die  Einfalt,  die  Selbstgenügsamkeit,  die  innere 
und  die  äußere  Ruhe;  sie  lieben  den  Krieg  des  Krie* 
ges  wegen;  selbst  im  Frieden  ist  ihr  Leben  eitel 
Kampf  und  Lärm;  die  Alten  wie  die  Jungen  er- 
götzen sich  gern  am  Trommelschlag  und  Pulver* 
dampf,  an  Knalleffekten  jeder  Art. 

Dadurch,  daß  Herr  Thiers  ihrem  angebornen  Bona* 
partismus  schmeichelte,  hat  er  unter  den  Franzosen 
die  außerordentlichste  Popularität  gewonnen.  Oder 
ward  er  populär,  weil  er  selber  ein  kleiner  Napoleon 
ist,  wie  ihn  jüngst  ein  deutscher  Korrespondent 
nannte?  Ein  kleiner  Napoleon!  Ein  kleiner  goti* 
scher  Dom!  Ein  gotischer  Dom  erregt  eben  da* 
durch  unser  Erstaunen,  weil  er  so  kolossal,  so  groß 
ist.  Im  verjüngten  Maßstabe  verlöre  er  alle  Bedeu» 
tung.     Herr  Thiers   ist  gewiß  mehr  als  so  ein  win* 


Erster  Teil 


55 


ziges  Dömchen.  Sein  Geist  überragt  alle  IntellU  f 
genzen  rund  um  ihn  her,  obgleich  manche  darunter 
sind,  die  von  bedeutender  Statur.  Keiner  kann  sich 
mit  ihm  messen,  und  in  einem  Kampfe  mit  ihm  muß 
die  Schlauheit  selbst  den  kürzern  ziehen.  Er  ist  der 
klügste  Kopf  Frankreichs,  obgleich  er,  wie  man  be^ 
hauptet,  es  selbst  gesteht.  In  seiner  schnellzüngigen 
Weise  soll  er  nämlich  voriges  Jahr,  während  der 
Ministerkrisis,  zum  König  gesagt  haben:  »Ew.  Maje- 
stät  glauben,  Sie  seien  der  klügste  Mann  in  diesem 
Lande,  aber  ich  kenne  hier  jemand,  der  noch  weit 
klüger  ist,  und  das  bin  Ich!«  Der  schlaue  Philipp 
soll  hierauf  geantwortet  haben:  »Sie  irren  sich,  Herr 
Thiers;  wenn  Sie  es  wären,  würden  Sie  es  nicht 
sagen.«  —  Dem  sei  aber  wie  ihm  wolle,  Herr  Thiers  - 
wandelt  zu  dieser  Stunde  durch  die  Gemächer  der 
Tuilerien  mit  dem  Selbstbewußtsein  seiner  Größe, 
als  ein  Maire  du  Palais  der  Orleanischen  Dynastie. 
Wird  er  lange  diese  Allmacht  behaupten?  Ist  er 
nicht  jetzt  schon  heimlich  gebrochen,  infolge  unge- 
heurer Anstrengungen?  Sein  Haupt  ist  vor  der  Zeit 
gebleicht,  man  findet  darauf  gewiß  kein  einziges 
schwarzes  Haar  mehr;  und  je  länger  er  herrscht, 
desto  mehr  schwindet  die  kecke  Gesundheit  seines 
Naturells.  Die  Leichtigkeit,  womit  er  sich  bewegt, 
hat  jetzt  sogar  etwas  Unheimliches.  Aber  außer- 
ordentlich und  bewunderungswürdig  ist  sie  noch 
immer,  diese  Leichtigkeit,  und  wie  leicht  und  be- 
weglich auch  die  andern  Franzosen  sind,  in  Ver- 
gleichung  mit  Thiers  erscheinen  sie  wie  lauter  plumpe 
Deutsche. 


r(f  Lutezia 

IX. 

Paris,  27.  Mai  1840. 
Über  die  Blutfrage  von  Damaskus  haben  nord= 
deutsche  Blätter  mehre  Mitteilungen  geliefert,  welche 
teils  von  Paris,  teils  von  Leipzig  datiert,  aber  wohl 
aus  derselben  Feder  geflossen  sind,  und,  im  Interesse 
einer  gewissen  Clique,  das  Urteil  des  deutschen 
Publikums  irre  leiten  sollen.  Wir  lassen  die  Per* 
sönlichkeit  und  die  Motive  jenes  Berichterstatters 
unbeleuchtet,  enthalten  uns  auch  aller  Untersuchung 
s/  der  Damaszener  Vorgänge;  nur  über  das,  was  in 
Beziehung  derselben  von  den  hiesigen  Juden  und  der 
hiesigen  Presse  gesagt  wurde,  erlauben  wir  uns  einige 
berichtigende  Bemerkungen.  Aber  auch  bei  dieser 
Aufgabe  leitet  uns  mehr  das  Interesse  der  Wahrheit 
als  der  Personen;  und  was  gar  die  hiesigen  Juden 
betrifft,  so  ist  es  möglich,  daß  unser  Zeugnis  eher 
gegen  sie  als  für  sie  spräche.  —  Wahrlich,  wir  wür* 
den  die  Juden  von  Paris  eher  loben  als  tadeln,  wenn 
sie,  wie  die  erwähnten  norddeutschen  Blätter  melde* 
ten,  für  ihre  unglücklichen  Glaubensbrüder  in  Da* 
maskus  einen  so  großen  Eifer  an  den  Tag  legten 
und  zur  Ehrenrettung  ihrer  verleumdeten  Religion 
keine  Geldopfer  scheuten.  Aber  es  ist  nicht  der 
Fall.  Die  Juden  in  Frankreich  sind  schon  zu  lange 
emanzipiert,  als  daß  die  Stammesbande  nicht  sehr 
gelockert  wären,  sie  sind  fast  ganz  untergegangen, 
oder,  besser  gesagt,  aufgegangen  in  der  französischen 
Nationalität;  sie  sind  gerade  ebensolche  Franzosen 
wie  die  andern,  und  haben  also  auch  Anwandlungen 
von  Enthusiasmus,  die  vierundzwanzig  Stunden,  und, 
wenn  die  Sonne  heiß  ist,  sogar  drei  Tage  dauern! 
—  und  das  gilt  von  den  Bessern.    Viele  unter  ihnen 


Erster  Teil  57 

üben  noch  den  jüdischen  Zeremonialdienst,  den  äußer* 
liehen  Kultus,  mechanisch,  ohne  zu  wissen  warum, 
aus  alter  Gewohnheit;  von  innerm  Glauben  keine 
Spur,  denn  in  der  Synagoge  ebenso  wie  in  der  christ* 
liehen  Kirche  hat  die  witzige  Säure  der  Voltaire* 
sehen  Kritik  zerstörend  gewirkt.  Bei  den  franzö-  ^ 
sischen  Juden,  wie  bei  den  übrigen  Franzosen,  ist 
das  Gold  der  Gott  des  Tages  und  die  Industrie  ist 
die  herrschende  Religion.  In  dieser  Beziehung  dürfte 
man  die  hiesigen  Juden  in  zwei  Sekten  einteilen:  in 
die  Sekte  der  rive  droite  und  die  Sekte  der  rive 
gauche;  diese  Namen  haben  nämlich  Bezug  auf  die 
beiden  Eisenbahnen,  welche,  die  eine  längs  dem 
rechten  Seine-Ufer,  die  andere  dem  linken  Ufer  ent- 
lang, nach  Versailles  führen,  und  von  zwei  berühm« 
ten  Finanzrabbinen  geleitet  werden,  die  miteinander 
ebenso  divergierend  hadern,  wie  einst  Rabbi  Samai 
und  Rabbi  Hillel  in  der  altern  Stadt  Babylon. 

Wir  müssen  dem  Großrabbi  der  rive  droite,  dem 
Baron  Rothschild,  die  Gerechtigkeit  widerfahren  las- 
sen, daß  er  für  das  Haus  Israel  eine  edlere  Sym- 
pathie an  den  Tag  legte,  als  sein  schriftgelehrter 
Antagonist,  der  Großrabbi  der  rive  gauche,  Herr 
Benoit  Fould,  der,  während  in  Syrien,  auf  Anrei- 
zung  eines  französischen  Konsuls,  seine  Glaubens- 
brüder gefoltert  und  gewürgt  wurden,  mit  der  un- 
erschütterlichen Seelenruhe  eines  Hillel,  in  der  fran- 
zösischen Deputiertenkammer  einige  schöne  Reden 
hielt  über  die  Konversion  der  Renten  und  den  Dis- 
konto der  Bank. 

Das  Interesse,  welches  die  hiesigen  Juden  an  der 
Tragödie  von  Damaskus  nahmen,  reduziert  sich  auf 
sehr  geringfügige  Manifestationen.  Das  israelitische 
Konsistorium,  in  der  lauen  Weise  aller  Körperschaf- 


j8  Luttria 

ten,  versammelte  sich  und  deliberierte;  das  einzige 
Resultat  dieser  Deliberationen  war  die  Meinung,  daß 
man  die  Aktenstücke  des  Prozesses  zur  öffentlichen 
Kunde  bringen  müsse.  Herr  Cremieux,  der  berühmte 
Advokat,  welcher  nicht  bloß  den  Juden,  sondern  den 
Unterdrückten  aller  Konfessionen  und  aller  Doktrinen, 
zu  jeder  Zeit  seine  großmütige  Beredsamkeit  gewid- 
met, unterzog  sich  der  oben  erwähnten  Publikation, 
und,  mit  Ausnahme  einer  schönen  Frau  und  einiger 
jungen  Gelehrten,  ist  wohl  Herr  Cremieux  der  ein» 
zige  in  Paris,  der  sich  der  Sache  Israels  tätig  an- 
nahm. Mit  der  größten  Aufopferung  seiner  persön- 
lichen Interessen,  mit  Verachtung  jeder  lauernden 
Hinterlist,  trat  er  den  gehässigsten  Insinuationen  rück- 
sichtslos entgegen,  und  erbot  sich  sogar  nach  Ägyp- 
ten zu  reisen,  wenn  dort  der  Prozeß  der  Damaszener 
Juden  vor  das  Tribunal  des  Pascha  Mehemet  Ali 
gezogen  werden  sollte.  Der  ungetreue  Berichter- 
statter in  den  erwähnten  norddeutschen  Blättern,  der 
»Leipziger  Allg.  Ztg.«,  insinuiert  mit  perfider  Neben- 
bemerkung, daß  Herr  Cremieux  die  Entgegnung,  wo- 
mit er  die  falschen  Missionsberichte  in  den  hiesigen 
Zeitungen  zu  entkräften  wußte,  als  Inserat  druckte 
und  die  übliche  Gebühr  dafür  entrichtete.  Wir  wissen 
aus  sicherer  Quelle,  daß  die  Journaldirektionen  sich 
bereitwillig  erklärten,  jene  Entgegnung  ganz  gebühr- 
frei einzurücken,  wenn  man  einige  Tage  warten  wolle, 
und  nur  auf  Verlangen  des  schleunigsten  Abdrucks 
berechneten  einige  Redaktionen  die  Kosten  eines 
Supplementblattes,  die  wahrlich  nicht  von  großem 
Belange,  wenn  man  die  Geldkräfte  des  israelitischen 
Konsistoriums  bedenkt.  Die  Geldkräfte  der  Juden 
sind  in  der  Tat  groß,  aber  die  Erfahrung  lehrt,  daß 
ihr  Geiz  noch   weit  größer   ist.     Eines  der  hochge- 


Erster  Teil 


59 


schätztesten  Mitglieder  des  hiesigen  Konsistoriums 
—  man  schätzt  ihn  nämlich  auf  einige  dreißig  Million 
nen  Frs.  —  Herr  W.  de  Romilly,  gäbe  vielleicht 
keine  hundert  Frs.,  wenn  man  zu  ihm  käme  mit 
einer  Kollekte  für  die  Rettung  seines  ganzen  Stam- 
mes! Es  ist  eine  alte,  klägliche,  aber  noch  immer 
nicht  abgenutzte  Erfindung,  daß  man  demjenigen, 
der  zur  Verteidigung  der  Juden  seine  Stimme  erhebt, 
die  unlautersten  Geldmotive  zuschreibt;  ich  bin  über- 
zeugt, nie  hat  Israel  Geld  gegeben,  wenn  man  ihm 
nicht  gewaltsam  die  Zähne  ausriß,  wie  zur  Zeit  der 
Valois.  Als  ich  unlängst  die  »Histoire  des  Juifs« 
von  Basnage  durchblätterte,  mußte  ich  herzlich  lachen 
über  die  Naivetät,  womit  der  Autor,  welchen  seine 
Gegner  anklagten,  als  habe  er  Geld  von  den  Juden 
empfangen,  sich  gegen  solche  Beschuldigung  ver- 
teidigte; ich  glaube  ihm  aufs  Wort,  wenn  er  weh« 
mutig  hinzusetzt:  »Le  peuple  juif  est  le  peuple  le  - 
plus  ingrat  qu'il  y  ait  au  monde!«  Hie  und  da  frei« 
lieh  gibt  es  Beispiele,  daß  die  Eitelkeit  die  verstock- 
ten Taschen  der  Juden  zu  erschließen  verstand,  aber 
dann  war  ihre  Liberalität  noch  widerwärtiger  als 
ihre  Knickerei.  Ein  ehemaliger  preußischer  Lieferant, 
welcher,  anspielend  auf  seinen  hebräischen  Namen 
Moses  (Moses  heißt  nämlich  auf  deutsch  »aus  dem 
Wasser  gezogen«,  auf  italienisch  »del  mare*>,  den 
dem  letztem  entsprechenden  klangvolleren  Namen 
eines  Baron  Delmar  angenommen  hat,  stiftete  hier 
vor  einiger  Zeit  eine  Erziehungsanstalt  für  verarmte 
junge  Adelige,  wozu  er  über  anderthalb  Millionen 
Francs  aussetzte,  eine  noble  Tat,  die  ihm  im  Fau- 
bourg  Saint-Germain  so  hoch  angerechnet  wurde, 
daß  dort  selbst  die  stolzältesten  Douairieren  und  die 
schnippisch   jüngsten  Fräulein   nicht   mehr  laut  über 


6o  Lutczia 

ihn  spötteln.  Hat  dieser  Edelmann  aus  dem  Stamme 
David  auch  nur  einen  Pfennig  beigesteuert  bei  einer 
Kollekte  für  die  Interessen  der  Juden?  Ich  möchte 
mich  dafür  verbürgen,  daß  ein  anderer  aus  dem 
Wasser  gezogener  Baron,  der  im  edlen  Faubourg 
den  Gentilhomme  catholique  und  großen  Schrift* 
steller  spielt,  weder  mit  seinem  Gelde  noch  mit  sei- 
ner Feder  für  die  Stammesgenossen  tätig  war.  Hier 
muß  ich  eine  Bemerkung  aussprechen,  die  vielleicht 
^/  die  bitterste.  Unter  den  getauften  Juden  sind  viele, 
die  aus  feiger  Hypokrisie  über  Israel  noch  ärgere 
Mißreden  führen,  als  dessen  geborne  Feinde.  In 
derselben  Weise  pflegen  gewisse  Schriftsteller,  um 
nicht  an  ihren  Ursprung  zu  erinnern,  sich  über  die 
Juden  sehr  schlecht  oder  gar  nicht  auszusprechen. 
Das  ist  eine  bekannte,  betrübsam  lächerliche  Er- 
scheinung. Aber  es  mag  nützlich  sein,  das  Publikum 
jetzt  besonders  darauf  aufmerksam  zu  machen,  da 
nicht  bloß  in  den  erwähnten  norddeutschen  Blättern, 
sondern  auch  in  einer  weit  bedeutenderen  Zeitung, 
die  Insinuation  zu  lesen  war,  als  flösse  alles,  was 
zugunsten  der  Damaszener  Juden  geschrieben  wor- 
den, aus  jüdischen  Quellen,  als  sei  der  österreichische 
Konsul  zu  Damaskus  ein  Jude,  als  seien  die  übrigen 
Konsuln  dort,  mit  Ausnahme  des  französischen,  lau- 
ter Juden.  Wir  kennen  diese  Taktik,  wir  erlebten 
sie  bereits  bei  Gelegenheit  des  jungen  Deutschlands. 
Nein,  sämtliche  Konsuln  von  Damaskus  sind  Chri- 
sten, und  daß  der  österreichische  Konsul  dort  nicht 
einmal  jüdischen  Ursprungs  ist,  dafür  bürgt  uns  eben 
die  rücksichtslose,  offene  Weise,  womit  er  die  Juden 
gegen  den  französischen  Konsul  in  Schutz  nahm;  — 
was  der  letztere  ist,  wird  die  Zeit  lehren. 


Erster  Teil  6l 

X. 

Paris,  30.  Mai  1840. 
Toujours  lui!  Napoleon  und  wieder  Napoleon! 
Er  ist  das  unaufhörliche  Tagesgespräch,  seit  der  Ver- 
kündigung seiner  posthumen  Rückkehr,  und  gar  be- 
sonders seit  die  Kammer,  in  betreff  der  notwendigen 
Kosten,  einen  so  kläglichen  Beschluß  gefaßt.  Letz- 
teres war  wieder  eine  Unbesonnenheit,  die  dem  Ver- 
werfen der  Nemours'schen  Dotation  an  die  Seite  ge- 
setzt werden  darf.  Die  Kammer  ist  durch  jenen 
Beschluß  mit  den  Sympathien  des  französischen  Volks 
in  eine  bedenkliche  Opposition  geraten.  Gott  weiß, 
es  geschah  aus  Kleinmut  mehr  denn  aus  Böswillig- 
keit. Die  Majorität  in  der  Kammer  war  im  Anfang 
für  die  Translation  der  Napoleonischen  Asche  ebenso 
begeistert  wie  das  übrige  Volk;  aber  allmählich  kam 
sie  zu  einer  entgegengesetzten  Besinnung,  als  sie  die 
eventuellen  Gefahren  berechnete  und  als  sie  jenes 
bedrohliche  Jauchzen  der  Bonapartisten  vernahm,  das 
in  der  Tat  nicht  sehr  beruhigend  klang.  Jetzt  lieh 
man  auch  den  Feinden  des  Kaisers  ein  geneigteres 
Ohr,  und  sowohl  die  eigentlichen  Legitimisten  als 
auch  die  Royalisten  von  der  laxen  Observanz  be- 
nutzten diese  Mißstimmung,  indem  sie  gegen  Napo- 
leon mit  ihrer  alten  eingewurzelten  Erbitterung  mehr 
oder  minder  geschickt  hervortraten.  So  gab  uns 
namentlich  die  »Gazette  de  France«  eine  Blumen- 
lese von  Schmähungen  gegen  Napoleon,  nämlich 
Auszüge  aus  den  Werken  Chateaubriands,  der  Frau 
von  Stael,  Benjamin  Constants  usw.  Unsereiner, 
der  in  Deutschland  an  derbere  Kost  gewöhnt,  mußte 
darüber  lächeln.  Es  wäre  ergötzlich,  wenn  man, 
das  Feine  durch  das  Rohe  parodierend,  neben  jenen 


(f2  Lutczia 

französischen  Exzerpten  ebenso  viele  Parallelstellen 
setzte  von  deutschen  Autoren  aus  der  grobtümlichen 
Periode.  Der  »Vater  Jahn«  führte  eine  Mistgabe!, 
womit  er  auf  den  Korsen  weit  wütender  zustach,  als 
so  ein  Chateaubriand  mit  seinem  leichten  und  funkeln* 
den  Galanteriedegen.  Chateaubriand  und  Vater  Jahn! 
Welche  Kontraste  und  doch  welche  Ähnlichkeit! 

War  aber  Chateaubriand  sehr  parteiisch  in  seiner 
Beurteilung  des  Kaisers,  so  war  es  letzterer  noch 
viel  mehr  durch  die  wegwerfende  Weise,  womit  er 
sich  auf  Sankt  Helena  über  den  Pilgrim  von  Jeru* 
salem  aussprach.  Er  sagte  nämlich:  »C'est  une 
äme  rampante  qui  a  la  manie  d'e'crire  des  livres.« 
Nein,  Chateaubriand  ist  keine  niedrige  Seele,  son- 
dern er  ist  bloß  ein  Narr,  und  zwar  ein  trauriger 
Narr,  während  die  andern  heiter  und  kurzweilig  sind. 
Er  erinnert  mich  immer  an  den  melancholischen 
Lustigmacher  von  Ludwig  XIII.  Ich  glaube  er  hieß 
Angeli,  trug  eine  Jacke  von  schwarzer  Farbe,  auch 
eine  schwarze  Kappe  mit  schwarzen  Schellen  und 
riß  betrübte  Spaße.  Der  Pathos  des  Chateaubriand 
hat  für  mich  immer  etwas  Komisches/  dazwischen 
höre  ich  stets  das  Geklingel  der  schwarzen  Glöck- 
chen.  Nur  wird  die  erkünstelte  Schwermut,  die 
affektierten  Todesgedanken,  auf  die  Länge  ebenso 
widerwärtig  wie  eintönig.  Es  heißt,  er  sei  jetzt  mit 
einer  Schrift  über  die  Leichenfeier  Napoleons  be~ 
schäftigt.  Das  wäre  in  der  Tat  für  ihn  eine  vor- 
treffliche Gelegenheit,  seine  oratorischen  Flore  und 
Immortellen,  den  ganzen  Pomp  seiner  Begräbnis- 
phantasie auszukramen;  sein  Pamphlet  wird  ein  ge- 
schriebener Katafalk  werden,  und  an  silbernen  Tränen 
und  Trauerkerzen  wird  er  es  nicht  fehlen  lassen , 
denn  er  verehrt  den  Kaiser,  seit  er  tot  ist. 


Erster  Teil  63 

Auch  Frau  von  Stael  würde  jetzt  den  Napoleon 
feiern,  wenn  sie  noch  in  den  Salons  der  Lebenden 
wandelte.  Schon  bei  der  Rückkehr  des  Kaisers  von 
der  Insel  Elba,  während  der  hundert  Tage,  war  sie 
nicht  übel  geneigt,  das  Lob  des  Tyrannen  zu  singen, 
und  stellte  nur  zur  Bedingung,  daß  ihr  vorher  zwei 
Millionen,  die  man  vorgeblich  ihrem  seligen  Vater 
schuldete,  ausgezahlt  würden.  Als  ihr  aber  der 
Kaiser  dieses  Geld  nicht  gab,  fehlte  ihr  die  nötige 
Inspiration  für  die  erbotenen  Preisgesänge,  und  Co* 
rinna  improvisierte  jene  Tiraden,  die  dieser  Tage  von 
der  »Gazette  de  France«  so  wohlgefällig  wiederholt 
wurden.  Point  d'argent,  point  de  Suisses!  <■*  Daß 
diese  Worte  auch  auf  ihren  Landsmann  Benjamin 
Constant  anwendbar,  ist  uns  leider  nur  gar  zu  sehr 
bekannt.  —  Doch  laßt  uns  nicht  weiter  die  Personen 
beleuchten,  die  den  Kaiser  geschmäht  haben.  Genug, 
Madame  de  Stael  ist  tot,  und  B.  Constant  ist  tot, 
und  Chateaubriand  ist  sozusagen  auch  tot:  wenig- 
stens wie  er  uns  seit  Jahren  versichert,  beschäftigt 
er  sich  ausschließlich  mit  seiner  Beerdigung,  und 
seine  »Memoires  d'outre-tombe«,  die  er  stückweise 
herausgibt,  sind  nichts  anderes  als  ein  Leichenbe- 
gängnis, das  er  vor  seinem  definitiven  Hinscheiden 
selber  veranstaltet,  wie  einst  der  Kaiser  Karl  V. 
Genug,  er  ist  als  tot  zu  betrachten,  und  er  hat  in 
seiner  Schrift  das  Recht,  den  Napoleon  wie  seines* 
gleichen  zu  behandeln. 

Aber  nicht  bloß  die  erwähnten  Exzerpte  älterer 
Autoren,  sondern  auch  die  Rede,  die  Herr  v.  La- 
martine in  der  Deputiertenkammer  über  oder  viel- 
mehr gegen  Napoleon  hielt,  hat  mich  widerwärtig 
berührt,  obgleich  diese  Rede  lauter  Wahrheit  ent- 
hält.    Die   Hintergedanken    sind   unehrlich,    und  der 


6.1  Lutezia 

Redner  sagte  die  Wahrheit  im  Interesse  der  Lüge. 
Es  ist  wahr,  es  ist  tausendmal  wahr,  daß  Napoleon 
ein  Feind  der  Freiheit  war,  ein  Despot,  gekrönte 
Selbstsucht,  und  daß  seine  Verherrlichung  ein  böses, 
gefährliches  Beispiel.  Es  ist  wahr,  ihm  fehlten  die 
Bürgertugenden  eines  Bailly,  eines  Lafayette,  und  er 
trat  die  Gesetze  mit  Füßen  und  sogar  die  Gesetz- 
geber, wovon  noch  jetzt  einige  lebende  Zeugnisse 
im  Hospital  des  Luxembourg.  Aber  es  ist  nicht 
dieser  liberticide  Napoleon,  nicht  der  Held  des  18.  Bru- 
maire,  nicht  der  Donnergott  des  Ehrgeizes,  dem  ihr 
die  glänzendsten  Leichenspiele  und  Denkmale  widmen 
sollt!  Nein;  es  ist  der  Mann,  der  das  junge  Frank- 
reich dem  alten  Europa  gegenüber  repräsentierte, 
dessen  Verherrlichung  in  Frage  steht:  in  seiner  Person 
siegte  das  französische  Volk,  in  seiner  Person  ward 
es  gedemütigt,  in  seiner  Person  ehrt  und  feiert  es 
sich  selber  —  und  das  fühlt  jeder  Franzose,  und 
deshalb  vergißt  man  alle  Schattenseiten  des  Ver- 
storbenen und  huldigt  ihm  quand  meine,  und  die 
Kammer  beging  einen  großen  Fehler  durch  ihre  un- 
zeitige Knickerei.  —  Die  Rede  des  Herrn  v.  La- 
martine war  ein  Meisterstück,  voll  von  perfiden  Blu- 
men, deren  feines  Gift  manchen  schwachen  Kopf 
betäubte;  doch  der  Mangel  an  Ehrlichkeit  wird  spär- 
lich bedeckt  von  den  schönen  Worten,  und  das 
Ministerium  darf  sich  eher  freuen  als  betrüben,  daß 
seine  Feinde  ihre  antinationalen  Gefühle  so  unge- 
schickt verraten  haben. 


Erster  Teil  65 

XI. 

Paris,  3.  Juni  1840. 

Die  Pariser  Tagesblätter  werden,  wie  überhaupt 
in  der  ganzen  Welt,  auch  jenseits  des  Rheines  ge* 
lesen,  und  man  pflegt  dort  der  heimatlichen  Presse, 
im  Vergleich  mit  der  französischen,  den  Wert  der* 
selben  überschätzend,  alles  Verdienst  abzusprechen. 
Es  ist  wahr,  die  hiesigen  Journale  wimmeln  von 
Stellen,  die  bei  uns  in  Deutschland  selbst  der  nach- 
sichtigste Zensor  streichen  würde;  es  ist  wahr,  die 
Artikel  sind  in  den  französischen  Blättern  besser  ge- 
schrieben und  logischer  abgefaßt,  als  in  den  deut- 
schen, wo  der  Verfasser  seine  politische  Sprache  erst 
schaffen  und  durch  die  Urwälder  seiner  Ideen  sich 
mühsam  durchkämpfen  muß;  es  ist  wahr,  der  Fran- 
zose weiß  seine  Gedanken  besser  zu  redigieren,  und 
er  entkleidet  dieselben,  vor  den  Augen  des  Publi- 
kums, bis  zur  deutlichsten  Nacktheit,  während  der 
deutsche  Journalist,  weit  mehr  aus  innerer  Blödigkeit 
als  aus  Furcht  vor  dem  tötlichen  Rotstift,  seine  Ge- 
danken mit  allen  möglichen  Schleiern  der  Unmaß- 
geblichkeit zu  verhüllen  sucht;  und  dennoch,  wenn 
man  die  französische  Presse  nicht  nach  ihrer  äußern 
Erscheinung  beurteilt,  sondern  sie  in  ihrem  Innern, 
in  ihren  Bureaus,  belauscht,  muß  man  eingestehen, 
daß  sie  an  einer  besonderen  Art  von  Unfreiheit  leidet, 
die  der  deutschen  Presse  ganz  fremd  und  vielleicht 
verderblicher  ist  als  unsere  transrhenanische  Zensur. 
Alsdann  muß  man  auch  eingestehen,  daß  die  Klar- 
heit und  Leichtigkeit,  womit  der  Franzose  seine  Ge- 
danken ordnet  und  abhandelt,  aus  einer  dürren  Ein- 
seitigkeit und  mechanischen  Beschränkung  hervorgeht, 
'lie   weit   mißlicher  ist,  als   die   blühende   Konfusion 

ix,  5 


66  Lutczia 

und  unbeholfene  Überfülle  des  deutschen  Journalisten ! 
Hierüber  eine  kurze  Andeutung: 

Die  französische  Tagespresse  ist  gewissermaßen 
eine  Oligarchie,  keine  Demokratie;  denn  die  Begrün- 
dung eines  französischen  Journals  ist  mit  so  vielen 
Kosten  und  Schwierigkeiten  verbunden,  daß  nur  Per- 
sonen, die  imstande  sind,  die  größten  Summen  aufs 
Spiel  zu  setzen,  ein  Journal  errichten  können.  Es 
sind  daher  gewöhnlich  Kapitalisten  oder  sonstige  In- 
dustrielle, die  das  Geld  herschießen  zur  Stiftung  eines 
Journals;  sie  spekulieren  dabei  auf  den  Absatz,  den 
das  Blatt  finden  werde,  wenn  es  sich  als  Organ  einer 
bestimmten  Partei  geltend  zu  machen  verstanden,  oder 
sie  hegen  gar  den  Hintergedanken,  das  Journal  später- 
hin, sobald  es  eine  hinlängliche  Anzahl  Abonnenten 
gewonnen,  mit  noch  größerem  Profit  an  die  Regierung 
zu  verkaufen.  Auf  diese  Weise,  angewiesen  auf  die 
Ausbeutung  der  vorhandenen  Parteien  oder  des  Mini- 
steriums, geraten  die  Journale  in  eine  beschränkende 
Abhängigkeit,  und  was  noch  schlimmer  ist,  in  eine 
Exklusivität,  eine  Ausschließlichkeit  bei  allen  Mittei- 
lungen, wogegen  die  Hemmnisse  der  deutschen  Zensur 
nur  wie  heitere  Rosenketten  erscheinen  dürften.  Der 
Redakteur  en  chef  eines  französischen  Journals  ist 
ein  Condottiere,  der  durch  seine  Kolonnen  die  In- 
teressen und  Passionen  der  Partei,  die  ihn  durch  Ab- 
satz oder  Subvention  gedungen  hat,  verficht  und  ver- 
teidigt. Seine  Unterredakteure,  seine  Leutnants  und 
Soldaten,  gehorchen  mit  militärischer  Subordination, 
und  sie  geben  ihren  Artikeln  die  verlangte  Richtung 
und  Farbe,  und  das  Journal  erhält  dadurch  jene  Ein- 
heit und  Präzision,  die  wir  in  der  Ferne  nicht  genug 
bewundern  können.  Hier  herrscht  die  strengste  Dis- 
ziplin des  Gedankens  und  sogar  des  Ausdrucks.    Hat 


Erster  Teil  67 

irgendein  unachtsamer  Mitarbeiter  das  Kommando 
überhört,  hat  er  nicht  ganz  so  geschrieben  wie  die 
Consigne  lautete,  so  schneidet  der  Redakteur  en  chef 
ins  Fleisch  seines  Aufsatzes  mit  einer  militärischen 
Unbarmherzigkeit,  wie  sie  bei  keinem  deutschen  Zen- 
sor  zu  finden  wäre.  Ein  deutscher  Zensor  ist  ja^ 
auch  ein  Deutscher,  und  bei  seiner  gemütlichen  VieU 
seitigkeit  gibt  er  gern  vernünftigen  Gründen  Gehör; 
aber  der  Redakteur  en  chef  eines  französischen  Jour- 
nals  ist  ein  praktisch  einseitiger  Franzose,  hat  seine 
bestimmte  Meinung,  die  er  sich  ein  für  allemal  mit 
bestimmten  Worten  formuliert  hat,  oder  die  ihm  wohl- 
formuliert  von  seinen  Kommittenten  überliefert  worden. 
Käme  nun  gar  jemand  zu  ihm  und  brächte  ihm  einen 
Aufsatz,  der  zu  den  erwähnten  Zwecken  seines  Jour- 
nals  in  keiner  fördernden  Beziehung  stände,  der  etwa 
ein  Thema  behandelte,  das  kein  unmittelbares  Inter- 
esse hätte  für  das  Publikum,  dem  das  Blatt  als  Organ 
dient,  so  wird  der  Aufsatz  streng  zurückgewiesen, 
mit  den  sakramentalen  Worten:  «Cela  n'entre  pas 
dans  l'idee  de  notre  Journal.»  Da  nun  solchermaßen 
von  den  hiesigen  Journalen  jedes  seine  besondre  po- 
litische Farbe  und  seinen  bestimmten  Ideenkreis  hat,  so 
ist  leicht  begreiflich,  daß  jemand,  der  etwas  zu  sagen 
hätte,  was  diesen  Ideenkreis  überschritte  und  auch  keine 
Parteifarbe  trüge,  durchaus  kein  Organ  für  seine  Mit- 
teilungen finden  würde.  Ja,  sobald  man  sich  entfernt 
von  der  Diskussion  der  Tagesinteressen,  den  soge- 
nannten Aktualitäten,  sobald  man  Ideen  zu  entwickeln 
hat,  die  den  banalen  Parteifragen  fremd  sind,  sobald 
man  etwa  nur  die  Sache  der  Menschheit  besprechen 
wollte,  würden  die  Redakteure  der  hiesigen  Journ.iK 
einen  solchen  Artikel  mit  ironischer  Höflichkeit  zu- 
rückweisen;  und   da   man  hier  nur  durch  die  Jour- 


68  Lutezia 

nale  oder  durch  ihre  annoncierende  Vermittlung  mit 
dem  Publikum  reden  kann,  so  ist  die  Charte,  die 
jedem  Franzosen  die  Veröffentlichung  seiner  Ge- 
danken durch  den  Druck  erlaubt,  eine  bittere  Ver- 
höhnung für  geniale  Denker  und  Weltbürger,  und 
faktisch  existiert  für  diese  durchaus  keine  Preßfreiheit: 
—  »cela  n'entre  pas  dans  l'idee  de  notre  Journal.« 
Vorstehende  Andeutungen  befördern  vielleicht  das 
Verständnis  mancher  unbegreiflichen  Erscheinungen, 
und  ich  überlasse  es  dem  deutschen  Leser,  allerlei 
nützliche  Belehrung  daraus  zu  schöpfen.  Zunächst 
aber  mögen  sie  zur  Aufklärung  dienen,  weshalb  die 
französische  Presse  in  betreff  der  Juden  von  Damas- 
kus nicht  so  unbedingt  sich  zugunsten  derselben  aus- 
sprach, wie  man  gewiß  in  Deutschland  erwartete.  Ja, 
der  Berichterstatter  der  »Leipziger  Zeitung«  und  der 
kleineren  norddeutschen  Blätter  hat  sich  keine  direkte 
Unwahrheit  zu  schulden  kommen  lassen,  wenn  er  froh- 
lockend referierte,  daß  die  französische  Presse  bei  dieser 
Gelegenheit  keine  sonderliche  Sympathie  für  Israel  an 
den  Tag  legte.  Aber  die  ehrliche  Seele  hütete  sich 
wohlweislich,  den  Grund  dieser  Erscheinung  aufzu- 
decken, der  ganz  einfach  darin  besteht,  daß  der  Präsi- 
dent des  Ministerkonseils,  Herr  Thiers,  von  Anfang  an 
für  den  Grafen  Ratti-Menton,  den  französischen  Kon- 
sul von  Damaskus,  Partei  genommen  und  den  Redak- 
teuren aller  Blätter,  die  jetzt  unter  seiner  Botmäßigkeit 
stehen,  in  dieser  Angelegenheit  seine  Ansicht  kundge- 
geben. Es  sind  gewiß  viele  honette  und  sehr  honette 
Leute  unter  diesen  Journalisten,  aber  sie  gehorchen 
jetzt  mit  militärischer  Disziplin  dem  Kommando  jenes 
Generalissimus  der  öffentlichen  Meinung,  in  dessen 
Vorkabinett  sie  sich  jeden  Morgen  zum  Empfang  der 
Ordre  du  jour  zusammen  befinden  und  gewiß  ohne 


Erster  Teil  69 

Lachen  sich  einander  nicht  ansehen  können;  franzö- 
sische  Haruspices  können  ihre  Lachmuskeln  nicht 
so  gut  beherrschen,  wie  die  römischen,  von  denen 
Cicero  spricht.  In  seinen  Morgenaudienzen  ver- 
sichert  Herr  Thiers  mit  der  Miene  der  höchsten  Über* 
zeugung,  es  sei  eine  ausgemachte  Sache,  daß  die  Juden 
Christenblut  am  Paschafeste  söffen,  chacun  ä  son 
goüt,  alle  Zeugenaussagen  hätten  bestätigt,  daß  der 
Rabbiner  von  Damaskus  den  Pater  Thomas  abge- 
schlachtet  und  sein  Blut  getrunken,  *-  das  Fleisch 
sei  wahrscheinlich  von  geringern  Synagogenbeamten 
verschmaust  worden;  —  da  sähen  wir  einen  trau- 
rigen Aberglauben,  einen  religiösen  Fanatismus,  der 
noch  im  Oriente  herrschend  sei,  während  die  Juden 
des  Okzidentes  viel  humaner  und  aufgeklärter  ge- 
worden  und  mancher  unter  ihnen  sich  durch  Vor- 
urteilslosigkeit und  einen  gebildeten  Geschmack  aus- 
zeichne, z.  B.  Herr  von  Rothschild,  der  zwar  nicht 
zur  christlichen  Kirche  aber  desto  eifriger  zur  christ- 
lichen Köche  übergegangen  und  den  größten  Koch 
der  Christenheit,  den  Liebling  Talleyrands,  ehema- 
ligen Bischofs  von  Autun,  in  Dienst  genommen.  — 
So  ungefähr  konnte  man  den  Sohn  der  Revolution 
reden  hören,  zum  größten  Arger  seiner  Frau  Mutter, 
die  manchmal  rot  vor  Zorn  wird,  wenn  sie  dergleichen 
von  dem  ungeratenen  Sohne  anhören  muß,  oder  wenn 
sie  gar  sieht,  wie  derselbe  mit  ihren  ärgsten  Feinden 
verkehrt,  z.  B.  mit  dem  Grafen  Montalembert,  einem 
Jungjesuiten,  der  als  das  tätigste  Werkzeug  der  ultra- 
montanen Rotte  bekannt  ist.  Dieser  Anführer  der  so- 
genannten Neokatholiken  dirigiert  die  Zeloten-Zeitung 
«L'Univers»,  ein  Blatt,  welches  mit  ebensoviel  Geist 
wie  Perfidie  geschrieben  wird;  auch  der  Graf  besitzt 
ist  und  Talent,  ist  jedoch  ein  seltsames  Zwitter- 


-ro  Lutezia 

wcsen  von  adeligem  Hochmut  und  romantischer 
Bigotterie,  und  diese  Mischung  offenbart  sich  am 
naivsten  in  seiner  Legende  von  der  heiligen  Elisa» 
beth,  einer  ungarischen  Prinzessin,  die  er  en  paren- 
these  für  seine  Cousine  erklärt,  und  die  von  so 
schrecklich  christlicher  Demut  gewesen  sein  soll, 
daß  sie  mit  ihrer  frommen  Zunge  den  räudigsten 
Bettlern  die  Schwären  und  den  Grind  leckte,  ja  daß 
sie  vor  lauter  Frömmigkeit  sogar  ihren  eignen  Urin 
soff. 

Nach  diesen  Andeutungen  begreift  man  jetzt  sehr 
leicht  die  illiberale  Sprache  jener  Oppositionsblätter, 
die  zu  einer  andern  Zeit  Mord  und  Zeter  geschrien 
hätten  über  den  im  Orient  neu  angefachten  Fana- 
tismus, und  über  den  Elenden,  der  als  französischer 
Konsul  dort  den  Namen  Frankreichs  schändet. 

Vor  einigen  Tagen  hat  Herr  Benoit  Fould  auch 
in  der  Deputiertenkammer  das  Betragen  des  fran- 
zösischen  Konsuls  von  Damaskus  zur  Sprache  ge- 
bracht. Ich  muß  also  zunächst  den  Tadel  zurück- 
nehmen, der  mir  in  einem  meiner  jüngsten  Berichte 
gegen  jenen  Deputierten  entschlüpfte.  Ich  zweifelte 
nie  an  dem  Geist,  an  den  Verstandeskräften  des 
Herrn  Fould;  auch  ich  halte  ihn  für  eine  der  größten 
Kapazitäten  der  französischen  Kammer;  aber  ich 
zweifelte  an  seinem  Gemüte.  Wie  gern  lasse  ich 
mich  beschämen,  wenn  ich  den  Leuten  unrecht  ge- 
tan habe  und  sie  durch  die  Tat  meinen  Beschuldi- 
gungen widersprechen.  Die  Interpellation  des  Herrn 
Fould  zeugte  von  großer  Klugheit  und  Würde.  Nur 
sehr  wenige  Blätter  haben  von  seiner  Rede  Auszüge 
gegeben;  die  ministeriellen  Blätter  haben  auch  diese 
unterdrückt  und  die  Thiersschen  Entgegnungen  desto 
ausfuhrlicher  mitgeteilt.    Im  «Moniteur»  habe  ich  sie 


Erster  Teil 


7* 


ganz  gelesen.  Der  Ausdruck:  »La  religion  ä  iaquelle 
j'ai  fhonneur  d'appartenir«  mußte  einen  Deutschen 
sehr  frappieren.  Die  Antwort  des  Herrn  Thiers  war 
ein  Meisterstück  von  Perfidie:  durch  Ausweichen, 
durch  Verschweigen  dessen,  was  er  wisse,  durch 
scheinbar  ängstliche  Zurückhaltung,  wußte  er  seine 
Gegner  aufs  köstlichste  zu  verdächtigen.  Hörte  man 
ihn  reden,  so  konnte  man  am  Ende  wirklich  glauben, 
das  Leibgericht  der  Juden  sei  Kapuzinerfleisch.  — 
Aber  nein,  großer  Geschichtschreiber  und  sehr  kleiner 
Theolog,  im  Morgenland  ebensowenig  wie  im  Abend« 
land  erlaubt  das  alte  Testament  seinen  Bekennern 
solche  schmutzige  Atzung,  der  Abscheu  der  Juden 
vor  jedem  Blutgenuß  ist  ihnen  ganz  eigentümlich,  er 
spricht  sich  aus  in  den  ersten  Dogmen  ihrer  Religion, 
in  allen  ihren  Sanitätsgesetzen,  in  ihren  Reinigungs- 
Zeremonien,  in  ihrer  Grundanschauung  vom  Reinen 
und  Unreinen,  in  dieser  tiefsinnig  kosmogonischen 
Offenbarung  über  die  materielle  Reinheit  in  der  Tier- 
welt, welche  gleichsam  eine  physische  Ethik  bildet 
und  von  Paulus,  der  sie  als  eine  Fabel  verwarf,  keines- 
wegs begriffen  worden.  —  Nein,  die  Nachkömmlinge 
Israels,  des  reinen  auserlesenen  Priestervolks,  sie  essen 
kein  Schweinefleisch,  auch  keine  alte  Franziskaner, 
sie  trinken  kein  Blut,  ebensowenig  wie  sie  ihren  eigenen 
Urin  trinken,  gleich  der  heiligen  Elisabeth,  Urmuhme 
des  Grafen  Montalembert. 

Was  sich  bei  jener  Damaszener  Blutfrage  am  be- 
trübsamsten  herausstellte,  ist  die  Unkenntnis  der 
morgenländischen  Zustände,  die  wir  bei  dem  jetzigen 
Präsidenten  des  Konseils  bemerken,  eine  brillante 
Unwissenheit,  die  ihn  einst  zu  den  bedenklichsten 
Mißgriffen  verleiten  dürfte,  wenn  nicht  mehr  jene 
kleine  syrische  Blutfrage,    sondern   die   weit  größere 


72 


Lutezia 


Weltblutfrage ,  jene  fatale,  verhängnisvolle  Frage, 
welche  wir  die  orientalische  nennen,  eine  Losung 
oder  Anstalten  zur  Lösung  erfordern  möchte.  Das 
Urteil  des  Herrn  Thiers  ist  gewöhnlich  richtig,  aber 
seine  Prämissen  sind  oft  ganz  falsch,  ganz  aus  der 
Luft  gegriffen,  Phantasmen,  ausgeheckt  im  fanatischen 
Sonnenbrand  der  Klöster  des  Libanons  und  ähnlicher 
Spelunken  des  Aberglaubens.  Die  ultramontane 
Partei  liefert  ihm  seine  Emissäre,  und  diese  berichten 
ihm  Wunderdinge  über  die  Macht  der  römisch* 
katholischen  Christen  im  Oriente,  während  doch  eine 
Schilderhebung  jener  miserablen  Lateiner  wahrhaftig 
keinen  türkischen  Hund  aus  seinem  fatalistischen 
Ofenloch  locken  würde.  Herr  Thiers  meint,  daß 
Frankreich,  der  traditionelle  Glaubensvogt  jener  La* 
teiner,  einst  durch  sie  die  Oberhand  im  Orient  ge* 
winnen  könne.  Da  sind  die  Engländer  viel  besser 
unterrichtet,  sie  wissen,  daß  diese  armseligen  Nach* 
zügler  des  Mittelalters,  die  in  der  Zivilisation  mehre 
Jahrhunderte  zurückgeblieben,  noch  viel  versunkener 
sind,  als  ihre  Herren,  die  Türken,  und  daß  vielmehr 
die  Bekenner  des  griechischen  Symbols  beim  Sturz 
des  osmanischen  Reiches,  und  noch  vorher,  den 
/  Ausschlag  geben  könnten.  Das  Oberhaupt  dieser 
griechischen  Christen  ist  nicht  der  arme  Schelm,  der 
den  Titel  Patriarch  von  Konstantinopel  führt,  und 
dessen  Vorgänger  dort  schmachvoll  zwischen  zwei 
Hunden  aufgehängt  worden  —  nein,  ihr  Oberhaupt 
ist  der  allmächtige  Zar  von  Rußland,  der  Kaiser  und 
Papst  aller  Bekenner  des  allein  heiligen,  orthodoxen, 
griechischen  Glaubens;  —  er  ist  ihr  geharnischter 
Messias,  der  sie  befreien  soll  vom  Joch  der  Un* 
gläubigen,  der  Kanonendonnergott,  der  einst  sein 
Siegesbanner  aufpflanzen   werde   auf  die  Türme  der 


Erster  Teil 


73 


großen  Moschee  von  Byzanz  —  ja,  das  ist  ihr  po= 
litischer,  wie  ihr  religiöser  Glaube,  und  sie  träumen 
eine  russisch-griechisch-orthodoxe  Weltherrschaft,  die 
von  dem  Bosporus  aus  über  Europa,  Asien  und  Afrika 
ihre  Arme  ausbreiten  werde.  —  Und  was  das  Schreck- 
lichste  ist,  dieser  Traum  ist  keine  Seifenblase,  die  ein 
Windzug  vernichtet,  es  lauert  darin  eine  Möglichkeit, 
die  versteinernd  uns  angrinst,  wie  das  Haupt  der  Medusa! 

Die  Worte  Napoleons  auf  Sankt  Helena,  daß  in 
baldiger  Zukunft  die  Welt  eine  amerikanische  Re- 
publik oder  eine  russische  Universalmonarchie  sein 
werde,  sind  eine  sehr  entmutigende  Prophezeiung. 
Welche  Aussicht!  Günstigenfalls  als  Republikaner 
vor  monotoner  Langeweile  sterben !     Arme  Enkel ! 

Ich  habe  oben  erwähnt,  wie  die  Engländer  viel  ^ 
besser  als  die  Franzosen  über  alle  orientalischen  Zu- 
stände unterrichtet  sind.  Mehr  als  je  wimmelt  es  in 
der  Levante  von  britischen  Agenten,  die  über  jeden 
Beduinen,  ja  über  jedes  Kamel,  das  durch  die  Wüste 
zieht,  Erkundigungen  einziehen.  Wieviel  Zechinen 
Mehemet  Ali  in  der  Tasche,  wieviel  Gedärme  dieser 
Vizekönig  von  Ägypten  im  Bauche  hat,  man  weiß 
es  ganz  genau  in  den  Bureaus  von  Downingstreet. 
Hier  glaubt  man  nicht  den  Mirakelhistörchen  frommer-' 
Schwärmer;  hier  glaubt  man  nur  an  Tatsachen  und 
Zahlen.  Aber  nicht  bloß  im  Orient,  auch  im  Ok-v 
zident  hat  England  seine  zuverlässigsten  Agenten, 
und  hier  begegnen  wir  nicht  selten  Leuten,  die  mit 
ihrer  geheimen  Mission  auch  die  Korrespondenz  für 
Londoner  aristokratische  oder  ministerielle  Blätter 
verbinden;  letztere  sind  darum  nicht  minder  gut 
unterrichtet.  Bei  der  Schweigsamkeit  der  Briten 
erfährt  das  Publikum  selten  das  Gewerbe  jener  ge- 
heimen   Berichterstatter,     die    selbst    den    höchsten 


•»  Lutezia 

Staatsbeamten  Englands  unbekannt  bleiben;  nur  der 
jedesmalige  Minister  der  äußern  Angelegenheiten 
kennt  sie,  und  überliefert  diese  Kenntnis  seinem  Nach» 
folger.  Der  Bankier  im  Ausland,  der  einem  englischen 
Agenten  irgendeine  Auszahlung  zu  machen  hat,  er* 
fährt  nie  seinen  Namen,  er  erhält  nur  die  Order, 
den  Betrag  einer  angegebenen  Summe  derjenigen 
Person  auszuzahlen,  die  sich  durch  Vorzeigen  einer 
Karte,  worauf  nur  eine  Nummer  steht,  legitimieren 
werde. 


Spätcrc  Notiz. 
<Mai  1854.) 

Der  vorstehende  Bericht  ist  von  der  Redaktion 
der  »Allgemeinen  Zeitung«  nicht  aufgenommen 
worden,  und  wir  drucken  ihn  hier  nach  alten 
Brouillons,  die  der  Zufall  erhalten.  Indem  aus 
diesem  Berichte  hervorgeht,  wie  unverdient  die  Rüge 
war,  welche  ein  früherer  Artikel  über  den  Depu* 
tierten  Benoit  Fould  aussprach,  zeigen  wir,  wie  wenig 
es  uns  zu  jener  Zeit  einfiel,  in  jenem  Artikel  eine 
Ungerechtigkeit  zu  begehen.  Es  kam  uns  damals 
ebenfalls  nicht  in  den  Sinn,  die  persönliche  Erschei* 
nung  des  erwähnten  Deputierten  zu  verunglimpfen, 
und  zu  diesem  Behufe  ein  Spottwort  des  »Nationais« 
zu  zitieren.  Schwärmerische  Freunde  des  Herrn 
Benoit  Fould  <und  welcher  reiche  Mann  besäße  nicht 
einen  Schwärm  von  Freunden,  die  für  ihn  schwärmen!) 
behaupteten  zwar  zu  jener  Zeit,  am  Schlüsse  eines 
Artikels  in  der  »Allgemeinen  Zeitung«,  der  meine 
Chiffre  trage  und  also  meiner  Autorschaft  zuge* 
schrieben   werden   müsse,    hätten   sie   eine   boshafte 


Erster  Teil 


75 


Zitation  aus  rJem  »National«  gelesen,  welche  den 
Generaladvokaten  Hebert  und  Herrn  Benoit  Fould  be= 
treffe  und  dahin  laute,  »daß  letzterer  der  einzige  gewesen, 
der  dem  Generaladvokaten  in  der  Kammer  die  Hand 
gereicht  habe,  und  daß  er  selber  wie  der  Diskurs 
eines  accusateur  public  aussähe«!  Wahrlich,  einen 
sehr  schwächlichen  Begriff  von  meinem  Geiste  und 
meiner  Vernunft  hegen  jene  guten  Leute,  welche 
glauben  konnten,  daß  ich  einen  Angriff  auf  einen 
Mann  wie  B.  Fould  wagen  würde,  wenn  ich  meine 
Pfeile  dem  albernen  Köcher  des  »Nationais«  ent- 
lehnen müßte!  Eine  solche  Annahme  war  wirklich 
beleidigend  für  den  Verfasser  der  Reisebilder!  Nein, 
jene  Zitation,  jene  Misere,  floß  nicht  aus  meiner 
Feder,  und  gar  in  bezug  auf  Herrn  Hebert  hätte 
ich  mir  keine  Ungezogenheit  damals  erlaubt,  aus 
ganz  begreiflichen  Gründen.  Ich  wollte  nie  mit  der 
schrecklichen  Person  eines  Generaladvokaten,  dessen 
diskretionäre  Befugnisse  selbst  die  des  Ministers  über- 
trafen, etwas  zu  schaffen  haben;  es  gibt  Personen, 
die  man  gar  nicht  erwähnen  muß,  wenn  man  nicht 
speziell  das  Metier  eines  Demagogen  treibt  und  nach 
dem  Ruhm  des  Eingesperrtwerden  schmachtet.  Ich 
sage  dieses  jetzt,  wo  eine  solche  Erklärung  von 
meinen  mutigen  und  kampflustigen  Kommilitionen 
nicht  mißdeutet  werden  kann.  Zur  Zeit  wo  der 
Artikel  mit  der  läppischen  Zitation  aus  dem  »Natio- 
nal« erschien,  enthielt  ich  mich  jeder  Erläuterung; 
ich  durfte  niemanden  das  Recht  einräumen,  mich 
über  einen  Artikel  zur  Rede  zu  stellen,  der  anonym 
erschienen  und  nur  eine  Chiffre  an  der  Stirn  trug, 
womit  nicht  ich,  sondern  die  Redaktion  meine 
Artikel  zu  bezeichnen  pflegte,  um  administrativen 
Bedürfnissen   zu   begegnen;    um   z.  B.  die  Kompta- 


J 


76  Lutezia 

bilität  zu  erleichtern,  keineswegs  aber  um  einem 
verehrungswürdigen  Publiko,  wie  eine  leicht  errat* 
bare  Scharade,  den  Namen  des  Verfassers  sub  rosa 
zuzuflüstern.  Da  nur  die  Redaktion  und  nicht  der 
eigentliche  Verfasser  für  jeden  anonymen  Artikel 
verantwortlich  bleibt;  da  die  Redaktion  gezwungen 
ist,  das  Journal,  sowohl  der  tausendköpfigen  Leser* 
weit,  als  auch  manchen  ganz  kopflosen  Behörden 
gegenüber ,  zu  vertreten ;  da  sie  mit  unzähligen 
Hindernissen,  materiellen  und  moralischen,  täglich 
zu  kämpfen  hat:  so  muß  ihr  wohl  die  Erlaubnis  an* 
heimgestellt  werden,  jeden  Artikel,  den  sie  aufnimmt, 
ihren  jedesmaligen  Tagesbedürfnissen  anzumodeln, 
nach  Gutdünken  durch  Ausmerzen,  Ausscheiden, 
Hinzufügen  und  Umänderungen  jeder  Art  den 
Artikel  druckbar  zu  machen,  und  gehe  auch  dabei 
die  gute  Gesinnung  und  der  noch  bessere  Stil  des 
Verfassers  sehr  bedenklich  in  die  Krümpe.  Ein  in 
jeder  Hinsicht  politischer  Schriftsteller  muß  der  Sache 
wegen,  die  er  verficht,  der  rohen  Notwendigkeit 
manche  bittere  Zugeständnisse  machen.  Es  gibt 
obskure  Winkelblätter  genug,  worin  wir  unser  ganzes 
Herz  mit  allen  seinen  Zornbränden  ausschütten 
könnten  —  aber  sie  haben  nur  ein  sehr  dürftiges 
und  einflußloses  Publikum,  und  es  wäre  ebensogut, 
als  wenn  wir  in  der  Bierstube  oder  im  Kaffeehause 
vor  den  respektiven  Stammgästen  schwadronierten, 
gleich  andern  großen  Patrioten.  Wir  handeln  weit 
klüger,  wenn  wir  unsre  Glut  mäßigen,  und  mit 
nüchternen  Worten,  wo  nicht  gar  unter  einer  Maske, 
in  einer  Zeitung  uns  aussprechen,  die  mit  Recht 
eine  Allgemeine  Weltzeitung  genannt  wird,  und 
vielen  hunderttausend  Lesern  in  allen  Landen  belehr^ 
sam  zu  Händen  kommt.     Selbst  in  seiner  trostlosen 


Erster  Teil 


77 


Verstümmlung  kann  hier  das  Wort  gedeihlich  wirken; 
die  notdürftigste  Andeutung  wird  zuweilen  zu  er* 
sprießlicher  Saat  in  unbekanntem  Boden.  Beseelte 
mich  nicht  dieser  Gedanke,  so  hätte  ich  mir  wahr* 
lieh  nie  die  Selbsttortur  angetan,  für  die  »Allgemeine 
Zeitung«  zu  schreiben.  Da  ich  von  dem  Treusinn 
und  der  Redlichkeit  jenes  innigst  geliebten  Jugend* 
freundes  und  Waffenbruders,  der  die  Redaktion  der 
Zeitung  leitet,  zu  jeder  Zeit  unbedingt  überzeugt 
war,  so  konnte  ich  mir  auch  wohl  manche  erschreck* 
liehe  Nachqual  der  Umarbeitung  und  Verballhornung 
meiner  Artikel  gefallen  lassen;  —  sah  ich  doch 
immer  die  ehrlichen  Augen  des  Freundes,  welcher 
dem  Verwundeten  zu  sagen  schien:  liege  ich  denn 
etwa  auf  Rosen  ?  Dieser  wackere  Kämpe  der  deutschen 
Presse,  der  schon  als  Jüngling  für  seine  liberalen 
Überzeugungen  Not  und  Kerker  erduldet  hat,  er, 
der  für  die  Verbreitung  von  gemeinnützlichem 
Wissen,  dem  besten  Emanzipationsmittel,  und  über* 
haupt  für  das  politische  Heil  seiner  Mitbürger  so 
viel  getan,  viel  mehr  getan,  als  Tausende  von  bramar- 
basierenden Maulhelden  —  er  ward  von  diesen  als 
servil  verschrien,  und  die  »Augsburger  Hure«  war 
der  Schmähname,  womit  der  Pöbel  der  Radikalen 
die  »Allgemeine  Zeitung«  immer  titulierte.  — 

Doch  ich  gerate  hier  in  eine  Strömung,  die  mich 
zu  weit  führen  könnte.  Ich  begnüge  mich  damit, 
hier  flüchtig  angedeutet  zu  haben,  von  welcher  Art 
die  Unfreiheit  war,  die  ich  höherer  vaterländischer 
Rücksichten  wegen  ertrug,  wenn  ich  für  die  »All- 
gemeine Zeitung«  schrieb.  In  dieser  Beziehung  be- 
gegnete ich  mancher  Mißdeutung,  selbst  in  Sphären, 
wo  Intelligenz  zu  herrschen  pflegte.  Eine  solche 
w<ir  z.  B.    die   oben   bezeichnete  Zitation   aus  dem 


y8  Lutezia 

»National« ,  die  man  mir  fälschlich  zuschrieb.  Da 
ich  nicht  gern  unschuldig  leide,  so  geriet  ich  am 
Ende  auf  den  unseligen  Gedanken,  das  Majestäts* 
verbrechen,  dessen  man  mich  beschuldigte,  einmal 
wirklich  zu  begehen,  und  bei  Gelegenheit  der  Wahlen 
zu  Tarbes  mußte  der  Deputierte  der  Hautes* 
Pyrenees  meinen  Unmut  entgelten.  Da  ich  jedes 
Unrecht  am  Ende  selbst  eingestehe,  so  will  ich  zu 
meiner  eigenen  Beschämung  hier  erwähnen,  daß  der 
Mann,  dem  ich  jede  Kapazität  absprach,  sich  bald 
darauf  als  ein  Staatsmann  von  höchster  Bedeutung 
auszeichnete.     Ich  freute  mich  darüber. 


XII. 

Paris,  12.  Juni  1840. 
^  Der  Ritter  Spontini  bombardiert  in  diesem  Augen* 
blick  die  armen  Pariser  mit  Briefen,  um  zu  jedem 
Preis  das  Publikum  an  seine  verschollene  Person  zu 
erinnern.  Es  liegt  in  diesem  Augenblick  ein  Zirku* 
lar  vor  mir,  das  er  an  alle  Zeitungsredaktoren  schickt, 
und  das  keiner  drucken  will  aus  Pietät  für  den  ge* 
sunden  Menschenverstand  und  Spontinis  alten  Na* 
men.  Das  Lächerliche  grenzt  hier  ans  Sublime. 
Diese  peinliche  Schwäche,  die  sich  im  barockesten 
Stil  ausspricht  oder  vielmehr  ausärgert,  ist  ebenso 
merkwürdig  für  den  Arzt  wie  für  den  Sprachforscher. 
Ersterer  gewahrt  hier  das  traurige  Phänomen  einer 
Eitelkeit,  die  im  Gemüt  immer  wütender  auflodert, 
je  mehr  die  edlern  Geisteskräfte  darin  erlöschen;  der 
andere  aber,  der  Sprachforscher,  sieht,  welch  ein 
ergötzlicher  Jargon  entsteht,  wenn  ein  starrer  Italiener, 
der    in    Frankreich     notdürftig     etwas    Französisch 


Erster  Teil  jg 

gelernt  hat,  dieses  sogenannte  Italiener  -  Französisch 
während  eines  fünfundzwanzigjährigen  Aufenthalts  in 
Berlin  ausbildete,  so  daß  das  alte  Kauderwelsch  mit 
sarmatischen  Barbarismen  gar  wunderlich  gespickt 
ward.  Das  Zirkular  ist  vom  Februar  datiert,  ward 
aber  neuerdings  wieder  hergeschickt,  weil  Signor 
Spontini  hört,  daß  man  hier  sein  berühmtes  Werk 
wieder  aufführen  wolle,  welches  nichts  als  eine  Falle 
sei  —  eine  Falle,  die  er  benutzen  will,  um  hierher 
berufen  zu  werden.  Nachdem  er  nämlich  gegen 
seine  Feinde  pathetisch  deklamiert  hat,  setzt  er  hinzu : 
»Et  voilä  justement  le  nouveau  piege  que  je  crois 
avoir  devine,  et  ce  qui  me  fait  un  inferieux  devoir 
de  m'opposer,  me  trouvant  absent,  ä  la  remise  en 
scene  de  mes  operas  sur  le  theätre  de  l'academie 
royale  de  musique,  ä  moins  que  je  ne  sois  officielle- 
ment  engage  moi*meme  par  l'administration,  sous  la 
garantie  du  Ministere  de  l'Interieur,  ä  me  rendre 
ä  Paris,  pour  aider  de  mes  conseils  createurs  les  ar- 
tistes  <la  tradition  de  mes  operas  etant  perdue),  pour 
assister  aux  repetitions  et  contribuer  au  succes  de 
la  Vestale,  puisque  c'est  d'elle  qu'il  s'agit.«  Das  ist 
noch  die  einzige  Stelle  in  diesen  Spontinischen  Sümpfen, 
wo  fester  Boden ;  die  Pfiffigkeit  streckt  hier  ihre  läng* 
lichten  Ohren  hervor.  Der  Mann  will  durchaus 
Berlin  verlassen,  wo  er  es  nicht  mehr  aushalten  kann, 
seitdem  die  Meyerbeerschen  Opern  dort  gegeben 
werden,  und  vor  einem  Jahr  kam  er  auf  einige  Wochen 
hierher  und  lief  von  Morgen  bis  Mitternacht  zu  allen 
Personen  von  Einfluß,  um  seine  Berufung  nach  Paris 
zu  betreiben.  Da  die  meisten  Leute  hier  ihn  für 
längst  verstorben  hielten,  so  erschraken  sie  nicht 
wenig  ob  seiner  plötzlichen  geisterhaften  Erscheinung. 
Die    ränkevolle    Behendigkeit   dieser   toten   Gebeine 


J 


80  Lutezia 

hatte  in  der  Tat  etwas  Unheimliches.  Hr.  Dupon- 
chel,  der  Direktor  der  Großen  Oper,  ließ  ihn  gar 
nicht  vor  sich  und  rief  mit  Entsetzen:  »Diese  intrU 
gante  Mumie  mag  mir  vom  Leibe  bleiben ;  ich  habe 
bereits  genug  von  den  Intrigen  der  Lebenden  zu  er- 
dulden!« Und  doch  hatte  Hr.  Moritz  Schlesinger, 
Verleger  der  Meyerbeerschen  Opern  i—  denn  durch 
diese  gute,  ehrliche  Seele  ließ  der  Ritter  seinen  Be= 
such  bei  Hrn.  Duponchel  voraus  ankündigen  — 
alle  seine  glaubwürdige  Beredsamkeit  aufgeboten,  um 
seinen  Empfohlenen  im  besten  Lichte  darzustellen. 
In  der  Wahl  dieser  empfehlenden  Mittelsperson  be= 
kündete  Herr  Spontini  seinen  ganzen  Scharfsinn. 
Er  zeigte  ihn  auch  bei  andern  Gelegenheiten;  z.  B. 
wenn  er  über  jemand  räsonierte,  so  geschah  es  ge- 
wohnlich  bei  dessen  intimsten  Freunden.  Den  fran- 
zösischen  Schriftstellern  erzählte  er,  daß  er  in  Berlin 
einen  deutschen  Schriftsteller  festsetzen  lassen,  der 
gegen  ihn  geschrieben.  Bei  den  französischen  Sän- 
gerinnen beklagte  er  sich  über  deutsche  Sängerinnen, 
die  sich  nicht  bei  der  Berliner  Oper  engagieren  woll- 
ten, wenn  man  ihnen  nicht  kontraktlich  zugestand, 
daß  sie  in  keiner  Spontinischen  Oper  zu  singen 
brauchten! 

Aber  er  will  durchaus  hierher;  er  kann  es  nicht 
mehr  aushalten  in  Berlin,  wohin  er,  wie  er  behaup- 
tet, durch  den  Haß  seiner  Feinde  verbannt  worden, 
und  wo  man  ihm  dennoch  keine  Ruhe  lasse.  Dieser 
Tage  schrieb  er  an  die  Redaktion  der  »France  mu< 
sicale« :  seine  Feinde  begnügten  sich  nicht,  daß  sie 
ihn  über  den  Rhein  getrieben,  über  die  Weser,  über 
die  Elbe;  sie  möchten  ihn  noch  weiter  verjagen, 
über  die  Weichsel,  über  den  Niemen !  Er  findet  große 
Ähnlichkeit  zwischen  seinem  Schicksal  und  dem  Na- 


Erster  Teil  8l 

poleonschen.  Er  dünkt  sich  ein  Genie,  wogegen 
sich  alle  musikalischen  Mächte  verschworen.  Berlin 
ist  sein  Sankt  Helena  und  Rellstab  sein  Hudson  Lowe. 
Jetzt  aber  müsse  man  seine  Gebeine  nach  Paris 
zurückkommen  lassen  und  im  Invalidenhause  der 
Tonkunst,  in  der  Academie  royale  de  Musique,  feier- 
lieh  beisetzen.   — 

Das  Alpha  und  Omega  aller  Spontinischen  Be- 
klagnisse ist  Meyerbeer.  Als  mir  hier  in  Paris  der 
Ritter  die  Ehre  seines  Besuches  schenkte,  war  er 
unerschöpflich  an  Geschichten,  die  geschwollen  von 
Gift  und  Galle.  Er  kann  die  Tatsache  nicht  ab» 
leugnen,  daß  der  König  von  Preußen  unsern  großen 
Giacomo  mit  Ehrenbezeugungen  überhäuft,  und  dar- 
auf bedacht  ist,  denselben  mit  hohen  Ämtern  und 
Würden  zu  betrauen,  aber  er  weiß  dieser  königlichen 
Huld  die  schnödesten  Motive  anzudichten.  Am  Ende 
glaubt  er  selbst  seine  eignen  Erfindungen,  und  mit 
einer  Miene  der  tiefsten  Überzeugung  versicherte 
er  mir :  als  er  einst  bei  Sr.  Majestät  dem  König  ge- 
speist, habe  Allerhöchstderselbe  nach  der  Tafel  mit 
heiterer  Offenherzigkeit  gestanden,  daß  er  den  Meyer- 
beer um  jeden  Preis  an  Berlin  fesseln  wolle,  damit 
dieser  Millionär  sein  Vermögen  nicht  im  Auslande 
verzehre.  Da  die  Musik,  die  Sucht,  als  Opern- 
komponist zu  glänzen,  eine  bekannte  Schwäche  des 
reichen  Mannes  sei,  suche  er,  der  König,  diese 
schwache  Seite  zu  benutzen,  um  den  Ehrgeizigen 
durch  Auszeichnungen  zu  ködern.  —  »Es  ist  trau- 
rig«, soll  der  König  hinzugesetzt  haben,  »daß  ein 
vaterländisches  Talent,  das  ein  so  großes,  fast  geni- 
ales Vermögen  besitzt,  in  Italien  und  Paris  seine 
guten  preußischen  harten  Taler  vergeuden  mußte, 
um  als  Komponist  gefeiert  zu  werden   —   was  man 

IX.  6 


82  Lutezia 

für  Geld  haben  kann,  ist  auch  bei  uns  in  Berlin  zu 
haben,  auch  in  unsern  Treibhäusern  wachsen  Lor« 
beerbäume  für  den  Narren,  der  sie  bezahlen  will, 
auch  unsre  Journalisten  sind  geistreich  und  lieben 
ein  gutes  Frühstück  oder  gar  ein  gutes  Mittagessen, 
auch  unsre  Eckensteher  und  Saure  «Gurkenhändler 
haben  zum  Beifallklatschen  ebenso  derbe  Hände  wie 
die  Pariser  Claque  —  ja  wenn  unsre  Tagediebe, 
statt  in  der  Tabagie,  ihre  Abende  im  Opernhause 
zubrächten,  um  die  »Hugenotten«  zu  applaudieren, 
würde  auch  ihre  Ausbildung  dadurch  gewinnen  — 
die  niedern  Klassen  müssen  sittlich  und  ästhetisch 
gehoben  werden,  und  die  Hauptsache  ist,  daß  Geld 
unter  die  Leute  komme,  zumal  in  der  Hauptstadt.* 
—  Solcherweise,  versicherte  Spontini,  habe  sich 
Se.  Majestät  geäußert,  um  sich  gleichsam  zu  cnt= 
schuldigen,  daß  er  ihn,  den  Verfasser  der  »Vestalin«, 
dem  Meyerbeer  sakriftziere.  Als  ich  bemerkte,  daß 
es  im  Grunde  sehr  löblich  sei,  wenn  ein  Fürst  ein 
solches  Opfer  bringe,  um  den  Wohlstand  seiner 
Hauptstadt  zu  fördern  —  da  fiel  mir  Spontini  in  die 
Rede:  »O,  Sie  irren  sich,  der  König  von  Preußen 
protegiert  die  schlechte  Musik  nicht  aus  staatsöko* 
nomischen  Gründen,  sondern  vielmehr  weil  er  die 
Tonkunst  haßt,  und  wohl  weiß,  daß  sie  zugrunde 
gehen  muß  durch  Beispiel  und  Leitung  eines  Mannes, 
der  ohne  Sinn  für  Wahrheit  und  Adel  nur  der  rohen 
Menge  schmeicheln  will.* 

Ich  konnte  nicht  umhin,  dem  hämischen  Italiener 
offen  zu  gestehen,  daß  es  nicht  klug  von  ihm  sei, 
dem  Nebenbuhler  alles  Verdienst  abzusprechen.  — 
»Nebenbuhler!«  rief  der  Wütende,  und  wechselte 
zehnmal  die  Farbe,  bis  endlich  die  gelbe  wieder  die 
Oberhand   behielt   —   dann   aber   sich    fassend,    frug 


Erster  Teil  8? 

er  mit  höhnischem  Zähnefletschen :  »Wissen  Sie  ganz 
gewiß,  daß  Meyerbeer  wirklich  der  Komponist  der 
Musik  ist,  die  unter  seinem  Namen  aufgeführt  wird?« 
Ich  stutzte  nicht  wenig  ob  dieser  Tollhausfrage,  und 
mit  Erstaunen  hörte  ich,  Meyerbeer  habe  in  Italien 
einigen  armen  Musikern  ihre  Kompositionen  abge- 
kauft,  und  daraus  Opern  verfertigt,  die  aber  durchs 
gefallen  seien,  weil  der  Quark,  den  man  ihm  geliefert, 
gar  zu  miserabel  war.  Später  habe  er  von  einem 
talentvollen  Abbate  zu  Venedig  etwas  Besseres  er- 
standen, welches  er  dem  »Crociato«  einverleibte. 
Er  besitze  auch  Webers  hinterlassene  Manuskripte, 
die  er  der  Witwe  abgeschwatzt,  und  woraus  er  ge- 
wiß später  schöpfen  werde.  »Robert  le  Diable«  und 
die  »Hugenotten«  seien  größtenteils  die  Produktion 
eines  Franzosen,  welcher  Gouin  heiße  und  herzlich 
gern  unter  Meyerbeers  Namen  seine  Opern  zur  Auf- 
führung bringe,  um  nicht  sein  Amt  eines  Chef  de 
Bureau  an  der  Post  einzubüßen,  da  seine  Vorgesetz- 
ten gewiß  seinem  administrativen  Eifer  mißtrauen 
würden,  wenn  sie  wüßten,  daß  er  ein  träumerischer 
Komponist;  die  Philister  halten  praktische  Funktionen 
für  unvereinbar  mit  artistischer  Begabnis,  und  der 
Postbeamte  Gouin  ist  klug  genug,  seine  Autorschaft 
zu  verschweigen  und  allen  Weltruhm  seinem  ehr- 
geizigen Freund  Meyerbeer  zu  überlassen.  Daher 
die  innige  Verbindung  beider  Männer,  deren  Inter- 
essen sich  ebenso  innig  ergänzen.  Aber  ein  Vater 
bleibt  immer  Vater,  und  dem  Freund  Gouin  liegt 
das  Schicksal  seiner  Geisteskinder  beständig  am  Her- 
zen; die  Details  der  Aufführung  und  des  Erfolgs 
von  »Robert  le  Diable«  und  den  »Hugenotten«  neh- 
men seine  ganze  Tätigkeit  in  Anspruch,  er  wohnt 
jeder  Probe  bei,    er  unterhandelt  beständig  mit  dem 


84  Lutfzia 

Operndirektor,  mit  den  Sängern,  den  Tänzern,  dem 
Chef  de  Claque,  den  Journalisten;  er  läuft  mit  seinen 
Transtiefeln  ohne  Lederstrippen  von  morgens  bis 
abends  nach  allen  Zeitungsredaktionen,  um  irgendein 
Reklam  zugunsten  der  sogenannten  Meyerbeerschen 
Opern  anzubringen,  und  seine  Unermüdlichkeit  soll 
jeden  in  Erstaunen  setzen. 

Als  mir  Spontini  diese  Hypothese  mitteilte,  gestand 
ich,  daß  sie  nicht  aller  Wahrscheinlichkeit  ermangle, 
und  daß,  obgleich  das  vierschrötige  Äußere,  das 
ziegelrote  Gesicht,  die  kurze  Stirn,  das  schmierig 
schwarze  Haar  des  erwähnten  Herrn  Gouin  viel  mehr 
an  einen  Ochsenzüchter  oder  Viehmäster,  als  an 
einen  Tonkünstler  erinnere,  dennoch  in  seinem  Be* 
nehmen  manches  vorkomme,  das  ihn  in  den  Ver- 
dacht bringe,  der  Autor  der  Meyerbeerschen  Opern 
zu  sein.  Es  passiert  ihm  manchmal,  daß  er  »Robert 
le  Diable«  oder  die  »Hugenotten«  »unsere  Oper« 
nennt.  Es  entschlüpfen  ihm  Redensarten  wie:  »Wir 
haben  heute  eine  Repetition«  —  »Wir  müssen  eine 
Arie  abkürzen«.  Auch  ist  es  sonderbar,  bei  keiner 
Vorstellung  jener  Opern  fehlt  Herr  Gouin,  und  wird 
eine  Bravourarie  applaudiert,  vergißt  er  sich  ganz, 
und  verbeugt  sich  nach  allen  Seiten,  als  wolle  er 
dem  Pubfiko  danken.  Ich  gestand  dieses  alles  dem 
grimmigen  Italiener,  »aber  dennoch«,  fügte  ich  hinzu, 
»trotzdem  daß  ich  mit  eigenen  Augen  dergleichen 
bemerkt,  halte  ich  Herrn  Gouin  nicht  für  den  Autor 
der  Meyerbeerschen  Opern;  ich  kann  nicht  glauben, 
daß  Herr  Gouin  die  ,Hugenotten'  und  ,Robert  le 
Diable'  geschrieben  habe;  ist  es  aber  doch  der  Fall, 
so  muß  gewiß  die  Künstlereitelkeit  am  Ende  die 
Oberhand  gewinnen,  und  Herr  Gouin  wird  öffentlich 
die  Autorschaft    jener  Opern    für   sich  vindizieren«. 


Erster  Teil  8c 

»Nein«,  erwiderte  der  Italiener  mit  einem  unheim* 
liehen  Blick,  der  stechend  wie  ein  blankes  Stilett, 
»dieser  Gouin  kennt  zu  gut  seinen  Meyerbeer,  als 
daß  er  nicht  wüßte,  welche  Mittel  seinem  schreck* 
liehen  Freunde  zu  Gebote  stehen,  um  jemand  zu 
beseitigen,  der  ihm  gefährlich  ist.  Er  wäre  kapabel, 
unter  dem  Verwände,  sein  armer  Gouin  sei  verrückt 
geworden,  denselben  auf  ewig  in  Charenton  ein* 
sperren  zu  lassen,  und  der  arme  Schelm  dürfte  noch 
froh  sein,  mit  dem  Leben  davonzukommen.  Alle,  die 
jenem  Ehrgeizling  hindernd  im  Wege  stehen,  müssen 
weichen.    Wo  ist  Weber?  wo  Bellini?  Hum!  Hum!« 

Dieses  hum!  hum!  war  trotz  aller  unverschämten 
Bosheit  so  drollig,  daß  ich  nicht  ohne  Lachen  die 
Bemerkung  machte:  »Aber  Sie,  Maestro,  Sie  sind 
noch  nicht  aus  dem  Wege  geräumt,  auch  nicht  Do* 
nizetti,  oder  Mendelssohn,  oder  Rossini,  oder  Halevy.« 
—  »Hum!  Hum!«  war  die  Antwort,  »Hum!  Hum! 
Halevy  geniert  seinen  Konfrater  nicht,  und  dieser 
würde  ihn  sogar  dafür  bezahlen,  daß  er  nur  exi* 
stiere,  als  ungefährlicher  Scheinrival,  und  von  Ros* 
sini  weiß  er,  durch  seine  Späher,  daß  derselbe  keine 
Note  mehr  komponiert  —  auch  hat  Rossinis  Magen 
schon  genug  gelitten,  und  er  berührt  kein  Piano,  um 
nicht  Meyerbeers  Argwohn  zu  erregen.  Hum !  Hum  ! 
Aber  gottlob !  nur  unsere  Leiber  können  getötet  wer* 
den,  nicht  unsere  Geisteswerke;  diese  werden  in 
ewiger  Frische  fortblühen,  während  mit  dem  Tode 
jenes  Cartouche  der  Musik  auch  seine  Unsterblich* 
keit  ein  Ende  nimmt,  und  seine  Opern  ihm  folgen 
ins  stumme  Reich  der  Vergessenheit!« 

Nur  mit  Mühe  zügelte  ich  meinen  Unwillen,  als 
ich  hörte,  mit  welcher  frechen  Geringschätzung  der 
welsche  Neidhardt   von   dem  großen   hochgefeierten 


(S6  Luteria 

Meister  sprach,  welcher  der  Stolz  Deutschlands  und 
die  Wonne  des  Morgenlandes  ist,  und  gewiß  als  der 
wahre  Schöpfer  von  »Robert  le  Diable«  und  den 
*  Hugenotten«  betrachtet  und  bewundert  werden  muß! 
Nein,  so  etwas  Herrliches  hat  kein  Gouin  komponiert! 
Bei  aller  Verehrung  für  den  hohen  Genius,  wollen 
freilich  zuweilen  bedenkliche  Zweifel  in  mir  auf- 
steigen in  betreff  der  Unsterblichkeit  dieser  Meister- 
werke nach  dem  Ableben  des  Meisters,  aber  in 
meiner  Unterredung  mit  Spontini  gab  ich  mir  doch 
die  Miene,  als  sei  ich  überzeugt  von  ihrer  Fortdauer 
nach  dem  Tode,  und  um  den  boshaften  Italiener  zu 
ärgern,  machte  ich  ihm  im  Vertrauen  eine  Mitteilung, 
woraus  er  ersehen  konnte,  wie  weitsichtig  Meyerbeer 
für  das  Gedeihen  seiner  Geisteskinder  bis  über  das 
Grab  hinaus  gesorgt  hat.  »Diese  Fürsorge«,  sagte 
ich,  »ist  ein  psychologischer  Beweis,  daß  nicht  Herr 
Gouin,  sondern  der  große  Giacomo  der  wirkliche 
Vater  sei.  Derselbe  hat  nämlich  in  seinem  Testa- 
ment zugunsten  seiner  musikalischen  Geisteskinder 
gleichsam  ein  Fideikommiß  gestiftet,  indem  er  jedem 
ein  Kapital  vermachte,  dessen  Zinsen  dazu  bestimmt 
sind,  die  Zukunft  der  armen  Waisen  zu  sichern,  so 
daß  auch  nach  dem  Hinscheiden  des  Herrn  Vaters 
die  gehörigen  Popularitätsausgaben,  der  eventuelle 
Aufwand  von  Flitterstaat,  Claque,  Zeitungslob  usw., 
bestritten  werden  können.  Selbst  für  das  noch  un- 
geborne  Prophetchen  soll  der  zärtliche  Erzeuger  die 
Summe  von  150000  Taler  preuß.  Cour,  ausgesetzt 
haben.  Wahrlich,  noch  nie  ist  ein  Prophet  mit  einem 
so  großen  Vermögen  zur  Welt  gekommen;  der  Zim- 
mermannssohn von  Bethlehem  und  der  Kameltreiber 
von  Mekka  waren  nicht  so  begütert.  ,Robert  le 
Diable'  und  die  ,Hugenotten'  sollen  minder  reichlich 


Erster  Teil  87 

dotiert  sein;  sie  können  vielleicht  auch  einige  Zeit 
vom  eigenen  Fette  zehren,  solange  für  Dekorations- 
pracht  und  üppige  Ballettbeine  gesorgt  ist;  später 
werden  sie  Zulage  bedürfen.  Für  den  ,Crociato' 
dürfte  die  Dotation  nicht  so  glänzend  ausfallen;  mit 
Recht  zeigt  sich  hier  der  Vater  ein  bißchen  knickerig, 
und  er  klagt,  der  lockere  Fant  habe  ihm  einst  in 
Italien  zuviel  gekostet;  er  sei  ein  Verschwender. 
Desto  großmütiger  bedenkt  Meyerbeer  seine  unglück» 
liehe,  durchgefallene  Tochter  ,Emma  de  Rosburgo'; 
sie  soll  jährlich  in  der  Presse  wieder  aufgeboten  wer» 
den,  sie  soll  eine  neue  Ausstattung  bekommen,  und 
erscheint  in  einer  Prachtausgabe  von  Satin-Velin;  für 
verkrüppelte  Wechselbälge  schlägt  immer  am  treuesten 
das  liebende  Herz  der  Eltern.  Solcherweise  sind 
alle  Meyerbeerschen  Geisteskinder  gut  versorgt,  ihre 
Zukunft  ist  verassekuriert  für  alle  Zeiten.«   — 

Der  Haß  verblendet  selbst  die  Klügsten,  und  es 
ist  kein  Wunder,  daß  ein  leidenschaftlicher  Narr,  wie 
Spontini,  meine  Worte  nicht  ganz  bezweifelte.  —  Er 
rief  aus:  »O!  er  ist  alles  fähig!  Unglückliche  Zeit! 
Unglückliche  Welt!« 

Ich  schließe  hier,  da  ich  ohnehin  heute  sehr  tragisch 
gestimmt  bin  und  trübe  Todesgedanken  über  meinen 
Geist  ihre  Schatten  werfen.  Heute  hat  man  meinen 
armen  Sakoski  begraben,  den  berühmten  Lederkünstler 
—  denn  die  Benennung  Schuster  ist  zu  gering  für 
einen  Sakoski.  Alle  marchands  bottiers  und  fabri» 
cants  de  chaussures  von  Paris  folgten  seiner  Leiche. 
Er  ward  achtundachtzig  Jahre  alt,  und  starb  an  einer 
Indigestion.  Er  lebte  weise  und  glücklich.  Wenig 
bekümmerte  er  sich  um  die  Köpfe,  aber  desto  mehr 
um  die  Füße  seiner  Zeitgenossen.  Möge  die  Erde 
dich   ebensowenig  drücken,   wie   mich  deine  Stiefel! 


88  Lutezia 

XIII. 

Paris,  3.  Juli  1840. 

Für  einige  Zeit  haben  wir  Ruhe,  wenigstens  vor 
den  Deputierten  und  Fortepianospielern,  den  zwei 
schrecklichen  Landplagen,  wovon  wir  den  ganzen 
Winter  bis  tief  ins  Frühjahr  so  viel  erdulden  müssen. 
Das  Palais  Bourbon  und  die  Salons  der  H.  H.  Erard 
und  Herz  sind  mit  dreifachen  Schlössern  verriegelt. 
Gottlob,  die  politischen  und  musikalischen  Virtuosen 
schweigen!  Die  paar  Greise,  die  im  Luxembourg 
sitzen,  murmeln  immer  leiser,  oder  nicken  schlaf* 
trunken  ihre  Einwilligung  zu  den  Beschlüssen  der 
Jüngern  Kammer.  Ein  paarmal  vor  einigen  Wochen 
machten  die  alten  Herren  eine  verneinende  Kopf- 
bewegung, die  man  als  bedrohlich  für  das  Mini- 
sterium auslegte;  aber  sie  meinten  es  nicht  so  ernst- 
haft. Herr  Thiers  hat  nichts  weniger  als  einen 
bedeutenden  Widerspruch  von  Seiten  der  Pairskammer 
zu  erwarten.  Auf  diese  kann  er  noch  sicherer  zählen, 
als  auf  seine  Schildhalter  in  der  Deputiertenkammer, 
obgleich  er  auch  letztere  mit  gar  starken  Banden  und 
Bändchen,  mit  rhetorischen  Blumenketten  und  voll- 
wichtigen Goldketten,  an  seine  Person  gefesselt  hat! 

Der  große  Kampf  dürfte  jedoch  nächsten  Winter 
hervorbrechen,  nämlich  wenn  Herr  Guizot,  der  seinen 
Gesandtschaftsposten  aufgeben  wird,  von  London 
zurückkehrt  und  seine  Opposition  gegen  Herrn  Thiers 
aufs  neue  eröffnet.  Diese  beiden  Nebenbuhler  haben 
schon  frühe  begriffen,  daß  sie  zwar  einen  kurzen 
Waffenstillstand  schließen,  aber  nimmermehr  ihren 
Zweikampf  ganz  aufgeben  können.  Mit  dem  Ende 
desselben  findet  vielleicht  auch  das  ganze  parlamen- 
tarische Gouvernement  in  Frankreich  seinen  Abschluß. 


Erster  Teil  89 

Herr  Guizot  beging  einen  großen  Fehler,  als  er 
an  der  Koalition  teilnahm.  Er  hat  später  selber 
eingestanden,  daß  es  ein  Fehler  gewesen,  und  ge- 
wissermaßen um  sich  zu  rehabilitieren,  ging  er  nach 
London:  er  wollte  das  Vertrauen  der  auswärtigen 
Mächte,  das  er  in  seiner  Stellung  als  Oppositions- 
mann  eingebüßt  hatte,  in  seiner  diplomatischen  Lauf- 
bahn  wiedergewinnen;  denn  er  rechnet  darauf,  daß 
am  Ende,  bei  der  Wahl  eines  Konseilpräsidenten  in 
Frankreich,  wieder  der  fremdländische  Einfluß  ob* 
siegen  werde.  Vielleicht  rechnet  er  zugleich  auf 
einige  einheimische  Sympathien,  deren  Herr  Thiers 
allmählich  verlustig  gehen  würde,  und  die  ihm,  dem 
geliebten  Guizot,  zuflössen.  Böse  Zungen  versichern 
mir,  die  Doktrinäre  bildeten  sich  ein,  man  liebe  sie 
schon  jetzt.  So  weit  geht  die  Selbstverblendung 
selbst  bei  den  gescheitesten  Leuten!  Nein,  Herr^ 
Guizot,  wir  sind  noch  nicht  dahin  gekommen,  Sie 
zu  lieben;  aber  wir  haben  auch  noch  nicht  aufgehört, 
Sie  zu  verehren.  Trotz  all  unsrer  Liebhaberei  für 
den  beweglich  brillanten  Nebenbuhler  haben  wir  dem 
schweren,  trüben  Guizot  nie  unsre  Anerkenntnis 
versagt;  es  ist  etwas  Sicheres,  Haltbares,  Gründliches  * 
in  diesem  Manne,  und  ich  glaube,  die  Interessen  der 
Menschheit  liegen  ihm  am  Herzen. 

Von  Napoleon  ist  in  diesem  Augenblick  keine 
Rede  .mehr;  hier  denkt  niemand  mehr  an  seine  Asche, 
und  das  ist  eben  sehr  bedenklich.  Denn  die  Be- 
geisterung, die  durch  das  beständige  Getratsche  am 
Ende  in  eine  sehr  bescheidene  Wärme  übergegangen 
war,  wird  nach  fünf  Monden,  wenn  der  kaiserliche 
Leichenzug  anlangt,  mit  erneueten  Bränden  aufflam- 
men. Werden  alsdann  die  emporsprühenden  Funken 
großen  Schaden  anstiften?     Es   hängt  alles  von  der 


m  Kuteria 

Witterung  ab.  Vielleicht,  wenn  die  Winterkälte  frühe 
eintritt  und  viel  Schnee  fällt,  wird  der  Tote  sehr 
kühl  begraben. 


XIV. 

Paris,  den  25.  Juli  1840. 

Auf  den  hiesigen  Boulevards -Theatern  wird  jetzt 
die  Geschichte  Bürgers,  des  deutschen  Poeten,  tragiert; 
da  sehen  wir,  wie  er,  die  »Leonore«  dichtend,  im 
Mondschein  sitzt  und  singt:  »Hurrah!  les  morts 
vont  vite  —  mon  amour,  crains-tu  les  morts?« 
Das  ist  wahrhaftig  ein  guter  Refrain,  und  wir  wollen 
ihn  unserm  heutigen  Berichte  voranstellen,  und  zwar 
in  nächster  Beziehung  auf  das  französische  Mini- 
sterium. —  Aus  der  Ferne  schreitet  die  Leiche  des 
Riesen  von  Sankt  Helena  immer  bedrohlich  näher, 
und  in  einigen  Tagen  öffnen  sich  auch  die  Gräber 
hier  in  Paris  und  die  unzufriedenen  Gebeine  der 
Juliushelden  steigen  hervor  und  wandern  nach  dem 
Bastillenplatz,  der  furchtbaren  Stätte,  wo  die  Ge- 
spenster von  Anno  89  noch  immer  spuken  .  .  .  »Les 
morts  vont  vite  —  mon  amour,  crains-tu  les  morts?« 

In  der  Tat,  wir  sind  sehr  beängstigt  wegen  der 
bevorstehenden  Juliustage,  die  dieses  Jahr  ganz  be- 
sonders pomphaft,  aber,  wie  man  glaubt,  zum  letzten- 
mal gefeiert  werden;  nicht  alle  Jahr  kann  sich  die 
Regierung  solche  Schreckenslast  aufbürden.  Die 
Aufregung  wird  dieser  Tage  größer  sein,  je  wahl- 
verwandter die  Töne  sind,  die  aus  Spanien  herüber- 
klingen, und  je  greller  die  Details  des  Barceloner 
Aufstandes,  wo  sogenannte  Elende  bis  zur  gröbsten 
Beleidigung  der   Majestät  sich  vergaßen. 


Erster  Teil 


9» 


Während  im  Westen  der  Sukzessionskrieg  beendigt 
und  der  eigentliche  Revolutionskrieg  beginnt,  ver- 
wickeln sich  die  Angelegenheiten  des  Orients  in 
einen  unauflöslichen  Knäuel.  Die  Revolte  in  Syrien 
setzt  das  französische  Ministerium  in  die  größte 
Verlegenheit.  Auf  der  einen  Seite  will  es  mit  all 
seinem  Einfluß  die  Macht  des  Pascha  von  Ägypten 
unterstützen,  auf  der  andern  Seite  darf  es  die  Maro- 
niten,  die  Christen  auf  dem  Berg  Libanon,  welche 
die  Fahne  der  Empörung  aufpflanzten,  nicht  ganz 
desavouieren;  —  denn  diese  Fahne  ist  ja  die  fran- 
zösische Trikolore;  die  Rebellen  wollen  sich  durch 
letztere  als  Angehörige  Frankreichs  bekunden,  und 
sie  glauben,  daß  dieses  nur  scheinbar  den  Mehemet 
Ali  unterstütze,  im  geheimen  aber  die  syrischen 
Christen  gegen  die  ägyptische  Herrschaft  aufwiegle. 
Inwieweit  sind  sie  zu  solcher  Annahme  berechtigt? 
Haben  wirklich,  wie  man  behauptet,  einige  Lenker 
der  katholischen  Partei,  ohne  Vorwissen  der  fran- 
zösischen Regierung,  ein  Schilderheben  der  Maro» 
niten  gegen  den  Pascha  angezettelt,  in  der  Hoffnung, 
bei  der  Schwäche  der  Türken  ließe  sich  jetzt  nach 
Vertreibung  der  Agyptier  in  Syrien  ein  christliches 
Reich  begründen?  Dieser  ebenso  unzeitige,  wie  fromme 
Versuch  wird  dort  viel  Unglück  stiften.  Mehemet 
Ali  war  über  den  Ausbruch  der  syrischen  Revolte 
so  entrüstet,  daß  er  wie  ein  wildes  Tier  raste  und 
nichts  Geringeres  im  Sinne  hatte,  als  die  Ausrottung 
aller  Christen  auf  dem  Berg  Libanon.  Nur  die 
Vorstellungen  des  österreichischen  Generalkonsuls 
konnten  ihn  von  diesem  unmenschlichen  Vorhaben 
abbringen,  und  diesem  hochherzigen  Manne  verdanken 
viele  Tausende  von  Christen  ihr  Leben,  während  ihm 
der  Pascha  noch  mehr  zu  verdanken  hat :  er  rettete 


q2  Lutezia 

nämlich  seinen  Namen  vor  ewiger  Schande.  Mehemet 
Ali  ist  nicht  unempfindlich  für  das  Ansehen,  das  er 
bei  der  zivilisierten  Welt  genießt,  und  Herr  von 
Laiirin  entwaffnete  seinen  Zorn  ganz  besonders  durch 
eine  Schilderung  der  Antipathien,  die  er,  durch  die 
Ermordung  der  Maroniten,  in  ganz  Europa  auf  sich 
lüde,  zum  höchsten  Schaden  seiner  Macht  und  seines 
Ruhmes. 

Das  alte  System  der  Völkervertilgung  wird  solcher* 
maßen,  durch  europaischen  Einfluß,  im  Orient  all- 
mählich verdrängt.  Auch  die  Existenzrechte  des 
Individuums  gelangen  dort  zu  höherer  Anerkennung, 
und  namentlich  werden  die  Grausamkeiten  der  Tortur 
einem  mildern  Kriminalverfahren  weichen.  Es  ist 
die  Blutgeschichte  von  Damaskus,  welche  dieses 
letztere  Resultat  hervorbringen  wird,  und  in  dieser 
Beziehung  dürfte  die  Reise  des  Herrn  Cremieux  nach 
Alexandria  als  eine  wichtige  Begebenheit  eingezeichnet 
werden  in  die  Annalen  der  Humanität.  Dieser  be- 
rühmte Rechtsgelehrte,  der  zu  den  gefeiertsten  Man* 
nern  Frankreichs  gehört  und  den  ich  in  diesen 
Blättern  bereits  besprach,  hat  schon  seine  wahrhaft 
fromme  Wallfahrt  angetreten,  begleitet  von  seiner 
Gattin,  die  alle  Gefahren,  womit  man  ihren  Mann 
bedrohte,  teilen  wollte.  Mögen  diese  Gefahren,  die 
ihn  vielleicht  nur  abschrecken  sollten  von  seinem 
edlen  Beginnen,  ebenso  klein  sein  wie  die  Leute,  die 
j  sie  bereiten!  In  der  Tat,  dieser  Advokat  der  Juden 
plädiert  zugleich  die  Sache  der  ganzen  Menschheit. 
Um  nichts  Geringeres  handelt  es  sich,  als  auch  im 
Orient  das  europäische  Verfahren  beim  Kriminal* 
prozeß  einzuführen.  Der  Prozeß  gegen  die  Damas* 
zener  Juden  begann  mit  der  Folter;  er  kam  nicht 
zu  Ende,  weil  ein  österreichischer  Untertan  inkulpiert 


Erster  Teil  q? 

war  und  der  österreichische  Konsul  gegen  das  Tor- 
quieren  desselben  einschritt.  Jetzt  soll  nun  der  Prozeß 
aufs  neue  instruiert  werden,  und  zwar  ohne  obligate 
Folter,  ohne  jene  Torturinstrumente,  die  den  Beklagten 
die  unsinnigsten  Aussagen  abmarterten  und  die  Zeugen 
einschüchterten.  Der  französische  Oberkonsul  in 
Alexandria  setzt  Himmel  und  Erde  in  Bewegung, 
um  diese  erneuete  Instruktion  des  Prozesses  zu  hinter* 
treiben;  denn  das  Betragen  des  französischen  Konsuls 
von  Damaskus  könnte  bei  dieser  Gelegenheit  sehr 
stark  beleuchtet  werden,  und  die  Schande  seines 
Repräsentanten  dürfte  das  Ansehen  Frankreichs  in 
Syrien  erschüttern.  Und  Frankreich  hat  mit  diesem 
Lande  weit  ausgreifende  Plane,  die  noch  von  den 
Kreuzzügen  datieren,  die  nicht  einmal  von  der  Re- 
volution aufgegeben  worden,  die  später  Napoleon  ins 
Auge  faßte,  und  woran  selbst  Herr  Thiers  denkt. 
Die  syrischen  Christen  erwarten  ihre  Befreiung  von 
den  Franzosen,  und  diese,  so  freigeistig  sie  auch  zu 
Hause  sein  mögen,  gelten  dennoch  gern  als  fromme 
Schützer  des  katholischen  Glaubens  im  Orient  und 
schmeicheln  dort  der  Zelosis  der  Mönche.  So  er- 
klären wir  es  uns,  weshalb  nicht  bloß  Herr  Cochelet 
in  Alexandria,  sondern  sogar  unser  Konseilpräsident, 
der  Sohn  der  Revolution  in  Paris,  den  Konsul  von 
Damaskus  in  Schutz  nehmen.  —  Es  handelt  sich^ 
jetzt  wahrlich  nicht  um  die  hohe  Tugend  eines  Ratti- 
Menton  oder  um  die  Schlechtigkeit  der  Damaszener 
Juden  —  es  gibt  vielleicht  zwischen  beiden  keinen 
großen  Unterschied,  und  wie  jener  für  unsern  Haß, 
so  dürften  letztere  für  unsre  Vorliebe  zu  gering  sein 
—  aber  es  handelt  sich  darum:  die  Abschaffung 
der  Tortur  durch  ein  eklatantes  Beispiel  im  Orient 
zu  sanktionieren.   —   Die  Konsuln   der  europäischen 


94 


Lutezia 


Großmächte,  namentlich  Österreichs  und  Englands, 
haben  daher  auf  eine  erneuerte  Instruktion  des  Pro- 
zesses der  Damaszener  Juden  ohne  Zulassung  der 
Tortur  beim  Pascha  von  Ägypten  angetragen,  und 
es  mag  ihnen  vielleicht  nebenher  einige  Schadenfreude 
gewähren,  daß  eben  Herr  Cochelet,  der  französische 
Konsul,  der  Repräsentant  der  Revolution  und  ihres 
Sohnes,  sich  jener  erneuten  Instruktion  widersetzt 
und  für  die  Tortur  Partei  nimmt. 


XV. 

Paris,  27.  Juli  1840. 

Hier  überstürzen  sich  die  Hiobsposten;  aber  die 
letzte,  die  schlimmste,  die  Konvention  zwischen  Eng- 
land, Rußland,  Österreich  und  Preußen  gegen  den 
Pascha  von  Ägypten,  erregte  weit  mehr  jauchzende 
Kampflust  als  Bestürzung,  sowohl  bei  der  Regierung 
als  bei  dem  Volke.  Der  gestrige  »Constitutione!«, 
welcher  ohne  Umschweife  gestand,  daß  Frankreich 
ganz  schnöde  getäuscht  und  beleidigt  sei,  beleidigt 
bis  zur  Voraussetzung  einer  feigen  Unterwürfigkeit  ~ 
diese  ministerielle  Anzeige  des  in  London  ausgebrü- 
teten Verrats  wirkte  hier  wie  ein  Trompetenstoß,  man 
glaubte  den  großen  Zornschrei  des  Achilles  zu  verneh- 
men, und  die  verletzten  Nationaigefühle  und  National- 
interessen bewirken  jetzt  einen  Waffenstillstand  der 
hadernden  Parteien.  Mit  Ausnahme  der  Legitimisten, 
die  ihr  Heil  nur  vom  Ausland  erwarten,  versammeln 
sich  alle  Franzosen  um  die  dreifarbige  Fahne,  und  Krieg 
mit  dem  »perfiden  Albion«  ist  ihre  gemeinsame  Parole. 

Wenn  ich  oben  sagte,  daß  die  Kampflust  auch 
bei  der  Regierung  entloderte,  so  meine  ich  damit  das 


Erster  Teil  95 

hiesige  Ministerium  und  zumal  unsern  kecken  Kon- 
seilpräsidenten, der  das  Leben  Napoleons  bereits  bis 
zum  Ende  des  Konsulats  beschrieben  hat,  und  mit 
südlich  glühender  Einbildungskraft  seinem  Helden  auf 
so  vielen  Siegesfahrten  und  Schlachtfeldern  folgte. 
Es  ist  vielleicht  ein  Unglück,  daß  er  nicht  auch  den 
russischen  Feldzug  und  die  große  Retirade  im  Geiste 
mitmachte.  Wäre  Hr.  Thiers  in  seinem  Buche  bis 
zu  Waterloo  gelangt,  so  hätte  sich  vielleicht  sein 
Kriegsmut  etwas  abgekühlt.  Was  aber  weit  wich-^ 
tiger  und  weit  beachtenswerter  als  die  kriegerischen 
Gelüste  des  Premierministers,  das  ist  das  unbegrenzte 
Vertrauen,  das  er  in  seine  eigenen  militärischen  Ta- 
lente setzt.  Ja,  es  ist  eine  Tatsache,  die  ich  aus 
vieljähriger  Beobachtung  verbürgen  kann:  Hr.  Thiers 
glaubt  steif  und  fest,  daß  nicht  das  parlamentarische 
Scharmützeln,  sondern  der  eigentliche  Krieg,  das 
klirrende  Waffenspiel,  seine  angeborne  Vokation  sei. 
Wir  haben  es  hier  nicht  mit  der  Untersuchung  zu 
tun,  ob  diese  innere  Stimme  Wahrheit  spricht  oder 
bloß  der  eiteln  Selbsttäuschung  schmeichelt.  Nur 
darauf  wollen  wir  aufmerksam  machen,  wie  dieser 
eingebildete  Feldherrnberuf  wenigstens  zur  Folge  hat, 
daß  Herr  Thiers  vor  den  Kanonen  des  neuen  Fürsten» 
konvents  nicht  sonderlich  erschrecken  wird,  daß  es 
ihn  heimlich  freut,  durch  die  äußerste  Notwendigkeit 
gezwungen  zu  sein,  seine  militärischen  Talente  der 
überraschten  Welt  zu  offenbaren,  und  daß  gewiß  schon 
in  diesem  Augenblick  die  französischen  Admirale 
die  bestimmteste  Ordre  erhalten  haben,  die  ägyp- 
tische Flotte  gegen  jeden  Überfall  zu  schützen. 

Ich  zweifle  nicht  an  dem  Resultat  dieses  Schutzes, 
wie  furchtbar  auch  die  Seemacht  der  Engländer. 
Ich  habe  Toulon   unlängst  gesehen,  und  hege  einen 


g6  Lutezia 

großen  Respekt  vor  der  französischen  Marine.  Letz- 
tere ist  bedeutender  als  man  im  übrigen  Europa  weiß ; 
denn  außer  den  Kriegsschiffen,  die  auf  dem  bekannten 
Etat  stehen,  und  die  Frankreich  gleichsam  offiziell 
besitzt,  wurde  seit  1814  eine  fast  doppelt  so  große 
Anzahl  im  Arsenal  von  Toulon  allmählich  fertig  ge- 
baut, die  in  einer  Frist  von  sechs  Wochen  ganz 
bemannbar  ausgerüstet  werden  kann.  —  Wird  aber 
durch  ein  bombardierendes  Zusammentreffen  der  fran- 
zösischen und  englischen  Flotten  im  Mittelländischen 
Meere  der  Frieden  von  Europa  gestört  werden,  und 
der  allgemeine  Krieg  zum  Ausbruche  kommen? 
Keineswegs.  Ich  glaub  es  nicht.  Die  Mächte  des 
^  Kontinents  werden  sich  noch  lange  besinnen,  ehe 
sie  sich  wieder  mit  Frankreich  in  ein  Todesspiel  ein- 
lassen.  Und  was  John  Bull  betrifft,  so  weiß  dieser 
dicke  Mann  sehr  gut,  was  ein  Krieg  mit  Frankreich, 
selbst  wenn  letzteres  ganz  isoliert  zu  stehen  käme, 
seinem  Säckel  kosten  würde;  mit  einem  Wort:  das  eng- 
tische  Unterhaus  wird  auf  keinen  Fall  die  Kriegskosten 
bewilligen;  und  das  ist  die  Hauptsache.  Entstünde 
aber  dennoch  ein  Krieg  zwischen  den  beiden  Völ- 
kern, so  wäre  das,  mythologisch  zu  reden,  eine  Malice 
der  alten  Götter,  die,  um  ihren  jetzigen  Kollegen, 
den  Napoleon,  zu  rächen,  vielleicht  die  Absicht 
haben,  den  Wellington  wieder  ins  Feld  zu  schicken 
und  durch  den  Generalfeldmarschall  Thiers  besiegen 


zu  lassen! 


XVI. 


Paris,  29.  Juli  1840. 

J       Herr  Guizot  hat  bewiesen,  daß  er  ein   ehrlicher 

Mann  ist;   er   hat  die   geheime  Verräterei  der  Eng- 


Erster  Teil  97 

länder  weder  zu  durchschauen,  noch  durch  Gegen^ 
list  zu  vereiteln  gewußt.  Er  kehrt  als  ehrlicher  Mann 
zurück,  und  den  diesjährigen  Tugendpreis,  den  prix 
Monthyon,  wird  ihm  niemand  streitig  machen.  Be= 
ruhige  dich,  puritanischer  Stutzkopf,  die  treulosen 
»Kavaliere«  haben  dich  hinters  Licht  geführt  und 
zum  Narren  gehabt  —  aber  dir  bleiben  deine  stol- 
zesten Selbstgefühle:  das  Bewußtsein,  daß  du  noch 
immer  du  selbst  bist.  Als  Christ  und  Doktrinär  wirst 
du  dein  Mißgeschick  geduldig  ertragen,  und  seit  wir 
herzlich  über  dich  lachen  können,  öffnet  sich  dir 
auch  unser  Herz.  Du  bist  wieder  unser  alter  lieber 
Schulmeister,  und  wir  freuen  uns,  daß  der  weltliche 
Glanz  dir  deine  fromme,  magisterliche  Naivetät  nicht 
geraubt  hat,  daß  du  gefoppt  und  gedrillt  worden, 
aber  ein  ehrlicher  Mann  geblieben  bist !  Wir  fangen 
an  dich  zu  lieben.  Nur  den  Gesandtschaftsposten 
zu  London  möchten  wir  dir  nicht  mehr  anvertrauen ; 
dazu  gehört  ein  Geierblick,  der  die  Ränke  des  per- 
fiden Albions  zeitig  genug  auszuspionieren  weiß,  oder 
ein  ganz  unwissenschaftlicher,  derber  Bursche,  der 
keine  gelehrte  Sympathie  hegt  für  die  großbritannische 
Regierungsform,  keine  höflichen  Speeches  in  eng- 
lischer Sprache  zu  machen  versteht,  aber  auf  fran- 
zösisch antwortet,  wenn  man  ihn  mit  zweideutigen 
Reden  hinhalten  will.  Ich  rate  den  Franzosen,  den 
ersten  besten  Grenadier  der  alten  Garde  als  Ge- 
sandten nach  London  zu  schicken  und  ihm  allenfalls 
Vidocq  als  Wirklichen  Geheimen  Legationssekretär 
mitzugeben. 

Sind  aber  die  Engländer  in  der  Politik  wirklich 
so  ausgezeichnete  Köpfe?  Worin  besteht  ihre  Supe- 
riorität  in  diesem  Felde?  Ich  glaube,  sie  besteht 
darin,   daß    sie    erzprosaische   Geschöpfe   sind,   daß 

IX,  7 


98 


Lutezia 


keine  poetischen  Illusionen  sie  irre  leiten,  daß  keine 
glühende  Schwärmerei  sie  blendet,  daß  sie  die  Dinge 
v/  immer  in  ihrem  nüchternsten  Lichte  sehen,  den  nackten 
Tatbestand  fest  ins  Auge  fassen,  die  Bedingnisse  der 
Zeit  und  des  Ortes  genau  berechnen  und  in  diesem 
Kalkül  weder  durch  das  Pochen  ihres  Herzens,  noch 
durch  den  Flügelschlag  großmütiger  Gedanken  ge- 
|  stört  werden.  Ja,  ihre  Superiorität  besteht  darin,  daß 
i  sie  keine  Einbildungskraft  besitzen.  Dieser  Mangel 
ist  die  ganze  Force  der  Engländer,  und  der  letzte 
Grund  ihres  Gelingens  in  der  Politik,  wie  in  allen 
realistischen  Unternehmungen,  in  der  Industrie,  im 
Maschinenbau  usw.  Sie  haben  keine  Phantasie;  das 
ist  das  ganze  Geheimnis.  Ihre  Dichter  sind  nur 
glänzende  Ausnahmen;  deshalb  geraten  sie  auch  in 
Opposition  mit  ihrem  Volke,  dem  kurznasigen,  halb- 
stirnigen  und  hinterkopflosen  Volke,  dem  auser- 
wählten Volke  der  Prosa,  das  in  Indien  und  Italien 
ebenso  prosaisch,  kühl  und  berechnend  bleibt,  wie 
in  Threadneedlestreet.  Der  Duft  der  Lotusblume 
berauscht  sie  ebensowenig,  wie  die  Flamme  des  Ve- 
suvs sie  erwärmt.  Bis  an  den  Rand  des  letztern 
schleppen  sie  ihre  Teekessel,  und  trinken  dort  Tee 
gewürzt  mit  cant! 

Wie  ich  höre,  hat  voriges  Jahr  die  Taglioni  in 
London  keinen  Beifall  gefunden;  das  ist  wahrhaftig 
ihr  größter  Ruhm.  Hätte  sie  dort  gefallen,  so  würde, 
ich  anfangen,  an  der  Poesie  ihrer  Füße  zu  zweifeln. 
Sie  selber,  die  Söhne  Albions,  sind  die  schrecklich- 
sten aller  Tänzer,  und  Strauß  versichert,  es  gebe 
keinen  einzigen  unter  ihnen,  welcher  Takt  halten 
könne.  Auch  ist  er  in  der  Grafschaft  Middlesex  zu 
Tode  erkrankt,  als  er  Alt-England  tanzen  sah.  Diese 
J    Menschen   haben   kein  Ohr,   weder   für  Takt   noch 


Efster  Teil  gg 

für  Musik  überhaupt,  und  ihre  unnatürliche  Passion 
für  Klavierspielen  und  Singen  ist  um  so  widerwär* 
tiger.  Es  gibt  wahrlich  auf  Erden  nichts  so  Schreck^ 
liches  wie  die  englische  Tonkunst,  es  sei  denn  die 
englische  Malerei.  Sie  haben  weder  Gehör  noch 
Farbensinn,  und  manchmal  steigt  in  mir  der  Arg~ 
wohn  auf,  ob  nicht  ihr  Geruchsinn  ebenfalls  stumpf 
und  verschnupft  sei;  es  ist  sehr  leicht  möglich,  daß 
sie  Roßäpfel  und  Apfelsinen  nicht  durch  den  bloßen 
Geruch  voneinander  unterscheiden  können. 

Aber  haben  sie  Mut?  Dies  ist  jetzt  das  Wichtigste. 
Sind  die  Engländer  so  mutig,  wie  man  sie  auf  dem 
Kontinent  beständig  schilderte?  Die  vielgerühmte 
Großmut  der  Mylords  existiert  nur  noch  auf  unserm 
Theater,  und  es  ist  leicht  möglich,  daß  der  Aber» 
glaube  von  der  kaltblütigen  Kourage  der  Engländer 
ebenfalls  mit  der  Zeit  verschwindet.  Ein  sonderbarer 
Zweifel  ergreift  uns,  wenn  wir  sehen,  wie  ein  paar 
Husaren  hinreichend  sind,  ein  tobendes  Meeting  von 
100000  Engländern  auseinanderzujagen.  Und  haben 
auch  die  Engländer  viel  Mut  als  Individuen,  so  sind 
doch  die  Massen  erschlafft  durch  die  Gewöhnungen 
und  Komforts  eines  mehr  als  hundertjährigen  Frie- 
dens; seit  so  langer  Zeit  blieben  sie  im  Inlande  vom 
Krieg  verschont,  und  was  den  Krieg  betrifft,  den 
sie  im  Auslande  zu  bestehen  hatten,  so  führten  sie 
ihn  nicht  eigenhändig,  sondern  durch  angeworbene 
Söldner,  gedungene  Raubritter  und  Mietvölker.  Auf 
sich  schießen  zu  lassen,  um  Nationalinteressen  zu 
verteidigen,  wird  nimmermehr  einem  Bürger  der  City, 
nicht  einmal  dem  Lord-Mayor  einfallen;  dafür  hat 
man  ja  bezahlte  Leute.  Durch  diesen  allzu  langen 
Friedenszustand,  durch  zu  großen  Reichtum  und  zu 
großes  Elend,  durch  die  politische  Verderbnis,  die 


IOC  Lutezia 

eine  Folge  der  Repräsentativverfassung,  durch  das 
entnervende  Fabrikwesen,  durch  den  ausgebildeten 
Handelsgeist,  durch  die  religiöse  Heuchelei,  durch 
den  Pietismus,  dieses  schlimmste  Opium,  sind  die 
Engländer  als  Nation  so  unkriegerisch  geworden,  wie 
die  Chinesen,  und  ehe  sie  diese  letztern  überwinden, 
sind  vielleicht  die  Franzosen  imstande,  wenn  ihnen 
eine  Landung  gelänge,  mit  weniger  als  hunderttausend 
Mann  ganz  England  zu  erobern.  Zur  Zeit  Napo- 
leons  schwebten  die  Engländer  beständig  in  einer 
solchen  Gefahr,  und  das  Land  ward  nicht  geschützt 
durch  seine  Bewohner,  sondern  durch  das  Meer. 
Hätte  Frankreich  damals  eine  Marine  besessen,  wie 
es  sie  jetzt  besitzt,  oder  hätte  man  die  Erfindung 
der  Dampfschiffe  schon  so  furchtbar  auszubeuten 
gewußt,  wie  heutzutage,  so  wäre  Napoleon  sicher 
an  der  englischen  Küste  gelandet,  wie  einst  Wilhelm 
der  Eroberer  —  und  er  würde  keinen  großen  Wider* 
stand  gefunden  haben:  denn  er  hätte  eben  die  Er- 
oberungsrechte des  normannischen  Adels  vernichtet, 
das  bürgerliche  Eigentum  geschützt  und  die  englische 
Freiheit  mit  der  französischen  Gleichheit  vermählt! 
Weit  greller,  als  ich  sie  ausgesprochen,  stiegen 
die  vorstehenden  Gedanken  gestern  in  mir  auf  beim 
Anblick  des  Zuges,  der  dem  Leichenwagen  der  Julius- 
helden  folgte.  Es  war  eine  ungeheure  Volksmasse, 
die  ernst  und  stolz  dieser  Totenfeier  beiwohnte.  Ein 
imposantes  Schauspiel,  und  in  diesem  Augenblick  sehr 
bedeutungsvoll.  Fürchten  sich  die  Franzosen  vor 
den  neuen  Alliierten?  Wenigstens  in  den  drei  Julius- 
tagen spüren  sie  nie  eine  Anwandlung  von  Furcht, 
und  ich  kann  sogar  versichern,  daß  etwa  hundert- 
undfünfzig Deputierte,  die  noch  in  Paris  sind,  sich 
aufs  bestimmteste  für  den  Krieg  ausgesprochen  haben, 


Erster  Teil  101 

im  Fall  die  beleidigte  Nationalehre  dieses  Opfer  ver* 
lange.  Was  aber  das  Wichtigste:  Ludwig  Philipp 
scheint  dem  ruhigen  Erdulden  jeder  Unbill  Valet 
gesagt  und  für  den  Fall  der  Not  den  durchgreifend^ 
sten  Entschluß  gefaßt  zu  haben.  —  Wenigstens  sagt 
er  es,  und  Herr  Thiers  versichert,  daß  er  den  auf= 
brausenden  Unwillen  des  Königs  manchmal  nur  mit 
Mühe  besänftige.  Oder  ist  solche  Kriegslust  nur  eine 
Kriegslist  des  göttlichen  Dulders  Odysseus?  ^ 


XVII. 

Paris,  30.  Juli  1840. 

Es  gab  gestern  keine  Börse,  ebensowenig  wie  vor* 
gestern,  und  die  Kurse  hatten  Muße,  sich  von  der 
großen  Gemütsbewegung  etwas  zu  erholen.  Paris, 
wie  Sparta,  hat  seinen  Tempel  der  Furcht,  und  das 
ist  die  Börse,  in  deren  Hallen  man  immer  um  so  ^ 
ängstlicher  zittert,  je  stürmischer  der  Mut  ist,  der 
draußen  tobt. 

Ich  habe  mich  gestern  sehr  bitter  über  die  Eng* 
länder  ausgesprochen.  Bei  näherer  Erkundigung  er* 
scheint  ihre  Schuld  nicht  so  groß,  wie  ich  anfangs 
glaubte.  Wenigstens  das  englische  Volk  desavouiert 
seinen  Mandatarius.  Ein  dicker  Brite,  der  alle  Jahr 
am  29.  Julius  hieher  kommt,  um  seinen  Töchtern 
das  Feuerwerk  auf  dem  Pont  de  la  Concorde  zu 
zeigen,  versichert  mir,  es  herrsche  in  England  der^/ 
größte  Unwillen  gegen  den  Coxcomb  Palmerston,  der 
voraussehen  konnte,  daß  die  Konvention  wegen 
Ägypten  die  Franzosen  aufs  äußerste  beleidigen 
müsse.  Es  sei  in  der  Tat,  gestehen  die  Engländer, 
eine  Beleidigung   von   Seiten  Englands,   aber   es   sei 


102 


Lutezia 


keine  Verräterei:  denn  Frankreich  habe  seit  langer 
Zeit  darum  gewußt,  daß  man  Mehemet  Ali  aus 
Syrien  mit  Gewalt  verjagen  wolle;  das  französische 
Ministerium  sei  hiermit  ganz  einverstanden  gewesen; 
es  habe  selber  in  betreff  jener  Provinz  eine  sehr 
zweideutige  Rolle  gespielt;  die  geheimen  Lenker  der 
syrischen  Revolte  seien  Franzosen,  deren  katholischer 
Fanatismus  nicht  in  Downingstreet,  sondern  auf 
dem  Boulevard  des  Capucins  allerlei  aufmunternde 
Sympathien  finde;  bereits  in  der  Geschichte  von  den 
gefolterten  Juden  zu  Damaskus  habe  sich  das  fran- 
zösische Ministerium  zugunsten  der  katholischen 
Partei  sehr  kompromittiert;  schon  bei  dieser  Ge- 
legenheit habe  Lord  Palmerston  seine  Mißachtung 
des  französischen  Premierministers  hinlänglich  be- 
urkundet, indem  er  den  Behauptungen  desselben 
öffentlich  widersprach  usw.  —  Wie  dem  auch  sei, 
Lord  Palmerston  hätte  voraussehen  können,  daß  die 
Konvention  nicht  ausführbar  ist,  und  daß  also  die 
Franzosen  unnützerweise  in  Harnisch  gesetzt  würden, 
was  immerhin  seine  gefährlichen  Folgen  haben  kann. 
Je  länger  wir  darüber  nachdenken,  desto  mehr  wun- 
dern wir  uns  über  das  ganze  Ereignis.  Es  gibt  hier 
Motive,  die  uns  bis  jetzt  noch  verborgen  sind,  viel- 
leicht sehr  feine,  staatskluge  Motive  —  vielleicht 
auch  sehr  einfältige. 

Ich  habe  oben  der  Geschichte  von  Damaskus 
erwähnt.  Diese  findet  hier  noch  immer  viel  Be- 
sprechung, namentlich  bildet  sie  einen  stehenden 
Artikel  im  »Universc,  dem  Organ  der  ultramontanen 
Priesterpartei.  Eine  geraume  Zeit  hindurch  hat 
dieses  Journal  alle  Tage  einen  Brief  aus  dem  Orient 
mitgeteilt.  Da  nur  alle  acht  Tage  das  Dampfboot 
aus    der    Levante    anlangt,    so    sind    wir,  hier    um 


Erster  Teil 


103 


so  mehr  an  ein  Wunder  zu  glauben  geneigt,  als 
wir  ohnehin  durch  die  Damaszener  Vorgänge  in  die 
Mirakelzeit  des  Mittelalters  zurückversetzt  sind.  Ist 
es  doch  schon  ein  Wunder,  daß  die  aus  der  Luft 
gegriffenen  Nachrichten  des  »Univers«  in  Frank* 
reich  einigen  Anklang  finden!  Ja,  es  ist  nicht  zu 
leugnen,  ein  großer  Teil  der  Franzosen  ist  nicht  ab- 
geneigt, dem  blutigen  Unglimpf  Glauben  zu  schenken, 
und  die  obskursten  Erfindungen  der  Pfaffenlist  stoßen 
hier  auf  sehr  lauen  Widerspruch.  Verwundert  fragen 
wir  uns:  ist  das  Frankreich,  die  Heimat  der  Auf* 
klärung,  das  Land,  wo  Voltaire  gelacht  und  Rousseau 
geweint  hat?  Sind  das  die  Franzosen,  die  einst  der 
Göttin  der  Vernunft  in  Notredame  huldigten,  allen 
Priestertrug  abgeschworen  und  sich  als  die  National* 
feinde  des  Fanatismus  in  der  ganzen  Welt  prokla* 
mierten?  Wir  wollen  ihnen  nicht  unrecht  tun:  eben  weil 
ein  blinder  Zorn  gegen  allen  Aberglauben  sie  noch  be* 
seelt,  eben  weil  sie,  alte  Kinder  des  18.  Jahrhunderts, 
allen  Religionen  die  infamsten  Untaten  zutrauen,  hielten 
sie  auch  die  Bekenner  des  Judentums  fähig  dergleichen 
begangen  zu  haben  und  ihre  leichtsinnigen  Ansichten 
über  die  Damaszener  Vorgänge  sind  nicht  aus  Fa- 
natismus gegen  die  Juden,  sondern  aus  Haß  gegen 
den  Fanatismus  selbst  hervorgegangen.  —  Daß  über 
jene  Vorgänge  keine  so  bornierten  Meinungen  In 
Deutschland  aufkommen  konnten,  zeugt  nur  von 
unsrer  größeren  Gelahrtheit;  geschichtliche  Kennt- 
nisse sind  so  sehr  im  deutschen  Volke  verbreitet, 
daß  selbst  der  grimmigste  Groll  nicht  mehr  zu  den 
alten  Blutmärchen  greifen  darf. 

Wie  sonderbar  die  Leichtgläubigkeit  bei  dem  ge- 
meinen Volk  in  Frankreich  mit  der  größten  Skepsis 
verbunden    ist,   bemerkte   ich   vor   einigen  Abenden 


104  Luteria 

auf  der  Place  de  (a  Bourse,  wo  ein  Kerl  mit  einem 
großen  Fernrohr  sich  postiert  hatte  und  für  zwei 
Sous  den  Mond  zeigte.  Er  erzählte  dabei  den  um« 
stehenden  Gaffern,  wie  groß  dieser  Mond  sei,  so 
viele  tausend  Quadratmeilen,  wie  es  Berge  darauf 
gebe  und  Flüsse,  wie  er  so  viele  tausend  Meilen 
von  der  Erde  entfernt  sei,  und  dergleichen  merk« 
würdige  Dinge  mehr,  die  einen  alten  Portier,  der 
mit  seiner  Gattin  vorbeiging,  unwiderstehlich  an* 
reizten,  zwei  Sous  auszugeben,  um  den  Mond  zu 
betrachten.  Seine  teure  Ehehälfte  jedoch  wider- 
setzte sich  mit  rationalistischem  Eifer,  und  riet  ihm, 
seine  zwei  Sous  lieber  für  Tabak  auszugeben:  das 
sei  alles  Aberglaube,  was  man  von  dem  Mond  er- 
zähle, von  seinen  Bergen  und  Flüssen  und  seiner 
unmenschlichen  Größe,  das  habe  man  erfunden,  um 
den  Leuten  das  Geld  aus  der  Tasche  zu  locken. 


XVIII. 

Granville  (Departement  de  la  Manche), 
25.  August  1840. 
Seit  drei  Wochen  durchstreife  ich  die  Normandie 
die  Kreuz  und  die  Quer,  und  über  die  Stimmung,  die 
sich  hier  bei  Gelegenheit  der  letzten  Ereignisse  kund- 
gab, kann  ich  Ihnen  aus  eigener  Beobachtung  be* 
richten.  Die  Gemüter  waren  durch  die  kriegerischen 
Trompetenstöße  der  französischen  Presse  schon  ziem- 
lich aufgeregt,  als  die  Landung  des  Prinzen  Ludwig 
allen  möglichen  Befürchtungen  Spielraum  gab.  Man 
ängstigte  sich  durch  die  verzweiflungsvollsten  Hypo- 
thesen. Bis  auf  diese  Stunde  glauben  die  Leute 
hierzulande,   daß   der   Prinz    auf   eine   ausgebreitete 


Erster  Teil  105 

Verschwörung  rechnete,  und  sein  langes  Verharren 
bei  der  Säule  von  Boulogne  von  einem  Rendezvous 
zeugte,  das  durch  Verrat  oder  Zufall  vereitelt  ward. 
Zwei  Drittel  der  zahlreichen  englischen  Familien,  die 
in  Boulogne  wohnen,  nahmen  Reißaus,  ergriffen  von 
panischer  Furcht,  als  sie  in  dem  geruhsamen  Städt- 
chen einige  gefährliche  Flintenschüsse  vernahmen, 
und  den  Krieg  vor  ihrer  eigenen  Tür  sahen.  Diese 
Flüchtlinge,  um  ihre  Angst  zu  rechtfertigen,  brachten 
die  entsetzlichsten  Gerüchte  nach  der  englischen 
Küste,  und  Englands  Kalkfelsen  wurden  noch  blässer 
vor  Schrecken.  Durch  Wechselwirkung  werden 
jetzt  die  Engländer,  die  in  der  Normandie  hausen, 
von  ihren  heimischen  Angehörigen  zurückberufen 
in  das  glückliche  Eiland,  das  vor  den  Verheerungen 
des  Krieges  noch  lange  geschützt  sein  wird  —  näm- 
lich so  lange  bis  einmal  die  Franzosen  eine  hinläng- 
liche Anzahl  Dampfschiffe  ausgerüstet  haben  werden, 
womit  man  eine  Landung  in  England  bewerkstelligen 
kann. 

In  Boulogne  wäre  eine  solche  Dampfflotte  bis  zum 
Tage  der  Ausfahrt  von  unzähligen  kleinen  Forts  be- 
schützt. Letztere,  welche  die  ganze  Küste  der  De- 
partements du  Nord  und  de  la  Manche  umgeben, 
sind  auf  Felsen  gepflanzt,  die,  aus  dem  Meere  her- 
vorragend, wie  vor  Anker  liegende  steinerne  Kriegs- 
schiffe aussehen.  Sie  sind  während  der  langen 
Friedenszeit  etwas  baufällig  geworden,  jetzt  aber 
werden  sie  mit  großem  Eifer  gerüstet.  Von  allen 
Seiten  sah  ich  zu  diesem  Behufe  eine  Menge  blanke 
Kanonen  heranschleppen,  die  mich  sehr  freundlich 
anlachten;  denn  diese  klugen  Geschöpfe  teilen  meine 
Antipathie  gegen  die  Engländer,  und  werden  solche 
gewiß  weit  donnernder   und   treffender   aussprechen. 


lort  Lutezia 

Beiläufig  bemerke  ich,  daß  die  Kanonen  der  fran- 
zösischen Küstenforts  über  ein  Drittel  weiter  schießen, 
als  die  englischen  SchifFskanonen,  welche  zwar  von 
so  großem  Kaliber,  aber  nicht  von  derselben  Lange 
sein  können. 

Hier  in  der  Normandie  haben  die  Kriegsgerüchte 
alle  Nationalgefühle  und  Nationalerinnerungen  auf- 
geregt, und  als  ich  im  Wirtshaus  zu  Saint-Valery, 
während  des  Tischgesprächs,  den  Plan  einer  Landung 
in  England  diskutieren  hörte,  fand  ich  die  Sache 
durchaus  nicht  lächerlich:  denn  auf  derselben  Stelle 
hatte  sich  einst  Wilhelm  der  Eroberer  eingeschifft, 
und  seine  damaligen  Kameraden  waren  ebensolche 
Normannen,  wie  die  guten  Leute,  die  ich  jetzt  eine 
ähnliche  Unternehmung  besprechen  hörte.  Möge 
der  stolze  englische  Adel  nie  vergessen,  daß  es 
Bürger  und  Bauern  in  der  Normandie  gibt,  die  ihre 
Blutsverwandtschaft  mit  den  vornehmsten  Häusern 
Englands  urkundlich  beweisen  können,  und  gar  nicht 
übel  Lust  hätten,  ihren  lieben  Vettern  und  Basen 
einen  Besuch  abzustatten. 

Der  englische  Adel  ist  im  Grunde  der  jüngste  in 
Europa,  trotz  der  hochklingenden  Namen,  die  selten 
ein  Zeichen  der  Abstammung,  sondern  gewöhnlich 
nur  ein  übertragener  Titel  sind.  Der  übertriebene 
Hochmut  dieser  Lordships  und  Ladyships  ist  viel- 
leicht eine  Nucke  ihrer  parvenierten  Jugendlichkeit, 
wie  denn  immer,  je  jünger  der  Stammbaum,  desto 
grünlich  bitterer  die  Früchtchen.  Jener  Hochmut 
trieb  einst  die  englische  Ritterschaft  in  den  verderb- 
lichen Kampf  mit  den  demokratischen  Richtungen 
und  Ansprüchen  Frankreichs,  und  es  ist  leicht  mög- 
lich, daß  ihre  jüngsten  Übermüte  aus  ähnlichen 
Gründen  entsprungen :  denn  zu  unserer  größten  Ver- 


Erster  Teil  107 

wunderung   fanden   wir,   daß   bei   jener  Gelegenheit 
die  Tories  mit  den  Whigs  übereinstimmten. 

Woher  aber  kommt  es,  daß  solche  Erneute  aller 
aristokratischen  Interessen  immer  im  englischen  Volke 
so  vielen  Anklang  fand?  Der  Grund  liegt  darin,  * 
daß  erstens  das  ganze  englische  Volk,  die  Gentry 
ebensogut  wie  die  High  nobility,  und  der  Mob  eben* 
sogut  wie  jene,  von  sehr  aristokratischer  Gesinnung 
sind,  und  zweitens  weil  immer  im  Herzen  der  Eng- 
länder eine  geheime  Eifersucht,  wie  ein  böses  Ge- 
schwür, juckt  und  eitert,  sobald  in  Frankreich  ein 
behaglicher  Wohlstand  emporblüht,  sobald  die  fran- 
zösische Industrie  durch  den  Frieden  gedeiht,  und 
die  französische  Marine  sich  bedeutend  ausbildet. 

Namentlich  in  Beziehung  auf  die  Marine  wird 
den  Engländern  die  gehässigste  Mißgunst  zugeschrie- 
ben, und  in  den  französischen  Häfen  zeigt  sich  wirk- 
lich eine  Entwicklung  von  Kräften,  die  leicht  den 
Glauben  erregt,  die  englische  Seemacht  in  einiger 
Zeit  von  der  französischen  überflügelt  zu  sehen. 
Erstere  ist  seit  zwanzig  Jahren  stationär  geblieben, 
statt  daß  letztere  im  tätigsten  Fortschritt  begriffen 
ist.  Ich  habe  in  einem  früheren  Briefe  bereits  be- 
merkt, wie  im  Arsenal  zu  Toulon  der  Bau  der 
Kriegsschiffe  so  eifrig  betrieben  worden,  daß  im 
Falle  eines  Krieges  binnen  kurzer  Frist  fast  doppelt 
so  viele  Schiffe,  wie  Frankreich  1814  besitzen  durfte, 
in  See  stechen  können.  Ein  Leipziger  Tagesblatt 
widersprach  dieser  Behauptung  in  einer  ziemlich 
herben  Weise;  ich  kann  nur  die  Achsel  darüber 
zucken,  denn  dergleichen  Angaben  schöpfe  ich  nicht 
aus  bloßem  Hörensagen,  sondern  aus  der  unmittel- 
barsten Anschauung.  In  Cherbourg,  wo  'ich  mich 
vor  acht  Tagen  befand  <ein  gut  Stück  französischer 


108  Lutezia 

Marine  plätschert  dort  im  Hafen),  versicherte  man 
mir,  daß  zu  Brest  ebenfalls  doppelt  so  viele  Kriegs- 
schiffe befindlich  wie  früher,  nämlich  über  fünfzehn 
Linienschiffe,  Fregatten  und  Briggs,  von  der  an- 
ständigsten Kanonenzahl,  teils  ganz,  teils  bis  auf 
einige  ',20  fertig  gebaut  und  ausgerüstet.  In  vier 
Wochen  werde  ich  Gelegenheit  haben,  sie  persön- 
lich kennen  zu  lernen.  Bis  dahin  begnüge  ich  mich 
zu  berichten,  daß  ebenso  wie  hier,  in  der  Basse- 
j  Normandie,  auch  an  der  bretonischen  Küste  unter 
dem  Seevolke  die  kriegsmutigste  Aufregung  herrscht, 
und  die  ernsthaftesten  Vorbereitungen  zum  Kriege 
gemacht  werden.   —   — 

Ach  Gott!  nur  kein  Krieg!  Ich  furchte,  daß  das 
ganze  französische  Volk,  wenn  man  es  hart  bedränge, 
jene  rote  Mütze  wieder  hervorholt,  die  ihm  noch  weit 
mehr  als  das  dreieckige  bonapartistische  Wünschel- 
hütchen das  Haupt  erhitzen  dürfte!  Ich  möchte 
hier  gern  die  Frage  aufwerfen,  inwieweit  die  dämo- 
nischen Zerstörungskräfte,  die  jenem  alten  Talisman 
in  Frankreich  gehorchen,  auch  im  Auslande  sich 
geltend  machen  könnten.  Es  wäre  wichtig  zu  unter- 
suchen, von  welcher  Bedeutung  die  Gewalten  sind, 
die  einem  Zaubermittel  zugeschrieben  werden,  wo- 
von  die  französische  Presse  in  der  jüngsten  Zeit 
unter  dem  Namen  »Propaganda«  so  geheimnisvoll 
und  bedrohsam  flüsterte  und  zischelte?  Ich  muß 
mich  aus  leicht  begreiflichen  Gründen  aller  solchen 
Untersuchungen  enthalten,  und  in  betreff  der  viel- 
besprochenen Propaganda  erlaube  ich  mir  nur  eine 
parabolische  Andeutung.  Es  ist  Ihnen  bekannt,  daß 
in  Lappland  noch  viel  Heidentum  herrscht,  und  daß 
die  Lappen,  welche  zur  See  gehen  wollen,  sich  vor- 
her, um  den  notwendigen  Fahrwind  einzukaufen,  zu 


Erster  Teil 


109 


einem  Hexenmeister  begeben.  Dieser  überliefert  ihnen 
ein  Tuch,  worin  drei  Knoten  sind.  Sobald  man  auf 
dem  Meere  ist  und  den  ersten  Knoten  öffnet,  be^ 
wegt  sich  die  Luft  und  es  bläst  ein  guter  Fahrwind, 
öffnet  man  den  zweiten  Knoten,  so  entsteht  schon 
eine  weit  stärkere  Lufterschütterung  und  es  heult  ein 
wütendes  Wetter,  öffnet  man  aber  gar  den  dritten 
Knoten,  so  erhebt  sich  der  wildeste  Sturm  und 
peitscht  das  rasende  Meer,  und  das  Schiff  kracht 
und  geht  unter  mit  Mann  und  Maus.  Wenn  der 
arme  Lappe  zu  seinem  Hexenmeister  kommt,  beteuert 
er  freilich,  er  habe  genug  an  einem  einzigen  Knoten, 
an  gutem  Fahrwind,  er  brauche  keinen  stärkeren 
Wind  und  am  allerwenigsten  einen  gefährlichen 
Sturm;  aber  es  hilft  ihm  nichts,  man  verkauft  ihm 
den  Wind  nur  en  gros,  er  muß  für  alle  drei  Sorten 
zahlen,  und  wehe  ihm,  wenn  er  etwa  späterhin  auf 
dem  hohen  Meere  zuviel  Branntwein  trinkt  und  im 
Rausche  die  bedenklicheren  Knoten  aufknüpft!  ~ 
Die  Franzosen  sind  nicht  so  läppisch  wie  die  Lappen, 
obgleich  sie  leichtsinnig  genug  wären,  die  Stürme  zu  * 
entzügeln,  wodurch  sie  selber  zugrunde  gehen  müßten. 
Bis  jetzt  sind  sie  noch  weit  genug  davon  entfernt.  Wie 
man  mir  mit  Betrübnis  versichert,  hat  sich  das  fran- 
zösische Ministerium  nicht  sehr  kauflustig  gezeigt,  als 
ihm  einige  preußische  und  polnische  Windmacher  <die 
aber  keine  Hexenmeister  sind!)  ihren  Wind  anboten. 


XIX. 

Paris,  21.  September  1840. 

Ohne  sonderliche  Ausbeute  bin  ich  dieser  Tage 

von   einem   Streifzuge   durch    die   Bretagne  zurück- 


HO  Lutezia 

gekehrt.  Ein  armselig  ödes  Land,  und  die  Menschen 
dumm  und  schmutzig.  Von  den  schönen  Volks* 
liedern,  die  ich  dort  zu  sammeln  gedachte,  vernahm 
ich  keinen  Laut.  Dergleichen  existiert  nur  noch  in 
alten  Sangbüchern,  deren  ich  einige  aufkaufte;  da 
sie  jedoch  in  bretonischen  Dialekten  geschrieben 
sind,  muß  ich  sie  mir  erst  ins  Französische  über« 
setzen  lassen,  ehe  ich  etwas  davon  mitteilen  kann. 
Das  einzige  Lied,  was  ich  auf  meiner  Reise  singen 
hörte,  war  ein  deutsches;  während  ich  mich  in 
Rennes  barbieren  ließ,  meckerte  jemand  auf  der 
Straße  den  Jungfernkranz  aus  dem  »Freischütz«  in 
deutscher  Sprache.  Den  Sänger  selbst  hab  ich  nicht 
gesehen,  aber  seine  veilchenblaue  Seide  klang  mir 
tagelang  noch  im  Gedächtnis.  Es  wimmelt  jetzt  in 
Frankreich  von  deutschen  Bettlern,  die  sich  mit 
Singen  ernähren  und  den  Ruhm  der  deutschen  Ton- 
kunst nicht  sehr  fördern. 

J  Über  die  politische  Stimmung   der  Bretagne  kann 

ich  nicht  viel  berichten,  die  Leute  sprechen  sich  hier 
nicht  so  leicht  aus  wie  in  der  Normandie;  die 
Leidenschaften  sind  hier  ebenso  schweigsam  wie 
rief,  und  der  Freund  wie  der  Feind  der  Tages- 
regierung  brütet   hier   mit   stummem  Grimm.     Wie 

^/  im  Beginn  der  Revolution  gibt  es  auch  jetzt  noch 
in  der  Bretagne  die  glühendsten  Enthusiasten  der 
Revolution,  und  ihr  Eifer  wird  durch  die  Schreck- 
nisse, womit  die  Gegenpartei  sie  bedroht,  bis  zur 
blutdürstigsten  Wut  gesteigert.  Es  ist  ein  Irrtum, 
wenn  man  glaubt,  daß  die  Bauern  in  der  Bretagne 
aus  Liebe  für  die  ehemalige  Adelsherrschaft  bei 
jedem  legitimistischen  Aufruf  zu  den  Waffen  griffen. 
Im  Gegenteil,  die  Greuel  des  alten  Regimes  sind 
noch  im  farbigsten  Andenken,  und  die  edlen  Herren 


Erster  Teil  lll 

haben  in  der  Bretagne  entsetzlich  genug  gewirtschaftet. 
Sie  erinnern  sich  vielleicht  der  Stelle  in  den  Briefen 
der  Frau  von  Sevigne,  wo  sie  erzählt,  wie  die  un- 
zufriedenen Vilains  und  Roturiers  dem  General* 
gouverneur  die  Fenster  eingeschmissen  und  die 
Schuldigen  aufs  grausamste  hingerichtet  wurden.  Die 
Zahl  derjenigen,  die  durchs  Rad  starben,  muß  sehr 
groß  gewesen  sein,  denn  da  man  später  mit  dem 
Strange  verfuhr,  bemerkte  Frau  von  Sevigne  ganz 
naiv:  nach  dem  vielen  Rädern  sei  das  Hängen  für 
sie  eine  wahre  Erfrischung.  Die  mangelnde  Liebe 
wird  durch  Versprechungen  ersetzt,  und  ein  armer 
Bretone,  der  bei  jedem  legitimistischen  Schilderheben 
sich  tätig  gezeigt,  und  nichts  als  Wunden  und  Elend 
dabei  gewann,  gestand  mir,  daß  er  diesmal  seines 
Lohnes  gewiß  sei,  da  Heinrich  V.  bei  seiner  Rück- 
kehr jedem,  der  für  seine  Sache  gefochten,  eine 
lebenslängliche  Pension  von  fünfhundert  Franken 
bezahlen  werde. 

Hegt  aber  das  Volk  in  der  Bretagne  nur  sehr 
laue  und  eigennützige  Sympathien  für  die  alte  Noblesse, 
so  folgt  es  desto  unbedingter  allen  Inspirationen  der 
Geistlichkeit,  in  deren  geistiger  und  leiblicher  Bot- 
mäßigkeit es  geboren  wird,  lebt  und  stirbt.  Wie 
dem  Druiden  in  der  alten  Celtenzeit,  gehorcht  der 
Bretone  jetzt  seinem  Pfarrer,  und  nur  durch  dessen 
Vermittelung  dient  er  dem  Edelmann.  Georg 
Cadudal  war  wahrlich  kein  serviler  Lakai  des  Adels, 
ebensowenig  wie  Charette,  der  sich  über  den  letztern 
mit  der  bittersten  Geringschätzung  aussprach,  und 
an  Ludwig  XVIII.  unumwunden  schrieb:  »La  lachcte 
de  vos  gentilshommes  a  perdu  votre  cause«;  aber 
vor  ihren  tonsurten  Oberhäuptern  beugten  diese 
Leute   demütig   das    Knie.     Selbst   die   bretonischen 


H2  Lutezia 

Jakobiner  konnten  sich  nie  ganz  von  ihren  kirchlichen 
Velieitäten  lossagen,  und  es  blieb  immer  ein  Zwie- 
spalt in  ihrem  Gemüte,  wenn  die  Freiheit  in  Kon- 
flikt geriet  mit  ihrem  Glauben.  —  — 

Wird  es  aber  zum  Krieg  kommen?  Jetzt  nicht: 
doch  der  böse  Dämon  ist  wieder  entfesselt  und  spukt 
in  den  Gemütern.  Das  französische  Ministerium 
handelte  sehr  unbesonnen,  als  es  gleich  mit  vollen 
Backen  in  die  Kriegstrompete  stieß  und  ganz  Europa 
auftrommelte.  Wie  der  Fischer  in  dem  arabischen 
Märchen  hat  Thiers  die  Flasche  geöffnet,  woraus 
der  schreckliche  Dämon  emporstieg  ...  er  erschrak 
nicht  wenig  über  dessen  kolossale  Gestalt  und  möchte 
ihn  jetzt  zurückbannen  mit  schlauen  Worten.  »Bist 
du  wirklich  aus  einer  so  kleinen  Bouteille  hervor- 
gestiegen?« sprach  der  Fischer  zu  dem  Riesen,  und 
zum  Beweise  verlangte  er,  daß  er  wieder  in  dieselbe 
Flasche  hineinkrieche;  und  als  der  große  Narr  es 
tat,  verschloß  der  Fischer  die  Flasche  mit  einem 
guten  Stöpsel  .  .  .  Die  Post  geht  ab,  und  wie  die 
Sultanin  Scheherezade  unterbrechen  wir  unsre  Er- 
zählung, vertröstend  auf  morgen,  wo  wir  aber  eben- 
falls, wegen  der  vielen  eingeschobenen  Episoden, 
keinen  Schluß  liefern. 


XX. 

Paris,  den  i.  Oktober  1840. 
»Haben  Sie  das  Buch  Baruch  gelesen?«  Mit  dieser 
Frage  lief  einst  Lafontaine  durch  alle  Straßen  von 
Paris,  jeden  seiner  Bekannten  anhaltend,  um  ihm  die 
große  Neuigkeit  mitzuteilen,  daß  das  Buch  Baruch 
wunderschön  sei,  eine  der  besten  Sachen  die  je  ge- 


Erster  Teil 


»3 


schrieben  worden.  Die  Leute  sahen  ihn  verwundert 
an,  und  lächelten  vielleicht  in  derselben  Weise, 
wie  ich  Sie  lächeln  sehe,  wenn  ich  Ihnen  mit  der 
heutigen  Post  die  wichtige  Nachricht  mitteile,  daß 
»Tausendundeine  Nacht«  eines  der  besten  Bücher  w' 
ist,  und  gar  besonders  nützlich  und  beiehrsam  in 
jetziger  Zeit  .  .  .  Denn  aus  jenem  Buche  lernt  man 
den  Orient  besser  kennen,  als  aus  den  Berichten 
Lamartines,  Poujoulats  und  Konsorten;  und  wenn 
auch  diese  Kenntnis  nicht  hinreicht,  die  orientalische 
Frage  zu  lösen,  so  wird  sie  uns  wenigstens  ein 
bißchen  aufheitern  in  unserm  okzidentalischen  Elend! 
Man  fühlt  sich  so  glücklich,  während  man  dies  Buch^ 
liest!  Schon  der  Rahmen  ist  kostbarer  als  die  besten 
Gemälde  des  Abendlandes.  Welch  ein  prächtiger 
Kerl  ist  jener  Sultan  Schariar,  der  seine  Gattinnen 
des  andern  Morgens,  nach  der  Brautnacht,  unver* 
züglich  töten  läßt!  Welche  Tiefe  des  Gemüts,  welche 
schauerliche  Seelenkeuschheit,  welche  Zartheit  des 
ehelichen  Bewußtseins  offenbart  sich  in  jener  naiven 
Liebestat,  die  man  bisher  als  grausam,  barbarisch, 
despotisch  verunglimpfte!  Der  Mann  hatte  einen 
Abscheu  gegen  jede  Verunreinigung  seiner  Gefühle, 
und  er  glaubte  sie  schon  verunreinigt  durch  den 
bloßen  Gedanken,  daß  die  Gattin,  die  heut  an  seinem 
hohen  Herzen  lag;  vielleicht  morgen  in  die  Arme 
eines  andern,  eines  schmutzigen  Lumps,  hinabsinken 
könne  —  und  er  tötete  sie  lieber  gleich  nach  der 
Brautnacht!  Da  man  so  viele  verkannte  Edle,  die 
das  blödsinnige  Publikum  lange  Zeit  verlästerte  und 
schmähte,  jetzt  wieder  zu  Ehren  bringt,  so  sollte 
man  auch  den  wackern  Sultan  Schariar  in  der  öffent- 
lichen Meinung  zu  rehabilitieren  suchen.  Ich  selbst 
kann  mich  in  diesem  Augenblick  einem  solchen  ver- 


»4 


Lutezia 


dienstlichen  Werke  nicht  unterziehen,  da  ich  schon 
mit  der  Rehabilitation  des  seligen  Königs  Prokrustes 
beschäftigt  bin;  ich  werde  nämlich  beweisen,  daß 
dieser  Prokrustes  bisher  so  falsch  beurteilt  worden, 
weil  er  seiner  Zeit  vorausgeschritten,  und  in  einer 
heroisch  aristokratischen  Periode  die  heutigsten 
Plebejerideen  zu  verwirklichen  suchte.  Keiner  hat 
ihn  verstanden,  als  er  die  Großen  verkleinerte,  und 
die  Kleinen  so  lange  ausreckte,  bis  sie  in  sein 
eisernes  Gleichheitsbett  paßten. 

Der  Republikanismus  macht  in  Frankreich  täglich 
bedeutendere  Fortschritte,  und  Robespierre  und 
Marat  sind  vollständig  rehabilitiert.  O,  edler  Schariar 
und  echt  demokratischer  Prokrustes!  auch  Ihr  werdet 
nicht  lange  mehr  verkannt  bleiben.  Erst  jetzt  ver- 
steht man  Euch.     Die  Wahrheit  siegt  am  Ende. 

Madame  Lafarge  wird  seit  ihrer  Verurteilung  noch 
leidenschaftlicher  als  früher  besprochen.  Die  öffent- 
liche Meinung  ist  ganz  zu  ihren  Gunsten,  seitdem 
Hr.  Raspail  sein  Gutachten  in  die  Wagschale  ge- 
worfen. Bedenkt  man  einerseits,  daß  hier  ein  strenger 
Republikaner  gegen  seine  eigenen  Parteiinteressen 
auftritt  und  durch  seine  Behauptungen  eins  der  volks- 
tumlichsten Institute  des  neuen  Frankreichs,  die  Jury, 
unmittelbar  kompromittiert;  und  bedenkt  man  andrer- 
seits, daß  der  Mann,  auf  dessen  Ausspruch  die  Jury 
das  Verdammungsurteil  basierte,  ein  berüchtigter 
Intrigant  und  Charlatan  ist,  eine  Klette  am  Kleide 
der  Großen,  ein  Dorn  im  Fleische  der  Unterdrückten, 
schmeichelnd  nach  oben,  schmähsüchtig  nach  unten, 
falsch  im  Reden  wie  im  Singen:  o  Himmel!  dann 
zweifelt  man  nicht  länger,  daß  Marie  Capelle  un- 
schuldig ist,  und  an  ihrer  Statt  der  berühmte  Toxo- 
loge,  welcher  Dekan  der  medizinischen  Fakultät  von 


Erster  Teil  HC 

Paris,  nämlich  Herr  Orfila,  auf  dem  Marktplatz  von 
Tülle  an  den  Pranger  gestellt  werden  sollte!  Wer 
aus  näherer  Beobachtung  die  Umtriebe  jenes  eiteln 
Selbstsüchtlings  nur  einigermaßen  kennt,  ist  in  tiefster 
Seele  überzeugt,  daß  ihm  kein  Mittel  zu  schlecht 
ist,  wo  er  eine  Gelegenheit  findet,  sich  in  seiner 
wissenschaftlichen  Spezialität  wichtig  zu  machen 
und  überhaupt  den  Glanz  seiner  Berühmtheit  zu 
fördern!  In  der  Tat,  dieser  schlechte  Sänger,  der, 
wenn  er  in  den  Soireen  von  Paris  seine  schlechten 
Romanzen  meckert,  kein  menschliches  Ohr  schont 
und  jeden  töten  möchte,  der  ihn  auslacht:  er  würde 
auch  kein  Bedenken  tragen,  ein  Menschenleben  zu 
opfern,  wo  es  gälte,  das  versammelte  Publikum 
glauben  zu  machen,  niemand  sei  so  geschickt  wie 
er,  jedes  verborgene  Gift  an  den  Tag  zu  bringen! 
Die  öffentliche  Meinung  geht  dahin,  daß  im  Leich- 
nam des  Lafarge  kar  kein  Gift,  desto  mehr  hingegen 
im  Herzen  des  Hrn.  Orfila  vorhanden  war.  Die- 
jenigen, welche  dem  Urteil  der  Jury  von  Tülle  bei- 
stimmen, bilden  eine  sehr  kleine  Minorität  und  ge- 
bärden sich  nicht  mehr  mit  der  frühern  Sicherheit. 
Unter  ihnen  gibt  es  Leute,  welche  zwar  an  Vergif- 
tung glauben,  dieses  Verbrechen  aber  als  eine  Art 
Notwehr  betrachten  und  gewissermaßen  justifizieren. 
Lafarge,  sagen  sie,  sei  einer  größern  Untat  anklag- 
bar: er  habe,  um  sich  durch  ein  Heiratsgut  vom 
Bankerotte  zu  retten,  mit  betrügerischen  Vorspiege- 
lungen das  edle  Weib  gleichsam  gestohlen  und  sie 
nach  seiner  öden  Diebeshöhle  geschleppt,  wo,  um- 
geben von  der  rohen  Sippschaft,  unter  moralischen 
Martern  und  tötlichen  Entbehrungen,  die  arme  ver- 
zärtelte, an  tausend  geistige  Bedürfnisse  gewöhnte 
Pariserin,  wie  ein  Fisch  außer  dem  Wasser,  wie  ein 


u6  Lutezia 

Vogel  unter  Fledermäusen,  wie  eine  Blume  unter 
limosinischen  Bestien,  elendiglich  dahinsterben  und 
vermodern  mußte!  »Ist  das  nicht  ein  Meuchelmord, 
und  war  hier  nicht  Notwehr  zu  entschuldigen?«  — 
so  sagen  die  Verteidiger,  und  sie  setzen  hinzu:  »Als 
das  unglückliche  Weib  sah,  daß  sie  gefangen  war, 
eingekerkert  in  der  wüsten  Kartause,  welche  Glandier 
heißt,  bewacht  von  der  alten  Diebesmutter,  ohne  ge- 
setzliche Rettungshilfe,  ja  gefesselt  durch  die  Gesetze 
selbst  —  da  verlor  sie  den  Kopf,  und  zu  den  tollen 
Befreiungsmitteln,  die  sie  zuerst  versuchte,  gehört 
jener  famose  Brief,  worin  sie  dem  rohen  Gatten  vor- 
log, sie  liebe  einen  andern,  sie  könne  ihn  nicht  lieben, 
er  möge  sie  also  loslassen,  sie  wolle  nach  Asien 
fliehen  und  er  möge  ihr  Heiratsgut  behalten.  Die 
holde  Närrin!  In  ihrem  Wahnsinn  glaubte  sie,  ein 
Mann  könne  mit  einem  Weibe  nicht  leben,  welches 
ihn  nicht  liebe,  daran  stürbe  er,  das  sei  der  Tod  .  .  . 
Da  sie  aber  sah,  daß  der  Mann  auch  ohne  Liebe 
leben  konnte,  daß  ihn  Lieblosigkeit  nicht  tötete,  da 
griff  sie  zu  purem  Arsenik  .  .  .  Rattengift  für  eine 
Ratte!«  —  Die  Männer  der  Jury  von  Tülle  scheinen 
Ahnliches  gefühlt  zu  haben,  denn  sonst  wäre  es 
nicht  zu  begreifen,  weshalb  sie  in  ihrem  Verdikt  von 
Milderungsgründen  sprachen.  So  viel  ist  aber  gewiß, 
daß  der  Prozeß  der  Dame  von  Glandier  ein  wich^ 
tiges  Aktenstück  ist,  wenn  man  sich  mit  der  großen 
Frauenfrage  beschäftigt,  von  deren  Lösung  das  ganze 
gesellschaftliche  Leben  Frankreichs  abhängt.  Die 
außerordentliche  Teilnahme,  die  jener  Prozeß  erregt, 
entspringt  aus  dem  Bewußtsein  eignen  Leids.  Ihr 
armen  Frauen,  ihr  seid  wahrhaftig  übel  dran.  Die 
Juden  in  ihren  Gebeten  danken  täglich  dem  lieben 
Gott,  daß  er  sie   nicht  als  Frauenzimmer  zur  Welt 


Erster  Teil  ny 

kommen  ließ.  Naives  Gebet  von  Menschen,  die 
eben  durch  Geburt  nicht  glücklich  sind,  aber  ein  weib^ 
liches  Geschöpf  zu  sein  für  das  schrecklichste  Un^ 
glück  halten!  Sie  haben  recht,  selbst  in  Frankreich, 
wo  das  weibliche  Elend  mit  so  vielen  Rosen  be^ 
deckt  wird. 


XXI. 

Paris,  3.  Oktober  1840. 
Seit  gestern  abend  herrscht  hier  eine  Aufregung 
die  alle  Begriffe  übersteigt.  Der  Kanonendonner  von 
Beirut  findet  sein  Echo  in  der  Brust  aller  Franzosen. 
Ich  selber  bin  wie  betäubt:  schreckliche  Befürchtun- 
gen dringen  in  mein  Gemüt.  Der  Krieg  ist  noch  das 
geringste  der  Übel,  die  ich  füchte.  In  Paris  können 
Auftritte  stattfinden,  wogegen  alle  Szenen  der  vorigen 
Revolution  wie  heitere  Sommernachtsträume  erschei- 
nen  möchten!  Der  vorigen  Revolution?  Nein,  die 
Revolution  ist  noch  eine  und  dieselbe,  wir  haben  erst 
den  Anfang  gesehen,  und  viele  von  uns  werden  die 
Mitte  nicht  überleben!  Die  Franzosen  sind  in  einer 
schlechten  Lage,  wenn  hier  die  Bajonettenmehrzahl 
entscheidet.  Aber  das  Eisen  tötet  nicht,  sondern  die 
Hand,  und  diese  gehorcht  der  Seele.  Es  kommt  nun 
darauf  an,  wieviel  Seele  auf  jeder  Wagschale  sein 
wird.  Vor  den  Bureaux  de  recrutements  macht  man 
heute  Queue,  wie  vor  den  Theatern,  wenn  ein  gutes 
Stück  gegeben  wird:  eine  unzählige  Menge  junger 
Leute  läßt  sich  als  Freiwillige  zum  Militärdienst  ein- 
schreiben. Im  Palais-Royal  wimmelts  von  Ouvriers, 
die  sich  die  Zeitungen  vorlesen  und  sehr  ernsthaft 
dabei  aussehen.   Der  Ernst,  der  sich  in  diesem  Augen- 


^ 


n8  Lutezia 

blick  fast  wortkarg  äußert,  ist  unendlich  beängstigen* 
der  als  der  geschwätzige  Zorn  vor  zwei  Monaten. 
Er  heißt,  daß  die  Kammern  berufen  werden,  was 
vielleicht  ein  neues  Unglück.  Deliberierende  Kor- 
porationen lähmen  jede  handelnde  Tatkraft  der  Re- 
gierung, wenn  sie  nicht  selbst  alle  Regierungsgewalt 
in  Händen  haben,  wie  z.  B.  der  Konvent  von  1792. 
In  jenem  Jahre  waren  die  Franzosen  in  einer  weit 
schlimmem  Lage  als  jetzt. 


XXII. 

Paris,  7.  Oktober  1840. 

Stündlich  steigt  die  Aufregung  der  Gemüter.  Bei 
der  hitzigen  Ungeduld  der  Franzosen  ist  es  kaum  zu 
begreifen,  wie  sie  es  aushalten  können  in  diesem  Zu- 
stand der  Ungewißheit.  Entscheidung,  Entscheidung 
um  jeden  Preis!  ruft  das  ganze  Volk,  das  seine  Ehre 
gekränkt  glaubt.  Ob  diese  Kränkung  eine  wirkliche 
oder  nur  eine  eingebildete  ist,  vermag  ich  nicht  zu  ent- 
scheiden; die  Erklärung  der  Engländer  und  Russen, 
daß  es  ihnen  nur  um  die  Sicherung  des  Friedens  zu 
tun  sei,  klingt  jedenfalls  sehr  ironisch,  wenn  zu  gleicher 
Zeit  zu  Beirut  der  Kanonendonner  das  Gegenteil  be- 
hauptet. Daß  man  auf  den  dreifarbigen  Pavillon  des 
französischen  Konsuls  zu  Beirut  mit  besonderer  Vor- 
liebe gefeuert  hat,  erregt  die  meiste  Entrüstung.  Vor- 
gestern abend  verlangte  das  Parterre  in  der  Großen 
Oper,  daß  das  Orchester  die  Marseillaise  anstimme; 
da  ein  Polizeikommissär  diesem  Verlangen  widersprach, 
sang  man  ohne  Begleitung,  aber  mit  so  schnaubendem 
Zorn,  daß  die  Worte  in  den  Kehlen  stockten  und  ganz 
unverständlich   hervorgebrüllt  wurden.    Oder  haben 


Erster  Teil 


119 


die  Franzosen  die  Worte  jenes  schrecklichen  Lieds  ver- 
gessen und  erinnern  sich  nur  noch  der  alten  Melodie? 
Der  Polizeikommissär,  welcher  auf  die  Szene  stieg, 
um  dem  Publikum  eine  Gegenvorstellung  zu  machen, 
stotterte  unter  vielen  Verbeugungen:  das  Orchester 
könne  die  Marseillaise  nicht  aufspielen,  denn  dieses 
Musikstück  stünde  nicht  auf  dem  Anschlagzettel. 
Eine  Stimme  im  Parterre  erwiderte:  »Mein  Herr, 
das  ist  kein  Grund,  denn  Sie  selbst  stehen  ja  auch 
nicht  auf  dem  Anschlagzettel.«  Für  heute  hat  der 
Polizeipräfekt  allen  Theatern  die  Erlaubnis  erteilt, 
die  Marseiller  Hymne  zu  spielen,  und  ich  halte  diesen 
Umstand  nicht  für  unwichtig.  Ich  sehe  darin  ein 
Symptom,  dem  ich  mehr  Glauben  schenke,  als  allen 
kriegerischen  Deklamationen  der  Ministerialblätter. 
Letztere  stoßen  in  der  Tat  seit  einigen  Tagen  so 
bedeutend  in  die  Trompete  Bellonas,  daß  man  den 
Krieg  als  etwas  Unvermeidliches  zu  betrachten  schien. 
Die  Friedfertigsten  waren  der  Kriegsminister  und  der 
Marineminister;  der  Kampflustigste  war  der  Minister 
des  Unterrichts  —  ein  wackerer  Mann,  der  seit  seiner 
Amtsführung  selbst  die  Achtung  seiner  Feinde  er- 
worben und  jetzt  ebensoviel  Tatkraft  wie  Begeiste- 
rung entfaltet,  aber  die  Kriegskräfte  Frankreichs  ge- 
wiß nicht  so  gut  zu  beurteilen  weiß,  wie  der  Marine- 
minister  und  der  Kriegsminister.  Thiers  hält  allen  die 
Wage  und  ist  wirklich  der  Mann  der  Nationalität. 
Letztere  ist  ein  großer  Hebel  in  seinen  Händen,  und 
er  hat  von  Napoleon  gelernt,  daß  man  die  Fran- 
zosen damit  noch  weit  gewaltiger  bewegen  kann,  als 
mit  Ideen.  Trotz  seinem  Nationalismus,  bleibt  aber  ^ 
Frankreich  der  Repräsentant  der  Revolution,  und  die 
Franzosen  kämpfen  nur  für  diese,  wenn  sie  sich 
selbst  aus  Eitelkeit,  Eigennutz  und  Torheit  schlagen. 


i2o  Lutczia 

Thiers  hat  imperialistische  Gelüste,  und  wie  ich  Ihnen 
schon  Ende  Julius  schrieb,  der  Krieg  ist  die  Freude 
seines  Herzens.  Jetzt  ist  der  Fußboden  seines  Arbeits^ 
zimmers  ganz  mit  Landkarten  bedeckt,  und  da  liegt 
er  auf  dem  Bauche  und  steckt  schwarze  und  grüne 
Nadeln  ins  Papier,  ganz  wie  Napoleon.  Daß  er  an 
der  Börse  spekuliert  habe,  ist  eine  schnöde  Verleum- 
düng;  ein  Mensch  kann  nur  einer  einzigen  Leiden- 
schaft gehorchen,  und  der  Ehrgeizige  denkt  selten 
an  Geld.  Durch  seine  Familiarität  mit  gesinnungslosen 
Glücksrittern  hat  sich  Thiers  all  die  boshaften  Gerüchte, 
die  an  seinem  Leumund  nagen,  selber  zugezogen. 
Diese  Leute,  wenn  er  ihnen  jetzt  den  Rücken  kehrt, 
schmähen  ihn  noch  mehr  als  seine  politischen  Feinde. 
Aber  warum  pflegte  er  Umgang  mit  solchem  Gesindel? 
Wer  sich  mit  Hunden  niederlegt,  steht  mit  Flöhen  auf. 
v  Ich  bewundere  den  Mut  des  Königs;  jede  Stunde, 
wo  er  zögert  dem  verletzten  Nationalgefühl  Genug- 
tuung zu  schaffen,  wächst  die  Gefahr,  die  den  Thron 
noch  entsetzlicher  bedroht,  als  alle  Kanonen  der 
Alliierten.  Morgen,  heißt  es,  sollen  die  Ordonnanzen 
publiziert  werden,  welche  die  Kammern  berufen  und 
Frankreich  in  Kriegszustand  (etat  de  guerre)  erklär 
ren.  Gestern  abend,  auf  der  Nachtbörse  von  Tor* 
toni,  hieß  es,  Lalande  habe  Befehl  erhalten,  nach  der 
Straße  von  Gibraltar  zu  eilen,  und  der  russischen 
Flotte,  wenn  sie  sich  mit  der  englischen  vereinigen 
wolle,  den  Durchgang  ins  Mittelländische  Meer  zu 
wehren.  Die  Rente,  welche  am  Tage  schon  zwei 
Prozent  gefallen  war,  purzelte  noch  zwei  Prozent  tiefer. 
Herr  v.  Rothschild,  wird  behauptet,  hatte  gestern  Zahn- 
schmerz,-andre  sagen  Kolik.  Was  wird  daraus  werden  ? 
Das  Gewitter  zieht  immer  näher.  In  den  Lüften 
vernimmt  man  schon  den  Flügelschlag  der  Walküren. 


Erster  Teil  121 

XXIII. 

Paris,  29.  Oktober  1840. 

Thiers  geht  ab  und  Guizot  tritt  wieder  auf.  Es  -' 
ist  aber  dasselbe  Stück  und  nur  die  Akteure  wech- 
sein.  Dieser  Rollenwechsel  geschah  auf  Verlangen 
sehr  vieler  hohen  und  allerhöchsten  Personen,  nicht 
des  gewöhnlichen  Publikums,  das  mit  dem  Spiel  sei- 
nes ersten  Helden  sehr  zufrieden  war.  Dieser  buhlte 
vielleicht  etwas  zu  sehr  um  den  Beifall  des  Par- 
terres; sein  Nachfolger  hat  mehr  die  höhern  Regionen 
im  Auge,  die  Gesandtenlogen. 

In  diesem  Augenblick  versagen  wir  nicht  unser 
Mitleid  dem  Manne,  der  unter  den  jetzigen  Um- 
ständen in  das  Hotel  des  Capucins  seinen  Einzug 
hält;  er  ist  viel  mehr  zu  bedauern,  als  derjenige,  der^ 
dieses  Marterhaus  oder  Drillhaus  verläßt.  Er  ist 
fast  ebenso  zu  bedauern,  wie  der  König  selber;  auf 
diesen  schießt  man,  den  Minister  verleumdet  man. 
Mit  wieviel  Kot  bewarf  man  Thiers  während  seines 
Ministeriums!  Heute  bezieht  er  wieder  sein  kleines 
Haus  auf  der  Place  Saint-George,  und  ich  rate  ihm, 
gleich  ein  Bad  zu  nehmen.  Hier  wird  er  sich  wie- 
der seinen  Freunden  in  fleckenloser  Größe  zeigen, 
und  wie  vor  vier  Jahren,  als  er  in  derselben  plötz- 
lichen Weise  das  Ministerium  verließ,  wird  jeder 
einsehen,  daß  seine  Hände  rein  geblieben  sind,  und 
sein  Herz  nicht  eingeschrumpft.  Er  ist  nur  etwas 
ernsthafter  geworden,  obgleich  der  wahre  Ernst  ihm 
nie  fehlte  und  sich,  wie  bei  Cäsar,  unter  leichten 
Lebensformen  verbarg.  Die  Beschuldigung  der  For- 
fanterie,  die  man  in  der  letzten  Zeit  am  öftesten 
gegen  ihn  vorbrachte,  widerlegt  er  eben  durch  seinen 
Abgang  vom  Ministerium:  eben  weil  er  kein  bloßer 


./ 


122  Lutezia 

j  Maulheld  war,  weil  er  wirklich  die  größten  Kriegs* 
rüstungen  vornahm,  eben  deshalb  mußte  er  zurück- 
treten. Jetzt  sieht  jeder  ein,  daß  der  Aufruf  zu  den 
Waffen  keine  prahlerische  Spiegelfechterei  war.  Über 
vierhundert  Millionen  beläuft  sich  schon  die  Summe, 
welche  für  die  Armee,  die  Marine  und  die  Befesti- 
gungswerke verwendet  worden,  und  in  einigen  Mo- 
naten stehen  sechsmalhunderttausend  Soldaten  auf 
den  Beinen.  Noch  stärkere  Vorbereitungen  zum 
Kriege  standen  in  Vorschlag,  und  das  ist  der  Grund, 
weshalb  der  König,  noch  vor  dem  Beginn  der 
Kammersitzungen,  sich  um  jeden  Preis  des  großen 
Rüstmeisters  entledigen  mußte.  Einige  beschränkte 
Deputiertenköpfe  werden  jetzt  freilich  über  nutzlose 
Ausgaben  schreien  und  nicht  bedenken,  daß  es  eben 
jene  Kriegsrüstungen  sind,  die  uns  vielleicht  den 
Frieden  erhielten.  Ein  Schwert  hält  das  andere  in 
der  Scheide.  Die  große  Frage:  ob  Frankreich  durch 
die  Londoner  Traktatsvorgänge  beleidigt  war  oder 
nicht?  wird  jetzt  in  der  Kammer  debattiert  werden. 
Es  ist  eine  verwickelte  Frage,  bei  deren  Beantwor- 
tung man  auf  die  Verschiedenheit  der  Nationalität 
Rücksicht  nehmen  muß.  Vorderhand  aber  haben 
wir  Frieden,  und  dem  König  Ludwig  Philipp  ge- 
bührt das  Lob,  daß  er  zur  Erhaltung  des  Friedens 
ebensoviel  Mut  aufgewendet,   als  Napoleon  dessen 

„  im  Kriege  bekundete.  Ja,  lacht  nicht,  er  ist  der 
Napoleon  des  Friedens! 


Erster  Teil  123 

XXIV. 

Paris,  4.  November  1840. 
Marschall  Soult,  der  Mann  des  Schwertes,  sorgt 
für  die  innere  Ruhe  Frankreichs,  und  dieses  ist  seine 
ausschließliche  Aufgabe.  Für  die  äußere  Ruhe  bürgt 
unterdessen  Ludwig  Philipp,  der  König  der  Klugheit, 
der  mit  geduldigen  Händen,  nicht  mit  dem  Schwerte, 
die  Wirrnisse  der  Diplomatie,  den  gordischen  Knäuel, 
zu  lösen  sucht.  Wirds  ihm  gelingen?  Wir  wün- 
schen es,  und  zwar  im  Interesse  der  Fürsten  wie  der 
Völker  Europas.  Letztere  können  durch  einen  Krieg 
nur  Tod  und  Elend  gewinnen.  Erstere,  die  Fürsten, 
würden,  selbst  im  günstigsten  Falle,  durch  einen  Sieg 
über  Frankreich  die  Gefahren  verwirklichen,  die  viel- 
leicht jetzt  nur  in  der  Imagination  einiger  Staatsleute 
als  besorgliche  Gedanken  existieren.  Die  große  Um- 
wälzung, welche  seit  fünfzig  Jahren  in  Frankreich 
stattfand,  ist,  wo  nicht  beendigt,  doch  gewiß  ge- 
hemmt, wenn  nicht  von  außen  das  entsetzliche  Rad 
wieder  in  Bewegung  gesetzt  wird.  Durch  die  Be- 
drohnisse eines  Krieges  mit  der  neuen  Koalition  wird 
nicht  bloß  der  Thron  des  Königs,  sondern  auch  die 
Herrschaft  jener  Bourgeoisie  gefährdet,  die  Ludwig 
Philipp  rechtmäßig,  jedenfalls  tatsächlich,  repräsen- 
tiert. Die  Bourgeoisie,  nicht  das  Volk,  hat  die 
Revolution  von  1789  begonnen  und  1830  vollendet, 
sie  ist  es,  welche  jetzt  regiert,  obgleich  viele  ihrer 
Mandatarien  von  vornehmem  Geblüte  sind,  und  sie  ' 
ist  es,  welche  das  andringende  Volk,  das  nicht  bloß 
Gleichheit  der  Gesetze,  sondern  auch  Gleichheit  der 
Genüsse  verlangt,  bis  jetzt  im  Zaum  hielt.  Die 
Bourgeoisie,  welche  ihr  mühsames  Werk,  die  neue 
Staatsbegründung,  gegen   den  Andrang  des  Volkes, 


124 


Lutezia 


das  eine  radikale  Umgestaltung  der  Gesellschaft  be- 
gehrt, zu  verteidigen  hat,  ist  gewiß  zu  schwach, 
wenn  auch  das  Ausland  sie  mit  vierfach  stärkeren 
Kräften  anfiele,  und  noch  ehe  es  zur  Invasion  käme, 
würde  die  Bourgeoisie  abdanken,  die  unteren  Klassen 
würden  wieder  an  ihre  Stelle  treten,  wie  in  den 
schrecklichen  neunziger  Jahren,  aber  besser  organi- 
siert, mit  klarerem  Bewußtsein,  mit  neuen  Doktrinen, 
mit  neuen  Göttern,  mit  neuen  Erd-  und  Himmels- 
kräften; statt  mit  einer  politischen,  müßte  das  Aus- 
land mit  einer  sozialen  Revolution  in  den  Kampf 
treten.  Die  Klugheit  dürfte  daher  den  alliierten 
Mächten  raten,  das  jetzige  Regiment  in  Frankreich 
zu  unterstützen,  damit  nicht  weit  gefährlichere  und 
kontagiösere  Elemente  entzügelt  werden  und  sich 
geltend  machen.  Die  Gottheit  selbst  gibt  ja  ihren 
Stellvertretern  ein  so  belehrendes  Beispiel:  der  jüngste 
Mordversuch  zeigt,  wie  die  Vorsehung  dem  Haupte 
Ludwig  Philipps  einen  ganz  besondern  Schutz  an- 
gedeihen  läßt  ...  sie  schützt  den  großen  Spritzen- 
meister, der  die  Flamme  dämpft  und  einen  allge- 
meinen Weltbrand  verhütet. 

Ich  zweifle  nicht,  daß  es  dem  Marschall  Soult 
gelingen  wird,  die  innere  Ruhe  zu  sichern.  Durch 
seine  Kriegsrüstungen  hat  ihm  Thiers  genug  Soldaten 
hinterlassen,  die  freilich  ob  der  veränderten  Bestim- 
mung sehr  mißmutig  sind.  Wird  er  auf  letztere 
zählen  können,  wenn  das  Volk  mit  bewafFnetem 
Ungestüm  den  Krieg  begehrt?  Werden  die  Soldaten 
dem  Kriegsgelüste  des  eigenen  Herzens  widerstehen 
können  und  sich  lieber  mit  ihren  Brüdern  als  mit 
den  Fremden  schlagen?  Werden  sie  den  Vorwurf  der 
Feigheit  ruhig  anhören  können?  Werden  sie  nicht  ganz 
den  Kopf  verlieren,  wenn  plötzlich  der  tote  Feldherr 


Erster  Teil  125 

von  St.  Helena  anlangt?    Ich  wollte,  der  Mann  läge 
schon  ruhig  unter  der  Kuppel  des  Invalidendoms,  und 
wir  hätten  die  Leichenfeier  glücklich  überstanden!  — 
Das  Verhältnis   Guizots  zu   den   beiden   obenge* 
nannten   Trägern   des   Staates   werde   ich    späterhin 
besprechen.     Auch  läßt  sich  noch  nicht  bestimmen, 
inwieweit  er  beide  durch  die  Ägide  seines  Wortes 
zu  schirmen  denkt.    Sein  Rednertalent  dürfte  in  einU 
gen  Wochen   stark    genug  in  Anspruch  genommen 
werden,  und  wenn  die  Kammer,  wie  es  heißt,  über 
den   casus   belli   ein   Prinzip   aufstellen    wird,    kann 
der  gelehrte  Mann  seine  Kenntnisse  aufs  glänzendste 
entwickeln.   Die  Kammer  wird  nämlich  die  Erklärung 
der  koalisierten  Mächte,  daß  sie  bei  der  Pazifikation 
des  Orients  keine  Territorialvergrößerungen  und  son- 
stige Privatvorteile  beabsichtigen,  in   besondere  Er- 
wägung ziehen  und  jeden  faktischen  Widerspruch  mit 
jener  Erklärung  als  einen  casus  belli  feststellen.   Über 
die   Rolle,  die  Thiers   bei  dieser  Gelegenheit  spielen 
wird,    und    ob    er    dem  alten  Nebenbuhler  Guizot 
wieder  mit  all  seiner  Sprachgewalt  entgegenzutreten 
gedenkt,  kann  ich  Ihnen  ebenfalls  erst  später  berichten. 
Guizot  hat  einen  schweren  Stand,  und  ich  habe 
Ihnen  schon  oft  gesagt,   daß   ich  großes  Mitleid  für 
ihn    empfinde.      Er  ist  ein   wackerer,    festgesinnter 
Mann,   und   Calamatta   hat  in   einem  vortrefflichen 
Porträt  sein  edles  Äußere  sehr  getreu  abkonterfeit. 
Ein   starrer  puritanischer  Kopf,   angelehnt   an   eine 
steinerne  Wand  —  bei  einer  hastigen  Bewegung  des 
Kopfes  nach  hinten  könnte  er  sich  sehr  beschädigen. 
Das  Porträt   ist  an  den  Fenstern   von  Goupil   und 
Rittner    ausgestellt.      Es   wird    viel    betrachtet    und 
Guizot  muß  schon  in  effigie  viel  ausstehen  von  den 
malitiösen  Zungen. 


J 


126  Lutezia 

XXV. 

Paris,  6.  November  1840. 

Über  die  Juliusrevolution  und  den  Anteil,  den 
Ludwig  Philipp  daran  genommen,  ist  jetzt  ein  Buch 
erschienen,  welches  die  allgemeine  Aufmerksamkeit 
erregt  und  überall  besprochen  wird.  Es  ist  dies  der 
erste  Teil  von  Louis  Blancs  »Histoire  de  dix  ans«. 
Ich  habe  das  Werk  noch  nicht  zu  Gesicht  bekom- 
men; sobald  ich  es  gelesen,  will  ich  versuchen,  ein 
selbständiges  Urteil  darüber  zu  fällen.  Heute  be* 
richte  ich  Ihnen  bloß,  was  ich  von  vornherein  über 
den  Verfasser  und  seine  Stellung  sagen  kann,  damit 
Sie  den  rechten  Standpunkt  gewinnen,  von  wo  aus 
Sie  genau  ermessen  mögen,  wieviel  Anteil  der  Par- 
teigeist an  dem  Buche  hat,  und  wieviel  Glauben  Sie 
seinem  Inhalt  schenken  oder  verweigern  können. 

Der  Verfasser,  Herr  Louis  Blanc,  ist  noch  ein 
junger  Mann,  höchstens  einige  dreißig  Jahre  alt,  ob* 
gleich  er  seinem  Äußern  nach  wie  ein  kleiner  Junge 
von  dreizehn  Jahren  aussieht.  In  der  Tat,  seine 
überaus  winzige  Gestalt,  sein  rotbäckiges,  bartloses 
Gesichtchen  und  auch  seine  weichlich  zarte,  noch 
nicht  zum  Durchbruch  gekommene  Stimme  geben 
ihm  das  Ansehen  eines  allerliebsten  Bübchens,  das 
eben  der  dritten  Schulklasse  entsprungen  und  seinen 
ersten  schwarzen  Frack  trägt,  und  doch  ist  er  eine 
Notabilität  der  republikanischen  Partei  und  in  seinem 
Räsonnement  herrscht  eine  Mäßigung,  wie  man  sie 
nur  bei  Greisen  findet.  —  Seine  Physiognomie,  na* 
mentlich  die  muntern  Äuglein,  deuten  auf  südfran* 
zösischen  Ursprung.  Louis  Blanc  ist  geboren  zu 
Madrid,  von  französischen  Eltern.  Seine  Mutter  ist 
Korsikanerin    und  zwar  eine  Pozzo  di   Borgo.     Er 


Erster  Teil  127 

ward  erzogen  in  Rodez.  Ich  weiß  nicht,  wie  lange 
er  schon  in  Paris  verweilt,  aber  bereits  vor  sechs 
Jahren  traf  ich  ihn  hier  als  Redakteur  eines  republi- 
kanischen  Journals,  »Le  Monde«  geheißen,  und  seit* 
dem  stiftete  er  auch  die  »Revue  du  Progres«,  das 
bedeutendste  Organ  des  Republikanismus.  Sein  Vetter 
Pozzo  di  Borgo,  der  ehemalige  russische  Gesandte, 
soll  mit  der  Richtung  des  jungen  Mannes  nicht  sehr 
zufrieden  gewesen  sein,  und  darüber  nicht  selten 
Klage  geführt  haben.  <Von  jenem  berühmten  Diplo- 
maten  sind,  nebenbei  gesagt,  sehr  betrübende  Nach- 
richten hier  angelangt,  und  seine  Geisteskrankheit 
scheint  unheilbar  zu  sein;  er  verfällt  manchmal  in 
Raserei,  und  glaubt  alsdann,  der  Kaiser  Napoleon 
wolle  ihn  erschießen  lassen.)  Louis  Blancs  Mutter 
und  seine  ganze  mütterliche  Familie  lebt  noch  in 
Korsika.  Doch  das  ist  die  leibliche  Sippschaft,  die 
des  Blutes.  Dem  Geiste  nach  ist  Louis  Blanc  zu-"'' 
nächst  verwandt  mit  Jean  Jacques  Rousseau,  dessen 
Schriften  der  Ausgangspunkt  seiner  ganzen  Denk- 
und  Schreibweise.  Seine  warme,  nette,  Wahrheit- 
liehe  Prosa  erinnert  an  jenen  ersten  Kirchenvater  der 
Revolution.  »L'organisation  du  travail«  ist  eine 
Schrift  von  Louis  Blanc,  die  bereits  vor  einiger  Zeit 
die  Aufmerksamkeit  auf  ihn  lenkte.  Wenn  auch  w 
nicht  gründliches  Wissen,  doch  eine  glühende  Sym- 
pathie für  die  Leiden  des  Volks,  zeigt  sich  in  jeder 
Zeile  dieses  kleinen  Opus,  und  es  bekundet  sich 
darin  zu  gleicher  Zeit  jene  Vorliebe  für  unbeschränkte 
Herrscherei,  jene  gründliche  Abneigung  gegen  ge-  " 
nialen  Personalismus,  wodurch  sich  Louis  Blanc  von 
einigen  seiner  republikanischen  Genossen,  z.  B.  von 
dem  geistreichen  Pyat,  auffallend  unterscheidet.  Diese 
Abweichung  hat  vor  einiger  Zeit  fast  ein  Zerwürf- 


128  Lutezia 

nis  hervorgebracht,  als  Louis  Blanc  nicht  die  abso* 
lute  Preßfreiheit  anerkennen  wollte,  die  von  jenen 
Republikanern  in  Anspruch  genommen  wird.  Hier 
zeigte  es  sich  ganz  klar,  daß  diese  letztern  die  Frei' 
heit  nur  der  Freiheit  wegen  lieben,  Louis  Blanc  aber 
dieselbe  vielmehr  als  ein  Mittel  zur  Beförderung  phi* 
lanthropischer  Zwecke  betrachtet,  so  daß  ihm  auf 
diesem  Standpunkte  die  gouvernementale  Autorität, 
ohne  welche  keine  Regierung  das  Heil  des  Volks 
fördern  könne,  weit  mehr  gilt,  als  alle  Befugnisse 
und  Berechtigungen  der  individuellen  Kraft  und 
Größe.  Ja  vielleicht  schon  wegen  seiner  Taille  ist 
ihm  jede  große  Persönlichkeit  zuwider,  und  er  schielt 
an  sie  hinauf  mit  jenem  Mißtrauen,  das  er  mit  einem 
andern  Schüler  Rousseaus,  dem  seligen  Maximilian 
Robespierre,  gemein  hat.  Ich  glaube,  der  Knirps 
möchte  jeden  Kopf  abschlagen  lassen,  der  das  vor* 
geschriebene  Rekrutenmaß  überragt,  versteht  sich 
im  Interesse  des  öffentlichen  Heils,  der  allgemeinen 
Gleichheit,  des  sozialen  Volksglücks.  Er  selbst  ist 
mäßig,  scheint  dem  eignen  kleinen  Körper  keine  Ge* 
nüsse  zu  gönnen,  und  er  will  daher  im  Staate  all* 
gemeine  Küchengleichheit  einführen,  wo  für  uns  alle 
dieselbe  spartanische  schwarze  Suppe  gekocht  wer* 
den  soll,  und  was  noch  schrecklicher,  wo  der  Riese 
auch  dieselbe  Portion  bekäme,  deren  sich  Bruder 
Zwerg  zu  erfreuen  hätte.  Nein,  dafür  dank'  ich, 
neuer  Lykurg!  Es  ist  wahr,  wir  sind  alle  Brüder, 
aber  ich  bin  der  große  Bruder  und  Ihr  seid  die  kleinen 
Brüder,  und  mir  gebührt  eine  bedeutendere  Portion. 
Louis  Blanc  ist  ein  spaßhaftes  Kompositum  von 
Liliputaner  und  Spartaner.  Jedenfalls  traue  ich  ihm 
„  eine  große  Zukunft  zu,  und  er  wird  eine  Rolle  spielen, 
wenn  auch  eine  kurze.    Er  ist  ganz  dazu  gemacht, 


Erster  Teil 


129 


der  große  Mann  der  Kleinen  zu  sein,  die  einen  sol- 
chen  mit  Leichtigkeit  auf  ihren  Schultern  zu  tragen 
vermögen,  während  Menschen  von  kolossalem  Zu= 
schnitt,  ich  möchte  fast  sagen  Geister  von  starker 
Korpulenz,  ihnen  eine  zu  schwere  Last  sein  möchten. 
Das  neue  Buch  von  Louis  Blanc  soll  vortrefflich 
geschrieben  sein,  und  da  es  eine  Menge  unbekannter 
und  boshafter  Anekdoten  enthält,  hat  es  schon  ein 
stoffartiges  Interesse  für  die  schadenfrohe  große 
Menge,  Die  Republikaner  schwelgen  darin  mit  • 
Wonne;  die  Misere,  die  Kleinheit  jener  regierenden 
Bourgeoisie,  die  sie  stürzen  wollen,  ist  hier  sehr  er» 
götzlich  aufgedeckt.  Für  die  Legitimisten  aber  ist 
das  Buch  wahrer  Kaviar,  denn  der  Verfasser,  der 
sie  selbst  verschont,  verhöhnt  ihre  bürgerlichen  Be- 
sieger und  wirft  vergifteten  Kot  auf  den  Königsmantel 
von  Ludwig  Philipp.  Sind  die  Geschichten,  die  Louis 
Blanc  von  ihm  erzählt,  falsch  oder  wahr?  Ist  letzteres 
der  Fall,  so  hätte  die  große  Nation  der  Franzosen, 
die  so  viel  von  ihrem  Point-d'honneur  spricht,  sich 
seit  zehn  Jahren  von  einem  gewöhnlichen  Gaukler, 
von  einem  gekrönten  Bosco  regieren  und  repräsen- 
tieren lassen.  Es  wird  nämlich  in  jenem  Buche  fol- 
gendes erzählt:  Den  1.  August,  als  Karl  X.  den  Herzog 
von  Orleans  zum  Leutnant-General  ernannt,  habe 
sich  Dupin  zu  letzterm  nach  Neuilly  begeben  und 
ihm  vorgestellt,  daß  er,  um  dem  gefährlichen  Ver- 
dacht der  Zweideutigkeit  zu  entgehen,  auf  eine  ent- 
schiedene Weise  mit  Karl  X.  brechen  und  ihm  einen 
bestimmten  Absagebrief  schreiben  müsse.  Ludwig 
Philipp  habe  dem  Rate  Dupins  seinen  ganzen  Beifall 
geschenkt  und  ihn  selbst  gebeten,  einen  solchen  Brief 
für  ihn  zu  redigieren;  dieses  sei  geschehen  und  zwar 
in  den  derbsten  Ausdrücken,  und  Ludwig  Philipp,  im 
ix,  9 


i3o 


Lutezia 


Begriff,  den  schon  mit  einem  Adreßkuverte  versehenen 
Brief  zu  versiegeln,  und  das  Siegellack  bereits  an  die 
Wachskerze  haltend,  habe  sich  plötzlich  zu  Dupin 
gewandt  mit  den  Worten:  »In  wichtigen  Fällen  kon- 
sultiere ich  immer  meine  Frau,  ich  will  ihr  erst  den 
Brief  vorlesen,  und  findet  er  Beifall,  so  schicken  wir 
ihn  gleich  ab.«  Hierauf  habe  er  das  Zimmer  ver- 
lassen, und  nach  einer  Weile  mit  dem  Briefe  zurück- 
kehrend habe  er  denselben  schnell  versiegelt  und  un- 
verzüglich an  Karl  X.  abgeschickt.  Aber  nur  das 
Adreßkuvert  sei  dasselbe  gewesen,  dem  plump 
Dupinschen  Briefe  jedoch  habe  der  fingerfertige  Künst- 
ler ein  ganz  demütiges  Schreiben  substituiert,  worin 
er,  seine  Untertanentreue  beteuernd,  die  Ernennung 
als  Leutnant-General  annahm  und  den  König  be- 
schwor, zugunsten  seines  Enkels  zu  abdizieren.  Die 
nächste  Frage  ist  nun:  wie  ward  dieser  Betrug  ent- 
deckt? Hierauf  hat  Herr  Louis  Blanc  einem  Bekannten 
von  mir  mündlich  die  Antwort  erteilt:  Herr  Berryer, 
als  er  nach  Prag  zu  Karl  X.  reiste,  habe  demselben 
ehrfurchtsvoll  vorgestellt,  daß  Seine  Majestät  sich 
einst  mit  der  Abdikation  etwas  zu  sehr  übereilt,  wo- 
rauf ihm  Se.  Majestät,  um  sich  zu  justifizieren,  den 
Brief  zeigte,  den  ihm  zu  jener  Zeit  der  Herzog  von 
Orleans  geschrieben ;  den  Rat  desselben  habe  er  um 
so  eifriger  befolgt,  da  er  in  ihm  den  Leutnant-General 
des  Königreichs  anerkannt  hatte.  Es  ist  also  Herr 
Berryer,  welcher  jenen  Brief  gesehen  hat  und  auf 
dessen  Autorität  die  ganze  Anekdote  beruht.  Für 
die  Legitimisten  ist  diese  Autorität  gewiß  hinreichend, 
und  sie  ist  es  auch  für  die  Republikaner,  die  alles 
glauben,  was  der  legitime  Haß  gegen  Ludwig  Philipp 
erfindet.  Wir  sahen  dieses  noch  jüngst,  als  eine  ver- 
rufene Vettel  die  bekannten  falschen  Briefe  schmiedete, 


Erster  Teil  131 

bei  welcher  Gelegenheit  Herr  Berryer  sich  bereits  als 
Advokat  der  Fälschung  in  vollem  Glänze  zeigte.  Wir, 
die  wir  weder  Legitimist  noch  Republikaner  sind,  wir 
glauben  nur  an  das  Talent  des  Herrn  Berryer,  an 
sein  wohltönendes  Organ,  an  seinen  Sinn  für  Spiel 
und  Musik,  und  ganz  besonders  glauben  wir  an  die 
ungeheuren  Summen,  womit  die  legitimistische  Partei 
ihren  großen  Sachwalter  honoriert. 

Was  Ludwig  Philipp  betrifft,  so  haben  wir  in  die- 
sen Blättern  oft  genug  unsre  Meinung  über  ihn  aus- 
gesprochen. Er  ist  ein  großer  König,  obgleich  ähn- 
licher dem  Odysseus  als  dem  Ajax,  dem  wütenden 
Autokraten,  der  im  Zwist  mit  dem  erfindungsreichen 
Dulder  gar  kläglich  unterliegen  mußte.  Er  hat  aber 
die  Krone  Frankreichs  nicht  wie  ein  Schelm  eskamo- 
tiert,  sondern  die  bitterste  Notwendigkeit,  ich  möchte 
sagen  die  Ungnade  Gottes  drückte  ihm  die  Krone 
aufs  Haupt,  in  einer  verhängnisvollen  Schreckens- 
stunde. Freilich,  er  hat  bei  dieser  Gelegenheit  ein 
bißchen  Komödie  gespielt,  er  meinte  es  nicht  ganz 
ehrlich  mit  seinen  Kommittenten,  mit  den  Juliushelden; 
die  ihn  aufs  Schild  erhoben  —  aber  meinten  es  diese 
so  ganz  ehrlich  mit  ihm,  dem  Orleans?  Sie  hielten 
ihn  für  einen  bloßen  Hampelmann,  sie  setzten  ihn 
lustig  auf  den  roten  Sessel,  im  festen  Glauben,  ihn 
mit  leichter  Mühe  wieder  herabwerfen  zu  können, 
wenn  er  sich  nicht  gelenkig  genug  an  den  Drähten 
regieren  ließe,  oder  wenn  es  ihnen  gar  einfiele,  die 
Republik,  das  alte  Stück,  wieder  aufzuführen.  Aber 
diesmal,  wie  ich  bereits  mal  gesagt  habe,  war  es  das 
Königtum  selbst,  welches  die  Rolle  des  Junius  Brutus 
spielte,  um  die  Republikaner  zu  täuschen,  und  Lud- 
wig Philipp  war  klug  genug,  die  Maske  der  schaf- 
mütigsten  Einfalt  vorzunehmen,  mit  dem  großen  sen- 


-/ 


I«  Lutezia 

timentalen  Parapluic  unterm  Arm  wie  Staberle  durch 
die  Gassen  von  Paris  zu  schlendern,  Bürger  Krethi 
und  Bürger  Plethi  die  ungewaschenen  Hände  zu 
schütteln,  und  zu  lächeln  und  sehr  gerührt  zu  sein. 
Er  spielte  wirklich  damals  eine  kuriose  Rolle,  und 
als  ich  kurz  nach  der  Juliusrevolution  hierherkam, 
hatte  ich  noch  oft  Gelegenheit,  darüber  zu  lachen. 
Ich  erinnere  mich  noch  sehr  gut,  daß  ich  bei  meiner 
Ankunft  gleich  nach  dem  Palais  Royal  eilte,  um 
Ludwig  Philipp  zu  sehen.  Der  Freund,  der  mich 
führte,  erzählte  mir,  daß  der  König  jetzt  nur  zu  be* 
stimmten  Stunden  auf  der  Terrasse  erscheine;  früher 
aber,  noch  vor  wenigen  Wochen,  habe  man  ihn  zu 
jeder  Zeit  sehen  können,  und  zwar  für  fünf  Francs. 
»Für  fünf  Francs  !c  —  rief  ich  mit  Verwunderung 
~-  »zeigt  er  sich  denn  für  Geld?«  »Nein,  aber  er 
wird  für  Geld  gezeigt,  und  es  hat  damit  folgende 
Bewandtnis:  es  gibt  eine  Sozietät  von  Claqueurs, 
Marchands  de  Contremarques  und  sonstigem  Lumpen« 
gesindel,  die  jedem  Fremden  anbieten,  ihm  für  fünf 
Frs.  den  König  zu  zeigen;  gäbe  man  ihnen  zehn 
Frs.,  so  werde  man  ihn  sehen,  wie  er  die  Augen 
gen  Himmel  richtet  und  die  Hand  beteuernd  aufs 
Herz  legt;  gäbe  man  aber  zwanzig  Frs.,  so  solle 
er  auch  die  Marseillaise  singen.«  Gab  man  nun 
jenen  Kerls  ein  Fünffrankenstück,  so  erhoben  sie 
ein  jubelndes  Vivatrufen  untern  den  Fenstern  des 
Königs,  und  höchstderselbe  erschien  auf  der  Terrasse, 
verbeugte  sich  und  trat  wieder  ab.  Hatte  man  jenen 
Kerls  zehn  Frs:  gegeben,  so  schrien  sie  noch  viel 
lauter  und  gebärdeten  sich  wie  besessen  während 
der  König  erschien,  welcher  alsdann  zum  Zeichen 
seiner  stummen  Rührung  die  Augen  gen  Himmel 
richtete,   und   die  Hand  beteuernd   aufs  Herz  legte. 


Erster  Teil 


*33 


Die  Engländer  aber  ließen  es  sich  manchmal  zwanzig 
Francs  kosten,  und  dann  ward  der  Enthusiasmus 
aufs  höchste  gesteigert,  und  sobald  der  König  auf 
der  Terrasse  erschien,  ward  die  Marseillaise  an* 
gestimmt  und  so  fürchterlich  gegrölt,  bis  Ludwig 
Philipp,  vielleicht  nur  um  dem  Gesang  ein  Ende  zu 
machen,  sich  verbeugte,  die  Augen  gen  Himmel 
richtete,  die  Hand  aufs  Herz  legte  und  die  Marseil- 
laise mitsang.  Ob  er  auch  mit  dem  Fuße  den  Takt 
schlug,  wie  behauptet  wird,  weiß  ich  nicht.  Ich 
kann  überhaupt  die  Wahrheit  dieser  Anekdote  nicht 
verbürgen.  Der  Freund,  der  sie  mir  erzählte,  ist 
seit  sieben  Jahren  tot;  seit  sieben  Jahren-  hat  er  nicht 
gelogen.  Es  ist  also  nicht  Herr  Berryer,  auf  dessen 
Autorität  ich  mich  berufe. 


XXVI. 

Paris,  7.  November  1840. 
Der  König  hat  geweint.  Er  weinte  öffentlich, 
auf  dem  Throne,  umgeben  von  allen  Würdeträgern 
des  Reichs,  angesichts  seines  ganzen  Volks,  dessen 
erwählte  Vertreter  ihm  gegenüberstanden,  und  Zeugen 
dieses  kummervollen  Anblicks  waren  alle  Fürsten 
des  Auslandes,  repräsentiert  in  der  Person  ihrer  Ge- 
sandten und  Abgeordneten.  Der  König  weinte! 
Dieses  ist  ein  betrübendes  Ereignis.  Viele  ver- 
dächtigen diese  Tränen  des  Königs,  und  vergleichen 
sie  mit  denen  des  Reineke.  Aber  ist  es  nicht  schon 
hinlänglich  tragisch,  wenn  ein  König  so  sehr  be- 
drängt und  geängstet  worden,  daß  er  zu  dem  feuchten 
Hilfsmittel  des  Weinens  seine  Zuflucht  genommen? 
Nein,  Ludwig  Philipp,  der  königliche  Dulder,  braucht 


»34 


Lutezia 


nicht  eben  seinen  Tränendrüsen  Gewalt  anzutun, 
wenn  er  an  die  Schrecknisse  denkt,  wovon  er,  sein 
Volk  und  die  ganze  Welt  bedroht  ist.   — 

Über  die  Stimmung  der  Kammer  läßt  sich  noch 
nichts  Bestimmtes  vermelden.  Und  doch  hängt  alles 
davon  ab,  die  innere  wie  die  äußere  Ruhe  Frank- 
reichs und  der  ganzen  Welt.  Entsteht  ein  bedeuten- 
der Zwiespalt  zwischen  den  Bourgeois-Notabilitäten 
der  Kammer  und  der  Krone,  so  zögern  die  Häupt- 
linge des  Radikalismus  nicht  länger  mit  einem  Auf- 
stand, der  schon  im  geheimen  organisiert  wird,  und 
der  nur  auf  die  Stunde  harrt,  wo  der  König  nicht 
mehr  auf  den  Beistand  der  Deputiertenkammer 
rechnen  kann.  Solange  beide  Teile  nur  schmollen, 
aber  doch  ihren  Ehekontrakt  nicht  verletzen,  kann 
kein  Umsturz  der  Regierung  gelingen,  und  das  wissen 
die  Rädelsführer  der  Bewegung  sehr  gut,  deshalb  ver- 
schlucken sie  für  den  Augenblick  all  ihren  Grimm 
und  hüten  sich  vor  jedem  unzeitigen  Schilderheben. 
Die  Geschichte  Frankreichs  zeigt,  daß  jede  be- 
deutende Phase  der  Revolution  immer  parlamen- 
tarische Anfänge  hatte,  und  die  Männer  des  gesetz- 
lichen Widerstandes  immer  mehr  oder  minder  deutlich 
dem  Volk  das  furchtbare  Signal  gaben.  Durch  diese 
Teilnahme,  wir  möchten  fast  sagen  Komplicität  eines 
Parlaments,  ist  das  Interregnum  der  rohen  Fäuste 
nie  von  langer  Dauer,  und  die  Franzosen  sind  vor 
der  Anarchie  viel  mehr  geschützt  als  andere  Völker, 
die  im  revolutionären  Zustand  sind,  z.  B.  die  Spanier. 
Das  sahen  wir  in  den  Tagen  des  Julius,  wo  das 
Parlament,  die  legislative  Versammlung,  sich  in  einen 
exekutierenden  Konvent  verwandelte.  Es  ist  wieder 
eine  solche  Umwandlung,  die  man  im  schlimmsten 
Fall  erwartet. 


Erster  Teil  pc 

XXVII. 

Paris,  12.  November  1840. 

Die  Geburt  des  Herzogs  von  Chartres  ist  ein 
Nachtrag  zur  Kronrede.  »Mitleid,  das  nackte  Kind* 
lein«  **  sagt  Shakspeare.  Und  das  Kindlein  ist 
obendrein  ein  Prinz  von  Geblüt,  und  also  bestimmt, 
die  traurigsten  Prüfungen  zu  erdulden,  wo  nicht  gar 
die  königliche  Dornenkrone  von  Frankreich  auf  dem 
Haupte  zu  tragen!  Gebt  ihm  eine  deutsche  Heb- 
amme, damit  er  die  Milch  der  Geduld  sauge.  Er 
befindet  sich  frisch  und  gesund.  Das  kluge  Kind 
hat  gleich  seine  Situation  begriffen  und  gleich  zu 
weinen  angefangen.  Übrigens  soll  es  dem  Großvater 
sehr  ähnlich  sehen.  Letzterer  jauchzt  vor  Freude. 
Wir  gönnen  ihm  von  Herzen  diesen  Trost,  diesen  Bal- 
sam ;  hat  er  doch  in  der  letzten  Zeit  so  viel  gelitten ! 
Ludwig  Philipp  ist  der  vortrefflichste  Hausvater,  und 
eben  die  übertriebene  Sorgfalt  für  das  Glück  seiner 
Familie  brachte  ihn  in  so  viele  Kollisionen  mit  den 
Nationalinteressen  der  Franzosen.  Eben  weil  er  Kin- 
der hat  und  sie  liebt,  hegt  er  auch  die  entschiedenste 
Zärtlichkeit  für  den  Frieden.  Kriegslustige  Fürsten 
sind  gewöhnlich  kinderlos.  Dieser  Sinn  für  Häuslich- 
keit und  häusliches  Glück,  wie  dergleichen  bei  Ludwig 
Philipp  vorherrschend,  ist  gewiß  ehrenwert  und  jeden- 
falls ist  das  allerhöchste  Muster  von  dem  heilsamsten 
Einfluß  auf  die  Sitten.  Der  König  ist  tugendhaft  im 
bürgerlichsten  Geschmack,  sein  Haus  ist  das  honetteste 
von  ganz  Frankreich,  und  die  Bourgeoisie,  die  ihn 
zu  ihrem  Statthalter  gewählt,  hat  noch  immer  hin- 
längliche Gründe,  mit  ihm  zufrieden  zu  sein. 

Solange  die  Bourgeoisie  am  Ruder  steht,  droht 
der    jetzigen   Dynastie   keine   Gefahr.     Wie   soll   es 


n6  Lutezia 

aber  gehen,  wenn  Stürme  aufsteigen,  wo  stärkere 
Fäuste  zum  Ruder  greifen,  und  die  Hände  der 
Bourgeoisie,  die  mehr  geeignet  zum  Geldzählen  und 
Buchführen,  sich  ängstlich  zurückziehen?  Die  Bour- 
geoisie wird  noch  weit  weniger  Widerstand  leisten, 
als  die  ehemalige  Aristokratie;  denn  selbst  in  ihrer 
kläglichsten  Schwäche,  in  ihrer  Erschlaffung  durch 
Sittenlosigkeit,  in  ihrer  Entartung  durch  Kurtisanerie, 
war  die  alte  Noblesse  doch  noch  beseelt  von  einem 
gewissen  Point  d'honneur,  das  unsrer  Bourgeoisie 
fehlt,  die  durch  den  Geist  der  Industrie  emporblüht, 
aber  auch  untergehen  wird.  Man  prophezeit  ihr  einen 
10.  August,  aber  ich  zweifle,  ob  die  bürgerlichen  Ritter 
des  Juliusthrons  sich  so  heldenmütig  zeigen  werden,  wie 
die  gepuderten  Marquis  des  alten  Regimes,  die,  in  seide- 
nen Röcken  und  mit  dünnen  Galanteriedegen,  sich  dem 
eindringenden  Volke  in  den  Tuilerien  entgegensetzten. 
j  Die  Nachrichten,  die  uns  aus  dem  Osten  zu- 
kommen, sind  für  die  Franzosen  sehr  betrübend.  Die 
Autorität  Frankreichs  ist  im  Orient  unwiederbring- 
lich verloren  und  wird  die  Beute  von  England  und 
Rußland.  Die  Engländer  haben  erlangt  was  sie 
wollten,  die  tatsächliche  Obmacht  in  Syrien,  die 
Sicherung  ihrer  Handelsstraße  nach  Indien:  der 
Euphrat,  einer  der  vier  Paradiesflüsse,  wird  ein  eng- 
lisches Gewässer,  worauf  man  mit  dem  Dampfschiffe 
fährt,  wie  nach  Ramsgate  und  Margate  usw.  —  auf 
Towerstreet  ist  das  Steamboat-office ,  wo  man  sich 
einschreibt  —  zu  Bagdad,  dem  alten  Babylon,  steigt 
man  aus  und  trinkt  Porter  oder  Tee.  ~-  Die  Eng- 
länder schwören  täglich  in  ihren  Blättern,  daß  sie 
keinen  Krieg  wollten,  und  daß  der  famose  Pazifika- 
tionstraktat  nicht  im  mindesten  die  Interessen  Frank- 
reichs  verletzen   und  die  Fackel  des  Kriegs  in   die 


Erster  Teil  137 

Welt  schleudern  sollte  —  und  dennoch  war  es  der 
Fall;  die  Engländer  haben  die  Franzosen  aufs 
bitterste  beleidigt,  und  die  ganze  Welt  einem  all- 
gemeinen  Brande  ausgesetzt,  um  für  sich  einige 
Schachvorteile  zu  erzielen!  Aber  die  Selbstsucht 
sorgte  nur  für  den  Moment,  und  die  Zukunft  be- 
reitet  ihr  die  Strafe.  Die  Vorteile,  die  Rußland 
durch  den  erwähnten  Traktat  erntete,  sind  zwar 
nicht  von  so  barer  Münze,  man  kann  sie  nicht  so 
schnell  berechnen  und  einkassieren,  aber  sie  sind 
von  unschätzbarstem  Werte  für  seine  Zukunft.  Zu* 
nächst  ward  dadurch  die  Allianz  zwischen  Frank- 
reich und  England  aufgelöst,  was  ein  wichtiger  Ge- 
winn für  Rußland,  das  früh  oder  spät  mit  einer 
jener  Mächte  in  die  Schranken  treten  muß.  Dann 
ward  die  Macht  jenes  Agyptiers  vernichtet,  der, 
wenn  er  sich  an  die  Spitze  der  Moslemin  stellte,  im- 
stande war,  das  türkische  Reich  zu  schützen  vor 
den  Russen,  die  es  schon  als  ihr  Eigentum  be- 
trachten. Und  noch  viele  Vorteile  der  Art  haben 
die  Russen  erbeutet,  und  zwar  ohne  großen  Auf- 
wand von  Gefahr,  da,  im  Fall  eines  Kriegs,  die 
Franzosen  nicht  bis  zu  ihnen  hinüberreichen  könnten, 
ebensowenig  wie  sie  den  Engländern  beizukommen 
vermöchten.  Zwischen  England  und  dem  Zorn  der 
Franzosen  liegt  das  Meer,  zwischen  den  letztern 
und  den  Russen  liegt  Deutschland;  —  und  wir 
armen  Deutschen,  durch  den  Zufall  der  örtlichkeit, 
wir  hätten  uns  schlagen  müssen  für  Dinge,  die  uns 
gar  nichts  angehen,  für  nichts  und  wieder  nichts, 
gleichsam  für  des  Kaisers  Bart.  —  Ach,  wäre  es 
noch  für  den  Bart  eines  Kaisers! 


Ij8  Lutczia 

XXVIII. 

Paris,  6.  Januar  1841. 
Das  junge  Jahr  begann  wie  das  alte  mit  Musik 
und  Tanz.  In  der  Großen  Oper  erklingen  die  Melo- 
dien Donizettis,  womit  man  die  Zeit  notdürftig  aus- 
füllt, bis  der  »Prophet«  kommt,  nämlich  das  Meyer- 
beersche  Opus  dieses  Namens.  Vorgestern  abend 
debütierte  Mademoiselle  Heinefetter  mit  großem, 
glänzenden  Erfolg.  Im  Odeon,  dem  italienischen 
Nachtigallennest,  flöten  schmelzender  als  je  der 
alternde  Rubini  und  die  ewig  junge  Grisi,  die 
singende  Blume  der  Schönheit.  Auch  die  Konzerte 
haben  schon  begonnen  in  den  rivalisierenden  Sälen 
von  Herz  und  Erard,  den  beiden  Holzkünstlern. 
Wer  in  diesen  öffentlichen  Anstalten  Polyhymnias 
nicht  genug  Gelegenheit  findet,  sich  zu  langweilen, 
der  kann  schon  in  den  Privatsoireen  sich  nach 
Herzenslust  ausgähnen:  eine  Schar  junger  Dilettanten, 
die  zu  den  fürchterlichsten  Hoffnungen  berechtigen, 
läßt  sich  hier  hören  in  allen  Tonarten  und  auf  allen 
möglichen  Instrumenten;  Hr.  Orfila  meckert  wieder 
seine  unbarmherzigsten  Romanzen,  gesungenes  Ratten- 
gift. Nach  der  schlechten  Musik  wird  lauwarmes 
Zuckerwasser  oder  gesalzenes  Eis  herumgereicht, 
und  getanzt.  Auch  die  Maskenbälle  erheben  sich 
schon  unter  Pauken-  und  Trompetenschall,  und  wie 
mit  Verzweiflung  stürzen  sich  die  Pariser  in  den 
tosenden  Strudel  des  Vergnügens.  Der  Deutsche 
trinkt,  um  sich  von  drückender  Sorgenlast  zu  be- 
freien; der  Franzose  tanzt,  den  berauschenden,  be- 
täubenden Galoppwalzer.  Die  Göttin  des  Leicht- 
sinns möchte  gern  ihrem  Lieblingsvolke  allen 
trüben  Ernst  aus   der  Seele  hinausgaukeln,   aber   es 


Erster  Teil 


*39 


gelingt  ihr  nicht;  in  den  Zwischenpausen  der  Qua- 
drille flüstert  Harlekin  seinem  Nachbar  Pierrot  ins 
Ohr:  »Glauben  Sie,  daß  wir  uns  dieses  Frühjahr 
schlagen  müssen?«  Selbst  der  Champagner  ist  un- 
mächtig  und  kann  nur  die  Sinne  benebeln,  die 
Herzen  bleiben  nüchtern,  und  manchmal,  beim  lustig* 
sten  Bankett,  erbleichen  die  Gäste,  der  Witz  stirbt 
auf  ihren  Lippen,  sie  werfen  sich  erschrockene  Blicke 
zu  — -  an  der  Wand  sehen  sie  die  Worte:  »Mene, 
Tekel,  Peres!« 

Die  Franzosen  verhehlen  sich  nicht  das  Gefahr-' 
volle  ihrer  Lage,  aber  der  Mut  ist  ihre  National- 
tugend.  Und  am  Ende  wissen  sie  sehr  gut,  daß 
die  politischen  Besitztümer,  die  ihre  Väter  mit  kampf- 
lustigster Tapferkeit  erworben  haben,  nicht  durch 
duldende  Nachgiebigkeit  und  müßige  Demut  bewahrt 
werden  können.  Selbst  Guizot,  der  so  unwürdig 
geschmähte  Guizot,  ist  keineswegs  gesonnen,  den 
Frieden  um  jeden  Preis  zu  erhalten.  Dieser  Mann 
behauptet  zwar  einen  unerschrockenen  Widerstand 
gegen  den  anstürmenden  Radikalismus,  aber  ich  bin 
überzeugt,  daß  er  sich  mit  derselben  Entschlossen- 
heit dem  Andrang  absolutistischer  und  hierarchischer 
Bestrebungen  entgegenstemmen  würde.  Ich  weiß  nicht, 
wie  groß  die  Zahl  der  Nationalgardisten  war,  die 
beim  kaiserlichen  Leichenbegängnisse:  »ä  bas Guizot!« 
riefen;  aber  ich  weiß,  daß  die  Nationalgarde,  ver- 
stünde sie  ihre  eigenen  Interessen,  ebenso  ver- 
ständig wie  dankbar  handeln  würde,  wenn  sie  gegen 
jene  schnöden  Rufe  öffentlich  protestierte.  Denn  die 
Nationalgarde  ist  am  Ende  doch  nichts  anderes, 
als  die  bewaffnete  Bourgeoisie,  und  eben  diese,  ge- 
fährdet zu  gleicher  Zeit  durch  die  intrigierende 
Partei  des  alten  Regimes  und  die  Prädikanten  einer 


i4o 


Lutezia 


y 


Babocufschcn  Republik,  hat  in  Guizot  ihren  natür- 
lichen Schutzvogt  gefunden,  der  sie  schützt  nach 
oben  wie  nach  unten.  Guizot  hat  nie  etwas  anderes 
gewollt,  als  die  Herrschaft  der  Mittelklassen,  die  er 
durch  Bildung  und  Besitz  dazu  geeignet  glaubte,  die 
Staatsgeschäfte  zu  lenken  und  zu  vertreten.  Ich  bin 
überzeugt,  hätte  er  in  der  französischen  Aristokratie 
noch  ein  Lebenselement  gefunden,  wodurch  sie  fähig 
gewesen  wäre,  zum  Heil  des  Volkes  und  der  Mensch- 
heit Frankreich  zu  regieren,  Guizot  wäre  ihr  Kämpe 
geworden,  mit  ebenso  großem  Eifer  und  gewiß  mit 
größerer  Uneigennützigkeit  als  Bertyer  und  ähnliche 
Paladine  der  Vergangenheit;  ich  bin  in  gleicher  Weise 
überzeugt,  daß  er  für  die  Proletarierherrschaft  kämpfen 
würde,  und  zwar  mit  strengerer  Ehrlichkeit  als 
Lamennais  und  seine  Kreuzbrüder,  wenn  er  die 
untern  Klassen  durch  Bildung  und  Einsicht  reif 
glaubte,  das  Staatsruder  zu  führen,  und  wenn  er 
nicht  einsähe,  daß  der  unzeitige  Triumph  der  Prole- 
tarier nur  von  kurzer  Dauer  und  ein  Unglück  für 
die  Menschheit  wäre,  indem  sie,  in  ihrem  blödsinnigen 
Gleichheitstaumel,  alles  was  schön  und  erhaben  auf 
dieser  Erde  ist,  zerstören,  und  namentlich  gegen 
Kunst  und  Wissenschaft  ihre  bilderstürmende  Wut 
auslassen   würden. 

Guizot  ist  jedoch  kein  Mann  des  starren  Still- 
standes, sondern  des  geregelten  und  gezeitigten  Fort- 
schritts, und  die  Zukunft  wird  diesem  Manne  die 
glorreichste  Gerechtigkeit  widerfahren  lassen.  Viel- 
leicht wird  dergleichen  ihm  schon  in  der  nächsten 
Gegenwart  zuteil:  er  braucht  nur  das  Hotel  des 
Capucins  zu  verlassen.  Würde  er  in  diesem  Fall 
wieder  seinen  Gesandtschaftsposten  in  London  an- 
treten? Würde  er,  trotz  seiner  Sympathie  für  Eng- 


Erster  Teil  141 

land,  jenes  neue  Ministerium  unterstützen,  das  eine 
Allianz  mit  Rußland  träumt?  —  Es  ist  möglich,  denn 
im  Fall  man  Frankreich  zum  Kriege  zwänge,  würde 
Guizot,  alle  revolutionären  Mittel  verschmähend, 
nur  politischen  Allianzen  nachstreben.  »Können ' 
wir,  trotz  aller  Opfer  und  Mäßigung ,  den  Frieden 
nicht  aufrecht  erhalten,  so  werden  wir  den  Krieg 
als  eine  Macht  fuhren  <puissance>,  und  nicht  als 
ein  lärmender  Haufen  <cohue>«  —  so  äußerte  sich 
Guizot  im  vertrauten  Salon.  Hierin  liegt  aber  der 
Hauptgrund,  weshalb  ihm  alle  jene  Leute  gram  sind, 
die  nur  von  einer  Propaganda  den  Sieg  erwarten 
und  sich  dabei  als  notwendige  Werkzeuge  wichtig 
machen  wollen.  Das  sind  namentlich  die  Journa- 
listen, die  ihrer  Feder  alle  mögliche  Hilfswirkung 
zutrauen.  »Das  Beste  in  der  Welt  ist  eine  baum- 
wollene Nachtmütze«  —  sagt  der  Bonnetier,  und 
die  Journalisten  sagen:  »das  Beste  ist  ein  Zeitungs- 
artikel!« Wie  sehr  sie  sich  irren,  erfuhren  wir  in 
jüngster  Zeit,  wo  die  propagandistischen  Phrasen 
des  »National«,  des  »Courner  francais«  und  des 
»Constitutione!«  so  viel  Mißmut  in  Deutschland 
erregten.  Da  waren  die  Väter  weit  praktischer:  als 
sie  die  kosmopolitischen  Ideen  der  Revolution  in 
Gefahr  sahen,  suchten  sie  Hülfe  im  Nationalgefühl. 
Die  Söhne,  welche  ihre  Nationalität  bedroht  sehen, 
nehmen  ihre  Zuflucht  zu  den  kosmopolitischen  Ideen/ 
—  diese  aber  treiben  nicht  so  mächtig  zur  Tat,  wie 
jene  begeisternden  Erddünste,  die  wir  Vaterlands- 
liebe nennen. 

Ob  im  Fall  eines  Krieges  die  russische  Allianz 
für  die  Franzosen  heilsamer  sei  als  die  Propaganda, 
daran  zweifle  ich.  Durch  letztere  wird  nur  ihre 
zeitliche    Gesellschaftsform     bedroht,     crstere     aber 


142  Lutezia 


gefährdet  das  Wesen  ihrer  Gesellschaft  selbst,  ihr 
innerstes  Lebensprinzip,  die  Seele  des  französi- 
schen Volks. 


XXIX. 

Paris,  11.  Januar  1841. 
Immer  mehr  verbreitet  sich  unter  den  Franzosen 
die  Meinung,  daß  Bellonas  Drommeten  dieses  Früh- 
jahr den  Gesang  der  Nachtigallen  überschmettern, 
und  die  armen  Veilchen,  zertreten  vom  Pferdehuf, 
ihren  Duft  im  Pulverdampf  verhauchen  müssen.  Ich 
kann  dieser  Ansicht  keineswegs  beistimmen,  und  die 
süßeste  Friedenshoffnung  nistet  beharrlich  in  meiner 
Brust.  Es  ist  jedoch  immer  möglich,  daß  die  Un» 
glückspropheten  recht  haben,  und  der  kecke  Lenz 
mit  unvorsichtiger  Lunte  den  geladenen  Kanonen 
nahe.  Ist  aber  diese  Gefahr  überstanden,  und  ist 
gar  der  heiße  Sommer  gewitterlos  vorübergezogen, 
dann  glaube  ich,  ist  Europa  für  lange  Zeit  vor  den 
Schrecknissen  eines  Kriegs  geschützt,  und  wir  dürfen 
uns  eines  langen,  dauernden  Friedens  versichert 
halten.  Die  Wirrnisse,  die  von  oben  kamen,  werden 
alsdann  auch  dort  oben  ruhig  gelöst  worden  sein, 
und  das  niedrige  Gezücht  des  Nationalhasses,  das 
sich  in  den  untern  Schichten  der  Gesellschaft  ent- 
wickelt hat,  wird  von  der  bessern  Einsicht  der 
Völker  wieder  in  seinen  Schlamm  zurückgetreten 
werden.  Das  wissen  aber  auch  die  Dämonen  des 
Umsturzes  diesseits  und  jenseits  des  Rheins,  und 
wie  hier  in  Frankreich  die  radikale  Partei,  aus  Angst 
vor  der  definitiven  Befestigung  der  Orleansschen 
Dynastie  und  ihrer  auf  lange  Zeit  gesicherten  Dauer, 


Erster  Teil 


«43 


die  Wechselfälle  des  Kriegs  herbeiwünscht,  um  nur 
die  Chance  eines  Regierungswechsels  zu  gewinnen: 
so  predigt  jenseits  des  Rheins  die  radikale  Partei 
einen  Kreuzzug  gegen  die  Franzosen,  in  der  Hoff« 
nung,  daß  die  entzügelten  Leidenschaften  einen 
wilden  Zustand  herbeiführen,  wo  viel  leichter  als 
in  einer  zahmen  und  gezähmten  Periode  die  Ideen 
der  Bewegung  verwirklicht  werden  können.  Ja,  die 
Furcht  vor  der  einschläfernden  und  fesselnden  Macht 
des  Friedens  brachte  diese  Leute  zu  dem  ver* 
zweiflungsvollen  Entschluß,  das  französische  Volk 
<wie  sie  in  ihrer  Unschuld  sich  ausdrücken)  auf* 
zu  opfern.  Wir  sagen  es  offen,  weil  uns  dieser 
Heroismus  ebenso  töricht  wie  undankbar  erscheint, 
und  weil  wir  unsägliches  Mitleid  empfinden  mit  der 
bärenhaften  Unbeholfenheit,  die  sich  einbildet  klüger 
zu  sein,  als  alle  Füchse  der  List!  O  Ihr  Toren,  ich 
rate  Euch,  legt  Euch  nicht  auf  das  gefährliche  Fach 
der  politischen  Pfiffigkeit,  seid  deutsch  ehrlich  und 
menschlich  dankbar,  und  bildet  Euch  nicht  ein,  Ihr 
werdet  auf  eigenen  Beinen  stehen,  wenn  Frankreich 
fällt,  die  einzige  Stütze,  die  Ihr  habt  auf  dieser  Erde! 
Werden  aber  nicht  auch  von  oben  die  Funken 
der  Zwietracht  geschürt?  Ich  glaube  es  nicht,  und 
es  will  mich  bedünken,  die  diplomatischen  Wirrnisse 
seien  mehr  ein  Resultat  der  Ungeschicklichkeit  als 
des  bösen  Willens.  Wer  will  aber  den  Krieg?  Eng- 
land und  Rußland  könnten  sich  schon  jetzt  zufrieden 
geben ;  —  sie  haben  bereits  genug  Vorteile  im  trüben 
erfischt.  Für  Deutschland  und  Frankreich  jedoch 
ist  der  Krieg  ebenso  unnötig  wie  gefährlich;  —  die 
Franzosen  besäßen  zwar  gern  die  Rheingrenze,  aber 
nur  weil  sie  sonst  gegen  etwaige  Invasionen  zu 
wenig  geschützt  sind,  und  die  Deutschen  brauchten 


144 


Lutezia 


nicht  zu  furchten,  die  Rheingrenze  zu  verlieren,  so* 
lange  sie  nicht  selber  den  Frieden  brechen.  Weder 
das  deutsche  Volk  noch  das  französische  Volk  be- 
gehrt nach  Krieg.  Ich  brauche  wohl  nicht  erst  zu 
beweisen,  daß  die  Rodomontaden  unsrer  Deutsch- 
tümler, die  nach  dem  Besitz  von  Elsaß  und  Lothringen 
schreien,  nicht  der  Ausdruck  des  deutschen  Bauers 
und  des  deutschen  Bürgers  sind.  Aber  auch  der 
französische  Bürger  und  der  französische  Bauer,  der 
Kern  und  die  Masse  des  großen  Volks,  wünschen 
keinen  Krieg,  da  die  Bourgeoisie  nur  nach  indu- 
striellen Ausbeutungen,  nach  Eroberungen  des  Frie- 
dens trachtet,  und  der  Landmann  noch  aus  der 
Kaiserperiode  sehr  gut  weiß,  wie  teuer,  wie  blutteuer 
er  die  Triumphe  der  Nationaleitelkeit  bezahlen  muß. 
Die  kriegerischen  Gelüste,  die  bei  den  Franzosen 
seit  den  Zeiten  der  Gallier  so  stürmisch  loderten 
und  brodelten,  sind  nachgerade  ziemlich  erloschen, 
und  wie  wenig  die  militärische  »furor  francese«  jetzt 
bei  ihnen  vorherrschend,  zeigte  sich  bei  der  Leichen- 
feier des  Kaisers  Napoleon  Bonaparte.  Ich  kann 
nicht  mit  den  Berichterstattern  übereinstimmen,  die 
J  in  dem  Schauspiel  jenes  wunderbaren  Begräbnisses 
nur  Pomp  und  Gepränge  sahen.  Sie  hatten  kein 
Auge  für  die  Gefühle,  die  das  französische  Volk 
bis  in  seine  Tiefen  erschütterten.  Diese  Gefühle 
waren  aber  nicht  die  des  soldatischen  Ehrgeizes  und 
Stolzes,  den  siegreichen  Imperator  begleitete  nicht 
jener  Prätorianerjubel,  jene  lärmige  Ruhm-  und  Raub- 
sucht, deren  man  sich  in  Deutschland  noch  erinnert 
aus  den  Tagen  des  Empire.  Die  alten  Eroberer 
haben  seitdem  das  Zeitliche  gesegnet,  und  es  war 
eine  ganz  neue  Generation,  die  dem  Leichenbegäng- 
nisse   zuschaute,    und  wenn   nicht  mit  brennendem 


Erster  Teil  \ac 

Zorn,  doch  gewiß  mit  der  Wehmut  der  Pietät  sah 
sie  auf  diesen  goldenen  Katafalk,  worin  gleichsam 
alle  Freuden,  Leiden,  glorreiche  Irrtümer  und  ge- 
brochene  Hoffnungen  ihrer  Väter,  die  eigentliche 
Seele  ihrer  Väter,  eingesargt  lag!  Da  gabs  mehr  \s 
stumme  Tränen  als  lautes  Geschrei.  Und  dann  war 
die  ganze  Erscheinung  so  fabelhaft,  so  märchen- 
artig, daß  man  kaum  seinen  Augen  traute,  daß  man 
zu  träumen  glaubte.  Denn  dieser  Napoleon  Bona* 
parte,  den  man  begraben  sah,  war  für  das  heutige 
Geschlecht  schon  längst  dahingeschwunden  in  das 
Reich  der  Sage,  zu  den  Schatten  Alexanders  von 
Mazedonien  und  Karls  des  Großen,  und  jetzt,  siehe! 
eines  kalten  Wintertags  erscheint  er  mitten  unter 
uns  Lebenden,  auf  einem  goldenen  Siegeswagen,  der 
geisterhaft  dahinrollt   in  den   weißen  Morgennebeln. 

Diese  Nebel  aber  zerrannen  wunderbar,  sobald 
der  Leichenzug  in  den  Champs-Elysees  anlangte. 
Hier  brach  die  Sonne  plötzlich  aus  dem  trüben  Ge- 
wölk und  küßte  zum  letztenmal  ihren  Liebling,  und 
streute  rosige  Lichter  auf  die  imperialen  Adler,  die 
ihm  vorangetragen  wurden,  und  wie  mit  sanftem 
Mitleid  bestrahlte  sie  die  armen,  spärlichen  Über- 
reste jener  Legionen,  die  einst  im  Sturmschritt  die 
Welt  erobert,  und  jetzt,  mit  verschollenen  Uniformen, 
matten  Gliedern  und  veralteten  Manieren,  hinter 
dem  Leichenwagen  als  Leidtragende  einherschwankten.  . 
Unter  uns  gesagt,  diese  Invaliden  der  großen  Armee 
sahen  aus  wie  Karikaturen,  wie  eine  Satire  auf  den 
Ruhm,  wie  ein  römisches  Spottlied  auf  den  toten 
Triumphator! 

Die  Muse  der  Geschichte  hat  diesen  Leichenzug 
eingezeichnet  in  ihre  Annalen  als  besondere  Merk- 
würdigkeit; aber  für  die  Gegenwart  ist  jenes  Ereig- 

IX,  10 


ia.6  Lutezia 

nis  minder  wichtig,  und  liefert  nur  den  Beweis,  daß 
der  Geist  der  Soldateska  bei  den  Franzosen  nicht 
so  blühend  vorwaltet,  wie  mancher  Bramarbas  dies- 
seits des  Rheins  prahlt  und  mancher  Schöps  jenseits 
ihm  nachschwatzt.  Der  Kaiser  ist  tot.  Mit  ihm 
starb  der  letzte  Held  nach  altem  Geschmack,  und 
die  neue  Philisterwelt  atmet  auf,  wie  erlöst  von  einem 
glänzenden  Alp.  Über  seinem  Grabe  erhebt  sich 
eine  industrielle  Bürgerzeit,  die  ganz  andre  Heroen 
bewundert,  etwa  den  tugendhaften  Lafayette,  oder 
James  Watt,  den  Baumwollespinner. 


XXX. 

Paris,  31.  Januar  1841. 
Zwischen  Völkern,  die  eine  freie  Presse,  unab- 
hängige Parlamente  und  überhaupt  die  Institutionen 
des  öffentlichen  Verfahrens  besitzen,  können  die 
Mißverständnisse,  die  durch  die  Intrigen  von  Hof* 
Junkern  und  durch  die  Unholde  der  Parteisucht  an- 
gezettelt werden,  nicht  auf  die  Länge  fortdauern. 
Nur  im  Dunkeln  kann  die  dunkle  Saat  zu  einem  un- 
heilbaren Zerwürfnis  emporwuchern.  Wie  diesseits, 
so  haben  auch  jenseits  des  Kanals  sich  die  edelsten 
Stimmen  darüber  ausgesprochen,  daß  nur  frevelhafter 
Unverstand,  wo  nicht  liberticide  Böswilligkeit,  den 
Frieden  der  Welt  gestört;  und  während  noch  von 
Seiten  der  englischen  Regierung,  durch  die  Schweig- 
samkeit der  Thronrede,  das  schlechte  Verfahren  gegen 
Frankreich  gleichsam  offiziell  fortgesetzt  wird,  prote- 
stiert dagegen  das  englische  Volk  durch  seine  würdig- 
sten Repräsentanten,  und  gewährt  den  Franzosen 
die  unumwundenste  Genugtuung.     Lord  Broughams 


Erster  Teil 


H7 


Rede  im  eben  eröffneten  Parlamente  hat  hier  eine 
versöhnende  Wirkung  hervorgebracht,  und  er  darf 
sich  mit  Recht  rühmen,  daß  er  ganz  Europa  einen 
großen  Dienst  erzeigt.  Auch  andre  Lords,  sogar 
Wellington,  haben  lobenswerte  Worte  gesprochen, 
und  letzterer  war  diesmal  das  Organ  der  wahren 
Wünsche  und  Gesinnungen  seiner  Nation.  Die  an» 
gedrohte  Allianz  der  Franzosen  mit  Rußland  hat 
Sr.  Herrlichkeit  die  Augen  geöffnet,  und  der  edle 
Lord  ist  nicht  der  einzige,  dem  solche  Erleuchtung 
widerfuhr.  Auch  in  unsern  deutschen  Gauen  er- 
schwingen sich  die  gemäßigten  Tones  zu  einer  bessern 
Erkenntnis  der  eigenen  politischen  Interessen,  und 
ihre  Bullenbeißer,  die  altdeutschen  Rüden,  die  schon 
das  freudigste  Jagdgeheul  erhoben,  werden  wieder 
ruhig  angekoppelt;  unsre  christlich  germanischen  Na* 
tionalen  erhalten  die  allerhöchste  Weisung,  nicht  mehr 
gegen  Frankreich  zu  bellen.  Was  aber  die  schreck-  ^ 
liehe  Allianz  betrifft,  so  steht  sie  gewiß  noch  in 
weitem  Feld,  und  der  Unmut  gegen  die  Engländer, 
selbst  gesteigert  bis  zum  höchsten  Hasse,  dürfte  in 
Frankreich  noch  immer  keine  Liebe  für  die  Russen 
hervorrufen. 

An  eine  baldige  Lösung  der  orientalischen  Wirren  "~ 
glaube  ich  ebensowenig  wie  an  die  moskowitische 
Allianz.  Vielmehr  verwickeln  sich  die  Verhältnisse 
in  Syrien,  und  Mehemet  Ali  spielt  dort  seinen  Fein- 
den manchen  gefährlichen  Schabernack.  Es  zirku- 
lieren wunderliche,  meistens  aber  widersprechende 
Gerüchte  von  den  Listen,  womit  der  Alte  sein  ver- 
lorenes Ansehen  wieder  zu  erobern  sucht.  Sein  Un- 
glück ist  die  Überschlauheit,  die  ihn  verhinderte,  die 
Dinge  in  ihrem  natürlichsten  Lichte  zu  sehen.  Er 
verfängt  sich  in  den  Fäden  der  eignen  Ränke.  Z.  B., 


l^S  Lutezia 

indem  er  die  Presse  zu  ködern  wußte  und  über  seine 
Macht  allerlei  trügerische  Berichte  in  Europa  aus* 
posaunen  ließ,  gewann  er  zwar  die  Sympathie  der 
Franzosen,  die  den  Wert  seiner  Allianz  überschätzten, 
aber  er  war  zugleich  selbst  daran  schuld,  daß  die 
Franzosen  ihm  hinlängliche  Kräfte  zutrauten,  ohne 
ihre  Beihilfe  bis  zum  Frühjahr  Widerstand  zu  leisten. 
Hierdurch  ging  er  zugrunde,  nicht  durch  seine  Ty- 
rannei,  wovon  die  »Allgemeine  Zeitung«  gewiß  allzu 
grelle  Gemälde  lieferte.  Dem  kranken  Löwen  gibt 
jetzt  jeder  die  kleinlichsten  Eselstritte.  Das  Un- 
geheuer ist  vielleicht  nicht  so  schlecht,  wie  es  die 
Leute,  die  er  nicht  bestochen  hat  oder  nicht  be- 
stechen wollte,  ärgerlich  behaupten.  Augenzeugen 
seiner  großmütigen  Handlungen  versichern,  Mehemet 
Ali  sei  persönlich  huldreich  und  gütig,  er  liebe  die 
Zivilisation,  und  nur  die  äußerste  Notwendigkeit, 
der  Kriegszustand  seiner  Lande,  zwänge  ihn  zu  jenem 
Erpressungssystem,  womit  er  seine  Fellahs  heim- 
suche. Diese  unglücklichen  Nilbauern  seien  in  der 
Tat  eine  Herde  von  Jammergestalten,  die,  unter 
Stockschlägen  zur  Arbeit  getrieben,  bis  aufs  Blut 
ausgesaugt  werden.  Aber  das  sei,  heißt  es,  alt- 
ägyptische Methode,  die  unter  allen  Pharaonen  die- 
selbe war,  und  die  man  nicht  nach  modern  europä- 
ischem Maßstabe  beurteilen  dürfe.  Die  Anklage 
der  Philanthropen  könnte  der  arme  Pascha  mit  den- 
selben Worten  zurückweisen,  womit  unsre  Köchin 
sich  entschuldigte,  als  sie  die  Krebse  in  allmählich 
siedendem  Wasser  lebendig  kochte.  Sie  wunderte 
sich,  daß  wir  dieses  Verfahren  eine  unmenschliche 
Grausamkeit  nannten,  und  versicherte  uns,  die  armen 
Tierchen  seien  von  jeher  daran  gewöhnt.  —  Als 
Herr  Cremieux   mit  Mehemet  Ali  von   den  Justiz- 


Erster  Teil  149 

greueln  sprach,  die  in  Damaskus  verübt  worden, 
fand  er  ihn  zu  den  heilsamsten  Reformen  geneigt, 
und  wären  nicht  die  politischen  Ereignisse  allzu- 
stürmisch dazwischengetreten,  so  hätte  es  der  be- 
rühmte Advokat  gewiß  erreicht,  den  Pascha  zur 
Einführung  des  europäischen  Kriminalverfahrens  in 
seinen  Staaten  zu  bewegen. 

Mit  dem  Sturze  Mehemet  Alis  gehen  auch  die 
stolzen  Hoffnungen  zu  Grabe,,  wohin  mohameda- 
nische  Phantasie,  zumal  unter  den  Zelten  der  Wüste, 
sich  so  schwärmerisch  wiegte.  Hier  galt  Ali  für 
den  Helden,  der  bestimmt  sei,  dem  schwachen  Türken- 
regimente  zu  Stambul  ein  barsches  Ende  zu  machen, 
und  dort  selber  das  Kalifat  übernehmend,  die  Fahne 
des  Propheten  zu  schützen.  Und  wahrhaftig  in  seiner 
starken  Faust  wäre  sie  besser  aufgehoben,  als  in  den 
schwachen  Händen  des  jetzigen  Gonfaloniere  des 
mohamedanischen  Glaubens,  der  früh  oder  spät 
den  Legionen  und  den  noch  gefährlichem  Machina- 
tionen des  Zars  aller  Reußen  erliegen  muß.  Dem 
politischen  und  religiösen  Fanatismus,  worüber  der 
russische  Kaiser,  der  zugleich  das  Oberhaupt  der 
griechischen  Kirche  ist,  verfügen  kann,  hätte  ein  re- 
generiertes Reich  der  Moslim  unter  Mehemet  Ali 
oder  einem  sonstigen  neuen  Dynasten  mit  ähnlicher 
Gewalt  widerstanden,  da  ein  ebenso  ungestüm  fana- 
tisches Element  zu  seiner  Erhaltung  in  die  Schranken 
getreten  wäre.  Ich  rede  hier  vom  Genius  der  Araber, 
der  nie  ganz  erstorben,  sondern  nur  im  stillen  Be- 
duinenleben eingeschlafen,  und  oft  wie  träumend 
nach  dem  Schwerte  griff,  wenn  irgendein  ausgezeich- 
neter Löwe  draußen  sein  kriegerisches  Gebrüll  ver- 
nehmen ließ.  —  Diese  Araber  harren  vielleicht  nur 
des  rechten  Rufs,  um  schlafgestärkt  wieder  aus  ihren 


<J 


l^o  Lutcria 

schwulen  Einöden  hervorzustürmen,  wie  ehemals.  — 
Wir  haben  sie  aber  nicht  mehr  zu  furchten,  wie 
ehemals,  wo  wir  vor  den  Halbmondstandarten  zitter- 
ten, und  es  wäre  vielmehr  ein  Glück  für  uns,  wenn 
Konstantinopel  jetzt  der  Tummelplatz  ihres  Glaubens- 
eifers würde.  Dieser  wäre  das  beste  Bollwerk  gegen 
jenes  moskowitische  Gelüste,  das  nichts  Geringeres 
im  Schilde  führt,  als  an  den  Ufern  des  Bosporus  die 
Schlüssel  der  Weltherrschaft  zu  erkämpfen  oder  zu 
erschleichen.  Welch  eine  Macht  besitzt  bereits  der 
Kaiser  von  Rußland,  den  man  wahrlich  bescheiden 
nennen  muß,  wenn  man  bedenkt,  wie  stolz  andere 
an  seiner  Stelle  sich  gebärden  würden.  Aber  weit 
gefährlicher  als  der  Stolz  des  Herrn  ist  der  Knecht- 
schaftshochmut seines  Volks,  das  nur  in  seinem 
Willen  lebt,  und  mit  blindem  Gehorsam  in  der  heiligen 
Machtvollkommenheit  des  Gebieters  sich  selber  zu  ver- 
herrlichen glaubt.  Die  Begeisterung  für  das  römisch- 
katholische  Dogma  ist  abgenutzt,  die  Ideen  der  Revo- 
lution finden  nur  noch  laue  Enthusiasten,  und  wir 
müssen  uns  wohl  nach  neuen  frischen  Fanatismen 
umsehen,  die  wir  dem  slawisch-griechisch  orthodoxen, 
absoluten  Kaiserglauben  entgegensetzen  könnten! 

Ach!  wie  schrecklich  ist  diese  orientalische  Frage, 
die  bei  jeder  Wirrnis  uns  so  höhnisch  angrinst! 
Wollen  wir  der  Gefahr,  die  uns  von  dorther  be- 
droht, schon  jetzt  vorbeugen,  so  haben  wir  den 
Krieg.  Wollen  wir  hingegen  geduldig  dem  Fortschritt 
des  Übels  zusehen,  so  haben  wir  die  sichere  Knecht- 
schaft. Das  ist  ein  schlimmes  Dilemma.  Wie  sie  sich 
auch  betrage,  die  arme  Jungfrau  Europa  ~  sie  mag 
mit  Klugheit  bei  ihrer  Lampe  wachend  bleiben,  oder 
als  ein  sehr  unkluges  Fräulein  bei  der  erlöschenden 
Lampe  einschlafen   —  ihrer  harret  kein  Freudentag. 


Erster  Teil  1^1 

XXXI. 

Paris,  13.  Februar  1841. 
Sie  gehen  jeder  Frage  direkt  auf  den  Leib  und 
zerren  daran  so  lange  herum,  bis  sie  entweder  gelöst, 
oder  als  unauflösbar  beseitigt  wird.  Das  ist  der 
Charakter  der  Franzosen,  und  ihre  Geschichte  ent- 
wickelt sich  daher  wie  ein  gerichtlicher  Prozeß. 
Welche  logische,  systematische  Aufeinanderfolge  s£\ 
bieten  alle  Vorgänge  der  französischen  Revolution! 
In  diesem  Wahnsinn  war  wirklich  Methode,  und  die 
Historiographen,  die,  nach  dem  Vorbild  von  Mignet, 
dem  Zufall  und  den  menschlichen  Leidenschaften 
wenig  Spielraum  gestattend,  die  tollsten  Erscheinungen 
seit  1789  als  ein  Resultat  der  strengsten  Notwendig- 
keit darstellen  —  diese  sogenannte  fatalistische  Schule 
ist  in  Frankreich  ganz  an  ihrem  Platz,  und  ihre 
Bücher  sind  ebenso  wahrhaft  wie  leichtfaßlich.  Die 
Anschauungs-  und  Darstellungsweise  dieser  Schrift- 
steller, angewendet  auf  Deutschland,  würde  jedoch 
sehr  irrtumreiche  und  unbrauchbare  Geschichtswerke 
hervorbringen.  Denn  der  Deutsche,  aus  Scheu  vor  u 
aller  Neuerung,  deren  Folgen  nicht  klar  zu  ermitteln 
sind,  geht  jeder  bedeutenden  politischen  Frage  so 
lange  wie  möglich  aus  dem  Wege,  oder  sucht  ihr 
durch  Umwege  eine  notdürftige  Vermittlung  abzu- 
gewinnen, und  die  Fragen  häufen  und  verwickeln 
sich  unterdessen  bis  zu  jenem  Knäuel,  welcher  am 
Ende  vielleicht,  wie  jener  gordische,  nur  durch  das 
Schwert  gelöst  werden  kann.  Der  Himmel  behüte 
mich,  dem  großen  Volk  der  Deutschen  hiermit  einen 
Vorwurf  machen  zu  wollen!  Weiß  ich  doch,  daß 
jener  Mißstand  aus  einer  Tugend  hervorgeht,  die  ^-^ 
den  Franzosen  fehlt.    Je  unwissender  ein  Volk,  desto 


»5* 


Lutezia 


leichter  stürzt  es  sich  in  die  Strömung  der  Tat;  je 
wissenschaftsreicher  und  nachdenklicher  ein  Volk, 
desto  länger  sondiert  es  die  Flut,  die  es  mit  klugen 
Schritten  durchwatet,  wenn  es  nicht  gar  zögernd 
davor  stehen  bleibt,  aus  Furcht  vor  verborgenen  Un- 
tiefen oder  vor  der  erkältenden  Nässe,  die  einen 
gefährlichen  Nationalschnupfen  verursachen  könnte. 
Am  Ende  ist  auch  wenig  daran  gelegen,  daß  wir 
solchermaßen  nur  langsam  fortschreiten  oder  durch 
Stillstand  einige  hundert  Jährchen  verlieren,  denn  dem 
deutschen  Volk  gehört  die  Zukunft,  und  zwar  eine 
sehr  lange,  bedeutende  Zukunft.  Die  Franzosen  han- 
deln so  schnell  und  handhaben  die  Gegenwart  mit 
solcher  Eile,  weil  sie  vielleicht  ahnen,  daß  für  sie 
die  Dämmerung  heranbricht:  hastig  verrichten  sie 
ihr  Tagwerk.  Aber  ihre  Rolle  ist  noch  immer  ziem- 
lich schön,  und  die  übrigen  Völker  sind  doch  nur 
das  verehrungswürdige  Publikum,  das  der  französi- 
schen Staats-  und  Volkskomödie  zuschaut.  Dieses 
Publikum  freilich  wandelt  zuweilen  das  Gelüste  an, 
ein  bißchen  laut  seinen  Beifall  oder  Tadel  auszu- 
sprechen, wo  nicht  gar  auf  die  Szene  zu  steigen  und 
mitzuspielen;  aber  die  Franzosen  bleiben  doch  immer 
die  Hauptakteurs  im  großen  Weltdrama,  man  mag 
ihnen  Lorbeerkränze  oder  faule  Apfel  an  den  Kopf 
werfen.  »Mit  Frankreich  ist  es  aus«  —  mit  diesen 
Worten  läuft  hier  mancher  deutsche  Korrespondent 
herum  und  prophezeit  den  Untergang  des  heutigen 
Jerusalems;  aber  er  selber  fristet  doch  sein  kümmer- 
liches Leben  durch  Berichterstattung  dessen,  was 
diese  so  gesunkenen  Franzosen  täglich  scharfen  und 
tun,  und  seine  respektiven  Kommittenten,  die  deut- 
schen Zeitungsredaktionen,  würden  ohne  Berichte 
aus  Paris  keine  drei  Wochen  lang  ihre  Journalspalten 


Erster  Teil  153 

füllen  können.  Nein,  Frankreich  hat  noch  nicht  ge*  ^ 
endet,  aber  <r*  wie  alle  Völker,  wie  das  Menschen* 
geschlecht  seihst  —  es  ist  nicht  ewig,  es  hat  vieU 
leicht  schon  seine  Glanzperiode  überlebt,  und  es 
geht  jetzt  mit  ihm  eine  Umwandlung  vor,  die  sich 
nicht  ableugnen  läßt:  auf  seiner  glatten  Stirn  lagern 
sich  diverse  Runzeln,  das  leichtsinnige  Haupt  be* 
kommt  graue  Haare,  senkt  sich  sorgenvoll  und  be* 
schäftigt  sich  nicht  mehr  ausschließlich  mit  dem  heu* 
tigen  Tage  —  es  denkt  auch  an  morgen. 

Der  Kammerbeschluß  über  die  Fortifikation  von 
Paris  beurkundet  eine  solche  Übergangsperiode  des 
französischen  Volksgeistes.  Die  Franzosen  haben 
in  der  letzten  Zeit  sehr  viel  gelernt,  sie  verloren  da« 
durch  alle  Lust  des  blinden  Hinausstürmens  in  die  ge- 
fährliche Fremde.  Sie  wollen  jetzt  sich  selber  zu  Hause  1/ 
verschanzen  gegen  die  eventuellen  Angriffe  der  Nach- 
barn. Auf  dem  Grabe  des  kaiserlichen  Adlers  ist 
ihnen  der  Gedanke  gekommen,  daß  der  bürger- 
königliche Hahn  nicht  unsterblich  sei.  Frankreich 
lebt  nicht  mehr  in  dem  kecken  Rausche  seiner  un- 
überwindlichen Obmacht:  es  ward  ernüchtert  durch 
das  aschermittwochliche  Bewußtsein  seiner  Besieg- 
barkeit, und  ach,  wer  an  den  Tod  denkt,  ist  schon 
halb  gestorben!  Die  Befestigungswerke  von  Paris 
sind  vielleicht  der  Riesensarg,  den  der  Riese  sich 
selber  dekretierte,  in  trüber  Ahnung.  Es  mag  jedoch 
noch  eine  gute  Weile  dauern,  ehe  seine  Sterbestunde 
schlägt,  und  manchem  Nichtriesen  dürfte  er  zuvor 
die  tötlichsten  Hiebe  versetzen.  Jedenfalls  wird  er  s 
einst  durch  die  klirrende  Wucht  seines  Hinsinkens 
den  Erdboden  schüttern  machen  und,  noch  furcht- 
barer als  im  Leben,  wird  er  durch  seine  posthumen 
Werke,  als  nachtwandelndes  Gespenst,  seine  Feinde 


15$.  Lutezia 

\-  ängstigen.  Ich  bin  überzeugt,  im  Fall  man  Paris  zer- 
störte, würden  seine  Bewohner,  wie  einst  die  Juden, 
sich  in  die  ganze  Welt  zerstreuen  und  dadurch  noch 
erfolgreicher  die  Saat  der  gesellschaftlichen  Umwand- 
lung verbreiten. 

Die  Befestigung  von  Paris  ist  das  wichtigste  Er- 
eignis unserer  Zeit,  und  die  Männer,  die  in  der  De- 
putiertenkammer dafür  oder  dagegen  stimmten,  haben 
auf  die  Zukunft  den  größten  Einfluß  geübt.  An 
diese  eneeinte  continue,  an  diese  forts  detaches  knüpft 
sich  jetzt  das  Schicksal  des  französischen  Volks. 
Werden  diese  Bauten  vor  dem  Gewitter  schützen,  oder 
werden  sie  die  Blitze  noch  verderblicher  anziehen? 
Werden  sie  der  Freiheit  oder  der  Knechtschaft  Vor- 
schub leisten?  Werden  sie  Paris  vor  Überfall  retten, 
oder  dem  Zerstörungsrechte  des  Kriegs  unbarmherzig 
bloßstellen?  Ich  weiß  es  nicht,  denn  ich  habe  weder 
Sitz  noch  Stimme  im  Rate  der  Götter.  Aber  so 
viel  weiß  ich,  daß  die  Franzosen  sich  sehr  gut 
schlagen  würden,  wenn  sie  einst  Paris  verteidigen 
müßten  gegen  eine  dritte  Invasion.  Die  zwei  frühern 
Invasionen  würden  nur  dazu  gedient  haben,  den 
Grimm  der  Gegenwehr  zu  steigern.  Ob  Paris,  wenn 
es  befestigt  gewesen  wäre,  jene  zwei  ersten  Male 
widerstanden  hätte,  wie  in  der  Kammer  behauptet 
ward,  möchte  ich  aus  guten  Gründen  bezweifeln. 
Napoleon,  geschwächt  durch  alle  möglichen  Siege 
und  Niederlagen,  war  nicht  imstande,  dem  andrängen- 
den Europa  die  Zaubermittel  jener  Idee,  ^ welche 
Heere  aus  dem  Boden  stampft«,  entgegenzusetzen; 
er  hatte  nicht  mehr  Kraft  genug,  die  Fesseln  zu 
brechen,  womit  er  selber  jene  Idee  angekettet;  die 
Alliierten  waren  es,  die  bei  der  Einnahme  von  Paris 
jene  gebundene  Idee  in  Freiheit  setzten.     Die   fran- 


Erster  Teil 


155 


zösischen  Liberalen  und  Ideologen  handelten  gar 
nicht  so  dumm,  gar  nicht  so  närrisch,  als  sie  dem 
bedrängten  Imperator  zu  seiner  Verteidigung  keinen 
Beistand  leisteten,  denn  dieser  war  ihnen  weit  ge- 
fährlicher, als  alle  jene  fremden  Helden,  die  doch 
am  Ende  mit  Geld  und  guten  Worten  abziehen 
mußten,  und  nur  einen  matten  Statthalter  hinterließen, 
dessen  man  sich  auch  mit  der  Zeit  entledigen  konnte, 
wie  im  Julius  1830  wirklich  geschah,  seit  welcher  Zeit 
die  Ideen  der  Revolution  wieder  in  Paris  installiert 
wurden.  Die  Macht  jener  Ideen  ist  es,  die  einer 
dritten  Invasion  die  Stirne  bieten  würde,  und  die  jetzt, 
gewitzigt  durch  bittere  Erfahrungen,  auch  die  materi- 
ellen Bollwerke  der  Verteidigung  nicht  verschmäht. 
Hier  stoßen  wir  auf  die  Spaltung,  welche  in  diesem 
Augenblick  unter  den  Männern  der  radikalen  Partei, 
in  betreff  der  Befestigung  von  Paris,  herrscht  und 
die  leidenschaftlichsten  Debatten  hervorruft.  Bekannt» 
lieh  hat  die  Fraktion  der  Republikaner,  die  durch 
den  »National«  repräsentiert  wird,  den  Gesetzvor- 
schlag der  Befestigung  am  wirksamsten  verfochten. 
Eine  andere  Fraktion,  die  ich  die  Linke  der  Republi- 
kaner nennen  möchte,  erhebt  sich  dagegen  mit  dem 
wildesten  Zorn,  und  da  sie  in  der  Presse  nur  wenige 
Organe  besitzt,  so  ist  bis  jetzt  die  »Revue  du  Pro- 
gres«  das  einzige  Journal,  wo  sie  sich  aussprechen 
konnte.  Die  darauf  bezüglichen  Artikel  flössen  aus 
der  Feder  Louis  Blancs,  und  sind  der  höchsten  Be- 
achtung wert.  Wie  ich  höre,  beschäftigt  sich  auch 
Arago  mit  einer  Schrift  über  denselben  Gegenstand. 
Diese  Republikaner  sträuben  sich  gegen  den  Ge- 
danken, daß  die  Revolution  zu  materiellen  Bollwerken 
ihre  Zuflucht  nehmen  müsse,  sie  sehen  darin  eine 
Schwächung  der  moralischen  Wehrmittel,   eine  Er- 


1^6  Lutezia 

schlaffung  der  frühern  dämonischen  Energie,  und  sie 
möchten  lieber,  wie  einst  der  gewaltige  Konvent,  den 
Sieg  dekretieren,  als  Sicherheitsanstalten  treffen  gegen 
die  Niederlage.  Es  sind  in  der  Tat  die  Traditionen 
des  Wohlfahrtsausschusses,  welche  diesen  Leuten  vor- 
schweben, statt  daß  die  Messieurs  des  »National« 
vielmehr  die  Traditionen  der  Kaiserzeit  im  Sinne 
tragen.  Ich  sagte  eben  »Messieurs«,  denn  dies  ist 
der  Spottname,  womit  jene,  die  sich  Citoyens  nennen, 
ihre  Antagonisten  titulieren.  Terroristisch  sind  im 
Grunde  beide  Fraktionen,  nur  daß  die  Messieurs  des 
»National«  lieber  durch  Kanonen,  die  Citoyens  hin- 
gegen lieber  durch  die  Guillotine  agieren  möchten. 
Es  ist  leicht  begreiflich,  daß  erstere  eine  große  Sym- 
pathie für  einen  Gesetzvorschlag  empfinden  mußten, 
wodurch  die  Revolution,  zur  Zeit  der  Not,  in  einem 
rein  militärischen  Gewände  erscheinen  könnte,  und 
die  Kanonen  imstande  wären,  die  Guillotine  im 
Zaume  zu  halten!  So,  und  nicht  anders,  erkläre 
ich  mir  den  Eifer,  womit  sich  der  »National«  für 
die  Befestigung  von  Paris  aussprach. 

Sonderbar!  diesmal  begegneten  sich  der  »National«, 
der  König  und  Thiers  in  dem  heißesten  Wunsche 
für  dieselbe  Sache.  Und  doch  ist  dieses  Begegnis 
sehr  natürlich.  Laßt  uns  durch  Zumutung  arglistiger 
Hintergedanken  keinen  von  diesen  dreien  verleumden. 
Wie  sehr  auch  persönliche  Neigungen  im  Spiele 
sind,  so  handelten  doch  alle  drei  zunächst  im  Inter- 
esse Frankreichs;  Ludwig  Philipp  ebensogut  wie 
Thiers  und  die  Herren  des  »National«.  Jedoch  wie 
gesagt,  persönliche  Neigungen  kamen  ins  Spiel.  Lud- 
wig Philipp,  dieser  abgesagte  Feind  des  Krieges,  des 
Zerstörens,  ist  ein  ebenso  leidenschaftlicher  Freund 
des  Bauens,  er  liebt  alles,  wobei  Hammer  und  Kelle 


Erster  Teil 


*57 


in  Bewegung  gesetzt  wird,  und  der  Plan  der  BefestU 
gung  von  Paris  schmeichelte  dieser  angebornen  Pas^ 
sion.  Aber  Ludwig  Philipp  ist  auch  der  Repräsen^ 
tant  der  Revolution,  er  mag  es  wollen  oder  nicht, 
und  wo  diese  bedroht  wird,  steht  seine  eigene  Exi- 
stenz  in  Frage.  Er  muß  sich  in  Paris  halten,  um 
jeden  Preis.  Denn  bemächtigen  sich  die  fremden 
Potentaten  seiner  Hauptstadt,  so  würde  seine  Legi« 
timität  ihn  nicht  so  inviolabel  schützen,  wie  jene 
Könige  von  Gottes  Gnaden,  die  überall,  wo  sie  sind, 
den  Mittelpunkt  ihres  Reiches  bilden.  Fiele  Paris 
gar  in  die  Hände  der  Republikaner,  infolge  einer 
Revolte,  so  würden  die  fremden  Mächte  vielleicht 
mit  Heeresmacht  heranziehen,  aber  schwerlich  um 
eine  Restauration  zu  versuchen  zugunsten  Ludwig 
Philipps,  welcher  im  Julius  1830  König  der  Franzosen 
ward,  nicht  parceque  Bourbon,  sondern  quoique 
Bourbon!  Dies  fühlt  der  kluge  Herrscher,  und  er 
verschanzt  sich  in  seinem  Malapartus.  Daß  die  Be- 
festigung von  Paris,  wie  für  ihn  selber,  so  auch  für 
Frankreich  heilsam  und  notwendig,  ist  sein  fester 
Glaube,  und  neben  der  Privatlaune  und  dem  Selbst- 
erhaltungstrieb leitete  ihn  hier  eine  echte  und  wahr- 
hafte Vaterlandsliebe.  Jeder  König  ist  ja  ein  natürlicher 
Patriot  und  liebt  sein  Land,  in  dessen  Geschichte 
sein  Leben  wurzelt  und  mit  dessen  Schicksalen  es 
verwachsen  ist.  Ludwig  Philipp  ist  ein  Patriot,  und 
zwar  im  bürgerlichen,  familienväterlichen,  neufränki- 
schen Sinne,  wie  denn  überhaupt  in  den  Orleans 
eine  ganz  andere  Art  des  Patriotismus  sich  ent- 
wickelte, als  in  den  Bourbonen  der  altern  Linie,  die 
mehr  vom  historischen  Stammesstolze,  vom  mittel- 
alterlichen Adeltum,  beseelt  waren,  als  von  eigent- 
licher Liebe  für  Frankreich. 


ic8  Lutezia 

Da  diese  Vaterlandsliebe  von  den  Franzosen  als 
die  höchste  Tugend  angesehen  wird,  so  war  es  eine 
sehr  wirksame  Büberei,  daß  die  Feinde  des  Königs 
seine  patriotischen  Gesinnungen  durch  verfälschte 
Briefe  verdächtigten.  Ja,  diese  famosen  Briefe  sind 
zum  Teil  verfälscht,  zum  Teil  ganz  falsch,  und  ich 
begreife  nicht,  wie  manche  ehrliche  Leute  unter  den 
Republikanern  nur  einen  Augenblick  an  ihre  Echt- 
heit glauben  konnten.  Aber  diese  Leute  sind  immer 
die  Düpes  der  Legitimisten,  welche  die  Waffen 
schmieden,  womit  jene  das  Leben  oder  den  Leumund 
des  Königs  zu  meucheln  suchen.  Der  Republikaner 
ist  immer  bereit,  sein  Leben  bei  jeder  gefährlichen 
Untat  aufs  Spiel  zu  setzen;  aber  er  ist  doch  nur  ein 
täppisches  Werkzeug  fremder  Erfindsamkeit,  die 
für  ihn  denkt  und  rechnet:  man  kann  im  wahren 
Sinne  des  Wortes  von  den  Republikanern  behaupten 
daß  sie  das  Pulver  nicht  erfunden  haben,  womit  sie 
auf  den  König  schießen. 

Ja,  wer  in  Frankreich  das  Nationalgefühl  besitzt 
und  begreift,  übt  den  unwiderstehlichsten  Zauber  auf 
die  Masse,  und  kann  sie  nach  Belieben  lenken  und 
treiben,  ihnen  das  Geld  oder  das  Blut  abzapfen,  und 
sie  in  alle  möglichen  Uniformen  stecken,  in  die  Ritter- 
tracht des  Ruhmes  oder  in  die  Livree  der  Knecht- 
schaft. Das  war  das  Geheimnis  Napoleons,  und 
sein  Geschichtschreiber  Thiers  hat  es  ihm  abgelauscht, 
abgelauscht  mit  dem  Herzen,  nicht  mit  dem  bloßen 
Verstände;  denn  nur  das  Gefühl  versteht  das  Gefühl. 
Thiers  ist  wahrhaft  durchglüht  vom  französischen 
Nationalgefühl,  und  wer  dieses  gemerkt  hat,  versteht 
seine  Macht  und  Unmacht,  seine  Irrtümer  und  Vor- 
züge, seine  Größe  und  Kleinheit  und  sein  Anrecht 
auf  die  Zukunft.     Dieses  Nationalgefühl  erklärt  alle 


Erster  Teil 


159 


Akte  seines  Ministeriums :  hier  sehen  wir  die  Trans* 
lation  der  kaiserlichen  Asche,  die  glorreichste  Feier 
des  Heldentums,  neben  der  kläglichen  Vertretung 
jenes  kläglichen  Konsuls  von  Damaskus,  welcher 
mittelalterliche  Justizgreuel  unterstützte,  aber  ein  Re= 
Präsentant  von  Frankreich  war;  hier  sehen  wir  das 
leichtsinnigste  Aufbrausen  und  Alarmschlagen,  als 
der  Londoner  Traktat  divulgiert  und  Frankreich  be- 
leidigt  ward,  und  daneben  die  besonnene  Aktivität 
der  Bewaffnung  und  jenen  kolossalen  Entschluß  der 
Fortifikation  von  Paris.  Ja,  Thiers  war  es,  welcher 
letztere  begann,  und  für  dieses  Beginnen  auch  nach- 
träglich das  Gesetz  in  der  Kammer  eroberte.  Nie 
sprach  er  mit  größerer  Beredsamkeit,  nie  hat  er  mit 
feinerer  Taktik  einen  parlamentarischen  Sieg  erfochten. 
Es  war  eine  Schlacht,  und  im  letzten  Augenblick 
war  die  Entscheidung  sehr  zweifelhaft;  aber  das 
Feldherrnauge  des  Thiers  entdeckte  schnell  die  Ge- 
fahr, die  dem  Gesetz .  drohte,  und  ein  improvisiertes 
Amendement  gab  den  Ausschlag.  Ihm  gebührt  die 
Ehre  des  Tages. 

Es  fehlte  nicht  an  Leuten,  die  den  Eifer,  den 
Thiers  für  den  Gesetzentwurf  an  den  Tag  legte,  nur 
egoistischen  Motiven  zuschrieben.  Aber  hier  war 
wirklich  nur  der  Patriotismus  vorwaltend,  und  ich 
wiederhole  es,  Hr.  Thiers  ist  durchdrungen  von 
diesem  Gefühle.  Er  ist  ganz  der  Mann  der  Natio- 
nalität, nicht  der  Revolution,  als  deren  Sohn  er  sich 
gern  darstellt.  Mit  dieser  Kindschaft  hat  es  freilich 
seine  Richtigkeit,  die  Revolution  ist  seine  Mutter,  aber  )0^ 
man  darf  nicht  überschwengliche  Sympathien  daraus 
herleiten.  Thiers  liebt  zunächst  das  Vaterland,  und 
ich  glaube,  er  würde  diesem  Gefühle  alle  mütter- 
lichen   Interessen  aufopfern.     Sein  Enthusiasmus  ist 


i6o  Lutezfa 

gewiß  sehr  abgekühlt  für  den  ganzen  Freiheits- 
spektakel, der  nur  noch  als  ein  verhallendes  Echo 
in  seiner  Seele  nachklingt.  Er  hat  ja  als  Geschicht- 
schreiber alle  Phasen  desselben  im  Geiste  mitgelebt, 
als  Staatsmann  mußte  er  mit  der  fortgesetzten  Be- 
wegung tagtäglich  kämpfen  und  ringen,  und  nicht 
selten  mag  diesem  Sohn  der  Revolution  die  Mutter 
sehr  lästig,  sehr  fatal  geworden  sein:  denn  er  weiß 
recht  gut,  daß  die  alte  Frau  kapabel  wäre,  ihm 
selber  den  Kopf  abschlagen  zu  lassen.  —  Sie  ist 
nämlich  nicht  von  sanftem  Naturell;  ein  Berliner 
würde  sagen :  sie  hat  kein  Gemüt.  Wenn  die  Herren 
Söhne  sie  zuweilen  schlecht  behandeln,  so  muß  man 
nicht  vergessen,  daß  sie  selber,  die  alte  Frau,  für 
ihre  Kinder  niemals  dauernde  Zärtlichkeit  bewiesen 
und  die  besten  immer  ermordet  hat. 


XXXII. 

Paris,  31.  März  1841. 
Die  Debatten  in  der  Deputiertenkammer  über  das 
literarische  Eigentum  sind  sehr  unersprießlich.  Es 
ist  aber  jedenfalls  ein  bedeutendes  Zeichen  der  Zeit, 
daß  die  heutige  Gesellschaft,  die  auf  dem  Eigen- 
tumsrechte basiert  ist,  auch  den  Geistern  eine  ge- 
wisse Teilnahme  an  solchem  Besitzprivilegium  ge- 
statten möchte,  aus  Billigkeitsgefühl ,  oder  vielleicht 
auch  als  Bestechung!  Kann  der  Gedanke  Eigentum 
werden?  Ist  das  Licht  das  Eigentum  der  Flamme, 
wo  nicht  gar  des  Kerzendochts?  Ich  enthalte  mich 
jedes  Urteils  über  solche  Frage,  und  freue  mich  nur 
darüber,  daß  Ihr  dem  armen  Dochte,  der  sich 
brennend  verzehrt,  eine  kleine  Vergütung  verwilligen 


Erster  Teil  161 

wollt  für  sein  großes,  gemeinnütziges  Beleuchtungs- 
verdienst ! 

Das  Schicksal  des  Mehemet  Ali  wird  hier  weniger 
besprochen,  als  man  glauben  sollte,«  doch  will  es 
mich  bedünken,  als  herrsche  in  den  Gemütern  ein 
um  so  tieferes  Mitleid  für  den  Mann,  der  dem 
Sterne  Frankreichs  zu  viel  vertraut  hat.  Das  An« 
sehen  der  Franzosen  im  Orient  geht  verloren,  und 
dieser  Verlust  wirkt  auch  mißlich  auf  ihre  okziden- 
talischen  Verhältnisse;  Sterne,  an  die  man  nicht 
mehr  glauben  kann,  erbleichen.  —  Als  die  amerika- 
nischen Händel  sich  so  bedenklich  gestalteten,  ward 
von  englischer  Seite  die  Ausgleichung  der  ägyptischen 
Erblichkeitsfrage  aufs  emsigste  betrieben.  Frankreich 
hatte  da  leichtes  Spiel,  zum  Besten  des  Paschas  zu 
agieren;  das  Ministerium  scheint  aber  nichts  getan 
zu  haben,  um  den  getreusten  Alliierten  zu  retten. 

Die  amerikanischen  Händel  sind  es  aber  nicht 
allein,  was  die  Engländer  antreibt,  die  ägyptische 
Erblichkeitsfrage  so  bald  als  möglich  abzufertigen  und 
somit  die  französische  Diplomatie  wieder  in  den 
Stand  zu  setzen,  an  den  Beratungen  und  Beschlüssen 
der  europäischen  Großmächte  teilzunehmen.  Die 
Dardan  eilen  frage  steht  drohend  vor  der  Tür 
verlangt  schnelle  Entscheidung,  und  hier  rechnen 
die  Engländer  auf  die  konferenzielle  Stütze  des  fran- 
zösischen  Kabinetts,  dessen  Interessen  bei  dieser 
Gelegenheit  mit  ihren  eigenen  übereinstimmen,  Ruß- 
land gegenüber. 

Ja,  die  sogenannte  Dardanellenfrage  ist  von  der 
höchsten  Wichtigkeit,  und  nicht  bloß  für  die  erwähn- 
ten Großmächte,  sondern  für  uns  alle,  für  den 
Kleinsten  wie  für  den  Größten,  für  Reuß-Schleiz- 
Greiz   und   Hinterpommern   ebensogut   wie   für  das 

IX,  ti 


j^2  Lutezia 

allmächtige  Österreich,  für  den  geringsten  Schuh- 
flicker  wie  für  den  reichsten  Lederfabrikanten;  denn 
das  Schicksal  der  Welt  selbst  steht  hier  in  Frage, 
und  diese  Frage  muß  an  den  Dardanellen  gelöst 
werden,  gleichviel  in  welcher  Weise.  Solange  dieses 
nicht  geschehen,  kränkelt  Europa  an  einem  heim- 
lichen Übel,  das  ihm  keine  Ruhe  läßt,  und  das,  je 
später,  desto  entsetzlicher,  am  Ende  zum  Ausbruch 
kommt.  Die  Dardanellen  frage  ist  nur  ein  Symptom 
der  orientalischen  Frage  selbst,  der  türkischen  Erb- 
schaftsfrage, des  Grundübels  woran  wir  siechen,  des 
Krankheitsstoffs,  der  im  europäischen  Staatskörper 
gärt  und  der  leider  nur  gewaltsam  ausgeschieden, 
vielleicht  nur  mit  dem  Schwerte  ausgeschnitten 
werden  kann.  Wenn  sie  auch  von  ganz  andern 
Dingen  sprechen,  so  schielen  doch  alle  Machthaber 
nach  den  Dardanellen,  nach  der  hohen  Pforte,  nach 
dem  alten  Byzanz,  nach  Stambul,  nach  Konstanti- 
nopel —  das  Gebreste  hat  viele  Namen.  Wäre  im 
europäischen  Staatsrechte  das  Prinzip  der  Volks- 
souveränetät  sanktioniert,  so  könnte  das  Zusammen- 
brechen des  osmanischen  Kaisertums  nicht  für  die 
übrige  Welt  so  gefährlich  sein,  da  alsdann  in  dem 
aufgelösten  Reiche  die  einzelnen  Völker  sich  bald 
ihre  besondern  Regenten  selbst  erwählen  und  sich 
so  gut  als  möglich  fortregieren  lassen  würden.  Aber 
im  allergrößten  Teil  Europas  herrscht  noch  das 
Dogma  des  Absolutismus,  wonach  Land  und  Leute 
das  Eigentum  des  Fürsten  sind,  und  dieses  Eigen- 
tum durch  das  Recht  des  Stärkern,  durch  die  ultima 
ratio  regis,  das  Kanonenrecht,  erwerbbar  ist.  —  Was 
Wunder,  daß  keiner  der  hohen  Potentaten  den  Russen 
die  große  Erbschaft  gönnen  wird,  und  jeder  ein 
Stück    von    dem   morgenländischen    Kuchen    haben 


Erster  Teil  163 

will;  jeder  wird  Appetit  bekommen,  wenn  er  sieht, 
wie  die  Barbaren  des  Nordens  sich  gütlich  tun  und 
der  kleinste  deutsche  Duodezfürst  wird  wenigstens 
auf  ein  Biergeld  Anspruch  machen.  Das  sind  die 
menschlichen  Antriebe,  weshalb  der  Untergang  der 
Türkei  für  die  Welt  verderblich  werden  muß.  Die 
politischen  Beweggründe,  warum  hauptsächlich  Eng- 
land, Frankreich  und  Österreich  nicht  erlauben 
können,  daß  Rußland  sich  in  Konstantinopel  fest- 
setze, sind  jedem  Schulknaben  einleuchtend. 

Der  Ausbruch  eines  Krieges,  der  in  der  Natur 
der  Dinge  liegt,  ist  aber  vorderhand  vertagt.  Kurz- 
sichtige Politiker,  die  nur  zu  Palliativen  ihre  Zu- 
flucht nehmen,  sind  beruhigt  und  hoffen  ungetrübte 
Friedenstage.  Besonders  unsre  Financiers  sehen 
wieder  alles  im  lieblichsten  Hoffnungslichte.  Auch 
der  größte  derselben  scheint  sich  solcher  Täuschung 
hinzugeben,  aber  nicht  zu  jeder  Stunde.  Herr  von 
Rothschild,  welcher  seit  einiger  Zeit  etwas  unpäß- 
lich schien,  ist  jetzt  wieder  ganz  hergestellt,  und 
sieht  gesund  und  wohl  aus.  Die  Zeichendeuter  der 
Börse,  welche  sich  auf  die  Physiognomie  des  großen 
Barons  so  gut  verstehen,  versichern  uns,  daß  die 
Schwalben  des  Friedens  in  seinem  Lächeln  nisten, 
daß  jede  Kriegsbesorgnis  aus  seinem  Gesichte  ver- 
schwunden, daß  in  seinen  Augen  keine  elektrischen 
Gewitterfünkchen  sichtbar  seien,  und  daß  also  das 
entsetzliche  Kanonendonnerwetter,  das  die  ganze 
Welt  bedrohte,  sich  gänzlich  verzogen  habe.  Er 
niese  sogar  den  Frieden.  Es  ist  wahr,  als  ich  das 
letzte  Mal  die  Ehre  hatte,  Herrn  v.  Rothschild 
meine  Aufwartung  zu  machen,  strahlte  er  vom  er- 
freulichsten Wohlbehagen,  und  seine  rosige  Laune 
ging  fast  über  in  Poesie;   denn,   wie  ich  schon  ein- 


164  Lutezia 

mal  erzählt,  in  solchen  heitern  Momenten  pflegt  der 
Herr  Baron  den  Redefluß  seines  Humors  in  Reimen 
ausströmen  zu  lassen.  Ich  fand,  daß  ihm  das  Reimen 
diesmal  ganz  besonders  gelang;  nur  auf  »Konstantin 
nopel«  wußte  er  keinen  Reim  zu  finden,  und  er 
kratzte  sich  an  dem  Kopf,  wie  alle  Dichter  tun, 
wenn  ihnen  der  Reim  fehlt.  Da  ich  selbst  auch  ein 
Stück  Poet  bin,  so  erlaubte  ich  mir,  dem  Herrn 
Baron  zu  bemerken,  ob  sich  nicht  auf  »Konstantin 
nopeU  ein  russischer  »Zobel«  reimen  ließe.  Aber 
dieser  Reim  schien  ihm  sehr  zu  mißfallen,  er  be» 
hauptete,  England  würde  ihn  nie  zugeben,  und  es 
könnte  dadurch  ein  europäischer  Krieg  entstehen, 
welcher  der  Welt  viel  Blut  und  Tränen  und  ihm 
selber  eine  Menge  Geld  kosten  würde. 

Herr  von  Rothschild  ist  in  der  Tat  der  beste 
politische  Thermometer;  ich  will  nicht  sagen  Wetter* 
frosch,  weil  das  Wort  nicht  hinlänglich  respektvoll 
klänge.  Und  man  muß  doch  Respekt  vor  diesem 
Manne  haben,  sei  es  auch  nur  wegen  des  Respektes, 
den  er  den  meisten  Leuten  einflößt.  Ich  besuche 
ihn  am  liebsten  in  den  Bureaus  seines  Comptoirs, 
wo  ich  als  Philosoph  beobachten  kann,  wie  sich  das 
Volk  und  nicht  bloß  das  Volk  Gottes,  sondern  auch 
alle  andern  Völker  vor  ihm  beugen  und  bücken. 
Das  ist  ein  Krümmen  und  Winden  des  Rückgrats, 
wie  es  selbst  dem  besten  Akrobaten  schwer  fiele. 
Ich  sah  Leute,  die,  wenn  sie  dem  großen  Baron 
nahten,  zusammenzuckten,  als  berührten  sie  eine  vol- 
taische  Säule.  Schon  vor  der  Tür  seines  Kabinetts 
ergreift  viele  ein  Schauer  der  Ehrfurcht,  wie  ihn 
einst  Moses  auf  dem  Horeb  empfunden,  als  er 
merkte,  daß  er  auf  dem  heiligen  Boden  stand.  Ganz 
so    wie    Moses    alsbald    seine    Schuhe    auszog,    so 


Erster  Teil  165 

würde  gewiß  mancher  Mäkler  oder  Agent  de  Change, 
der  das  Privatkabinett  des  Herrn  von  Rothschild  zu 
betreten  wagt,  vorher  seine  Stiefel  ausziehen,  wenn 
er  nicht  fürchtete,  daß  alsdann  seine  Füße  noch 
übler  riechen  und  den  Herrn  Baron  dieser  Mistduft 
inkommodieren  dürfte.  Jenes  Privatkabinett  ist  in 
der  Tat  ein  merkwürdiger  Ort,  welcher  erhabene 
Gedanken  und  Gefühle  erregt,  wie  der  Anblick  des 
Weltmeeres  oder  des  gestirnten  Himmels:  wir  sehen 
hier,  wie  klein  der  Mensch  und  wie  groß  Gott  ist! 
Denn  das  Geld  ist  der  Gott  unserer  Zeit  und  Roth- 
schild ist  sein  Prophet. 

Vor  mehreren  Jahren,  als  ich  mich  einmal  zu  Herrn 
von  Rothschild  begeben  wollte,  trug  eben  ein  galo- 
nierter  Bedienter  das  Nachtgeschirr  desselben  über 
den  Korridor,  und  ein  Börsenspekulant,  der  in  dem- 
selben Augenblick  vorbeiging,  zog  ehrfurchtsvoll  seinen 
Hut  ab  vor  dem  mächtigen  Topfe.  So  weit  geht, 
mit  Respekt  zu  sagen,  der  Respekt  gewisser  Leute. 
Ich  merkte  mir  den  Namen  jenes  devoten  Mannes, 
und  ich  bin  überzeugt,  daß  er  mit  der  Zeit  ein  Mil- 
lionär sein  wird.  Als  ich  einst  dem  Herrn  *  erzählte, 
daß  ich  mit  dem  Baron  Rotschild  in  den  Gemächern 
seines  Comptoires  en  famille  zu  Mittag  gespeist,  schlug 
jener  mit  Erstaunen  die  Hände  zusammen,  und  sagte 
mir,  ich  hätte  hier  eine  Ehre  genossen,  die  bisher 
nur  den  Rothschilds  von  Geblüt  oder  allenfalls  einigen 
regierenden  Fürsten  zuteil  geworden,  und  die  er  selbst 
mit  der  Hälfte  seiner  Nase  einkaufen  würde.  Ich  will 
hier  bemerken,  daß  die  Nase  des  Herrn  *,  selbst  wenn 
er  die  Hälfte  einbüßte,  dennoch  eine  hinlängliche  Länge 
behalten  würde. 

Das  Comptoir  des  Herrn  von  Rothschild  ist  sehr 
weitläufig,  ein  Labyrinth  von  Sälen,  eine  Kaserne  des 


l66  Lutezia 

Reichtums;  das  Zimmer,  wo  der  Baron  von  Morgen 
bis  Abend  arbeitet  —  er  hat  ja  nichts  andres  zu  tun 
als  zu  arbeiten  —  ist  jüngst  sehr  verschönert  worden. 
Auf  dem  Kamin  steht  jetzt  die  Marmorbüste  des 
Kaisers  Franz  von  Österreich,  mit  welchem  das  Haus 
Rothschild  die  meisten  Geschäfte  gemacht  hat.  Der 
Herr  Baron  will  überhaupt  aus  Pietät  die  Büsten  von 
allen  europäischen  Fürsten  anfertigen  lassen,  die  durch 
sein  Haus  ihre  Anleihen  gemacht,  und  diese  Samm* 
lung  von  Marmorbüsten  wird  eine  Walhalla  bilden, 
die  weit  großartiger  sein  dürfte,  als  die  Regensburger. 
Ob  Herr  Rothschild  seine  Walhallagenossen  in  Reimen 
oder  im  ungereimten  königlich  bairischen  Lapidarstil 
feiern  wird,  ist  mir  unbekannt. 


XXXIII. 

Paris,  20.  April  1841. 
Der  diesjährige  Salon  offenbarte  nur  eine  bunt* 
gefärbte  Ohnmacht.  Fast  sollte  man  meinen,  mit  dem 
Wiederaufblühen  der  bildenden  Künste  habe  es  bei 
uns  ein  Ende;  es  war  kein  neuer  Frühling,  sondern 
ein  leidiger  Alteweibersommer.  Einen  freudigen  Auf- 
schwung nahm  die  Malerei  und  die  Skulptur,  sogar 
die  Architektur,  bald  nach  der  Juliusrevolution;  aber 
die  Schwingen  waren  nur  äußerlich  angeheftet,  und 
auf  den  forcierten  Flug  folgte  der  kläglichste  Sturz. 
Nur  die  junge  Schwesterkunst,  die  Musik,  hatte  sich 
mit  ursprünglicher,  eigentümlicher  Kraft  erhoben.  Hat 
sie  schon  ihren  Lichtgipfel  erreicht?  Wird  sie  sich 
lange  darauf  behaupten?  Oder  wird  sie  schnell  wieder 
herabsinken?  Das  sind  Fragen,  die  nur  ein  späteres 
Geschlecht  beantworten  kann.    Jedenfalls  hat  es  aber 


Erster  Teil  167 

den  Anschein,  als  ob  in  den  Annalen  der  Kunst  unsre 
heutige  Gegenwart  vorzugsweise  als  das  Zeitalter  der 
Musik  eingezeichnet  werden  dürfte.  Mit  der  allmäh- 
lichen Vergeistigung  des  Menschengeschlechts  halten 
auch  die  Künste  ebenmäßig  Schritt.  In  der  frühesten 
Periode  mußte  notwendigerweise  die  Architektur  all- 
einig hervortreten,  die  unbewußte  rohe  Größe  massen- 
haft verherrlichend,  wie  wirs  z.  B.  sehen  bei  den 
Ägyptiern.  Späterhin  erblicken  wir  bei  den  Griechen 
die  Blütezeit  der  Bildhauerkunst,  und  diese  bekundet 
schon  eine  äußere  Bewältigung  der  Materie :  der  Geist 
meißelte  eine  ahnende  Sinnigkeit  in  den  Stein.  Aber 
der  Geist  fand  dennoch  den  Stein  viel  zu  hart  für 
seine  steigenden  Offenbarungsbedürfnisse,  und  er 
wählte  die  Farbe,  den  bunten  Schatten,  um  eine  ver- 
klärte und  dämmernde  Welt  des  Liebens  und  Leidens 
darzustellen.  Da  entstand  die  große  Periode  der 
Malerei,  die  am  Ende  des  Mittelalters  sich  glänzend 
entfaltete.  Mit  der  Ausbildung  des  Bewußtseinlebens 
schwindet  bei  den  Menschen  alle  plastische  Begabnis, 
am  Ende  erlischt  sogar  der  Farbensinn,  der  doch 
immer  an  bestimmte  Zeichnung  gebunden  ist,  und 
die  gesteigerte  Spiritualität,  das  abstrakte  Gedanken- 
tum,  greift  nacb  Klängen  und  Tönen,  um  eine  lallende  * 
Überschwenglichkeit  auszudrücken,  die  vielleicht  nichts 
anderes  ist,  als  die  Auflösung  der  ganzen  materiellen 
Welt:  die  Musik  ist  vielleicht  das  letzte  Wort  der 
Kunst,  wie  der  Tod  das  letzte  Wort  des  Lebens. 

Ich  habe  diese  kurze  Bemerkung  hier  vorangestellt, 
um  anzudeuten,  weshalb  die  musikalische  Saison 
mich  mehr  ängstigt  als  erfreut.  Daß  man  hier  fast 
in  lauter  Musik  ersäuft,  daß  es  in  Paris  fast  kein  ein- 
ziges Haus  gibt,  wohin  man  sich  wie  in  eine  Arche 
retten  kann  vor  dieser  klingenden  Sündflut,  daß  die 


l68  Lutezia 

edle  Tonkunst  unser  ganzes  Leben  überschwemmt  — 
dies  ist  für  mich  ein  bedenkliches  Zeichen,  und  es 
ergreift  mich  darob  manchmal  ein  Mißmut,  der  bis 
zur  murrsinnigsten  Ungerechtigkeit  gegen  unsre  großen 
Maestri  und  Virtuosen  ausartet.  Unter  diesen  Um- 
ständen darf  man  keinen  allzu  heitern  Lobgesang  von 
mir  erwarten  für  den  Mann,  den  hier  die  schöne 
Welt,  besonders  die  hysterische  Damenwelt,  in  diesem 
Augenblick  mit  einem  wahnsinnigen  Enthusiasmus 
umjubelt,  und  der  in  der  Tat  einer  der  merkwürdig* 
sten  Repräsentanten  der  musikalischen  Bewegung  ist. 
Ich  spreche  von  Franz  Liszt,  dem  genialen  Pianisten. 
Ja,  der  Geniale  ist  jetzt  wieder  hier  und  gibt  Kon- 
zerte, die  einen  Zauber  üben,  der  ans  Fabelhafte 
grenzt.  Neben  ihm  schwinden  alle  Klavierspieler  — 
mit  Ausnahme  eines  einzigen,  des  Chopin,  des  Rafaels 
des  Fortepiano.  In  der  Tat,  mit  Ausnahme  dieses 
Einzigen  sind  alle  andern  Klavierspieler,  die  wir  dieses 
Jahr  in  unzähligen  Konzerten  hörten,  eben  nur  Klavier» 
Spieler,  sie  glänzen  durch  die  Fertigkeit,  womit  sie  das 
besaitete  Holz  handhaben,  bei  Liszt  hingegen  denkt 
man  nicht  mehr  an  überwundene  Schwierigkeit,  das 
Klavier  verschwindet  und  es  offenbart  sich  die  Musik. 
In  dieser  Beziehung  hat  Liszt,  seit  wir  ihn  zum  letzten- 
mal hörten,  den  wunderbarsten  Fortschritt  gemacht. 
Mit  diesem  Vorzug  verbindet  er  eine  Ruhe,  die  wir 
früher  an  ihm  vermißten.  Wenn  er  z.  B.  damals  auf 
dem  Pianoforte  ein  Gewitter  spielte,  sahen  wir  die 
Blitze  über  sein  eigenes  Gesicht  dahinzucken,  wie 
von  Sturmwind  schlotterten  seine  Glieder,  und  seine 
langen  Haarzöpfe  träuften  gleichsam  vom  dargestell- 
ten Platzregen.  Wenn  er  jetzt  auch  das  stärkste 
Donnerwetter  spielt,  so  ragt  er  doch  selber  darüber 
empor,  wie  der  Reisende,  der  auf  der   Spitze  einer 


Erster  Teil  169 

Alpe  steht,  während  es  im  Tal  gewittert :  die  Wof- 
ken  lagern  tief  unter  ihm,  die  Blitze  ringeln  wie 
Schlangen  zu  seinen  Füßen,  das  Haupt  erhebt  er 
lächelnd  in  den  reinen  Äther. 

Trotz  seiner  Genialität  begegnet  Liszt  einer  Oppo- 
sition hier  in  Paris,  die  meistens  aus  ernstlichen  Mu* 
sikern  besteht  und  seinem  Nebenbuhler,  dem  kaiser- 
liehen  Thalberg,  den  Lorbeer  reicht.  —  Liszt  hat  be- 
reits  zwei  Konzerte  gegeben,  worin  er,  gegen  allen 
Gebrauch,  ohne  Mitwirkung  anderer  Künstler,  ganz 
allein  spielte.  Er  bereitet  jetzt  ein  drittes  Konzert 
zum  Besten  des  Monuments  von  Beethoven.  Dieser 
Komponist  muß  in  der  Tat  dem  Geschmack  eines 
Liszt  am  meisten  zusagen.  Namentlich  Beethoven 
treibt  die  spiritualistische  Kunst  bis  zu  jener  tönen- 
den Agonie  der  Erscheinungswelt,  bis  zu  jener  Ver- 
nichtung der  Natur,  die  mich  mit  einem  Grauen  er- 
füllt, das  ich  nicht  verhehlen  mag,  obgleich  meine 
Freunde  darüber  den  Kopf  schütteln.  Für  mich  ist 
es  ein  sehr  bedeutungsvoller  Umstand,  daß  Beethoven 
am  Ende  seiner  Tage  taub  ward,  und  sogar  die  un- 
sichtbare Tonwelt  keine  klingende  Realität  mehr  für 
ihn  hatte.  Seine  Töne  waren  nur  noch  Erinnerungen 
eines  Tones,  Gespenster  verschollener  Klänge,  und 
seine  letzten  Produktionen  tragen  an  der  Stirne  ein 
unheimliches  Totenmal. 

Minder  schauerlich  als  die  Beethovensche  Musik 
war  für  mich  der  Freund  Beethovens,  l'Ami  de 
Beethoven,  wie  er  sich  hier  überall  produzierte,  ich 
glaube  sogar  auf  Visitenkarten.  Eine  schwarze 
Hopfenstange  mit  einer  entsetzlich  weißen  Krawatte 
und  einer  Leichenbittermiene.  War  dieser  Freund 
Beethovens  wirklich  dessen  Pylades?  Oder  gehörte  er 
zu  jenen  gleichgültigen  Bekannten,  mit  denen  ein  ge- 


lyo  Lutezia 

nialer  Mensch  zuweilen  um  so  lieber  Umgang  pflegt, 
je  unbedeutender  sie  sind,  und  je  prosaischer  ihr 
Geplapper  ist,  das  ihm  eine  Erholung  gewährt  nach 
ermüdend  poetischen  Geistesflügen  ?  Jedenfalls  sahen 
wir  hier  eine  neue  Art  der  Ausbeutung  des  Genius, 
und  die  kleinen  Blätter  spöttelten  nicht  wenig  über 
den  Ami  de  Beethoven.  »Wie  konnte  der  große 
Künstler  einen  so  unerquicklichen,  geistesarmen 
Freund  ertragen!«  riefen  die  Franzosen,  die  über 
das  monotone  Geschwätz  jenes  langweiligen  Gastes 
alle  Geduld  verloren.  Sie  dachten  nicht  daran,  daß 
Beethoven  taub  war. 

Die  Zahl  der  Konzertgeber  während  der  dies- 
jährigen Saison  war  Legion,  und  an  mittelmäßigen 
Pianisten  fehlte  es  nicht,  die  in  öffentlichen  Blättern 
als  Mirakel  gepriesen  wurden.  Die  meisten  sind 
junge  Leute,  die  in  bescheiden  eigner  Person  jene 
Lobeserhebungen  in  die  Presse  fördern.  Die  Selbst- 
vergötterungen dieser  Art,  die  sogenannten  Reklamen, 
bilden  eine  sehr  ergötzliche  Lektüre.  Eine  Reklame, 
die  jüngst  in  der  »Gazette  musicale«  enthalten  war, 
meldete  aus  Marseille:  daß  der  berühmte  Döhler 
auch  dort  alle  Herzen  entzückt  habe,  und  besonders 
durch  seine  interessante  Blässe,  die,  eine  Folge  über- 
standener  Krankheit,  die  Aufmerksamkeit  der  schönen 
Welt  in  Anspruch  genommen.  Der  berühmte  Döhler 
ist  seitdem  nach  Paris  zurückgekehrt  und  hat  mehre 
Konzerte  gegeben;  er  spielt  in  der  Tat  hübsch,  nett 
und  niedlich.  Sein  Vortrag  ist  allerliebst,  beurkundet 
eine  erstaunliche  Fingerfertigkeit,  zeugt  aber  weder 
von  Kraft  noch  von  Geist.  Zierliche  Schwäche, 
elegante  Ohnmacht,  interessante  Blässe. 

Zu  den  diesjährigen  Konzerten,  die  im  Andenken 
der  Kunstliebhaber  forttönen,  gehören  die  Matineen, 


Erster  Teil 


171 


welche  von  den  Herausgebern  der  beiden  musikali- 
schen Zeitungen  ihren  Abonnenten  geboten  wurden. 
Die  »France  musicale«,  redigiert  von  den  Brüdern 
Escudier,  glänzte  in  ihrem  Konzert  durch  die  Mit- 
wirkung der  italienischen  Sänger  und  des  Violin- 
spielers Vieuxtemps,  der  als  einer  der  Löwen  der 
musikalischen  Saison  betrachtet  wurde.  Ob  sich 
unter  dem  zottigen  Fell  dieses  Löwen  ein  wirklicher 
König  der  Bestien  oder  nur  ein  armes  Grauchen 
verbirgt,  vermag  ich  nicht  zu  entscheiden.  Ehrlich 
gesagt,  ich  kann  den  übertriebenen  Lobsprüchen,  die 
ihm  gezollt  wurden,  keinen  Glauben  schenken.  Es 
will  mich  bedünken,  als  ob  er  auf  der  Leiter  der 
Kunst  noch  nicht  eine  sonderliche  Höhe  erklommen. 
Vieuxtemps  steht  etwa  auf  der  Mitte  jener  Leiter, 
auf  deren  Spitze  wir  einst  Paganini  erblickten,  und 
auf  deren  letzter,  unterster  Sprosse  unser  vor- 
trefflicher Sina  steht,  der  berühmte  Badegast  von 
Boulogne  und  Eigentümer  eines  Autographs  von 
Beethoven.  Vielleicht  steht  Herr  Vieuxtemps  dem 
Herrn  Sina  noch  viel  näher  als  dem  Nicolo  Pa- 
ganini. 

Vieuxtemps  ist  ein  Sohn  Belgiens,  wie  denn  über- 
haupt aus  den  Niederlanden  die  bedeutendsten  Vio- 
linisten hervorgingen.  Die  Geige  ist  ja  das  dortige 
Nationalinstrument,  das  von  groß  und  klein,  von 
Mann  und  Weib  kultiviert  wird,  von  jeher,  wie  wir 
auf  den  holländischen  Bildern  sehen.  Der  ausge- 
zeichnetste Violinist  dieser  Landsmannschaft  ist  un- 
streitig Beriot,  der  Gemahl  der  Malibran;  ich  kann 
mich  manchmal  der  Vorstellung  nicht  erwehren;  als 
säße  in  seiner  Geige  die  Seele  der  verstorbenen  Gattin 
und  sänge.  Nur  Ernst,  der  poesiereiche  Böhme,  weiß 
seinem  Instrument  so  schmelzende,  so  verblutend  süße 


172 


Lutezia 


Klagetöne  zu  entlocken.  —  Ein  Landsmann  Beriots 
ist  Artot,  ebenfalls  ein  ausgezeichneter  Violinist,  bei 
dessen  Spiel  man  aber  nie  an  eine  Seele  erinnert 
wird:  ein  geschniegelter,  wohlgedrechselter  Gesell, 
dessen  Vortrag  glatt  und  glänzend,  wie  Wachsleinen. 
Haumann,  der  Sohn  des  Brüsseler  Nachdruckers, 
treibt  auf  der  Violine  das  Metier  des  Vaters:  was 
er  geigt,  sind  reinliche  Nachdrucke  der  vorzüglich- 
sten Geiger,  die  Texte  hie  und  da  verbrämt  mit 
überflüssigen  Originalnoten  und  vermehrt  mit  briU 
lanten  Druckfehlern.  -- Die  Gebrüder  Franco-Mendez, 
welche  auch  dieses  Jahr  Konzerte  gaben,  wo  sie  ihr 
Talent  als  Violinspieler  bewährten,  stammen  ganz 
eigentlich  aus  dem  Lande  der  Treckschuyten  und 
Quispeldorchen.  Dasselbe  gilt  von  Batta,  dem  Vio- 
loncellisten; er  ist  ein  geborner  Holländer,  kam  aber 
früh  hieher  nach  Paris,  wo  er  durch  seine  knaben- 
hafte Jugendlichkeit  ganz  besonders  die  Damen  er- 
götzte. Er  war  ein  liebes  Kind  und  weinte  auf  seiner 
Bratsche  wie  ein  Kind.  Obgleich  er  mittlerweile  ein 
großer  Junge  geworden,  so  kann  er  doch  die  süße 
Gewohnheit  des  Greinens  nimmermehr  lassen,  und 
als  er  jüngst  wegen  Unpäßlichkeit  nicht  öffentlich 
auftreten  konnte,  hieß  es  allgemein:  durch  das  kin- 
dische Weinen  auf  dem  Violoncello  habe  er  sich 
endlich  eine  wirkliche  Kinderkrankheit,  ich  glaube 
die  Masern,  an  den  Hals  gespielt.  Er  scheint  jedoch 
wieder  ganz  hergestellt  zu  sein,  und  die  Zeitungen 
melden,  daß  der  berühmte  Batta  nächsten  Donnerstag 
eine  musikalische  Matinee  bereite,  welche  das  Publi- 
kum für  die  lange  Entbehrnis  seines  Lieblings  ent- 
schädigen werde. 

Das  letzte  Konzert,  welches  Hr.  Maurice  Schle- 
singer  den  Abonnenten   seiner   »Gazette   musicale« 


Erster  Teil  173 

gab,  und  das,  wie  ich  bereits  angedeutet  habe,  zu 
den  glänzendsten  Erscheinungen  der  Saison  gehörte, 
war  für  uns  Deutsche  von  ganz  besonderm  Inter= 
esse.  Auch  war  hier  die  ganze  Landsmannschaft 
vereinigt,  begierig,  die  Mademoiselle  Löwe  zu  hören, 
die  gefeierte  Sängerin,  die  das  schöne  Lied  von  Beet- 
hoven, »Adelaide«,  in  deutscher  Zunge  sang.  Die 
Italiener  und  Herr  Vieuxtemps,  welche  ihre  Mitwir- 
kung  versprochen,  ließen  während  des  Konzerts  ab* 
sagen,  zur  größten  Bestürzung  des  Konzertgebers, 
welcher  mit  der  ihm  eigentümlichen  Würde  vors 
Publikum  trat  und  erklärte:  Hr.  Vieuxtemps  wolle 
nicht  spielen,  weil  er  das  Lokal  und  das  Publikum 
als  seiner  nicht  angemessen  betrachte!  Die  Insolenz 
jenes  Geigers  verdient  die  strengste  Rüge.  Das  Lokal 
des  Konzertes  war  der  Musardsche  Saal  der  Rue 
Vivienne,  wo  man  nur  während  des  Karnevals  ein 
bißchen  Cancan  tanzt,  jedoch  das  übrige  Jahr  hin- 
durch die  anständigste  Musik  von  Mozart,  Giacomo 
Meyerbeer  und  Beethoven  exekutiert.  Den  italieni- 
schen Sängern,  einem  Signor  Rubini  und  Signor  La- 
blache, verzeiht  man  allenfalls  ihre  Laune;  von  Nach- 
tigallen kann  man  sich  wohl  die  Prätension  gefallen 
lassen,  daß  sie  nur  vor  einem  Publikum  von  Gold- 
fasanen und  Adlern  singen  wollen.  Aber  Mynheer, 
der  flämische  Storch,  dürfte  nicht  so  wählig  sein  und 
eine  Gesellschaft  verschmähen,  worunter  sich  das 
honetteste  Geflügel,  Pfauen  und  Perlhühner  die  Menge, 
und  mitunter  auch  die  ausgezeichnetsten  deutschen 
Schnapphähne  und  Mistfinken  befanden.  —  Welcher 
Art  war  der  Erfolg  des  Debüts  der  Mademoiselle 
Löwe?  Ich  will  die  ganze  Wahrheit  kurz  ausspre- 
chen: sie  sang  vortrefflich,  gefiel  allen  Deutschen  und 
machte  Fiasko  bei  den  Franzosen. 


\-jä  Lutezia 

Was  dieses  letztere  Mißgeschick  betrifft,  so  möchte 
ich  der  verehrten  Sängerin  zu  ihrem  Tröste  ver- 
sichern, daß  es  eben  ihre  Vorzüge  waren,  die  einem 
französischen  Sukzeß  im  Wege  standen.  In  der 
Stimme  der  Mlle.  Löwe  ist  deutsche  Seele,  ein  stilles 
Ding,  das  sich  bis  jetzt  nur  wenigen  Franzosen  offen- 
bart hat  und  in  Frankreich  nur  allmählich  Eingang 
findet.  Wäre  Mlle.  Löwe  einige  Dezennien  später 
gekommen,  sie  hätte  vielleicht  größere  Anerkennung 
gefunden.  Bis  jetzt  aber  ist  die  Masse  des  Volks 
noch  immer  dieselbe.  Die  Franzosen  haben  Geist 
und  Passion,  und  beides  genießen  sie  am  liebsten  in 
einer  unruhigen,  stürmischen,  gehackten,  aufreizenden 
Form.  Dergleichen  vermißten  sie  aber  ganz  und  gar 
bei  der  deutschen  Sängerin,  die  ihnen  noch  oben- 
drein die  Beethovensche  »Adelaide«  vorsang.  Dieses 
ruhige  Ausseufzen  des  Gemütes,  diese  blauäugigen, 
schmachtenden  Waldeinsamkeitstöne,  diese  gesunge- 
nen Lindenblüten  mit  obligatem  Mondschein,  dieses 
Hinsterben  in  überirdischer  Sehnsucht,  dieses  erz- 
deutsche Lied,  fand  kein  Echo  in  französischer  Brust, 
und  ward  sogar  als  transrhenanische  Sensiblerie  ver- 
spöttelt. 

Obgleich  Mlle.  Löwe  hier  keinen  Beifall  fand,  ge- 
schah doch  alles  mögliche,  um  ihr  ein  Engagement 
für  die  Academie  royale  de  Musique  auszuwirken. 
Der  Name  Meyerbeer  wurde  bei  dieser  Gelegenheit 
aufdringlicher  in  Anschlag  gebracht,  als  es  dem  ver- 
ehrten Meister  wohl  lieb  sein  möchte.  Ist  es  wahr, 
wollte  Meyerbeer  seine  neue  Oper  nicht  zur  Auf- 
führung geben,  im  Falle  man  die  Löwe  nicht  enga- 
gierte? Hat  Meyerbeer  wirklich  die  Erfüllung  der 
Wünsche  des  Publikums  an  eine  so  kleinliche  Be- 
dingung geknüpft?   Ist  er  wirklich  so  überbescheiden, 


Erster  Teil  175 

daß  er  sich  einbildet,  der  Erfolg  seines  neuen  Werks 
sei  abhängig  von  der  mehr  oder  minder  geschmei- 
digen Kehle  einer  Primadonna? 

Die  zahlreichen  Verehrer  und  Bewunderer  des  be- 
wunderungswürdigen Meisters  sehen  mit  Betrübnis, 
wie  der  Hochgefeierte  bei  jeder  neuen  Produktion 
seines  Genius  sich  mit  der  Sicherstellung  des  Erfolgs 
so  unsäglich  abmüht,  und  an  das  winzigste  Detail 
desselben  seine  besten  Kräfte  vergeudet.  Sein  zarter, 
schwächlicher  Körperbau  muß  darunter  leiden.  Seine 
Nerven  werden  krankhaft  überreizt,  und  bei  seinem 
chronischen  Unterleibsleiden  wird  er  oft  von  der 
herrschenden  Cholerine  heimgesucht.  Der  Geistes* 
honig,  der  aus  seinen  musikalischen  Meisterwerken 
träufelt  und  uns  erquickt,  kostet  dem  Meister  selbst 
die  furchtbarsten  Leibesschmerzen.  Als  ich  das  letzte 
Mal  die  Ehre  hatte,  ihn  zu  sehen,  erschrak  ich  über 
sein  miserables  Aussehen.  Bei  seinem  Anblick  dachte 
ich  an  den  Diarrhöen-Gott  der  tartarischen  Volks- 
sage, worin  schauderhaft  drollig  erzählt  wird,  wie 
dieser  bauchgrimmige  Kakodämon  auf  dem  Jahrmarkte 
von  Kasan  einmal  zu  seinem  eigenen  Gebrauche 
sechstausend  Töpfe  kaufte,  so  daß  der  Töpfer  da- 
durch ein  reicher  Mann  wurde.  Möge  der  Himmel 
unserm  hochverehrten  Meister  eine  bessere  Gesund- 
heit schenken,  und  möge  er  selber  nie  vergessen, 
daß  sein  Lebensfaden  sehr  schlapp  und  die  Schere 
der  Parze  desto  schärfer  ist.  Möge  er  nie  vergessen, 
welche  hohe  Interessen  sich  an  seine  Selbsterhaltung 
knüpfen.  Was  soll  aus  seinem  Ruhme  werden,  wenn 
er  selbst,  der  hochgefeierte  Meister,  was  der  Himmel 
noch  lange  verhüte,  plötzlich  dem  Schauplatz  seiner 
Triumphe  durch  den  Tod  entrissen  würde?  Wird 
ihn  die  Familie  fortsetzen,  diesen  Ruhm,  worauf  ganz 


176  Lutezia 

Deutschland  stolz  ist?  An  materiellen  Mitteln  würde 
es  der  Familie  gewiß  nicht  fehlen,  wohl  aber  an  in» 
tellektuellen  Mitteln.  Nur  der  große  Giacomo  selbst, 
der  nicht  bloß  Generalmusikdirektor  aller  Königl. 
Preuß.  Musikanstalten,  sondern  auch  der  Kapellen» 
meister  des  Meyerbeerschen  Ruhmes  ist,  nur  Er 
kann  das  ungeheure  Orchester  dieses  Ruhmes  diri» 
gieren.  —  Er  nickt  mit  dem  Haupte,  und  alle  Posaunen 
der  großen  Journale  ertönen  unisono;  er  zwinkert 
mit  den  Augen,  und  alle  Violinen  des  Lobes  fiedeln 
um  die  Wette;  er  bewegt  nur  leise  den  linken  Nasen» 
flugel,  und  alle  Feuilleton»Flageolette  flöten  ihre  süße» 
sten  Schmeichellaute.  —  Da  gibt  es  auch  unerhörte, 
antediluvianische  Blasinstrumente,  Jerichotrompeten 
und  noch  unentdeckte  Windharfen,  Saiteninstrumente 
der  Zukunft,  deren  Anwendung  die  außerordentlichste 
Begabnis  für  Instrumentation  bekundet.  —•  Ja,  in  so 
hohem  Grade  wie  unser  Meyerbeer  verstand  sich 
noch  kein  Komponist  auf  die  Instrumentation,  näm» 
lieh  auf  die  Kunst,  alle  möglichen  Menschen  als  In» 
strumente  zu  gebrauchen,  die  kleinsten  wie  die  groß» 
ten,  und  durch  ihr  Zusammenwirken  eine  Überein» 
Stimmung  in  der  öffentlichen  Anerkennung,  die  ans 
Fabelhafte  grenzt,  hervorzuzaubern.  Das  hat  kein 
andrer  jemals  verstanden.  Während  die  besten  Opern 
von  Mozart  und  Rossini  bei  der  ersten  Vorstellung 
durchfielen,  und  erst  Jahre  vergingen,  ehe  sie  wahr» 
haft  gewürdigt  wurden,  finden  die  Meisterwerke 
unsres  edlen  Meyerbeer  bereits  bei  der  ersten  Auf» 
fuhrung  den  ungeteiltesten  Beifall,  und  schon  den 
andern  Tag  liefern  sämtliche  Journale  die  verdienten 
Lob»  und  Preisartikel.  Das  geschieht  durch  das  har» 
monische  Zusammenwirken  der  Instrumente;  in  der 
Melodie    muß    Meyerbeer    den    beiden    genannten 


Erster  Teil  iyy 

Meistern  nachstehen,  aber  er  überflügelt  sie  durch 
Instrumentation.  Der  Himmel  weiß,  daß  er  sich  oft 
der  niederträchtigsten  Instrumente  bedient;  aber  viel* 
leicht  eben  durch  diese  bringt  er  die  großen  Effekte 
hervor  auf  die  große  Menge,  die  ihn  bewundert,  an* 
betet,  verehrt  und  sogar  achtet.  —  Wer  kann  das 
Gegenteil  beweisen?  Von  allen  Seiten  fliegen  ihm 
die  Lorbeerkränze  zu,  er  trägt  auf  dem  Haupte  einen 
ganzen  Wald  von  Lorbeeren,  er  weiß  sie  kaum  mehr 
zu  lassen  und  keucht  unter  dieser  grünen  Last.  Er 
sollte  sich  einen  kleinen  Esel  anschaffen,  der  hinter 
ihm  her  trottierend  ihm  die  schweren  Kränze  nach- 
trüge. Aber  Gouin  ist  eifersüchtig,  und  leidet  nicht, 
daß  ihn  ein  anderer  begleite. 

Ich  kann  nicht  umhin  hier  ein  geistreiches  Wort 
zu  erwähnen,  das  man  dem  Musiker  Ferdinand  Hiller 
zuschreibt.  Als  nämlich  jemand  denselben  darüber 
befragte,  was  er  von  Meyerbeers  Opern  halte,  soll 
Hiller  ausweichend  verdrießlich  geantwortet  haben: 
»Ach,  laßt  uns  nicht  von  Politik  reden!« 


XXXIV. 

Paris,  Z9.  April  1841. 
Ein  ebenso  bedeutungsvolles  wie  trauriges  Ereig- 
nis ist  das  Verdikt  der  Jury,  wodurch  der  Redakteur 
des  Journals  »La  France«  von  der  Anklage  absicht- 
licher Beleidigung  des  Königs  freigesprochen  wurde. 
Ich  weiß  wahrlich  nicht,  wen  ich  hier  am  meisten 
beklagen  soll !  Ist  es  jener  König,  dessen  Ehre  durch 
verfälschte  Briefe  befleckt  wird,  und  der  dennoch 
nicht  wie  jeder  andere  sich  in  der  öffentlichen  Mei- 
nung   rehabilitieren    kann?    Was   jedem    andern    in 

IX,  12 


1  jS  Lutezia 

solcher  Bedrängnis  gestattet  ist,  bleibt  ihm  grausam 
versagt.  Jeder  andere,  der  sich  in  gleicher  Weise, 
durch  falsche  Briefe  von  landesverräterischem  Inhalt, 
dem  Publikum  gegenüber  bloßgestellt  sähe,  könnte 
es  dahin  bringen,  sich  förmlich  in  Anklagestand  setzen 
zu  lassen,  und  infolge  seines  Prozesses  die  Unecht- 
heit  jener  Briefe  aufs  bündigste  zu  erweisen.  Eine 
solche  Ehrenrettung  gibt  es  aber  nicht  für  den  König, 
den  die  Verfassung  für  unverletzlich  erklärt  und 
nicht  persönlich  vor  Gericht  zu  stellen  erlaubt.  Noch 
weniger  ist  ihm  das  Duell  gestattet,  das  Gottesurteil, 
das  in  Ehrensachen  noch  immer  eine  gewisse  justi- 
fizierende  Geltung  bewahrt:  Ludwig  Philipp  muß 
ruhig  auf  sich  schießen  lassen,  darf  aber  nimmer* 
mehr  selbst  zur  Pistole  greifen,  um  von  seinen  Be- 
leidigern Genugtuung  zu  fordern.  Ebensowenig  kann 
er  im  üblich  patzigen  Stile  eine  abgedrungene  Er- 
klärung gegen  seine  Verleumder  in  den  respektiven 
Landeszeitungen  inserieren  lassen:  denn  ach!  Könige, 
wie  große  Dichter,  dürfen  sich  nicht  auf  solchem 
Wege  verteidigen  und  müssen  alle  Lügen,  die  man 
über  ihre  Person  verbreitet,  mit  schweigender  Lang- 
mut ertragen.  In  de*  Tat,  ich  hege  das  schmerz- 
lichste Mitgefühl  für  den  königlichen  Dulder,  dessen 
Krone  nur  eine  Zielscheibe  der  Verleumdung,  und 
dessen  Szepter,  wo  es  eigene  Verteidigung  gilt, 
minder  brauchbar  wie  ein  gewöhnlicher  Stock.  — 
Oder  soll  ich  noch  weit  mehr  Euch  bedauern,  Ihr 
Legitimisten,  die  Ihr  Euch  als  die  auserwählten  Pala- 
dine des  Royalismus  gebärdet  und  dennoch  in  der 
Person  Ludwig  Philipps  das  Wesen  des  Königtums, 
das  königliche  Ansehen,  herabgewürdigt  habt?  Jeden- 
falls habe  ich  Mitleid  mit  Euch,  wenn  ich  an  die 
schrecklichen   Folgen   denke,  die  Ihr  durch  solchen 


Erster  Teil  iyo 

Frevel  zunächst  auf  Eure  eignen  törichten  Häupter 
herabruft!  Mit  dem  Umsturz  der  Monarchie  harret 
Euer  wieder  daheim  das  Beil  und  in  der  Fremde  der 
Bettelstab.  Ja,  Euer  Schicksal  wäre  jetzt  noch  weit 
schmählicher  als  in  früheren  Tagen:  Euch,  die  ge- 
foppten  Comperes  Eurer  Henker,  würde  man  nicht 
mehr  mit  wildem  Zorn  töten,  sondern  mit  höhnischem 
Gelächter,  und  in  der  Fremde  würde  man  Euch  nicht 
mehr  mit  jener  Ehrfurcht,  die  einem  unverschuldeten 
Unglück  gebührt,  sondern  mit  Geringschätzung  das 
Almosen  hinreichen. 

Was  soll  ich  aber  von  den  guten  Leuten  der 
Jury  sagen,  die  in  wetteifernder  Verblendung  das 
Brecheisen  legten  an  das  Fundament  des  eignen 
Hauses?  Der  Grundstein,  worauf  ihre  ganze  bürger- 
liche Staatsboutique  ruht,  die  königliche  Autorität, 
ward  durch  jenes  beleidigende  und  schmachvolle 
Verdikt  heillos  gelockert.  Die  ganze  verderbliche 
Bedeutung  dieses  Verdikts  wird  jetzt  allmählich  er- 
kannt, es  ist  das  unaufhörliche  Tagesgespräch,  und 
mit  Entsetzen  sieht  man,  wie  der  fatale  Ausgang 
des  Prozesses  ganz  systematisch  ausgebeutet  wird. 
Die  verfälschten  Briefe  haben  jetzt  eine  legale  Stütze, 
und  mit  der  Unverantwortlichkeit  steigt  die  Frech- 
heit bei  den  Feinden  der  bestehenden  Ordnung.  In 
diesem  Augenblick  werden  lithographierte  Kopien 
der  vorgeblichen  Autographen  in  unzähligen  Exem- 
plaren über  ganz  Frankreich  verbreitet,  und  die  Arg- 
list reibt  sich  vergnügt  die  Hände,  ob  des  gelungenen 
Meisterstücks.  Die  Legitimisten  rufen  Viktoria,  als 
hätten  sie  eine  Schlacht  gewonnen.  Glorreiche 
Schlacht,  wo  die  Contemporaine,  die  verrufene  Mme. 
de  St.  Elme,  das  Banner  trug!  Der  edle  Baron 
Larochejaquelin  beschirmte  mit  seinem  Wappenschild 


180  Lutezia 

diese  neue  Jeanne  d'Arc.  Er  verbürgt  ihre  Glaub- 
würdigkeit —  warum  nicht  auch  ihre  jungfräuliche 
Reinheit?  Vor  allen  aber  verdankt  man  diesen 
Triumph  dem  großen  Berryer,  dem  bürgerlichen 
Dienstmann  der  legitimistischen  Ritterschaft,  der  immer 
geistreich  spricht,  gleichviel  für  welche  schlechte 
Sache. 

Indessen,  hier  in  Frankreich,  dem  Lande  der  Par- 
teien,  wo  den  Ereignissen  alle  ihre  Konsequenzen 
unmittelbar  abgepreßt  werden,  geht  die  böse  Wirkung 
immer  Hand  in  Hand  mit  einer  mehr  oder  minder 
heilsamen  Gegenwirkung.  Und  dieses  zeigt  sich  auch 
bei  Gelegenheit  jenes  unglückseligen  Verdikts.  Die 
argen  Folgen  desselben  werden  für  den  Moment 
einigermaßen  neutralisiert  durch  den  Jubel  und  das 
Siegesgeschrei,  das  die  Legitimisten  erheben:  das 
Volk  haßt  sie  so  sehr,  daß  es  all  seinen  Unmut 
gegen  Ludwig  Philipp  vergißt,  wenn  jene  Erbfeinde 
des  neuen  Frankreichs  allzu  jauchzend  über  ihn 
triumphieren.  Der  schlimmste  Vorwurf,  der  gegen 
den  König  in  jüngster  Zeit  aufgebracht  wurde,  war 
ja  eben,  daß  man  ihn  beschuldigte,  er  betreibe  allzu 
eifrig  seine  Aussöhnung  mit  den  Legitimisten  und 
opfere  ihnen  die  demokratischen  Interessen.  Deshalb 
erregte  die  Beleidigung,  die  dem  König  gerade  durch 
diese  frondierenden  Edelleute  widerfuhr,  zunächst  eine 
gewisse  Schadenfreude  bei  der  Bourgeoisie,  die,  an- 
gehetzt durch  die  Journale  des  unzufriedenen  Mittel- 
standes, von  den  reaktionären  Vorsätzen  des  jetzigen 
Ministeriums  die  verdrießlichsten  Dinge  fabelt. 

Welche  Bewandtnis  hat  es  aber  mit  jenen  reak- 
tionären Vorsätzen,  die  man  absonderlich  Herrn 
Guizot  zuschreibt?  Ich  kann  ihnen  keinen  Glauben 
schenken.    Guizot  ist  der  Mann  des  Widerstandes, 


Erster  Teil  igl 

aber  nicht  der  Reaktion.     Und  seid  überzeugt,   daß 
man  ihn  ob  seines  Widerstandes  nach  oben  schon 
längst  verabschiedet  hätte,  wenn  man  nicht  seines 
Widerstandes  nach  unten  bedürfte.   Sein  eigentliches 
Geschäft  ist  die  tatsächliche  Erhaltung   jenes  RegU 
ments  der  Bourgeoisie,  das  von  den  marodierenden 
Nachzüglern    der    Vergangenheit     ebenso    grimmig 
bedroht    wird,    wie    von    der    plünderungssüchtigen 
Avantgarde    der    Zukunft.     Herr    Guizot    hat  sich 
eine  schwierige  Aufgabe  gestellt,  und  niemand  weiß 
ihm  Dank  dafür.    Am  undankbarsten  wahrlich  zeigen 
sich  gegen   ihn   eben  jene  guten  Bürger,    die  seine 
starke  Hand  schirmt  und  schützt,  denen  er  aber  nie 
vertraulich  die  Hand  gibt,  und  mit  deren  kleinlichen 
Leidenschaften  er  nie  gemeinschaftliche  Sache  macht. 
Sie  lieben  ihn  nicht,  diese  Spießbürger,  denn  er  lacht 
nicht  mit  ihnen  über  Voltairesche  Witze,  er  ist  nicht 
industriell  und  tanzt   nicht  mit  ihnen  um  den  Mai- 
baum der  Gloire!    Er  trägt  das  Haupt  sehr  hoch, 
und  ein  melancholischer  Stolz  spricht  aus  allen  seinen 
Zügen:    »Ich  könnte  vielleicht  etwas  Besseres   tun, 
als   für   dieses    Lumpenpack   in    mühsamen    Tages- 
kämpfen  mein  Leben   vergeuden!«    Das    ist  in  der 
Tat  der  Mann,  der  nicht  sehr  zärtlich  um  Popularität 
buhlt,  und  sogar  den  Grundsatz  aufgestellt  hat:  daß 
ein  guter  Minister  unpopulär  sein   müsse.     Er  hat 
nie  der  Menge  gefallen  wollen,  sogar  nicht  in  jenen 
Tagen  der  Restauration,  wo  er  als  gelehrter  Volks- 
tribun am  herrlichsten  gefeiert  wurde.    Als  er  in  der 
Sorbonne  seine  denkwürdigen  Vorlesungen  hielt  und 
der  Beifall  der  Jugend  sich  ein  bißchen  allzu  stürmisch 
äußerte,  dämpfte  er  selber  diesen  huldigenden  Lärm, 
mit  den  strengen  Worten:  »Meine  Herren,  auch  im 
Enthusiasmus  muß  die  Ordnung  vorwalten !«  Ordnungs- 


182  Lutetia 

liebe  ist  überhaupt  ein  vorstechender  Zug  des  Gui- 
zotschen  Charakters,  und  schon  aus  diesem  Grunde 
wirkte  sein  Ministerium  sehr  wohltätig  in  die  Kon- 
fusion der  Gegenwart.  Man  hat  ihn  wegen  dieser 
Ordnungsliebe  nicht  selten  der  Pedanterei  beschuldigt, 
und  ich  gestehe,  der  schroffe  Ernst  seiner  Erschei- 
nung wird  gemildert  durch  eine  gewisse  anklebende 
gelehrte  Magisterhaftigkeit,  die  an  unsre  deutsche 
Heimat,  besonders  an  Göttingen  erinnert.  Er  ist 
ebensowenig  reaktionär  wie  Hofrat  Heeren,  Tychsen 
oder  Eichhorn  solches  gewesen  —  aber  er  wird  nie 
erlauben,  daß  man  die  Pedelle  prügle  oder  sich 
sonstig  auf  der  Weenderstraße  herumbalge  und  die 
Laternen  zerschlage. 


XXXV. 

Paris,  19.  Mai  1841. 
Vorigen  Sonnabend  hielt  diejenige  Sektion  des 
Institut  royal,  welche  sich  Academie  des  sciences 
morales  et  politiques  nennt,  eine  ihrer  merkwürdig- 
sten Sitzungen.  Der  Schauplatz  war,  wie  gewöhn- 
lich, jene  Halle  des  Palais  Mazarin,  die  durch  ihre 
hohe  Wölbung,  sowie  durch  das  Personal,  das 
manchmal  dort  seinen  Sitz  nimmt,  so  oft  an  die 
Kuppel  des  Invalidendoms  erinnerte.  In  der  Tat, 
die  andern  Sektionen  des  Instituts,  die  dort  ihre 
Vorträge  halten,  zeugen  nur  von  greisenhafter  Ohn- 
macht, aber  die  oben  erwähnte  Academie  des  scien- 
ces morales  et  politiques  macht  eine  Ausnahme  und 
trägt  den  Charakter  der  Frische  und  Kraft.  Es 
herrscht  in  dieser  letzten  Sektion  ein  großartiger 
Sinn,  während  die  Einrichtung  und  der  Gesamtgeist 


Erster  Teil  183 

des  Institut  royal  sehr  kleinlich  ist.  Ein  Witzling 
bemerkte  sehr  richtig:  »Diesmal  ist  der  Teil  größer 
als  das  Ganze.«  In  der  Versammlung  vom  vorigen 
Sonnabend  atmete  eine  ganz  besonders  jugendliche 
Regung:  Cousin,  welcher  präsidierte,  sprach  mit 
jenem  mutigen  Feuer,  das  manchmal  nicht  sehr 
wärmt,  aber  immer  leuchtet;  und  gar  Mignet,  welcher 
das  Gedächtnis  des  verstorbenen  Merlin  de  Douai, 
des  berühmten  Juristen  und  Konventglieds,  zu  feiern 
hatte,  sprach  so  blühend  schön  wie  er  selbst  aus* 
sieht.  Die  Damen,  die  den  Sitzungen  der  Section 
des  sciences  morales  et  politiques  immer  in  großer 
Anzahl  beiwohnen ,  wenn  ein  Vortrag  des  schönen 
secretaire  perpetuel  angekündigt  ist,  kommen  dort* 
hin  vielleicht  mehr  um  zu  sehen  als  um  zu  hören, 
und  da  viele  darunter  sehr  hübsch  sind,  so  wirkt 
ihr  Anblick  manchmal  störend  auf  die  Zuhörer. 
Was  mich  betrifft,  so  fesselte  mich  diesmal  der 
Gegenstand  der  Mignetschen  Rede  ganz  ausschließ- 
lich, denn  der  berühmte  Geschichtschreiber  der  Re- 
volution sprach  wieder  über  einen  der  wichtigsten 
Führer  der  großen  Bewegung,  welche  das  bürger- 
liche Leben  der  Franzosen  umgestaltet,  und  jedes 
Wort  war  hier  ein  Resultat  interessanter  Forschung. 
Ja,  das  war  die  Stimme  des  Geschichtschreibers, 
des  wirklichen  Chefs  von  Klios  Archiven,  und  es 
schien,  als  hielt  er  in  den  Händen  jene  ewigen  Ta- 
bletten, worin  die  strenge  Göttin  bereits  ihre  Urteils- 
sprüche eingezeichnet.  Nur  in  der  Wahl  der  Aus- 
drücke und  in  der  mildernden  Betonung  bekundete 
sich  manchmal  die  traditionelle  Lobpflicht  des  Aka- 
demikers. Und  dann  ist  Mignet  auch  Staatsmann, 
und  mit  kluger  Scheu  mußten  die  Tagesverhältnisse 
berücksichtigt    werden     bei     der    Besprechung    der 


184  Lutezia 

jüngsten  Vergangenheit.  Es  ist  eine  bedenkliche 
Aufgabe,  den  überstandenen  Sturm  zu  beschreiben, 
während  wir  noch  nicht  in  den  Hafen  gelangt  sind. 
Das  französische  Staatsschiff  ist  vielleicht  noch  nicht 
so  wohl  geborgen  wie  der  gute  Mignet  meint. 
Unfern  vom  Redner,  auf  einer  der  Bänke  mir  gegen* 
über,  sah  ich  Herrn  Thiers,  und  sein  Lächeln  war 
für  mich  sehr  bedeutungsvoll  bei  denjenigen  Stellen, 
wo  Mignet  mit  allzu  großer  Behagnis  von  der  defini- 
tiven Begründung  der  modernen  Zustände  sprach: 
so  lächelt  Aolus,  wenn  Daphnis  am  windstillen  Ufer 
des  Meeres  die  friedliche  Flöte  bläst! 

Die  ganze  Rede  von  Mignet  dürfte  Ihnen  in  kurzem 
gedruckt  zu  Gesicht  kommen,  und  die  Fülle  des  In* 
halts  wird  Sie  alsdann  gewiß  erfreuen;  aber  nimmer* 
mehr  kann  die  bloße  Lektüre  den  lebendigen  Vor* 
trag  ersetzen,  der,  wie  eine  tiefsinnige  Musik,  im  Zu* 
hörer  eine  Reihenfolge  von  Ideen  anregt.  So  klingt 
mir  noch  beständig  im  Gedächtnis  eine  Bemerkung, 
die  der  Redner  in  wenigen  Worten  hinwarf,  und  die 
dennoch  fruchtbar  an  wichtigen  Gedanken  ist.  Er 
bemerkte  nämlich,  wie  ersprießlich  es  sei,  daß  das 
neue  Gesetzbuch  der  Franzosen  von  Männern  ab* 
gefaßt  worden,  die  aus  den  wilden  Drangsalen  der 
größten  Staatsumwälzung  soeben  hervorgegangen, 
und  folglich  die  menschlichen  Passionen  und  zeit- 
lichen Bedürfnisse  gründlichst  kennen  gelernt  hatten. 
Ja,  beachten  wir  diesen  Umstand,  so  will  es  uns  be* 
dünken,  als  begünstigte  derselbe  ganz  besonders  die 
jetzige  französische  Legislation,  als  verliehe  er  einen 
ganz  außerordentlichen  Wert  jenem  Code  Napoleon 
und  dessen  Kommentarien,  welche  nicht  wie  andere 
Rechtsbücher  von  müßigen  und  kühlen  Kasuisten  an* 
gefertigt  sind,  sondern  von   glühenden  Menschheits* 


Erster  Teil  185 

rettern,  die  alle  Leidenschaften  in  ihrer  Nacktheit 
gesehen  und  in  die  Schmerzen  aller  neuern  Lebens* 
fragen  durch  die  Tat  eingeweiht  worden.  Von  dem 
Beruf  unserer  Zeit  zur  Gesetzgebung  hat  die  philo* 
sophische  Schule  in  Deutschland  ebenso  unrichtige 
Begriffe,  wie  die  historische;  erstere  ist  tot  und  letztere 
hat  noch  nicht  gelebt. 

Die  Rede,  womit  Victor  Cousin  vorigen  Sonn* 
abend  die  Sitzung  der  Akademie  eröffnete,  atmete 
einen  Freiheitssinn,  den  wir  immer  mit  Freude  bei 
ihm  anerkennen  werden.  Er  ist  übrigens  in  diesen 
Blättern  von  einem  unsrer  Kollegen  so  reichlich  ge- 
lobhudelt  worden,  daß  er  vorderhand  dessen  genug 
haben  dürfte.  Nur  so  viel  wollen  wir  erwähnen,  daß 
der  Mann,  den  wir  früherhin  nicht  sonderlich  liebten, 
uns  in  der  letzten  Zeit  zwar  keine  währliche  Zu* 
neigung,  aber  eine  bessere  Anerkennung  einflößte. 
Armer  Cousin,  wir  haben  dich  früherhin  sehr  mal* 
trätiert,  dich,  der  du  immer  für  uns  Deutsche  so 
liebreich  und  freundlich  wärest.  Sonderbar,  eben 
während  der  treue  Zögling  der  deutschen  Schule, 
der  Freund  Hegels,  unser  Victor  Cousin,  in  Frank- 
reich Minister  war,  brach  in  Deutschland  gegen  die 
Franzosen  jener  blinde  Groll  los,  der  jetzt  allmählich 
schwindet  und  vielleicht  einst  unbegreiflich  sein  wird. 
Ich  erinnere  mich,  zu  jener  Zeit,  vorigen  Herbst,  be- 
gegnete ich  Hrn.  Cousin  auf  dem  Boulevard  des 
Italiens,  wo  er  vor  einem  Kupferstichladen  stand  und 
die  dort  ausgestellten  Bilder  von  Overbeck  bewun- 
derte. Die  Welt  war  aus  ihren  Angeln  gerissen,  der 
Kanonendonner  von  Beirut,  wie  eine  Sturmglocke, 
weckte  alle  Kampflust  des  Orients  und  des  Okzi- 
dents, die  Pyramiden  Ägyptens  zitterten,  diesseits  und 
jenseits   des   Rheins   wetzte   man   die   Säbel   —   und 


186  Lutetia 

Victor  Cousin,  damaliger  Minister  von  Frankreich, 
stand  ruhig  vor  dem  Bilderladen  des  Boulevard  des 
Italiens,  und  bewunderte  die  stillen,  frommen  Heiligen* 
köpfe  von  Overbeck,  und  sprach  mit  Entzücken  von 
der  VortrefFlichkeit  deutscher  Kunst  und  Wissen- 
schaft, von  unserem  Gemüt  und  Tiefsinn,  von  unserer 
Gerechtigkeitsliebe  und  Humanität.  »Aber  um  des 
Himmels  willen,«  unterbrach  er  sich  plötzlich,  wie 
aus  einem  Traum  erwachend,  »was  bedeutet  die 
Raserei,  womit  ihr  in  Deutschland  jetzt  plötzlich 
gegen  uns  schreit  und  lärmt?«  Er  konnte  diese 
Berserkerwut  nicht  begreifen,  und  auch  ich  begriff 
nichts  davon,  und  Arm  in  Arm  über  den  Boulevard 
hinwandelnd,  erschöpften  wir  uns  in  lauter  Konjek- 
turen über  die  letzten  Gründe  jener  Feindseligkeit, 
bis  wir  an  das  Passage  des  Panoramas  gelangten,  wo 
Cousin  mich  verließ,  um  sich  bei  Marquis  ein  Pfund 
Schokolade  zu  kaufen. 

Ich  konstatiere  mit  besonderer  Vorliebe  die  kleinsten 
Umstände,  welche  von  der  Sympathie  zeugen,  die 
ich  in  betreff  Deutschlands  bei  den  französischen 
Staatsmännern  finde.  Daß  wir  dergleichen  bei  Guizot 
antreffen,  ist  leicht  erklärlich,  da  seine  Anschauungs- 
weise der  unsrigen  verwandt  ist,  und  er  die  Bedürf- 
nisse und  das  gute  Recht  des  deutschen  Volks  sehr 
gründlich  begreift.  Dieses  Verständnis  versöhnt  ihn 
vielleicht  auch  mit  unsern  beiläufigen  Verkehrtheiten: 
die  Worte  >tout  comprendre,  c'est  tout  pardonner« 
las  ich  dieser  Tage  auf  dem  Petschaft  einer  schönen 
Dame.  Guizot  mag  immerhin,  wie  man  behauptet, 
von  puritanischem  Charakter  sein,  aber  er  begreift  auch 
Andersfühlende  und  Andersdenkende.  Sein  Geist  ist 
auch  nicht  poesiefeindlich  eng  und  dumpf:  dieser 
Puritaner  war  es,  welcher  den  Franzosen  eine  Über- 


Erster  Teil  187 

Setzung  des  Shakspeare  gab,  und  als  ich  vor  mehren 
Jahren  über  den  britischen  Dichterkönig  schrieb,  wußte 
ich  den  Zauber  seiner  phantastischen  Komödien  nicht 
besser  zu  erörtern,  als  indem  ich  den  Kommentar  jenes 
Puritaners,  des  Stutzkopfs  Guizot,  wörtlich  mitteilte. 
Sonderbar!  das  kriegerische  Ministerium  vom  1.  März, 
das  jenseits  des  Rheines  so  verschrien  ward,  bestand 
zum  größten  Teil  aus  Männern,  welche  Deutschland 
mit  dem  treuesten  Eifer  verehrten  und  liebten.  Neben 
jenem  Victor  Cousin,  welcher  begriffen,  daß  bei 
Immanuel  Kant  die  beste  Kritik  der  reinen  Vernunft 
und  bei  Marquis  die  beste  Schokolade  zu  finden, 
saß  damals  im  Ministerrate  Hr.  v.  Remusat,  der 
ebenfalls  dem  deutschen  Genius  huldigte  und  ihm 
ein  besonderes  Studium  widmete.  Schon  in  seiner 
Jugend  übersetzte  er  mehrere  deutsche  dramatische 
Dichtungen,  die  er  im  »Theätre  etranger«  abdrucken 
ließ.  Dieser  Mann  ist  ebenso  geistreich  wir  ehrlich, 
er  kennt  die  Gipfel  und  die  Tiefen  des  deutschen 
Volkes,  und  ich  bin  überzeugt,  er  hat  von  dessen 
Herrlichkeit  einen  höhern  Begriff  als  sämtliche  Kompo- 
nisten des  Beckerschen  Lieds,  wo  nicht  gar  als  der 
große  Niklas  Becker  selbst!  —  Was  uns  in  der 
jüngsten  Zeit  besonders  gut  an  Remusat  gefiel,  war 
die  unumwundene  Weise,  womit  er  den  guten  Leu- 
mund eines  edlen  Waffenbruders  gegen  verleumde- 
rische Insinuationen  verteidigte. 


XXXVI. 

Paris,  22.  Mai  1841. 

Die    Engländer    hier    schneiden    sehr    besorgliche 

Gesichter.    »Es  geht  schlecht,  es  geht  schlechte,  das 


i88  Luteria 

sind  die  ängstlichen  Zischlaute,  die  sie  einander  zu- 
flüstern, wenn  sie  sich  bei  Galignani  begegnen.  Es 
hat  in  der  Tat  den  Anschein,  als  wackle  der  ganze 
großbritannische  Staat  und  sei  dem  Umsturz  nahe, 
aber  es  hat  nur  den  Anschein.  Dieser  Staat  gleicht 
dem  Glockenturm  von  Pisa:  seine  schiefe  Stellung 
ängstigt  uns,  wenn  wir  hinaufblicken,  und  der  Rei- 
sende eilt  mit  rascheren  Schritten  über  den  Dom- 
hof, fürchtend,  der  große  Turm  möchte  ihm  unver- 
sehens auf  den  Kopf  fallen.  Als  ich  zur  Zeit  Can- 
nings  in  London  war  und  den  wilden  Meetings  des 
Radikalismus  beiwohnte,  glaubte  ich,  der  ganze  Staats- 
bau stürze  jetzt  zusammen.  Meine  Freunde,  welche 
England  während  der  Aufregung  der  Reformbill  be- 
suchten, wurden  dort  von  demselben  Angstgefühl 
ergriffen.  Andere,  die  dem  Schauspiel  der  O'Connell- 
schen  Umtriebe  und  des  katholischen  Emanzipations- 
lärms beiwohnten,  empfanden  ähnliche  Beängstigung. 
Jetzt  sind  es  die  Korngesetze,  welche  einen  so  be- 
drohlichen Staatsuntergangssturm  veranlassen  —  aber 
fürchte  dich  nicht,  Sohn  Albions: 

»Krachts  auch,  brichts  doch  nicht, 
Brichts  auch,  brichts  nicht  mit  dir!« 
Hier  zu  Paris  herrscht  in  diesem  Augenblick  große 
Stille.  Man  wird  es  nachgerade  müde,  beständig 
von  den  falschen  Briefen  des  Königs  zu  sprechen, 
und  eine  erfrischende  Diversion  gewährte  uns  die 
Entführung  der  spanischen  Infantin  durch  Ignaz 
Gurowski,  einen  Bruder  jenes  famosen  Adam  Gu- 
rowski,  dessen  Sie  sich  vielleicht  noch  erinnern. 
Vorigen  Sommer  war  Freund  Ignaz  in  Mademoiselle 
Rachel  verliebt,  da  ihm  aber  der  Vater  derselben, 
der  von  sehr  guter  jüdischer  Familie  ist,  seine 
Tochter  verweigerte,  so  machte  er  sich  an  die  Prin- 


Erster  Teil  189 

zessin  Isabella  Fernanda  von  Spanien.  Alle  Hof- 
damen beider  Kastilien,  ja  des  ganzen  Universums, 
werden  die  Hände  vor  Entsetzen  über  den  Kopf  zu* 
sammenschlagen :  jetzt  begreifen  sie  endlich,  daß  die 
alte  Welt  des  traditionellen  Respektes  ein  Ende  hat ! 


XXXVII. 

Paris,  11.  Dezember  1841. 
Jetzt,  wo  das  Neujahr  herannaht,  der  Tag  der 
Geschenke,  überbieten  sich  hier  die  Kaufmannsläden 
in  den  mannigfaltigsten  Ausstellungen.  Der  Anblick 
derselben  kann  dem  müßigen  Flaneur  den  angenehm- 
sten Zeitvertreib  gewähren;  ist  sein  Hirn  nicht  ganz 
leer,  so  steigen  ihm  auch  manchmal  Gedanken  auf, 
wenn  er  hinter  den  blanken  Spiegelfenstern  die  bunte 
Fülle  der  ausgestellten  Luxus-  und  Kunstsachen  be- 
trachtet und  vielleicht  auch  einen  Blick  wirft  auf  das 
Publikum,  das  dort  neben  ihm  steht.  Die  Gesichter 
dieses  Publikums  sind  so  häßlich  ernsthaft  und  leidend, 
so  ungeduldig  und  drohend,  daß  sie  einen  unheim- 
lichen Kontrast  bilden  mit  den  Gegenständen,  die  sie 
begaffen,  und  uns  die  Angst  anwandelt,  diese  Men- 
schen möchten  einmal  mit  ihren  geballten  Fäusten 
plötzlich  dreinschlagen,  und  all  das  bunte,  klirrende 
Spielzeug  der  vornehmen  Welt  mitsamt  dieser  vor- 
nehmen Welt  selbst  gar  jämmerlich  zertrümmern! 
Wer  kein  großer  Politiker  ist,  sondern  ein  gewöhn- 
licher Flaneur,  der  sich  wenig  kümmert  um  die 
Nuance  Dufaure  und  Passy,  sondern  um  die  Miene 
des  Volks  auf  den  Gassen,  dem  wird  es  zur  festen 
Überzeugung,  daß  früh  oder  spät  die  ganze  Bürger- 
komödie  in  Frankreich   mitsamt    ihren  parlamentari- 


190 


Lutezia 


sehen  Heldenspielern  und  Komparsen  ein  ausgezischt 
schreckliches  Ende  nimmt  und  ein  Nachspiel  auf- 
geführt wird,  welches  das  Kommunistenregiment  heißt! 
Von  langer  Dauer  freilich  kann  dieses  Nachspiel 
nicht  sein;  aber  es  wird  um  so  gewaltiger  die  Ge- 
müter erschüttern  und  reinigen:  es  wird  eine  echte 
Tragödie  sein. 

Die  letzten  politischen  Prozesse  dürften  manchem 
die  Augen  öffnen,  aber  die  Blindheit  ist  gar  zu  an- 
genehm. Auch  will  keiner  an  die  Gefahren  erinnert 
werden,  die  ihm  die  süße  Gegenwart  verleiden  können. 
Deshalb  grollen  sie  alle  jenem  Manne,  dessen  strenges 
Auge  am  tiefsten  hinabblickt  in  die  Schreckensnächte 
der  Zukunft  und  dessen  hartes  Wort  vielleicht  manch- 
mal zur  Unzeit,  wenn  wir  eben  beim  fröhlichsten 
Mahle  sitzen,  an  die  allgemeine  Bedrohnis  erinnert. 
Sie  grollen  alle  jenem  armen  Schulmeister  Guizot. 
Sogar  die  sogenannten  Konservativen  sind  ihm  ab- 
hold, zum  größten  Teil,  und  in  ihrer  Verblendung 
glauben  sie  ihn  durch  einen  Mann  ersetzen  zu  können, 
dessen  heiteres  Gesicht  und  gefällige  Rede  sie  min- 
der schreckt  und  ängstigt.  Ihr  konservativen  Toren, 
die  Ihr  nichts  imstande  seid  zu  konservieren  als  eben 
Eure  Torheit,  Ihr  solltet  diesen  Guizot  wie  Euren  Aug- 
apfel schonen;  Ihr  solltet  ihm  die  Mücken  abwedeln,  die 
radikalen  sowohl  wie  die  legitimen,  um  ihn  bei  guter 
Laune  zu  erhalten;  Ihr  solltet  ihm  auch  manchmal 
Blumen  schicken  ins  Hotel  des  Capucins,  aufheiternde 
Blumen,  Rosen  und  Veilchen,  statt  ihm  durch  täg- 
liches Nergeln  dieses  Logis  zu  verleiden  oder  gar 
ihn  hinaus  zu  intrigieren.  An  Eurer  Stelle  hätte  ich 
immer  Angst,  er  möchte  den  glänzenden  Quälnissen 
seines  Ministerplatzes  plötzlich  entspringen  und  sich 
wieder  hinaufretten  in  sein  stilles  Gelehrtenstübchen 


Erster  Teil  Iqi 

der  Rue  Leveque,  wo  er  einst  so  idyllisch  glücklich  lebte 
unter  seinen  schafledernen  und  kalbledernen  Büchern. 

Ist  aber  Guizot  wirklich  der  Mann,  der  imstande 
wäre,  das  hereinbrechende  Verderben  abzuwenden? 
Es  vereinigen  sich  in  der  Tat  bei  ihm  die  sonst  ge- 
trennten Eigenschaften  der  tiefsten  Einsicht  und  des 
festen  Willens:  er  würde  mit  einer  antiken  Un- 
erschütterlichkeit allen  Stürmen  Trotz  bieten  und  mit 
modernster  Klugheit  die  schlimmen  Klippen  ver- 
meiden —  aber  der  stille  Zahn  der  Mäuse  hat  den 
Boden  des  französischen  Staatsschiffes  allzusehr  durch- 
löchert, und  gegen  diese  innere  Not,  die  weit  bedenk- 
licher als  die  äußere,  wie  Guizot  sehr  gut  begriffen,  ist 
er  unmächtig.  Hier  ist  die  Gefahr.  Die  zerstörenden 
Doktrinen  haben  in  Frankreich  zu  sehr  die  unteren  Klas- 
sen ergriffen  —  es  handelt  sich  nicht  mehr  um  Gleich- 
heit der  Rechte,  sondern  um  Gleichheit  des  Genusses 
auf  dieser  Erde,  und  es  gibt  in  Paris  etwa  400000 
rohe  Fäuste,  welche  nur  des  Losungsworts  harren, 
um  die  Idee  der  absoluten  Gleichheit  zu  verwirk- 
lichen, die  in  ihren  rohen  Köpfen  brütet.  Von 
mehren  Seiten  hört  man,  der  Krieg  sei  ein  gutes 
Ableitungsmittel  gegen  solchen  Zerstörungsstoff. 
Aber  hieße  das  nicht  Satan  durch  Beelzebub  be- 
schwören? Der  Krieg  würde  nur  die  Katastrophe 
beschleunigen  und  über  den  ganzen  Erdboden  das 
Übel  verbreiten,  das  jetzt  nur  an  Frankreich  nagt; 
—  die  Propaganda  des  Kommunismus  besitzt  eine 
Sprache,  die  jedes  Volk  versteht:  die  Elemente 
dieser  Universalsprache  sind  so  einfach,  wie  der 
Hunger,  wie  der  Neid,  wie  der  Tod.  Das  lernt 
sich  so  leicht! 

Doch  laßt  uns  dieses  trübe  Thema  verlassen  und 
wieder  zu  den  heitern  Gegenständen  übergehen,  die 


IQ2  Lutezia 

hinter  den  Spicgelfcnstcrn  auf  der  Rue  Viviennc  oder 
den  Boulevards  ausgestellt  sind.  Das  funkelt,  das 
lacht  und  lockt!  Keckes  Leben,  ausgesprochen  in 
Gold,  Silber,  Bronze,  Edelstein,  in  allen  möglichen 
Formen,  namentlich  in  den  Formen  aus  der  Zeit 
der  Renaissance,  deren  Nachbildung  in  diesem 
Augenblick  eine  herrschende  Mode.  Woher  die 
Vorliebe  für  diese  Zeit  der  Renaissance,  der 
Wiedergeburt  oder  vielmehr  der  Auferstehung,  wo 
die  antike  Welt  gleichsam  aus  dem  Grabe  stieg,  um 
dem  sterbenden  Mittelalter  seine  letzten  Stunden  zu 
verschönen?  Empfindet  unsre  Jetztzeit  eine  Wahl« 
Verwandtschaft  mit  jener  Periode,  die,  ebenso  wie 
wir,  in  der  Vergangenheit  eine  verjüngende  Quelle 
suchte,  lechzend  nach  frischem  Lebenstrank?  Ich 
weift  nicht,  aber  jene  Zeit  Franz  I.  und  seiner  Ge- 
schmacksgenossen übt  auf  unser  Gemüt  einen  fast 
schauerlichen  Zauber,  wie  Erinnerung  von  Zuständen, 
die  wir  im  Traum  durchlebt;  und  dann  liegt  ein  un- 
gemein origineller  Reiz  in  der  Art  und  Weise,  wie 
jene  Zeit  das  wiedergefundene  Altertum  in  sich  zu 
verarbeiten  wußte.  Hier  sehen  wir  nicht,  wie  in 
der  Davidschen  Schule,  eine  akademisch  trockene 
Nachahmung  der  griechischen  Plastik,  sondern  eine 
flüssige  Verschmelzung  derselben  mit  dem  christ- 
lichen Spiritualismus.  In  den  Kunst«  und  Lebens« 
gestaltungen,  die  der  Vermählung  jener  heterogensten 
Elemente  ihr  abenteuerliches  Dasein  verdankten,  liegt 
ein  so  süßer  melancholischer  Witz,  ein  so  ironischer 
Versöhnungskuß,  ein  blühender  Übermut,  ein  ele« 
gantes  Grauen,  das  uns  unheimlich  bezwingt,  wir 
wissen  nicht  wie. 

Doch  wie  wir  heute  die  Politik  den  Kannegießern 
von    Profession    überlassen,   so   überlassen   wir   den 


Erster  Teil  10,3 

patentierten  Historikern  die  genauere  Nachforschung, 
in  welchem  Grad  unsere  Zeit  mit  der  Zeit  der  Re* 
naissance  verwandt  ist;  und  als  echte  Flaneurs  wollen 
wir  auf  dem  Boulevard  Montmartre  vor  einem  Bilde 
stehen  bleiben,  das  dort  die  Herren  Goupil  und 
Rittner  ausgestellt  haben,  und  das  gleichsam  als  der 
Kupferstich^Löwe  der  Saison  alle  Blicke  auf  sich  zieht. 
Es  verdient  in  der  Tat  diese  allgemeine  Aufmerk* 
samkeit:  es  sind  die  Fischer  von  Leopold  Robert, 
die  dieser  Kupferstich  darstellt.  Seit  Jahr  und  Tag 
erwartete  man  denselben,  und  er  ist  gewiß  eine  kost* 
liehe  Weihnachtsgabe  für  das  große  Publikum,  dem 
das  Originalbild  unbekannt  geblieben.  Ich  enthalte 
mich  aller  detaillierten  Beschreibung  dieses  Werks, 
da  es  in  kurzem  ebenso  bekannt  sein  wird  wie  die 
Schnitter  desselben  Malers,  wozu  es  ein  sinnreiches 
und  anmutiges  Seitenstück  bildet.  Wie  dieses  be- 
rühmte  Bild  eine  sommerliche  Kampagne  darstellt, 
wo  römische  Landleute  gleichsam  auf  einem  Sieges- 
wagen mit  ihrem  Erntesegen  heimziehen,  so  sehen 
wir  hier,  auf  dem  letzten  Bild  von  Robert,  als  schnei- 
dendsten Gegensatz,  den  kleinen  winterlichen  Hafen 
von  Chioggia  und  arme  Fischerleute,  die,  um  ihr 
kärgliches  Tagesbrot  zu  gewinnen,  trotz  Wind  und 
Wetter  sich  eben  anschicken  zu  einer  Ausfahrt  ins 
Adriatische  Meer.  Weib  und  Kind  und  die  alte 
Großmutter  schauen  ihnen  nach  mit  schmerzlicher 
Resignation  —  gar  rührende  Gestalten,  bei  deren 
Anblick  allerlei  polizeiwidrige  Gedanken  in  unserm 
Herzen  laut  werden.  Diese  unseligen  Menschen,  die 
Leibeigenen  der  Armut,  sind  zu  lebenslänglicher  Müh- 
sal verdammt  und  verkümmern  in  harter  Not  und 
Betrübnis.  Ein  melancholischer  Fluch  ist  hier  gemalt, 
und  der  Maler,  sobald  er  das  Gemälde  vollendet 
ix,  i, 


194 


Lutezia 


hatte,  schnitt  er  sich  die  Kehle  ab.  Armes  Volk! 
armer  Robert!  —  Ja,  wie  die  Schnitter  dieses  Mei- 
sters ein  Werk  der  Freude  sind,  das  er  im  römischen 
Sonnenlicht  der  Liebe  empfangen  und  ausgeführt  hat, 
so  spiegeln  sich  in  seinen  Fischern  alle  die  Selbst- 
mordgedanken und  Herbstnebel,  die  sich,  während 
er  in  der  zerstörten  Venezia  hauste,  über  seine  Seele 
lagerten.  Wie  uns  jenes  erstere  Bild  befriedigt  und 
entzückt,  so  erfüllt  uns  dieses  letztere  mit  empörungs- 
süchtigem Unmut:  dort  malte  Robert  das  Glück  der 
Menschheit,  hier  malte  er  das  Elend  des  Volks. 

Ich  werde  nie  den  Tag  vergessen,  wo  ich  das 
Originalgemälde,  die  Fischer  von  Robert,  zum  ersten 
Male  sah.  Wie  ein  Blitzstrahl  aus  unumwölktem 
Himmel  hatte  uns  plötzlich  die  Nachricht  seines 
Todes  getroffen,  und  da  jenes  Bild,  welches  gleich- 
zeitig anlangte,  nicht  mehr  im  bereits  eröffneten  Salon 
ausgestellt  werden  konnte,  faßte  der  Eigentümer,  Hr. 
Paturle,  den  löblichen  Gedanken,  eine  besondere 
Ausstellung  desselben  zum  Besten  der  Armen  zu 
veranstalten.  Der  Maire  des  zweiten  Arrondisse- 
ments  gab  dazu  sein  Lokal,  und  die  Einnahme,  wenn 
ich  nicht  irre,  betrug  über  sechzehntausend  Franken. 
<Mögen  die  Werke  aller  Volksfreunde  so  praktisch 
nach  ihrem  Tode  fortwirken!)  Ich  erinnere  mich,  als 
ich  die  Treppe  der  Mairie  hinaufstieg,  um  zu  dem 
Expositionszimmer  zu  gelangen,  las  ich  auf  einer 
Nebentüre  die  Aufschrift:  Bureau  des  deces.  Dort 
im  Saale  standen  sehr  viele  Menschen  vor  dem  Bilde 
versammelt,  keiner  sprach,  es  herrschte  eine  ängst- 
liche, dumpfe  Stille,  als  läge  hinter  der  Leinwand  der 
blutige  Leichnam  des  toten  Malers.  Was  war  der 
Grund,  weshalb  er  sich  eigenhändig  den  Tod  gab, 
eine  Tat,  die  im  Widerspruch  war  mit  den  Gesetzen 


Erster  Teil 


'95 


der  Religion,  der  Moral  und  der  Natur,  heiligen 
Gesetzen,  denen  Robert  sein  ganzes  Leben  hindurch 
so  kindlich  Gehorsam  leistete?  Ja,  er  war  erzogen 
im  schweizerisch  strengen  Protestantismus,  er  hielt 
fest  an  diesem  väterlichen  Glauben  mit  unerschütter* 
licher  Treue,  und  von  religiösem  Skeptizismus  oder 
gar  Indifferentismus  war  bei  ihm  keine  Spur.  Auch 
ist  er  immer  gewissenhaft  gewesen  in  der  Erfüllung 
seiner  bürgerlichen  Pflichten,  ein  guter  Sohn,  ein  guter 
Wirt,  der  seine  Schulden  bezahlte,  der  allen  Vor- 
schriften des  Anstandes  genügte,  Rock  und  Hut  sorg- 
sam bürstete,  und  von  Immoralität  kann  ebenfalls  bei 
ihm  nicht  die  Rede  sein.  An  der  Natur  hing  er  mit 
ganzer  Seele,  wie  ein  Kind  an  der  Brust  der  Mutter; 
sie  tränkte  sein  Talent  und  offenbarte  ihm  alle  ihre 
Herrlichkeiten,  und  nebenbei  gesagt,  sie  war  ihm  lieber 
als  die  Tradition  der  Meister:  ein  überschwengliches 
Versinken  in  den  süßen  Wahnwitz  der  Kunst,  ein 
unheimliches  Gelüste  nach  Traumweltgenüssen,  ein 
Abfall  von  der  Natur,  hat  also  ebenfalls  den  vortreff- 
lichen Mann  nicht  in  den  Tod  gelockt.  Auch  waren 
seine  Finanzen  wohlbestellt,  er  war  geehrt,  bewundert 
und  sogar  gesund.  Was  war  es  aber?  Hier  in  Paris 
ging  einige  Zeit  die  Sage,  eine  unglückliche  Leiden- 
schaft für  eine  vornehme  Dame  in  Rom  habe  jenen 
Selbstmord  veranlaßt.  Ich  kann  nicht  daran  glauben. 
Robert  war  damals  achtunddreißig  Jahre  alt,  und  in 
diesem  Alter  sind  die  Ausbrüche  der  großen  Passion 
zwar  sehr  furchtbar,  aber  man  bringt  sich  nicht  um, 
wie  in  der  frühen  Jugend,  in  der  unmännlichen  Werther- 
Periode. 

Was  Robert  aus  dem  Leben  trieb,  war  vielleicht 
jenes  entsetzlichste  aller  Gefühle,  wo  ein  Künstler 
das    Mißverhältnis    entdeckt,    das    zwischen     seiner 


196  Lutezia 

Schöpfungslust  und  seinem  Darstellungsvermögen 
stattfindet:  dieses  Bewußtsein  der  Unkraft  ist  schon 
der  halbe  Tod,  und  die  Hand  hilft  nur  nach,  um 
die  Agonie  zu  verkürzen.  Wie  brav  und  herrlich 
auch  die  Leistungen  Roberts,  so  waren  sie  doch  ge- 
wiß  nur  blasse  Schatten  jener  blühenden  Natur- 
schönheiten, die  seiner  Seele  vorschwebten,  und  ein 
geübtes  Auge  entdeckte  leicht  ein  mühsames  Ringen 
mit  dem  Stoff,  den  er  nur  durch  die  verzweiflungs- 
vollste Anstrengung  bewältigte.  Schön  und  fest  sind 
alle  diese  Robertschen  Bilder,  aber  die  meisten  sind 
nicht  frei,  es  weht  darin  nicht  der  unmittelbare  Geist: 
sie  sind  komponiert.  Robert  hatte  eine  gewisse 
Ahnung  von  genialer  Größe,  und  doch  war  sein 
Geist  gebannt  in  kleinen  Rahmen.  Nach  dem  Cha- 
rakter seiner  Erzeugnisse  zu  urteilen,  sollte  man 
glauben,  er  sei  Enthusiast  gewesen  für  Raffael  Sanzio 
von  Urbino,  den  idealen  Schönheitsengel  —  nein, 
wie  seine  Vertrauten  versichern,  war  es  vielmehr 
Michelangelo  Buonarotti,  der  stürmische  Titane,  der 
wilde  Donnergott  des  jüngsten  Gerichts,  für  den  er 
schwärmte,  den  er  anbetete.  Der  wahre  Grund 
seines  Todes  war  der  bittere  Unmut  des  Genremalers, 
der  nach  großartigster  Historienmalerei  lechzte  —  er 
starb  an  einer  Lakune  seines  Darstellungsvermögens. 
Der  Kupferstich  von  den  Fischern,  den  die  Herren 
Goupil  und  Rittner  jetzt  ausgestellt  haben,  ist  vortreff- 
lich, in  bezug  auf  das  Technische:  ein  wahres  Meister- 
stück, weit  vorzüglicher,  als  der  Stich  der  Schnitter, 
der  vielleicht  mit  zu  großer  Hast  verfertigt  worden. 
Aber  es  fehlt  ihm  der  Charakter  der  Ursprünglichkeit, 
der  uns  bei  den  Schnittern  so  vollselig  entzückt,  und 
der  vielleicht  dadurch  entstand,  daß  dieses  Gemälde 
aus  einer  einzigen  Anschauung,  sei   es   eine  äußere 


Erster  Teil  197 

oder  innere,  gleichviel,  hervorgegangen  und  derselben 
mit  großer  Treue  nachgebildet  ist.    Die  Fischer  hin* 
gegen   sind   zu   sehr    komponiert,   die   Figuren   sind 
mühsam  zusammengesucht,  nebeneinander  gestellt,  in* 
kommodieren  sich  wechselseitig  mehr  als  sie  sich  er* 
ganzen,  und  nur  durch  die  Farbe  ist  das  Verschieden* 
artige  im  Originalgemälde  ausgeglichen   und   erhielt 
das  Bild  den   Schein   der  Einheit.     Im  Kupferstich, 
wo  die  Farbe,  die  bunte  Vermittlung,  fehlt,  fallen 
natürlicherweise    die     äußerlich    verbundenen    Teile 
wieder  auseinander,  es  zeigt  sich  Verlegenheit   und 
Stückwerk,  und  das  Ganze  ist  kein   Ganzes  mehr. 
Es  ist  ein  Zeichen  von  Raffaels  Größe,  sagte  mir 
jüngst  ein  Kollege,  daß  seine  Gemälde  im  Kupfer* 
stich  nichts  von  ihrer  Harmonie  verlieren.    Ja,  selbst 
in  den  dürftigsten  Nachbildungen,  allen  Kolorits,  wo 
nicht  gar  aller  Schattierung  entkleidet,  in  ihren  nack* 
ten  Konturen,  bewahren  die  Raffaelschen  Werke  jene 
harmonische  Macht,  die  unser  Gemüt  bewegt.   Das 
kommt   daher,   weil   sie    echte   Offenbarungen   sind, 
Offenbarungen  des  Genius,  der  eben  wie  die  Natur, 
schon  in  den  bloßen  Umrissen  das  Vollendete  gibt. 
Ich  will  mein  Urteil  über  die  Robertschen  Fischer 
resümieren:  es  fehlt  ihnen  die  Einheit,  und  nur  die 
Einzelnheiten,  namentlich  das  junge  Weib  mit  dem 
kranken  Kinde,  verdienen   das   höchste    Lob.     Zur 
Unterstützung   meines  Urteils    berufe   ich   mich   auf 
die  Skizze,  worin  Robert  gleichsam  seinen  ersten  Ge* 
danken  ausgesprochen :  hier,  in  der  ursprünglichen  Kon* 
zeption,  herrscht  jene  Harmonie,  die  dem  ausgeführten 
Bilde  fehlt,  und  wenn  man  sie  mit  diesem  vergleicht, 
merkt  man  gewiß,  wie  der  Maler  seinen  Geist  lange 
Zeit  gezerrt  und  abgemüdet  haben  muß,  ehe  er  das 
Gemälde  in  seiner  jetzigen  Gestalt  zustande  brachte. 


iqS  Lutezia 

XXXVIII. 

Paris,  den  19.  Dezember  1841. 
Wird  sich  Guizot  halten?  Heiliger  Gott,  hierzu- 
land  hält  sich  niemand  auf  die  Lange,  alles  wackelt, 
sogar  der  Obelisk  von  Luxor !  Das  ist  keine  Hyperbel, 
sondern  buchstäbliche  Wahrheit;  schon  seit  mehren 
Monaten  geht  hier  die  Rede,  der  Obelisk  stehe  nicht 
fest  auf  seinem  Postament,  er  schwanke  zuweilen  hin 
und  her,  und  eines  frühen  Morgens  werde  er  den 
Leuten,  die  eben  vorüberwandeln,  auf  die  Köpfe 
purzeln.  Die  Angstlichen  suchen  schon  jetzt,  wenn 
ihr  Weg  sie  über  die  Place  Louis  Quinze  führt,  sich 
etwas  entfernt  zu  halten  von  der  fallenden  Größe. 
Die  Mutigern  lassen  sich  freilich  nicht  in  ihrem  ge- 
wohnlichen  Gange  stören,  weichen  keinen  Finger  breit, 
können  aber  doch  nicht  umhin,  im  Vorübergehen  ein 
bißchen  hinaufzuschielen,  ob  der  große  Stein  wirk» 
lieh  nicht  wackelmütig  geworden.  Wie  dem  auch 
sei,  es  ist  immer  schlimm,  wenn  das  Publikum  Zweifel 
hegt  über  die  Festigkeit  der  Dinge;  mit  dem  Glauben 
an  ihre  Dauer  schwindet  schon  ihre  beste  Stütze. 
Wird  er  sich  halten?  Jedenfalls  glaub  ich,  daß  er 
sich  die  nächste  Sitzung  hindurch  halten  wird,  sowohl 
der  Obelisk  als  Guizot,  der  mit  jenem  eine  gewisse 
Ähnlichkeit  hat,  z.  B.  die,  daß  er  ebenfalls  nicht  auf 
seinem  rechten  Platze  steht.  Ja,  sie  stehen  beide  nicht 
auf  ihrem  rechten  Platz,  sie  sind  herausgerissen  aus 
ihrem  Zusammenhang,  ungestüm  verpflanzt  in  eine 
unpassende  Nachbarschaft.  Jener,  der  Obelisk,  stand 
einst  vor  den  lotosknäufigen  Riesensäulen  am  Ein* 
gang  des  Tempels  von  Luxor,  welcher  wie  ein  kolos- 
saler Sarg  aussieht,  und  die  ausgestorbene  Weisheit 
der  Vorwelt,  getrocknete  Königsleichen,  einbalsamier- 


Erster  Teil  199, 

ten  Tod  enthält.  Neben  ihm  stand  ein  Zwillings- 
bruder von  demselben  roten  Granit  und  derselben 
pyramidalischen  Gestalt,  und  ehe  man  zu  diesen 
beiden  gelangte,  schritt  man  durch  zwei  Reihen 
Sphinxe,  stumme  Rätseltiere,  Bestien  mit  Menschen- 
köpfen,  ägyptische  Doktrinäre.  In  der  Tat,  solche 
Umgebung  war  für  den  Obelisken  weit  geeigneter 
als  die,  welche  ihm  auf  der  Place  Louis  Quinze  zu- 
teil ward,  dem  modernsten  Platz  der  Welt,  dem  Platz, 
wo  eigentlich  die  moderne  Zeit  angefangen  und  von 
der  Vergangenheit  gewaltsam  abgeschnitten  wurde 
mit  frevelhaftem  Beil.  —  Zittert  und  wackelt  viel- 
leicht wirklich  der  große  Obelisk,  weil  es  ihm  graut, 
sich  auf  solchem  gottlosen  Boden  zu  befinden,  er, 
der  gleichsam  ein  steinerner  Schweizer  in  Hiero- 
glyphenlivree jahrtausendelang  Wache  hielt  vor  den 
heiligen  Pforten  der  Pharaonengräber  und  des  abso- 
luten Mumientums?  Jedenfalls  steht  er  dort  sehr 
isoliert,  fast  komisch  isoliert,  unter  lauter  theatra- 
lischen Architekturen  der  Neuzeit,  Bildwerken  im 
Rokokogeschmack,  Springbrunnen  mit  vergoldeten 
Najaden,  allegorischen  Statuen  der  französischen 
Flüsse,  deren  Piedestal  eine  Portierloge  enthält,  In 
der  Mitte  zwischen  dem  Are  de  Triomphe,  den 
Tuilerien  und  der  Chambre  des  Deput^s  —  ungefähr 
wie  der  sazerdotal  tiefsinnige,  ägyptisch  steife  und 
schweigsame  Guizot  zwischen  dem  imperialistisch 
rohen  Soult,  dem  merkantilisch  flachköpfigen  Human, 
und  dem  hohlen  Schwätzer  Villemain,  der  halb  vol- 
tairisch  und  halb  katholisch  angestrichen  ist  und  in 
jedem  Fall  einen  Strich  zuviel  hat. 

Doch  laßt  uns  Guizot  beiseitesetzen  und  nur  von 
dem  Obelisken  reden:  es  ist  ganz  wahr,  daß  man  von 
seinem  baldigen  Sturze  spricht.    Es  heißt:  im  stillen 


200  Lutezia 

Sonnenbrand  am  Nil,  in  seiner  heimatlichen  Ruhe 
und  Einsamkeit,  hätte  er  noch  Jahrtausende  aufrecht 
stehen  bleiben  können,  aber  hier  in  Paris  agitierte  ihn 
der  beständige  Wetterwechsel,  die  fieberhaft  auf* 
reibende,  anarchische  Atmosphäre,  der  unaufhörlich 
wehende  feuchtkalte  Kleinwind,  welcher  die  Gesund* 
heit  weit  mehr  angreift,  als  der  glühende  Samum  der 
Wüste,  kurz  die  Pariser  Luft  bekomme  ihm  schlecht. 
Der  eigentliche  Rival  des  Obelisken  von  Luxor  ist 
noch  immer  die  Colonne  Vendome.  Steht  sie  sicher? 
Ich  weiß  nicht,  aber  sie  steht  auf  ihrem  rechten 
Platze,  in  Harmonie  mit  ihrer  Umgebung.  Sie  wur- 
zelt treu  im  nationalen  Boden  und  wer  sich  daran 
hält,  hat  eine  feste  Stütze.  Eine  ganz  feste?  Nein, 
hier  in  Frankreich  steht  nichts  ganz  fest.  Schon 
einmal  hat  der  Sturm  das  Kapital,  den  eisernen  Ka* 
pitalmann,  von  der  Spitze  der  Vendomesäule  herab* 
gerissen,  und  im  Fall  die  Kommunisten  ans  Regiment 
kämen,  dürfte  wohl  zum  zweiten  Male  dasselbe  sich 
ereignen,  wenn  nicht  gar  die  radikale  Gleichheits* 
raserei  die  Säule  selbst  zu  Boden  reißt,  damit  auch 
dieses  Denkmal  und  Sinnbild  der  Ruhmsucht  von  der 
Erde  schwinde:  kein  Mensch  und  kein  Menschen* 
werk  soll  über  ein  bestimmtes  Kommunalmaß  her* 
vorragen,  und  der  Baukunst  ebensogut  wie  der  epi* 
sehen  Poesie  droht  der  Untergang.  »Wozu  noch 
ein  Monument  für  ehrgeizige  Völkermörder,«  hörte 
ich  jüngst  ausrufen  bei  Gelegenheit  des  Modellkon* 
kurses  für  das  Mausoleum  des  Kaisers,  »das  kostet 
das  Geld  des  darbenden  Volkes,  und  wir  werden 
es  ja  doch  zerschlagen,  wenn  der  Tag  kommt!«  Ja, 
der  tote  Held  hätte  in  St.  Helena  bleiben  sollen,  und 
ich  will  ihm  nicht  dafür  stehen,  daß  nicht  einst  sein 
Grabmal  zertrümmert  und  seine  Leiche  in  den  schönen 


Erster  Teil  201 

Fluß  geschmissen  wird,  an  dessen  Ufern  er  so  senti- 
mental ruhen  sollte,  nämlich  in  die  Seine!  Thiers 
hat  ihm  als  Minister  vielleicht  keinen  großen  Dienst 
geleistet. 

Wahrlich,  er  leistet  dem  Kaiser  einen  größern  Dienst 
als  Historiker,  und  ein  solideres  Monument  als  die 
Vendomesäule  und  das  projektierte  Grabmal  errichtet 
ihm  Thiers  durch  das  große  Geschichtsbuch,  woran 
er  beständig  arbeitet,  wie  sehr  ihn  auch  die  poli- 
tischen Tageswehen  in  Anspruch  nehmen.  Nur 
Thiers  hat  das  Zeug  dazu,  die  große  Historie  des 
Napoleon  Bonaparte  zu  schreiben,  und  er  wird  sie 
besser  schreiben  als  diejenigen,  die  sich  dazu  beson- 
ders berufen  glauben,  weil  sie  treue  Gefährten  des 
Kaisers  waren  und  sogar  beständig  mit  seiner  Person 
in  Berührung  standen.  Die  persönlichen  Bekannten 
eines  großen  Helden,  seine  Mitkämpfer,  seine  Leib- 
diener, seine  Kämmerer,  Sekretäre,  Adjutanten,  viel- 
leicht seine  Zeitgenossen  überhaupt,  sind  am  wenigsten 
geeignet  seine  Geschichte  2u  schreiben;  sie  kommen 
mir  manchmal  vor,  wie  das  kleine  Insekt,  das  auf 
dem  Kopf  eines  Menschen  herumkriecht,  ganz  eigent- 
lich in  der  unmittelbarsten  Nähe  seiner  Gedanken 
verweilt,  ihn  überall  begleitet  und  doch  nie  von 
seinem  wahren  Leben  und  der  Bedeutung  seiner 
Handlungen  das  mindeste  ahnte. 

Ich  kann  nicht  umhin,  bei  dieser  Gelegenheit  auf 
einen  Kupferstich  aufmerksam  zu  machen,  der  in 
diesem  Augenblick  bei  allen  Kunsthändlern  aus- 
gehängt ist  und  den  Kaiser  darstellt  nach  einem 
Gemälde  von  Delaroche,  welches  derselbe  für  Lady 
Sandwich  gemalt  hat.  Der  Maler  verfuhr  bei  diesem 
Bilde  <wie  in  allen  seinen  Werken)  als  Eklektiker, 
und  zur  Anfertigung  desselben  benutzte  er  zunächst 


202  Luteiia 

mehre  unbekannte  Porträte,  die  sich  im  Besitz  der 
Bonapartischen  Familie  befinden,  sodann  die  Maske 
des  Toten,  ferner  die  Details,  die  ihm  über  die  Eigen- 
tümlichkeiten des  kaiserlichen  Gesichts  von  einigen 
Damen  mitgeteilt  worden,  und  endlich  seine  eignen 
Erinnerungen,  da  er  in  seiner  Jugend  mehrmals  den 
Kaiser  gesehen.  Mein  Urteil  über  dieses  Bild  kann 
ich  hier  nicht  mitteilen,  da  ich  zugleich  über  die 
Art  und  Weise  des  Delaroche  ausführlich  reden 
müßte.  Die  Hauptsache  habe  ich  bereits  angedeutet: 
das  eklektische  Verfahren,  welches  eine  gewisse 
äußere  Wahrheit  befördert,  aber  keinen  tiefern  Grund- 
gedanken aufkommen  läßt.  —  Dieses  neue  Porträt 
des  Kaisers  ist  bei  Goupil  und  Rittner  erschienen, 
die  fast  alle  bekannten  Werke  des  Delaroche  in 
Kupferstich  herausgegeben.  Sie  gaben  uns  jüngst 
seinen  Karl  I.,  welcher  im  Kerker  von  den  Soldaten 
und  Schergen  verhöhnt  wird,  und  als  Seitenstück 
erhielten  wir  im  selben  Format  den  Grafen  Stafford, 
welcher,  zur  Richtstätte  geführt,  dem  Gefängnisse 
vorbeikommt,  wo  der  Bischof  Law  gefangen  sitzt 
und  dem  vorüberziehenden  Grafen  seinen  Segen  er- 
teilt, wir  sehen  nur  seine,  aus  einem  Gitterfenster 
hervorgestreckten  zwei  Hände,  die  wie  hölzerne 
Wegweiser  aussehen,  recht  prosaisch  abgeschmackt. 
In  derselben  Kunsthandlung  erschien  auch  des  Dela- 
roche großes  Kabinettstück:  der  sterbende  Richelieu, 
welcher  mit  seinen  beiden  Schlachtopfern,  den  zum 
Tode  verurteilten  Rittern  Saint-Mars  und  de  Thou, 
in  einem  Boote  die  Rhone  hinabfährt.  Die  beiden 
Königskinder,  die  Richard  III.  im  Tower  ermorden 
läßt,  sind  das  Anmutigste,  was  Delaroche  gemalt, 
und  als  Kupferstich  in  bemeldeter  Kunsthandlung 
herausgegeben.     In  diesem  Augenblick  läßt  dieselbe 


Erster  Teil 


203 


ein  Bild  von  Delaroche  stechen,  welches  Maria  An- 
toinette  im  Tempelgefängnisse  vorstellt;  die  Unglück^ 
liehe  Fürstin  ist  hier  äußerst  ärmlich  fast  wie  eine 
Frau  aus  dem  Volke  gekleidet,  was  gewiß  dem  edlen 
Faubourg  die  legitimsten  Tränen  entlocken  wird. 
Eins  der  Hauptrührungswerke  von  Delaroche,  welches 
die  Königin  Jeanne  Gray  vorstellt,  wie  sie  im  Begriff 
ist,  ihr  blondes  Köpfchen  auf  den  Block  zu  legen, 
ist  noch  nicht  gestochen  und  soll  nächstens  ebenfalls 
erscheinen.  Seine  Maria  Stuart  ist  auch  noch  nicht 
gestochen.  Wo  nicht  das  Beste,  doch  gewiß  das 
Effektvollste,  was  Delaroche  geliefert,  ist  sein  Crom- 
well,  welcher  den  Sargdeckel  aufhebt  von  der  Leiche 
des  enthaupteten  Karl  I.,  ein  berühmtes  Bild,  worüber 
ich  vor  geraumer  Zeit  ausführlich  berichtete.  Auch 
der  Kupferstich  ist  ein  Meisterstück  technischer 
Vollendung.  Eine  sonderbare  Vorliebe,  ja  Idio* 
synkrasie  bekundet  Delaroche  in  der  Wahl  seiner 
Stoffe.  Immer  sind  es  hohe  Personen,  die  entweder 
hingerichtet  werden,  oder  wenigstens  dem  Henker 
verfallen.  Herr  Delaroche  ist  der  Hofmaler  aller 
geköpften  Majestäten.  Er  kann  sich  dem  Dienst 
solcher  erlauchten  Delinquenten  niemals  ganz  ent- 
ziehen, und  sein  Geist  beschäftigt  sich  mit  ihnen 
selbst  bei  Porträtierung  von  Potentaten,  die  auch 
ohne  scharfrichterliche  Beihilfe  das  Zeitliche  segneten. 
So  z.  B.  auf  dem  Gemälde  seiner  sterbenden  Elisa« 
beth  von  England  sehen  wir,  wie  die  greise  Königin 
sich  verzweiflungsvoll  auf  dem  Estrich  wälzt,  in 
dieser  Todesstunde  gequält  von  der  Erinnerung  an 
den  Grafen  Essex  und  Maria  Stuart,  deren  blutige 
Schatten  ihr  stieres  Auge  zu  erblicken  scheint.  Das 
Gemälde  ist  eine  Zierde  der  Luxembourg-Galerie, 
und    ist    nicht    so   schauderhaft    banal    oder   banal 


204  Lutezia 

schauderhaft,  wie  die  andern  erwähnten  historischen 
Genrebilder,  Lieblingsstücke  der  Bourgeoisie,  der 
wackern,  ehrsamen  Bürgersleute,  welche  die  Über* 
Windung  der  Schwierigkeiten  für  die  höchste  Auf* 
gäbe  der  Kunst  halten,  das  Grausige  mit  dem 
Tragischen  verwechseln  und  sich  gern  erbauen  an 
dem  Anblick  gefallener  Größe,  im  süßen  Bewußtsein, 
daß  sie  vor  dergleichen  Katastrophen  gesichert  sind 
in  der  bescheidenen  Dunkelheit  einer  arriere*boutique 
der  Rue  St.  Denis. 


XXXIX. 

Paris,  28.  Dezember  1841. 
Von  der  eben  eröffneten  Deputiertenkammer  er- 
warte ich  nicht  viel  Erquickliches.  Da  werden  wir 
nichts  sehen  als  lauter  Kleingezänke,  Personenhader, 
Unmacht,  wo  nicht  gar  endliche  Stockung.  In  der 
Tat,  eine  Kammer  muß  kompakte  Parteimassen  ent* 
halten,  sonst  kann  die  ganze  parlamentarische  Maschine 
nicht  fungieren.  Wenn  jeder  Deputierte  eine  be* 
sondere,  abweichende,  isolierte  Meinung  zu  Markte 
bringt,  wird  nie  ein  Votum  gefällt  werden,  das  man 
nur  einigermaßen  als  Ausdruck  eines  Gesamtwillens 
betrachten  könnte,  und  doch  ist  es  die  wesentlichste 
Bedingung  des  Repräsentativsystems,  daß  ein  solcher 
Gesamtwille  sich  beurkunde.  Wie  die  ganze  fran* 
zösische  Gesellschaft,  so  ist  auch  die  Kammer  in 
so  viele  Spaltungen  und  Splitter  zerfallen,  daß  hier 
keine  zwei  Menschen  mehr  in  ihren  Ansichten  ganz 
übereinstimmen.  Betrachte  ich  in  dieser  politischen 
Beziehung  die  jetzigen  Franzosen,  so  erinnere  ich 
mich  immer  der  Worte  unseres  wohlbekannten  Adam 


Erster  Teil  205 

Gurowski,  der  den  deutschen  Patrioten  jede  Möglich- 
keit  des  Handelns  absprach,  weil  unter  zwölf  Deutschen 
sich  immer  vierundzwanzig  Parteien  befänden:  denn 
bei  unserer  Vielseitigkeit  und  Gewissenhaftigkeit  im 
Denken  habe  jeder  von  uns  auch  die  entgegengesetzte 
Ansicht  mit  allen  Überzeugungsgründen  in  sich  auf- 
genommen, und  es  befänden  sich  daher  zwei  Par- 
teien in  einer  Person.  Dasselbe  ist  jetzt  bei  den 
Franzosen  der  Fall.  Wohin  aber  führt  diese  Zer- 
splitterung, diese  Auflösung  aller  Gedankenbande, 
dieser  Partikularismus,  dieses  Erlöschen  alles  Gemein* 
geistes,  welches  der  moralische  Tod  eines  Volks  ist? 
—  Der  Kultus  der  materiellen  Interessen,  des  Eigen- 
nutzes, des  Geldes,  hat  diesen  Zustand  bereitet. 
Wird  dieser  lange  währen,  oder  wird  wohl  plötzlich 
eine  gewaltige  Erscheinung,  eine  Tat  des  Zufalls 
oder  ein  Unglück,  die  Geister  in  Frankreich  wieder 
verbinden?  Gott  verläßt  keinen  Deutschen,  aber 
auch  keinen  Franzosen,  er  verläßt  überhaupt  kein 
Volk,  und  wenn  ein  Volk  aus  Ermüdung  oder  Faul- 
heit einschläft,  so  bestellt  er  ihm  seine  künftigen 
Wecker,  die,  verborgen  in  irgendeiner  dunkeln  Ab- 
geschiedenheit, ihre  Stunde  erwarten,  ihre  aufrüttelnde 
Stunde.  Wo  wachen  die  Wecker?  Ich  habe  manch- 
mal darnach  geforscht  und  geheimnisvoll  deutete 
man  alsdann  —  auf  die  Armee!  Hier  in  der  Armee, 
heißt  es,  gebe  es  noch  ein  gewaltiges  National- 
bewußtsein; hier,  unter  der  dreifarbigen  Fahne,  hätten 
sich  jene  Hochgefühle  hingeflüchtet,  die  der  regie- 
rende Industrialismus  vertreibe  und  verhöhne;  hier 
blühe  noch  die  genügsame  Bürgertugend,  die  uner- 
schrockene Liebe  für  Großtat  und  Ehre,  die  Flammen- 
fähigkeit der  Begeisterung/  während  überall  Zwie- 
tracht  und  Fäulnis,   lebe   hier   noch  das  gesündeste 


2oö  Lutcxia 

Leben,  zugleich  ein  angewohnter  Gehorsam  für  die 
Autorität,  jedenfalls  bewaffnete  Einheit  —  es  sei  gar 
nicht  unmöglich,  daß  eines  frühen  Morgens  die  Armee 
das  jetzige  Bourgeoisieregiment,  dieses  zweite  Direk- 
torium, über  den  Haufen  werfe  und  ihren  achtzehnten 
Brumaire  mache!  —  Also  Soldatenwirtschaft  wäre 
das  Ende  des  Liedes,  und  die  menschliche  Gesell- 
schaft bekäme  wieder  Einquartierung? 

Die  Verurteilung  des  Herrn  Dupoty  durch  die 
Pairskammer  entsprang  nicht  bloß  aus  greisenhafter 
Furcht,  sondern  aus  jenem  Erbgroll  gegen  die  Revo- 
lution, der  im  Herzen  vieler  edlen  Pairs  heimlich 
nistet.  Denn  das  Personal  der  erlauchten  Ver- 
sammlung besteht  nicht  aus  lauter  frischgebackenen 
Leuten  der  Neuzeit;  man  werfe  nur  einen  Blick  auf 
die  Liste  der  Männer,  die  das  Urteil  gefällt,  und 
man  sieht  mit  Verwunderung,  daß  neben  dem  Namen 
eines  imperialistischen  oder  Philippistischen  Empor- 
kömmlings immer  zwei  bis  drei  Namen  des  alten 
Regimes  sich  geltend  machen.  Die  Träger  dieser 
Namen  bilden  also  natürlicherweise  die  Majorität; 
und  da  sitzen  sie  auf  den  Sammetbänken  des  Luxem- 
bourg,  alte  guillotinierte  Menschen  mit  wieder  an- 
genähten Köpfen,  wonach  sie  jedesmal  ängstlich 
tasten,  wenn  draußen  das  Volk  murmelt  —  Ge- 
spenster, die  jeden  Hahn  hassen,  und  den  gallischen 
am  meisten,  weil  sie  aus  Erfahrung  wissen,  wie 
schnell  sein  Morgengeschrei  ihrem  ganzen  Spuk  ein 
Ende  machen  könnte  —  und  es  ist  ein  entsetzliches 
Schauspiel,  wenn  diese  unglücklichen  Toten  Gericht 
halten  über  Lebendige,  über  die  jüngsten  und  verzweif- 
lungsvollsten Kinder  der  Revolution,  über  jene  ver- 
wahrlosten und  enterbten  Kinder,  deren  Elend  ebenso 
groß  ist  wie  ihr  Wahnsinn,  über  die  Kommunisten! 


Erster  Teil  207 

XL. 

Paris,  12.  Januar  1842. 
Wir  lächeln  über  die  armen  Lappländer,  die,  wenn 
sie  an  Brustkrankheit  leiden,  ihre  Heimat  verlassen 
und  nach  St.  Petersburg  reisen,  um  dort  die  milde 
Luft  eines  südlichen  Klimas  zu  genießen.  Die  algier- 
sehen  Beduinen,  die  sich  hier  befinden,  dürften  mit 
demselben  Recht  über  manche  unsrer  Landsleute 
lächeln,  die  ihrer  Gesundheit  wegen  den  Winter  lieber 
in  Paris  zubringen  als  in  Deutschland,  und  sich  ein- 
bilden, daß  Frankreich  ein  warmes  Land  sei.  Ich 
versichere  Sie,  es  kann  bei  uns  auf  der  Lüneburger 
Heide  nicht  kälter  sein  als  hier  in  diesem  Augen- 
blick, wo  ich  Ihnen  mit  froststeifen  Fingern  schreibe. 
Auch  in  der  Provinz  muß  eine  bittere  Kälte  herr- 
schen. Die  Deputierten,  welche  jetzt  rudelweise  an- 
langen, erzählen  nur  von  Schnee,  Glatteis  und  um- 
gestürzten Diligencen.  Ihre  Gesichter  sind  noch  rot 
und  verschnupft,  ihr  Gehirn  eingefroren,  ihre  Ge- 
danken neun  Grad  unter  Null.  Bei  Gelegenheit  der 
Adresse  werden  sie  auftauen.  Alles  hat  jetzt  hier 
ein  frostiges  und  ödes  Ansehen.  Nirgends  Überein- 
stimmung bei  den  wichtigsten  Fragen,  und  beständiger 
Windwechsel.  Was  man  gestern  wollte,  heute  will 
mans  nicht  mehr,  und  Gott  weiß,  was  man  morgen 
begehren  wird.  Nichts  als  Hader  und  Mißtrauen, 
Schwanken  und  Zersplitterung.  König  Philipp  hat 
die  Maxime  seines  mazedonischen  Namensgenossen, 
das  »Trenne  und  Herrsche«,  bis  zum  schädlichsten 
Übermaß  ausgeübt.  Die  zu  große  Zerteilung  er- 
schwert wieder  die  Herrschaft,  zumal  die  konstitutio- 
nelle, und  Guizot  wird  mit  den  Spaltungen  und  Zer- 
faserungen   der    Kammer    seine    liebe    Not    haben. 


X>8  Luteria 

Guizot  ist  noch  immer  der  Schutz  und  Hort  des 
Bestehenden.  Aber  die  sogenannten  Freunde  des 
Bestehenden,  die  Konservativen,  sind  dessen  wenig 
eingedenk  und  sie  haben  bereits  vergessen,  daß  noch 
vorigen  Freitag  in  derselben  Stunde  »ä  bas  Guizot« 
und  »vive  Lamennais«  gerufen  worden!  Für  den 
Mann  der  Ordnung,  für  den  großen  Ruhestifter  war 
es  in  Tat  ein  indirekter  Triumph,  daß  man  ihn  herab- 
würdigte, um  jenen  schauderhaften  Priester  zu  feiern, 
der  den  politischen  Fanatismus  mit  dem  religiösen 
vermählt  und  der  Weltverwirrung  die  letzte  Weihe 
erteilt.  Armer  Guizot,  armer  Schulmeister,  armer 
Rector  Magnificus  von  Frankreich!  dir  bringen  sie 
ein  Pereat,  diese  Studenten,  die  weit  besser  täten, 
wenn  sie  deine  Bücher  studierten,  worin  so  viel  Be- 
lehrung enthalten,  so  viel  Tiefsinn,  so  viel  Winke 
für  das  Glück  der  Menschheit!  »Nimm  dich  in 
acht,«  sagte  einst  ein  Demagoge  zu  einem  großen 
Patrioten,  »wenn  das  Volk  in  Wahnsinn  gerät,  wird 
es  dich  zerreißen.«  Und  dieser  antwortete:  »Nimm 
dich  in  acht,  denn  dich  wird  das  Volk  zerreißen, 
wenn  es  wieder  zur  Vernunft  kommt.«  Dasselbe 
hätten  wohl  vorigen  Freitag  Lamennais  und  Guizot 
zueinander  sagen  können.  Jener  tumultuarische  Auf- 
tritt sah  bedenklicher  aus  als  die  Zeitungen  meldeten. 
Diese  hatten  ein  Interesse  den  Vorfall  einigermaßen 
zu  vertuschen,  die  ministeriellen  sowohl  als  die 
Oppositionsblätter;  letztere,  weil  jene  Manifestation 
keinen  sonderlichen  Anklang  im  Volke  fand.  Das 
Volk  sah  ruhig  zu  und  fror.  Bei  neun  Grad  Kälte 
ist  kein  Umsturz  der  Regierung  in  Paris  zu  be- 
fürchten. Im  Winter  gab  es  hier  nie  Erneuten.  Seit 
der  Bestürmung  der  Bastille  bis  auf  die  Revolte  des 
Barbes  hat  das  Volk   immer  seinen    Unmut  bis  zu 


Erster  Teil 


209 


den  wärmeren  Sommermonden  vertagt,  wo  das  Wetter 
schön  war  und  man  sich  mit  Vergnügen  schlagen 
konnte.   — 


XLI. 

Paris,  24.  Januar  1842. 
In  der  parlamentarischen  Arena  sah  man  dieser 
Tage  wieder  einen  glänzenden  Zweikampf  von  Guizot 
und  Thiers,  jener  zwei  Männer,  deren  Namen  in 
jedem  Munde  und  deren  unaufhörliche  Besprechung 
nachgerade  langweilig  werden  dürfte.  Ich  wundere 
mich,  daß  die  Franzosen  noch  nicht  darüber  die  Ge- 
duld verlieren,  daß  man  seit  Jahr  und  Tag,  von 
Morgen  bis  Abend,  beständig  von  diesen  beiden 
Personen  schwatzt.  Aber  im  Grunde  sind  es  ja 
nicht  Personen,  sondern  Systeme,  von  denen  hier  die 
Rede  ist,  Systeme  die  überall  zur  Sprache  kommen 
müssen,  wo  eine  Staatsexistenz  von  außen  bedroht 
ist,  überall,  in  China  so  gut  wie  in  Frankreich.  Nur 
daß  hier  Thiers  und  Guizot  genannt  wird,  was  dort, 
in  China,  Lin  und  Keschen  heißt.  Ersterer  ist  der 
chinesische  Thiers  und  repräsentiert  das  kriegerische 
System,  welches  die  herandrohende  Gefahr  durch 
die  Gewalt  der  Waffen,  vielleicht  auch  nur  durch 
schreckendes  WafTengeräusch ,  abwehren  wollte. 
Keschen  hingegen  ist  der  chinesische  Guizot,  er  re» 
präsentiert  das  Friedenssystem,  und  es  wäre  ihm 
vielleicht  gelungen  die  rothaarigen  Barbaren  durch 
kluge  Nachgiebigkeit  wieder  aus  dem  Lande  hinaus» 
zukomplimentieren,  wenn  die  Thierssche  Partei  in 
Peking  nicht  die  Oberhand  gewonnen  hätte.  Armer 
Keschen!    eben  weil  wir   so   fern  vom  Schauplatze, 

IX,  t4 


2io  Lutezia 

konnten  wir  ganz  klar  einschen,  wie  sehr  du  recht 
hattest,  den  Streitkräften  des  Mittelreichs  zu  miß* 
trauen,  und  wie  ehrlich  du  es  mit  deinem  Kaiser 
meintest,  der  nicht  so  vernünftig  wie  Ludwig  Philipp! 
Ich  habe  mich  recht  gefreut,  als  dieser  Tage  die 
»Allgemeine  Zeitung«  berichtete,  daß  der  vortreff- 
liehe  Keschen  nicht  entzweigesägt  worden,  wie  es 
früher  hieß,  sondern  nur  sein  ungeheures  Vermögen 
eingebüßt  habe.  Letzteres  kann  dem  hiesigen  Re- 
präsentanten des  Friedenssystems  nimmermehr  pas- 
sieren/ wenn  er  fällt,  können  nicht  seine  Reichtümer 
konfisziert  werden  —  Guizot  ist  arm  wie  eine  Kirch- 
maus. Und  auch  unser  Lin  ist  arm,  wie  ich  bereits 
öfter  erwähnt  habe;  ich  bin  überzeugt,  er  schreibt 
seine  Kaisergeschichte  hauptsächlich  des  Geldes 
wegen.  Welch  ein  Ruhm  für  Frankreich,  daß  die 
beiden  Männer,  die  alle  seine  Macht  verwalteten, 
zwei  arme  Mandarinen  sind,  die  nur  in  ihrem  Kopfe 
ihre  Schätze  tragen! 

Die  letzten  Reden  dieser  beiden  haben  Sie  gelesen 
und  fanden  vielleicht  darin  manche  Belehrung  über 
die  Wirrnisse,  welche  eine  unmittelbare  Folge  der 
orientalischen  Frage.  —  Was  in  diesem  Augenblick 
besonders  merkwürdig,  ist  die  Milde  der  Russen,  wo 
von  Erhaltung  des  türkischen  Reichs  die  Rede.  Der 
eigentliche  Grund  aber  ist,  daß  sie  faktisch  schon 
den  größten  Teil  desselben  besitzen.  Die  Türkei 
wird  allmählich  russisch  ohne  gewaltsame  Okkupa- 
tion. Die  Russen  befolgen  hier  eine  Methode,  die 
ich  nächstens  einmal  beleuchten  werde.  Es  ist  ihnen 
um  die  reelle  Macht  zu  tun,  nicht  um  den  bloßen 
Schein  derselben,  nicht  um  die  byzantinische  Titu- 
latur. Konstantinopel  kann  ihnen  nicht  entgehen,  sie 
verschlingen   es    sobald    es   ihnen   paßt.     In   diesem 


Erster  Teil  211 

Augenblick  aber  paßt  es  ihnen  noch  nicht,  und  sie 
sprechen  von  der  Türkei  mit  einer  süßlichen,  fast 
herrenhutischen  Friedfertigkeit.  Sie  mahnen  mich  an 
die  Fabel  von  dem  Wolf,  welcher,  als  er  Hunger 
hatte,  sich  eines  Schafes  bemächtigte.  Er  fraß  mit 
gieriger  Hast  dessen  beide  Vorderbeine,  jedoch  die 
Hinterbeine  des  Tierleins  verschonte  er  und  sprach: 
»Ich  bin  jetzt  gesättigt,  und  diesem  guten  Schafe, 
das  mich  mit  seinen  Vorderbeinen  gespeiset  hat,  lasse 
ich  aus  Pietät  alle  seine  übrigen  Beine  und  den 
ganzen  Rest  seines  Leibes.« 


XLII. 

Paris,  den  7.  Februar  1842. 
»Wir  tanzen  hier  auf  einem  Vulkan«  —  aber  wir 
tanzen.  Was  in  dem  Vulkan  gärt,  kocht  und  brauset, 
wollen  wir  heute  nicht  untersuchen,  und  nur  wie 
man  darauf  tanzt,  sei  der  Gegenstand  unserer  Be- 
trachtung. Da  müssen  wir  nun  zunächst  von  der 
Academie  royale  de  Musique  reden,  wo  noch  immer 
jenes  ehrwürdige  Corps  de  Ballet  existiert,  das  die 
choreographischen  Überlieferungen  treulich  bewahrt 
und  als  die  Pairie  des  Tanzes  zu  betrachten  ist.  Wie 
jene  andere,  die  im  Luxembourg  residiert,  zählt  auch 
diese  Pairie  unter  ihrem  Personal  gar  viele  Perücken 
und  Mumien,  über  die  ich  mich  nicht  aussprechen 
will  aus  leicht  begreiflicher  Furcht.  Das  Mißgeschick 
des  Hrn.  Perre,  des  Geranten  des  »Siede«,  der 
jüngst  zu  sechs  Monaten  Karzer  und  10000  Franken 
verurteilt  worden,  hat  mich  gewitzigt.  Nur  von 
Carlotta  Grisi  will  ich  reden,  die  in  der  respektablen 
Versammlung  der  Rue  Lepelletier  gar  wunderlieblich 


212  Lutciia 

hervorstrahlt,  wie  eine  Apfelsine  unter  Kartoffeln. 
Nächst  dem  glücklichen  Stoff,  der  den  Schriften 
eines  deutschen  Autors  entlehnt,  war  es  zumeist  die 
Carlotta  Grisi,  die  dem  Ballet  »Die  Willi«  eine  un- 
erhörte Vogue  verschaffte.  Aber  wie  köstlich  tanzt 
sie!  Wenn  man  sie  sieht,  vergißt  man,  daß  Taglioni 
in  Rußland  und  Elsler  in  Amerika  ist,  man  vergißt 
Amerika  und  Rußland  selbst,  ja  die  ganze  Erde,  und 
man  schwebt  mit  ihr  empor  in  die  hängenden  Zauber- 
gärten jenes  Geisterreichs,  worin  sie  als  Königin 
waltet.  Ja,  sie  hat  ganz  den  Charakter  jener  Elementar- 
geister, die  wir  uns  immer  tanzend  denken,  und  von 
deren  gewaltigen  Tanzweisen  das  Volk  so  viel  Wun- 
derliches fabelt.  In  der  Sage  von  den  Willis  ward 
jene  geheimnisvolle,  rasende,  mitunter  menschenver- 
derbliche Tanzlust,  die  den  Elementargeistcrn  eigen 
ist,  auch  auf  die  toten  Bräute  übertragen;  zu  dem 
altheidnisch  übermütigen  Lustreiz  des  Nixen-  und 
Elfentums  gesellten  sich  noch  die  melancholisch  woll- 
lüstigen  Schauer,  das  dunkelsüße  Grausen  des  mittel- 
alterlichen Gespensterglaubens. 

Entspricht  die  Musik  dem  abenteuerlichen  Stoffe 
jenes  Balletts?  War  Hr.  Adam,  der  die  Musik  ge- 
liefert, fähig  Tanzweisen  zu  dichten,  die,  wie  es  in 
der  Volkssage  heißt,  die  Bäume  des  Waldes  zum 
Hüpfen  und  den  Wasserfall  zum  Stillstehen  zwingen? 
Hr.  Adam  war,  soviel  ich  weiß,  in  Norwegen,  aber 
ich  zweifle,  ob  ihm  dort  irgendein  runenkundiger 
Zauberer  jene  Strömkarlmelodie  gelehrt,  wovon  man 
nur  zehn  Variationen  aufzuspielen  wagt;  es  gibt  näm- 
lich noch  eine  elfte  Variation,  die  großes  Unglück 
anrichten  könnte:  spielt  man  diese,  so  gerät  die  ganze 
Natur  in  Aufruhr,  die  Berge  und  Felsen  fangen  an 
zu  tanzen,  und  die  Häuser  tanzen  und  drinnen  tanzen 


E rster  Teil 


213 


Tisch  und  Stühle,  der  Großvater  ergreift  die  Groß* 
mutter,  der  Hund  ergreift  die  Katze  zum  Tanzen, 
selbst  das  Kind  springt  aus  der  Wiege  und  tanzt. 
Nein,  solche  gewalttätige  Melodien  hat  Hr.  Adam 
nicht  von  seiner  nordischen  Reise  heimgebracht;  aber 
was  er  geliefert,  ist  immer  ehrenwert,  und  er  be- 
hauptet eine  ausgezeichnete  Stellung  unter  den  Ton- 
dichtern der  französischen  Schule. 

Ich  kann  nicht  umhin  hier  zu  erwähnen,  daß  die 
christliche  Kirche,  die  alle  Künste  in  ihren  Schoß 
aufgenommen  und  benutzt  hat,  dennoch  mit  der  Tanz- 
kunst nichts  anzufangen  wußte  und  sie  verwarf  und 
verdammte.  Die  Tanzkunst  erinnerte  vielleicht  allzu- 
sehr an  den  alten  Tempeldienst  der  Heiden,  sowohl 
der  römischen  Heiden  als  der  germanischen  und 
celtischen,  deren  Götter  eben  in  jene  elfenhaften 
Wesen  übergingen,  denen  der  Volksglaube,  wie  ich 
oben  andeutete,  eine  wundersame  Tanzsucht  zu- 
schrieb. Überhaupt  ward  der  böse  Feind  am  Ende 
als  der  eigentliche  Schutzpatron  des  Tanzes  be- 
trachtet, und  in  seiner  frevelhaften  Gemeinschaft 
tanzten  die  Hexen  und  Hexenmeister  ihre  nächt- 
lichen Reigen.  Der  Tanz  ist  verflucht,  sagt  ein 
fromm  bretonisches  Volkslied,  seit  die  Tochter  der 
Herodias  vor  dem  argen  Könige  tanzte,  der  ihr 
zu  Gefallen  Johannem  töten  ließ.  »Wenn  du  tan- 
zen siehst,«  fugt  der  Sänger  hinzu,  »so  denke  an 
das  blutige  Haupt  des  Täufers  auf  der  Schüssel, 
und  das  höllische  Gelüste  wird  deiner  Seele 
nichts  anhaben  können!«  Wenn  man  über  den 
Tanz  in  der  Academie  royale  de  Musique  etwas 
tiefer  nachdenkt,  so  erscheint  er  als  ein  Versuch, 
diese  erzheidnische  Kunst  gewissermaßen  zu  christia- 
nisieren,   und    das    französische    Ballett    riecht    fast 


2ix  Lutezia 

nach  gallikanischer  Kirche,  wo  nicht  gar  nach  Jan- 
senismus, wie  alle  Kunsterscheinungen  des  großen 
Zeitalters  Ludwigs  XIV.  Das  französische  Ballett 
ist  in  dieser  Beziehung  ein  wahlverwandtes  Seiten- 
stuck zu  der  Racineschen  Tragödie  und  den  Gärten 
von  Le  Nötre.  Es  herrscht  darin  derselbe  geregelte 
Zuschnitt,  dasselbe  Etikettenmaß,  dieselbe  höfische 
Kühle,  dasselbe  gezierte  Sprödetun,  dieselbe  Keusch- 
heit. In  der  Tat,  die  Form  und  das  Wesen  des 
französischen  Balletts  ist  keusch,  aber  die  Augen  der 
Tänzerinnen  machen  zu  den  sittsamsten  Pas  einen 
sehr  lasterhaften  Kommentar,  und  ihr  liederliches 
Lächeln  ist  in  beständigem  Widerspruch  mit  ihren 
Füßen.  Wir  sehen  das  Entgegengesetzte  bei 
den  sogenannten  Nationaltänzen,  die  mir  deshalb 
tausendmal  lieber  sind  als  die  Ballette  der  großen 
Oper.  Die  Nationaltänze  sind  oft  allzu  sinnlich,  fast 
schlüpfrig  in  ihren  Formen,  z.  B.  die  indischen,  aber 
der  heilige  Ernst  auf  den  Gesichtern  der  Tanzenden 
moralisiert  diesen  Tanz  und  erhebt  ihn  sogar  zum 
Kultus.  Der  große  Vestris  hat  einst  ein  Wort  ge- 
sagt, worüber  bereits  viel  gelacht  worden.  In  seiner 
pathetischen  Weise  sagte  er  nämlich  zu  einem  seiner 
Jünger:  »Ein  großer  Tänzer  muß  tugendhaft  sein.« 
Sonderbar!  der  große  Vestris  liegt  schon  seit  vierzig 
Jahren  im  Grab  <er  hat  das  Unglück  des  Hauses 
Bourbon,  womit  die  Familie  Vestris  immer  sehr  be- 
freundet war,  nicht  überleben  können),  und  erst 
vorigen  Dezember,  als  ich  der  Eröffnungssitzung  der 
Kammern  beiwohnte  und  träumerisch  mich  meinen 
Gedanken  überließ,  kam  mir  der  selige  Vestris  in  den 
Sinn,  und  wie  durch  Inspiration  begriff  ich  plötzlich 
die  Bedeutung  seines  tiefsinnigen  Wortes:  »Ein  großer 
Tänzer  muß  tugendhaft  sein!« 


Erster  Teil 


215 


Von  den  diesjährigen  Gesellschaftsbällen  kann  ich 
wenig  berichten,  da  ich  bis  jetzt  nur  wenige  Soireen 
mit  meiner  Gegenwart  beehrt  habe.  Dieses  ewige 
Einerlei  fängt  nachgerade  an  mich  zu  ennuyieren, 
und  ich  begreife  nicht  wie  ein  Mann  es  auf  die 
Länge  aushalten  kann.  Von  Frauen  begreife  ich 
es  sehr  gut.  Für  diese  ist  der  Putz,  den  sie  aus- 
kramen können,  das  Wesentlichste.  Die  Vorberei- 
tungen zum  Ball,  die  Wahl  der  Robe,  das  Ankleiden, 
das  Frisiert  werden,  das  Probelächeln  vor  dem  Spie- 
gel, kurz  Flitterstaat  und  Gefallsucht  sind  ihnen  die 
Hauptsache  und  gewähren  ihnen  die  genußreichste 
Unterhaltung.  Aber  für  uns  Männer,  die  wir  nur 
demokratisch  schwarze  Fräcke  und  Schuhe  anziehen, 
<die  entsetzlichen  Schuhe  !>  — '  für  uns  ist  eine  Soiree 
nur  eine  unerschöpfliche  Quelle  der  Langeweile,  ver- 
mischt mit  einigen  Gläsern  Mandelmilch  und  Him- 
beersaft. Von  der  holden  Musik  will  ich  gar  nicht 
reden.  Was  die  Bälle  der  vornehmen  Welt  noch 
langweiliger  macht  als  sie  von  Gott  und  Rechts 
wegen  sein  dürften,  ist  die  dort  herrschende  Mode, 
daß  man  nur  zum  Scheine  tanzt,  daß  man  die  vor- 
geschriebenen Figuren  nur  gehend  exekutiert,  daß 
man  ganz  gleichgültig,  fast  verdrießlich  die  Füße  be- 
wegt. Keiner  will  mehr  den  andern  amüsieren,  und 
dieser  Egoismus  beurkundet  sich  auch  im  Tanze  der 
heutigen  Gesellschaft. 

Die  untern  Klassen,  wie  gerne  sie  auch  die  vor- 
nehme Welt  nachäffen,  haben  sich  dennoch  nicht  zu 
solchem  selbstsüchtigen  Scheintanz  verstehen  können; 
ihr  Tanzen  hat  noch  Realität,  aber  leider  eine  sehr 
bedauernswürdige.  Ich  weiß  kaum  wie  ich  die 
eigentümliche  Betrübnis  ausdrücken  soll,  die  mich 
jedesmal  ergreift,   wenn    ich   an  öffentlichen  Belusti- 


2i6  Erster  Teil 

gungsorten,  namentlich  zur  Karnevalszeit,  das  tan- 
zende Volk  betrachte.  Eine  kreischende,  schrillende, 
übertriebene  Musik  begleitet  hier  einen  Tanz,  der 
mehr  oder  weniger  an  den  Cancan  streift.  Hier 
höre  ich  die  Frage:  was  ist  der  Cancan?  Heiliger 
Himmel,  ich  soll  für  die  »Allgemeine  Zeitung«  eine 
Definition  des  Cancan  geben!  Wohlan:  der  Cancan 
ist  ein  Tanz,  der  nie  in  ordentlicher  Gesellschaft  ge- 
tanzt wird,  sondern  nur  auf  gemeinen  Tanzböden, 
wo  derjenige,  der  ihn  tanzt,  oder  diejenige,  die  ihn 
tanzt,  unverzüglich  von  einem  Polizeiagenten  ergriffen 
und  zur  Tür  hinausgeschleppt  wird.  Ich  weiß  nicht, 
ob  diese  Definition  hinlänglich  beiehrsam,  aber  es  ist 
auch  gar  nicht  nötig,  daß  man  in  Deutschland  ganz 
genau  erfahre,  was  der  französische  Cancan  ist.  So 
viel  wird  schon  aus  jener  Definition  zu  merken  sein, 
daß  die  vom  seligen  Vestris  angepriesene  Tugend 
hier  kein  notwendiges  Requisit  ist,  und  daß  das 
französische  Volk  sogar  beim  Tanzen  von  der  Polizei 
inkommodiert  wird.  Ja,  dieses  letztere  ist  ein  sehr 
sonderbarer  Übelstand,  und  jeder  denkende  Fremde 
muß  sich  darüber  wundern,  daß  in  den  öffentlichen 
Tanzsälen  bei  jeder  Quadrille  mehre  Polizeiagenten 
oder  Kommunalgardisten  stehen,  die  mit  finster  kato- 
nischer  Miene  die  tanzende  Moralität  bewachen.  Es 
ist  kaum  begreiflich,  wie  das  Volk  unter  solcher 
schmählichen  Kontrolle  seine  lachende  Heiterkeit  und 
Tanzlust  behält.  Dieser  gallische  Leichtsinn  aber 
macht  eben  seine  vergnügtesten  Sprünge,  wenn  er 
in  der  Zwangsjacke  steckt,  und  obgleich  das  strenge 
Polizeiauge  es  verhütet,  daß  der  Cancan  in  seiner 
zynischen  Bestimmtheit  getanzt  wird,  so  wissen  doch 
die  Tänzer  durch  allerlei  ironische  Entrechats  und 
übertreibende    Anstandsgesten    ihre    verpönten    Ge- 


Erster  Teil  217 

danken  zu  offenbaren,  und  die  Verschleierung  er^ 
scheint  alsdann  noch  unzüchtiger  als  die  Nacktheit 
selbst.  Meiner  Ansicht  nach  ist  es  für  die  Sittlich- 
keit von  keinem  großen  Nutzen,  daß  die  Regierung  mit 
so  vielem  Waffengepränge  bei  dem  Tanze  des  Volks 
interveniert;  das  Verbotene  reizt  eben  am  süßesten, 
und  die  raffinierte,  nicht  selten  geistreiche  Umgehung 
der  Zensur  wirkt  hier  noch  verderblicher  als  erlaubte 
Brutalität.  Diese  Bewachung  der  Volkslust  charak- 
terisiert übrigens  den  hiesigen  Zustand  der  Dinge 
und  zeigt,  wie  weit  es  die  Franzosen  in  der  Freiheit 
gebracht  haben. 

Es  sind  aber  nicht  bloß  die  geschlechtlichen  Be- 
ziehungen, die  auf  den  Pariser  Bastringuen  der 
Gegenstand  ruchloser  Tänze  sind.  Es  will  mich 
manchmal  bedünken,  als  tanze  man  dort  eine  Ver- 
höhnung alles  dessen,  was  als  das  Edelste  und  Hei- 
ligste im  Leben  gilt,  aber  durch  Schlauköpfe  so  oft 
ausgebeutet  und  durch  Einfaltspinsel  so  oft  lächer- 
lich gemacht  worden,  daß  das  Volk  nicht  mehr  wie 
sonst  daran  glauben  kann.  Ja,  es  verlor  den  Glauben 
an  jenen  Hochgedanken,  wovon  unsre  politischen  und 
literarischen  Tartüffe  so  viel  singen  und  sagen;  und  gar 
die  Großsprechereien  der  Ohnmacht  verleideten  ihm 
so  sehr  alle  idealen  Dinge,  daß  es  nichts  anderes  mehr 
darin  sieht,  als  die  hohle  Phrase,  als  die  sogenannte 
Blague,  und  wie  diese  trostlose  Anschauungsweise 
durch  Robert  Macaire  repräsentiert  wird,  so  gibt  sie 
sich  doch  auch  kund  in  dem  Tanz  des  Volks,  der  als 
eine  eigentliche  Pantomime  des  Robert-Macairetums 
zu  betrachten  ist.  Wer  von  letzterm  einen  ungefähren 
Begriff  hat,  begreift  jetzt  jene  unaussprechlichen 
Tänze,  welche,  eine  getanzte  Persiflage,  nicht  bloß 
die    geschlechtlichen  Beziehungen    verspotten,    son- 


2i8  Lutezia 

dem  auch  die  bürgerlichen,  sondern  auch  alles  was 
gut  und  schön  ist,  sondern  auch  jede  Art  von  Be- 
geisterung, die  Vaterlandsliebe,  die  Treue,  den  Glau- 
ben, die  Familiengefuhle,  den  Heroismus,  die  Gott- 
heit. Ich  wiederhole  es,  mit  einer  unsäglichen  Trauer 
erfüllt  mich  immer  der  Anblick  des  tanzenden  Volks 
an  den  öffentlichen  Vergnügungsorten  von  Paris; 
und  gar  besonders  ist  dies  der  Fall  in  den  Karnevals- 
tagen, wo  der  tolle  Mummenschanz  die  dämonische 
Lust  bis  zum  Ungeheuerlichen  steigert.  Fast  ein 
Grauen  wandelte  mich  an,  als  ich  einem  jener  bunten 
Nachtfeste  beiwohnte,  die  jetzt  in  der  OpeVa  comique 
gegeben  werden,  und  wo,  nebenbei  gesagt,  weit 
prächtiger  als  auf  den  Bällen  der  großen  Oper  der 
taumelnde  Spuk  sich  gebärdet.  Hier  musiziert  Beelze- 
bub mit  vollem  Orchester,  und  das  freche  Höllen- 
feuer der  Gasbeleuchtung  zerreißt  einem  die  Augen. 
Hier  ist  das  verlorne  Tal,  wovon  die  Amme  erzählt; 
hier  tanzen  die  Unholden  wie  bei  uns  in  der  Wal- 
purgisnacht, und  manche  ist  darunter,  die  sehr 
hübsch,  und  bei  aller  Verworfenheit  jene  Grazie, 
die  den  verteufelten  Französinnen  angeboren  ist,  nicht 
ganz  verleugnen  kann.  Wenn  aber  gar  die  Galopp- 
Ronde  erschmettert,  dann  erreicht  der  satanische 
Spektakel  seine  unsinnigste  Höhe,  und  es  ist  dann, 
als  müsse  die  Saaldecke  platzen  und  die  ganze  Sipp- 
schaft sich  plötzlich  emporschwingen  auf  Besenstielen, 
Ofengabeln,  Kochlöffeln  —  »oben  hinaus,  nirgends 
an!«  —  ein  gefährlicher  Moment  für  viele  unserer 
Landsleute,  die  leider  keine  Hexenmeister  sind  und 
nicht  das  Sprüchlein  kennen,  das  man  herbeten  muß, 
um  nicht  von  dem  wütenden  Heer  fortgerissen  zu 
werden. 


L  u  t  e  z  i  a 

Berichte  über  Politik, 
Kunst  und  Volksleben 

Zweiter  Teil 


Zweiter  Teil  221 

XLIII. 

Paris,  Mitte  April  1842. 

Als  ich  vorigen  Sommer  an  einem  schönen  Nach^ 
^mittag  in  Cette  anlangte,  sah  ich,  wie  eben 
längs  dem  Kai,  vor  welchem  sich  das  Mittellän^ 
dische  Meer  ausbreitet,  die  Prozession  vorüberzog, 
und  ich  werde  nie  diesen  Anblick  vergessen.  Voran 
schritten  die  Brüderschaften  in  ihren  roten,  weißen 
oder  schwarzen  Gewanden,  die  Büßer  mit  übers 
Haupt  gezogenen  Kapuzen,  worin  zwei  Löcher, 
woraus  die  Augen  gespenstisch  hervorlugten;  in  den 
Händen  brennende  Wachskerzen  oder  Kreuzfahnen. 
Dann  kamen  die  verschiedenen  Mönchsorden.  Auch 
eine  Menge  Laien,  Frauen  und  Männer,  blasse  ge- 
brochene Gestalten,  die  gläubig  einherschwankten, 
mit  rührend  kummervollem  Singsang.  Ich  war  der- 
gleichen oft  in  meiner  Kindheit  am  Rhein  begegnet, 
und  ich  kann  nicht  leugnen,  daß  jene  Töne  eine  ge- 
wisse Wehmut,  eine  Art  Heimweh  in  mir  weckten. 
Was  ich  aber  früher  noch  nie  gesehen  und  was 
nachbarlich  spanische  Sitte  zu  sein  schien,  war  die 
Truppe  von  Kindern,  welche  die  Passion  darstellten. 
Ein  kleines  Bübchen,  kostümiert  wie  man  den  Hei- 
land abzubilden  pflegt,  die  Dornenkrone  auf  dem 
Haupt,  dessen  schönes  Goldhaar  traurig  lang  herab- 
wallte, keuchte  gebückt  einher  unter  der  Last 
eines  ungeheuer  großen  Holzkreuzes;  auf  der  Stirn 
grell  gemalte  Blutstropfen,  und  Wundenmale  an  den 
Händen  und  nackten  Füßen.  Zur  Seite  ging  ihm 
ein  ganz  schwarz  gekleidetes  kleines  Mädchen, 
welches,  als  schmerzenreiche  Mutter,  mehre  Schwerter 
mit    vergoldeten    Heften    an     der    Brust    trug    und 


222  Lutezia 

fast  in  Tränen  zerfloß  —  ein  Bild  tiefster  Betrüb« 
nis.  Andere  kleine  Knaben,  die  hinterdrein  gingen, 
stellten  die  Apostel  vor,  darunter  auch  Judas,  mit 
rotem  Haar  und  einen  Beutel  in  der  Hand.  Ein 
paar  Bübchen  waren  auch  als  römische  Lanzknechte 
behelmt  und  bewehrt  und  schwangen  ihre  Säbel. 
Mehre  Kinder  trugen  Ordenshabit  und  Kirchen- 
ornat: kleine  Kapuziner,  kleine  Jesuitchen,  kleine 
Bischöfe  mit  InfuI  und  Krummstab,  allerliebste 
Nönnchen,  gewiß  keines  über  sechs  Jahre  alt.  Und 
sonderbar,  es  waren  darunter  auch  einige  Kinder 
als  Amoretten  gekleidet,  mit  seidenen  Flügeln  und 
goldenen  Köchern,  und  in  der  unmittelbarsten  Nähe 
des  kleinen  Heilands  wackelten  zwei  noch  viel  kleinere, 
höchstens  vierjährige  Geschöpfchen  in  altfränkischer 
Schäfertracht,  mit  bebänderten  Hütchen  und  Stäben, 
zum  Küssen  niedlich,  wie  Marzipanpüppchen :  sie 
repräsentierten  wahrscheinlich  die  Hirten,  die  an 
der  Krippe  des  Christkindes  gestanden.  Sollte  man 
es  aber  glauben,  dieser  Anblick  erregte  in  der  Seele 
des  Zuschauers  die  ernstvoll  andächtigsten  Gefühle, 
und  daß  es  kleine  unschuldige  Kinder  waren, 
die  das  größte  kolossalste  Martyrtum  tragierten, 
wirkte  um  so  rührender!  Das  war  keine  Nachäffung 
im  historischen  Großstil,  keine  schiefmäulige  Fromm- 
tuerei, keine  Berliner  Glaubenslüge:  das  war  der 
naivste  Ausdruck  des  tiefsinnigsten  Gedankens,  und 
die  herablassend  kindliche  Form  verhinderte  eben, 
daß  der  Inhalt  vernichtend  auf  unser  Gemüt  wirkte, 
oder  sich  selbst  vernichtete.  Dieser  Inhalt  ist  ja 
von  so  ungeheuerlicher  Schmerzensgewalt  und  Er- 
habenheit, daß  er  die  heroisch-grandioseste  und  pa- 
thetisch ausgereckteste  Darstellungsart  überragt  und 
sprengt.     Deshalb  haben   die  größten   Künstler   so- 


Zweiter  Teil 


223 


wohl  in  der  Malerei  als  in  der  Musik  die  über* 
schwenglichen  Schrecknisse  der  Passion  mit  so  viel 
Blumen  als  möglich  verlieblicht  und  den  blutigen 
Ernst  durch  spielende  Zärtlichkeit  gemildert  —  und 
so  tat  auch  Rossini,  als  er  sein  »Stabat  mater«  kom- 
ponierte. 

Letzteres,  das  »Stabat«  von  Rossini,  war  die  hervor* 
ragende  Merkwürdigkeit  der  hingeschiedenen  Saison, 
die  Besprechung  desselben  ist  noch  immer  an  der 
Tagesordnung,  und  eben  die  Rügen,  die  von  nord* 
deutschem  Standpunkt  aus  gegen  den  großen  Meister 
laut  werden,  beurkunden  recht  schlagend  die  Ur- 
sprünglichkeit  und  Tiefe  seines  Genius.  Die  Be- 
handlung sei  zu  weltlich,  zu  sinnlich,  zu  spielend 
für  den  geistlichen  Stoff,  sie  sei  zu  leicht,  zu  an- 
genehm, zu  unterhaltend  ■—  so  stöhnen  die  Klagen 
einiger  schweren,  langweiligen  Kritikaster,  die  wenn 
auch  nicht  absichtlich  eine  übertriebene  Spiritualität 
erheucheln,  doch  jedenfalls  von  der  heiligen  Musik 
sehr  beschränkte,  sehr  irrige  Begriffe  sich  angequält. 
Wie  bei  den  Malern,  so  herrscht  auch  bei  den 
Musikern  eine  ganz  falsche  Ansicht  über  die  Behand- 
lung christlicher  Stoffe.  Jene  glauben,  das  wahrhaft 
Christliche  müsse  in  subtilen  magern  Konturen  und 
so  abgehärmt  und  farblos  als  möglich  dargestellt 
werden;  die  Zeichnungen  von  Overbeck  sind  in 
dieser  Beziehung  ihr  Ideal.  Um  dieser  Verblendung 
durch  eine  Tatsache  zu  widersprechen,  mache  ich 
nur  auf  die  Heiligenbilder  der  spanischen  Schule 
aufmerksam;  hier  ist  das  Volle  der  Konturen  und 
der  Farbe  vorherrschend,  und  es  wird  doch  niemand 
leugnen,  daß  diese  spanischen  Gemälde  das  unge- 
schwächteste Christentum  atmen  und  ihre  Schöpfer 
gewiß  nicht  minder  glaubenstrunken   waren,   als  die 


224 


Luteria 


• 


berühmten  Meister,  die  in  Rom  zum  Katholizismus 
übergegangen  sind,  um  mit  unmittelbarerer  Inbrunst 
malen  zu  können.  Nicht  die  äußere  Dürre  und 
Blässe  ist  ein  Kennzeichen  des  wahrhaft  Christlichen 
in  der  Kunst,  sondern  eine  gewisse  innere  Über- 
schwenglichkeit, die  weder  angetauft  noch  anstudiert 
werden  kann,  in  der  Musik  wie  in  der  Malerei,  und 
so  finde  ich  auch  das  »Stabat«  von  Rossini  wahr- 
haft christlicher  als  den  »Paulus«,  das  Oratorium 
von  Felix  Mendelssohn-Bartholdy,  das  von  den  Geg- 
nern Rossinis  als  ein  Muster  der  Christentümlichkeit 
gerühmt  wird. 

Der  Himmel  bewahre  mich,  gegen  einen  so  ver- 
dienstvollen Meister  wie  der  Verfasser  des  »Paulus« 
hierdurch  einen  Tadel  aussprechen  zu  wollen,  und 
am  allerwenigsten  wird  es  dem  Schreiber  dieser 
Blätter  in  den  Sinn  kommen,  an  der  Christlichkeit 
des  erwähnten  Oratoriums  zu  mäkeln,  weil  Felix 
Mendelssohn -Bartholdy  von  Geburt  ein  Jude  ist. 
Aber  ich  kann  doch  nicht  unterlassen  darauf  hin- 
zudeuten, daß  in  dem  Alter,  wo  Herr  Mendelssohn 
in  Berlin  das  Christentum  anfing  <er  wurde  näm- 
lich erst  in  seinem  dreizehnten  Jahr  getauft),  Rossini 
es  bereits  verlassen  und  sich  ganz  in  die  Weltlich- 
keit der  Opernmusik  gestürzt  hatte.  Jetzt,  wo  er 
diese  wieder  verließ  und  sich  zurückträumte  in  seine 
katholischen  Jugenderinnerungen,  in  die  Zeiten,  wo 
er  im  Dom  zu  Pesaro  als  Chorschüler  mitsang,  oder 
als  Akoluth  bei  der  Messe  fungierte  —  jetzt,  wo 
die  alten  Orgeltöne  wieder  in  seinem  Gedächtnis 
aufrauschten  und  er  die  Feder  ergriff,  um  ein 
»Stabat«  zu  schreiben:  da  brauchte  er  wahrlich  den 
Geist  des  Christentums  nicht  erst  wissenschaftlich 
zu    konstruieren,    noch    viel    weniger   Händel    oder 


Zweiter  Teil 


225 


Sebastian  Bach  sklavisch  zu  kopieren;  er  brauchte 
nur  die  frühesten  Kindheitsklänge  wieder  aus  seinem 
Gemüt  hervorzurufen  und,  wunderbar!  so  ernsthaft, 
so  schmerzentief  auch  diese  Klänge  ertönen,  so  ge- 
waltig sie  auch  das  Gewaltigste  ausseufzen  und  aus* 
bluten,  so  behielten  sie  doch  etwas  Kindheitliches 
und  mahnten  mich  an  die  Darstellung  der  Passion 
durch  Kinder,  die  ich  in  Cette  gesehen.  Ja,  an 
diese  kleine  fromme  Mummerei  mußte  ich  unwilU 
kürlich  denken,  als  ich  der  Aufführung  des  »Stabat« 
von  Rossini  zum  erstenmal  beiwohnte:  das  ungeheure' 
erhabene  Martyrium  ward  hier  dargestellt,  aber  in 
den  naivsten  Jugendlauten,  die  furchtbaren  Klagen 
der  Mater  dolorosa  ertönten,  aber  wie  aus  un- 
schuldig kleiner  Mädchenkehle,  neben  den  Floren 
der  schwärzesten  Trauer  rauschten  die  Flügel  aller 
Amoretten  der  Anmut,  die  Schrecknisse  des  Kreuz- 
todes waren  gemildert  wie  von  tändelndem  Schäfer- 
spiel, und  das  Gefühl  der  Unendlichkeit  umwogte 
und  umschloß  das  Ganze  wie  der  blaue  Himmel, 
der  auf  die  Prozession  von  Cette  herableuchtete, 
wie  das  blaue  Meer,  an  dessen  Ufer  sie  singend 
und  klingend  dahinzog!  Das  ist  die  ewige  Holdselig- 
keit des  Rossini,  seine  unverwüstliche  Milde,  die 
kein  Impresario  und  kein  Marchand  de  musique 
zugrunde  ärgern  konnte  oder  auch  nur  zu  trüben 
vermochte!  Wie  schnöde,  wie  abgefeimt  tückisch 
ihm  auch  oftmals  mitgespielt  wurde  im  Leben,  so 
finden  wir  doch  in  seinen  musikalischen  Produkten 
nicht  eine  Spur  von  Galle.  Gleich  jener  Quelle 
Arethusa,  die  ihre  ursprüngliche  Süßigkeit  bewahrte, 
obgleich  sie  die  bittern  Gewässer  des  Meeres  durch- 
zogen, so  behielt  auch  das  Herz  Rossinis  seine  melo- 
dische   Lieblichkeit    und     Süße,     obgleich     es    aus 

IX,  i* 


226  Lutezia 

allen  Wermutskelchen    dieser  Welt    hinlänglich   ge- 
kostet. 

Wie  gesagt,  das  »Stabat«  des  großen  Maestro 
war  dieses  Jahr  die  vorherrschende  musikalische  Be- 
gebenheit. Über  die  erste  tonangebende  Exekution 
j  brauche  ich  nichts  zu  melden;  genug,  die  Italiener 
sangen.  Der  Saal  der  Italienischen  Oper  schien  der 
Vorhof  des  Himmels ;  dort  schluchzten  heilige  Nachti- 
gallen und  flössen  die  fashionabelsten  Tränen.  Auch 
die  »France  musicale«  gab  in  ihren  Konzerten  den 
größten  Teil  des  »Stabat«,  und  wie  sich  von  selbst 
versteht  mit  ungeheurem  Beifall.  In  diesen  Konzerten 
hörten  wir  auch  den  »Paulus«  des  Herrn  Felix 
Mendelssohn-Bartholdy ,  der  durch  diese  Nachbar- 
schaft eben  unsere  Aufmerksamkeit  in  Anspruch 
nahm  und  die  Vergleichung  mit  Rossini  von  selber 
hervorrief.  Bei  dem  großen  Publikum  gereichte  diese 
Vergleichung  keineswegs  zum  Vorteil  unseres  jungen 
Landsmanns:  es  ist  auch  als  vergliche  man  die 
Apenninen  Italiens  mit  dem  Templower  Berg  bei 
Berlin.  Aber  der  Templower  Berg  hat  darum  nicht 
weniger  Verdienste,  und  den  Respekt  der  großen 
Menge  erwirbt  er  sich  schon  dadurch,  daß  er  ein 
Kreuz  auf  seinem  Gipfel  trägt.  »Unter  diesem 
Zeichen  wirst  du  siegen.«  Freilich  nicht  in  Frank- 
reich, dem  Lande  der  Ungläubigkeit,  wo  Herr 
Mendelssohn  immer  Fiasko  gemacht  hat.  Er  war 
das  geopferte  Lamm  der  Saison,  während  Rossini 
der  musikalische  Löwe  war,  dessen  süßes  Gebrüll 
noch  immer  forttönt.  Es  heißt  hier,  Herr  Felix 
Mendelssohn  werde  dieser  Tage  persönlich  nach 
Paris  kommen.  So  viel  ist  gewiß,  durch  hohe  Ver- 
wendung und  diplomatische  Bemühungen  ist  Herr 
Leon  Pillet  dahin  gebracht  worden,  ein  Libretto  von 


Zweiter  Teil 


227 


Herrn  Scribe  anfertigen  zu  lassen,  das  Herr  Mendels* 
söhn  für  die  große  Oper  komponieren  soll.  Wird 
unser  junger  Landsmann  sich  diesem  Geschäft  mit 
Glück  unterziehen?  Ich  weiß  nicht.  Seine  künstle* "" 
rische  Begabnis  ist  groß;  doch  hat  sie  sehr  bedenk* 
liehe  Grenzen  und  Lücken.  Ich  finde  in  talentlicher 
Beziehung  eine  große  Ähnlichkeit  zwischen  Herrn 
Felix  Mendelssohn  und  der  Mademoiselle  Rachel  Felix, 
der  tragischen  Künstlerin.  Eigentümlich  ist  beiden  ^ 
ein  großer,  strenger,  sehr  ernsthafter  Ernst,  ein  ent- 
schiedenes, beinahe  zudringliches  Anlehnen  an  klas* 
sische  Muster,  die  feinste,  geistreichste  Berechnung, 
Verstandesschärfe  und  endlich  der  gänzliche  Mangel 
an  Naivetät.  Gibt  es  aber  in  der  Kunst  eine  geniale 
Ursprünglichkeit  ohne  Naivetät?  Bis  jetzt  ist  dieser 
Fall  noch  nicht  vorgekommen. 


XLIV. 

Paris,  2.  Juni  1842. 
Die  Academie  des  sciences  morales  et  politiques 
hat  sich  nicht  blamieren  wollen,  und  in  ihrer  Sitzung 
vom  28.  Mai  prorogierte  sie  bis  1844  die  Krönung 
des  besten  Examen  critique  de  la  philosophie  alle« 
mande.  Unter  diesem  Titel  hatte  sie  nämlich  eine 
Preisaufgabe  angekündigt,  deren  Lösung  nichts  Ge» 
ringeres  beabsichtigte  als  eine  beurteilende  Darstellung 
der  deutschen  Philosophie  von  Kant  bis  auf  die  heutige 
Stunde,  mit  besonderer  Berücksichtigung  des  ersteren, 
des  großen  Immanuel  Kant,  von  dem  die  Franzosen 
so  viel  reden  gehört,  daß  sie  schier  neugierig  ge- 
worden. Einst  wollte  sogar  Napoleon  sich  über  die 
Kantsche  Philosophie  unterrichten,  und  er  beauftragte 


J 


228  Lutezia 

irgendeinen  französischen  Gelehrten,  ihm  ein  Resume 
derselben  zu  liefern,  welches  aber  auf  einige  Quart- 
seiten zusammengedrängt  sein  müsse.  Fürsten 
brauchen  nur  zu  befehlen.  Das  Resume  ward  un- 
verzüglich und  in  vorgeschriebener  Form  angefertigt. 
Wie  es  ausfiel,  weiß  der  liebe  Himmel,  und  nur  so 
viel  ist  mir  bekannt,  daß  der  Kaiser,  nachdem  er 
die  wenigen  Quartseiten  aufmerksam  durchgelesen, 
die  Worte  aussprach :  »Alles  dieses  hat  keinen  prak- 
tischen Wert,  und  die  Welt  wird  wenig  gefördert 
durch  Menschen  wie  Kant,  Cagliostro,  Swedenborg 
und  Philadelphia.«  —  Die  große  Menge  in  Frank- 
reich hält  Kant  noch  immer  für  einen  neblichten, 
wo  nicht  gar  benebelten  Schwärmer,  und  noch  jüngst 
las  ich  in  einem  französischen  Romane  die  Phrase: 
»le  vague  mystique  de  Kant«.  Einer  der  größten 
Philosophen  der  Franzosen  ist  unstreitig  Pierre  Leroux, 
und  dieser  gestand  mir  vor  sechs  Jahren:  erst  aus 
der  »Allemagne«  von  Henri  Heine  habe  er  die  Ein- 
sicht gewonnen,  daß  die  deutsche  Philosophie  nicht 
so  mystisch  und  religiös  sei  wie  man  das  franzö- 
sische Publikum  bisher  glauben  machte,  sondern  im 
Gegenteil  sehr  kalt,  fast  frostig  abstrakt  und  ungläubig 
bis  zur  Negation  des  Allerhöchsten. 

In  der  erwähnten  Sitzung  der  Akademie  gab  uns 
Mignet,  der  Secretaire  perpetuel,  eine  Notice  histo- 
rique  über  das  Leben  und  Wirken  des  verstorbenen 
Destutt  de  Tracy.  Wie  in  allen  seinen  Erzeugnissen 
beurkundete  Mignet  auch  hier  sein  schönes  großes 
Darstellungstalent,  seine  bewunderungswürdige  Kunst 
des  Auffassens  aller  charakteristischen  Zeitmomente 
und  Lebensverhältnisse,  seine  heitere  klare  Verständ- 
lichkeit. Seine  Rede  über  Destutt  de  Tracy  ist  be- 
reits  im  Druck  erschienen   und  es   bedarf  also  hier 


Zweiter  Teil 


229 


keines  ausführlichen  Referats.  Nur  beiläufig  will  ich 
einige  Bemerkungen  hinwerfen,  die  sich  mir  besonders 
aufdrängten,  während  Mignet  das  schöne  Leben  jenes 
Edelmanns  erzählte,  der  dem  stolzesten  Feudaladel 
entsprossen  und  während  seiner  Jugend  ein  wackerer 
Soldat  war,  aber  dennoch  mit  großmütigster  Selbst*  *" 
Verleugnung  und  Selbstaufopferung  die  Partei  des 
Fortschrittes  ergriff  und  ihr  bis  zum  letzten  Atem» 
zug  treu  blieb.  Derselbe  Mann,  der  mit  Lafayette 
in  den  achtziger  Jahren  für  die  Sache  der  Freiheit 
Gut  und  Blut  einsetzte,  fand  sich  mit  dem  alten 
Freunde  wieder  zusammen  am  29.  Juli  1830  bei  den 
Barrikaden  von  Paris,  unverändert  in  seinen  Ge- 
sinnungen; nur  seine  Augen  waren  erloschen,  sein 
Herz  war  licht  und  jung  geblieben.  Der  französische 
Adel  hat  sehr  viele,  erstaunlich  viele  solcher  Er- 
scheinungen hervorgebracht,  und  das  Volk  weiß  es 
auch,  und  diese  Edelleute,  die  seinen  Interessen  solche 
Ergebenheit  bewiesen,  nennt  es  les  bons  nobles.  Miß- 
trauen gegen  den  Adel  im  allgemeinen  mag  sich  in 
revolutionären  Zeiten  zwar  als  nützlich  herausstellen, 
wird  aber  immer  eine  Ungerechtigkeit  bleiben.  In  ^ 
dieser  Beziehung  gewährt  uns  eine  große  Lehre  das 
Leben  eines  Tracy,  eines  Rochefoucauld,  eines 
d'Argenson,  eines  Lafayette  und  ähnlicher  Ritter 
der  Volksrechte. 

Gerade,  unbeugsam  und  schneidend,  wie  einst  sein 
Schwert,  war  der  Geist  des  Destutt  de  Tracy,  als 
er  sich  später  in  jene  materialistische  Philosophie 
warf,  die  in  Frankreich  durch  Condillac  zur  Herr- 
schaft gelangte.  Letzterer  wagte  nicht  die  letzten 
Konsequenzen  dieser  Philosophie  auszusprechen,  und 
wie  die  meisten  seiner  Schule  ließ  er  dem  Geiste 
immer  noch  ein  abgeschiedenes  Winkelchen  im  Uni- 


23° 


Luteri.i 


vcrsalreichc  der  Materie.  Destutt  de  Tracy  aber 
hat  dem  Geiste  auch  dieses  letzte  Refugium  auf- 
gekündigt,  und  seltsam!  zu  derselben  Zeit  wo   bei 

j  uns  in  Deutschland  der  Idealismus  auf  die  Spitze 
getrieben  und  die  Materie  geleugnet  wurde,  erklomm 
in  Frankreich  das  materialistische  Prinzip  seinen 
höchsten  Gipfel  und  man  leugnete  hier  den  Geist. 
Destutt  de  Tracy  war  sozusagen  der  Fichte  des 
Materialismus. 

Es  ist  ein  merkwürdiger  Umstand,  daß  Napoleon 
gegen  die  philosophische  Koterie,  wozu  Tracy,  Ca- 
banis  und  Konsorten  gehörten,  eine  so  besorgliche 
Abneigung  hegte  und  sie  mitunter  sehr  streng  be- 
handelte. Er  nannte  sie  Ideologen  und  er  empfand 
eine  vage,  schier  abergläubische  Furcht  vor  jener 
Ideologie,  die  doch  nichts  anderes  war  als  der  schäu- 
mende Aufguß  der  materialistischen  Philosophie;  diese 
hatte  freilich  die  größte  Umwälzung  gefördert  und  die 
schauerlichsten  Zerstörungskräfte  offenbart,  aber  ihre 
Mission  war  vollbracht  und  also  auch  ihr  Einfluß 
beendigt.  Bedrohlicher  und  gefährlicher  war  jene  ent- 
gegengesetzte Doktrin,  die  unbeachtet  in  Deutschland 
emportauchte  und  späterhin  so  viel  beitrug  zum  Sturz 
der  französischen  Gewaltherrschaft.  Es  ist  merk- 
würdig, daß  Napoleon  auch  in  diesem  Fall  nur  die 
Vergangenheit  begriff  und    für    die    Zukunft  weder 

J  Ohr  noch  Auge  hatte.  Er  ahnte  einen  verderblichen 
Feind  im  Reich  des  Gedankens,  aber  er  suchte  diesen 
Feind  unter  alten  Perücken,  die  noch  vom  Puder 
des  achtzehnten  Jahrhunderts  stäubten;  er  suchte  ihn 
unter  französischen  Greisen,  statt  unter  der  blonden 
Jugend  der  deutschen  Hochschulen.  Da  war  unser 
Vierfurst  Herodes  viel  gescheiter  als  er  die  gefähr- 
liche Brut  in  der  Wiege  verfolgte  und  den  Kinder- 


Zweiter  Teil  23t 

mord  befahl.  Doch  auch  ihm  fruchtete  nicht  viel 
die  größere  Pfiffigkeit,  die  an  dem  Willen  der  Vor* 
sehung  zuschanden  wurde  —  seine  Schergen  kamen 
zu  spät,  das  furchtbare  Kind  war  nicht  mehr  in  Beth- 
lehem,  ein  treues  Eselein  trug  es  rettend  nach  Ägypten. 
Ja,  Napoleon  besaß  Scharfblick  nur  für  Auffassung 
der  Gegenwart  oder  Würdigung  der  Vergangenheit, 
und  er  war  stockblind  für  jede  Erscheinung,  worin 
sich  die  Zukunft  ankündigte.  Er  stand  auf  dem 
Balkon  seines  Schlosses  zu  Saint-Cloud,  als  das  erste 
Dampfschiff  dort  auf  der  Seine  vorüberfuhr,  und  er 
merkte  nicht  im  mindesten  die  weltumgestaltende  Be» 
deutung  dieses  Phänomens! 


XLV. 

Paris,  20.  Juni  1842. 
In  einem  Lande,  wo  die  Eitelkeit  so  viele  eifrige 
Jünger  zählt,  wird  die  Zeit  der  Deputiertenwahl  immer 
eine  sehr  bewegte  sein.  Da  die  Deputation  aber 
nicht  bloß  die  Eigenliebe  kitzelt,  sondern  auch  zu 
den  fettesten  Amtern  und  zu  den  einträglichsten  Ein* 
Aussen  führt;  da  hier  also  nicht  bloß  der  Ehrgeiz, 
sondern  auch  die  Habsucht  ins  Spiel  kommt;  da  es 
sich  hier  auch  um  jene  materiellen  Interessen  handelt, 
denen  unser  Zeitalter  so  inbrünstig  huldigt:  so  ist 
die  Deputiertenwahl  ein  wahrer  Wettlauf,  ein  Pferde- 
rennen, dessen  Anblick  für  den  fremden  Zuschauer 
eher  kurios  als  erfreulich  sein  mag.  Es  sind  näm- 
lich nicht  eben  die  schönsten  und  besten  Pferde,  die 
bei  solchem  Rennen  zum  Vorschein  kommen,  nicht 
die  inwohnenden  Tugenden  der  Stärke,  des  Vollbluts, 
der  Ausdauer  kommen  hier  in  Anschlag,  sondern  nur 


232 


Lutezia 


die  leichtfüßige  Behendigkeit.  Manches  edle  Roß, 
dem  der  feurigste  Schlachtmut  aus  den  Nüstern 
schnaubt  und  Vernunft  aus  den  Augen  blitzt,  muß 
hier  einem  magern  Klepper  nachstehen,  der  aber  zu 
Triumphen  auf  dieser  Bahn  ganz  besonders  abgerichtet 
worden.  Überstolze,  störrige  Gäule  geraten  hier  schon 
beim  ersten  Anlauf  in  unzeitiges  Bäumen  oder  sie 
vergaloppieren  sich.  Nur  die  dressierte  Mittelmäßig- 
keit erreicht  das  Ziel.  Daß  ein  Pegasus  beim  parla« 
mentarischen  Rennen  kaum  zugelassen  wird  und 
tausenderlei  Ungunst  zu  erfahren  hat,  versteht  sich 
von  selbst;  denn  der  Unglückselige  hat  Flügel  und 
könnte  sich  einst  höher  emporschwingen  als  der  Pla- 
fond des  Palais  Bourbon  gestattet.  Eine  merkwürdige 
Erscheinung,  daß  unter  den  Wettrennern  fast  ein 
Dutzend  von  arabischer,  oder  um  noch  deutlicher 
zu  sprechen,  von  semitischer  Rasse.  Doch  was  geht 
das  uns  an!  Uns  interessiert  nicht  dieser  mäkelnde 
Lärm,  dieses  Stampfen  und  Wiehern  der  Selbstsucht, 
dieses  Getümmel  der  schäbigsten  Zwecke,  die  sich 
mit  den  brillantesten  Farben  geschmückt,  das  Ge- 
schrei der  Stallknechte  und  der  stäubende  Mist  «— 
uns  kümmert  bloß  zu  erfahren:  werden  die  Wahlen 
zugunsten  oder  zum  Nachteil  des  Ministeriums  aus- 
fallen? Man  kann  hierüber  noch  nichts  Bestimmtes 
melden.  Und  doch  ist  das  Schicksal  Frankreichs 
und  vielleicht  der  ganzen  Welt  von  der  Frage  ab- 
hängig, ob  Guizot  in  der  neuen  Kammer  die  Majo- 
rität behalten  wird  oder  nicht.  Hiermit  will  ich  keines- 
wegs der  Vermutung  Raum  geben,  als  könnten  unter 
den  neuen  Deputierten  sich  ganz  gewaltige  Eisen- 
fresser auftun  und  die  Bewegung  aufs  höchste  treiben. 
Nein,  diese  Ankömmlinge  werden  nur  klingende 
Worte   zu   Markte   bringen    und   sich    vor   der  Tat 


Zweiter  Teil 


233 


ebenso  bescheiden tlich  fürchten  wie  ihre  Vorgänger; 
der  entschiedenste  Neuerer  in  der  Kammer  will  nicht 
das  Bestehende  gewaltsam  umstürzen,  sondern  nur 
die  Befürchtungen  der  obern  Mächte  und  die  Hoff* 
nungen  der  untern  für  sich  selber  ausbeuten.  Aber 
die  Verwirrungen,  Verwicklungen  und  momentanen 
Nöten,  worin  die  Regierung  infolge  dieses  Treibens 
geraten  kann,  geben  den  dunkeln  Gewalten,  die  im 
Verborgenen  lauern,  das  Signal  zum  Losbruch,  und 
wie  immer  erwartet  die  Revolution  eine  parlamen- 
tarische Initiative.  Das  entsetzliche  Rad  käme  dann 
wieder  in  Bewegung,  und  wir  sähen  diesmal  einen 
Antagonisten  auftreten,  welcher  der  schrecklichste 
sein  dürfte  von  allen  die  bisher  mit  dem  Bestehen- 
den in  die  Schranken  getreten.  Dieser  Antagonist 
bewahrt  noch  sein  schreckliches  Inkognito  und  resi- 
diert wie  ein  dürftiger  Prätendent  in  jenem  Erd- 
geschoß der  offiziellen  Gesellschaft,  in  jenen  Kata- 
komben, wo  unter  Tod  und  Verwesung  das  neue 
Leben  keimt  und  knospet.  Kommunismus  ist  der 
geheime  Name  des  furchtbaren  Antagonisten,  der 
die  Proletarierherrschaft  in  allen  ihren  Konsequenzen 
dem  heutigen  Bourgeoisieregimente  entgegensetzt.  Es 
wird  ein  furchtbarer  Zweikampf  sein.  Wie  möchte 
er  enden?  Das  wissen  die  Götter  und  Göttinnen, 
denen  die  Zukunft  bekannt  ist.  Nur  so  viel  wissen 
wir :  der  Kommunismus,  obgleich  er  jetzt  wenig  be- 
sprochen wird  und  in  verborgenen  Dachstuben  auf 
seinem  elenden  Strohlager  hinlungert,  so  ist  er  doch 
der  düstre  Held,  dem  eine  große  wenn  auch  nur 
vorübergehende  Rolle  beschieden  in  der  modernen 
Tragödie,  und  der  nur  des  Stichworts  harrt,  um  auf 
die  Bühne  zu  treten.  Wir  dürfen  daher  diesen  Akteur 
nie  aus  den  Augen  verlieren  und  wir  wollen  zuweilen 


234  Lutezia 

von  den  geheimen  Proben  berichten,  worin  er  sich 
zu  seinem  Debüt  vorbereitet.  Solche  Hindeutungen 
sind  vielleicht  wichtiger  als  alle  Mitteilungen  über 
Wahlumtriebe,  Parteihader  und  Kabinettsintrigen. 


XLVI. 

Paris,  12.  Juli  1842. 
Das  Resultat  der  Wahlen  werden  Sie  aus  den 
Zeitungen  ersehen.  Hier  in  Paris  braucht  man  nicht 
erst  die  Blätter  darüber  zu  konsultieren,  es  ist  auf 
allen  Gesichtern  zu  lesen.  Gestern  sah  es  hier  sehr 
schwül  aus  und  die  Gemüter  verrieten  eine  Auf- 
regung, wie  ich  sie  nur  in  großen  Krisen  bemerkt 
habe.  Die  alten  wohlbekannten  Sturmvögel  rauschten 
wieder  unsichtbar  durch  die  Luft  und  die  schläfrigsten 
Köpfe  wurden  plötzlich  aufgeweckt  aus  der  zwei-, 
jährigen  Ruhe.  Ich  gestehe,  daß  ich  selbst,  angeweht 
von  dem  furchtbaren  Flügelschlag,  ein  gewaltiges 
Herzbeben  empfand.  Ich  fürchte  mich  immer  im 
ersten  Anfang,  wenn  ich  die  Dämonen  der  Um- 
wälzung entzügelt  sehe;  späterhin  bin  ich  sehr  ge- 
faßt und  die  tollsten  Erscheinungen  können  mich 
weder  beunruhigen  noch  überraschen,  eben  weil  ich 
sie  vorausgesehen.  Was  wäre  das  Ende  dieser  Be- 
wegung, wozu  Paris  wieder  wie  immer  das  Signal 
gegeben?  Es  wäre  der  Krieg,  der  gräßlichste  Zer- 
störungskrieg, der  leider  die  beiden  edelsten  Völker 
der  Zivilisation  in  die  Arena  riefe  zu  beider  Ver- 
derben; ich  meine  Deutschland  und  Frankreich. 
England,  die  große  Wasserschlange,  die  immer  in 
ihr  ungeheures  Wassernest  zurückkriechen  kann,  und 
Rußland,  das  in  seinen  ungeheuren  Föhren,  Steppen 


Zweiter  Teil  235 

und  Eisgefilden  ebenfalls  die  sichersten  Verstecke 
hat,  diese  beiden  können  in  einem  gewöhnlichen 
politischen  Kriege,  selbst  durch  die  entschiedensten 
Niederlagen,  nicht  ganz  zugrunde  gerichtet  werden: 
—  aber  Deutschland  ist  in  solchen  Fällen  weit 
schlimmer  bedroht,  und  gar  Frankreich  könnte  in  der 
kläglichsten  Weise  seine  politische  Existenz  einbüßen. 
Doch  das  wäre  nur  der  erste  Akt  des  großen  Spek- 
takelstücks, gleichsam  das  Vorspiel.  Der  zweite  Akt"^ 
ist  die  europäische,  die  Weltrevolution,  der  große 
Zweikampf  der  Besitzlosen  mit  der  Aristokratie  des 
Besitzes,  und  da  wird  weder  von  Nationalität  noch 
von  Religion  die  Rede  sein:  nur  Ein  Vaterland  wird 
es  geben,  nämlich  die  Erde,  und  nur  Einen  Glauben, 
nämlich  das  Glück  auf  Erden.  Werden  die  religiösen 
Doktrinen  der  Vergangenheit  in  allen  Landen  sich 
zu  einem  verzweiflungsvollen  Widerstand  erheben, 
und  wird  etwa  dieser  Versuch  den  dritten  Akt  bil- 
den? Wird  gar  die  alte  absolute  Tradition  noch- 
mals auf  die  Bühne  treten,  aber  in  einem  neuen 
Kostüm  und  mit  neuen  Stich-  und  Schlagwörtern? 
Wie  würde  dieses  Schauspiel  schließen?  Ich  weiß 
nicht,  aber  ich  denke,  daß  man  der  großen  Wasser- 
schlange am  Ende  das  Haupt  zertreten  und  dem 
Bären  des  Nordens  das  Fell  über  die  Ohren  ziehen 
wird.  Es  wird  vielleicht  alsdann  nur  Einen  Hirten 
und  Eine  Herde  geben,  ein  freier  Hirt  mit  einem 
eisernen  Hirtenstabe  und  eine  gleichgeschorene, 
gleichblökende  Menschenherde!  Wilde,  düstere  Zeiten  * 
dröhnen  heran,  und  der  Prophet,  der  eine  neue  Apo- 
kalypse schreiben  wollte,  müßte  ganz  neue  Bestien 
erfinden,  und  zwar  so  erschreckliche,  daß  die  älteren 
Johanneischen  Tiersymbole  dagegen  nur  sanfte  Täub- 
chen  und  Amoretten  wären.     Die  Götter   verhüllen 


236  Lutczia 

ihr  Antlitz  aus  Mitleid  mit  den  Menschenkindern, 
ihren  langjährigen  Pfleglingen,  und  vielleicht  zugleich 
auch  aus  Besorgnis  über  das  eigene  Schicksal.  Die 
Zukunft  riecht  nach  Juchten,  nach  Blut,  nach  Gott- 
losigkeit und  nach  sehr  vielen  Prügeln.  Ich  rate 
unsern  Enkeln,  mit  einer  sehr  dicken  Rückenhaut  zur 
Welt  zu  kommen. 


XLVII. 

Paris,  15.  Juli  1842. 
Meine  dunkle  Ahnung  hat  mich  leider  nicht  ge- 
täuscht; die  trübe  Stimmung,  die  mich  seit  einigen 
Tagen  fast  beugte  und  mein  Auge  umflorte,  war  das 
Vorgefühl  eines  Unglücks.  Nach  dem  jauchzenden 
Übermut  von  vorgestern  ist  gestern  ein  Schrecken, 
eine  Bestürzung  eingetreten,  die  unbeschreiblich,  und 
die  Pariser  gelangen  durch  einen  unvorhergesehenen 
Todesfall  zur  Erkenntnis,  wie  wenig  die  hiesigen  Zu- 
stände gesichert  und  wie  gefährlich  jedes  Rütteln. 
Und  sie  wollten  doch  nur  ein  bißchen  rütteln,  keines- 
wegs durch  allzu  starke  Stöße  das  Staatsgebäude  er- 
-I  schüttern.  Wäre  der  Herzog  von  Orleans  einige 
Tage  früher  gestorben,  so  hätte  Paris  keine  zwölf 
Oppositionsdeputierten  im  Gegensatz  zu  zwei  Kon- 
servativen gewählt,  und  nicht  durch  diesen  ungeheuren 
Akt  die  Bewegung  wieder  in  Bewegung  gesetzt. 
X.  Dieser  Todesfall  stellt  alles  Bestehende  in  Frage, 
und  es  wird  ein  Glück  sein,  wenn  die  Anordnung 
der  Regentschaft,  für  den  Fall  des  Ablebens  des 
jetzigen  Königs,  so  bald  als  möglich  und  ohne  Stör- 
nis  von  den  Kammern  beraten  und  beschlossen  wird. 
Ich   sage   von  den  Kammern,   denn   das   königliche 


Zweiter  Teil 


237 


Hausgesetz  ist  hier  nicht  ausreichend  wie  in  andern 
Ländern.     Die  Diskussionen   über  die  Regentschaft 
werden   daher   die  Kammern   zunächst  beschäftigen 
und   den   Leidenschaften  Worte   leihen.      Und  geht 
auch   alles  ruhig  vonstatten,   so  steht  uns   doch  ein 
provisorisches    Interregnum    bevor,    das    immer    ein 
Mißgeschick  und  ein  ganz  besonders  schlimmes  Miß* 
geschick  ist  für  ein  Land,  wo  die  Verhältnisse  noch 
so  wackelig  sind  und  eben  der  Stabilität  am  meisten 
bedürfen.     Der   König   soll   in   seinem   Unglück  die 
höchste  Charakterstärke  und  Besonnenheit  beweisen, 
obgleich  er  schon  seit  einigen  Wochen  sehr  nieder- 
geschlagen war.    Sein  Geist  ward  in  der  letzten  Zeit 
durch   sonderbare  Ahnungen  getrübt.     Er  soll  un- 
längst  an   Thiers,  vor  dessen  Abreise,   einen   Brief 
geschrieben  haben,  worin   er  sehr  viel  vom  Sterben 
sprach,   aber  er  dachte  gewiß   nur   an   den   eigenen 
Tod.    Der  verstorbene  Herzog  von  Orleans  war  all- 
gemein geliebt,  ja  angebetet.     Die  Nachricht   seines 
Todes  traf  wie   ein   Blitz  aus   heiterm  Himmel  und 
Betrübnis    herrscht    unter   allen  Volksklassen.     Um 
zwei  Uhr  gestern  nachmittag  verbreitete  sich  auf  der 
Börse,  wo  die  Fonds  gleich   um  drei  Francs  fielen, 
ein  dumpfes  Unglücksgerücht.    Aber  niemand  wollte 
recht    daran   glauben.      Auch  starb   der   Prinz   erst 
um  vier  Uhr,  und  der  Todesnachricht  ward  bis  um 
diese  Zeit  von  vielen  Seiten  widersprochen.    Noch 
um    fünf  Uhr   bezweifelte   man   sie.     Als   aber   um 
sechs  Uhr  vor  den  Theatern  ein  weißer  Papierstreif 
über   die   Komödienzettel   geklebt  und   Reläche  an- 
gekündigt wurde,  da  merkte  jeder  die  schreckliche 
Wahrheit.    Wie  sie  angetänzelt  kamen,  die  geputzten 
Französinnen,   und   statt   des  gehofften   Schauspiels 
nur  die  verschlossenen  Türen   sahen   und   von   dem 


y 


238  Luttzia 

Unglück  hörten,  das  bei  Neuilly,  auf  dem  Weg,  der 
le  chemin  de  la  revolte  heißt,  passiert  war,  da  stürzten 
die  Tränen  aus  manchen  schönen  Augen,  da  war 
nichts  als  ein  Schluchzen  und  Jammern  um  den 
schönen  Prinzen,  der  so  hübsch  und  so  jung  dahin« 
sank,  eine  teure  ritterliche  Gestalt,  Franzose  im 
liebenswürdigsten  Sinne,  in  jeder  Beziehung  der  na- 
tionalen Beklagnis  würdig.  Ja,  er  fiel  in  der  Blüte 
seines  Lebens,  ein  heiterer  heldenmütiger  Jüngling, 
und  er  verblutete  so  rein,  so  unbefleckt,  so  beglückt, 
gleichsam  unter  Blumen,  wie  einst  Adonis!  Wenn 
er  nur  nicht  gleich  nach  seinem  Tod  in  schlechten 
Versen  und  in  noch  schlechterer  Lakaienprosa  ge- 
feiert wird!  Doch  das  ist  das  Los  des  Schönen 
hier  auf  Erden.  Vielleicht  während  der  wahrhafteste 
und  stolzeste  Schmerz  das  französische  Volk  erfüllt 
und  nicht  bloß  schöne  Frauentränen  dem  Hin- 
geschiedenen fließen,  sondern  auch  freie  Männer- 
tränen sein  Andenken  ehren,  hält  sich  die  offizielle 
Trauer  schon  etwelche  Zwiebeln  vor  die  Nase,  um 
betrüglich  zu  flennen,  und  gar  die  Narrheit  windet 
schwarze  Flore  um  die  Glöckchen  ihrer  Kappe,  und 
wir  hören  bald  das  tragikomische  Geklingel.  Beson- 
ders die  larmoyante  Faselhanselei,  lauwarmes  Spü- 
licht der  Sentimentalität,  wird  sich  bei  dieser  Ge- 
legenheit geltend  machen.  Vielleicht  zu  dieser  Stunde 
schon  keucht  Lafitte  nach  Neuilly  und  umarmt  den 
König  mit  deutschester  Rührung,  und  die  ganze 
Opposition  wischt  sich  das  Wasser  aus  den  Augen. 
Vielleicht  schon  in  dieser  Stunde  besteigt  Chateau- 
briand sein  melancholisches  Flügelroß,  seine  gefiederte 
Rosinante,  und  schreibt  eine  hohltönende  Kondola- 
tion  an  die  Königin.  Widerwärtige  Weichlichkeit 
und  Fratze!  und  der  Zwischenraum  ist  sehr  klein,  der 


Zweiter  Teil 


239 


hier  das  Erhabene  vom  Lächerlichen  trennt.  Wie 
gesagt,  vor  den  Theatern  auf  den  Boulevards  erfuhr 
man  gestern  die  Gewißheit  des  betrübsamen  Ereig- 
nisses,  und  hier  bildeten  sich  überall  Gruppen  um 
die  Redner,  welche  die  nähern  Umstände  mit  mehr 
oder  weniger  Zutat  und  Ausschmückung  erzählten. 
Mancher  alte  Schwätzer,  der  sonst  nie  Zuhörer  findet, 
benutzte  diese  Gelegenheit,  um  ein  aufmerksames 
Publikum  um  sich  zu  versammeln  und  die  öffentliche 
Neugier  im  Interesse  seiner  Rhetorik  auszubeuten.  Da 
stand  ein  Kerl  vor  den  Varietes,  der  ganz  besonders 
pathetisch  deklamierte,  wie  Theramen  in  der  »Phädra« : 
»II  etait  sur  son  char«  usw.  Es  hieß  allgemein,  indem 
der  Prinz  vom  Wagen  stürzte,  sei  sein  Degen  ge- 
brochen und  der  obere  Stumpf  ihm  in  die  Brust  ge- 
drungen. Ein  Augenzeuge  wollte  wissen,  daß  er 
noch  einige  Worte  gesprochen,  aber  in  deutscher 
Sprache.  Übrigens  herrschte  gestern  überall  eine 
leidende  Stille,  und  auch  heute  zeigt  sich  in  Paris 
keine  Spur  von  Unruhe. 


XLVIII. 

Paris,  19.  Juli  1842. 
Der  verstorbene  Herzog  von  Orleans  bleibt  fort- 
während das  Tagesgespräch.  Noch  nie  hat  das^ 
Ableben  eines  Menschen  so  allgemeine  Trauer  er- 
regt. Es  ist  merkwürdig,  daß  in  Frankreich,  wo 
die  Revolution  noch  nicht  ausgegärt,  die  Liebe  für 
einen  Fürsten  so  tief  wurzeln  und  sich  so  großartig 
manifestieren  konnte.  Nicht  bloß  die  Bourgeoisie,«^ 
die  alle  ihre  Hoffnungen  in  den  jungen  Prinzen  setzte, 
sondern  auch  die  untern  Volksklassen  beklagen  seinen 


240  Lutezia 

Verlust.  Als  man  das  Juliusfest  vertagte  und  auf 
der  Place  de  la  Concorde  die  großen  Gerüste  ab- 
brach, die  zur  Illumination  dienen  sollten,  war  es 
ein  herzzerreißender  Anblick,  wie  das  Volk  sich  auf 
die  niedergerissenen  Balken  und  Bretter  setzte  und 
über  den  Tod  des  teuren  Prinzen  jammerte.  Eine 
düstere  Betrübnis  lag  auf  allen  Gesichtern  und  der 
Schmerz  derjenigen,  die  kein  Wort  sprachen,  war 
am  beredsamsten.  Da  flössen  die  redlichsten  Tränen 
und  unter  den  Weinenden  war  gewiß  mancher,  der 
in  der  Tabagie  mit  seinem  Republikanismus  prahlt. 
Aber  für  Frankreich  ist  der  Tod  des  jungen 
Prinzen  ein  wirkliches  Unglück,  und  er  dürfte  weniger 
Tugenden  besessen  haben  als  ihm  nachgerühmt 
werden,  so  hätten  doch  die  Franzosen  hinlängliche 
Ursache  zum  Weinen,  wenn  sie  an  die  Zukunft 
denken.  Die  Regentschaftsfrage  beschäftigt  schon 
alle  Köpfe  und  leider  nicht  bloß  die  gescheiten. 
Viel  Unsinn  wird  bereits  zu  Markt  gebracht.  Auch 
die  Arglist  weiß  hier  eine  Ideenverwirrung  anzu* 
zetteln,  die  sie  zu  ihren  Parteizwecken  auszubeuten 
hofft,  und  die  in  jedem  Fall  sehr  bedenkliche  Folgen 
haben  kann.  Genießt  der  Herzog  von  Nemours 
wirklich  die  allerhöchste  Ungnade  des  souveränen 
Volks,  wie  mit  übertriebenem  Eifer  behauptet  wird? 
Ich  will  nicht  darüber  urteilen.  Noch  weniger  will 
ich  die  Gründe  seiner  Ungnade  untersuchen.  Das 
Vornehme,  Feine,  Ablehnende,  Patrizierhafte  in  der 
J  Erscheinung  des  Prinzen  ist  wohl  der  eigentliche 
Anklagepunkt.  Das  Aussehen  des  Orleans  war 
edel,  das  Aussehen  des  Nemours  ist  adelig.  Und 
selbst  wenn  das  Äußere  dem  Innern  entspräche, 
wäre  der  Prinz  deshalb  nicht  minder  geeignet,  einige 
Zeit  als  Gonfaloniere  der  Demokratie  derselben  die 


J 


Zweiter  Teil 


241 


besten  Dienste  zu  leisten,  da  dieses  Amt,  durch  die 
Macht  der  Verhältnisse,  ihm  die  größte  Verleugnung 
der  Privatgefühle  geböte:  denn  sein  verhaßtes  Haupt 
stünde  hier  auf  dem  Spiele.  Ich  bin  sogar  überzeugt," 
die  Interessen  der  Demokratie  sind  weit  weniger  ge- 
fährdet durch  einen  Regenten,  dem  man  wenig  traut 
und  den  man  beständig  kontrolliert,  als  durch  einen 
jener  Günstlinge  des  Volks,  denen  man  sich  mit 
blinder  Vorliebe  hingibt  und  die  am  Ende  doch 
nur  Menschen  sind,  wandelbare  Geschöpfe,  untere 
werfen  den  Veränderungsgesetzen  der  Zeit  und  der 
eigenen  Natur.  Wie  viele  populäre  Kronprinzen 
haben  wir  unbeliebt  enden  sehen!  Wie  grauenhaft 
wetterwendisch  zeigte  sich  das  Volk  in  bezug  auf 
die  ehemaligen  Lieblinge!  Die  französische  Geschichte 
ist  besonders  reich  an  betrübenden  Beispielen.  Mit 
welchem  Freudejauchzen  umjubelte  das  Volk  den 
jungen  Ludwig  XIV.  —  mit  tränenlosem  Kaltsinn 
sah  es  den  Greis  begraben.  Ludwig  XV.  hieß  mit 
Recht  le  bien-aime  und  mit  wahrer  Affenliebe  hul- 
digten ihm  die  Franzosen  im  Anfang;  als  er  starb, 
lachte  man  und  pfiff  man  Schelmenlieder:  man  freute 
sich  über  seinen  Tod.  Seinem  Nachfolger  Lud' 
wig  XVI.  ging  es  noch  schlimmer,  und  er,  der  als 
Kronprinz  fast  angebetet  wurde  und  der  im  Beginn 
seiner  Regierung  für  das  Muster  aller  Vollkommen- 
heit galt,  er  ward  von  seinem  Volke  persönlich  miß- 
handelt und  sein  Leben  ward  sogar  verkürzt,  in  der 
bekannten  majestätsverbrecherischen  Weise,  auf  der 
Place  de  la  Concorde.  Der  letzte  dieser  Linie, 
Karl  X.,  war  nichts  weniger  als  unpopulär,  als  er 
auf  den  Thron  stieg,  und  das  Volk  begrüßte  ihn 
damals  mit  unbeschreiblicher  Begeisterung;  einige 
j -ihre  später  ward  er  zum  Lande  hinaus  eskortiert, 
rx.  16 


2A2  Lutcria 

und  er  starb  den  harten  Tod  des  Exils.  Der  Solo* 
j  nische  Spruch,  daß  man  niemand  vor  seinem  Ende 
glücklich  preisen  möge,  gilt  ganz  besonders  von  den 
Königen  von  Frankreich.  Laßt  uns  daher  den  Tod 
des  Herzogs  von  Orleans  nicht  deshalb  beweinen, 
weil  er  vom  Volke  so  sehr  geliebt  ward  und  dem- 
selben eine  so  schöne  Zukunft  versprach,  sondern 
weil  er  als  Mensch  unsere  Tränen  verdiente.  Laßt 
uns  auch  nicht  so  sehr  jammern  über  die  sogenannte 
ruhmlose  Art,  über  das  banal  Zufällige  seines  Endes. 

J  Es  ist  besser,  daß  sein  Haupt  gegen  einen  härm« 
losen  Stein  zerschellte,  als  daß  die  Kugel  eines 
Franzosen  oder  eines  Deutschen  ihm  den  Tod  gab. 
Der  Prinz  hatte  eine  Vorahnung  seines  frühen 
Sterbens,  meinte  aber,  daß  er  im  Kriege  oder  in 
einer  Erneute  fallen  würde.  Bei  seinem  ritterlichen 
Mute,  der  jeder  Gefahr  trotzte,  war  dergleichen  sehr 
wahrscheinlich.  —  Der  königliche  Dulder,  Ludwig 
Philipp,  benimmt  sich  mit  einer  Fassung,  die  jeden 
mit  Ehrfurcht  erfüllt.  Im  Unglück  zeigt  er  die 
wahre  Größe.  Sein  Herz  verblutet  in  namenlosem 
Kummer,  aber  sein  Geist  bleibt  ungebeugt,  und  er 
arbeitet  Tag   und  Nacht.     Nie  hat  man  den  Wert 

i  seiner  Erhaltung  tiefer  gefühlt,  als  eben  jetzt,  wo  die 
Ruhe  der  Welt  von  seinem  Leben  abhängt.  Kämpfe 
tapfer,  verwundeter  Friedensheld! 


XLIX. 

Paris,  26.  Juli  1842. 

Die  Thronrede  ist  kurz  und  einfach.    Sie  sagt  das 

Wichtigste  in   der   würdigsten  Weise.     Der  König 

hat  sie  selbst  verfaßt.     Sein  Schmerz  zeigt  sich   in 


Zweiter  Teil  243 

einer  puritanischen,  ich  möchte  sagen  republikanischen 
Prunklosigkeit.  Er,  der  sonst  so  redselig,  ist  seit* 
dem  sehr  wortkarg  geworden.  Das  schweigende 
Empfangen  in  den  Tuilerien  vor  einigen  Tagen  hatte 
etwas  ungemein  Trübsinniges,  beinahe  Geisterhaftes; 
ohne  eine  Silbe  zu  sprechen,  gingen  über  tausend 
Menschen  bei  dem  König  vorüber,  der  stumm  und 
leidend  sie  ansah.  Es  heißt  daß  in  Notre-Dame 
das  angekündigte  Requiem  nicht  stattfinde;  der  König 
will  bei  dem  Begräbnis  seines  Sohnes  keine  Musik; 
Musik  erinnere  allzusehr  an  Spiel  und  Fest.  —  Sein^ 
Wunsch,  die  Regentschaft  auf  seinen  Sohn  über- 
tragen zu  sehen  und  nicht  auf  seine  Schwiegertochter, 
ist  in  der  Adresse  hinlänglich  angedeutet.  Dieser 
Wunsch  wird  wenig  Widerrede  finden,  und  Nemours 
wird  Regent,  obgleich  dieses  Amt  der  schönen  und 
geistreichen  Herzogin  gebührt,  die,  ein  Muster  von 
weiblicher  Vollkommenheit,  ihres  verstorbenen  Ge- 
mahles  so  würdig  war.  Gestern  sagte  man,  der 
König  werde  seinen  Enkel,  den  Grafen  von  Paris, 
in  die  Deputiertenkammer  mitbringen.  Viele  wünschten 
es,  und  die  Szene  wäre  gewiß  sehr  rührend  gewesen. 
Aber  der  König  vermeidet  jetzt,  wie  gesagt,  alles 
was  an  das  Pathos  der  Feudalmonarchie  erinnert. 
—  Über  Ludwig  Philipps  Abneigung  gegen  Weiber- 
regentschaften sind  viele  Äußerungen  ins  Publikum 
gedrungen.  Der  dümmste  Mann,  soll  er  gesagt  ^ 
haben,  werde  immer  ein  besserer  Regent  sein  als 
die  klügste  Frau.  Hat  er  deshalb  dem  Nemours 
den  Vorzug  gegeben  vor  der  klugen  Helene? 


244  Lutetia 

L. 

Paris,  29.  Juli  1842. 
Der  Gemeinderat  von  Paris  hat  beschlossen,  das 
Elefantenmodell,  das  auf  dem  Bastillenplatz  steht, 
nicht  zu  zerstören,  wie  man  anfangs  beabsichtigte, 
sondern  zu  einem  Gusse  in  Erz  zu  benützen  und 
das  hervorgehende  Monument  am  Eingange  der 
Barriere  du  Tröne  aufzustellen.  Über  diesen  Muni» 
zipalbeschluß  spricht  das  Volk  der  Faubourgs  Saint« 
Antoine  und  Saint-Marceau  fast  ebensoviel  wie  die 
höhern  Klassen  über  die  Regentschaftsfrage.  Jener 
kolossale  Elefant  von  Gips,  welcher  schon  zur 
Kaiserzeit  aufgestellt  ward,  sollte  später  als  Modell 
des  Denkmals  dienen,  das  man  der  Juliusrevolution 
auf  dem  Bastillenplatze  zu  widmen  gedachte.  Seit* 
dem  ward  man  andern  Sinnes,  und  man  errichtete 
zur  Verherrlichung  jenes  glorreichen  Ereignisses  die 
große  Juliussäule.  Aber  die  Forträumung  des  Ele- 
fanten erregte  große  Besorgnisse.  Es  ging  nämlich 
unter  dem  Volk  das  unheimliche  Geröcht  von  einer 
ungeheuren  Anzahl  Ratten,  die  sich  im  Innern  des 
Elefanten  eingenistet  hätten,  und  es  sei  zu  befürchten, 
daß,  wenn  man  die  große  Gipsbestie  niederreiße,  eine 
Legion  von  kleinen  aber  sehr  gefährlichen  Scheu- 
salen zum  Vorschein  käme,  die  sich  über  die  Fau- 
bourgs Saint-Antoine  und  Saint-Marceau  verbreiten 
würden.  Alle  Unterröcke  zitterten  bei  dem  Ge- 
danken an  solche  Gefahr,  und  sogar  die  Männer 
ergriff  eine  unheimliche  Furcht  vor  der  Invasion  jener 
langgeschwänzten  Gäste.  Es  wurden  dem  Magi- 
strate die  untertänigsten  Vorstellungen  gemacht,  und 
infolge  derselben  vertagte  man  das  Niederreißen  des 
großen  Gipselefanten,  der  seitdem  jahrelang  auf  dem 


Zweiter  Teil  245 

Bastillenplatze  ruhig  stehen  blieb.  Sonderbares  Land! 
wo  trotz  der  allgemeinen  Zerstörungssucht  sich  den^ 
noch  manche  Dinge  erhalten,  da  man  allgemein  die 
schlimmeren  Dinge  fürchtet,  die  an  ihre  Stelle  treten 
könnten!  Wie  gern  würden  sie  den  Ludwig  Philipp 
niederreißen,  diesen  großen  klugen  Elefanten,  aber 
sie  fürchten  Se.  Majestät  den  souveränen  Ratten- 
könig, das  tausendköpfige  Ungetüm,  das  alsdann  zur 
Regierung  käme,  und  selbst  die  adeligen  und  geist- 
liehen  Feinde  der  Bourgeoisie,  die  nicht  eben  mit, 
Blindheit  geschlagen  sind,  suchen  aus  diesem  Grunde 
den  Juliusthron  zu  erhalten;  nur  die  ganz  beschränkten, 
die  Spieler  und  Falschspieler  unter  den  Aristokraten 
und  Klerikalen,  sind  Pessimisten  und  spekulieren  auf 
die  Republik  oder  vielmehr  auf  das  Chaos,  das  un- 
mittelbar nach  der  Republik  eintreten  dürfte. 

Die  Bourgeoisie  selbst  ist  ebenfalls  vom  Dämon 
des  Zerstörens  besessen,  und  wenn  sie  auch  die 
Republik  nicht  eben  fürchtet,  so  hat  sie  doch  eine 
instinktmäßige  Angst  vor  dem  Kommunismus,  vor 
jenen  düstern  Gesellen,  die  wie  Ratten  aus  den 
Trümmern  des  jetzigen  Regiments  hervorstürzen 
würden.  Ja,  vor  einer  Republik  von  der  frühern 
Sorte,  selbst  vor  ein  bißchen  Robespierrismus,  hätte 
die  französische  Bourgeoisie  keine  Furcht,  und  sie 
würde  sich  leicht  mit  dieser  Regierungsform  aus- 
söhnen und  ruhig  auf  die  Wache  ziehen  und  die 
Tuilerien  beschützen,  gleichviel  ob  hier  ein  Ludwig 
Philipp  oder  ein  Comite  du  Salut  public  residiert; 
denn  die  Bourgeoisie  will  vor  allem  Ordnung  und 
Schutz  der  bestehenden  Eigentumsrechte  —  Begehr- 
nisse, die  eine  Republik  ebensogut  wie  das  Königtum 
gewähren  kann.  Aber  diese  Boutiquiers  ahnen,  wie 
gesagt,    instinktmäßig,   daß   die  Republik   heutzutage 


• 


246  Lutfzia 

nicht  mehr  die  Prinzipien  der  neunziger  Jahre  ver« 
treten  möchte,  sondern  nur  die  Form  wäre,  worin 
sich  eine  neue,  unerhörte  Proletarierherrschaft  mit 
allen  Glaubenssätzen  der  Gütergemeinschaft  geltend 
machen  würde.    Sie  sind  Konservative  durch  äußere 

/  Notwendigkeit,  nicht  durch  innern  Trieb,  und  die 
Furcht  ist  hier  die  Stütze  aller  Dinge. 

Wird  diese  Furcht  noch  auf  lange  Zeit  vorhalten? 
Wird  nicht  eines  frühen  Morgens  der  nationale 
Leichtsinn  die  Köpfe  ergreifen  und  selbst  die  Angst* 
liehen  in  den  Strudel  der  Revolution  fortreißen?  Ich 
weiß  es  nicht,  aber  es  ist  möglich,  und  die  Wahl» 
resultate  zu  Paris  sind  sogar  ein  Merkmal,  daß  es 
wahrscheinlich  ist.    Die  Franzosen  haben  ein  kurzes 

J  Gedächtnis  und  vergessen  sogar  ihre  gerechtesten 
Befürchtungen.  Deshalb  treten  sie  so  oft  auf  als 
Akteure,  ja  als  Hauptakteure,  in  der  Ungeheuern  Tra* 
gödie,  die  der  liebe  Gott  auf  der  Erde  aufführen 
läßt.  Andere  Völker  erleben  ihre  große  Bewegungs» 
periode,  ihre  Geschichte,  nur  in  der  Jugend,  wenn 
sie  nämlich  ohne  Erfahrung  sich  in  die  Tat  stürzen; 
denn  später,  im  reifern  Alter,  hält  das  Nachdenken 
und  das  Abwägen  der  Folgen  die  Völker  wie  die 
Individuen  vom  raschen  Handeln  zurück,  und  nur 
die  äußere  Not,  nicht  die  eigene  Willensfreude,  treibt 
diese  Völker  in  die  Arena  der  Weltgeschichte.  Aber 

^  die  Franzosen  behalten  immer  den  Leichtsinn  der 
Jugend,  und  soviel  sie  auch  gestern  getan  und  ge* 
litten,  sie  denken  heute  nicht  mehr  daran,  die  Ver* 
gangenheit  erlöscht  in  ihrem  Gedächtnis,  und  der 
neue  Morgen  treibt  sie  zu  neuem  Tun  und  neuen 
Leiden.  Sie  wollen  nicht  alt  werden  und  sie  glauben 
sich  vielleicht  die  Jugend  selbst  zu  erhalten,  wenn 
sie  nicht  ablassen  von  jugendlicher  Betörung,  Jugend- 


Zweiter  Teil  247 

licher  Sorglosigkeit  und  jugendlicher  Großmut!  Ja  L 
Großmut,  eine  fast  kindische  Güte  im  Verzeihen, 
bildet  einen  Grundzug  des  Charakters  der  Franzosen; 
aber  ich  kann  nicht  umhin  zu  bemerken,  daß  diese 
Tugend  mit  ihren  Gebrechen  aus  demselben  Born, 
der  Vergeßlichkeit,  hervorquillt.  Der  Begriff  »Ver*  ' 
zeihen«  entspricht  bei  diesem  Volke  wirklich  dem 
Worte  »Vergessen«,  dem  Vergessen  der  Beleidigung. 
Wäre  dies  nicht  der  Fall,  es  gäbe  täglich  Mord  und 
Totschlag  in  Paris,  wo  bei  jedem  Schritte  sich 
Menschen  begegnen,  zwischen  denen  eine  Blutschuld 
existiert. 

Diese  charakteristische  Gutmütigkeit  der  Franzosen 
äußert  sich  in  diesem  Augenblick  ganz  besonders  in 
bezug  auf  Ludwig  Philipp,  und  seine  ärgsten  Feinde 
im  Volk,  mit  Ausnahme  der  Karlisten,  offenbaren 
eine  rührende  Teilnahme  an  seinem  häuslichen  Un- 
glück.  Ich  möchte  behaupten,  der  König  ist  jetzt 
wieder  populär.  Als  ich  gestern  vor  Notre-Dame  die 
Vorbereitungen  zur  Leichenfeier  betrachtete  und  dem 
Gespräch  der  Kurzjacken  zuhörte,  die  dort  versammelt 
standen,  vernahm  ich  unter  andern  die  naive  Auße- 
rung:  der  König  könne  jetzt  ruhig  in  Paris  spazieren 
gehen  und  es  werde  niemand  auf  ihn  schießen. 
<Welche  Popularität!)  Der  Tod  des  Herzogs  von 
Orleans,  der  allgemein  geliebt  war,  hat  seinem  Vater 
die  störrigsten  Herzen  wiedergewonnen,  und  die 
Ehe  zwischen  König  und  Volk  ist  durch  das  ge- 
meinschaftliche Unglück  gleichsam  aufs  neue  einge- 
segnet worden.  Aber  wie  lange  werden  die  schwar- 
zen Flitterwochen  dauern? 


2.J.5  Lutcria 

LI. 

Paris,  17.  September  1842. 

Nach  einer  vierwöchentlichen  Reise  bin  ich  seit 
gestern  wieder  hier,  und  ich  gestehe,  das  Herz  jauchzte 
mir  in  der  Brust,  als  der  Postwagen  über  das  geliebte 
Pflaster  der  Boulevards  dahinrollte,  als  ich  dem  ersten 
Putzladen  mit  lächelnden  Grisettengesichtern  vorüber^ 
fuhr,  als  ich  das  Glockengeläute  der  Cocoverkäufer 
vernahm,  als  die  holdselige  zivilisierte  Luft  von  Paris 
mich  wieder  anwehte.  Es  wurde  mir  fast  glücklich 
zumut,  und  den  ersten  Nationalgardisten,  der  mir 
begegnete,  hätte  ich  umarmen  können;  sein  zahmes 
gutmütiges  Gesicht  grüßte  so  witzig  hervor  unter 
der  wilden  rauhen  Bärenmütze,  und  sein  Bajonett 
hatte  wirklich  etwas  Intelligentes,  wodurch  es  sich 
von  den  Bajonetten  anderer  Korporationen  so  be- 
ruhigend unterscheidet.  Warum  aber  war  die  Freude 
bei  meiner  Rückkehr  nach  Paris  diesmal  so  über- 
schwenglich, daß  es  mich  fast  bedünkte  als  beträte 
ich  den  süßen  Boden  der  Heimat,  als  hörte  ich  wieder 
die  Laute  des  Vaterlandes?  Warum  übt  Paris  einen 
solchen  Zauber  auf  Fremde,  die  in  seinem  Weich- 
bild einige  Jahre  verlebt?  Viele  wackere  Landsleute, 
die  hier  seßhaft,  behaupten,  an  keinem  Ort  der  Welt 
könne  der  Deutsche  sich  heimischer  fühlen  als  eben 
in  Paris,  und  Frankreich  selbst  sei  am  Ende  unserm 
Herzen  nichts  anderes  als  ein  französisches  Deutsch- 
land. 

Aber  diesmal  ist  meine  Freude  bei  der  Rückkehr 
doppelt  groß:  ich  komme  aus  England.  Ja,  aus  Eng- 
land, obgleich  ich  nicht  den  Kanal  durchschiffte.  Ich 
verweilte  nämlich  während  vier  Wochen  in  Boulogne- 
sur*mer,  und  das  ist   bereits  eine   englische  Stadt. 


Zweiter  Teil 


249 


Man  sieht  dort  nichts  als  Engländer  und  hört  dort 
nichts  als  Englisch  von  morgens  bis  abends,  ach, 
sogar  des  Nachts,  wenn  man  das  Unglück  hat, 
Wandnachbarn  zu  besitzen,  die  bis  tief  in  die  Nacht 
bei  Tee  und  Grog  politisieren !  Während  vier  Wochen 
hörte  ich  nichts  als  jene  Zischlaute  des  Egoismus, 
der  sich  in  jeder  Silbe,  in  jeder  Betonung  ausspricht. 
Es  ist  gewiß  eine  schreckliche  Ungerechtigkeit,  über 
ein  ganzes  Volk  das  Verdammungsurteil  auszusprechen. 
Doch  in  betreff  der  Engländer  könnte  mich  der  augen- 
blickliche Unmut  zu  dergleichen  verleiten,  und  beim 
Anblick  der  Masse  vergesse  ich  leicht  die  vielen 
wackern  und  edlen  Männer,  die  sich  durch  Geist 
und  Freiheitsliebe  ausgezeichnet.  Aber  diese,  nament- 
lich die  britischen  Dichter,  stachen  immer  desto  greller 
ab  von  dem  übrigen  Volk,  sie  waren  isolierte  Mär- 
tyrer ihrer  nationalen  Verhältnisse,  und  dann  gehören 
große  Genies  nicht  ihrem  partikulären  Geburtslande, 
kaum  gehören  sie  dieser  Erde,  der  Schädelstätte 
ihres  Leidens.  Die  Masse,  die  Stock-Engländer  — 
Gott  verzeih  mir  die  Sünde  —  sind  mir  in  tiefster 
Seele  zuwider,  und  manchmal  betrachte  ich  sie  gar 
nicht  als  meine  Mitmenschen,  sondern  ich  halte  sie 
für  leidige  Automaten,  für  Maschinen,  deren  in- 
wendige Triebfeder  der  Egoismus.  Es  will  mich 
dann  bedünken,  als  hörte  ich  das  schnurrende  Räder- 
werk, womit  sie  denken,  fühlen,  rechnen,  verdauen 
und  beten  —  ihr  Beten,  ihr  mechanisches  anglika- 
nisches Kirchengehen  mit  dem  vergoldeten  Gebet- 
buch unterm  Arm,  ihre  blöde  langweilige  Sonntags- 
feier, ihr  linkisches  Frömmeln  ist  mir  am  wider- 
wärtigsten; ich  bin  fest  überzeugt,  ein  fluchender 
Franzose  ist  ein  angenehmeres  Schauspiel  für  die 
Gottheit,   als   ein    betender  Engländer!    Zu    andern 


250  Luteria 

Zeiten  kommen  diese  Stock-Engländer  mir  vor  wie 
ein  öder  Spuk,  und  weit  unheimlicher  als  die  bleichen 
Schatten  der  mitternächtlichen  Geisterstunde  sind 
mir  jene  vierschrötigen,  rotbäckigen  Gespenster,  die 
schwitzend  im  grellen  Sonnenlicht  umherwandeln. 
J  Dabei  der  totale  Mangel  an  Höflichkeit.  Mit  ihren 
eckigen  Gliedmaßen,  mit  ihren  steifen  Ellenbogen 
stoßen  sie  überall  an,  und  ohne  sich  zu  entschuldigen 
durch  ein  artiges  Wort.  Wie  müssen  diese  rot- 
haarigen Barbaren,  die  blutiges  Fleisch  fressen,  erst 
jenen  Chinesen  verhaßt  sein,  denen  die  Höflichkeit 
angeboren,  und  die,  wie  bekannt  ist,  zwei  Drittel 
ihrer  Tageszeit  mit  der  Ausübung  dieser  National- 
tugend  verknicksen  und  verbücklingen! 

Ich  gestehe  es,  ich  bin  nicht  ganz  unparteiisch, 
wenn  ich  von  Engländern  rede,  und  mein  Mißurteil, 
meine  Abneigung,  wurzelt  vielleicht  in  den  Besorg- 
nissen ob  der  eigenen  Wohlfahrt,  ob  der  glücklichen 
Friedensruhe  des  deutschen  Vaterlandes.  Seitdem 
ich  nämlich  tief  begriffen  habe,  welcher  schnöde 
Egoismus  auch  in  ihrer  Politik  waltet,  erfüllen  mich 
diese  Engländer  mit  einer  grenzenlosen,  grauenhaften 
Furcht.  Ich  hege  den  besten  Respekt  vor  ihrer  ma- 
teriellen Obmacht;  sie  haben  sehr  viel  von  jener 
brutalen  Energie,  womit  die  Römer  die  Welt  unter- 
drückt, aber  sie  vereinigen  mit  der  römischen  Wolfs- 
gier auch  die  Schlangenlist  Karthagos.  Gegen  erstere 
haben  wir  gute  und  sogar  erprobte  Waffen,  aber 
gegen  die  meuchlerischen  Ränke  jener  Punier  der 
Nordsee  sind  wir  wehrlos.  Und  jetzt  ist  England 
gefährlicher  als  je,  jetzt  wo  seine  merkantilischen 
Interessen  unterliegen:  es  gibt  in  der  ganzen  Schöp- 
fung kein  so  hartherziges  Geschöpf  wie  ein  Krämer, 
dessen  Handel  ins  Stocken  geraten,  dem  seine  Kunden 


j 


Zweiter  Teil  251 

abtrünnig  werden  und  dessen  Warenlager  keinen  Ab- 
satz mehr  findet. 

Wie  wird  England  sich  aus  solcher  Geschäfts^ 
krisis  retten?  Ich  weiß  nicht  wie  die  Frage  der 
Fabrikarbeiter  gelöst  werden  kann;  aber  ich  weiß, 
daß  die  Politik  des  modernen  Karthagos  nicht  sehr 
wählig  in  ihren  Mitteln  ist.  Ein  europäischer  Krieg 
wird  dieser  Selbstsucht  vielleicht  zuletzt  als  das  ge^ 
eignetste  Mittel  erscheinen,  um  dem  innern  Gebreste 
einige  Ableitung  nach  außen  zu  bereiten.  Die  eng* 
lische  Oligarchie  spekuliert  alsdann  zunächst  auf  den 
Säckel  des  Mittelstandes,  dessen  Reichtum  in  der 
Tat  kolossal  ist  und  zur  Besoldung  und  Beschwich- 
tigung der  unteren  Klassen  hinlänglich  ausgebeutet 
werden  dürfte.  Wie  groß  auch  ihre  Ausgaben  für 
indische  und  chinesische  Expeditionen,  wie  groß  auch 
ihre  finanzielle  Not,  wird  doch  die  englische  Regie* 
rung  jetzt  den  pekuniären  Aufwand  steigern,  wenn  es 
ihre  Zwecke  fördert.  Je  größer  das  heimliche  Defi- 
zit, desto  reichlicher  wird  im  Ausland  das  englische 
Gold  ausgestreut  werden:  England  ist  ein  Kaufmann,* 
der  sich  in  bankerottem  Zustand  befindet,  und  aus 
Verzweiflung  ein  Verschwender  wird,  oder  vielmehr 
kein  Geldopfer  scheut  um  sich  momentan  zu  halten. 
Und  man  kann  mit  Geld  schon  etwas  ausrichten 
auf  dieser  Erde,  besonders  seit  jeder  die  Seligkeit 
hier  unten  sucht.  Man  hat  keinen  Begriff  davon, 
wie  England  jährlich  die  ungeheuersten  Summen 
ausgibt  bloß  zur  Besoldung  seiner  ausländischen 
Agenten,  deren  Instruktionen  alle  für  den  Fall  eines 
europäischen  Krieges  berechnet  sind,  und  wie  wieder 
diese  englischen  Agenten  die  heterogensten  Talente, 
Tugenden  und  Laster  im  Ausland  für  ihre  Zwecke 
zu  gewinnen  wissen. 


252 


Lutezia 


J  Wenn    wir   dergleichen  bedenken,   wenn   wir   zur 

Hinsicht  gelangen,  daß  nicht  an  der  Seine,  aus  Be- 
geisterung für  eine  Idee  und  auf  öffentlichem  Markt- 
platz, die  Ruhe  Huropas  am  furchtbarsten  gestört 
werden  dürfte,  sondern  an  der  Themse,  in  den  ver- 
schwiegenen Gemächern  des  Foreign  Office,  infolge 
des  rohen  Hungerschreies  englischer  Fabrikarbeiter; 
wenn  wir  dieses  bedenken,  so  müssen  wir  dorthin 
manchmal  unser  Auge  richten  und  nächst  der  Per- 
sönlichkeit der  Regierenden  auch  die  andrängende 
Not  der  untern  Klassen  beobachten.  Diese  gestei- 
gerte Not  ist  ein  Gebreste,  das  die  unwissenden 
Feldscherer  durch  Aderlässe  zu  heben  glauben,  aber 
ein  solches  Blutvergießen  wird  eine  Verschlimmerung 
hervorbringen.  Nicht  von  außen,  durch  die  Lanzette, 
nein,  nur  von  innen  heraus,  durch  geistige  Medika- 
mente kann  der  sieche  Staatskörper  geheilt  werden. 
Nur  soziale  Ideen  könnten  hier  eine  Rettung  aus  der 
verhängnisvollsten  Not  herbeiführen,  aber,  um  mit 
Saint-Simon  zu  reden,  auf  allen  Werften  Englands 
gibt  es  keine  einzige  große  Idee;  nichts  als  Dampf- 
maschinen und  Hunger.  Jetzt  ist  freilich  der  Auf- 
ruhr unterdrückt,  aber  durch  öftere  Ausbrüche  kann 
es  wohl  dahin  kommen,  daß  die  englischen  Fabrik- 
arbeiter, die  nur  Baum-  und  Schafwolle  zu  verarbeiten 
wissen,  sich  auch  ein  bißchen  in  Menschenfleisch 
versuchen  und  sich  die  nötigen  Handgriffe  aneignen, 
und  endlich  dieses  blutige  Gewerbe  ebenso  mutvoll 
ausüben  wie  ihre  Kollegen  die  Ouvriers  zu  Lyon 
und  Paris,  und  dann  dürfte  es  sich  endlich  ereignen, 
daß  der  Besieger  Napoleons,  der  Feldmarschall  My- 
lord  Wellington,  der  jetzt  wieder  sein  Oberschergen- 
amt angetreten  hat,  mitten  in  London  sein  Waterloo 
fände.    In  gleicher  Weise  möchte  leicht  der  Fall  ein- 


Zweiter  Teil 


*53 


treten,  daß  seine  Myrmidonen  ihrem  Meister  den 
Gehorsam  aufkündigten.  Es  zeigen  sich  schon  jetzt 
sehr  bedenkliche  Symptome  solcher  Gesinnung  bei 
dem  englischen  Militär,  und  in  diesem  Augenblick 
sitzen  fünfzig  Soldaten  im  Towergefängnis  zu  Lon- 
don, welche  sich  geweigert  hatten,  auf  das  Volk  zu 
schießen.  Es  ist  kaum  glaublich,  und  es  ist  dennoch 
wahr,  daß  englische  Rotröcke  nicht  dem  Befehl  ihrer 
Offiziere,  sondern  der  Stimme  der  Menschlichkeit  ge- 
horchten und  jener  Peitsche  vergaßen,  welche  die 
Katze  mit  neun  Schwänzen  <the  cat  of  nine  tails) 
heißt  und  mitten  in  der  stolzen  Hauptstadt  der  eng- 
lischen Freiheit  ihren  Heldenrücken  beständig  bedroht 
—  die  Knute  Großbritanniens!  Es  ist  herzzerreißend, 
wenn  man  liest  wie  die  Weiber  weinend  den  Sol- 
daten entgegentraten  und  ihnen  zuriefen:  »Wir  brau- 
chen keine  Kugeln,  wir  brauchen  Brot.«  Die  Männer 
kreuzten  ergebungsvoll  die  Arme  und  sprachen :  »Den 
Hunger  müßt  ihr  totschießen,  nicht  uns  und  unsere 
Kinder.«  Der  gewöhnliche  Schrei  war:  »Schießt  nicht, 
wir  sind  ja  alle  Brüder!« 

Solche  Berufung  auf  die  Fraternität  mahnt  mich 
an  die  französischen  Kommunisten,  bei  denen  ich 
ähnliche  Redeweisen  zuweilen  vernahm.  Diese  Rede- 
weisen, wie  ich  besonders  in  Lyon  bemerkte,  waren 
durchaus  nicht  auffallend  oder  stark  gefärbt,  weder 
pikant  noch  original;  im  Gegenteil,  es  waren  die  ab- 
gedroschensten, plattesten  Gemeinsprüche,  welche  der 
Troß  der  Kommunisten  im  Munde  führte.  Aber  die 
Macht  ihrer  Propaganda  besteht  nicht  sowohl  in 
einem  gut  formulierten  Prospektes  von  bestimmten 
Beklagnissen  und  bestimmten  Forderungen,  sondern 
in  einem  tiefwehmütigen  und  fast  sympathetisch 
wirkenden    Ton,    womit    sie    die'  banalsten    Dinge 


254 


Lutezta 


äußern,  z.  B.  »Wir  sind  alle  Brüder«  usw.  Der  Ton 
und  allenfalls  ein  geheimer  Händedruck  bilden  als- 
dann den  Kommentar  zu  diesen  Worten  und  verleihen 
.  ihnen  ihre  welterschütternde  Bedeutung.  Die  fran- 
zösischen Kommunisten  stehen  überhaupt  auf  dem- 
selben Standpunkt  mit  den  englischen  Fabrikarbeitern, 
nur  daß  der  Franzose  mehr  von  einer  Idee,  der  Eng- 
länder hingegen  ganz  und  gar  vom  Hunger  ge- 
trieben wird. 

Der  Aufruhr  in  England  ist  für  den  Augenblick 
gestillt,  aber  nur  für  den  Augenblick;  er  ist  bloß 
vertagt,  er  wird  mit  jedesmal  gesteigerter  Macht  aufs 
neue  ausbrechen,  und  um  so  gefährlicher,  da  er 
immer  die  rechte  Stunde  abwarten  kann.  Wie  aus 
vielen  Anzeichen  einleuchtet,  ist  der  Widerstand  der 

4     Fabrikarbeiter  jetzt  ebenso   praktisch  organisiert  wie 
einst  der  Widerstand   der  irischen  Katholiken.     Die 

J  Chartisten  haben  diese  drohende  Macht  in  ihr  Inter- 
esse zu  ziehen  und  einigermaßen  zu  disziplinieren 
gewußt,  und  ihre  Verbindung  mit  den  unzufriedenen 
Fabrikarbeitern  ist  vielleicht  die  wichtigste  Erschei- 
nung der  Gegenwart.  Diese  Verbindung  entstand 
auf  sehr  einfachem  Wege,  sie  war  eine  natürliche, 
obgleich  die  Chartisten  sich  gern  mit  einem  bestimm- 
ten Programm  als  eine  rein  politische  Partei  präsen- 
tieren, und  die  Fabrikarbeiter,  wie  ich  schon  oben 
erwähnt,  nur  arme  Taglöhner  sind,  die  vor  Hunger 
kaum  sprechen  können  und,  gleichgültig  gegen  alle 
Regierungsform,  nur  das  liebe  Brot  verlangen.  Aber 
das  Wort  meldet  selten  den  innern  Herzensgedanken 
einer  Partei,  es  ist  nur  ein  äußerliches  Erkennungs- 
zeichen, gleichsam  die  gesprochene  Kokarde;  der 
Chartist,  der  sich  auf  die  politische  Frage  zu  be- 
schränken vorgibt,   hegt  Wünsche   im  Gemüte,   die 


Zweiter  Teil  255 

mit  den  vagsten  Gefühlen  jener  hungrigen  Hand- 
werker tief  übereinstimmen,  und  diese  können  ihrer- 
seits immerhin  das  Programm  der  Chartisten  zu  ihrem 
Feldgeschrei  wählen,  ohne  ihre  Zwecke  zu  ver- 
absäumen.  Die  Chartisten  nämlich  verlangen:  erstens, -^ 
daß  das  Parlament  nur  aus  Einer  Kammer  bestehe 
und  durch  alljährliche  Wahlen  erneuert  werde;  zwei- 
tens, daß  durch  geheimes  Votieren  die  Unabhängig- 
keit der  Wähler  sichergestellt  werde;  endlich,  daß 
jeder  geborene  Engländer,  der  ins  Mannesalter  ge- 
treten,  Wähler  und  wählbar  sei.  »Davon  können 
wir  noch  immer  nicht  essen,«  sagten  die  notleiden- 
den Arbeiter,  »von  Gesetzbüchern  ebensowenig  wie 
von  Kochbüchern  wird  der  Mensch  satt,  uns 
hungert.«  »Wartet  nur,«  entgegnen  die  Chartisten, 
»bis  jetzt  saßen  im  Parlament  nur  die  Reichen, 
und  diese  sorgten  nur  für  die  Interessen  ihrer  eignen 
Besitztümer;  durch  das  neue  Wahlgesetz,  durch  die 
Charte,  werden  aber  auch  die  Handwerker  oder  ihre 
Vertreter  ins  Parlament  kommen,  und  da  wird  es 
sich  wohl  ausweisen,  daß  die  Arbeit  ebensogut  wie 
jeder  andere  Besitz  ein  Eigentumsrecht  in  Anspruch 
nehmen  kann,  und  es  einem  Fabrikherrn  ebensowenig 
erlaubt  sein  dürfte,  den  Taglohn  des  Arbeiters  nach 
Willkür  herabzusetzen,  wie  es  ihm  nicht  erlaubt  ist, 
das  Mobiliar-  oder  Immobiliarvermögen  seines  Nach- 
barn zu  beeinträchtigen.  Die  Arbeit  ist  das  Eigen- 
tum des  Volks,  und  die  daraus  entspringenden  Eigen- 
tumsrechte sollen  durch  das  regenerierte  Parlament 
sanktioniert  und  geschützt  werden.«  Ein  Schritt  ^ 
weiter  und  diese  Leute  sagen,  die  Arbeit  sei  das 
Recht  des  Volks;  und  da  dieses  Recht  auch  die  Be- 
rechtigung zu  einem  unbedinglichen  Arbeitslohne  zur 
•  Folge  hätte,  so  führt  der  Chartismus,  wo  nicht  zur 


2*<S  Lutezia 

Gütergemeinschaft,  doch  gewiß  zur  Erschütterung 
der  bisherigen  Eigentumsidee,  des  Grundpfeilers  der 
heutigen  Gesellschaft,  und  in  jenen  chartistischen 
Anfängen  läge,  in  ihre  Konsequenzen  verfolgt,  eine 
soziale  Umwälzung,  wogegen  die  französische  Re- 
volution als  sehr  zahm  und  bescheiden  erscheinen 
dürfte. 

Hier  offenbart  sich  wieder  die  Hypokrisie  und  der 
praktische  Sinn  der  Engländer,  im  Gegensatz  zu  den 
Franzosen:  die  Chartisten  verbergen  unter  legalen 
Formen  ihren  Terrorismus,  während  die  Kommunisten 
ihn  freimütig  und  unumwunden  aussprechen.  Letztere 
tragen  freilich  noch  einige  Scheu,  die  letzten  Kon- 
sequenzen ihres  Prinzips  beim  rechten  Namen  zu 
nennen,  und  diskutiert  man  mit  ihren  Häuptlingen, 
so  verteidigen  sich  diese  gegen  den  Vorwurf,  als 
wollten  sie  das  Eigentum  abschaffen,  und  sie  be- 
S  haupten  dann,  sie  wollten  im  Gegenteil  das  Eigen- 
tum auf  eine  breitere  Basis  etablieren,  sie  wollten 
ihm  eine  umfassendere  Organisation  verleihen.  Du 
lieber  Himmel,  ich  fürchte,  das  Eigentum  würde 
durch  den  Eifer  solcher  Organisatoren  sehr  in  die 
Krümpe  gehen,  und  es  würde  am  Ende  nichts  als 
die  breite  Basis  übrigbleiben.  »Ich  will  dir  die  Wahr- 
heit gestehenc,  sagte  mir  jüngst  ein  kommunistischer 
Freund,  »das  Eigentum  wird  keineswegs  abgeschafft 
werden,  aber  es  bekömmt  eine  neue  Definition.« 

Es  ist  nun  diese  neue  Definition,  die  hier  in  Frank- 
reich dem  herrschenden  Bürgerstande  eine  große 
Angst  einflößt,  und  dieser  Angst  verdankt  Ludwig 
Philipp  seine  ergebensten  Anhänger,  die  eifrigsten 
Stützen  seines  Thrones.  Je  heftiger  die  Stützen 
zittern,  desto  weniger  schwankt  der  Thron,  und  der 
König    braucht    nichts    zu    fürchten^    eben    weil   die 


Zweiter  Teil 


257 


Furcht  ihm  Sicherheit  gibt.  Auch  Guizot  erhält 
sich  durch  die  Angst  vor  der  neuen  Definition,  die 
er  mit  seiner  scharfen  Dialektik  so  meisterhaft  be- 
kämpft, und  ich  glaube  nicht,  daß  er  so  bald  untere 
liegt,  obgleich  die  herrschende  Partei  der  Bourgeoisie, 
für  die  er  so  viel  getan  und  so  viel  tut,  kein  Herz  für 
ihn  hat.  Warum  lieben  sie  ihn  nicht?  Icff  glaube/ 
erstens  weil  sie  ihn  nicht  verstehen,  und  zweitens 
weil  man  denjenigen,  der  unsere  eignen  Güter  schützt, 
immer  weit  weniger  liebt,  als  denjenigen,  der  uns  fremde 
Güter  verspricht.  So  war  es  einst  in  Athen,  so  ist  es 
jetzt  in  Frankreich,  so  wird  es  in  jeder  Demokratie  sein, 
wo  das  Wort  frei  ist  und  die  Menschen  leichtgläubig. 


lii. 

Paris,  4.  Dezember  1842. 

Wird  sich  Guizot  halten?  Es  hat  mit  einem  fran- 
zösischen Ministerium  ganz  dieselbe  Bewandtnis  wie 
mit  der  Liebe:  man  kann  nie  ein  sicheres  Urteil 
fällen  über  seine  Stärke  und  Dauer.  Man  glaubt 
zuweilen,  das  Ministerium  wurzle  unerschütterlich 
fest,  und  siehe!  es  stürzt  den  nächsten  Tag  durch 
einen  geringen  Windzug.  Noch  öfter  glaubt  man, 
das  Ministerium  wackle  seinem  Untergang  entgegen, 
es  könne  sich  nur  noch  wenige  Wochen  auf  den 
Beinen  halten,  aber  zu  unsrer  Verwunderung  zeigt 
es  sich  alsbald  noch  kräftiger  als  früher  und  über- 
lebt alle  diejenigen,  die  ihm  schon  die  Leichenrede 
hielten.  Vor  vier  Wochen,  den  29.  Oktober,  feierte 
dds  Guizotsche  Ministerium  seinen  dritten  Geburts- 
tag, es  ist  jetzt  über  zwei  Jahr  alt,  und  ich  sehe 
nicht  ein,    warum   es   nicht   länger   leben   sollte   auf 

ix,  .7 


258 


Lutezia 


J 


dieser  schönen  Erde,  auf  dem  Boulevard  des  Capu- 
eins,  wo  grüne  Bäume  und  gute  Luft.  Freilich,  gar 
viele  Ministerien  sind  dort  schnell  hingerafft  worden, 
aber  diese  haben  ihr  frühes  Ende  immer  selbst  ver- 
schuldet: sie  haben  sich  zuviel  Bewegung  gemacht. 
/  Ja,  was  bei  uns  andern  die  Gesundheit  fördert,  die 
Bewegung,  das  macht  ein  Ministerium  todkrank,  und 
namentlich  der  erste  März  ist  daran  gestorben.  Sie 
können  nicht  stillsitzen,  diese  Leutchen.  Der  öftere 
Regierungswechsel  in  Frankreich  ist  nicht  bloß  eine 
Nachwirkung  der  Revolution,  sondern  auch  ein  Er- 
gebnis des  Nationalcharakters  der  Franzosen,  denen 
das  Handeln,  die  Tätigkeit,  die  Bewegung,  ein  ebenso 
großes  Bedürfnis  ist,  wie  uns  Deutschen  das  Tabaks- 
rauchen, das  stille  Denken  und  die  Gemütsruhe;  ge- 
rade dadurch,  daß  die  französischen  Staatslenker  so 
rührig  sind  und  sich  beständig  etwas  Neues  zu 
schaffen  machen,  geraten  sie  in  halsbrechende  Ver- 
wicklungen. Dies  gilt  nicht  bloß  von  den  Ministerien, 
sondern  auch  von  den  Dynastien,  die  immer  durch 
eigene  Aktivität  ihre  Katastrophe  beschleunigt  haben. 
Ja,  durch  dieselbe  fatale  Ursache,  durch  die  unermüd- 
liche Aktivität,  ist  nicht  bloß  Thiers  gefallen,  son- 
dern auch  der  stärkere  Napoleon,  der  bis  an  sein 
seliges  Ende  auf  dem  Throne  geblieben  wäre,  wenn 
er  nur  die  Kunst  des  Stillsitzens,  die  bei  uns  den 
kleinen  Kindern  zuerst  gelehrt  wird,  besessen  hätte! 
Diese  Kunst  besitzt  aber  Herr  Guizot  in  einem 
hohen  Grade,  er  hält  sich  marmorn  still,  wie  der 
Obelisk  des  Luxor,  und  wird  deshalb  sich  länger  er- 
halten als  man  glaubt.  Er  tut  nichts,  und  das  ist 
das  Geheimnis  seiner  Erhaltung.  Warum  aber  tut 
er  nichts?  Ich  glaube  zunächst,  weil  er  wirklich 
eine   gewisse   germanische   Gemütsruhe   besitzt    und 


Zweiter  Teil  259 

von  der  Sucht  der  Geschäftigkeit  weniger  geplagt 
wird  als  seine  Landsleute.  Oder  tut  er  nichts,  weil 
er  so  viel  versteht?  Je  mehr  wir  wissen,  je  tiefer  und 
umfassender  unsre  Einsichten  sind,  desto  schwerer 
wird  uns  das  Handeln,  und  wer  alle  Folgen  jedes 
Schrittes  immer  voraussähe,  der  würde  gewiß  bald 
aller  Bewegung  entsagen  und  seine  Hände  nur  dazu 
gebrauchen,  um  seine  eigenen  Füße  zu  binden.  Das\^ 
weiteste  Wissen  verdammt  uns  zur  engsten  Passivität. 
Indessen  —  was  auch  das  Schicksal  des  Ministe- 
riums sein  möge  —  laßt  uns  die  letzten  Tage  des 
Jahres,  das  gottlob  seinem  Ende  naht,  so  resigniert 
als  möglich  ertragen!  Wenn  uns  nur  der  Himmel 
nicht  zum  Schluß  mit  einem  neuen  Unglück  heim' 
sucht!  Es  war  ein  schlechtes  Jahr,  und  wäre  ich 
ein  Tendenzpoet,  ich  würde  mit  meinen  mißtönend 
poltrigsten  Versen  dem  scheidenden  Jahre  ein  Chari- 
vari  bringen.  In  diesem  schlechten  schändlichen  Jahre  ^ 
hat  die  Menschheit  viel  erduldet  und  sogar  die  Ban- 
kiers haben  einige  Verluste  erlitten.  Welch  ein 
schreckliches  Unglück  war  z.  B.  der  Brand  auf  der 
Versailler  Eisenbahn!  Ich  spreche  nicht  von  dem 
verunglückten  Sonntagspublikum,  das  bei  dieser  Ge- 
legenheit gebraten  oder  gesotten  wurde:  ich  spreche 
vielmehr  von  der  überlebenden  Sabbatkompagnie, 
deren  Aktien  um  so  viele  Prozente  gefallen  sind 
und  die  jetzt  dem  Ausgang  der  Prozesse,  die  jene 
Katastrophe  hervorgerufen,  mit  zitternder  Besorgnis 
entgegensieht.  Werden  die  Stifter  der  Kompagnie 
den  verwaisten  oder  verstümmelten  Opfern  ihrer  Ge- 
winnsucht einigen  Schadenersatz  gewähren  müssen? 
Es  wäre  entsetzlich!  Diese  beklagenswerten  Millio- 
näre haben  schon  so  viel  eingebüßt,  und  der  Profit 
von   andern  Unternehmungen   mag   in   diesem  Jahre 


J 


26o  Lutezia 

das  Defizit  kaum  decken.  Dazu  kommen  noch  andere 
Fatalitäten,  über  die  man  leicht  den  Verstand  ver- 
lieren  kann,  und  an  der  Börse  versicherte  man  gestern, 
der  Halbbankier  Läusedorf  wolle  zum  Christentum 
übergehn.  Andern  geht  es  besser,  und  wenn  auch 
die  rive  gauche  gänzlich  ins  Stocken  geriete,  könnten 
wir  uns  damit  trösten,  daß  die  rive  droite  desto  er- 
freulicher gedeiht.  Auch  die  südfranzösischen  Eisen- 
bahnen, sowie  die  jüngst  konzessionierten,  machen 
gute  Geschäfte,  und  wer  gestern  noch  ein  armes 
Lümpchen  war,  ist  heute  schon  ein  reicher  Lump. 
Namentlich  der  dünne  und  langnasige  Herr  *  ver- 
sichert: er  habe  »Grind«  mit  der  Vorsehung  zu- 
frieden zu  sein.  Ja,  während  Ihr  andern  in  philoso- 
phischen Spekulationen  Eure  Zeit  vertrödelt,  spekulierte 
und  trödelte  dieser  dünne  Geist  mit  Eisenbahnaktien, 
und  einer  seiner  Gönner  von  der  hohen  Bank  sagte 
mir  jüngst:  »Sehen  Sie,  das  Kerlchen  war  gar  nichts 
und  jetzt  hat  es  Geld  und  es  wird  noch  mehr  Geld 
verdienen,  und  es  hat  sich  all  sein  Lebtag  nicht  mit 
Philosophie  abgegeben.«  Wie  doch  diese  Pilze  in 
allen  Ländern  und  Zeiten  dieselben  gewesen!  Mit 
besonderer  Verachtung  haben  sie  immer  auf  Schrift- 
steller herabgesehen,  die  sich  mit  jenen  uneigennützi- 
gen Studien  beschäftigen,  die  wir  Philosophie  nennen. 
Schon  vor  achtzehnhundert  Jahren,  wie  Petron  er- 
zählt, lieft  ein  römischer  Parvenü  sich  folgende  Grab- 
schrift setzen:  »Hier  ruht  Straberius  —  er  war  an- 
fangs gar  nichts,  er  hinterließ  jedoch  dreihundert 
Millionen  Sestertien,  er  hat  sich  sein  Lebtag  nicht 
mit  Philosophie  abgegeben,  folge  seinem  Beispiel  und 
du  wirst  dich  Wohlbefinden.« 

Hier  in  Frankreich  herrscht  gegenwärtig  die  größte 
Ruhe.  Ein  abgematteter,  schläfriger,  gähnender  Friede. 


Zweiter  Teil  261 

Es  ist  alles  still,  wie  in  einer  verschneiten  Winter* 
nacht.  Nur  ein  leiser,  monotoner  Tropfenfall.  Das 
sind  die  Zinsen,  die  fortlaufend  hinabträufeln  in  die 
Kapitalien,  welche  beständig  anschwellen;  man  hört 
ordentlich  wie  sie  wachsen,  die  Reichtümer  der  Rei* 
chen.  Dazwischen  das  leise  Schluchzen  der  Armut. 
Manchmal  auch  klirrt  etwas,  wie  ein  Messer  das  ge» 
wetzt  wird.  Nachbarliche  Tumulte  kümmern  uns 
sehr  wenig,  und  nicht  einmal  das  rasselnde  Schild» 
erheben  in  Barcelona  hat  uns  hier  aufgestört.  Der 
Mordspektakel,  der  im  Studierzimmer  der  MademoU 
seile  Heinefetter  zu  Brüssel  vorfiel,  hat  uns  schon 
weit  mehr  interessiert,  und  ganz  besonders  sind  die 
Damen  ungehalten  über  dieses  deutsche  Gemüt,  das 
trotz  eines  mehrjährigen  Aufenthalts  in  Frankreich 
doch  noch  nicht  gelernt  hatte,  wie  man  es  anfängt, 
daß  zwei  gleichzeitige  Anbeter  sich  nicht  auf  der 
Walstätte  ihres  Glücks  begegnen.  Die  Nachrichten 
aus  dem  Osten  erregten  gleichfalls  ein  unzufriedenes 
Gemurmel  im  Volke,  und  der  Kaiser  von  China  hat 
sich  ebensostark  blamiert  wie  Mademoiselle  Heine- 
fetter. Nutzloses  Blutvergießen,  und  die  Blume  der 
Mitte  ist  verloren.  Die  Engländer  sind  überrascht, 
so  leichten  Kaufs  mit  dem  Bruder  der  Sonne  fertig 
geworden  zu  sein,  und  sie  berechnen  schon,  ob  sie 
die  jetzt  überflüssigen  Kriegsrüstungen  im  Indischen 
Meere  nicht  gegen  Japan  richten  sollen,  um  auch 
dieses  Land  zu  brandschatzen.  An  einem  loyalen 
Vorwande  zum  Angriff  wird  es  gewiß  auch  hier 
nicht  fehlen.  Sind  es  nicht  Opiumfässer,  so  sind  es 
die  Schriften  der  englischen  Missionsgesellschaft,  die 
von  der  japanischen  Sanitätskommission  konfisziert 
worden.  Vielleicht  bespreche  ich  in  einem  spätem 
Briefe,  wie  England  seine  Kriegszüge  bemäntelt.    Die 


2Ö2 


Lutezia 


Drohung,  daß  britische  Großmut  uns  nicht  zu  Hilfe 
kommen  werde,  wenn  Deutschland  einst  wie  Polen 
geteilt  werden  dürfte,  erschreckt  mich  nimmermehr. 
Erstens  kann  Deutschland  nicht  geteilt  werden.  Teile 
mal  einer  das  Fürstentum  Liechtenstein  oder  Greiz* 
Schleiz!    Und  zweitens  —  — 


y 


LIII. 


Paris,  31.  Dezember  1842. 
Noch  ein  kleiner  Fußtritt,  und  das  alte  böse  Jahr 
rollt  hinunter  in  den  Abgrund  der  Zeit.  Dieses  Jahr 
war  eine  Satire  auf  Ludwig  Philipp,  auf  Guizot,  auf 
alle  die  sich  so  viele  Mühe  gegeben  haben,  den 
Frieden  in  Europa  zu  erhalten.  Dieses  Jahr  ist  eine 
Satire  auf  den  Frieden  selbst,  denn  im  geruhsamen 
Schöße  desselben  wurden  wir  mit  Schrecknissen  heim- 
gesucht, wie  sie  der  gefürchtete  Krieg  gewiß  nicht 
schrecklicher  hervorbringen  konnte.  Entsetzlicher 
Wonnemond,  wo  fast  gleichzeitig  in  Frankreich,  in 
Deutschland  und  HaTti  die  fürchterlichsten  Trauer- 
spiele aufgeführt  wurden!  Welches  Zusammentreffen 
der  unerhörtesten  Unglücksfälle!  Welcher  boshafte 
Witz  des  Zufalls!  Welche  höllischen  Überraschungen! 
Ich  kann  mir  die  Verwunderung  denken,  womit  die 
Bewohner  des  Schattenreichs  die  neuen  Ankömm- 
linge vom  6.  Mai  betrachteten,  die  geputzten  Sonn- 
tagsgesichter, Studenten,  Grisetten,  junge  Ehepaare, 
vergnügungssüchtige  Drogisten,  Philister  von  allen 
Farben,  die  zu  Versailles  die  Kunstwasser  springen 
sahen  und  statt  in  Paris,  wo  schon  die  Mittagstafel 
für  sie  gedeckt  war,  plötzlich  in  der  Unterwelt  an- 
langten!   Und  zwar  verstümmelt,  gesotten  und  ge- 


Zweite  r  Teil  263 

schmort!  »Ist  es  der  Krieg,  der  euch  so  schnöde 
zugerichtet?«  »Ach  nein,  wir  haben  Frieden,  und 
wir  kommen  eben  von  einer  Spazierfahrt.«  Auch  die 
gebratenen  Spritzenleute  und  Litzenbrüder,  die  einige 
Tage  später  aus  Hamburg  ankamen,  mußten  nicht 
geringeres  Erstaunen  im  Lande  Plutos  erregen.  »Seid 
ihr  die  Opfer  des  Kriegsgottes?«  war  gewiß  die 
Frage,  womit  sie  empfangen  wurden.  »Nein,  unsre 
Republik  hat  Frieden  mit  der  ganzen  Welt,  der  Tempel 
des  Janus  war  geschlossen,  nur  die  Bacchushalle 
stand  offen,  und  wir  lebten  im  ruhigen  Genüsse  unsrer 
spartanischen  Mockturtlesuppen,  als  plötzlich  das 
große  Feuer  entstand,  worin  wir  umkamen.«  »Und 
Eure  berühmten  Löschanstalten?«  »Die  sind  gc- 
rettet,  nur  ihr  Ruhm  ist  verloren.«  »Und  die  alten 
Perücken?«  »Die  werden  wie  gepuderte  Phönixe 
aus  der  Asche  hervorsteigen.«  Den  folgenden  Tag, 
während  Hamburg  noch  loderte,  entstand  das  Erd- 
beben zu  Haiti,  und  die  armen  schwarzen  Menschen 
wurden  zu  Tausenden  ins  Schattenreich  hinabge- 
schleudert. Als  sie  bluttriefend  anlangten,  glaubte 
man  gewiß  dort  unten,  sie  kämen  aus  einer  Schlacht 
mit  den  Weißen,  und  sie  seien  von  diesen  gemetzelt 
oder  gar  als  revoltierte  Sklaven  zu  Tode  gepeitscht 
worden.  Nein,  auch  diesmal  irrten  sich  die  guten 
Leute  am  Styx.  Nicht  der  Mensch,  sondern  die 
Natur  hatte  das  große  Blutbad  angerichtet  auf  jener 
Insel,  wo  die  Sklaverei  längst  abgeschafft,  wo  die 
Verfassung  eine  republikanische  ist,  ohne  verjüngende 
Keime,  aber  wurzelnd  in  ewigen  Vernunftgesetzen;  es 
herrscht  dort  Freiheit  und  Gleichheit,  sogar  schwarze 
Preßfreiheit.  —  Greiz-Schleiz  ist  keine  solche  Repu- 
blik, kein  so  hitziger  Boden  wie  Haiti,  wo  das  Zucker- 
rohr, die  Kaffeestaude  und  die  schwarze  Preßfreiheit 


264  Lutczia 

wächst,  und  also  ein  Erdbeben  sehr  leicht  entstehen 
konnte;  aber  trotz  des  zahmen  Kartoffelklimas,  trotz 
der  Zensur,   trotz  der   geduldigen  Verse,   die   eben 
deklamiert  oder  gesungen   wurden,    ist  den  Greiz- 
Schleizern,  während  sie  vergnügt  und  schaulustig  im 
Theater  saßen,  plötzlich  das  Dach  auf  den  Kopf  ge- 
fallen,  und  ein  Teil  des  verehrungswürdigen  Publi- 
kums  sah  sich  unerwartet  in  den  Orkus  geschleudert! 
Ja,   im   sanftseligsten   Stilleben,   im  Zustande  des 
Friedens,   häufte   sich   mehr  Unheil   und  Elend,  als 
jemals  der  Zorn  Bellonas  zusammentrompeten  konnte. 
Und  nicht  bloß  zu  Lande,  sondern  auch  zu  Wasser 
^/   haben  wir  in  diesem  Jahr  das  Außerordentliche  erdul- 
det. Die  zwei  großen  Schiffbrüche  an  den  Küsten  von 
Südafrika  und  der  Manche  gehören  zu  den  schauder- 
haftesten   Kapiteln     in     der    Martyrgeschichte     der 
Menschheit.  Wir  haben  keinen  Krieg,  aber  der  Frieden 
richtet  uns  hin,  und  gehen  wir  nicht  plötzlich  zugrunde 
durch  einen  brutalen  Zufall,  so  sterben  wir  doch  all- 
mählich an  einem  gewissen  schleichenden  Gift,  an  einer 
Aqua  Tofana,  welche  uns  in  den  Kelch  des  Lebens 
geträufelt  worden,  der  Himmel  weiß  von  welcher  Hand! 
Ich  schreibe  diese  Zeilen   in  den   letzten  Stunden 
des  scheidenden   bösen  Jahres.    Das  neue  steht  vor 
der  Türe.    Möge  es  minder  grausam  sein   als  sein 
y  Vorgänger!  Ich  sende  meinen  wehmütigsten  Glück- 
wunsch zum  Neujahr  über  den  Rhein.    Ich  wünsche 
den  Dummen   ein   bißchen  Verstand  und  den  Ver- 
ständigen ein  bißchen  Poesie.    Den  Frauen  wünsche 
ich  die  schönsten  Kleider  und  den  Männern  sehr  viel 
Geduld.    Den  Reichen    wünsche   ich    ein  Herz  und 
den  Armen   ein   Stückchen   Brot.    Vor   allem   aber 
wünsche  ich,  daß  wir  in  diesem  neuen  Jahr  einander 
so  wenig  als  möglich  verleumden  mögen. 


Zweiter  Teil  265 

UV. 

Paris,  2.  Februar  1843. 
Worüber  ich  am  meisten  erstaune,  das  ist  die 
Anstelligkeit  dieser  Franzosen,  das  geschickte  Über* 
gehen  oder  vielmehr  Überspringen  von  einer  Be~ 
schäftigung  in  die  andre,  in  eine  ganz  heterogene. 
Es  ist  dieses  nicht  bloß  eine  Eigenschaft  des  leichten 
Naturells,  sondern  auch  ein  historisches  Erwerbnis: 
sie  haben  sich  im  Laufe  der  Zeit  ganz  losgemacht 
von  hemmenden  Vorurteilen  und  Pedantereien.  So 
geschah  es,  daß  die  Emigranten,  die  während  der 
Revolution  zu  uns  herüberflüchteten ,  den  Wechsel 
der  Verhältnisse  so  leicht  ertrugen,  und  manche 
darunter,  um  das  liebe  Brot  zu  gewinnen,  sich  aus 
dem  Stegreif  ein  Gewerbe  zu  schaffen  wußten. 
Meine  Mutter  hat  mir  oft  erzählt,  wie  ein  franzö- 
sischer  Marquis  sich  damals  als  Schuster  in  unsrer 
Stadt  etablierte  und  die  besten  Damenschuhe  ver- 
fertigte;  er  arbeitete  mit  Lust,  pfiff  die  ergötzlichsten 
Liedchen,  und  vergaß  alle  frühere  Herrlichkeit.  Ein 
deutscher  Edelmann  hätte  unter  denselben  Umständen 
ebenfalls  zum  Schusterhandwerk  seine  Zuflucht  ge- 
nommen, aber  er  hätte  sich  gewiß  nicht  so  heiter 
in  sein  ledernes  Schicksal  gefügt,  und  er  würde  sich 
jedenfalls  auf  männliche  Stiefel  gelegt  haben,  auf 
schwere  Sporenstiefel,  die  an  den  alten  Ritterstand 
erinnern.  Als  die  Franzosen  über  den  Rhein  kamen, 
mußte  unser  Marquis  seine  Boutique  verlassen,  und  er 
floh  nach  einer  andern  Stadt,  ich  glaube  nach  Kassel, 
wo  er  der  beste  Schneider  wurde;  ja,  ohne  Lehr* 
jähre  emigrierte  er  solchermaßen  von  einem  Gewerbe 
zum  andern,  und  erreichte  darin  gleich  die  Meister- 
schaft -*  was    einem    Deutschen    unbegreiflich    er- 


266  Lutezia 

scheinen  dürfte,  nicht  bloß  einem  Deutschen  von 
Adel,  sondern  auch  dem  gewöhnlichsten  Bürgerkind. 
Nach  dem  Sturze  des  Kaisers  kam  der  gute  Mann 
mit  ergrauten  Haaren  aber  unverändert  jungem  Herren 
in  die  Heimat  zurück,  und  schnitt  ein  so  hochade- 
liges Gesicht  und  trug  wieder  so  stolz  die  Nase, 
als  hätte  er  niemals  den  Pfriem  oder  die  Nadel  ge- 
führt. Es  ist  ein  Irrtum,  wenn  man  von  den  Emi- 
granten behauptete,  sie  hätten  nichts  gelernt  und 
nichts  vergessen,  im  Gegenteil,  sie  hatten  alles  ver- 
gessen was  sie  gelernt.  Die  Helden  der  Napoleo- 
nischen Kriegsperiode,  als  sie  abgedankt  oder  auf 
halben  Sold  gesetzt  wurden,  warfen  sich  ebenfalls 
mit  dem  größten  Geschick  in  die  Gewerbtätigkeit 
des  Friedens,  und  jedesmal  wenn  ich  in  das 
Comptoir  von  Delloye  trat,  hatte  ich  meine  liebe 
Verwunderung,  wie  der  ehemalige  Colonel  jetzt  als 
Buchhändler  an  seinem  Pulte  saß,  umgeben  von 
mehren  weißen  Schnurrbärten,  die  ebenfalls  als  brave 
Soldaten  unter  dem  Kaiser  gefochten,  jetzt  aber  bei 
ihrem  alten  Kameraden  als  Buchhalter  oder  Rechnungs- 
führer, kurz  als  Kommis  dienten. 

Aus  einem  Franzosen  kann  man  alles  machen, 
und  jeder  dünkt  sich  zu  allem  geschickt.  Aus  dem 
kümmerlichsten  Bühnendichter  entsteht  plötzlich,  wie 
durch  einen  Theatercoup,  ein  Minister,  ein  General, 
ein  Kirchenlicht,  ja  ein  Herrgott.  Ein  merkwürdiges 
Beispiel  der  Art  bieten  die  Transformationen  unsres 
lieben  Charles  Duveyrier,  der  einer  der  erleuchtetsten 
Dignitare  der  Saint-Simonistischen  Kirche  war,  und 
als  diese  aufgehoben  wurde,  von  der  geistlichen 
Bühne  zur  weltlichen  überging.  Dieser  Charles 
Duveyrier  saß  in  der  Salle  Taitbout  auf  der  Bischofs- 
bank,  zur  Seite  des  Vaters,  nämlich  Enfantins;    er 


Zweiter  Teil  267 

zeichnete  sich  aus  durch  einen  gotterleuchteten 
Prophetenton,  und  auch  in  der  Stunde  der  Prüfung 
gab  er  als  Märtyrer  Zeugnis  für  die  neue  Religion. 
Von  den  Lustspielen  Duveyriers  wollen  wir  heute 
nicht  reden,  sondern  von  seinen  politischen  Bro- 
schüren; denn  er  hat  die  Theaterkarriere  wieder  ver* 
lassen  und  sich  auf  das  Feld  der  Politik  begeben, 
und  diese  neue  Umwandlung  ist  vielleicht  nicht 
minder  merkwürdig.  Aus  seiner  Feder  flössen  die 
kleinen  Schriften,  die  allwöchentlich  unter  dem  Titel 
»Lettres  politiques«  herauskommen.  Die  erste  ist 
an  den  König  gerichtet,  die  zweite  an  Guizot,  die 
dritte  an  den  Herzog  von  Nemours,  die  vierte  an 
Thiers.  Sie  zeugen  sämtlich  von  vielem  Geist.  Es 
herrscht  darin  eine  edle  Gesinnung,  ein  lobenswerter 
Widerwille  gegen  barbarische  Kriegsgelüste,  eine 
schwärmerische  Begeisterung  für  den  Frieden.  Von 
der  Ausbeutung  der  Industrie  erwartet  Duveyrier 
das  goldne  Zeitalter.  Der  Messias  wird  nicht  auf 
einem  Esel,  sondern  auf  einem  Dampfwagen  den 
segensreichen  Einzug  halten.  Namentlich  die  Bro- 
schüre, die  an  Thiers  gerichtet,  oder  vielmehr  gegen 
ihn  gerichtet,  atmet  diese  Gesinnung.  Von  der 
Persönlichkeit  des  ehemaligen  Konseilpräsidenten 
spricht  der  Verfasser  mit  hinlänglicher  Ehrfurcht. 
Guizot  gefällt  ihm,  aber  Mole  gefällt  ihm  besser. 
Dieser  Hintergedanke  dämmert  überall  durch. 

Ob  er  mit  Recht  oder  mit  Unrecht  irgendeinem  / 
von  den  dreien  den  Vorzug  gibt,  ist  schwer  zu  be- 
stimmen. Ich  meinesteils  glaube  nicht,  daß  einer 
besser  als  der  andre,  und  ich  bin  der  Meinung,  daß 
jeder  von  ihnen  als  Minister  immer  dasselbe  tun 
wird,  was  auch  unter  denselben  Umständen  der 
andre  täte.     Der  wahre  Minister,  dessen  Gedanke 


268  Lutezia 

überall  zur  Tat  wird,  der  sowohl  gouverniert  als 
regiert,  ist  der  König,  Ludwig  Philipp,  und  die  er- 
wähnten drei  Staatsmänner  unterscheiden  sich  nur 
in  der  Art  und  Weise,  wie  sie  sich  mit  der  Vor* 
herrschaft  des  königlichen  Gedankens  abfinden. 

Herr  Thiers  sträubt  sich  im  Anfang  sehr  barsch, 
J  macht  die  redseligste  Opposition,  trompetet  und 
trommelt,  und  tut  doch  am  Ende  was  der  König 
wollte.  Nicht  bloß  seine  revolutionären  Gefühle, 
sondern  auch  seine  staatsmännischen  Überzeugungen 
sind  im  beständigen  Widerspruch  mit  dem  könig- 
lichen Systeme:  er  fühlt  und  weiß,  daß  dieses  System 
auf  die  Länge  scheitern  muß,  und  ich  könnte  die 
erstaunlichsten  Äußerungen  Thiers'  über  die  Unnah- 
barkeit der  jetzigen  Zustände  mitteilen.  Er  kennt 
zu  gut  seine  Franzosen  und  zu  gut  die  Geschichte 
der  französischen  Revolution,  um  sich  dem  Quietis- 
mus  der  siegreichen  Bourgeoispartei  ganz  hingeben 
zu  können,  und  an  den  Maulkorb  zu  glauben,  den 
er  selbst  dem  tausendköpfigen  Ungeheuer  angelegt 
hat;  sein  feines  Ohr  hört  das  innerliche  Knurren, 
er  hat  sogar  Furcht,  einst  von  dem  entzügelten  Un- 
getüm zerrissen  zu  werden  —  und  dennoch  tut  er 
was  der  König  will. 

Mit  Herrn  Guizot  ist  es  ganz  anders.  Für  ihn 
ist  der  Sieg  der  Bourgeoisiepartei  eine  vollendete 
Tatsache,  un  fait  accompli,  und  er  ist  mit  all  seinen 
Fähigkeiten  in  den  Dienst  dieser  neuen  Macht  ge- 
treten, deren  Herrschaft  er  durch  alle  Künste  des 
historischen  und  philosophischen  Scharfsinns  als  ver- 
nünftig, und  folglich  auch  als  berechtigt,  zu  stützen 
weiß.  Das  ist  eben  das  Wesen  eines  Doktrinärs, 
daß  er  für  alles  was  er  tun  will  eine  Doktrin  findet. 
Er    steht    vielleicht    mit    seinen    geheimsten    Über- 


Zweiter  Teil  269 

zeugungen  über  dieser  Doktrin,  vielleicht  auch  drunter, 
was  weiß  ich?  Er  ist  zu  geistesbegabt  und  viel- 
seitig wissend,  als  daß  er  nicht  im  Grunde  ein 
Skeptiker  wäre,  und  eine  solche  Skepsis  verträgt 
sich  mit  dem  Dienst,  den  er  dem  Systeme  widmet, 
dem  er  sich  einmal  ergeben  hat.  Jetzt  ist  er  der 
treue  Diener  der  Bourgeoisieherrschaft,  und  hart  wie 
ein  Herzog  von  Alba  wird  er  sie  mit  unerbittlicher 
Konsequenz  bis  zum  letzten  Momente  verteidigen. 
Bei  ihm  ist  kein  Schwanken,  kein  Zagen,  er  weiß 
was  er  will,  und  was  er  will  tut  er.  Fällt  er  im 
Kampfe,  so  wird  ihn  auch  dieser  Sturz  nicht  er- 
schüttern, und  er  wird  bloß  die  Achseln  zucken. 
War  doch  das,  wofür  er  kämpfte,  ihm  im  Grunde 
gleichgültig.  Siegt  etwa  einst  die  republikanische 
Partei,  oder  gar  die  der  Kommunisten,  so  rate  ich 
diesen  braven  Leuten,  den  Guizot  zum  Minister  zu 
nehmen,  seine  Intelligenz  und  seine  Halsstarrigkeit 
auszubeuten,  und  sie  werden  besser  dabei  stehen, 
als  wenn  sie  ihren  erprobtesten  Dummköpfen  der 
Bürgertugend  das  Gouvernement  in  Händen  geben. 
Ich  möchte  einen  ähnlichen  Rat  den  Henriquinquisten 
erteilen,  für  den  unmöglichen  Fall,  daß  sie  einst 
wieder  durch  ein  Nationalunglück,  durch  ein  Straf- 
gericht Gottes,  in  Besitz  der  offiziellen  Gewalt  ge- 
rieten; nehmt  den  Guizot  zum  Minister,  und  Ihr 
werdet  Euch  dreimal  vierundzwanzig  Stunden  länger 
halten  können,  und  ich  fürchte,  Herrn  Guizot  nicht 
unrecht  zu  tun,  wenn  ich  die  Meinung  ausspreche, 
daß  er  so  tief  herabsteigen  könnte,  um  Eure  schlechte 
Sache  durch  seine  Beredsamkeit  und  seine  gouverne- 
mentalen  Talente  zu  unterstützen.  Seid  Ihr  ihm 
doch  ebenso  gleichgültig,  wie  die  Spießbürger,  für 
die    er   jetzt    so    großen   Geistesaufwand    macht    in 


y 


27o  Lutezia 

Wort  und  Tat,  und  wie  das  System  des  Königs, 
dem  er  mit  stoischem  Gleichmute  dient. 

Herr  Mole  unterscheidet  sich  von  diesen  beiden 
dadurch,  daß  er  erstens  der  eigentliche  Staatsmann 
ist,  dessen  Persönlichkeit  schon  den  Patrizier  verrät, 
dem  das  Talent  der  Staatslenkung  angeboren  oder 
durch  Familientraditionen  anerzogen  worden.  Bei 
ihm  ist  keine  Spur  vom  plebejischen  Emporkömm- 
ling, wie  bei  Herrn  Thiers,  und  noch  weniger  hat 
er  die  Ecken  eines  Schulmanns,  wie  Herr  Guizot, 
und  bei  der  Aristokratie  der  fremden  Höfe  mag  er 
durch  eine  solche  äußere  Repräsentation  und  diplo- 
matische Leichtigkeit  die  Genialität  ersetzen,  welche 
wir  bei  Herrn  Thiers  und  Guizot  finden.  Er  hat 
kein  andres  System,  als  das  des  Königs,  ist  auch 
zu  sehr  Hofmann,  um  ein  andres  haben  zu  wollen, 
und  das  weiß  der  König,  und  er  ist  der  Minister 
nach  dem  Herzen  Ludwig  Philipps.  Ihr  werdet 
sehen,  jedesmal  wenn  man  ihm  die  Wahl  lassen 
wird,  Herrn  Guizot  oder  Herrn  Thiers  zum  Premier- 
minister zu  nehmen,  wird  Ludwig  Philipp  immer  weh- 
mütig antworten:  >Laßt  mich  Mole  nehmen«.  Mole, 
das  ist  er  selber,  und  da  doch  einmal  geschieht, 
was  er  will,  so  wäre  es  gar  kein  Unglück,  wenn 
Mole  wieder  Minister  würde. 

Aber  ein  Glück  wäre  es  auch  nicht,  denn  das 
königliche  System  würde  nach  wie  vor  in  Wirk- 
samkeit bleiben,  und  wie  sehr  wir  die  edle  Absicht 
des  Königs  hochschätzen,  wie  sehr  wir  ihm  den 
besten  Willen  für  das  Glück  Frankreichs  zutrauen, 
so  müssen  wir  doch  bekennen,  daß  die  Mittel  zur 
Ausführung  nicht  die  richtigen  sind,  daß  das  ganze 
System  keinen  Schuß  Pulver  taugt,  wenn  es  nicht 
gar    einst    durch    einen    Schuß  Pulver    in    die  Luft 


Zweiter  Teil 


271 


springt.  Ludwig  Philipp  will  Frankreich  regieren 
durch  die  Kammer,  und  er  glaubt  alles  gewonnen 
zu  haben,  wenn  er  durch  Begünstigung  ihrer 
Glieder  bei  allen  Regierungsvorschlägen  die  parla* 
mentarische  Majorität  gewonnen.  Aber  sein  Irrtum 
besteht  darin,  daß  er  Frankreich  durch  die  Kammer 
repräsentiert  glaubt.  Dieses  aber  ist  nicht  der  Fall, 
und  er  verkennt  ganz  die  Interessen  eines  Volks, 
welche  von  denen  der  Kammer  sehr  verschieden 
sind,  und  von  letzterer  nicht  sonderlich  beachtet 
werden.  Steigt  seine  Impopularität  bis  zu  einem 
bedenklichen  Punkte,  so  wird  ihn  schwerlich  die 
Kammer  retten  können,  und  es  ist  noch  die  Frage, 
ob  jene  begünstigte  Bourgeoisie,  für  die  er  so  viel 
tut,  ihm  im  gefährlichen  Augenblicke  mit  Enthusias* 
mus  zu  Hilfe  eilen  wird. 

»Unser  Unglück  ist«,  sagte  mir  jüngst  ein  Habitue 
der  Tuilerien,  »daß  unsre  Gegner,  indem  sie  uns 
schwächer  glauben  als  wir  sind,  uns  nicht  fürchten, 
und  daß  unsre  Freunde,  die  zuweilen  schmollen, 
uns  eine  größere  Stärke  zumuten,  als  wir  in  der 
Wirklichkeit  besitzen.« 


LV. 

Paris,  20.  März  1843. 
Die  Langeweile ,  welche  die  klassische  Tragödie  ^ 
der  Franzosen  ausdünstet,  hat  niemand  besser  be- 
griffen, als  jene  gute  Bürgersfrau  unter  Ludwig  XV., 
die  zu  ihren  Kindern  sagte:  »Beneidet  nicht  den  Adel 
und  verzeiht  ihm  seinen  Hochmut,  er  muß  ja  doch 
als  Strafe  des  Himmels  jeden  Abend  im  Theätre 
francais  sich  zu  Tode  langweilen.«    Das  alte  Regime 


/ 


272  Lutczia 

hat  aufgehört,  und  das  Szepter  ist  in  die  Hände  der 
Bourgeoisie  geraten;  aber  diese  neuen  Herrscher 
müssen  ebenfalls  sehr  viele  Sünden  abzubüßen  haben, 
und  der  Unmut  der  Götter  trifft  sie  noch  unleidlicher 
als  ihre  Vorgänger  im  Reiche:  denn  nicht  bloß,  daß 
ihnen  Mademoiselle  Rachel  die  moderige  Hefe  des 
antiken  Schlaftrunks  jeden  Abend  kredenzt,  müssen 
sie  jetzt  sogar  den  Abhub  unsrer  romantischen 
Küche,  verifiziertes  Sauerkraut,  »Die  Burggrafen« 
von  Victor  Hugo,  verschlucken!  Ich  will  kein  Wort 
verlieren  über  den  Wert  dieses  unverdaulichen  Mach* 
werks,  das  mit  allen  möglichen  Prätensionen  auftritt, 
namentlich  mit  historischen,  obgleich  alles  Wissen 
Victor  Hugos  über  Zeit  und  Ort,  wo  sein  Stück 
spielt,  lediglich  aus  der  französischen  Übersetzung 
von  Schreibers  »Handbuch  für  Rheinreisende«  ge- 
schöpft ist.  Hat  der  Mann,  der  vor  einem  Jahr  in 
öffentlicher  Akademie  zu  sagen  wagte,  daß  es  mit 
dem  deutschen  Genius  ein  Ende  habe  <la  pensee 
allemande  est  rentree  dans  l'ombre),  hat  dieser  größte 
Adler  der  Dichtkunst  diesmal  wirklich  die  Zeit* 
genossenschaft  so  allmächtig  überflügelt?  Wahrlich 
keineswegs.  Sein  Werk  zeugt  weder  von  poetischer 
Fülle  noch  Harmonie,  weder  von  Begeisterung  noch 
Geistesfreiheit,  es  enthält  keinen  Funken  Genialität, 
sondern  nichts  als  gespreizte  Unnatur  und  bunte 
Deklamation.  Eckige  Holzfiguren,  überladen  mit  ge* 
schmacklosem  Flitterstaat,  bewegt  durch  sichtbare 
Drähte,  ein  unheimliches  Puppenspiel,  eine  grasse, 
krampfhafte  Nachäffung  des  Lebens;  durch  und 
durch  erlogene  Leidenschaft.  Nichts  ist  mir  fataler 
als  diese  Hugösche  Leidenschaft,  die  sich  so  glühend 
gebärdet,  äußerlich  so  prächtig  auflodert,  und  doch 
inwendig  so  armselig  nüchtern  und  frostig  ist.    Diese 


Zweiter  Teil 


273 


kalte  Passion,  die  uns  in  so  flammenden  Redensarten 
aufgetischt  wird,  erinnert  mich  immer  an  das  ge- 
bratene Eis,  das  die  Chinesen  so  künstlich  zu  be^ 
reiten  wissen,  indem  sie  kleine  Stückchen  Gefrorenes, 
eingewickelt  in  einen  dünnen  Teig,  einige  Minuten 
übers  Feuer  halten:  ein  antithetischer  Leckerbissen, 
den  man  schnell  verschlucken  muß,  und  wobei  man 
Lippe  und  Zunge  verbrennt,  den  Magen  aber  erkältet. 
Aber  die  herrschende  Bourgeoisie  muß  ihrer  Sünden 
wegen  nicht  bloß  alte  klassische  Tragödien  und  Trilo- 
gien,  die  nicht  klassisch  sind,  ausstehen,  sondern  die 
himmlischen  Mächte  haben  ihr  einen  noch  schauder- 
haftern  Kunstgenuß  beschert,  nämlich  jenes  Piano- 
forte,  dem  man  jetzt  nirgends  mehr  ausweichen  kann, 
das  man  in  allen  Häusern  erklingen  hört,  in  jeder 
Gesellschaft,  Tag  und  Nacht.  Ja,  Pianoforte  heißt 
das  Marterinstrument,  womit  die  jetzige  vornehme 
Gesellschaft  noch  ganz  besonders  torquiert  und  ge- 
züchtigt wird  für  alle  ihre  Usurpationen.  Wenn  nur 
nicht  der  Unschuldige  mit  leiden  müßte!  Diese  ewige  *" 
Klavierspielerei  ist  nicht  mehr  zu  ertragen!  <Ach! 
meine  Wandnachbarinnen,  junge  Töchter  Albions, 
spielen  in  diesem  Augenblick  ein  brillantes  Morceau 
für  zwei  linke  Hände.)  Diese  grellen  Klimpertöne  ohne 
natürliches  Verhallen,  diese  herzlosen  Schwirrklänge, 
dieses  erzprosaische  Schollern  und  Pickern,  dieses 
Fortepiano  tötet  all  unser  Denken  und  Fühlen,  und 
wir  werden  dumm,  abgestumpft,  blödsinnig.  Dieses  ^ 
Überhandnehmen  des  Klavierspielens  und  gar  die 
Triumphzüge  der  Klaviervirtuosen  sind  charakteri- 
stisch für  unsere  Zeit  und  zeugen  ganz  eigentlich  von 
dem  Sieg  des  Maschinenwesens  über  den  Geist.  Die 
technische  Fertigkeit,  die  Präzision  eines  Automaten, 
das  Identifizieren  mit  dem  besaiteten  Holze,  die  tönende 

IX,  1? 


274 


Lute; 


Instrumentwerdung  des  Menschen,  wird  jetzt  als  das 
Höchste  gepriesen  und  gefeiert.  Wie  Heuschrecken- 
scharen kommen  die  Klaviervirtuosen  jeden  Winter 
nach  Paris,  weniger  um  Geld  zu  erwerben,  als  viel* 
mehr  um  sich  hier  einen  Namen  zu  machen,  der 
ihnen  in  andern  Ländern  desto  reichlicher  eine  pe* 
kuniäre  Ernte  verschafft.  Paris  dient  ihnen  als  eine 
Art  Annoncenpfahl,  wo  ihr  Ruhm  in  kolossalen 
Lettern  zu  lesen.  Ich  sage,  ihr  Ruhm  ist  hier  zu 
lesen,  denn  es  ist  die  Pariser  Presse,  welche  ihn  der 
gläubigen  Welt  verkündet,  und  jene  Virtuosen  ver- 
stehen sich  mit  der  größten  Virtuosität  auf  die  Aus* 
beutung  der  Journale  und  der  Journalisten.  Sie  wissen 
auch  dem  Harthörigsten  schon  beizukommen,  denn 
Menschen  sind  immer  Menschen,  sind  empfänglich 
für  Schmeichelei,  spielen  auch  gern  eine  Protektor* 
rolle,  und  eine  Hand  wäscht  die  andere;  die  unreinere 
ist  aber  selten  die  des  Journalisten,  und  selbst  der 
feile  Lobhudler  ist  zugleich  ein  betrogener  Tropf,  den 
man  zur  Hälfte  mit  Liebkosungen  bezahlt.  Man 
spricht  von  der  Käuflichkeit  der  Presse;  man  irrt 
sich  sehr.  Im  Gegenteil,  die  Presse  ist  gewöhnlich 
düpiert,  und  dies  gilt  ganz  besonders  in  Beziehung 
auf  die  berühmten  Virtuosen.  Berühmt  sind  sie 
eigentlich  alle,  nämlich  in  den  Reklamen,  die  sie 
höchstselbst  oder  durch  einen  Bruder  oder  durch 
ihre  Frau  Mutter  zum  Druck  befördern.  Es  ist 
kaum  glaublich,  wie  demütig  sie  in  den  Zeitungs* 
bureaus  um  die  geringste  Lobspende  betteln,  wie  sie 
sich  krümmen  und  winden.  Als  ich  noch  bei  dem 
Direktor  der  »Gazette  musicale«  in  großer  Gunst 
stand  —  <ach!  ich  habe  sie  durch  jugendlichen 
Leichtsinn  verscherzt)  —  konnte  ich  so  recht  mit 
eignen   Augen    ansehen,   wie    ihm    jene   Berühmten 


Zweiter  Teil 


275 


untertänig  zu  Füßen  lagen  und  vor  ihm  krochen  und 
wedelten,  um  in  seinem  Journale  ein  bißchen  gelobt 
zu  werden;  und  von  unsern  hochgefeierten  Virtuosen, 
die  wie  siegreiche  Fürsten  in  allen  Hauptstädten 
Europas  sich  huldigen  lassen,  könnte  man  wohl  in 
Berangers  Weise  sagen,  daß  auf  ihren  Lorbeerkronen 
noch  der  Staub  von  Moritz  Schlesingers  Stiefeln  sieht- 
bar  ist.  Wie  diese  Leute  auf  unsre  Leichtgläubig* 
keit  spekulieren,  davon  hat  man  keinen  Begriff,  wenn 
man  nicht  hier  an  Ort  und  Stelle  die  Betriebsamkeit 
ansieht.  In  den  Bureaus  der  erwähnten  musikalischen 
Zeitung  begegnete  ich  einmal  einem  zerlumpten  alten 
Mann,  der  sich  als  den  Vater  eines  berühmten  Vir* 
tuosen  ankündigte  und  die  Redaktoren  des  Journals 
bat,  eine  Reklame  abzudrucken,  worin  einige  edle 
Züge  aus  dem  Kunstleben  seines  Sohnes  zur  Kennt- 
nis des  Publikums  gebracht  wurden.  Der  Berühmte 
hatte  nämlich  irgendwo  in  Südfrankreich  mit  kolos- 
salem Beifall  ein  Konzert  gegeben  und  mit  dem  Er- 
trag eine  den  Einsturz  drohende  altgotische  Kirche 
unterstützt;  ein  andermal  hatte  er  für  eine  über- 
schwemmte Witwe  gespielt,  oder  auch  für  einen 
siebzigjährigen  Schulmeister,  der  seine  einzige  Kuh 
verloren,  usw.  Im  längern  Gespräche  mit  dem  Vater 
jenes  Wohltäters  der  Menschheit  gestand  der  Alte 
ganz  naiv,  daß  sein  Herr  Sohn  freilich  nicht  so  viel 
für  ihn  tue,  wie  er  wohl  vermöchte,  und  daß  er  ihn 
manchmal  sogar  ein  klein  bißchen  darben  lasse.  Ich 
möchte  dem  Berühmten  anraten,  auch  einmal  für 
die  baufälligen  Hosen  seines  alten  Vaters  ein  Kon- 
zert zu  geben. 

Wenn  man  diese  Misere  angesehen,  kann  man 
wahrlich  den  schwedischen  Studenten  nicht  mehr 
grollen,  die  sich   etwas   allzustark   gegen  den  Unfug 


276 


Lutezia 


der  Virtuosenvergötterung  ausgesprochen  und  dem 
berühmten  Ole  Bull  bei  seiner  Ankunft  in  Upsala 
die  bekannte  Ovation  bereiteten.  Der  Gefeierte 
glaubte  schon,  man  würde  ihm  die  Pferde  ausspannen, 
machte  sich  schon  gefaßt  auf  Fackelzug  und  Blumen- 
kränze, als  er  eine  ganz  unerwartete  Tracht  Ehren* 
prügel  bekam,  eine  wahrhaft  nordische  Surprise. 

Die  Matadoren  der  diesjährigen  Saison  waren  die 
Herren  Sivori  und  Dreyschock.  Ersterer  ist  ein  Gei- 
ger, und  schon  als  solchen  stelle  ich  ihn  über  letztern, 
den  furchtbaren  Klavierschläger.  Bei  den  Violinisten 
ist  überhaupt  die  Virtuosität  nicht  ganz  und  gar 
Resultat  mechanischer  Fingerfertigkeit  und  bloßer 
Technik,  wie  bei  den  Pianisten.  Die  Violine  ist  ein 
/  Instrument,  welches  fast  menschliche  Launen  hat  und 
mit  der  Stimmung  des  Spielers  sozusagen  in  einem 
sympathetischen  Rapport  steht:  das  geringste  Miß- 
behagen, die  leiseste  Gemütserschütterung,  ein  Ge- 
fühlshauch, findet  hier  einen  unmittelbaren  Widerhall, 
und  das  kommt  wohl  daher,  weil  die  Violine,  so  ganz 
nahe  an  unsre  Brust  gedrückt,  auch  unser  Herzklopfen 
vernimmt.  Dies  ist  jedoch  nur  bei  Künstlern  der  Fall, 
die  wirklich  ein  Herz  in  der  Brust  tragen,  welches 
klopft,  die  überhaupt  eine  Seele  haben.  Je  nüchterner 
und  herzloser  der  Violinspieler,  desto  gleichförmiger 
wird  immer  seine  Exekution  sein,  und  er  kann  auf 
den  Gehorsam  seiner  Fiedel  rechnen,  zu  jeder  Stunde, 
an  jedem  Orte.  Aber  diese  gepriesene  Sicherheit  ist 
doch  nur  das  Ergebnis  einer  geistigen  Beschränktheit, 
und  eben  die  größten  Meister  waren  es,  deren  Spiel 
nicht  selten  abhängig  gewesen  von  äußern  und  innern 
Einflüssen.  Ich  habe  niemand  besser,  aber  auch  zu- 
zeiten niemand  schlechter  spielen  gehört  als  Paganini, 
und   dasselbe  kann   ich  von  Ernst  rühmen.    Dieser 


Zweiter  Teil 


277 


letztere,  Ernst,  vielleicht  der  größte  Violinspieler  y 
unsrer  Tage,  gleicht  dem  Paganini  auch  in  seinen 
Gebrechen,  wie  in  seiner  Genialität.  Ernsts  Ab= 
Wesenheit  ward  hier  diesen  Winter  sehr  bedauert. 
Signor  Sivori  war  ein  sehr  matter  Ersatz,  doch  wir 
haben  ihn  mit  großem  Vergnügen  gehört.  Da  er  in 
Genua  geboren  ist  und  vielleicht  als  Kind  in  den 
engen  Straßen  seiner  Vaterstadt,  wo  man  sich  nicht 
ausweichen  kann,  dem  Paganini  zuweilen  begegnete, 
hat  man  ihn  hier  für  einen  Schüler  desselben  pro* 
klamiert.  Nein,  Paganini  hatte  nie  einen  Schüler, 
konnte  keinen  haben,  denn  das  Beste,  was  er  wußte, 
das,  was  das  Höchste  in  der  Kunst  ist,  das  läßt 
sich  weder  lehren  noch  lernen. 

Was  ist  in  der  Kunst  das  Höchste?  Das,  was  u 
auch  in  allen  andern  Manifestationen  des  Lebens  das 
Höchste  ist:  die  selbstbewußte  Freiheit  des  Geistes. 
Nicht  bloß  ein  Musikstück,  das  in  der  Fülle  jenes 
Selbstbewußtseins  komponiert  worden,  sondern  auch 
der  bloße  Vortrag  desselben  kann  als  das  künstlerisch 
Höchste  betrachtet  werden,  wenn  uns  daraus  jener 
wundersame  Unendlichkeitshauch  anweht,  der  un- 
mittelbar bekundet,  daß  der  Exekutant  mit  dem  Kom- 
ponisten auf  derselben  freien  Geisteshöhe  steht,  daß 
er  ebenfalls  ein  Freier  ist.  Ja,  dieses  Selbstbewußt- • 
sein  der  Freiheit  in  der  Kunst  offenbart  sich  ganz 
besonders  durch  die  Behandlung,  durch  die  Form, 
in  keinem  Falle  durch  den  Stoff,  und  wir  können 
im  Gegenteil  behaupten,  daß  die  Künstler,  welche 
die  Freiheit  selbst  und  die  Befreiung  zu  ihrem  Stoffe 
gewählt,  gewöhnlich  von  beschränktem,  gefesseltem 
Geiste,  wirklich  Unfreie  sind.  Diese  Bemerkung  be- 
währt sich  heutigentages  ganz  besonders  in  der  deut- 
schen Dichtkunst,  wo  wir  mit  Schrecken  sehen,  daß 


278  Lutczia 

die  zügellos  trotzigsten  Freiheitsänger,  beim  Licht 
betrachtet,  meist  nur  bornierte  Naturen  sind,  Phi- 
lister, deren  Zopf  unter  der  roten  Mütze  hervor- 
lauscht, Eintagsfliegen,  von  denen  Goethe  sagen 
würde: 

Matte  Fliegen!   Wie  sie  rasen! 

Wie  sie  sumsend  überkeck 

Ihren  kleinen  Fliegendreck 

Träufeln  auf  Tyrannennasen! 

Die  wahrhaft  großen  Dichter  haben  immer  die  großen 
Interessen  ihrer  Zeit  anders  aufgefaßt  als  in  gereimten 
Zeitungsartikeln,  und  sie  haben  sich  wenig  darum  be- 
kümmert, wenn  die  knechtische  Menge,  deren  Roheit 
sie  anwidert,  ihnen  den  Vorwurf  des  Aristokratismus 
machte. 


LVX 

Paris,  26.  März  1843. 
Als  die  merkwürdigsten  Erscheinungen  der  heu- 
rigen Saison  habe  ich  die  Herren  Sivori  und  Drey- 
schock  genannt.  Letzterer  hat  den  größten  Beifall 
^  geerntet,  und  ich  referiere  getreulich,  daß  ihn  die 
öffentliche  Meinung  für  einen  der  größten  Klavier- 
virtuosen proklamiert  und  den  gefeiertsten  derselben 
gleichgestellt  hat.  Er  macht  einen  höllischen  Spek- 
takel. Man  glaubt  nicht,  einen  Pianisten  Dreyschock, 
sondern  drei  Schock  Pianisten  zu  hören.  Da  an 
dem  Abend  seines  Konzertes  der  Wind  südwestlich 
war,  so  konnten  Sie  vielleicht  in  Augsburg  die  ge- 
waltigen Klänge  vernehmen;  in  solcher  Entfernung 
ist  ihre  Wirkung  gewiß  eine  angenehme.  Hier  je- 
doch, im  Departement  de  la  Seine,  berstet  uns  leicht 


Zweiter  Teil  279 

das  Trommelfell,  wenn  dieser  Klavierschläger  los- 
wettert. Häng  dich,  Franz  Liszt,  du  bist  ein  ge- 
wöhnlicher Windgötze  in  Vergleichung  mit  diesem 
Donnergott,  der  wie  Birkenreiser  die  Stürme  zu- 
sammenbindet und  damit  das  Meer  stäupt.  Die 
altern  Pianisten  treten  immer  mehr  in  den  Schatten, 
und  diese  armen,  abgelebten  Invaliden  des  Ruhmes 
müssen  jetzt  hart  dafür  leiden,  daß  sie  in  ihrer  Ju- 
gend überschätzt  worden.  Nur  Kalkbrenner  hält 
sich  noch  ein  bißchen.  Er  ist  diesen  Winter 
wieder  öffentlich  aufgetreten,  in  dem  Konzerte  einer 
Schülerin;  auf  seinen  Lippen  glänzt  noch  immer 
jenes  einbalsamierte  Lächeln,  welches  wir  jüngst 
auch  bei  einem  ägyptischen  Pharaonen  bemerkt 
haben,  als  dessen  Mumie  in  dem  hiesigen  Museum 
abgewickelt  wurde.  Nach  einer  mehr  als  fünfund- 
zwanzigjährigen Abwesenheit  hat  Herr  Kalkbrenner 
auch  jüngst  den  Schauplatz  seiner  frühesten  Erfolge, 
nämlich  London,  wieder  besucht  und  dort  den  größten 
Beifall  eingeerntet.  Das  Beste  ist,  daß  er  mit  heilem 
Halse  hierher  zurückgekehrt,  und  wir  jetzt  wohl 
nicht  mehr  an  die  geheime  Sage  glauben  dürfen,  als 
habe  Herr  Kalkbrenner  England  so  lange  gemieden 
wegen  der  dortigen  ungesunden  Gesetzgebung,  die 
das  galante  Vergehen  der  Bigamie  mit  dem  Strange 
bestrafe.  Wir  können  daher  annehmen,  daß  jene 
Sage  ein  Märchen  war,  denn  es  ist  eine  Tatsache, 
daß  Herr  Kalkbrenner  zurückgekehrt  ist  zu  seinen  hie- 
sigen Verehrern,  zu  den  schönen  Fortepianos,  die  er 
in  Kompagnie  mit  Herrn  Pleyel  fabriziert,  zu  seinen 
Schülerinnen,  die  sich  alle  zu  seinen  Meisterinnen 
im  französischen  Sinne  des  Wortes  ausbilden,  zu 
seiner  Gemäldesammlung,  welche,  wie  er  behauptet, 
kein   Fürst    bezahlen  könne,  zu   seinem   hoffnungs- 


23o  Lutezia 

vollen  Sohne,  welcher  in  der  Bescheidenheit  bereits 
seinen  Vater  übertrifft,  und  zu  der  braven  Fisch- 
händlerin, die  ihm  den  famosen  Türbot  überließ,  den 
der  Oberkoch  des  Fürsten  von  Benevent,  Talleyrand 
Perigord,  ehemaligen  Bischof  von  Autun,  für  seinen 
Herrn  bereits  bestellt  hatte.  —  Die  Poissarde  sträubte 
sich  lange,  dem  berühmten  Pianisten,  der  inkognito 
auf  den  Fischmarkt  gegangen  war,  den  besagten 
Türbot  zu  überlassen,  doch  als  ersterer  seine  Karte 
hervorzog,  sie  auf  den  letztern  niederlegte  und  die 
arme  Frau  den  Namen  Kalkbrenner  las,  befahl  sie 
auf  der  Stelle,  den  Fisch  nach  seiner  Wohnung  zu 
bringen,  und  sie  war  lange  nicht  zu  bewegen,  irgend- 
eine Zahlung  anzunehmen,  hinlänglich  bezahlt,  wie 
sie  sei,  durch  die  große  Ehre.  Deutsche  Stockfische 
ärgern  sich  über  eine  solche  Fischgeschichte,  weil 
sie  selbst  nicht  imstande  sind,  ihr  Selbstbewußtsein 
in  solcher  brillanten  Weise  geltend  zu  machen,  und 
weil  sie  Herrn  Kalkbrenner  überdies  beneiden  ob 
seinem  eleganten  äußern  Auftreten,  ob  seinem  feinen 
geschniegelten  Wesen,  ob  seiner  Glätte  und  Süßlich- 
keit, ob  der  ganzen  marzipanenen  Erscheinung,  die 
jedoch  für  den  ruhigen  Beobachter  durch  manche 
unwillkürliche  Berlinismen  der  niedrigsten  Klasse 
einen  etwas  schäbigen  Beisatz  hat,  so  daß  Koreff 
ebenso  witzig  als  richtig  von  dem  Manne  sagen 
konnte:  »Er  sieht  aus  wie  ein  Bonbon,  der  in  den 
Dreck  gefallen.« 

Ein  Zeitgenosse  des  Herrn  Kalkbrenner  ist  Herr 
Pixis,  und  obgleich  er  von  untergeordneterem  Range, 
wollen  wir  doch  hier  als  Kuriosität  seiner  erwähnen. 
Aber  ist  Herr  Pixis  wirklich  noch  am  Leben?  Er 
selber  behauptet  es,  und  beruft  sich  dabei  auf  das 
Zeugnis  des  Herrn  Sina,  des  berühmten  Badegastes 


Zweiter  Teil  281 

von  Boulogne,  den  man  nicht  mit  dem  Berg  Sinai 
verwechseln  darf.  Wir  wollen  diesem  braven  Wellen- 
bändiger Glauben  schenken,  obgleich  manche  böse 
Zungen  sogar  versichern,  Herr  Pixis  habe  nie  exi- 
stiert.  Nein,  letzterer  ist  ein  Mensch,  der  wirklich 
lebt;  ich  sage  Mensch,  obgleich  ein  Zoologe  ihm 
einen  geschwänzteren  Namen  erteilen  würde.  Herr 
Pixis  kam  nach  Paris  schon  zur  Zeit  der  Invasion, 
in  dem  Augenblick,  wo  der  belvederische  Apoll  den 
Römern  wieder  ausgeliefert  wurde  und  Paris  verlassen 
mußte.  Die  Akquisition  des  Herrn  Pixis  sollte  den 
Franzosen  einigen  Ersatz  bieten.  Er  spielte  Klavier, 
komponierte  auch  sehr  niedlich,  und  seine  musikali- 
schen Stückchen  wurden  ganz  besonders  geschätzt  von 
den  Vogelhändlern,  welche  Kanarienvögel  auf  Dreh- 
orgeln zum  Gesänge  abrichten.  Diesen  gelben  Dingern 
brauchte  man  eine  Komposition  des  Herrn  Pixis  nur  ein- 
mal vorzuleiern,  und  sie  begriffen  sie  auf  der  Stelle,  und 
zwitscherten  sie  nach,  daß  es  eine  Freude  war  und 
jedermann  applaudierte:  Pixissime!  Seitdem  die  altern 
Bourbonen  vom  Schauplatz  abgetreten,  wird  nicht 
mehr  Pixissime  gerufen;  die  neuen  Sangvögel  ver- 
langen neue  Melodien.  Durch  seine  äußere  Er- 
scheinung, die  physische,  macht  sich  Herr  Pixis  noch 
einigermaßen  geltend;  er  hat  nämlich  die  größte  Nase 
in  der  musikalischen  Welt,  und  um  diese  Spezialität 
recht  auffallend  bemerkbar  zu  machen,  zeigt  er  sich 
oft  in  Gesellschaft  eines  Romanzenkomponisten,  der 
gar  keine  Nase  hat  und  deswegen  jüngst  den  Orden 
der  Ehrenlegion  erhalten  hat,  denn  gewiß  nicht  seiner 
Musik  wegen  ist  Herr  Panseron  solchermaßen  de- 
koriert worden.  Man  sagt,  daß  derselbe  auch  zum 
Direktor  der  großen  Oper  ernannt  werden  solle, 
weil  er  nämlich  der  einzige  Mensch  sei,  von   dem 


282  Lutezia 

nicht  zu  befürchten  stehe,  daß  ihn  der  Maestro  Gia- 
como  Meyerbeer  an  der  Nase  herumziehen  werde. 

„/  Herr  Herz  gehört  wie  Kalkbrenner  und  Pixis  zu 
den  Mumien;  er  glänzt  nur  noch  durch  seinen 
schönen  Konzertsaal,  er  ist  längst  tot  und  hat  kürz- 
lich auch  geheiratet.  Zu  den  hier  ansässigen  Klavier- 
spielern, die  jetzt  am  meisten  Glück  machen,  gehören 
Halle  und  Eduard  Wolf,  doch  nur  von  letzterm 
wollen  wir  besonders  Notiz  nehmen,  da  er  sich  zu- 
gleich als  Komponist  auszeichnet.  Eduard  Wolf  ist 
fruchtbar  und  voller  Verve.  Stephan  Heller  ist  mehr 
Komponist  als  Virtuose,  obgleich  er  auch  wegen 
seines  Klavierspiels  sehr  geehrt  wird.  Seine  musika- 
lischen Erzeugnisse  tragen  alle  den  Stempel  eines 
ausgezeichneten  Talentes,  und  er  gehört  schon  jetzt 
zu  den  großen  Meistern.  Er  ist  ein  wahrer  Künstler, 
ohne  Affektation,  ohne  Übertreibung;  romantischer 
Sinn  in  klassischer  Form.  Thalberg  ist  schon  seit 
zwei  Monaten  in  Paris,  will  aber  selbst  kein  Konzert 
geben;  nur  im  Konzerte  eines  seiner  Freunde  wird 
er  diese  Woche  öffentlich  spielen.  Dieser  Künstler 
unterscheidet  sich  vorteilhaft  von  seinen  Klavier- 
kollegen, ich  möchte  fast  sagen  durch  sein  musika- 

.  lisches  Betragen.  Wie  im  Leben,  so  auch  in  seiner 
Kunst  bekundet  Thalberg  den  angebornen  Takt,  sein 
Vortrag  ist  so  gentlemanlike,  so  wohlhabend,  so  an- 
ständig, so  ganz  ohne  Grimasse,  so  ganz  ohne  for- 
ciertes Genialtun,  so  ganz  ohne  jede  renommierende 
Bengelei,  welche  die  innere  Verzagnis  schlecht  ver- 
hehlt. Die  gesunden  Weiber  lieben  ihn.  Die  kränk- 
lichen Frauen  sind  ihm  nicht  minder  hold,  obgleich 
er  nicht  durch  epileptische  Anfälle  auf  dem  Klavier 
ihr  Mitleid  in  Anspruch  nimmt,  obgleich  er  nicht 
auf  ihre  überreizt  zarten  Nerven  spekuliert,  obgleich 


Zweiter  Teil  283 

er  sie  weder  elektrisiert  noch  galvanisiert;  negative, 
aber  schöne  Eigenschaften.  Es  gibt  nur  einen,  den 
ich  ihm  vorzöge,  das  ist  Chopin,  der  aber  viel  mehr 
Komponist  als  Virtuose  ist.  Bei  Chopin  vergesse 
ich  ganz  die  Meisterschaft  des  Klavierspiels,  und 
versinke  in  die  süßen  Abgründe  seiner  Musik,  in  die 
schmerzliche  Lieblichkeit  seiner  ebenso  tiefen  wie 
zarten  Schöpfungen.  Chopin  ist  der  große  geniale  ^ 
Tondichter,  den  man  eigentlich  nur  in  Gesellschaft 
von  Mozart  oder  Beethoven  oder  Rossini  nennen 
sollte. 

In  den  sogenannten  lyrischen  Theatern  hat  es  "^ 
diesen  Winter  nicht  an  Novitäten  gefehlt.  Die  Buffos 
gaben  uns  »Don  Pasquale«,  ein  neues  Opus  von 
Signor  Donizetti.  Auch  diesem  Italiener  fehlt  es 
nicht  an  Erfolg,  sein  Talent  ist  groß,  aber  noch 
größer  ist  seine  Fruchtbarkeit,  worin  er  nur  den 
Kaninchen  nachsteht.  In  der  Opera  comique  sahen 
wir  »La  part  du  diable«,  Text  von  Scribe,  Musik 
von  Auber;  Dichter  und  Komponist  passen  hier  gut 
zusammen,  sie  sind  sich  auffallend  ähnlich  in  ihren 
Vorzügen  wie  in  ihren  Mängeln.  Beide  haben  viel 
Esprit,  viel  Grazie,  viel  Erfindung,  sogar  Leiden* 
schaft;  dem  einen  fehlt  nur  die  Poesie,  wie  dem 
andern  nur  die  Musik  fehlt.  Das  Werk  findet  sein 
Publikum  und  macht  immer  ein  volles  Haus. 

In  der  Academie  royale  de  musique,  der  großen  — 
Oper,  gab  man  dieser  Tage  »Karl  VI.«,  Text  von 
Casimir  Delavigne,  Musik  von  Halevy.  Auch  hier 
bemerken  wir  zwischen  dem  Dichter  und  Kompo- 
nisten eine  wahlverwandte  Ähnlichkeit.  Sie  haben 
beide  durch  gewissenhaftes  edles  Streben  ihre  natür- 
liche Begabnis  zu  steigern  gewußt  und  mehr  durch 
die  äußere  Zucht  der  Schule  als  durch  innere  Ur- 


J 


284  Lutezia 

sprünglichkeit  sich  herangebildet.  Deshalb  sind  sie 
auch  beide  nie  ganz  dem  Schlechten  verfallen,  wie 
es  dem  Originalgenie  zuweilen  begegnet;  sie  leisteten 
immer  etwas  Erquickliches,  etwas  Schönes,  etwas 
Respektables,  Akademisches,  Klassisches.  Beide  sind 
dabei  gleich  edle  Naturen,  würdige  Gestalten,  und 
in  einer  Zeit  wo  das  Gold  sich  geizig  versteckt, 
wollen  wir  an  dem  kursierenden  Silber  nicht  ge- 
ringschätzend mäkeln.  »Der  fliegende  Holländer« 
von  Dietz  ist  seitdem  traurig  gescheitert;  ich  habe 
diese  Oper  nicht  gehört,  nur  das  Libretto  kam  mir 
zu  Gesicht,  und  mit  Widerwillen  sah  ich,  wie  die 
schöne  Fabel,  die  ein  bekannter  deutscher  Schrift- 
steller <H.  Heine)  fast  ganz  mundgerecht  für  die 
Bühne  ersonnen,  in  dem  französischen  Text  verhunzt 
worden. 

Als  gewissenhafter  Berichterstatter  muß  ich  er- 
wähnen, daß  unter  den  deutschen  Landsleuten,  die 
hier  anwesend,  sich  auch  der  vortreffliche  Meister 
Konradin  Kreutzer  befindet.  Konradin  Kreutzer  ist 
hier  zu  bedeutendem  Ansehn  gelangt  durch  das 
»Nachtlager  von  Granada«,  das  die  deutsche  Truppe, 
verhungerten  Andenkens,  gegeben  hat.  Mir  ist  der 
verehrte  Meister  schon  seit  meinen  frühesten  Jugend- 
tagen bekannt,  wo  mich  seine  Liederkompositionen 
entzückten;  noch  heute  tönen  sie  mir  im  Gemüte, 
wie  singende  Wälder  mit  schluchzenden  Nachtigallen 
und  blühender  Frühlingslust.  Herr  Kreutzer  sagt  mir, 
daß  er  für  die  Opera  comique  ein  Libretto  in  Musik 
setzen  wird.  Möge  es  ihm  gelingen,  auf  diesem  ge- 
fährlichen Pfad  nicht  zu  straucheln,  und  von  den 
abgefeimten  Roues  der  Pariser  Komödiantenwelt  nicht 
hinters  Licht  geführt  zu  werden,  wie  so  manchen 
Deutschen  vor  ihm  geschehen,  die  sogar  den  Vorzug 


Zweiter  Teil  285 

hatten,  weniger  Talent  als  Herr  Kreutzer  zu  besitzen, 
und  jedenfalls  leichtfüßiger  als  letzterer  auf  dem 
glatten  Boden  von  Paris  sich  zu  bewegen  wußten. 
Welche  traurigen  Erfahrungen  mußte  Herr  Richard 
Wagner  machen,  der  endlich,  der  Sprache  der  Ver- 
nunft  und  des  Magens  gehorchend,  das  gefähr* 
liehe  Projekt,  auf  der  französischen  Bühne  Fuß 
zu  fassen,  klüglich  aufgab  und  nach  dem  deutschen 
Kartoffelland  zurückflatterte.  Vorteilhafter  ausge- 
rüstet im  materiellen  und  industrieusen  Sinne  ist  ^/ 
der  alte  Dessauer,  welcher,  wie  er  behauptet,  im 
Auftrage  der  Opera  comique- Direktion  eine  Oper 
komponiert.  Den  Text  liefert  ihm  Herr  Scribe,  dem 
vorher  ein  hiesiges  Bankierhaus  Bürgschaft  leistet, 
daß  bei  etwaigem  Durchfall  des  alten  Dessauer  ihm, 
dem  berühmten  Librettofabrikanten,  eine  namhafte 
Summe  als  Abtrittsgeld  oder  Dedit  ausbezahlt  werde. 
Er  hat  in  der  Tat  recht  sich  vorzusehen,  da  der 
alte  Dessauer,  wie  er  uns  täglich  vorwimmert,  an 
der  Melancholik  leidet.  Aber  wer  ist  der  alte  Des* 
sauer?  Es  kann  doch  nicht  der  alte  Dessauer  sein, 
der  im  siebenjährigen  Kriege  so  viele  Lorbeern  ge- 
wonnen und  dessen  Marsch  so  berühmt  geworden, 
und  dessen  Statue  im  Berliner  Schloßgarten  stand 
und  seitdem  umgefallen  ist?  Nein,  teurer  Leser! 
Der  Dessauer,  von  welchem  wir  reden,  hat  nie  Lor- 
beern gewonnen,  er  schrieb  auch  keine  berühmten 
Märsche,  und  es  ist  ihm  auch  keine  Statue  gesetzt 
worden,  welche  umgefallen.  Er  ist  nicht  der  preußi- 
sche alte  Dessauer,  und  dieser  Name  ist  nur  ein  nom^ 
de  guerre  oder  vielleicht  ein  Spitzname,  den  man 
ihm  erteilt  hat,  ob  seinem  ältlichen  katzenbucklicht 
gekrümmten  und  benauten  Aussehen.  Er  ist  ein 
alter  Jüngling,  der  sich  schlecht  konserviert.    Er  ist 


>/ 


286  Lutezia 

nicht  aus  Dessau,  im  Gegenteil  er  ist  aus  Prag,  wo 
er  im  israelitischen  Quartier  zwei  große  reinliche 
Häuser  besitzt;  auch  in  Wien  soll  er  ein  Haus  be- 
sitzen  und  sonstig  sehr  vermögend  sein.  Er  hat  also 
nicht  nötig  zu  komponieren,  wie  die  alte  Mosson 
sagen  würde.  Aber  aus  Vorliebe  für  die  Kunst  ver- 
nachlässigte er  seine  Handlungsgeschäfte,  trieb  Musik 
und  komponierte  frühzeitig  eine  Oper,  welche  durch 
edle  Beharrlichkeit  zur  Aufführung  gelangte  und 
anderthalb  Vorstellungen  erlebte.  So  wie  in  Prag 
suchte  der  alte  Dessauer  auch  in  Wien  seine  Talente 
geltend  zu  machen,  doch  die  Clique,  welche  für 
Mozart,  Beethoven  und  Schubert  schwärmt,  ließ  ihn 
nicht  aufkommen;  man  verstand  ihn  nicht,  was  schon 
wegen  seiner  kauderwälschen  Mundart  und  einer 
gewissen  näselnden  Aussprache  des  Deutschen,  die 
an  faule  Eier  erinnert,  sehr  erklärlich.  Vielleicht 
auch  verstand  man  ihn  und  eben  deswegen  wollte 
man  nichts  von  ihm  wissen.  Dabei  litt  er  an  Hämor- 
rhoiden, auch  Harnbeschwerden,  und  er  bekam,  wie 
er  sich  ausdrückt,  die  Melancholik.  Um  sich  zu  er- 
heitern, ging  er  nach  Paris,  und  hier  gewann  er  die 
Gunst  des  berühmten  Herrn  Moritz  Schlesinger,  der 
seine  Liederkompositionen  in  Verlag  nahm;  als  Ho- 
norar erhielt  er  von  demselben  eine  goldene  Uhr. 
Als  der  alte  Dessauer  sich  nach  einiger  Zeit  zu 
seinem  Gönner  begab  und  ihm  anzeigte,  daß  die  Uhr 
nicht  gehe,  erwiderte  derselbe:  »Gehen?  Habe  ich 
gesagt,  daß  sie  gehen  wird?  Gehen  Ihre  Kompo- 
sitionen? Es  geht  mir  mit  Ihren  Kompositionen,  wie 
es  Ihnen  mit  meiner  Uhr  geht.  Sie  gehen  nicht.« 
So  sprach  der  Musikantenbeherrscher  Moritz  Schle- 
singer, indem  er  den  Kragen  seiner  Krawatte  in  die 
Höhe  zupfte  und  am  Halse  herumhaspelte,  als  werde 


Zweiter  Teil  287 

ihm  die  Binde  plötzlich  zu  enge,  wie  er  zu  tun  pflegt 
wenn  er  in  Leidenschaft  gerät;  denn  gleich  allen 
großen  Männern  ist  er  sehr  leidenschaftlich.  Dieses 
unheimliche  Zupfen  und  Haspeln  am  Halse  soll  oft 
den  bedenklichsten  Ausbrüchen  des  Zornes  voraus- 
gehen, und  der  arme  alte  Dessauer  wurde  dadurch 
so  alteriert,  daß  er  an  jenem  Tage  stärker  als  je  die 
Melancholik  bekam.  Der  edle  Gönner  tat  ihm  un- 
recht. Es  ist  nicht  seine  Schuld,  daß  die  Lieder- 
kompositionen nicht  gehen;  er  hat  alles  mögliche  ge- 
tan, um  sie  zum  Gehen  zu  bringen;  er  ist  deswegen 
von  Morgen  bis  Abend  auf  den  Beinen  gewesen, 
und  er  läuft  jedem  nach,  der  imstande  wäre,  durch 
irgendeine  Zeitungsreklame  seine  Lieder  zum  Gehen 
zu  bringen.  Er  ist  eine  Klette  an  dem  Rocke  jedes 
Journalisten,  und  jammert  uns  beständig  vor  von 
seiner  Melancholik  und  wie  ein  Brosämchen  des 
Lobes  sein  krankes  Gemüt  erheitern  könne.  Wenig 
begüterte  Feuilletonisten,  die  an  kleinen  Journalen 
arbeiten,  sucht  er  in  einer  andern  Weise  zu  ködern, 
indem  er  ihnen  z.  B.  erzählt,  daß  er  jüngst  dem  Re- 
dakteur eines  Blattes  im  Cafe  de  Paris  ein  Frühstück 
gegeben  habe,  welches  ihm  fünfundvierzig  Francs  und 
zehn  Sous  gekostet;  er  trägt  auch  wirklich  die  Rech- 
nung, die  carte  payante,  jenes  Dejeuners  beständig 
in  der  Hosentasche,  um  sie  zur  Beglaubigung  vor- 
zuzeigen. Ja,  der  zornige  Schlesinger  tut  dem  alten » 
Dessauer  unrecht,  wenn  er  meint,  daß  derselbe  nicht 
alle  Mittel  anwende,  um  die  Kompositionen  zum 
Gehen  zu  bringen.  Nicht  bloß  die  männlichen  son- 
dern auch  die  weiblichen  Gänsefedern  sucht  der 
Ärmste  zu  solchem  Zwecke  in  Bewegung  zu  setzen. 
Er  hat  sogar  eine  alte  vaterländische  Gans  gefunden, 
die   aus  Mitleid   einige  Lobreklamen   im   sentimental 


J 


288  Lutezia 

flauesten  Deutsch-Französisch  für  ihn  geschrieben, 
und  gleichsam  durch  gedruckten  Balsam  seine  Me- 
lancholik  zu  lindern  gesucht  hat.  Wir  müssen  die 
brave  Person  um  so  mehr  rühmen,  da  nur  reine 
Menschenliebe,  Philanthropie,  im  Spiele,  und  der 
alte  Dessauer  schwerlich  durch  sein  schönes  Gesicht 
die  Frauen  zu  bestechen  vermöchte.  Über  dieses 
Gesicht  sind  die  Meinungen  verschieden;  die  einen 
sagen,  es  sei  ein  Vomitiv,  die  andern  sagen,  es  sei 
ein  Laxativ.  So  viel  ist  gewiß,  bei  seinem  Anblick 
beklemmt  mich  immer  ein  fatales  Dilemma,  und  ich 
weift  alsdann  nicht,  für  welche  von  beiden  Ansichten 
ich  mich  entscheiden  soll.  Der  alte  Dessauer  hat 
dem  hiesigen  Publikum  zeigen  wollen,  daß  sein  Ge- 
sicht nicht,  wie  man  sagte,  das  fatalste  von  der  Welt 
sei.  Er  hat  in  dieser  Absicht  einen  Jüngern  Bruder 
expreß  von  Prag  hierher  kommen  lassen,  und  dieser 
schöne  Jüngling,  der  wie  ein  Adonis  des  Grindes 
aussieht,  begleitet  ihn  jetzt  überall  in  Paris.  — 

Entschuldige,  teurer  Leser,  wenn  ich  dich  von 
solchen  Schmeißfliegen  unterhalte;  aber  ihr  zudring- 
liches Gesumse  kann  den  Geduldigsten  am  Ende 
dahin  bringen,  daß  er  zur  Fliegenklatsche  greift.  Und 
dann  auch  wollte  ich  hier  zeigen,  welche  Mistkäfer 
von  unsern  biedern  Musikverlegern  als  deutsche  Nach- 
tigallen, als  Nachfolger,  ja  als  Nebenbuhler  von 
Schubert  gepriesen  werden.  Die  Popularität  Schuberts 
ist  sehr  groß  in  Paris,  und  sein  Name  wird  in  der 
unverschämtesten  Weise  ausgebeutet.  Der  misera- 
belste Liederschund  erscheint  hier  unter  dem  fingierten 
Namen  Camille  Schubert,  und  die  Franzosen,  die 
gewiß  nicht  wissen,  daß  der  Vorname  des  echten 
Musikers  Franz  ist,  lassen  sich  solchermaßen  täu- 
schen.   Armer  Schubert!  Und  welche  Texte  werden 


Zweiter  Teil  289 

seiner  Musik  untergeschoben!  Es  sind  namentlich  die 
von  Schubert  komponierten  Lieder  von  Heinrich 
Heine,  welche  hier  am  beliebtesten  sind,  aber  die 
Texte  sind  so  entsetzlich  übersetzt,  daß  der  Dichter 
herzlich  froh  war,  als  er  erfuhr,  wie  wenig  die 
Musikverleger  sich  ein  Gewissen  daraus  machen, 
den  wahren  Autor  verschweigend,  den  Namen  eines 
obskuren  französischen  Paroliers  auf  das  Titelblatt 
jener  Lieder  zu  setzen.  Es  geschah  vielleicht  auch 
aus  Pfiffigkeit,  um  nicht  an  droits  d'auteur  zu  er* 
innern.  Hier  in  Frankreich  gestatten  diese  dem 
Dichter  eines  komponierten  Liedes  immer  die  Hälfte 
des  Honorars.  Wäre  diese  Mode  in  Deutschland 
eingeführt,  so  würde  ein  Dichter,  dessen  »Buch  der 
Lieder«  seit  zwanzig  Jahren  von  allen  deutschen  Mu- 
sikhändlern ausgebeutet  wird,  wenigstens  von  diesen 
Leuten  einmal  ein  Wort  des  Dankes  erhalten  haben. 
—  Es  ist  ihm  aber  von  den  vielen  hundert  Kompo- 
sitionen seiner  Lieder,  die  in  Deutschland  erschienen, 
nicht  ein  einziges  Freiexemplar  geschickt  worden! 
Möge  auch  einmal  für  Deutschland  die  Stunde  schla- 
gen, wo  das  geistige  Eigentum  des  Schriftstellers 
ebenso  ernsthaft  anerkannt  werde,  wie  das  baum- 
wollene Eigentum  des  Nachtmützenfabrikanten.  Dich- 
ter werden  aber  bei  uns  als  Nachtigallen  betrachtet, 
denen  nur  die  Luft  angehöre;  sie  sind  rechtlos, 
wahrhaft  vogelfrei ! 

Ich  will  diesen  Artikel  mit  einer  guten  Handlung 
beschließen.  Wie  ich  höre,  soll  sich  Herr  Schindler 
in  Köln,  wo  er  Musikdirektor  ist,  sehr  darüber 
grämen,  daß  ich  in  einem  meiner  Saisonberichte 
sehr  wegwerfend  von  seiner  weißen  Krawatte  ge- 
sprochen, und  von  ihm  selbst  behauptet  habe,  auf 
seiner  Visitenkarte  sei  unter  seinem  Namen  der  Zu- 

IX.  tq 


\^ 


290 


Lutezia 


satz  ami  de  Beethoven  zu  lesen  gewesen.  Letzteres 
stellt  er  in  Abrede;  was  die  Krawatte  betrifft,  so 
hat  es  damit  ganz  seine  Richtigkeit,  und  ich  habe 
nie  ein  fürchterlich  weißeres  und  steiferes  Ungeheuer 
gesehen;  doch  in  betreff  der  Karte  muß  ich  aus 
Menschenliebe  gestehen,  daß  ich  selber  daran  zweifle, 
ob  jene  Worte  wirklich  darauf  gestanden.  Ich  habe 
die  Geschichte  nicht  erfunden,  aber  vielleicht  mit 
zu  großer  Zuvorkommenheit  geglaubt,  wie  es  denn 
bei  allem  in  der  Welt  mehr  auf  die  Wahrscheinlich- 
keit als  auf  die  Wahrheit  selbst  ankommt.  Erstere 
beweist,  daß  man  den  Mann  einer  solchen  Narrheit 
fähig  hielt,  und  bietet  uns  das  Maß  seines  wirklichen 
Wesens,  während  ein  wahres  Faktum  an  und  für 
sich  nur  eine  Zufälligkeit  ohne  charakteristische  Be- 
deutung sein  kann.  Ich  habe  die  erwähnte  Karte 
nicht  gesehen;  dagegen  sah  ich  dieser  Tage  mit  leib- 
lich eignen  Augen  die  Visitenkarte  eines  schlechten 
italienischen  Sängers,  der  unter  seinem  Namen  die 
Worte  neveu  de  Mr.  Rubini    hatte  drucken  lassen. 


LVII. 

Paris,  5.  Mai  1843. 
Die  eigentliche  Politik  lebt  jetzt  zurückgezogen  in 
ihrem  Hotel  auf  dem  Boulevard  des  Capucins. 
Industrielle  und  artistische  Fragen  sind  unterdessen 
an  der  Tagesordnung,  und  man  streitet  jetzt,  ob  das 
Zuckerrohr  oder  die  Runkelrübe  begünstigt  werden 
solle,  ob  es  besser  sei,  die  Nordeisenbahn  einer 
Kompagnie  zu  überlassen  oder  sie  ganz  auf  Kosten 
des  Staates  auszubauen,  ob  das  klassische  System 
in    der  Poesie    durch    den  Sukzeß    von    »Lucrezia« 


Zweiter' Teil  291 

wieder  auf  die  Beine  kommen  werde;  die  Namen, 
die  man  in  diesem  Augenblick  am  häufigsten  nennt, 
sind  Rothschild  und  Ponsard. 

Die  Untersuchung  über  die  Wahlen  bildet  ein 
kleines  Intermezzo  in  der  Kammer.  Der  voluminöse 
Bericht  über  diese  betrübsame  Angelegenheit  enthält 
sehr  wunderliche  Details.  Der  Verfasser  ist  ein 
gewisser  Lanyer,  den  ich  vor  zwölf  Jahren  als  einen 
äußerst  ungeschickten  Arzt  bei  seinem  einzigen  Pa- 
tienten antraf,  und  der  seitdem  zum  Besten  der 
Menschheit  den  Äskulapstab  an  den  Nagel  gehängt 
hat.  Sobald  die  Enquete  beseitigt,  beginnen  die 
Debatten  über  die  Zuckerfrage,  bei  welcher  Gelegen- 
heit Herr  von  Lamartine  die  Interessen  des  Kolonial- 
handeis  und  der  französischen  Marine  gegen  den 
kleinlichen  Krämersinn  vertreten  wird.  Die  Gegner 
des  Zuckerrohrs  sind  entweder  beteiligte  Industrielle, 
die  das  Heil  Frankreichs  nur  vom  Standpunkt  ihrer 
Bude  beurteilen,  oder  es  sind  alte  abgelebte  Bona» 
partisten,  die  an  der  Runkelrübe,  der  Lieblingsidee 
des  Kaisers,  mit  einer  gewissen  Pietät  festhalten. 
Diese  Greise,  die  seit  1814  geistig  stehen  geblieben, 
bilden  immer  ein  wehmütig  komisches  Seitenstück 
zu  unsern  überrheinischen  alten  Deutschtümlern,  und 
wie  diese  einst  für  die  deutsche  Eiche  und  den 
Eichelkaffee,  so  schwärmen  jene  für  die  Gloire  und 
den  Runkelrübenzucker.  Aber  die  Zeit  rollt  rasch 
vorwärts,  unaufhaltsam,  aufrauchenden  Dampfwagen, 
und  die  abgenutzten  Helden  der  Vergangenheit,  die 
alten  Stelzfüße  abgeschlossener  Nationalität,  die  Inva- 
liden und  Inkurabeln,  werden  wir  bald  aus  den 
Augen  verlieren. 

Die    Eröffnung    der    beiden    neuen    Eisenbahnen, 
wovon    die    eine    nach   Orleans,    die    andere    nach 


2Q2 


Lutezia 


Roucn  führt,  verursacht  hier  eine  Erschütterung, 
die  jeder  mitempfindet,  wenn  er  nicht  etwa  auf  einem 
sozialen  Isolierschemel  steht.  Die  ganze  Bevölkerung 
von  Paris  bildet  in  diesem  Augenblick  gleichsam 
eine  Kette,  wo  einer  dem  andern  den  elektrischen 
Schlag  mitteilt.  Während  aber  die  große  Menge 
verdutzt  und  betäubt  die  äußere  Erscheinung  der 
großen  Bewegungsmächte  anstarrt,  erfaßt  den  Denker 
ein  unheimliches  Grauen,  wie  wir  es  immer  emp- 
finden, wenn  das  Ungeheuerste,  das  Unerhörteste 
geschieht,  dessen  Folgen  unabsehbar  und  unberechen- 
/  bar  sind.     Wir  merken  bloß,  daß  unsre  ganze  Exi- 

y  stenz  in  neue  Gleise  fortgerissen,  fortgeschleudert 
wird,  daß  neue  Verhältnisse,  Freuden  und  Drang* 
sale  uns  erwarten,  und  das  Unbekannte  übt  seinen 
schauerlichen  Reiz,  verlockend  und  zugleich  beäng- 
stigend. So  muß  unsern  Vätern  zumut  gewesen 
sein,  als  Amerika  entdeckt  wurde,  als  die  Erfindung 
des  Pulvers  sich  durch  ihre  ersten  Schüsse  ankündigte, 
als  die  Buchdruckerei  die  ersten  Aushängebogen  des 
göttlichen  Wortes  in  die  Welt  schickte.  Die  Eisen- 
bahnen sind  wieder  ein  solches  providencielles  Er- 
eignis, das  der  Menschheit  einen  neuen  Umschwung 
gibt,  das  die  Farbe  und  Gestalt  des  Lebens  ver- 
ändert ;  es  beginnt  ein  neuer  Abschnitt  in  der  Welt* 
geschichte,  und  unsre  Generation  darf  sich  rühmen, 
daß  sie  dabei  gewesen.  Welche  Veränderungen 
müssen  jetzt  eintreten  in  unsrer  Anschauungsweise 
und  in  unsern  Vorstellungen !  Sogar  die  Elementar- 

v  begriffe  von  Zeit  und  Raum  sind  schwankend  ge- 
worden. Durch  die  Eisenbahnen  wird  der  Raum 
getötet,  und  es  bleibt  uns  nur  noch  die  Zeit  übrig. 
Hätten  wir  nur  Geld  genug,  um  auch  letztere  an- 
ständig   zu    töten!    In    vierthalb  Stunden    reist  man 


Zweiter  Teil 


^93 


jetzt  nach  Orleans,  in  ebensoviel  Stunden  nach 
Rouen.  Was  wird  das  erst  geben,  wenn  die  Linien 
nach  Belgien  und  Deutschland  ausgeführt  und  mit 
den  dortigen  Bahnen  verbunden  sein  werden!  Mir 
ist  als  kämen  die  Berge  und  Wälder  aller  Länder 
auf  Paris  angerückt.  Ich  rieche  schon  den  Duft 
der  deutschen  Linden;  vor  meiner  Türe  brandet  die 
Nordsee. 

Es  haben  sich  nicht  bloß  für  die  Ausführung  der 
Nordeisenbahn,  sondern  auch  für  die  Anlage  vieler 
andern  Linien  große  Gesellschaften  gebildet,  die  das 
Publikum  in  gedruckten  Zirkularen  zur  Teilnahme 
auffordern.  Jede  versendet  einen  Prospektus,  an 
dessen  Spitze  in  großen  Zahlen  das  Kapital  para- 
diert, das  die  Kosten  der  Unternehmung  decken 
wird.  Es  beträgt  immer  einige  fünfzig  bis  hundert, 
ja  sogar  mehre  hundert  Millionen  Francs;  es  werden, 
sobald  die  zur  Subskription  limitierte  Zeit  verflossen, 
keine  Subskribenten  mehr  angenommen;  auch  wird 
bemerkt,  daß,  im  Fall  die  Summe  des  limitierten 
Gesellschaftskapitals  vor  jenem  Termin  erreicht  ist, 
niemand  mehr  zur  Subskription  zugelassen  werden 
kann.  Ebenfalls  mit  kolossalen  Buchstaben  stehen 
obenangedruckt  die  Namen  der  Personen,  die  das 
Comite  de  surveillance  der  Sozietät  bilden;  es  sind 
nicht  bloß  Namen  von  Finanziers,  Bankiers,  Rece- 
veurs-generaux,  Usinen-Inhabern  und  Fabrikanten, 
sondern  auch  Namen  von  hohen  Staatsbeamten, 
Prinzen,  Herzögen,  Marquis,  Grafen,  die  zwar  meist 
unbekannt,  aber  mit  ihrer  offiziellen  und  feudalisti- 
schen Titulatur  gar  prachtvoll  klingen,  so  daß  man 
glaubt,  die  Trompetenstöße  zu  vernehmen,  womit 
Bajazzo  auf  dem  Balkon  einer  Marktbude  das  ver- 
ehrungswürdige Publikum  zum  Hereintreten  einladet. 


204  Lutezia 

»On  ne  paic  qu'en  entrant.«  Wer  traute  nicht  einem 
solchen  comite  de  surveillance,  das  aber  keineswegs, 
wie  viele  glauben,  eine  solidarische  Garantie  ver- 
sprochen  haben  will  und  keine  feste  Stütze  ist,  son- 
dern als  Karyatide  figuriert.  Ich  bemerkte  einem 
meiner  Freunde  meine  Verwunderung,  daß  unter 
den  Mitgliedern  der  Comites  sich  auch  Marine- 
offiziere befänden,  ja  daß  ich  auf  vielen  Prospektus- 
Zirkularen  als  Präsidenten  der  Sozietät  die  Namen 
von  Admiralen  gedruckt  sähe.  So  z.  B.  sähe  ich 
den  Namen  des  Admirals  Rosamel,  nach  welchem 
sogar  die  ganze  Gesellschaft  und  sogar  ihre  Aktien 
genannt  werden.  Mein  Freund,  der  sehr  lachlustig, 
meinte,  eine  solche  Beigesellung  von  Seeoffizieren 
sei  eine  sehr  kluge  Vorsichtsmaßregel  der  respektiven 
Gesellschaften,  für  den  Fall,  daß  sie  mit  der  Justiz 
in  eine  fatale  Kollision  kämen,  und  von  einer  Jury 
zu  den  Galeeren  verurteilt  würden;  die  Mitglieder 
der  Gesellschaft  hätten  alsdann  immer  einen  Admiral 
bei  sich,  was  ihnen  zu  Toulon  oder  Brest,  wo  es 
viel  zu  rudern  gibt,  von  Nutzen  sein  möchte.  Mein 
Freund  irrt  sich.  Jene  Leute  haben  nicht  zu  be- 
fürchten, in  Toulon  oder  in  Brest  ans  Ruder  zu 
kommen;  das  Ruder,  das  ihren  Händen  einst  anheim- 
fällt oder  zum  Teil  schon  anheimgefallen,  gehört  einer 
y  ganz  anderen  örtlichkeit,  es  ist  das  Staatsruder,  dessen 
sich  die  herrschende  Geldaristokratie  täglich  mehr  und 
mehr  bemächtigt.  Jene  Leute  werden  bald  nicht  sowohl 
das  comite  de  surveillance  der  Eisenbahnsozietät, 
sondern  auch  das  comite  de  surveillance  unserer 
ganzen  bürgerlichen  Gesellschaft  bilden,  und  sie  wer- 
den es  sein,  die  uns  nach  Toulon  oder  Brest  schicken. 
Das  Haus  Rothschild,  welches  die  Konzession 
der     Nordeisenbahn    soumissioniert    und    sie     aller 


Zweiter  Teil 


295 


Wahrscheinlichkeit  nach  erhalten  wird,  bildet  keine 
eigentliche  Sozietät,  und  jede  Beteiligung,  die  jenes 
Haus  einzelnen  Personen  gewährt,  ist  eine  Ver- 
günstigung, ja,  um  mich  ganz  bestimmt  auszudrücken, 
sie  ist  ein  Geldgeschenk,  das  Herr  von  Rothschild 
seinen  Freunden  angedeihen  läßt.  Die  eventuellen 
Aktien,  die  sogenannten  Promessen  des  Hauses 
Rothschild,  stehen  nämlich  schon  mehre  hundert 
Franken  über  pari,  und  wer  daher  solche  Aktien  al 
pari  von  dem  Baron  James  de  Rothschild  begehrt, 
bettelt  im  wahren  Sinne  des  Wortes.  Aber  die 
ganze  Welt  bettelt  jetzt  bei  ihm,  es  regnet  Bettel* 
briefe,  und  da  die  Vornehmsten  mit  dem  würdigen 
Beispiel  vorangehen,  ist  jetzt  das  Betteln  keine 
Schande  mehr.  Herr  von  Rothschild  ist  daher  der  ^ 
Held  des  Tages,  und  er  spielt  überhaupt  in  der  Ge- 
schichte unsrer  heutigen  Misere  eine  so  große  Rolle, 
daß  ich  ihn  oft  und  so  ernsthaft  als  möglich  be- 
sprechen" muß.  Er  ist  in  der  Tat  eine  merkwürdige 
Person.  Ich  kann  seine  finanzielle  Fähigkeit  nicht 
beurteilen,  aber  nach  Resultaten  zu  schließen  muß 
sie  sehr  groß  sein.  Eine  eigentümliche  Kapazität  ist 
bei  ihm  die  Beobachtungsgabe  oder  der  Instinkt,  wo- 
mit er  die  Kapazitäten  andrer  Leute  in  jeder 
Sphäre,  wo  nicht  zu  beurteilen,  doch  herauszufinden 
versteht.  Man  hat  ihn  ob  solcher  Begabnis  mit 
Ludwig  XIV.  verglichen;  und  wirklich,  im  Gegen- 
satz zu  seinen  Herren  Kollegen,  die  sich  gern  mit 
einem  Generalstab  von  Mittelmäßigkeit  umgeben, 
sahen  wir  Hrn.  James  von  Rothschild  immer  in 
intimster  Verbindung  mit  den  Notabilitäten  jeder 
Disziplin:  wenn  ihm  auch  das  Fach  ganz  unbekannt 
war,  so  wußte  er  doch  immer  wer  darin  der  beste 
Mann.     Er  versteht  vielleicht    keine   Note  Musik, 


296 


Lutezia 


aber  Rossini  war  beständig  sein  Hausfreund.  Ary 
Scheffer  ist  sein  Hofmaler;  Careme  war  sein  Koch. 
Hr.  v.  Rothschild  weiß  sicher  kein  Wort  Griechisch, 
aber  der  Hellenist  Letronne  ist  der  Gelehrte,  den  er 
am  meisten  auszeichnet.  Sein  Leibarzt  war  der 
geniale  Dupuytren,  und  es  herrschte  zwischen  beiden 
die  brüderlichste  Zuneigung.  Den  Wert  eines  Cre- 
mieux,  des  großen  Juristen,  dem  eine  große  Zukunft 
bevorsteht,  hat  Hr.  v.  Rothschild  schon  frühe  be- 
griffen, und  er  fand  in  ihm  seinen  treuen  Anwalt. 
In  gleicher  Weise  hat  er  die  politischen  Fähigkeiten 

v/  Ludwig  Philipps  gleich  von  Anfang  gewürdigt,  und 
er  stand  immer  auf  vertrautem  Fuße  mit  diesem 
Großmeister  der  Staatskunst.  Den  Emile  Pereire,  den 
Pontifex  Maximus  der  Eisenbahnen,  hat  Hr.  v.  Roth* 
schild  ganz  eigentlich  entdeckt,  er  machte  denselben 
gleich  zu  seinem  ersten  Ingenieur,  und  durch  ihn 
gründete  er  die  Eisenbahn  nach  Versailles.  Die 
Poesie,  sowohl  die  französische  wie  die  deutsche,  ist 
ebenfalls  in  der  Gunst  des  Hrn.  v.  Rothschild  sehr 
würdig  vertreten,  doch  will  es  mich  bedünken,  als 
ob  hier  nur  eine  liebenswürdige  Courtoisie  im  Spiele, 
und  als  ob  der  Herr  Baron  für  unsre  heutigen  leben- 
den Dichter  nicht  so  schwärmerisch  begeistert  sei 
wie  für  die  großen  Toten,  z.  B.  für  Homer,  Sopho- 
kles, Dante,  Cervantes,  Shakspeare,  Goethe,  lauter 
verstorbene  Poeten,  verklärte  Genien,  die  geläutert 
von  allen  irdischen  Schlacken,  jeder  Erdennot  ent- 
rückt sind  und  keine  Nordeisenbahnaktien  verlangen. 

/  In  diesem  Augenblick  ist  der  Stern  Rothschild  im 

Zenit  seines  Glanzes.  Ich  weiß  nicht,  ob  ich  mir 
nicht  einen  Mangel  an  Devotion  zuschulden  kommen 
lasse,  indem  ich  Hrn.  v.  Rothschild  nur  einen  Stern 
nannte.    Doch  er  wird  mir  nicht  darob  grollen,  wie 


Zweiter  Teil 


297 


jener  andre,  Ludwig  XIV.,  der  einst  über  einen  armen 
Dichter  in  Zorn  geriet,  weil  er  die  Impertinenz  hatte, 
ihn  mit  einem  Stern  zu  vergleichen,  ihn,  der  gewohnt 
war,  die  Sonne  genannt  zu  werden,  und  auch  diesen 
Himmelskörper  als  sein  offizielles  Sinnbild  ange- 
nommen. 

Ich  will  heute,  um  ganz  sicher  zu  gehen,  Hrn. 
v.  Rothschild  dennoch  mit  der  Sonne  vergleichen, 
erstens  kostet  es  mir  nichts  und  dann  wahrhaftig 
ich  kann  es  mit  gutem  Fug  in  diesem  Augenblick, 
wo  jeder  ihm  huldigt  um  von  seinen  goldnen  Strahlen 
gewärmt  zu  werden.  —  Unter  uns  gesagt,  diese  furor  ^" 
der  Verehrung  ist  für  die  arme  Sonne  keine  geringe 
Plage,  und  sie  hat  keine  Ruhe  vor  ihren  Anbetern, 
worunter  manche  gehören,  die  wahrlich  nicht  wert 
sind,  von  der  Sonne  beschienen  zu  werden;  diese 
Pharisäer  psalmodieren  am  lautesten  ihr  Lob  und 
Preis,  und  der  arme  Baron  wird  von  ihnen  so  sehr 
moralisch  torquiert  und  abgehetzt,  daß  man  ein  Mit- 
leid mit  ihm  haben  möchte.  Ich  glaube  überhaupt, 
das  Geld  ist  für  ihn  mehr  ein  Unglück  als  ein  Glück; 
hätte  er  ein  hartes  Naturell,  so  würde  er  weniger 
Ungemach  ausstehen,  aber  ein  gutmütiger,  sanfter \^ 
Mensch,  wie  er  ist,  muß  er  viel  leiden  von  dem  An- 
drang des  vielen  Elends,  das  er  lindern  soll,  von 
den  Ansprüchen,  die  man  beständig  an  ihn  macht, 
und  von  dem  Undank,  der  jeder  seiner  Wohltaten 
auf  dem  Fuße  folgt.  Überreichtum  ist  vielleicht  ^ 
schwerer  zu  ertragen  als  Armut.  Jedem,  der  sich  in 
großer  Geldnot  befindet,  rate  ich,  zu  Herrn  v.  Roth- 
schild zu  gehen;  nicht  um  bei  ihm  zu  borgen  <denn 
ich  zweifle,  das  er  etwas  Erkleckliches  bekömmt), 
sondern  um  sich  durch  den  Anblick  jenes  Geld- 
elends  zu   trösten.     Der   arme  Teufel,  der  zuwenig 


298  Lutezia 

hat,  und  sich  nicht  zu  helfen  weiß,  wird  sich  hier 
überzeugen,  daß  es  einen  Menschen  gibt,  der  noch 
weit  mehr  gequält  ist,  weil  er  zuviel  Geld  hat,  weil 
alles  Geld  der  Welt  in  seine  kosmopolitische  Riesen- 
tasche geflossen,  und  weil  er  eine  solche  Last  mit 
sich  herumschleppen  muß,  während  rings  um  ihn  her 
der  große  Haufen  von  Hungrigen  und  Dieben  die 
Hände  nach  ihm  ausstreckt.  Und  welche  schreck- 
liche und  gefährliche  Hände!  —  »Wie  geht  es 
Ihnen?«  frug  einst  ein  deutscher  Dichter  den  Herrn 
Baron.  »Ich  bin  verrückt,«  erwiderte  dieser.  »Ehe 
Sie  nicht  Geld  zum  Fenster  hinauswerfen,«  sagte 
der  Dichter,  »glaube  ich  es  nicht.«  Der  Baron  fiel 
ihm  aber  seufzend  in  die  Rede:  »Das  ist  eben  meine 
Verrücktheit,  daß  ich  nicht  manchmal  das  Geld  zum 
Fenster  hinauswerfe.« 
y  Wie  unglücklich  sind  doch  die  Reichen  in  diesem 
Leben  —  und  nach  dem  Tode  kommen  sie  nicht 
einmal  in  den  Himmel!  »Ein  Kamel  wird  eher  durch 
ein  Nadelöhr  gehen,  als  daß  ein  Reicher  ins  Himmel- 
reich käme«  —  dieses  Wort  des  göttlichen  Kommu- 
nisten ist  ein  furchtbares  Anathema  und  zeugt  von 
seinem  bittern  Haß  gegen  die  Börse  und  haute  finance 
von  Jerusalem.  Es  wimmelt  in  der  Welt  von  Phi- 
lanthropen, es  gibt  Tierquälergesellschaften,  und  man 
tut  wirklich  sehr  viel  für  die  Armen.  Aber  für  die 
Reichen,  die  noch  viel  unglücklicher  sind,  geschieht 
gar  nichts.  Statt  Preisfragen  über  Seidenkultur,  Stall- 
fütterung und  Kantsche  Philosophie  aufzugeben, 
sollten  unsre  gelehrten  Sozietäten  einen  bedeutenden 
Preis  aussetzen  zur  Lösung  der  Frage:  wie  man  ein 
Kamel  durch  ein  Nadelöhr  fädeln  könne?  Ehe  diese 
große  Kamelfrage  gelöst  ist  und  die  Reichen  ejne 
Aussicht  gewinnen,   ins   Himmelreich    zu   kommen, 


Zweiter  Teil 


299 


wird  auch  für  die  Armen  kein  durchgreifendes  Heil 
begründet.  Die  Reichen  würden  weniger  hartherzig  s 
sein,  wenn  sie  nicht  bloß  auf  Erdenglück  angewiesen 
wären  und  nicht  die  Armen  beneiden  müßten,  die 
einst  dort  oben  in  Floribus  sich  des  ewigen  Lebens 
gaudieren.  Sie  sagen:  »Warum  sollen  wir  hier  auf 
Erden  für  das  Lumpengesindel  etwas  tun,  da  es 
ihm  doch  einst  besser  geht  als  uns,  und  wir  jeden* 
falls  nach  dem  Tode  nicht  mit  demselben  zusammen* 
treffen.«  Wüßten  die  Reichen,  daß  sie  dort  oben 
wieder  in  aller  Ewigkeit  mit  uns  gemeinsam  hausen 
müssen,  so  würden  sie  sich  gewiß  hier  auf  Erden 
etwas  genieren  und  sich  hüten,  uns  gar  zu  sehr  zu 
mißhandeln.  Laßt  uns  daher  vor  allem  die  große 
Kamelfrage  lösen. 

Hartherzig  sind  die  Reichen,  das  ist  wahr.  Sie  . 
sind  es  sogar  gegen  ihre  ehemaligen  Kollegen,  wenn  N* 
sie  etwas  heruntergekommen  sind.  Da  bin  ich  jüngst 
dem  armen  August  Leo  begegnet,  und  das  Herz 
blutete  mir  beim  Anblick  des  Mannes,  der  ehemals 
mit  den  Häuptern  der  Börse,  mit  der  Aristokratie 
der  Spekulanten,  so  intim  verbunden  und  sogar  selbst 
ein  Stück  Bankier  war.  Aber  sagt  mir  doch,  Ihr 
hochmögenden  Herren,  was  hat  Euch  der  arme  Leo 
getan,  daß  Ihr  ihn  so  schnöde  ausgestoßen  habt  aus 
der  Gemeinde?  —  ich  meine  nicht  aus  der  jüdischen, 
ich  meine  aus  der  Finanzgemeinde.  Ja,  der  Ärmste 
genießt  seit  einiger  Zeit  die  Ungunst  seiner  Genossen 
in  so  hohem  Grade,  daß  man  ihn  von  allen  ver- 
dienstlichen Unternehmungen,  d.  h.  von  allen  Unter- 
nehmungen, woran  etwas  verdient  wird,  wie  einen 
Misselsüchtigen  ausschließt.  Auch  von  dem  letzten 
Emprunt  hat  man  ihm  nichts  zufließen  lassen,  und 
auf  Beteiligung  bei  neuen  Eisenbahn-Entreprisen  muß 


300 


Lutezia 


S 


er  gänzlich  verzichten,  seitdem  er  bei  der  Versailler 
Eisenbahn  der  rive  gauche  eine  so  klägliche  Schlappe 
erlitten,  und  seine  Leute  in  so  schreckliche  Verluste 
hineingerechnet  hat.  Keiner  will  mehr  etwas  von 
ihm  wissen,  jeder  stößt  ihn  zurück,  und  sogar  sein 
einziger  Freund,  <der,  beiläufig  gesagt,  ihn  nie  aus- 
stehen konnte),  sogar  sein  Jonathan,  der  Stockjobber 
Läusedorf,  verläßt  ihn  und  läuft  jetzt  beständig 
hinter  dem  Baron  Meklenburg  einher,  und  kriecht 
demselben  fast  zwischen  die  Rockschöße  hinein.  — 
Beiläufig  bemerke  ich  ebenfalls,  daß  genannter  Baron 
Meklenburg,  einer  unserer  eifrigsten  Agioteure  und 
Industriellen,  keineswegs  ein  Israelite  ist,  wie  man 
gewöhnlich  glaubt,  weil  man  ihn  mit  Abraham  Meklen- 
burg verwechselt,  oder  weil  man  ihn  immer  unter 
den  Starken  Israels  sieht,  unter  den  Krethi  und  Plethi 
der  Börse,  wo  sie  sich  um  ihn  versammeln;  denn 
sie  lieben  ihn  sehr.  Diese  Leute  sind  keine  religiösen 
Fanatiker,  wie  man  sieht,  und  ihr  Unmut  gegen  den 
armen  Leo  ist  daher  keinen  intoleranten  Ursachen 
beizumessen;  sie  grollen  ihm  nicht  wegen  seiner  Ab* 
trünnigkeit  von  der  schönen  jüdischen  Religion,  und 
sie  zuckten  nur  mitleidig  die  Achsel  über  die 
schlechten  Religionswechselgeschäfte  des  armen  Leo, 
der  in  dem  protestantischen  Bethaus  der  rue  des 
billettes  jetzt  das  Amt  eines  Marguillers  versieht 
—  das  ist  gewiß  ein  bedeutendes  Ehrenamt,  aber 
ein  Mann  wie  August  Leo  wäre  mit  der  Zeit  auch 
in  der  Synagoge  zu  großen  Würden  emporgestiegen, 
man  hätte  vielleicht  bei  Beschneidungsfeierlichkeiten 
das  Kind,  dem  die  Vorhaut  abgeschnitten  wird, 
oder  das  Messerchen,  womit  solches  geschieht,  seinen 
Händen  anvertraut,  oder  man  hätte  ihn  auch  bei 
Lesung    der   Thora   mit   den    kostspieligsten   Tages- 


Zweiter  Teil  301 

würden  überhäuft,  ja,  da  er  sehr  musikalisch  ist  und 
gar  für  Kirchenmusik  so  viel  Sinn  besitzt,  wäre  ihm 
vielleicht  am  Neujahrsfeste  der  jüdischen  Kirche  das 
Blasen  mit  dem  Schofar,  dem  heiligen  Hörne,  zuteil 
worden.  Nein,  er  ist  nicht  das  Opfer  eines  religiösen 
oder  moralischen  Unwillens  starrköpfiger  Pharisäer, 
es  sind  nicht  Fehler  des  Herzens,  welche  dem  armen 
Leo  zur  Last  gelegt  werden,  sondern  Rechnungs«  >/ 
fehler,  und  verlorene  Millionen  verzeiht  selbst  kein 
Christ.  Aber  habt  doch  endlich  Erbarmen  mit  dem 
armen  Gefallenen,  mit  der  gesunkenen  Größe,  nehmt 
ihn  wieder  auf  in  Gnaden,  laßt  ihn  wieder  teilnehmen 
an  einem  guten  Geschäfte,  gönnt  ihm  einmal  wieder 
einen  kleinen  Profit,  woran  sich  sein  gebrochenes 
Herz  erlabe,  date  obolum  Belisario  —  gebt  einen 
Obolus  einem  Belisar,  der  zwar  kein  großer  Feldherr 
aber  blind  gewesen  und  nie  im  Leben  irgendeinem 
Bedürftigen  einen  Obolus  gegeben  hat! 

Auch  patriotische  Gründe  gibt  es,  welche  die 
Erhaltung  des  armen  Leo  wünschenswert  machen. 
Gekränktes  Selbstgefühl  und  .die  großen  Verluste 
nötigen,  wie  ich  höre,  den  einst  so  wohlhabenden 
Mann,  das  sehr  teure  Paris  zu  verlassen  und  sich 
auf  das  Land  zurückzuziehen,  wo  er  wie  Cincin* 
natus  seinen  selbstgepflanzten  Kohl  verspeisen  oder 
wie  einst  Nebukadnezar  auf  seinen  eigenen  Wiesen 
grasen  kann.  Das  wäre  nun  ein  großer  Verlust  für  ^y 
die  deutsche  Landsmannschaft.  Denn  alle  deutsche 
Reisende  zweiten  und  dritten  Ranges,  die  hierher  nach 
Paris  kamen,  fanden  im  Hause  des  Herrn  Leo  eine 
gastliche  Aufnahme,  und  manche,  die  in  der  frostigen 
Franzosenwelt  ein  Unbehagen  empfanden,  konnten 
sich  mit  ihrem  deutschen  Herzen  hierher  flüchten 
und  mit  gleichgesinnten  Gemütern   wieder  heimisch 


9Q2  Lutezia 

fühlen.  An  kalten  Winterabenden  fanden  sie  hier 
eine  warme  Tasse  Tee,  etwas  homöopathisch  zu- 
bereitet, aber  nicht  ganz  ohne  Zucker.  Sie  sahen 
hier  Herrn  von  Humboldt,  nämlich  in  effigie  an  der 
Wand  hängend,  als  Lockvogel.  Hier  sahen  sie  den 
Nasenstern  in  Natura.  Auch  eine  deutsche  Gräfin 
fand  man  hier.  Es  zeigten  sich  hier  auch  die  vor- 
nehmsten Diplomaten  von  Krähwinkel,  nebst  ihren 
kräh-  und  schiefwinklichten  Gemahlinnen.  Hier  hörte 
man  mitunter  sehr  ausgezeichnete  Klavierspieler  und 
Geiger,  neuangekommene  Virtuosen,  die  von  Seelen- 
verkäufern an  das  Haus  Leo  empfohlen  worden  und 
sich  in  seinen  Soireen  musikalisch  ausbeuten  ließen. 
Es  waren  die  holden  Klänge  der  Muttersprache,  so- 
gar der  Großmuttersprache,  welche  hier  den  Deut- 
schen begrüßten.  Hier  ward  die  Mundart  des  Ham- 
burger Dreckwalls  am  reinsten  gesprochen,  und  wer 
diese  klassischen  Laute  vernahm,  dem  ward  zumute, 
als  röche  er  wieder  die  Twieten  des  Mönkedamms. 
Wenn  aber  gar  die  »Adelaide«  von  Beethoven  ge- 
sungen wurde,  flössen  hier  die  sentimentalsten  Tränen! 
Ja,  jenes  Haus  war  eine  Oase,  eine  sehr  aasige  Oase 
deutscher  Gemütlichkeit  in  der  Sandwüste  der  fran- 
zösischen Verstandswelt,  es  war  eine  Lauberhütte 
des  traulichsten  Cancans,  wo  man  ruddelte  wie  an 
den  Ufern  des  Mains,  wo  man  klingelte  wie  im 
Weichbilde  der  hil'gen  Stadt  Köln,  wo  dem  vater- 
ländischen Klatsch  manchmal  auch  zur  Erfrischung 
ein  Gläschen  Bier  beigesellt  ward  —  deutsches  Herz, 
was  verlangst  du  mehr?  Es  wäre  jammerschade, 
wenn  diese  Klatschbude  geschlossen  würde. 


Zweiter  Teil  303 

LVIII. 

Paris,  6.  Mai  1843. 
Die  kostbare  Zeit  wird  leichtsinnig  verzettelt.  Ich 
sage  die  kostbare  Zeit,  und  ich  verstehe  darunter 
die  Friedensjahre,  die  uns  durch  die  Regierung  Lud* 
wig  Philipps  verbürgt  sind.  An  dem  Lebensfaden 
desselben  hängt  die  Ruhe  Frankreichs,  und  der  Mann 
ist  alt,  und  unerbittlich  ist  die  Schere  der  Parze.  Statt 
diese  Zeit  zu  benutzen  und  den  Knäuel  der  innern 
und  äußern  Mißverständnisse  zu  entwirren,  sucht 
man  die  Verwickelungen  und  Schwierigkeiten  noch 
zu  steigern.  Nichts  als  geschminkte  Komödie,  und 
Ränke  hinter  den  Kulissen.  Durch  dieses  Kleintreiben 
kann  Frankreich  wirklich  an  den  Rand  des  Abgrunds 
geraten.  Die  Wetterfahnen  verlassen  sich  auf  ihr 
berühmtes  Talent  der  Vielseitigkeit  in  der  Bewegung; 
sie  fürchten  nicht  die  ärgsten  Stürme,  da  sie  immer 
verstanden,  sich  nach  jedem  Luftzug  zu  drehen.  Ja, 
der  Wind  kann  Euch  nicht  brechen,  denn  Ihr  seid 
noch  beweglicher  wie  der  Wind.  Aber  Ihr  bedenkt 
nicht,  daß  Ihr  trotz  Eurer  windigen  Versatilität  den- 
noch kläglich  aus  Eurer  Höhe  herabpurzelt,  wenn 
der  Turm  niederstürzt,  auf  dessen  Spitze  Ihr  gestellt 
seid!  Fallen  müßt  Ihr  mit  Frankreich,  und  dieser 
Turm  ist  untergraben,  und  im  Norden  hausen  sehr 
böswillige  Wettermacher.  Die  Schamanen  an  der 
Newa  sind  in  diesem  Augenblick  nicht  in  der  Ekstase 
des  Sturmbeschwörens;  aber  hier  hängt  doch  alles 
von  Laune  ab,  von  der  absoluten  Laune  erhabenster 
Willkür.  Wie  gesagt,  mit  dem  Ableben  Ludwig 
Philipps  verschwindet  alle  Bürgschaft  der  Ruhe;  dieser 
größere  Hexenmeister  hält  die  Stürme  gebunden  durch 
seine   geduldige  Klugheit.    Wer   ruhig  schlafen  will, 


3<M 


Lutezia 


muß  in  seinem  Nachtgebet  den   König  von  Frank- 
reich allen  Schutzengeln  des  Lebens  empfehlen. 

Guizot  wird  sich  noch  geraume  Zeit  halten,  was 
gewiß  wünschenswert,  da  eine  ministerielle  Krisis 
immer  mit  unvorhergesehenen  Fatalitäten  verbunden 
ist.  Ein  Ministerwechsel  ist  bei  den  veränderung- 
süchtigen Franzosen  vielleicht  ein  Surrogat  für  den 
\  periodischen  Dynastienwechsel.  Aber  diese  Um« 
J  wälzungen  im  Personal  der  höchsten  Staatsbeamten 
sind  darum  nicht  minder  ein  Unglück  für  ein  Land, 
das  mehr  als  jedes  andere  der  Stabilität  bedürftig 
ist.  Wegen  ihrer  prekären  Stellung  können  die  Mi- 
nister sich  in  keine  weitausgreifende  Plane  einlassen, 
und  der  nackte  Erhaltungstrieb  absorbiert  alle  ihre 
Kräfte.  Ihr  schlimmstes  Mißgeschick  ist  nicht  so- 
wohl ihre  Abhängigkeit  vom  königlichen  Willen,  der 
meistens  verständig  und  heilsam  ist,  sondern  ihre 
Abhängigkeit  von  den  sogenannten  Konservativen, 
jenen  konstitutionellen  Janitscharen,  welche  hier  nach 
Laune  die  Minister  absetzen  und  einsetzen.  Erregt 
einer  derselben  ihre  Ungnade,  so  versammeln  sie 
sich  in  ihren  parlamentarischen  Ortas,  und  pauken 
los  auf  ihre  Kessel.  Die  Ungnade  dieser  Leute  ent- 
springt aber  gewöhnlich  aus  wirklichen  Suppenkessel- 
Interessen:  sie  sind  es  nämlich,  welche  in  Frankreich 
eigentlich  regieren,  indem  kein  Minister  ihnen  etwas 
verweigern  darf,  keinerlei  Amt  oder  Vergünstigung, 
weder  ein  Konsulat  für  den  ältesten  Sohn  ihres  Herrn 
Schwagers,  noch  ein  Tabaksprivilegium  für  die  Witwe 
ihres  Portiers.  Es  ist  unrichtig,  wenn  man  von  dem 
Regiment  der  Bourgeoisie  im  allgemeinen  spricht,  man 
j  sollte  nur  von  dem  Regimente  der  konservativen  De- 
putierten reden;  diese  sind  es,  welche  das  jetzige 
Frankreich   ausbeuten,   in  ihrem  Privatinteresse,  wie 


Zweiter  Teil  305 

einst  der  Geburtsadel.  Letzterer  ist  von  der  kon- 
servativen Partei  keineswegs  bestimmt  gesondert,  und 
wir  begegnen  manchem  alten  Namen  unter  den  parla- 
mentarischen  Tagesherrschern.  Der  Name  Konser- 
vative ist  aber  eigentlich  ebenfalls  keine  richtige  Be= 
Zeichnung,  da  es  gewiß  nicht  allen,  die  wir  solcher- 
maßen benamsen,  um  die  Konservation  der  politischen 
Zustände  zu  tun  ist,  und  manche  daran  sehr  gern 
ein  bißchen  rütteln  möchten;  ebenso  wie  es  in  der 
Opposition  sehr  viele  Männer  gibt,  die  das  Beste* 
hende  um  alles  in  der  Welt  willen  nicht  umstürzen 
möchten,  und  gar  besonders  vor  dem  Krieg  eine 
Todesscheu  hegen.  Die  meisten  jener  Oppositions- 
männer wollen  nur  ihre  Partei  ans  Regiment  bringen, 
um  dieses,  gleich  den  Konservativen,  in  ihrem  Privat- 
interesse auszubeuten.  Die  Prinzipien  sind  auf  beiden 
Seiten  nur  Losungsworte  ohne  Bedeutung;  es  handelt 
sich  im  Grunde  nur  darum,  welche  von  beiden  Par- 
teien die  materiellen  Vorteile  der  Herrschaft  erwerbe. 
In  dieser  Beziehung  haben  wir  hier  denselben  Kampf, 
der  sich  jenseits  des  Kanals,  unter  den  Namen  Whigs 
und  Tories,  seit  zwei  Jahrhunderten  hinschleppt. 

Die  englische  konstitutionelle  Regierungsform  war, 
wie  männiglich  bekannt,  das  große  Muster,  wonach 
sich  das  jetzige  französische  parlamentarische  Ge- 
meinwesen gebildet;  namentlich  die  Doktrinäre  haben 
dieses  Vorbild  bis  zur  Pedanterie  nachzuäffen  ge- 
sucht, und  es  wäre  nicht  unwahrscheinlich,  daß  die 
allzu  große  Nachgiebigkeit,  womit  das  heutige  Mini- 
sterium die  Usurpationen  der  Konservativen  erduldet 
und  sich  von  denselben  ausbeuten  läßt,  am  Ende 
aus  einer  gelehrten  Gründlichkeit  hervorginge,  die 
ihr  reiches,  durch  mühsame  Studien  erworbenes 
Wissen    getreulichst    dokumentieren    möchte.      Der 

IX,  20 


iq6  Lutezia 

29.  Oktober,  d.  h.  der  Herr  Professor,  den  die  Oppo- 
sition mit  jenem  Monatsdatum  bezeichnet,  kennt  das 
Räderwerk  der  englischen  Staatsmaschine  besser  als 
irgend  jemand,  und  wenn  er  glaubt,  daß  eine  solche 
Maschine  auch  diesseits  des  Kanals  nicht  anders 
fungieren  könne,  als  durch  die  unsittlichen  Mittel, 
in  deren  Anwendung  Walpole  ein  Meister  und  Robert 
Peel  keineswegs  ein  Stümper  war,  so  ist  eine  solche 
Ansicht  gewiß  sehr  zu  beklagen,  aber  wir  können  ihr 
nicht  mit  hinlänglicher  Gelehrsamkeit  und  Geschichts- 
kenntnis widersprechen.  Wir  müssen  sagen,  die  Ma- 
schine selbst  taugt  nichts;  aber  fehlt  uns  dieser  Mut, 
so  können  wir  den  dirigierenden  Maschinenmeister 
keiner  allzu  herben  Kritik  unterwerfen.  Und  wozu 
nützte  am  Ende  diese  Kritik?  Was  hülfe  es,  in 
Augsburg  zu  rügen,  wenn  an  der  Seine  gesündigt 
wird?  Die  Opposition  eines  Ausländers  in  auslän- 
dischen Blättern,  wo  es  sich  um  Gebreste  der  innern 
Verwaltung  Frankreichs  handelt,  wäre  eine  Rodo- 
montade,  die  ebenso  ungeziemend  wie  närrisch.  Nicht 
die  innere  Administration,  sondern  nur  Akte  der 
Politik,  die  auch  auf  unser  eignes  Vaterland  einen 
Einfluß  üben  könnten,  soll  ein  Korrespondent  be- 
sprechen. Ich  werde  daher  die  jetzige  Korruption, 
das  Bestechungssystem,  womit  meine  Kollegen  in 
deutschen  Zeitungen  so  viele  Kolonnen  anfüllen, 
weder  in  Frage  stellen  noch  rechtfertigen.  Was  geht 
das  uns  an,  wer  in  Frankreich  die  besten  Amter, 
die  fettesten  Sinekuren,  die  prachtvollsten  Orden  er- 
schleicht oder  an  sich  reißt?  Was  kümmert  es  uns,  ob 
es  ein  Schnapphahn  der  Rechten  oder  ein  Schnapp- 
hahn der  Linken  ist,  der  die  goldenen  Gedärme  des 
Budgets  einsteckt?  Wir  haben  nur  dafür  zu  sorgen, 
daß  wir   uns  selbst  in  der   respektiven  Heimat  von 


Zweiter  Teil 


307 


unsern  heimischen  Tories  oder  Whigs  durch  kein 
Ämtchen,  durch  keinen  Titel,  durch  kein  Bändchen, 
erkaufen  lassen,  wenn  es  gilt,  für  die  Interessen  des 
deutschen  Volks  zu  reden  oder  zu  stimmen!  Warum 
sollen  wir  jetzt  über  den  Splitter,  den  wir  in  fran* 
zösischen  Augen  bemerkt,  so  viel  Zeter  schreien,  wenn 
wir  uns  über  den  Balken  in  den  blauen  Augen  unsrer 
deutschen  Behörden  entweder  gar  nicht  oder  sehr 
kleinlaut  äußern  dürfen?  Wer  könnte  übrigens  in 
Deutschland  beurteilen,  ob  der  Franzose,  dem  das 
französische  Ministerium  eine  Stelle  oder  Gunst  ge- 
währt, dieselbe  verdienter»  oder  unverdienterweise 
empfing?  Die  Ämterjägerei  wird  nicht  aufhören 
unter  einem  Ministerium  Thiers  oder  Barrot,  wenn 
Guizot  fällt.  Kämen  gar  die  Republikaner  ans  Ruder, 
so  würde  die  Korruption  sich  mehr  im  Gewände  der 
Hypokrisie  zeigen,  statt  daß  sie  jetzt  ohne  Schminke, 
schier  naiv  zynisch  auftritt.  Die  Partei  wird  immer 
den  Männern  der  Partei  die  große  Schüssel  vor- 
setzen. Einen  entsetzlich  grauenhaften  Anblick  böte 
uns  gewiß  die  Stunde,  »wo  sich  das  Laster  erbricht 
und  die  Tugend  zu  Tische  setzt!«  Mit  welcher 
Wolfsgier  würden  die  armen  Hungerleider  der  Tugend 
nach  der  langen  Fastenzeit  sich  über  die  guten  Speisen 
herstürzen!  Wie  mancher  Cato  würde  sich  bei  dieser 
Gelegenheit  den  Magen  verderben!  Wehe  den  Ver- 
rätern, die  sich  satt  gegessen  und  sogar  Rebhühner 
und  Trüffeln  gegessen  und  Champagner  getrunken 
während  unsrer  jetzigen  Zeit  der  Verderbnis,  der 
Bestechung,  der  Guizotschen  Korruption! 

Ich  will  nicht  untersuchen,  von  welcher  Beschaffen- 
heit diese  sogenannte  Guizotsche  Korruption  ist,  und 
welche  Beklagnisse  die  verletzten  Interessen  anführen. 
Muß    der    große   Puritaner    wirklich    seiner    Selbst- 


^ 


308  Lutezia 

erhaltung  wegen  zu  dem  anglikanischen  Bestechungs* 

system  seine  Zuflucht  nehmen,  so  ist  er  gewiß  sehr 

zu   bedauern;    eine   Vestalin,    welche  einer  maison 

de  tolerance  vorstehen  müßte,    befände  sich  gewiß 

in  keiner  minder  unpassenden  Lage.     Vielleicht  be» 

icht  ihn  selbst  der  Gedanke,  daß  von  seiner  Selbst« 

^   erhaltung  auch  der  Fortbestand  des  ganzen  jetzigen 

gesellschaftlichen  Zustandes  von  Frankreich  abhängig 

sei.     Das  Zusammenbrechen    desselben   ist   für   ihn 

der   Beginn    aller    möglichen   Schrecknisse.     Guizot 

ist   der  Mann   des  geregelten  Fortschrittes,   und  er 

sieht    die    teuern,    blutteuern    Erworbenheiten    der 

Revolution    jetzt    mehr    als    je   gefährdet   durch   ein 

düster    heranziehendes    Weltgewitter.      Er    möchte 

gleichsam  Zeit  gewinnen,  um  die  Garben  der  Ernte 

unter  Dach  zu  bringen.     In  der  Tat,  die  Fortdauer 

jener  Friedensperiode,  wo  die  gereiften  Früchte  eiiu 

gescheuert  werden  können,  ist  unser  erstes  Bedürfnis. 

Die   Saat   der   liberalen   Prinzipien   ist   erst   grünlich 

•S       abstrakt    emporgeschossen,   und  das  muß  erst  ruhig 

einwachsen    in    die   konkret  knorrigste   Wirklichkeit. 

Die   Freiheit,    die   bisher    nur    hie   und  da   Mensch 

geworden,    muß  auch   in  die  Massen  selbst,    in  die 

untersten  Schichten  der  Gesellschaft,  übergehen  und 

Volk    werden.      Diese    Volkwerdung    der    Freiheit, 

dieser  geheimnisvolle  Prozeß,  der,  wie  jede  Geburt, 

wie  jede  Frucht,  als  notwendige  Bedingnis  Zeit  und 

Ruhe    begehrt,   ist  gewiß   nicht   minder  wichtig,  als 

es  jene   Verkündigung    der   Prinzipien    war,    womit 

sich  unsre  Vorgänger  beschäftigt  haben.    Das  Wort 

Jwird  Fleisch,  und  das  Fleisch  blutet.  Wir  haben 
eine  geringere  Arbeit,  aber  größeres  Leid,  als  unsre 
Vorgänger,  welche  glaubten,  alles  sei  glücklich  zu 
Ende  gebracht,  nachdem  die  heiligen  Freiheits-  und 


Zweiter  Teil 


309 


Gleichheitsgesetze  feierlich  proklamiert  und  auf  hundert 
Schlachtfeldern  sanktioniert  worden.  Ach!  das  ist 
noch  jetzt  der  leidige  Irrtum  so  vieler  Revolutions- 
männer, welche  sich  einbilden ,  die  Hauptsache  sei, 
daß  ein  Fetzen  Freiheit  mehr  oder  weniger  abgerissen 
werde  von  dem  Purpurmantel  der  regierenden  Macht,- 
sie  sind  zufrieden ,  wenn  nur  die  Ordonnanz,  die 
irgendein  demokratisches  Grundgesetz  promulgiert, 
recht  hübsch,  schwarz  auf  weiß,  abgedruckt  steht 
im  »Moniteur«.  Da  erinnere  ich  mich,  als  ich  vor 
zwölf  Jahren  den  alten  Lafayette  besuchte,  drückte 
derselbe  mir  beim  Fortgehen  ein  Papier  in  die  Hand, 
und  er  hatte  dabei  ganz  die  überzeugte  Miene  eines 
Wunderdoktors,  der  uns  ein  Universalelixir  über- 
reicht. Es  war  die  bekannte  Erklärung  der  Menschen- 
rechte, die  der  Alte  vor  sechzig  Jahren  aus  Amerika 
mitgebracht  und  noch  immer  als  die  Panazee  be- 
trachtete, womit  man  die  ganze  Welt  radikal  kurieren 
könne.  Nein,  mit  dem  bloßen  Rezept  ist  dem  ^ 
Kranken  noch  nicht  geholfen,  obgleich  jenes  uner- 
läßlich ist:  er  bedarf  auch  der  Tausendmischerei  des 
Apothekers,  der  Sorgfalt  der  Wärterin,  er  bedarf 
der  Ruhe,  er  bedarf  der  Zeit. 


Retrospektive  Aufklärung. 
<August  1854.) 

Als  ich  in  obigem  Berichte,  vielleicht  etwas  zu 
beschaulich  indiffernt  aber  mit  gutem  Gewissen,  ganz 
ohne  heuchlerische  Tugendgrämelei,  über  die  söge* 
nannte  Guizotsche  Korruption  schrieb,  kam  es  mir 
wahrlich  nicht  in  den  Sinn,  daß  ich  selber,  fünf 
Jahre  später,  als  Teilnehmer  einer  solchen  Korruption 


^jo  Lutezia 

angeklagt  werden  sollte!  Die  Zeit  war  sehr  gut  ge- 
wählt, und  die  Verleumdung  hatte  freien  Spielraum 
in  der  Sturm-  und  Drangperiode  vom  Februar  1848, 
wo  alle  politischen  Leidenschaften,  plötzlich  entzügelt, 
ihren  rasenden  Veitstanz  begannen.  Es  herrschte 
überall  eine  Verblendung,  wie  sie  nur  bei  den  Hexen 
auf  dem  Blocksberg  oder  bei  dem  Jakobinismus  in 
seinen  rohesten  Schreckenstagen  vorgekommen.  Es 
gab  wieder  unzählige  Klubs,  wo  von  den  schmutzig* 
sten  Lippen  der  unbescholtenste  Leumund  angespuckt 
ward;  die  Mauern  aller  Gebäude  waren  mit  Schmä- 
lz hungen,  Denunziationen,  Aufruhrpredigten,  Dro- 
hungen, Invektiven,  in  Versen  und  in  Prosa,  besudelt: 
eine  schmierige  Mordbrandliteratur.  Sogar  Blanqui, 
der  inkarnierte  Terrorismus  und  der  bravste  Kerl 
unter  der  Sonne,  ward  damals  der  gemeinsten  An- 
geberei und  eines  Einverständnisses  mit  der  Polizei 
bezüchtigt.  —  Keine  honette  Person  verteidigte  sich 
mehr.  Wer  einen  schönen  Mantel  besaß,  verhüllte 
darin  das  Antlitz.  In  der  ersten  Revolution  mußte 
der  Name  Pitt  dazu  dienen,  die  besten  Patrioten 
als  verkaufte  Verräter  zu  beflecken  «—  Danton, 
Robespierrc,  ja  sogar  Marat,  denunzierte  man  als 
besoldet  von  Pitt.  Der  Pitt  der  Februarrevolution 
hieß  Guizot,  und  den  lächerlichsten  Verdächtigungen 
J  mußte  der  Name  Guizot  Vorschub  leisten.  Erregte 
man  den  Neid  eines  jener  Tageshelden,  die  schwach 
von  Geist  waren,  aber  lange  in  Sainte-Pelagie  oder 
gar  auf  dem  Mont  Saint-Michel  gesessen,  so  konnte 
man  darauf  rechnen,  nächstens  in  seinem  Klub  als 
ein  Helfershelfer  Guizots,  als  ein  feiler  Söldner  des 
Guizotschen  Bestechungssystems  angeklagt  zu  werden. 
j  Es  gab  damals  keine  Guillotine,  womit  man  die 
Köpfe  abschnitt,  aber  man  hatte  eine  Guizotine  er- 


Zweiter  Teil  311 

fanden,  womit  man  uns  die  Ehre  abschnitt.  Auch 
der  Name  des  Schreibers  dieser  Blätter  entging  nicht 
der  Verunglimpfung  in  jener  Tollzeit,  und  ein  Korre- 
spondent  der  »Allgemeinen  Zeitung«  entblödete  sich 
nicht,  in  einem  anonymen  Artikel  von  den  un- 
würdigsten Stipulationen  zu  sprechen,  wodurch  ich 
für  eine  namhafte  Summe  meine  literarische  Tätig» 
keit  den  gouvernementalen  Bedürfnissen  des  Mini- 
steriums Guizot  verkauft  hätte. 

Ich  enthalte  mich  jeder  Beleuchtung  der  Person 
jenes  fürchterlichen  Anklägers,  dessen  rauhe  Tugend 
durch  die  herrschende  Korruption  so  sehr  in  Har- 
nisch geraten;  ich  will  diesem  mutigen  Ritter  nicht 
das  Visier  seiner  Anonymität  abreißen,  und  nur  bei- 
läufig bemerke  ich,  daß  er  kein  Deutscher,  sondern 
ein  Italiener  ist,  der,  in  Jesuitenschulen  erzogen,  seiner 
Erziehung  treu  blieb,  und  zu  dieser  Stunde  in  den 
Bureaus  der  österreichischen  Gesandtschaft  zu  Paris 
eine  kleine  Anstellung  genießt.  Ich  bin  tolerant, 
gestatte  jedem,  sein  Handwerk  zu  treiben,  wir  können 
nicht  alle  ehrliche  Leute  sein,  es  muß  Käuze  von 
allen  Farben  geben,  und  wenn  ich  mir  etwa  eine 
Rüge  gestatte,  so  ist  es  nur  die  raffinierte  Treulosig- 
keit, womit  mein  ultramontaner  Brutus  sich  auf  die 
Autorität  eines  französischen  Flugblattes  berief,  das, 
der  Tagesleidenschaft  dienend,  nicht  rein  von  Ent- 
stellungen und  Mißdeutungen  jeder  Art  war,  aber 
in  bezug  auf  mich  selbst  sich  auch  kein  Wort  zu- 
schulden kommen  ließ,  welches  obige  Bezüchtigung 
rechtfertigen  konnte.  Wie  es  kam,  daß  die  sonst 
so  behutsame  »Allgemeine  Zeitung«  ein  Opfer 
solcher  Mystifikation  wurde,  will  ich  später  andeuten. 
Ich  begnüge  mich  hier,  auf  die  Augsburger  »All- 
gemeine Zeitung«  vom  23.  Mai  1848,  Außerordent- 


312 


Lutezia 


liehe  Beilage,  zu  verweisen,  wo  ich  in  einer  öffent- 
liehen  Erklärung  über  die  saubere  Insinuation  ganz 
unumwunden,  nicht  der  geringsten  Zweideutigkeit 
Raum  lassend,  mich  aussprach.  Ich  unterdrückte 
alle  verschämten  Gefühle  der  Eitelkeit,  und  in  öffent- 
y  licher  »Allgemeinen  Zeitung«  machte  ich  das  traurige 
Geständnis,  daß  auch  mich  am  Ende  die  schreck* 
liehe  Krankheit  des  Exils,  die  Armut,  heimgesucht 
hatte,  und  daß  auch  ich  meine  Zuflucht  nehmen 
mußte  zu  jenem  »großen  Almosen,  welches  das 
französische  Volk  an  so  viele  Tausende  von  Fremden 
spendete,  die  sich  durch  ihren  Eifer  für  die  Sache 
der  Revolution  in  ihrer  Heimat  mehr  oder  minder 
glorreich  kompromittiert  hatten,  und  an  dem  gast- 
lichen Herde  Frankreichs  eine  Freistätte  suchten«. 
Dieses  waren  meine  nackten  Worte  in  der  besagten 
Erklärung,  ich  nannte  die  Sache  bei  ihrem  betrüb- 
samsten  Namen.  Obgleich  ich  wohl  andeuten  konnte, 
daß  die  Hilfsgelder,  welche  mir  als  eine  »allocution 
annuelle  d'une  pension  de  secours«  zuerkannt  worden, 
auch  wohl  als  eine  hohe  Anerkennung  meiner  lite- 
rarischen Reputation  gelten  mochten,  wie  man  mir 
mit  der  zartesten  Courtoisie  notifiziert  hatte,  so 
setzte  ich  doch  jene  Pension  unbedingt  auf  Rech- 
nung der  Nationalgroßmut,  der  politischen  Bruder- 
liebe, welche  sich  hier  ebenso  rührend  schön  kund- 
gab, wie  es  die  evangelische  Barmherzigkeit  jemals 
getan  haben  mag.  Es  gab  hochfahrende  Gesellen 
unter  meinen  Exilkollegen,  welche  jede  Unter- 
stützung nur  Subvention  nannten;  bettelstolze  Ritter, 
welche  alle  Verpflichtung  haßten,  nannten  sie  ein 
Darlehn,  welches  sie  später  wohlverzinst  den  Fran- 
zosen zurückzahlen  würden  —  ich  jedoch  demütigte 
J      mich   vor  der  Notwendigkeit,  und  gab   der  Sache 


Zweiter  Teil 


3*3 


ihren  wahren  Namen.  In  der  erwähnten  Erklärung 
hatte  ich  hinzugesetzt:  »Ich  nahm  solche  Hilfsgelder 
in  Anspruch  kurz  nach  jener  Zeit,  als  die  bedauere 
liehen  Bundestagsdekrete  erschienen,  die  mich,  als 
den  Chorführer  eines  sogenannten  jungen  Deutsch» 
lands,  auch  finanziell  zu  verderben  suchten,  indem 
sie  nicht  bloß  meine  vorhandenen  Schriften,  sondern 
auch  alles  was  späterhin  aus  meiner  Feder  fließen 
würde,  im  voraus  mit  Interdikt  belegten,  und  mich 
solchermaßen  meines  Vermögens  und  meiner  Er- 
werbsmittel beraubten,  ohne  Urteil  und  Recht.« 

Ja,  »ohne  Urteil  und  Recht«.  —  Ich  glaube  mit 
Fug  solchermaßen  ein  Verfahren  bezeichnen  zu 
dürfen,  das  unerhört  war  in  den  Annalen  absurder 
Gewalttätigkeit.  Durch  ein  Dekret  meiner  heimischen^ 
Regierung  wurden  nicht  bloß  alle  Schriften  verboten, 
die  ich  bisher  geschrieben,  sondern  auch  die  künftigen, 
alle  Schriften,  welche  ich  hinfüro  schreiben  würde; 
mein  Gehirn  wurde  konfisziert,  und  meinem  armen 
unschuldigen  Magen  sollten  durch  dieses  Interdikt 
alle  Lebensmittel  abgeschnitten  werden.  Zugleich 
sollte  auch  mein  Name  ganz  ausgerottet  werden  aus 
dem  Gedächtnis  der  Menschen,  und  an  alle  Zen- 
soren meiner  Heimat  erging  die  strenge  Verordnung, 
daß  sie  sowohl  in  Tagesblättern,  wie  in  Broschüren 
und  Büchern  jede  Stelle  streichen  sollten,  wo  von 
mir  die  Rede  sei,  gleichviel  ob  günstig  oder  nach» 
teilig.  Kurzsichtige  Toren !  solche  Beschlüsse  und  < 
Verordnungen  waren  ohnmächtig  gegen  einen  Autor, 
dessen  geistige  Interessen  siegreich  aus  allen  Ver- 
folgungen hervorgingen,  wenn  auch  seine  zeitlichen 
Finanzen  sehr  gründlich  zugrunde  gerichtet  wurden, 
so  daß  ich  noch  heute  die  Nachwirkung  der  klein- 
lichen Nucken  verspüre.     Aber  verhungert  bin   ich 


■>\a  Lutczia 

nicht,  obgleich  ich  in  jener  Zeit  von  der  bleichen  Sorge 
hart  genug  bedrängt  ward.     Das  Leben  in  Paris  ist 

s  so  kostspielig,  besonders  wenn  man  hier  verheiratet 
ist,  und  keine  Kinder  hat.  Letztere,  diese  liebe  kleine 
Puppen  vertreiben  dem  Gatten  und  zumal  der  Gattin 
die  Zeit,  und  da  brauchen  sie  keine  Zerstreuung 
außer  dem  Hause  zu  suchen,  wo  dergleichen  so 
teuer.  Und  dann  habe  ich  nie  die  Kunst  gelernt, 
wie  man  die  Hungrigen  mit  bloßen  Worten  abspeist, 
um  so  mehr  da  mir  die  Natur  ein  so  wohlhabendes 
Äußere  verliehen,  daß  niemand  an  meine  Dürftigkeit 
geglaubt  hätte.  Die  Notleidenden,  die  bisher  meine 
Hilfe  reichlich  genossen,  lachten,  wenn  ich  sagte, 
daß  ich  künftig  selber  darben  müsse.  War  ich  nicht 
der  Verwandte  aller  möglichen  Millionäre?  Hatte 
nicht  der  Generalissimus  aller  Millionäre,  hatte  nicht 
dieser  Millionärissimus  mich  seinen  Freund  genannt, 
seinen  Freund?  Ich  konnte  nie  meinen  Klienten  be- 
•S  greiflich  machen,  daß  der  große  Millionärissimus  mich 
eben  deshalb  seinen  Freund  nenne,  weil  ich  kein 
Geld  von  ihm  begehre;  verlangte  ich  Geld  von  ihm, 
so^hätte  ja  gleich  die  Freundschaft  ein  Ende!  Die 
Zeiten  von  David  und  Jonathan,  von  Orestes  und 
Pylades  seien  vorüber.  Meine  armen,  hilfsbedürftigen 
Dummköpfe  glaubten,  daß  man  so  leicht  etwas  von 
den  Reichen  erhalten  könne.  Sie  haben  nicht,  wie 
ich,  gesehen,  mit  welchen  schrecklichen  eisernen 
Schlössern  und  Stangen  ihre  großen  Geldkisten  ver- 
wahrt sind.     Nur  von  Leuten,   welche  selbst  wenig 

j  haben,  läßt  sich  allenfalls  etwas  erborgen,  denn  erstens 
sind  ihre  Kisten  nicht  von  Eisen,  und  dann  wollen 
sie  reicher  scheinen  als  sie  sind. 

Ja,  zu  meinen  sonderbaren  Mißgeschicken  gehörte 

J       auch,   daß   nie   jemand  an  meine  eignen  Geldnöten 


Zweiter  Teil 


315 


glauben  wollte.  In  der  Magna  Charta,  welche,  wie 
uns  Cervantes  berichtet,  der  Gott  Apollo  den  Poeten 
oktroyiert  hat,  lautet  freilich  der  erste  Paragraph: 
»Wenn  ein  Poet  versichert,  daß  er  kein  Geld  habe, 
solle  man  ihm  auf  sein  bloßes  Wort  glauben,  und 
keinen  Eidschwur  verlangen«  —  ach !  ich  berief  mich 
vergebens  auf  dieses  Vorrecht  meines  Poetenstandes. 
So  geschah  es  auch,  daß  die  Verleumdung  leichtes 
Spiel  hatte,  als  sie  die  Motive,  welche  mich  be- 
wogen, die  in  Rede  stehende  Pension  anzunehmen, 
nicht  den  natürlichsten  Nöten  und  Befugnissen  zu- 
schrieb. Ich  erinnere  mich,  als  damals  mehre  meiner 
Landsleute,  darunter  der  entschiedenste  und  geist- 
reichste, Dr.  Marx,  zu  mir  kamen,  um  ihren  Un- 
willen über  den  verleumderischen  Artikel  der  »All- 
gemeinen Zeitung«  auszusprechen,  rieten  sie  mir, 
kein  Wort  darauf  zu  antworten,  indem  sie  selbst  be- 
reits in  deutschen  Blättern  sich  dahin  geäußert  hätten, 
daß  ich  die  empfangene  Pension  gewiß  nur  in  der 
Absicht  angenommen,  um  meine  armem  Partei- 
genossen tätiger  unterstützen  zu  können.  Solches 
sagten  mir  sowohl  der  ehemalige  Herausgeber  der 
»Neuen  Rheinischen  Zeitung«,  als  auch  die  Freunde, 
welche  seinen  Generalstab  bildeten;  ich  aber  dankte 
für  die  liebreiche  Teilnahme,  und  ich  versicherte 
diesen  Freunden,  daß  sie  sich  geirrt,  daß  ich  ge- 
wöhnlich jene  Pension  sehr  gut  für  mich  selbst 
brauchen  konnte,  und  daß  ich  dem  böswilligen  ano- 
nymen Artikel  der  »Allgemeinen  Zeitung«  nicht  in- 
direkt durch  meine  Freunde,  sondern  direkt  mit 
eigner  Namensunterschrift  entgegentreten  müsse. 

Bei  dieser  Gelegenheit  will  ich  auch  erwähnen, 
daß  die  Redaktion  des  französischen  Flugblattes,  die 
»Revue  Retrospective«,  auf  welches  sich  der  Korre- 


j,6  Lutezia 

spondent  der  »Allgemeinen  Zeitung«  berief,  ihren 
Unwillen  über  eine  solche  Zitation  in  einer  be- 
stimmten Abwehr  bezeugen  wollte,  die  übrigens  ganz 
überflüssig  gewesen  wäre,  da  der  flüchtigste  Anblick 
auf  jenes  französische  Blatt  hinlänglich  dartat,  daß 
dasselbe  an  jeder  Verunglimpfung  meines  Namens 
unschuldig;  doch  die  Existenz  jenes  Blattes,  welches 
in  zwanglosen  Lieferungen  erschien,  war  sehr  ephe- 
mer, und  es  ward  von  dem  tollen  Tagesstrudel  ver- 
schlungen, bevor  es  die  projektierte  Abwehr  bringen 
konnte.  Der  Redakteur  en  chef  jener  retrospektiven 
Revue  war  der  Buchhändler  Paulin,  ein  wackerer 
ehrlicher  Mann,  der  sich  mir  seit  zwei  Dezennien 
immer  sehr  teilnehmend  und  dienstwillig  erwiesen; 
durch  Geschäftsbezüge  und  gemeinschaftliche  intime 
Freunde  hatten  wir  Gelegenheit,  uns  wechselseitig 
hochschätzen  und  achten  zu  lernen.  Paulin  war  der 
Associe  meines  Freundes  Dubochet,  er  liebt  wie 
einen  Bruder  meinen  vielberühmten  Freund  Mignet 
und  er  vergöttert  Thiers,  welcher,  unter  uns  gesagt, 
die  »Revue  Retrospective«  heimlich  patronisierte; 
jedenfalls  ward  sie  von  Personen  seiner  Koterie  ge- 
stiftet und  geleitet,  und  diesen  Personen  konnte  es 
wohl  nicht  in  den  Sinn  kommen,  einen  Mann  zu 
verunglimpfen,  von  welchem  sie  wußten,  daß  ihr 
Gönner  ihn  mit  seiner  besondern  Vorliebe  beehrte. 
Die  Redaktion  der  »Allgemeinen  Zeitung«  hatte 
in  keinem  Fall  jenes  französische  Blatt  gekannt,  ehe 
sie  den  säubern  Korruptionsartikel  druckte.  In  der 
Tat,  der  flüchtigste  Anblick  hätte  ihr  die  abgefeimte 
Arglist  ihres  Korrespondenten  entdeckt.  Diese  be- 
stand darin,  daß  er  mir  eine  Solidarität  mit  Personen 
auflud,  die  von  mir  gewiß  ebenso  entfernt  und  ebenso 
verschieden  waren,  wie  ein  Chesterkäse  vom  Monde. 


Zweiter  Teil 


317 


Um  zu  zeigen,  wie  das  Guizotsche  Ministerium  nicht 
bloß  durch  Ämterverteilung,  sondern  auch  durch 
bare  Geldspenden  sein  Korruptionssystem  übte,  hatte 
die  erwähnte  französische  Revue  das  Budget,  Ein* 
nähme  und  Ausgabe  des  Departements  dem  Guizot 
vorstand,  abgedruckt,  und  hier  sahen  wir  allerdings 
jedes  Jahr  die  ungeheuersten  Summen  verzeichnet 
für  ungenannte  Ausgaben,  und  das  anklagende  Blatt 
hatte  gedroht,  in  spätem  Nummern  die  Personen 
namhaft  zu  machen,  in  deren  Säckel  jene  Schätze 
geflossen.  Durch  das  plötzliche  Eingehen  des  Blattes 
kam  die  Drohung  nicht  zur  Ausführung,  was  uns 
sehr  leid  war,  da  jeder  alsdann  sehen  konnte,  wie 
wir  bei  solcher  geheimen  Munifizenz,  welche  direkt 
vom  Minister  oder  seinem  Sekretär  ausging  und  eine 
Gratifikation  für  bestimmte  Dienste  war,  niemals  be- 
teiligt gewesen.  Von  solchen  sogenannten  bons  du 
ministre,  den  wirklichen  Geheimfonds,  sind  sehr  zu 
unterscheiden  die  Pensionen,  womit  der  Minister  sein 
Budget  schon  belastet  vorfindet,  zugunsten  bestimmter 
Personen,  denen  jährlich  bestimmte  Summen  als 
Unterstützung  zuerkannt  worden.  Es  war  eine  sehr 
ungroßmütige,  ich  möchte  sagen  eine  sehr  unfranzö- 
sische Handlung,  daß  das  retrospektive  Flugblatt, 
nachdem  es  in  Bausch  und  Bogen  die  verschiedenen 
Gesandtschaftsgehalte  und  Gesandtschaftsausgaben 
angegeben,  auch  die  Namen  der  Personen  druckte, 
welche  Unterstützungspensionen  genossen,  und  wir 
müssen  solches  um  so  mehr  tadeln,  da  hier  nicht 
bloß  in  Dürftigkeit  gesunkene  Männer  des  höchsten 
Ranges  vorkamen,  sondern  auch  große  Damen,  die 
ihre  gefallene  Größe  gern  unter  einigen  Putzflittern 
verbargen,  und  jetzt  mit  Kummer  ihr  vornehmes 
Elend  enthüllt  sahen.    Von  zarterem    Takte  geleitet, 


v/ 


318  Lutezia 

wird  der  Deutsche  dem  unartigen  Beispiel  der  Fran- 
zosen nicht  folgen,  und  wir  verschweigen  hier  die 
Nomenklatur  der  hochadligen  und  durchlauchtigen 
Frauen,  die  wir  auf  der  Liste  der  Pensionsfonds  im 
Departemente  Guizots  verzeichnet  fanden.  Unter 
den  Männern,  welche  auf  derselben  Liste  mit  jähr- 
lichen Unterstützungssummen  genannt  waren,  sahen 
wir  Exulanten  aus  allen  Weltgegenden,  Flüchtlinge 
aus  Griechenland  und  St.  Domingo,  Armenien  und 
Bulgarien,  aus  Spanien  und  Polen,  hochklingende 
Namen  von  Baronen,  Grafen,  Fürsten,  Generälen 
und  Exministern,  von  Priestern  sogar,  gleichsam  eine 
Aristokratie  der  Armut  bildend,  während  auf  den 
J  Listen  der  Kassen  andrer  Departemente  minder  bril- 
lante arme  Teufel  paradierten.  Der  deutsche  Poet 
brauchte  sich  wahrlich  seiner  Genossenschaft  nicht 
zu  schämen,  und  er  befand  sich  in  Gesellschaften 
von  Berühmtheiten  des  Talentes  und  des  Unglücks, 
deren  Schicksal  erschütternd.  Dicht  neben  meinem 
Namen  auf  der  erwähnten  Pensionsliste,  in  derselben 
Rubrik  und  in  derselben  Kategorie,  fand  ich  den 
Namen  eines  Mannes,  der  einst  ein  Reich  beherrschte 
größer  als  die  Monarchie  des  Ahasverus,  der  da 
König  war  von  Haude  bis  Kusch,  von  Indien  bis 
an  die  Mohren,  über  hundertundsiebenundzwanzig 
Länder;  —  es  war  Godoi,  der  Prince  de  la  Paix, 
der  unumschränkte  Günstling  Ferdinands  VII.  und 
seiner  Gattin,  die  sich  in  seine  Nase  verliebt  hatte. 
—  Nie  sah  ich  eine  umfangreichere,  kurfürstlichere 
Purpurnase,  und  ihre  Füllung  mit  Schnupftabak  muß 
gewiß  dem  armen  Godoi  mehr  gekostet  haben,  als 
sein  französisches  Jahrgehalt  betrug.  Ein  anderer 
Name,  den  ich  neben  dem  meinigen  erblickte,  und 
der  mich  mit  Rührung   und  Ehrfurcht  erfüllte,    war 


Zweiter  Teil 


3*9 


der  meines  Freundes  und  Schicksalsgenossen,  des 
ebenso  glorreichen  wie  unglücklichen  Augustin 
Thierry,  des  größten  Geschichtschreibers  unserer 
Zeit.  Aber  anstatt  neben  solchen  respektabeln  Leuten 
meinen  Namen  zu  nennen,  wußte  der  ehrliche  Korre* 
spondent  der  »Allgemeinen  Zeitung«  aus  den  er* 
wähnten  Budgetlisten,  wo  freilich  auch  pensionierte 
diplomatische  Agenten  verzeichnet  standen,  just  zwei 
Namen  der  deutschen  Landsmannschaft  heraus- 
zuklauben, welche  Personen  gehörten,  die  gewiß 
besser  sein  mochten  als  ihr  Ruf,  aber  jedenfalls  dem 
meinigen  schaden  mußten,  wenn  man  mich  damals 
mit  ihnen  zusammenstellte.  Der  eine  war  ein  deut- 
scher Gelehrter  aus  Göttingen,  ein  Legationsrat,  der 
von  jeher  der  Sündenbock  der  liberalen  Partei  ge- 
wesen, und  das  Talent  besaß,  durch  eine  zur  Schau 
getragene  diplomatische  Geheimtuerei  für  das 
Schlimmste  zu  gelten.  Begabt  mit  einem  Schatz 
von  Kenntnissen  und  einem  eisernen  Fleiße,  war  er 
für  viele  Kabinette  ein  sehr  brauchbarer  Arbeiter 
gewesen,  und  so  arbeitete  er  später  gleichfalls  in 
der  Kanzlei  Guizots,  welcher  ihn  auch  mit  ver- 
schiedenen Missionen  betraute,  und  diese  Dienste 
rechtfertigen  seine  Besoldung,  die  sehr  bescheiden 
war.  Die  Stellung  des  andern  Landsmanns,  mit 
welchem  der  ehrliche  Korruptionskorrespondent  mich 
zusammen  nannte,  hatte  mit  der  meinigen  ebenso- 
wenig Analogie,  wie  des  ersteren:  er  war  ein  Schwabe, 
der  bisher  als  unbescholtener  Spießbürger  in  Stutt- 
gart lebte,  aber  jetzt  in  einem  fatal  zweideutigen 
Lichte  erschien,  als  man  sah,  daß  er  auf  dem  Budget 
Guizots  mit  einer  Pension  verzeichnet  stand,  die 
fast  ebenso  groß  war  wie  das  Jahrgehalt,  das  aus 
derselben    Kasse   der   Oberst  Gustavsohn,   Exkönig 


320 


Luteria 


von  Schweden,  bezog;  ja  sie  war  drei*  oder  vier* 
mal  so  groß,  wie  die  auf  demselben  Guizotschen 
Budget  eingezeichneten  Pensionen  des  Baron  von 
Eckstein  und  des  Hrn.  Capefigue,  welche  beide, 
nebenbei  gesagt,  seit  undenklicher  Zeit  Korrespon* 
denten  der  »Allgemeinen  Zeitung«  sind.  Der 
Schwabe  konnte  in  der  Tat  seine  fabelhaft  große 
Pension  durch  kein  notorisches  Verdienst  recht* 
fertigen,  er  lebte  nicht  als  Verfolgter  in  Paris,  son- 
dern wie  gesagt,  in  Stuttgart  als  ein  stiller  Unter* 
tan  des  Königs  von  Württemberg,  er  war  kein  großer 
Dichter,  er  war  kein  Lumen  der  Wissenschaft,  kein 
Astronom,  kein  berühmter  Staatsmann,  kein  Heros 
der  Kunst,  er  war  überhaupt  kein  Heros,  im  Gegen* 
teil  er  war  sehr  unkriegerisch,  und  als  er  einst  die 
Redaktion  der  »Allgemeinen  Zeitung«  beleidigt  hatte, 
und  diese  letztere  spornstreichs  von  Augsburg  nach 
Stuttgart  reiste,  um  den  Mann  auf  Pistolen  heraus* 
zufordern:  —  da  wollte  der  gute  Schwabe  kein 
Bruderblut  vergießen  <denn  die  Redaktion  der  »All* 
gemeinen  Zeitung«  ist  von  Geburt  eine  Schwäbin), 
und  er  lehnte  das  Pistolenduell  noch  aus  dem  ganz 
besondern  Sanitätsgrunde  ab,  weil  er  keine  bleiernen 
Kugeln  vertragen  könne  und  sein  Bauch  nur  an 
gebackene  Schaletkugeln  und  schwäbische  Knödeln 
gewöhnt  sei. 

Korsen,  nordamerikanische  Indianer  und  Schwaben 
verzeihen  nie;  und  auf  diese  schwäbische  Vendetta 
rechnete  der  Jesuitenzögling,  als  er  seinen  korrupten 
Korruptionsartikel  der  »Allgemeinen  Zeitung«  ein* 
schickte;  und  die  Redaktion  derselben  ermangelte 
nicht,  brühwarm  eine  Pariser  Korrespondenz  ab* 
zudrücken,  welche  den  guten  Leumund  des  un* 
erschossenen     schwäbischen    Landsmanns    den    un* 


Zweiter  Teil 


321 


heimlichsten  und  schändlichsten  Hypothesen  und 
Konjekturen  überlieferte.  Die  Redaktion  der  »All- 
gemeinen Zeitung«  konnte  ihre  Unparteilichkeit  bei 
der  Aufnahme  dieses  Artikels  um  so  glänzender  zur 
Schau  stellen,  da  darin  einer  ihrer  befreundeten 
Korrespondenten  nicht  minder  bedenklich  bloßgestellt 
war.  Ich  weiß  nicht,  ob  sie  der  Meinung  gewesen, 
daß  sie  mir  durch  den  Abdruck  schmählicher  aber 
haltloser  Beschuldigungen  einen  Dienst  erweise,  in- 
dem sie  mir  dadurch  Gelegenheit  böte,  jedem  un- 
würdigen Gerede,  jeder  im  Nebel  schleichenden 
Insinuation  mit  einer  bestimmten  Erklärung  entgegen- 
zutreten —  genug,  die  Redaktion  der  »Allgemeinen 
Zeitung«  druckte  den  eingesandten  Korruptionsartikel, 
doch  sie  begleitete  denselben  mit  einer  Note,  worin 
sie  in  bezug  auf  meine  Pension  die  Bemerkung  machte, 
»daß  ich  dieselbe  in  keinem  Falle  für  das  was  ich 
schrieb,  sondern  nur  für  das  was  ich  nicht  schrieb, 
empfangen  haben  könne«. 

Ach,  diese  gewiß  wohlgemeinte,  aber  wegen  ihrer 
allzu  witzigen  Abfassung  sehr  verunglückte  Ehren- 
rettungsnote war  ein  wahres  Pave,  ein  Pflasterstein, 
wie  die  französischen  Journalisten  in  ihrer  Koterie- 
sprache  eine  ungeschickte  Verteidigung  nennen, 
welche  den  Verteidigten  totschlägt,  wie  es  der  Bär 
in  der  Fabel  tat,  als  er  von  der  Stirn  des  schlafen- 
den Freundes  eine  Schmeißfliege  verscheuchen 
wollte,  und  mit  dem  Quaderstein,  den  er  auf  sie 
schleuderte,  auch  das  Hirn  des  Schützlings  zer- 
schmetterte. 

Das  augsburgische  Pave  mußte  mich  empfindlicher 
verletzen,  als  der  Korrespondenzartikel  der  armseligen 
Schmeißfliege,  und  in  der  Erklärung,  die  ich  damals, 
wie   oben   erwähnt,   in   der   »Allgemeinen   Zeitung« 

IX,  11 


«2  Lutezia 

drucken  ließ,  sagte  ich  darüber  folgende  Worte: 
»Die  Redaktion  der  ,Allgemeinen  Zeitung'  begleitet 
jene  Korrespondenz  mit  einer  Note,  worin  sie  viel- 
mehr die  Meinung  ausspricht,  daß  ich  nicht  für  das 
was  ich  schrieb  jene  Unterstützung  empfangen  haben 
möge,  sondern  für  das  was  ich  nicht  schrieb. 
Die  Redaktion  der  ^Allgemeinen  Zeitung',  die  seit 
zwanzig  Jahren  nicht  sowohl  durch  das,  was  sie 
von  mir  druckte,  als  vielmehr  durch  das  was  sie 
nicht  druckte,  hinlänglich  Gelegenheit  hatte,  zu 
,  merken,  daß  ich  nicht  der  servile  Schriftsteller  bin, 
v  der  sich  sein  Stillschweigen  bezahlen  läßt  —  besagte 
Redaktion  hätte  mich  wohl  mit  jener  levis  nota  ver- 
schonen können.« 

Zeit,  Ort  und  Umstände  erlaubten  damals  keine 
weitern  Erörterungen,  doch  heute,  wo  alle  Rück- 
sichten erloschen,  ist  es  mir  erlaubt,  noch  viel  tat- 
sächlicher darzutun,  daß  ich  weder  für  das  was  ich 
J  schrieb,  noch  für  das  was  ich  nicht  schrieb,  vom 
Ministerium  Guizot  bestochen  sein  konnte.  Für 
Menschen,  die  mit  dem  Leben  abgeschlossen,  haben 
solche  retrospektive  Rechtfertigungen  einen  sonderbar 
wehmütigen  Reiz,  und  ich  überlasse  mich  demselben 
mit  träumerischer  Indolenz.  Es  ist  mir  zu  Sinne, 
als  ob  ich  einem  Längstverstorbenen  eine  fromme 
Genugtuung  verschaffe;  jedenfalls  stehen  hier  am 
rechten  Platze  die  folgenden  Erläuterungen  über 
französische  Zustände  zur  Zeit  des  Ministeriums 
Guizot. 

Das  Ministerium  vom  29.  November  1840  sollte 
man  eigentlich  nicht  das  Ministerium  Guizot,  sondern 
vielmehr  das  Ministerium  Soult  nennen,  da  letzterer 
Präsident  des  Ministerkonseils  war.  Aber  Soult  war 
nur  dessen  Titularoberhaupt,  ungefähr  wie  der  jedes- 


Zweiter  Teil 


323 


malige  König  von  Hannover  immer  den  Titel  eines 
Rektors  der  Universität  Georgia  -Augusta  führt, 
während  Se.  Magnifizenz,  der  zeitliche  Prorektor  zu 
Göttingen,  die  wirkliche  Rektoratsgewalt  ausübt. 
Trotz  der  offiziellen  Machtvollkommenheit  Soults 
war  von  ihm  nie  die  Rede;  nur  daß  zuweilen  die 
liberalen  Blätter,  wenn  sie  mit  ihm  zufrieden  waren, 
ihn  den  Sieger  von  Toulouse  nannten;  hatte  er  aber 
ihr  Mißfallen  erregt,  so  verhöhnten  sie  ihn,  steif  und 
fest  behauptend,  daß  er  die  Schlacht  bei  Toulouse 
nicht  gewonnen  habe.  Man  sprach  nur  von  Guizot,«^ 
und  dieser  stand  während  mehren  Jahren  im  Zenit 
seiner  Popularität  bei  der  Bourgeoisie,  die  von  der 
Kriegslust  seines  Vorgängers  ins  Bockshorn  gejagt 
worden;  es  versteht  sich  von  selbst,  daß  der  Nach-  ^ 
folger  von  Thiers  noch  größere  Sympathie  jenseits 
des  Rheins  erregte.  Wir  Deutschen  konnten  dem 
Thiers  nicht  verzeihen,  daß  er  uns  aus  dem  Schlaf 
getrommelt,  aus  unserm  gemütlichen  Pflanzenschlaf, 
und  wir  rieben  uns  die  Augen  und  riefen:  »Vivat 
Guizot!«  Besonders  die  Gelehrten  sangen  das  Lob 
desselben,  in  Pindarschen  Hymnen,  wo  auch  die 
Prosodie,  das  antike  Silbenmaß,  treu  nachgeahmt 
war,  und  ein  hier  durchreisender  deutscher  Professor 
der  Philologie  versicherte  mir,  daß  Guizot  ebenso 
groß  sei  wie  Thiersch.  Ja,  ebenso  groß  wie  mein 
lieber,  menschenfreundlicher  Freund  Thiersch,  der 
Verfasser  der  besten  griechischen  Grammatik!  Auch 
die  deutsche  Presse  schwärmte  für  Guizot,  und  nicht 
bloß  die  zahmen  Blätter,  sondern  auch  die  wilden, 
und  diese  Begeisterung  dauerte  sehr  lange;  ich 
erinnere  mich,  noch  kurz  vor  dem  Sturz  des  viel- 
gefeierten  Lieblings  der  Deutschen,  fand  ich  im  ra- 
dikalsten  deutschen  Journal,   in  der  »Speyerer  Zei- 


y 


324  Lutczia 

tung«,  eine  Apologie  Guizots  aus  der  Feder  eines 
jener  Tyrannenfresser,  deren  Tomahawk  und  Skalpier- 
messer  keine  Barmherzigkeit  jemals  kannte.  Die  Be- 
geisterung für  Guizot  ward  in  der  »Allgemeinen 
Zeitung«  fürnehmlich  vertreten  von  meinem  Kollegen 
mit  dem  Venuszeichen  und  von  meinem  Kollegen 
mit  dem  Pfeil;  ersterer  schwang  das  Weihrauchfaß 
mit  sazerdotaler  Weihe,  letzterer  bewahrte  selbst  in 
der  Ekstase  seine  Süße  und  Zierlichkeit:  beide  hielten 
aus  bis  zur  Katastrophe. 

Was  mich  betrifft,  so  hatte  ich,  seitdem  ich  mich 
ernstlich  mit  französischer  Literatur  beschäftigt,  die 
ausgezeichneten  Verdienste  Guizots  immer  erkannt 
und  begriffen,  und  meine  Schriften  zeugen  von  meiner 
frühen  Verehrung  des  weltberühmten  Mannes.  Ich 
liebte  mehr  seinen  Nebenbuhler  Thiers,  aber  nur 
seiner  Persönlichkeit  wegen,  nicht  ob  seiner  Geistes- 
richtung, die  eine  borniert  nationale  ist,  so  daß  er 
fast  ein  französischer  Altdeutscher  zu  nennen  wäre, 
während  Guizots  kosmopolitische  Anschauungsweise 
meiner  eignen  Denkungsart  näher  stand.  Ich  liebte 
vielleicht  in  ersterem  manche  Fehler,  deren  man 
mich  selber  zieh,  während  die  Tugenden  des  andern 
beinahe  abstoßend  auf  mich  wirkten.  Erstem  mußte 
ich  oft  tadeln,  doch  geschah  es  mit  Widerstreben; 
wenn  mir  letzterer  Lob  abzwang,  so  erteilte  ich  es 
gewiß  erst  nach  strengster  Prüfung.  Wahrlich  nur 
mit  unabhängiger  Wahrheitsliebe  besprach  ich  den 
J  Mann,  welcher  damals  den  Mittelpunkt  aller  Be- 
sprechungen bildete,  und  ich  referierte  immer  getreu 
was  ich  hörte.  Es  war  für  mich  eine  Ehrensache, 
die  Berichte,  worin  ich  den  Charakter  und  die  gou- 
vernementalen  Ideen  <nicht  die  administrativen  Akte) 
des  großen  Staatsmannes  am  wärmsten  würdigte,  hier 


Zweiter  Teil 


3*5 


in  diesem  Buche  ganz  unverändert  abzudrucken,  ob^ 
gleich  dadurch  manche  Wiederholungen  entstehen 
mußten.  Der  geneigte  Leser  wird  bemerken,  diese 
Besprechungen  gehen  nicht  weiter  als  bis  gegen  Ende 
des  Jahres  1843,  wo  ich  überhaupt  aufhörte,  politische 
Artikel  für  die  »Allgemeine  Zeitung«  zu  schreiben, 
und  mich  darauf  beschränkte,  dem  Redakteur  der- 
selben in  unserer  Privatkorrespondenz  manchmal 
freundschaftliche  Mitteilungen  zu  machen;  nur  dann 
und  wann  veröffentlichte  ich  einen  Artikel  über 
Wissenschaft  und  schöne  Künste. 

Das  ist  nun  das  Schweigen,  das  Nichtschreiben, 
wovon  die  »Allgemeine  Zeitung«  spricht,  und  das 
mir  als  ein  Verkauf  meiner  Redefreiheit  ausgedeutet 
werden  sollte.  Lag  nicht  viel  näher  die  Annahme, 
daß  ich  um  jene  Zeit  in  meinem  Glauben  an  Guizot 
schwankend,  überhaupt  an  ihm  irre  geworden  sein 
mochte?  Ja,  das  war  der  Fall,  doch  im  März  1848 
geziemte  mir  kein  solches  Geständnis.  Das  erlaubten 
damals  weder  Pietät  noch  Anstand.  Ich  mußte  mich 
darauf  beschränken,  der  treulosen  Insinuation,  welche 
mein  plötzliches  Verstummen  der  Bestechung  zu* 
schrieb,  in  der  erwähnten  Erklärung  bloß  das  rein 
Faktische  meines  Verhältnisses  zum  Guizotschen 
Ministerio  entgegenzustellen.  Ich  wiederhole  hier 
diese  Tatsachen.  Vor  dem  29.  November  1840,  wo 
Herr  Guizot  das  Ministerium  übernahm,  hatte  ich 
nie  die  Ehre  gehabt,  denselben  zu  sehen.  Erst  einen 
Monat  später  machte  ich  ihm  einen  Besuch,  um  ihm 
dafür  zu  danken,  daß  die  Komptabilität  seines  De* 
partements  von  ihm  die  Weisung  erhalten  hatte,  mir 
auch  unter  dem  neuen  Ministerium  meine  jährliche 
Unterstützungspension  nach  wie  vor  in  monatlichen 
Terminen  auszuzahlen.    Jener  Besuch  war  der  eiste 


«6  Lutezia 

und  zugleich  der  letzte,  den  ich  in  diesem  Leben 
dem  illustren  Manne  abstattete.  In  der  Unterredung, 
womit  er  mich  beehrte,  sprach  er  mit  Tiefsinn  und 
Wärme  seine  Hochschätzung  für  Deutschland  aus, 
und  diese  Anerkennung  meines  Vaterlandes,  sowie 
y  auch  die  schmeichelhaften  Worte,  welche  er  mir 
über  meine  eignen  literarischen  Erzeugnisse  sagte, 
waren  die  einzige  Münze,  mit  welcher  er  mich  be- 
stochen hat.  Nie  fiel  es  ihm  ein,  irgendeinen  Dienst 
von  mir  zu  verlangen.  Und  am  allerwenigsten  mochte 
es  dem  stolzen  Manne,  der  nach  Impopularität  lechzte, 
in  den  Sinn  kommen,  eine  kummerliche  Lobspende 
in  der  französischen  Presse  oder  in  der  Augsburger 
»Allgemeinen  Zeitung«  von  mir  zu  verlangen,  von 
mir,  der  ihm  bisher  ganz  fremd  war,  während  weit 
gravitätischere  und  also  zuverlässigere  Leute,  wie  der 
Baron  von  Eckstein  oder  der  Historiograph  Cape- 
figue,  welche  beide,  wie  oben  bemerkt,  ebenfalls  Mitar- 
beiter der  »Allgemeinen  Zeitung«  waren,  mit  Herrn 
Guizot  in  vieljährigem  gesellschaftlichen  Verkehr  ge- 
standen, und  gewiß  ein  delikates  Vertrauen  verdient 
hätten.  Seit  der  erwähnten  Unterredung  habe  ich 
Herrn  Guizot  nie  wieder  gesehen;  nie  sah  ich  seinen 
Sekretär,  oder  sonst  jemand,  der  in  seinem  Bureau 
arbeitete.  Nur  zufällig  erfuhr  ich  einst,  daß  Herr 
Guizot  von  transrhenanischen  Gesandtschaften  oft 
und  dringend  angegangen  worden,  mich  aus  Paris 
zu  entfernen.  Nicht  ohne  Lachen  konnte  ich  dann 
an  die  ärgerlichen  Gesichter  denken,  welche  jene 
Reklamanten  geschnitten  haben  mochten,  als  sie  ent- 
deckten, daß  der  Minister,  von  welchem  sie  meine 
Ausweisung  verlangt,  mich  obendrein  durch  ein  Jahr- 
gehalt unterstützte.  Wie  wenig  derselbe  wünschte, 
dieses   edle   Verfahren   devulgiert   zu    sehen,    begriff 


Zweiter  Teil 


327 


ich  ohne  besondern  Wink,  und  diskrete  Freunde, 
denen  ich  nichts  verhehlen  kann,  teilten  meine  Schaden* 
freude. 

Für  diese  Belustigung  und  die  Großmut,  womit 
er  mich  behandelt,  war  ich  Herrn  Guizot  gewiß  zu 
großem  Dank  verpflichtet.  Doch  als  ich  in  meinem 
Glauben  an  seine  Standhaftigkeit  gegen  königliche 
Zumutungen  irre  ward,  als  ich  ihn  vom  Willen  Lud* 
wig  Philipps  allzuverderblich  beherrscht  sah,  und  den 
großen,  entsetzlichen  Irrtum  dieses  autokratischen 
Starrwillens,  dieses  unheilvollen  Eigensinns  begriff: 
da  würde  wahrlich  nicht  der  psychische  Zwang  der 
Dankbarkeit  mein  Wort  gefesselt  haben,  ich  hätte 
gewiß  mit  ehrfurchtsvoller  Betrübnis  die  Mißgriffe 
gerügt,  wodurch  das  allzu  nachgiebige  Ministerium,  oder 
vielmehr  der  betörte  König,  das  Land  und  die  Welt 
dem  Untergang  entgegenführte.  Aber  es  knebelten 
meine  Feder  auch  brutale  physische  Hindernisse,  und 
diese  reelle  Ursache  meines  Schweigens,  meines  Nicht* 
Schreibens,  kann  ich  erst  heute  öffentlich  enthüllen. 

Ja,  im  Fall  ich  auch  das  Gelüste  empfunden  hätte, 
in  der  »Allgemeinen  Zeitung«  gegen  das  unselige 
Regierungssystem  Ludwig  Philipps  nur  eine  Silbe 
drucken  zu  lassen,  so  wäre  mir  solches  unmöglich 
gewesen,  aus  dem  ganz  einfachen  Grunde:  weil  der 
kluge  König  schon  vor  dem  29.  November  gegen 
einen  solchen  verbrecherischen  Korrespondentenein- 
fall, gegen  ein  solches  Attentat,  seine  Maßregeln  ge- 
nommen, indem  er  höchstselbst  geruhte,  den  dama- 
ligen Zensor  der  »Allgemeinen  Zeitung«  zu  Augs- 
burg nicht  bloß  zum  Ritter,  sondern  sogar  zum 
Offizier  der  französischen  Ehrenlegion  zu  ernennen. 
So  groß  auch  meine  Vorliebe  für  den  seligen  König 
war,  so  fand  doch  der  Augsburger  Zensor,  daß  ich 


3i8 


Lutezia 


y 


nicht  genug  liebte,  und  er  strich  jedes  mißliebige 
Wort,  und  sehr  viele  meiner  Artikel  über  die  könig- 
liche Politik  blieben  ganz  ungedruckt.  Aber  kurz  nach 
der  Februarrevolution,  wo  mein  armer  Ludwig  Philipp 
ins  Exil  gewandert  war,  erlaubte  mir  weder  die  Pietät 
noch  der  Anstand  die  Veröffentlichung  einer  solchen 
Tatsache,  selbst  im  Fall  der  Augsburger  Zensor  ihr 
sein  Imprimatur  verliehen  hätte. 

Ein  anderes,  ähnliches  Geständnis  gestattete  da- 
mals nicht  die  Zensur  des  Herzens,  die  noch  weit 
ängstlicher  als  die  der  »Allgemeinen  Zeitung«.  Nein, 
kurz  nach  dem  Sturze  Guizots  durfte  ich  nicht  öffent- 
lich eingestehen,  daß  ich  vorher  auch  aus  Furcht 
schwieg.  Ich  mußte  mir  nämlich  Anno  1844  ge- 
y  stehen,  daß,  wenn  Herr  Guizot  von  meiner  Korre- 
spondenz erführe  und  die  darin  enthaltene  Kritik  ihm 
einigermaßen  mißfiele,  der  leidenschaftliche  Mann 
wohl  fähig  gewesen  wäre,  die  Gefühle  der  Groß- 
mut überwindend,  dem  unbequemen  Kritiker  in  einer 
sehr  summarischen  Weise  das  Handwerk  zu  legen. 
Mit  der  Ausweisung  des  Korrespondenten  aus  Paris 
hätte  auch  seine  Pariser  Korrespondenz  notwendiger- 
weise ein  Ende  gehabt.  In  der  Tat,  Se.  Magnifizenz 
hatte  die  Fasces  der  Gewalt  in  Händen,  er  konnte 
mir  zu  jeder  Zeit  das  consilium  abeundi  erteilen, 
und  ich  mußte  dann  auf  der  Stelle  den  Ranzen 
schnüren.  Seine  Pedelle  in  blauer  Uniform  mit 
zitronengelben  Aufschlägen  hätten  mich  bald  meinen 
Pariser  kritischen  Studien  entrissen  und  bis  an  jene 
Pfähle  begleitet,  »die  wie  das  Zebra  sind  gestreift«, 
wo  mich  andere  Pedelle  mit  noch  viel  fataleren 
Livreen  und  germanisch  ungeschliffenem  Manieren 
in  Empfang  genommen  hätten,  um  mir  die  Honneurs 
des  Vaterlandes  zu  machen   «*    — 


Zweiter  Teil  529 

Aber  unglücklicher  Poet,  warst  du  nicht  durch 
deine  französische  Naturalisation  hinlänglich  geschützt 
gegen  solche  Ministerwillkür? 

Ach,  die  Beantwortung  dieser  Frage  entreißt  mir 
ein  Geständnis,  das  vielleicht  die  Klugheit  geböte 
zu  verschweigen.  Aber  die  Klugheit  und  ich,  wir 
haben  schon  lange  nicht  mehr  aus  derselben  Kumpe 
gegessen  —  und  ich  will  heute  rücksichtslos  bekennen, 
daß  ich  mich  nie  in  Frankreich  naturalisieren  ließ, 
und  meine  Naturalisation,  die  für  eine  notorische»/ 
Tatsache  gilt,  dennoch  nur  ein  deutsches  Märchen 
ist.  Ich  weiß  nicht,  welcher  müßige  oder  listige 
Kopf  dasselbe  ersonnen.  Mehre  Landsleute  wollten 
freilich  aus  authentischer  Quelle  diese  Naturalisation 
erschnüffelt  haben;  sie  referierten  darüber  in  deutschen 
Blättern,  und  ich  unterstützte  den  irrigen  Glauben 
durch  Schweigen.  Meine  lieben  literarischen  und 
politischen  Gegner  in  der  Heimat,  und  manche  sehr 
einflußreiche  intime  Feinde  hier  in  Paris,  wurden  da- 
durch irregeleitet,  und  glaubten,  ich  sei  durch  ein 
französisches  Bürgerrecht  gegen  mancherlei  Vexa- 
tionen  und  Machinationen  geschützt,  womit  der 
Fremde,  der  hier  einer  exzeptionellen  Jurisdiktion 
unterworfen  ist,  so  leicht  heimgesucht  werden  kann. 
Durch  diesen  wohltätigen  Irrtum  entging  ich  mancher*-^ 
Böswilligkeit  und  auch  mancher  Ausbeutung  von 
Industriellen,  die  in  geschäftlichen  Konflikten  ihre 
Bevorrechtung  benutzt  hätten.  Ebenso  widerwärtig 
wie  kostspielig  wird  auf  die  Länge  in  Paris  der  Zu- 
stand des  Fremden,  der  nicht  naturalisiert  ist.  Man 
wird  geprellt  und  geärgert,  und  zumeist  eben  von 
naturalisierten  Ausländern,  die  am  schäbigsten  darauf 
erpicht  sind,  ihre  erworbenen  Befugnisse  zu  miß- 
brauchen.    Aus    mißmutiger    Fürsorge    erfüllte    ich 


33Q 


Lutezia 


einst  die  Formalitäten,  die  zu  nichts  verpflichten  und 
uns  doch  in  den  Stand  setzen,  nötigstenfalls  die  Rechte 
der  Naturalisation  ohne  Zögernis  zu  erlangen.  Aber 
ich  hegte  immer  eine  unheimliche  Scheu  vor  dem 
definitiven  Akt.  Durch  dieses  Bedenken,  durch  diese 
tiefeingewurzelte  Abneigung  gegen  die  Naturalisation, 
geriet  ich  in  eine  falsche  Stellung,  die  ich  als  die 
Ursache  aller  meiner  Nöten,  Kümmernisse  und  Fehl- 
griffe während  meinem  dreiundzwanzigjährigen  Aufent- 
halt in  Paris  betrachten  muß.  Das  Einkommen  eines 
guten  Amtes  hätte  hier  meinen  kostspieligen  Haus- 
halt und  die  Bedürfnisse  einer  nicht  sowohl  launischen 
als  vielmehr  menschlich  freien  Lebensweise  hin- 
.  reichend  gedeckt  —  aber  ohne  vorhergehende  Natu- 
ralisation war  mir  der  Staatsdienst  verschlossen. 
Hohe  Würden  und  fette  Sinekuren  stellten  mir  meine 
Freunde  lockend  genug  in  Aussicht,  und  es  fehlte 
nicht  an  Beispielen  von  Ausländern,  die  in  Frank- 
reich die  glänzendsten  Stufen  der  Macht  und  der 
Ehre  erstiegen  —  Und  ich  darf  es  sagen,  ich  hätte 
sj  weniger  als  andere  mit  einheimischer  Scheelsucht 
zu  kämpfen  gehabt,  denn  nie  hatte  ein  Deutscher 
in  so  hohem  Grade  wie  ich  die  Sympathie  der 
Franzosen  gewonnen,  sowohl  in  der  literarischen 
Welt  als  auch  in  der  hohen  Gesellschaft,  und  nicht 
als  Gönner,  sondern  als  Kamerad  pflegte  der  Vor- 
nehmste meinen  Umgang.  Der  ritterliche  Prinz,  der 
dem  Throne  am  nächsten  stand,  und  nicht  bloß  ein 
ausgezeichneter  Feldherr  und  Staatsmann  war,  son- 
dern auch  das  »Buch  der  Lieder«  im  Original  las, 
hätte  mich  gar  zu  gern  in  französischen  Diensten 
gesehen,  und  sein  Einfluß  wäre  groß  genug  gewesen, 
um  mich  in  solcher  Laufbahn  zu  fördern.  Ich  ver- 
gesse   nicht  die  Liebenswürdigkeit,  womit  einst  im 


Zweiter  Teil 


33» 


Garten  des  Schlosses  einer  fürstlichen  Freundin  der 
große  Geschichtschreiber  der  französischen  Revo* 
lution  und  des  Empires,  welcher  damals  der  allge* 
waltige  Präsident  des  Konseils  war,  meinen  Arm 
ergriff,  und  mit  mir  spazieren  gehend,  lange  und 
lebhaft  in  mich  drang,  daß  ich  ihm  sagen  möchte, 
was  mein  Herz  begehre,  und  daß  er  sich  anheischig 
mache,  mir  alles  zu  verschaffen.  —  Im  Ohr  klingt 
mir  noch  jetzt  der  schmeichlerische  Klang  seiner 
Stimme,  in  der  Nase  prickelt  mir  noch  der  Duft 
des  großen  blühenden  Magnoliabaums,  dem  wir 
vorübergingen,  und  der  mit  seinen  alabasterweißen 
vornehmen  Blumen  in  die  blauen  Lüfte  emporragte, 
so  prachtvoll,  so  stolz,  wie  damals,  in  den  Tagen 
seines  Glückes,  das  Herz  des  deutschen  Dichters! 
Ja,  ich  habe  das  Wort  genannt.  Es  war  der 
närrische  Hochmut  des  deutschen  Dichters,  der  mich 
davon  abhielt,  auch  nur  pro  forma  ein  Franzose  zu 
werden.  Es  war  eine  ideale  Grille,  wovon  ich  mich 
nicht  losmachen  konnte.  In  bezug  auf  das,  was 
wir  gewöhnlich  Patriotismus  nennen,  war  ich  immer 
ein  Freigeist,  doch  konnte  ich  mich  nicht  eines  ge- 
wissen Schauers  erwehren,  wenn  ich  etwas  tun 
sollte,  was  nur  halbweg  als  ein  Lossagen  vom 
Vaterlande  erscheinen  mochte.  Auch  im  Gemüte 
des  Aufgeklärtesten  nistet  immer  ein  kleines  Al- 
räunchen  des  alten  Aberglaubens,  das  sich  nicht 
ausbannen  läßt;  man  spricht  nicht  gern  davon,  aber 
es  treibt  in  den  geheimsten  Schlupfwinkeln  unsrer 
Seele  sein  unkluges  Wesen.  Die  Ehe,  welche  ich 
mit  unserer  lieben  Frau  Germania,  der  blonden 
Bärenhäuterin,  geführt,  war  nie  eine  glückliche  ge- 
wesen. Ich  erinnere  mich  wohl  noch  einiger  schönen 
Mondscheinnächte,   wo  sie  mich  zärtlich  preßte  an 


w- 


Lutezia 


ihren  großen  Busen  mit  den  tugendhaften  Zitzen  — 
doch  diese  sentimentalen  Nächte  lassen  sich  zählen, 
und  gegen  Morgen  trat  immer  eine  verdrießlich 
gähnende  Kühle  ein,  und  begann  das  Keifen  ohne 
Ende.  Auch  lebten  wir  zuletzt  getrennt  von  Tisch 
und  Bett.  Aber  bis  zu  einer  eigentlichen  Scheidung 
sollte   es    nicht    kommen.      Ich    habe    es   nie  übers 

/  Herz  bringen  können,  mich  ganz  loszusagen  von 
meinem  Hauskreuz.  Jede  Abtrünnigkeit  ist  mir  ver- 
haßt, und  ich  hätte  mich  von  keiner  deutschen  Katze 
lossagen  mögen,  nicht  von  einem  deutschen  Hund, 
wie  unausstehlich  mir  auch  seine  Flöhe  und  Treue. 
Das  kleinste  Ferkelchen  meiner  Heimat  kann  sich 
in  dieser  Beziehung  nicht  über  mich  beklagen.  Unter 
den  vornehmen  und  geistreichen  Säuen  von  Peri- 
gord,  welche  die  Trüffeln  erfunden  und  sich  damit 
mästen,  verleugnete  ich  nicht  die  bescheidenen  Grunz- 
linge,  die  daheim  im  Teutoburger  Wald  nur  mit 
der  Frucht  der  vaterländischen  Eiche  sich  atzen 
aus  schlichtem  Holztrog,  wie  einst  ihre  frommen 
Vorfahren,  zur  Zeit  als  Arminius  den  Varus  schlug. 
Ich  habe  auch  nicht  eine  Borste  meines  Deutsch- 
tums, keine  einzige  Schelle  an  meiner  deutschen 
Kappe  eingebüßt,  und  ich  habe  noch  immer  das 
Recht,  daran  die  schwarz-rot-goldene  Kokarde  zu 
heften.  Ich  darf  noch  immer  zu  Maßmann  sagen : 
>Wir  deutsche  Esel!«  Hätte  ich  mich  in  Frankreich 
naturalisieren  lassen,  würde  mir  Maßmann  antworten 
können:  »Nur  Ich  bin  ein  deutscher  Esel,  du  aber 
bist  es  nicht  mehr«  —  und  er  schlüge  dabei  einen 
verhöhnenden  Burzelbaum,  der  mir  das  Herz  bräche. 
Nein,  solcher  Schmach  habe  ich  mich  nicht  aus- 
gesetzt.    Die  Naturalisation   mag   für    andre   Leute 

**      passen;    ein   versoffener  Advokat  aus  Zweibrücken, 


Zweiter  Teil  m 

ein  Strohkopf  mit  einer  eisernen  Stirn  und  einer 
kupfernen  Nase,  mag  immerhin,  um  ein  Schulmeister- 
amt  zu  erschnappen,  ein  Vaterland  aufgeben,  das 
nichts  von  ihm  weiß  und  nie  etwas  von  ihm  erfahren 
wird  —  aber  dasselbe  geziemt  sich  nicht  für  einen 
deutschen  Dichter,  welcher  die  schönsten  deutschen 
Lieder  gedichtet  hat.  Es  wäre  für  mich  ein  ent- 
setzlicher, wahnsinniger  Gedanke,  wenn  ich  mir 
sagen  müßte,  ich  sei  ein  deutscher  Poet  und  zugleich 
ein  naturalisierter  Franzose.  —  Ich  käme  mir  selber 
vor  wie  eine  jener  Mißgeburten  mit  zwei  Köpfchen, 
die  man  in  den  Buden  der  Jahrmärkte  zeigt.  Es 
würde  mich  beim  Dichten  unerträglich  genieren,  wenn 
ich  dächte,  der  eine  Kopf  finge  auf  einmal  an,  im 
französischen  Truthahnpathos  die  unnatürlichsten 
Alexandriner  zu  skandieren,  während  der  andere  in 
den  angebornen  wahren  Naturmetren  der  deutschen 
Sprache  seine  Gefühle  ergösse.  Und  ach!  unaus- 
stehlich  sind  mir,  wie  die  Metrik,  so  die  Verse  der 
Franzosen,  dieser  parfümierte  Quark  —  kaum  er- 
trage ich  ihre  ganz  geruchlosen  besseren  Dichter.  — 
Wenn  ich  jene  sogenannte  podsie  lyrique  der  Fran- 
zosen betrachte,  erkenne  ich  erst  ganz  die  Herrlich- 
keit der  deutschen  Dichtkunst,  und  ich  könnte  mir 
alsdann  wohl  etwas  darauf  einbilden,  daß  ich  mich 
rühmen  darf,  in  diesem  Gebiete  meine  Lorbeern  er- 
rungen zu  haben.  —  Wir  wollen  auch  kein  Blatt  davon 
aufgeben,  und  der  Steinmetz,  der  unsre  letzte  Schlaf- 
stätte mit  einer  Inschrift  zu  verzieren  hat,  soll  keine 
Einrede  zu  gewärtigen  haben,  wenn  er  dort  eingräbt 
die  Worte:    »Hier  ruht  ein  deutscher  Dichter«. 


y 


^4  Lutezia 

LIX. 

Paris,  7.  Mai  1843. 
Die  Gemäldeausstellung  erregt  dieses  Jahr  unge- 
wöhnliches Interesse,  aber  es  ist  mir  unmöglich,  über 
die  gepriesenen  Vorzüglichkeiten  dieses  Salons  nur 
ein  halWeg  vernünftiges  Urteil  zu  fällen.  Bis  jetzt 
empfand  ich  nur  ein  Mißbehagen  sondergleichen, 
wenn  ich  die  Gemächer  des  Louvre  durchwandelte. 
Diese  tollen  Farben,  die  alle  zu  gleicher  Zeit  auf 
mich  loskreischen,  dieser  bunte  Wahnwitz,  der  mich 
von  allen  Seiten  angrinst,  diese  Anarchie  in  goldnen 
Rahmen,  macht  auf  mich  einen  peinlichen,  fatalen 
Eindruck.  Ich  quäle  mich  vergebens,  dieses  Chaos 
im  Geiste  zu  ordnen  und  den  Gedanken  der  Zeit 
darin  zu  entdecken,  oder  auch  nur  den  verwandt* 
schaftlichen  Charakterzug,  wodurch  diese  Gemälde 
sich  als  Produkte  unsrer  Gegenwart  kundgeben. 
Alle  Werke  einer  und  derselben  Periode  haben  näm- 
lich einen  solchen  Charakterzug,  das  Malerzeichen 
des  Zeitgeistes.  Z.  B.  auf  der  Leinwand  des  Watteau, 
oder  des  Boucher,  oder  des  Vanloo,  spiegelt  sich 
ab  das  graziöse  gepuderte  Schäferspiel,  die  ge- 
schminkte, tändelnde  Leerheit,  das  süßliche  Reifrock- 
glück des  herrschenden  Pompadourtums:  überall 
hellfarbig  bebänderte  Hirtenstäbe,  nirgends  ein  Schwert. 
In  entgegengesetzter  Weise  sind  die  Gemälde  des 
David  und  seiner  Schüler  nur  das  farbige  Echo  der 
republikanischen  Tugendperiode,  die  in  den  imperia- 
listischen Kriegsruhm  überschlägt,  und  wir  sehen 
hier  eine  forcierte  Begeisterung  für  das  marmorne 
Modell,  einen  abstrakten  frostigen  Verstandesrausch, 
die  Zeichnung  korrekt,  streng,  schroff,  die  Farbe 
trüb,    hart,    unverdaulich:    Spartanersuppen,     Was 


Zweiter  Teil 


335 


wird  sich  aber  unsern  Nachkommen,  wenn  sie  einst  ^y 
die  Gemälde  der  heutigen  Maler  betrachten,  als  die 
zeitliche  Signatur  offenbaren?  Durch  welche  gemein- 
same Eigentümlichkeiten  werden  sich  diese  Bilder 
gleich  beim  ersten  Blick  als  Erzeugnisse  aus  unsrer 
gegenwärtigen  Periode  ausweisen?  Hat  vielleicht  der 
Geist  der  Bourgeoisie,  der  Industrialismus,  der  jetzt 
das  ganze  soziale  Leben  Frankreichs  durchdringt, 
auch  schon  in  den  zeichnenden  Künsten  sich  der- 
gestalt geltend  gemacht,  daß  allen  heutigen  Gemälden 
das  Wappen  dieser  neuen  Herrschaft  aufgedrückt 
ist?  Besonders  die  Heiligenbilder,  woran  die  dies-  ^ 
jährige  Ausstellung  so  reich  ist,  erregen  in  mir  eine 
solche  Vermutung.  Da  hängt  im  langen  Saal  eine 
Geißelung,  deren  Hauptfigur,  mit  ihrer  leidenden 
Miene,  dem  Direktor  einer  verunglückten  Aktien- 
gesellschaft ähnlich  sieht,  der  vor  seinen  Aktionären 
steht  und  Rechnung  ablegen  soll;  ja  letztere  sind 
auch  auf  dem  Bilde  zu  sehen,  und  zwar  in  der 
Gestalt  von  Henkern  und  Pharisäern,  die  gegen  den 
Ecce  homo  schrecklich  erbost  sind  und  an  ihren 
Aktien  sehr  viel  Geld  verloren  zu  haben  scheinen. 
Der  Maler  soll  in  der  Hauptfigur  seinen  Oheim  por- 
trätiert haben.  Die  Gesichter  auf  den  eigentlich  ^^ 
historischen  Bildern,  welche  heidnische  und  mittel- 
alterliche Geschichten  darstellen,  erinnern  ebenfalls 
an  Kramladen,  Börsenspekulation,  Merkantilismus, 
Spießbürgerlichkeit.  Da  ist  ein  Wilhelm  der  Eroberer 
zu  sehen,  dem  man  nur  eine  Bärenmütze  aufzusetzen 
brauchte,  und  er  verwandelte  sich  in  einen  National- 
gardisten, der  mit  musterhaftem  Eifer  die  Wache 
bezieht,  seine  Wechsel  pünktlich  bezahlt,  seine  Gattin 
ehrt  und  gewiß  das  Ehrenlegionskreuz  verdient.  Aber 
gar  die  Porträts!    Die   meisten  haben  einen  so  pe-  "^ 


336  Lutezia 

kuniären,  eigennützigen,  verdrossenen  Ausdruck,  den 
ich  mir  nur  dadurch  erkläre,  daß  das  lebendige  Ori- 
ginal in  den  Stunden  der  Sitzung  immer  an  das 
Geld  dachte,  welches  ihm  das  Porträt  kosten  werde, 
während  der  Maler  beständig  die  Zeit  bedauerte, 
die  er  mit  dem  jämmerlichen  Lohndienst  vergeuden 
mußte. 

Unter  den  Heiligenbildern,  welche  von  der  Mühe 
zeugen,  die  sich  die  Franzosen  geben,  recht  religiös 
zu  tun,  bemerkte  ich  eine  Samaritanerin  am  Brunnen. 
Obgleich  der  Heiland  dem  feindseligen  Stamme  der 
Juden  angehört,  übt  sie  dennoch  an  ihm  Barmherzig- 
keit. Sie  bietet  dem  Durstigen  ihren  Wasserkrug, 
und  während  er  trinkt,  betrachtet  sie  ihn  mit  einem 
sonderbaren  Seitenblick,  der  ungemein  pfiffig  und 
mich  an  die  gescheite  Antwort  erinnerte,  welche 
einst  eine  kluge  Tochter  Schwabens  dem  Herrn 
Superintendenten  gab,  als  dieser  die  Schuljugend  im 
Religionsunterricht  examinierte.  Er  frug  nämlich,  wo* 
ran  das  Weib  aus  Samaria  erkannt  hatte,  daß  Jesus 
ein  Jude  war?  »An  der  Beschneidung«  —  antwortete 
keck  die  kleine  Schwäbin. 

Das  merkwürdigste  Heiligenbild  des  Salons  ist 
yf  von  Horaz  Vernet,  dem  einzigen  großen  Meister, 
welcher  dies  Jahr  ein  Gemälde  zur  Ausstellung  ge- 
liefert. Das  Sujet  ist  sehr  verfänglich,  und  wir  müs- 
sen, wo  nicht  die  Wahl,  doch  gewiß  die  Auffassung 
desselben  bestimmt  tadeln.  Dieses  Sujet,  der  Bibel 
entlehnt,  ist  die  Geschichte  Judas  und  seiner  Schwie- 
gertochter Thamar.  Nach  unsern  modernen  Be- 
griffen und  Gefühlen  erscheinen  uns  beide  Personen 
in  einem  sehr  unsittlichen  Lichte.  Jedoch  nach  der 
Ansicht  des  Altertums,  wo  die  höchste  Aufgabe 
des  Weibes  darin   bestand,  daß   sie  Kinder    gebar, 


Zweiter  Teil 


337 


daß  sie  den  Stamm  ihres  Mannes  fortpflanze  —  <zu- 
mal  nach  der  althebräischen  Denkweise,  wo  der 
nächste  Anverwandte  die  Witwe  eines  Verstorbenen 
heiraten  mußte,  wenn  derselbe  kinderlos  starb,  nicht 
bloß  damit  durch  solche  posthume  Nachkommen* 
schaft  die  Familiengüter,  sondern  damit  auch  das 
Andenken  der  Toten,  ihr  Fortleben  in  den  Später* 
gebornen,  gleichsam  ihre  irdische  Unsterblichkeit, 
gesichert  werde)  —  nach  solcher  antiken  Anschau- 
ungsweise war  die  Handlung  der  Thamar  eine  höchst 
sittliche,  fromme,  gottgefällige  Tat,  naiv  schön  und 
fast  so  heroisch  wie  die  Tat  der  Judith,  die  unsern 
heutigen  Patriotismusgefühlen  schon  etwas  näher  steht. 
Was  ihren  Schwiegervater  Juda  betrifft,  so  vindi- 
zieren  wir  für  ihn  eben  keinen  Lorbeer,  aber  wir 
behaupten,  daß  er  in  keinem  Falle  eine  Sünde  be- 
ging. Denn  erstens  war  die  Beiwohnung  eines  Wei- 
bes,  das  er  an  der  Landstraße  fand,  für  den  Hebräer 
der  Vorzeit  ebensowenig  eine  unerlaubte  Handlung, 
wie  der  Genuß  einer  Frucht,  die  er  von  einem 
Baume  an  der  Straße  abgebrochen  hätte,  um  seinen 
Durst  zu  löschen;  und  es  war  gewiß  ein  heißer  Tag 
im  heißen  Mesopotamien,  und  der  arme  Erzvater 
Juda  lechzte  nach  einer  Erfrischung.  Und  dann 
trägt  seine  Handlung  ganz  den  Stempel  des  gött- 
lichen Willens,  sie  war  eine  providencielle:  ohne 
jenen  großen  Durst  hätte  Thamar  kein  Kind  be- 
kommen; dieses  Kind  aber  wurde  der  Ahnherr  Da- 
vids, welcher  als  König  über  Juda  und  Israel  herrschte, 
und  es  ward  also  zugleich  auch  der  Stammvater 
jenes  noch  größern  Königs  mit  der  Dornenkrone,  den 
jetzt  die  ganze  Welt  verehrt,  Jesus  von  Nazareth. 
Was  die  Auffassung  dieses  Sujets  betrifft,  so  will 
ich,   ohne   mich   in    einen   allzu  homiletischen  Tadel 

IX,   22 


■n%  Lutezia 

einzulassen,  dieselbe  mit  wenigen  Worten  beschreib 
ben.  Thamar,  die  schöne  Person,  sitzt  an  der  Land* 
straße  und  offenbart  bei  dieser  Gelegenheit  ihre  üp- 
pigsten Reize.  Fuß,  Bein,  Knie  usw.  sind  von  einer 
Vollendung,  die  an  Poesie  grenzt.  Der  Busen  quillt 
hervor  aus  dem  knappen  Gewand,  blühend,  duftig, 
verlockend,  wie  die  verbotene  Frucht  im  Garten 
Eden.  Mit  der  rechten  Hand,  die  ebenfalls  ent- 
zückend trefflich  gemalt  ist,  hält  sich  die  Schöne 
einen  Zipfel  ihres  weißen  Gewandes  vors  Gesicht, 
so  daß  nur  die  Stirn  und  die  Augen  sichtbar.  Diese 
großen  schwarzen  Augen  sind  verführerisch  wie  die 
Stimme  der  glatten  Satansmuhme.  Das  Weib  ist 
zu  gleicher  Zeit  Apfel  und  Schlange,  und  wir  dürfen 
den  armen  Juda  nicht  deswegen  verdammen,  daß  er 
ihr  die  verlangten  Pfänder,  Stab,  Ring  und  Gürtel 
sehr  hastig  hinreicht.  Sie  hat,  um  dieselben  in  Emp- 
fang zu  nehmen,  die  linke  Hand  ausgestreckt,  wäh- 
rend si«,  wie  gesagt,  mit  der  rechten  das  Gesicht 
verhüllt.  Diese  doppelte  Bewegung  der  Hände  ist 
von  einer  Wahrheit,  wie  sie  die  Kunst  nur  in  ihren 
glücklichsten  Momenten  hervorbringt.  Es  ist  hier 
eine  Naturtreue,  die  zauberhaft  wirkt.  Dem  Juda 
gab  der  Maler  eine  begehrliche  Physiognomie,  die 
eher  an  einen  Faun  als  an  einen  Patriarchen  erin- 
nern dürfte,  und  seine  ganze  Bekleidung  besteht  in 
jener  weißen  wollenen  Decke,  die  seit  der  Erobe- 
rung Algiers  auf  so  vielen  Bildern  eine  große  Rolle 
spielt.  Seit  die  Franzosen  mit  dem  Orient  in  un- 
mittelbarste Bekanntschaft  getreten,  geben  ihre  Maler 
auch  den  Helden  der  Bibel  ein  wahrhaftes  morgen- 
ländisches Kostüm.  Das  frühere  traditionelle  Ideal- 
kostüm ist  in  der  Tat  etwas  abgenutzt  durch  drei- 
hundertjährigen  Gebrauch,    und    am    allerwenigsten 


Zweiter  Teil  y$g 

wäre  es  passend,  nach  dem  Beispiel  der  Venezianer, 
die  alten  Hebräer  in  einer  modernen  Tagestracht  zu 
vermummen.  Auch  Landschaft  und  Tiere  des  Morgen* 
landes  behandeln  seitdem  die  Franzosen  mit  größerer 
Treue  in  ihren  Historienbildern,  und  dem  Kamele, 
welches  sich  auf  dem  Gemälde  des  Horaz  Vernet 
befindet,  sieht  man  es  wohl  an,  daß  der  Maler  es 
unmittelbar  nach  der  Natur  kopiert  und  nicht,  wie 
ein  deutscher  Maler,  aus  der  Tiefe  seines  Gemüts 
geschöpft  hat.  Ein  deutscher  Maler  hätte  vielleicht 
hier,  in  der  Kopfbildung  des  Kamels,  das  Sinnige, 
das  Vorweltliche,  ja  das  Alttestamentalische  hervor- 
treten lassen.  Aber  der  Franzose  hat  nur  eben  ein 
Kamel  gemalt  wie  Gott  es  erschaffen  hat,  ein  ober* 
flächliches  Kamel,  woran  kein  einzig  symbolisches 
Haar  ist,  und  welches,  sein  Haupt  hervorstreckend 
über  die  Schulter  des  Juda,  mit  der  größten  Gleich- 
gültigkeit dem  verfänglichen  Handel  zuschaut.  Diese 
Gleichgültigkeit,  dieser  Indifferentismus,  ist  ein  Grund- 
zug des  in  Rede  stehenden  Gemäldes,  und  auch  in 
dieser  Beziehung  trägt  dasselbe  das  Gepräge  unsrer 
Periode.  Der  Maler  tauchte  seinen  Pinsel  weder  in 
die  ätzende  Böswilligkeit  Voltairescher  Satire,  noch 
in  die  liederlichen  Schmutztöpfe  von  Parny  und 
Konsorten;  ihn  leitet  weder  Polemik  noch  Immorali- 
tät;  die  Bibel  gilt  ihm  so  viel  wie  jedes  andere 
Buch,  er  betrachtet  dasselbe  mit  echter  Toleranz,  er 
hat  gar  kein  Vorurteil  mehr  gegen  dieses  Buch, 
er  findet  es  sogar  hübsch  und  amüsant,  und  er  ver- 
schmäht es  nicht,  demselben  seine  Sujets  zu  ent- 
lehnen. In  dieser  Weise  malte  er  Judith,  Rebekka 
am  Brunnen,  Abraham  und  Hagar,  und  so  malte  er 
auch  Juda  und  Thamar,  ein  vortreffliches  Gemälde, 
das  wegen   seiner   lokalartigen   Auffassung  ein   sehr 


Ho 


Lutezia 


passendes  Altarbild  wäre  für  die  Pariser  neue  Kirche 
von  Notre-Dame-de-Lorette,  im  Lorettenquartier. 
Horaz  Vernet  gilt  bei  der  Menge  für  den  größten 

J  Maler  Frankreichs,  und  ich  möchte  dieser  Ansicht 
nicht  widersprechen.  Jedenfalls  ist  er  der  nationalste 
der  französischen  Maler,  und  er  überragt  sie  alle 
/  durch  das  fruchtbare  Können,  durch  die  dämonische 
Überschwenglichkeit,  durch  die  ewig  blühende  Selbst- 
verjüngung seiner  Schöpferkraft.  Das  Malen  ist  ihm 
angeboren  wie  dem  Seidenwurm  das  Spinnen,  wie 
dem  Vogel  das  Singen,  und  seine  Werke  erscheinen 
wie  Ergebnisse  der  Notwendigkeit.  Kein  Stil,  aber 
Natur.  Fruchtbarkeit  die  ans  Lächerliche  grenzt. 
Eine  Karikatur  hat  den  Horaz  Vernet  dargestellt, 
wie  er  auf  einem  hohen  Rosse,  mit  einem  Pinsel  in 
der  Hand,  vor  einer  ungeheuer  lang  ausgespannten 
Leinwand  hinreitet  und  im  Galopp  malt;  sobald  er 
ans  Ende  der  Leinwand  anlangt,  ist  auch  das  Ge- 
mälde  fertig.  Welche  Menge  von  kolossalen  Schlacht- 
y  stücken  hat  er  in  der  jüngsten  Zeit  für  Versailles 
geliefert!  In  der  Tat,  mit  Ausnahme  von  Österreich 
und  Preußen,  besitzt  wohl  kein  deutscher  Fürst  so 
viele  Soldaten,  wie  deren  Horaz  Vernet  schon  ge- 
malt hat!  Wenn  die  fromme  Sage  wahr  ist,  daß 
am  Tage  der  Auferstehung  jeden  Menschen  auch 
seine  Werke  nach  der  Stätte  des  Gerichtes  begleiten, 
so  wird  gewiß  Horaz  Vernet  am  jüngsten  Tage  in 
Begleitung  von  einigen  hunderttausend  Mann  Fuß- 
volk und  Kavallerie  im  Tale  Josaphat  anlangen. 
Wie  furchtbar  auch  die  Richter  sein  mögen,  die 
dorten  sitzen  werden,  um  die  Lebenden  und  Toten 
zu    richten,    so    glaube    ich    doch    nicht,    daß    sie 

^jjL     den  Horaz  Vernet  ob  der  Ungebührlichkeit,   womit 
er  Juda  und  Thamar  behandelte,  zum  ewigen  Feuer 


Zvreiter  Teil  34t 

verdammen  werden.  Ich  glaube  es  nicht.  Denn 
erstens,  das  Gemälde  ist  so  vortrefflich  gemalt,  daß 
man  schon  deshalb  den  Beklagten  freisprechen  müßte. 
Zweitens  ist  der  Horaz  Vernet  ein  Genie,  und  dem 
Genie  sind  Dinge  erlaubt,  die  den  gewöhnlichen  ^ 
Sündern  verboten  sind.  Und  endlich,  wer  an  der 
Spitze  von  einigen  100000  Soldaten  anmarschiert 
kömmt,  dem  wird  ebenfalls  viel  verziehen,  selbst 
wenn  er  zufälligerweise  kein  Genie  wäre. 


LX. 

Paris,  1.  Juni  1843. 
Der  Kampf  gegen  die  Universität,  der  von  kleri-  , 
kaier  Seite  noch  immer  fortgesetzt  wird,  sowie  auch 
die  entschiedene  Gegenwehr,  wobei  sich  besonders 
Michelet  und  Quinet  hervortaten,  beschäftigt  noch 
immer  das  große  Publikum.  Vielleicht  wird  dieses 
Interesse  bald  wieder  verdrängt  von  irgendeiner  neuen  ^ 
Tagesfrage ;  aber  der  Zwist  selbst  wird  so  bald  nicht 
geschlichtet  sein,  denn  er  wurzelt  in  einem  Zwie- 
spalt, der  Jahrhunderte  alt  ist,  und  vielleicht  als  der 
letzte  Grund  aller  Umwälzungen  im  französischen 
Staatsleben  betrachtet  werden  dürfte.  Es  handelt 
sich  hier  weder  um  Jesuiten  noch  um  Freiheit  des  v-/ 
Unterrichts;  beides  sind  nur  Losungsworte,  sie  sind 
keineswegs  der  Ausdruck  dessen,  was  die  krieg- 
führenden Parteien  denken  und  wollen.  Etwas  ganz 
anderes,  als  man  zu  gestehen  wagt,  wo  nicht  gar 
das  Gegenteil  der  innern  Überzeugung,  wird  auf  bei- 
den Seiten  ausgesprochen.  Man  schlägt  manchmal 
auf  den  Sack  und  meint  den  Esel,  heißt  das  alt- 
deutsche Sprichwort.   Wir  hegen  eine  zu  gute  Mei- 


Hz 


Lutezia 


J 


nung  von  dem  Verstände  der  Universitätsprofessoren, 
als  daß  wir  annehmen  dürften,  sie  polemisierten  im 
vollsten  Ernste  gegen  den  toten  Ritter  Ignaz  von 
Loyola  und  seine  Grabesgenossen.  Wir  schenken 
hingegen  dem  Liberalismus  der  Gegner  zu  wenig 
Glauben,  als  daß  wir  ihre  radikalen  Grundsätze  in 
betreff  der  Lehrfreiheit,  ihre  eifrige  Anpreisung  der 
Freiheit  des  Unterrichts,  für  bare  Münze  nehmen 
möchten.  Das  öffentliche  Feldgeschrei  ist  hier  im 
Widerspruch  mit  dem  geheimen  Gedanken.  Gelehrte 
List  und  fromme  Lüge.  Die  wahre  Bedeutung  dieser 
Zwiste  ist  nichts  anderes  als  die  uralte  Opposition 
zwischen  Philosophie  und  Religion,  zwischen  Ver- 
nunfterkenntnis und  Offenbarungsglauben,  eine  Op- 
position, die,  von  den  Männern  der  Wissenschaft 
geleitet,  sowohl  im  Adel  wie  in  der  Bürgerschaft 
beständig  gärte,  und  in  den  neunziger  Jahren  den 
Sieg  erfocht.  Ja  bei  einigen  überlebenden  Akteurs 
der  französischen  Staatstragödie,  bei  Politikern  von 
tiefster  Erinnerung,  erlauschte  ich  nicht  selten  das 
Bekenntnis,  daß  die  ganze  französische  Revolution 
zuletzt  doch  nur  durch  den  Haß  gegen  die  Kirche 
entstanden  sei,  und  daß  man  den  Thron  zertrüm- 
merte, weil  er  den  Altar  schützte.  Die  konstitu- 
tionelle Monarchie  hätte  sich,  ihrer  Meinung  nach, 
schon  unter  Ludwig  XVI.  festsetzen  können;  aber 
man  fürchtete,  daß  der  strenggläubige  König  der 
neuen  Verfassung  nicht  treu  bleiben  könne  aus  from- 
men Gewissensskrupeln,  man  fürchtete,  daß  ihm  seine 
religiösen  Überzeugungen  höher  gelten  würden,  als 
seine  irdischen  Interessen  —  und  Ludwig  XVI.  ward 
das  Opfer  dieser  Furcht,  dieses  Argwohns,  dieses  Ver- 
dachtes! II  etait  suspect;  das  war  in  jener  Schreckens* 
zeit  ein  Verbrechen,  worauf  die  Todesstrafe  stand. 


Zweiter  Teil 


343 


Obgleich  Napoleon  die  Kirche  in  Frankreich  wie*  \^ 
derherstellte  und  begünstigte,  so  galt  doch  sein  eiser* 
ner  Willenstolz  für  eine  hinlängliche  Bürgschaft,  daß 
die  Geistlichkeit  unter  seiner  Regierung  sich  nicht 
allzusehr  überheben  oder  gar  zur  Herrschaft  empor- 
schwingen würde:  er  hielt  sie  ebensosehr  im  Zaum 
wie  uns  andre,  und  seine  Grenadiere,  welche  mit 
blankem  Gewehr  neben  der  Prozession  einhermar- 
schierten,  schienen  weniger  die  Ehrengarde  als  viel* 
mehr  die  Gefangenschaftseskorte  der  Religion  zu  sein. 
Der  gewaltige  Imperator  wollte  allein  regieren,  wollte 
auch  mit  dem  Himmel  seine  Gewalt  nicht  teilen,  das 
wußte  jeder.  Im  Beginn  der  Restauration  wurden 
schon  die  Gesichter  länger,  und  die  Männer  der 
Wissenschaft  fühlten  wieder  ein  geheimes  Grauen. 
Aber  Ludwig  XVIII.  war  ein  Mann  ohne  religiösesv-^ 
Bewußtsein,  ein  Witzling,  der  sehr  dick  war,  schlechte 
lateinische  Verse  machte,  und  gute  Leberpasteten  aß; 
das  beruhigte  das  Publikum.  Man  wußte,  daß  er 
Krone  und  Haupt  nicht  gefährden  werde,  um  den 
Himmel  zu  gewinnen,  und  je  weniger  man  ihn  als 
Mensch  achtete,  desto  größeres  Vertrauen  flößte  er 
ein  als  König  von  Frankreich:  seine  Frivolität  war 
eine  Garantie,  diese  schützte  ihn  selbst  vor  dem  Ver- 
dacht, den  schwarzen  Erbfeind  zu  begünstigen,  und 
wäre  er  am  Leben  geblieben,  so  hätten  die  Fran- 
zosen keine  neue  Revolution  gemacht.  Diese  mach- 
ten sie  unter  der  Regierung  Karls  X.,  eines  Königs,  . 
der  persönlich  die  höchste  Achtung  verdiente,  und  */ 
von  dem  man  im  voraus  überzeugt  war,  daß  er, 
dem  Heile  seiner  Seele  alle  Erdengüter  opfernd,  mit 
ritterlichem  Mute  bis  zum  letzten  Atemzuge  für  die 
Kirche  kämpfen  werde,  gegen  Satan  und  die  revo- 
lutionären Heiden.     Man    stürzte    ihn    vom  Thron, 


344 


Lutc; 


eben  weil  man  ihn  für  einen  edlen,  gewissenhaften 
ehrlichen  Mann  hielt.  Ja,  er  war  es,  ebenso  wie 
Ludwig  XVI.,  aber  1830  wäre  der  bloße  Verdacht 
ebenfalls  hinreichend  gewesen,  um  Karl  X.  dem 
Untergang  zu  widmen.  Dieser  Verdacht  ist  auch 
der  wahre  Grund,  weshalb  sein  Enkel  in  Frankreich 
keine  Zukunft  hat:  man  weiß,  daß  ihn  die  Geistlich- 
keit erzogen,  und  das  Volk  nannte  ihn  immer  le  petit 
jesuite. 

Es  ist  ein  wahres  Glück  für  die  Juliusdynastie, 
daß  sie  durch  Zufall  und  Zeitumstände  diesem  tot* 
liehen  Verdachte  entgangen  ist.  Der  Vater  Ludwig 
Philipps  war  wenigstens  kein  Frömmler;  das  gestehen 
selbst  seine  ärgsten  Verleumder.    Er  gestattete  dem 

J  Sohne  die  freie  Ausbildung  seines  Geistes,  und  dieser 
hat  mit  der  Ammenmilch  die  Philosophie  des  acht- 
zehnten Jahrhunderts  eingesogen.  Auch  lautet  der 
Refrain  aller  (egitimistischen  Klagen,  daß  der  jetzige 
König  nicht  gottesfurchtig  genug  sei,  daß  er  immer 
ein  liberaler  Freigeist  gewesen,  und  daß  er  sogar 
seine  Kinder  in  Unglauben  heranwachsen  lasse.  In 
der  Tat,  seine  Söhne  sind  ganz  die  Söhne  des  neuen 
Frankreichs,  in  dessen  öffentlichen  Kollegien  sie  ihren 
Unterricht  genossen.  Der  verstorbene  Herzog  von 
Orleans  war  der  Stolz  der  jungen  Generation,  die  mit 
ihm  in  die  Schule  gegangen  und  wahrhaftig  viel  gelernt 
hatte.  Der  Umstand,  daß  die  Mutter  des  Kronprinzen 
von  Frankreich  eine  Protestantin,  ist  von  unabseh- 
barer Wichtigkeit.  Der  Verdacht  der  Bigotterie,  der 
der  altern  Dynastie  so  fatal  geworden,  wird  die  Or- 
leans nicht  treffen. 
/       Der  Kampf  gegen  die   Kirche  wird   nichtsdesto- 

*     weniger  seine  große  politische  Bedeutung   behalten. 
Wie   gewaltig  auch   die   Macht   des  Klerus   in   der 


ZVeiter  Teil 


345 


letzten  Zeit  emporblühte,  wie  bedeutend  auch  seine 
Stellung  in  der  Gesellschaft,  wie  sehr  er  auch  ge* 
deiht,  so  sind  doch  die  Gegner  immer  gerüstet  ihm 
die  Stirne  zu  bieten,  und  wenn  bei  nächtlichem 
Überfall  der  Liberalismus  sein  »Bursche  heraus!« 
ruft,  kommen  gleich  an  allen  Fenstern  die  Lichter 
zum  Vorschein,  und  jung  und  alt  rennt  heran  mit 
allen  möglichen  Schlägern,  wo  nicht  gar  mit  den 
Piken  des  Jakobinismus.  Der  Klerus  will,  wie  er  es 
immer  wollte,  in  Frankreich  zur  Oberherrschaft  ge- 
langen,  und  wir  sind  unparteiisch  genug,  um  seine 
geheimen  und  öffentlichen  Bestrebungen  nicht  den 
kleinen  Trieben  des  Ehrgeizes,  sondern  den  uneigen* 
nützigsten  Besorgnissen  für  das  Seelenheil  des  Volkes 
zuzuschreiben.  Die  Erziehung  der  Jugend  ist  ein 
Mittel,  wodurch  der  heilige  Zweck  am  klügsten  be- 
fördert  wird,  auch  ist  auf  diesem  Wege  schon  das 
Unglaublichste  geschehen,  und  der  Klerus  mußte 
notwendigerweise  mit  den  Befugnissen  der  Univer- 
sität  in  Kollision  geraten.  Um  die  Oberaufsicht  des 
vom  Staat  organisierten  liberalen  Unterrichts  zu  ver- 
nichten, suchte  man  die  revolutionären  Antipathien 
gegen  Privilegien  jeder  Art  ins  Interesse  zu  ziehen, 
und  die  Männer,  welche,  gelangten  sie  zur  Herr* 
schaff,  nicht  einmal  die  Freiheit  des  Denkens  er- 
lauben würden,  schwärmen  jetzt  mit  begeisterten 
Phrasen  für  Lehrfreiheit,  und  klagen  über  Geistes- 
monopol. Der  Kampf  mit  der  Universität  war  also 
kein  zufälliges  Scharmützel,  und  mußte  früh  oder 
spät  ausbrechen;  der  Widerstand  war  ebenfalls  ein 
Akt  der  Notwendigkeit,  und  obgleich  wider  Willen 
und  Lust,  mußte  dennoch  die  Universität  den  Fehde- 
handschuh aufnehmen.  Aber  selbst  den  Gemäßigt- 
sten stieg  bald  das  kochende   Blut  der  Leidenschaft 


-i±6  Lutezia 

zu  Häupten,  und  es  war  Michelet,  der  weiche,  mond- 
scheinsanfte Michelet,  welcher  plötzlich  wild  wurde 
und  im  öffentlichen  Auditorium  des  College  de 
France  die  Worte  ausrief:  »Um  Euch  fortzujagen, 
haben  wir  eine  Dynastie  gestürzt,  und  ist  es  nötig, 
so  werden  wir  noch  sechs  Dynastien  umstürzen,  um 
Euch  fortzujagen!«  —  Daß  eben  Menschen  wie  Mi- 
chelet und  sein  wahlverwandter  Freund  Edgar  Qyinet 
als  die  heftigsten  Kämpen  aufgetreten  gegen  die  Kleri- 
sei, ist  eine  merkwürdige  Erscheinung,  die  ich  mir 
nie  träumen  ließ,  als  ich  zuerst  die  Schriften  dieser 
Männer  las,  Schriften,  die  auf  jeder  Seite  Zeugnis 
geben  von  tiefster  Sympathie  für  das  Christentum. 
Ich  erinnere  mich  einer  rührenden  Stelle  der  fran- 
zösischen Geschichte  von  Michelet,  wo  der  Ver- 
fasser von  der  Liebesangst  spricht,  die  ihn  ergreife, 
wenn  er  den  Verfall  der  Kirche  zu  besprechen  habe: 
es  sei  ihm  dann  zumute,  wie  damals,  als  er  seine 
alte  Mutter  pflegte,  die  auf  ihrem  Krankenbette  sich 
durchgelegen  hatte,  so  daß  er  nur  mit  aller  ersinn- 
lichen Schonung  ihren  wunden  Leib  zu  berühren 
wagte.  Es  zeugt  gewiß  nicht  von  jener  Klugheit, 
die  man  sonst  als  Jesuitismus  bezeichnet  hat,  daß 
man  Leute  wie  Michelet  und  Quinet  zum  zornigsten 
Widerstand  aufstachelte.  Der  Ernst  möchte  uns 
schier  verlassen,  indem  wir  diesen  Mißgriff  hervor- 
heben, zumal  in  bezug  auf  Michelet.  Dieser  Mi- 
chelet ist  ein  geborner  Spiritualist,  niemand  hegt  einen 
tiefern  Abscheu  vor  der  Aufklärung  des  18.  Jahr- 
hunderts, vor  dem  Materialismus,  vor  der  Frivolität, 
vor  jenen  Voltairianern,  deren  Name  noch  immer 
Legion  ist,  und  mit  denen  er  sich  jetzt  dennoch  ver- 
bündete. Er  hat  sogar  zur  Logik  seine  Zuflucht 
nehmen  müssen!    Hartes  Schicksal  für  einen  Mann, 


Zweiter  Tefl 


347 


der  sich  nur  in  den  Fabelwäldern  der  Romantik 
heimisch  fühlt,  der  sich  am  liebsten  auf  mystisch 
blauen  Gefühlswogen  schaukelt,  und  sich  ungern  mit 
Gedanken  abgibt,  die  nicht  symbolisch  vermummt! 
Über  seine  Sucht  der  Symbolik,  über  sein  bestän- 
diges Hinweisen  auf  das  Symbolische,  habe  ich  im 
Quartier  Latin  zuweilen  sehr  anmutig  scherzen  hören, 
und  Michelet  heißt  dort  Monsieur  Symbole.  Die 
Vorherrschaft  der  Phantasie  und  des  Gemütes  übt' 
aber  einen  gewaltigen  Reiz  auf  die  studierende  Jugend, 
und  ich  habe  mehrmals  vergebens  versucht,  bei 
Monsieur  Symbole  im  College  de  France  zu  hospi- 
tieren; ich  fand  den  Hörsaal  immer  überfüllt  von 
Studenten,  die  mit  Begeisterung  sich  um  den  Ge- 
feierten drängten.  Seine  Wahrheitsliebe  und  strenge 
Redlichkeit  ist  vielleicht  ebenfalls  der  Grund,  warum 
man  ihn  so  ehrt  und  liebt.  Als  Schriftsteller  be- 
hauptet Michelet  den  ersten  Rang.  Seine  Sprache 
ist  die  holdseligste,  die  man  sich  denken  kann,  und 
alle  Edelsteine  der  Poesie  glänzen  in  seiner  Dar- 
stellung. Soll  ich  einen  Tadel  aussprechen,  so  möchte 
ich  zunächst  den  Mangel  an  Dialektik  und  Ordnung 
bedauern:  wir  begegnen  hier  einer  bis  zur  Fratze 
gesteigerten  Abenteuerlichkeit,  einem  berauschten 
Übermaß,  wo  das  Erhabene  überschlägt  ins  Skurrile 
und  das  Sinnige  ins  Läppische.  Ist  er  ein  großer 
Historiker?  Verdient  er  neben  Thiers,  Mignet,  Guizot 
und  Thierry,  diesen  ewigen  Sternen,  genannt  zu  wer- 
den? Ja,  er  verdient  es,  obgleich  er  die  Geschichte 
in  einer  ganz  andern  Weise  schreibt.  Soll  der  Histo- 
riker, nachdem  er  geforscht  und  gedacht,  uns  die 
Vorfahren  und  ihr  Treiben,  die  Tat  der  Zeit  zur 
Anschauung  bringen;  soll  er  durch  die  Zaubergewalt 
des  Wortes  die  tote  Vergangenheit  aus  dem  Grabe 


\s 


348  Lutczia 

beschwören,  daß  sie  lebendig  vor  unsre  Seele  tritt  — 
ist  dieses  die  Aufgabe,  so  können  wir  versichern,  daß 
Michelet  sie  vollständig  löst.  Mein  großer  Lehrer,  der 
selige  Hegel,  sagte  mir  einst:  »Wenn  man  die  Träume 
aufgeschrieben  hätte,  welche  die  Menschen  während 
einer  bestimmten  Periode  geträumt  haben,  so  würde 
einem  aus  der  Lektüre  dieser  gesammelten  Träume 
ein  ganz  richtiges  Bild  vom  Geiste  jener  Periode  auf* 
steigen.«  Michelets  »Französische  Geschichte«  ist 
eine  solche  Kollektion  von  Träumen,  ein  solches 
Traumbuch:  das  ganze  träumende  Mittelalter  schaut 
daraus  hervor  mit  seinen  tiefen  leidenden  Augen, 
mit  dem  gespenstigen  Lächeln,  und  wir  erschrecken 
fast  ob  der  grellen  Wahrheit  der  Farbe  und  Gestalt. 
In  der  Tat,  für  die  Schilderung  jener  somnambulen 
Zeit  paßte  eben  ein  somnambuler  Geschichtschreibcr, 
wie  Michelet. 

In  derselben  Weise  wie  gegen  Michelet,  hat  gegen 
v  Quinet  sowohl  die  klerikale  Partei  als  auch  die  Re- 
gierung ein  höchst  unkluges  Verfahren  eingeschlagen. 
Daß  erstere,  die  Männer  der  Liebe  und  des  Friedens, 
sich  in  ihrem  frommen  Eifer  weder  klug  noch  sanft- 
mütig zeigen  würden,  setzt  mich  nicht  in  Verwun- 
derung. Aber  eine  Regierung,  an  deren  Spitze  ein 
Mann  der  Wissenschaft,  hätte  sich  doch  milder  und 
vernünftiger  benehmen  können.  Ist  der  Geist  Guizots 
ermüdet  von  den  Tageskämpfen?  Oder  hätten  wir 
uns  in  ihm  geeirrt,  als  wir  ihn  für  den  Kämpen 
hielten,  der  die  Eroberungen  des  menschlichen  Geistes 
gegen  Lug  und  Klerisei  am  standhaftesten  verteidigen 
würde?  Als  er,  nach  dem  Sturz  von  Thiers,  ans 
Ruder  kam,  schwärmten  für  ihn  alle  Schulmeister 
Germanias,  und  wir  machten  Chorus  mit  dem  auf- 
geklärten Gelehrtenstand.    Diese  Hosianna-Tage  sind 


Zweiter  Teil  ?j.g 

vorüber,  und  es  ergreift  uns  eine  Verzagnis,  ein 
Zweifel,  ein  Mißmut,  der  nicht  auszusprechen  weiß, 
was  er  nur  dunkel  empfindet  und  ahndet,  und  der 
sich  endlich  in  ein  grämliches  Stillschweigen  versenkt. 
Da  wir  wirklich  nicht  recht  wissen  was  wir  sagen  »-*' 
sollen,  da  wir  an  dem  alten  Meister  irre  geworden, 
so  dürfte  es  wohl  am  ratsamsten  sein,  von  andern 
Dingen  zu  schwatzen  als  von  der  Tagespolitik  im 
gelangweilten,  schläfrigen  und  gähnenden  Frankreich. 
—  Nur  über  das  Verfahren  gegen  Edgar  Quinet  ^ 
wollen  wir  noch  unsre  unmaßgebliche  Rüge  aus» 
sprechen.  Wie  den  Michelet,  hätte  man  auch  den 
Edgar  Quinet  nicht  so  schnöde  reizen  dürfen,  daßw 
auch  dieser  jetzt,  ganz  seinem  innersten  Naturell  zu* 
wider,  getrieben  ward,  das  Christkind  mitsamt  dem 
Bade  auszuschütten  und  in  die  Reihen  jener  Kohorten 
zu  treten,  welche  die  äußerste  Linke  der  revolutio- 
nären Armada  bilden.  Spiritualisten  sind  alles  fähig, 
wenn  man  sie  rasend  macht,  und  sie  können  alsdann 
sogar  in  den  nüchtern  vernünftigsten  Rationalismus 
überschnappen.  Wer  weiß,  ob  nicht  Michelet  und 
Quinet  am  Ende  die  krassesten  Jakobiner  werden, 
die  tollsten  Vernunftanbeter,  fanatische  Nachfrevler 
von  Robespierre  und  Marat. 

Michelet  und  Quinet  sind  nicht  bloß  gute  Kame- 
raden, getreue  Waffenbrüder,  sondern  auch  wahl- 
verwandte Geistesgenossen.  Dieselben  Sympathien, 
dieselben  Antipathien.  Nur  ist  das  Gemüt  des  einen 
weicher,  ich  möchte  sagen  indischer;  der  andere  hat 
hingegen  in  seinem  Wesen  etwas  Derbes,  etwas 
Gotisches.  Michelet  mahnt  mich  an  die  großblumig 
starkgewürzten  Riesengedichte  des  Mahabharata; 
Quinet  erinnert  vielmehr  an  die  ebenso  ungeheuer- 
lichen, aber  schrofferen  und  felsenhafteren  Lieder  der 


-tcQ  Lutezia 

Edda.  Quinet  ist  eine  nordische  Natur,  man  kann 
J  sagen  eine  deutsche,  sie  hat  ganz  den  deutschen  Cha- 
rakter, im  guten  wie  im  üblen  Sinne;  Deutschlands 
Odem  weht  in  allen  seinen  Schriften.  Wenn  ich  den 
»Ahasver«  oder  andre  Quinetsche  Poesien  lese,  wird 
mir  ganz  heimatlich  zumute,  ich  glaube  die  vater- 
ländischen Nachtigallen  zu  vernehmen,  ich  rieche  den 
Duft  der  Gelbveiglein,  wohlbekannte  Glockentöne 
summen  mir  ums  Haupt,  auch  die  wohlbekannten 
Schellenkappen  höre  ich  klingeln:  deutschen  Tiefsinn, 
deutschen  Denkerschmerz,  deutsche  Gemütlichkeit, 
deutsche  Maikäfer,  mitunter  sogar  ein  bißchen  deutsche 
Langeweile  finde  ich  in  den  Schriften  unseres  Edgar 
Qujnet.  Ja,  er  ist  der  unsrige,  er  ist  ein  Deutscher, 
eine  gute  deutsche  Haut,  obgleich  er  sich  in  jüngster 
Zeit  als  ein  wütender  Germanenfresser  gebärdete. 
Die  rauhe,  etwas  täppische  Weise,  womit  er  in  der 
»Revue  des  deux  Mondesc  gegen  uns  loszog,  war 
nichts  weniger  als  französisch,  und  eben  an  dem 
tüchtigen  Faustschlag  und  der  echten  Grobheit  er* 
kannten  wir  den  Landsmann.  Edgar  ist  ganz  ein 
Deutscher,  nicht  bloß  dem  Geiste,  sondern  auch  der 
äußern  Erscheinung  nach,  und  wer  ihm  auf  den 
Straßen  von  Paris  begegnet,  hält  ihn  gewiß  für  irgend- 
einen Halleschen  Theologen,  der  eben  durchs  Examen 
gefallen,  und  um  sich  zu  erholen  nach  Frankreich 
gedämmert.  Eine  kräftige,  vierschrötige,  ungekämmte 
Gestalt.  Ein  liebes,  ehrliches,  wehmütiges  Gesicht. 
Grauer,  schlottriger  Oberrock,  den  Jung-Stilling  ge- 
näht zu  haben  scheint.  Stiefel,  die  vielleicht  einst 
Jakob  Böhm  besohlte. 

Quinet  hat  lange  Zeit  jenseits  des  Rheines  gelebt, 
namentlich  in  Heidelberg,  wo  er  studierte  und  sich 
täglich  in  Creuzers  »Symbolik«  berauschte.  Er  durch- 


Zweiter  Teil 


35» 


wanderte  ganz  Deutschland  zu  Fuß,  besah  alle  unsere 
gotischen  Ruinen  und  schmollierte  dort  mit  den  aus* 
gezeichnetsten  Gespenstern.  Im  Teutoburger  Walde, 
wo  Hermann  den  Varus  schlug,  hat  er  westfälischen 
Schinken  mit  Pumpernickel  gegessen;  auf  dem  Sonnen* 
stein  gab  er  seine  Karte  ab.  Ob  er  auch  zu  Mölln 
Eulenspiegels  Grab  besuchte,  kann  ich  nicht  be- 
haupten.  Was  ich  aber  ganz  bestimmt  weiß,  das  ist : 
es  gibt  jetzt  in  der  ganzen  Welt  keine  drei  Dichter, 
die  so  viel  Phantasie,  Ideenreichtum  und  Genialität 
besitzen  wie  Edgar  Quinet. 


LXI. 

Paris,  21.  Juni  1843. 
Alle  Jahre  besuche  ich  regelmäßig  die  feierliche 
Sitzung  in  der  Rotunde  des  Palais  Mazarin,  wo  man 
sich  stundenlang  vorher  einfinden  muß  um  Platz  zu 
finden,  unter  der  Elite  der  Geistesaristokratie,  wozu 
glücklicherweise  die  schönsten  Damen  gehören.  Nach 
langem  Warten  kommen  endlich  durch  eine  Seitentür 
die  Herren  Akademiker,  die  Mehrzahl  aus  Leuten 
bestehend,  die  sehr  alt  oder  wenigstens  nicht  sehr 
gesund  sind;  Schönheit  darf  hier  nicht  gesucht  wer- 
den. Sie  setzen  sich  auf  ihre  langen,  harten  Holz- 
bänke; man  spricht  zwar  von  den  Fauteuils  der 
Akademie,  aber  diese  existieren  nicht  in  der  Wirk* 
lichkeit  und  sind  nur  eine  Fiktion.  Die  Sitzung 
beginnt  mit  einer  langen,  langweiligen  Rede  über  die 
Jahresarbeiten  und  die  eingegangenen  Preisschriften, 
die  der  temporäre  Präsident  zu  halten  pflegt.  Hier- 
auf erhebt  sich  der  Sekretär,  der  perpetuelle,  dessen 
Amt  ein  ewiges  ist,  wie  das  Königtum.    Die  Sekre- 


■te2  Lutezia 

täre  der  Akademie  und  Ludwig  Philipp  sind  Per* 
sonen,  die  nicht  durch  Minister*  oder  Kammerlaune 
abgesetzt  werden  können.  Leider  ist  Ludwig  Philipp 
schon  hochbejahrt,  und  wir  wissen  noch  nicht,  ob 
sein  Nachfolger  uns  mit  gleichem  Talent  die  schöne 
Friedensruhe  erhalten  wird.  Aber  Mignet  ist  noch 
jung,  oder,  was  noch  besser,  er  ist  der  Typus  der 
Jugendlichkeit  selbst,  er  bleibt  verschont  von  der 
Hand  der  Zeit,  die  uns  andern  die  Haare  weiß  färbt, 
wo  nicht  gar  ausrauft,  und  die  Stirne  so  häßlich 
fältelt:  der  schöne  Mignet  trägt  noch  seine  gold- 
lockichte  Frisur  wie  vor  zwölf  Jahren,  und  sein 
Antlitz  ist  noch  immer  blühend  wie  das  der  Olym- 
pier. Sobald  der  Perpetuelle  auf  die  Rednerbühnc 
getreten,  nimmt  er  seine  Lorgnette  und  beäugelt  das 
Publikum. 

»Er  zählt  die  Häupter  seiner  Lieben, 
Und  sieh,  es  fehlt  kein  teures  Haupt.« 

Hierauf  betrachtet  er  auch  die  um  ihn  her  sitzenden 
Kollegen,  und  wenn  ich  boshaft  wäre,  würde  ich 
seinen  Blick  ganz  eigen  kommentieren.  Er  kommt 
mir  in  solchen  Momenten  immer  vor  wie  ein  Hirt, 
der  seine  Herde  mustert.  Sie  gehören  ihm  ja  alle, 
ihm,  dem  Perpetuellen ,  der  sie  alle  überleben  und 
sie  früh  oder  spät  in  seinen  Precis  historiques  se- 
zieren und  einbalsamieren  wird.  Er  scheint  eines 
jeden  Gesundheitszustand  zu  prüfen,  um  sich  zu  der 
künftigen  Rede  vorbereiten  zu  können.  Der  alte 
Ballanche  sieht  sehr  krank  aus,  und  Mignet  schüttelt 
den  Kopf.  Da  jener  arme  Mann  gar  kein  Leben 
gelebt  und  auf  dieser  Erde  gar  nichts  anderes  getan 
hat,  als  daß  er  zu  den  Füßen  von  Madame  Reca- 
mier  saß  und  Bücher  schrieb,  die  niemand  liest  und 


Zweiter  Teil 


353 


jeder  lobt,  so  wird  Mignet  wirklich  seine  Not  haben, 
ihm  in  seinem  Precis  historique  eine  menschliche 
Seite  abzugewinnen,  und  ihn  genießbar  zu  machen. 
In  der  heurigen  Sitzung  war  der  verstorbene  Daunou 
der  Gegenstand,  den  Mignet  behandelte.  Zu  meiner 
Schande  gestehe  ich,  daß  letzterer  mir  unbegreiflich 
wenig  bekannt  war,  daß  ich  nur  mit  Mühe  einige 
seiner  Lebensmomente  in  meinem  Gedächtnisse 
wiederfand.  Auch  bei  anderen,  besonders  bei  der 
jüngeren  Generation,  begegnete  ich  einer  großen  Un- 
wissenheit in  bezug  auf  Daunou.  Und  dennoch 
hatte  dieser  Mann  während  einem  halben  Jahrhundert 
an  dem  großen  Rad  gedreht,  und  dennoch  hatte  er 
unter  der  Republik  und  dem  Kaisertume  die  wich- 
tigsten Amter  bekleidet,  und  dennoch  war  er  bis  an 
sein  Lebensende  ein  tadelloser  Verfechter  der  Mensch- 
heitsrechte, ein  unbeugsamer  Kämpe  gegen  Geistes- 
knechtschaft, einer  jener  hohen  Organisatoren  der 
Freiheit,  die  gut  sprachen,  aber  noch  besser  han- 
delten, und  das  schöne  Wort  in  die  heilsame  Tat 
umschufen.  Warum  aber  ist  er  trotz  aller  seiner 
Verdienste,  trotz  seiner  rastlosen  politischen  und 
literarischen  Tätigkeit  dennoch  nicht  berühmt  ge- 
worden? Warum  glüht  in  unsrer  Erinnerung  sein 
Name  nicht  so  farbig  wie  die  Namen  so  mancher 
seiner  Kollegen,  die  eine  minder  bedeutende  Rolle 
gespielt?  Was  fehlte  ihm  um  zur  Berühmtheit  zu 
gelangen?  Ich  will  es  mit  einem  Worte  sagen:  die 
Leidenschaft.  Nur  durch  irgendeine  Manifestation 
der  Leidenschaft  werden  die  Menschen  auf  dieser 
Erde  berühmt.  Hier  genügt  eine  einzige  Handlung, 
ein  einziges  Wort,  aber  sie  müssen  das  leidenschaft- 
liche Gepräge  tragen.  Ja,  sogar  die  zufällige  Be- 
gegnung   mit   großen    Ereignissen   der  Leidenschaft 

IX,  zj 


^ 


354 


Lutcria 


gewährt  unsterblichen  Nachruhm.  Der  selige  Daunou 
war  aber  ein  stiller  Mönch,  der  den  klösterlichen 
Frieden  im  Gemöte  trug,  während  alle  Stürme  der 
Revolution  um  ihn  her  raseten,  der  sein  Tagwerk 
vollbrachte  ruhig  und  furchtlos,  unter  Robespierre 
wie  unter  Napoleon,  und  der  ebenso  bescheiden 
starb,  wie  er  bescheiden  lebte.  Ich  will  nicht  sagen, 
daß  seine  Seele  nicht  glühte,  aber  es  war  eine  Glut 
ohne  Flamme,  ohne  Geprassel,  ohne  Spektakel. 

Trotz  dem  scheinlosen  Leben  des  Mannes  wußte 
Mignet  doch  Interesse  für  diesen  stillen  Helden  zu 
erregen,  und  da  dieser  das  höchste  Lob  verdiente, 
konnte  es  ihm  auch  in  reichem  Maße  gezollt  werden. 
Aber  wäre  auch  Daunou  keineswegs  ein  so  rühmens- 
werter Mensch  gewesen,  hätte  er  gar  zu  jenen 
charakterlosen  Fröschen  gehört,  deren  so  mancher 
im  Sumpf  <Marais>  des  Konventes  saß  und  schweig* 
sam  fortlebte,  während  die  Bessern  sich  um  den 
Kopf  sprachen,  ja  er  hätte  sogar  ein  Lump  sein 
können,  so  würde  ihn  dennoch  der  Weihrauchkessel 
des  offiziellen  Lobes  sattsam  eingequalmt  haben.  Ob- 
gleich Mignet  seine  Reden  Precis  historiques  nennt, 

J  so  sind  sie  doch  noch  immer  die  alten  Eloges,  und 
es  sind  noch  dieselben  Komplimente  aus  der  Zeit 
Ludwigs  XIV.,  nur  daß  sie  jetzt  nicht  mehr  in  ge- 
puderten Allongeperücken  stecken,  sondern  sehr 
modern  frisiert  sind.  Und  der  jetzige  Secretaire 
perpetuel  der  Akademie  ist  einer  der  größten  Friseure 
unsrer  Zeit,  und  besitzt  den  rechten  Schick  für  dieses 
edle  Gewerbe.  Selbst  wenn  an  einem  Menschen 
kein  einzigs  gutes  Haar  ist,  weiß  er  ihm  doch  einige 
Löckchen  des  Lobes  anzukräuseln  und  den  Kahl- 
kopf unter  dem   Toupet   der   Phrase  zu   verbergen. 

^    Wie  glücklich    sind   doch   diese  französischen  Aka- 


Zweiter  Teil  -irr 

demiker!  Da  sitzen  sie  im  süßesten  Seelenfrieden 
auf  ihren  sichern  Bänken,  und  sie  können  ruhig 
sterben,  denn  sie  wissen,  wie  bedenklich  auch  ihre 
Handlungen  gewesen,  so  wird  sie  doch  der  gute 
Mignet  nach  ihrem  Tode  rühmen  und  preisen.  Unter 
den  Palmen  seines  Wortes,  die  ewig  grün  wie  die 
seiner  Uniform,  eingelullt  von  dem  Geplätscher  der 
oratorischen  Antithesen,  lagern  sie  hier  in  der  Aka- 
demie wie  in  einer  kühlen  Oase.  Die  Karawane 
der  Menschheit  aber  schreitet  ihnen  zuweilen  vor- 
über, ohne  daß  sie  es  merkten,  oder  etwas  anders 
vernahmen  als  das  Geklingel  der  Kamele. 


Anhang. 
Kommunismus,  Philosophie  und  Klerisei. 

I. 

Paris,  15.  Juni  1843. 
Hätte  ich  zur  Zeit  des  Kaisers  Nero  in  Rom  pri- 
vatisiert und  etwa  für  die  Oberpostamtszeitung  von 
Böotien  oder  für  die  unoffizielle  Staatszeitung  von 
Abdera  die  Korrespondenz  besorgt,  so  wurden  meine 
Kollegen  nicht  selten  darüber  gescherzt  haben,  daß 
ich  z.  B.  von  den  Staatsintrigen  der  Kaiserin-Mutter 
gar  nichts  zu  berichten  wisse,  daß  ich  nicht  einmal 
von  den  glänzenden  Diners  rede,  womit  der  judäische 
König  Agrippa  das  diplomatische  Korps  zu  Rom 
jeden  Samstag  regaliere,  und  daß  ich  hingegen  be- 
J  ständig  von  jenen  Galiläern  spräche,  von  jenem  ob- 
skuren Häuflein,  das,  meistens  aus  Sklaven  und  alten 
Weibern  bestehend,  in  Kämpfen  und  Visionen  sein 
blödsinniges  Leben  verträume  und  sogar  von  den 
Juden  desavouiert  werde.  Meine  wohlunterrichteten 
Kollegen  hätten  gewiß  ganz  besonders  ironisch  über 
mich  gelächelt,  wenn  ich  vielleicht  von  dem  Hoffeste 
des  Cäsars,  wobei  Se.  Majestät  Höchstselbst  die 
Guitarre  spielte,  nichts  Wichtigeres  zu  berichten 
wußte,  als  daß  einige  jener  Galiläer  mit  Pech  be- 
strichen und  angezündet  wurden,  und  solchergestalt 
die  Gärten  des  goldenen  Palastes  erleuchteten.  Es 
war  in  der  Tat  eine  sehr  bedeutsame  Illumination, 
und  es  war  ein  grausamer,  echt  römischer  Witz,  daß 
die  sogenannten  Obskuranten  als  Lichter  dienen  mußten 
bei  der  Feier  der  antiken  Lebenslust.  Aber  dieser 
Witz  ist  zuschanden  geworden,  jene  Menschenfackeln 


Anhang  357 

streuten  Funken  umher,  wodurch  die  alte  Römerwelt 
mit  all  ihrer  morschen  Herrlichkeit  in  Flammen  auf» 
ging:  die  Zahl  jenes  obskuren  Häufleins  ward  Legion, 
im  Kampfe  mit  ihr  mußten  die  Legionen  Cäsars  die 
Waffen  strecken,  und  das  ganze  Reich,  die  Herr- 
schaft zu  Wasser  und  zu  Lande,  gehört  jetzt  den 
Galiläern. 

Es  ist  durchaus  nicht  meine  Absicht,  hier  in  homi- 
letische Betrachtungen  überzugehen,  ich  habe  nur 
durch  ein  Beispiel  zeigen  wollen,  in  welcher  sieg- 
reichen Weise  eine  spätere  Zukunft  jene  Vorneigung 
rechtfertigen  dürfte,  womit  ich  in  meinen  Berichten 
sehr  oft  von  einer  kleinen  Gemeinde  gesprochen,  die, 
der  Ecclesia  pressa  des  ersten  Jahrhunderts  sehr  ähn- 
lich, in  der  Gegenwart  verachtet  und  verfolgt  wird, 
und  doch  eine  Propaganda  auf  den  Beinen  hat,  deren 
Glaubenseifer  und  düsterer  Zerstörungswille  ebenfalls 
an  galiläische  Anfänge  erinnert.  Ich  spreche  wieder  ^/ 
von  den  Kommunisten,  der  einzigen  Partei  in  Frank- 
reich, die  eine  entschlossene  Beachtung  verdient.  Ich 
würde  für  die  Trümmer  des  Saint-Simonismus,  dessen 
Bekenner,  unter  seltsamen  Aushängeschildern,  noch 
immer  am  Leben  sind,  sowie  auch  für  die  Fouri£- 
risten,  die  noch  frisch  und  rührig  wirken,  dieselbe 
Aufmerksamkeit  in  Anspruch  nehmen;  aber  diese 
ehrenwerten  Männer  bewegt  doch  nur  das  Wort,  die 
soziale  Frage  als  Frage,  der  überlieferte  Begriff,  und 
sie  werden  nicht  getrieben  von  dämonischer  Not- 
wendigkeit, sie  sind  nicht  die  prädestinierten  Knechte, 
womit  der  höchste  Weltwille  seine  ungeheuren  Be- 
schlüsse durchsetzt.  Früh  oder  spät  wird  die  zer-  -^ 
streute  Familie  Saint-Simons  und  der  ganze  General- 
stab der  Fourieristen  zu  dem  wachsenden  Heere  des 
Kommunismus  übergehen,   und,  dem  rohen  Bedürf- 


358  Luteria 

nisse  das   gestaltende  Wort   leihend,  gleichsam  die 
Rolle  der  Kirchenväter  übernehmen. 

Eine  solche  Rolle  spielt  bereits  Pierre  Leroux,  den 
wir  vor  elf  Jahren  in  der  Salle  Taitbout  als  einen  der 
Bischöfe  des  Saint-Simonismus  kennen  lernten.  Ein 
vortrefflicher  Mann,  der  nur  den  Fehler  hatte,  für  sei- 
nen damaligen  Stand  viel  zu  trübsinnig  zu  sein.  Auch 
hat  ihm  Enfantin  das  sarkastische  Lob  erteilt:  »Das 
ist  der  tugendhafteste  Mensch  nach  den  Begriffen 
der  Vergangenheit«.  Seine  Tugend  hat  allerdings 
etwas  vom  alten  Sauerteig  der  Entsagungsperiode, 
etwas  verschollen  Stoisches,  das  in  unsrer  Zeit  ein 
fast  befremdlicher  Anachronismus  ist,  und  gar,  den 
heitern  Richtungen  einer  pantheistischen  Genußreligion 
gegenüber,  als  eine  honorable  Lächerlichkeit  erschei- 
nen  mußte.  Auch  ward  es  diesem  traurigen  Vogel 
am  Ende  sehr  unbehaglich  in  dem  glänzenden  Gitter- 
korb, worin  so  viele  Goldfasanen  und  Adler,  aber 
noch  mehr  Sperlinge  flatterten,  und  Pierre  Leroux 
war  der  erste,  der  gegen  die  Doktrin  von  der  neuen 
Sittlichkeit  protestierte  und  sich  mit  einem  fanatischen 
Anathema  von  der  fröhlich  bunten  Genossenschaft 
zurückzog.  Hierauf  unternahm  er,  in  Gemeinschaft 
mit  Hippolyt  Carnot,  die  neuere  »Revue  encyclo- 
pedique«  und  die  Artikel,  die  er  darin  schrieb,  so- 
wie auch  sein  Buch  »De  l'humanite«  bilden  den 
Übergang  zu  den  Doktrinen,  die  er  jetzt,  seit  einem 
Jahre,  in  der  »Revue  independante«  niederlegte.  Wie 
es  jetzt  mit  der  großen  Enzyklopädie  aussieht,  woran 
Leroux  und  der  vortreffliche  Reynauid  am  tätigsten 
wirken,  darüber  kann  ich  nichts  Bestimmtes  sagen. 
So  viel  darf  ich  behaupten,  daß  dieses  Werk  eine 
würdige  Fortsetzung  seines  Vorgängers  ist,  jenes 
kolossalen  Pamphlets  in  dreißig  Quartbänden,  worin 


Anhang  359 

Diderot  das  Wissen  seines  Jahrhunderts  resümierte. 
In  einem  besondern  Abdruck  erschienen  die  Artikel, 
welche  Leroux  in  seiner  Enzyklopädie  gegen  den 
Cousinschen  Eklektizismus  oder  Eklektismus,  wie  die 
Franzosen  das  Unding  nennen,  geschrieben  hat. 
Cousin  ist  überhaupt  das  schwarze  Tier,  der  Sünden* 
bock,  gegen  welchen  Pierre  Leroux  seit  undenklicher 
Zeit  polemisiert,  und  diese  Polemik  ist  bei  ihm  zur 
Monomanie  geworden.  In  den  Dezemberheften  der 
»Revue  independante«  erreicht  sie  ihren  rasend  ge» 
fährlichsten  und  skandalösesten  Gipfel.  Cousin  wird 
hier  nicht  bloß  wegen  seiner  eigenen  Denkweise  an- 
gegriffen, sondern  auch  bösartiger  Handlungen  be* 
schuldigt.  Diesmal  läßt  sich  die  Tugend  vom  Winde 
der  Leidenschaft  am  weitesten  fortreißen,  und  gerät 
aufs  hohe  Meer  der  Verleumdung.  Nein,  wir  wissen 
es  aus  guter  Quelle,  daß  Cousin  zufälligerweise  ganz 
unschuldig  ist  an  den  unverzeihlichen  Modifizierungen, 
welche  die  posthume  Schrift  seines  Schülers  Jouffroi 
erlitten;  wir  wissen  es  nämlich  nicht  aus  dem  Munde 
seiner  Anhänger,  sondern  seiner  Gegner,  die  sich 
darüber  beklagen,  daß  Cousin  aus  ängstlicher  Scho- 
nung der  Universitätsinteressen  die  Publikation  der 
Jouffroischen  Schrift  widerraten  und  verdrießlich  seine 
Beihilfe  verweigert  habe.  Sonderbare  Wiedergeburt 
derselben  Erscheinungen,  wie  wir  sie  bereits  vor 
zwanzig  Jahren  in  Berlin  erlebt!  Diesmal  begreifen 
wir  sie  besser,  und  wenn  auch  unsre  persönlichen 
Sympathien  nicht  für  Cousin  sind,  so  wollen  wir 
doch  unparteiisch  gestehen,  daß  ihn  die  radikale 
Partei  mit  demselben  Unrecht  und  mit  derselben  Be* 
schränktheit  verlästerte,  die  wir  uns  selbst  einst  in 
bezug  auf  den  großen  Hegel  zuschulden  kommen 
ließen.    Auch  dieser  wollte  gern,  daß  seine  Philoso» 


360  Lutetia 

phie  im  schützenden  Schatten  der  Staatsgewalt  ruhig 
gedeihe  und  mit  dem  Glauben  der  Kirche  in  keinen 
Kampf  geriete,  ehe  sie  hinlänglich  ausgewachsen  und 
stark,  —  und  der  Mann,  dessen  Geist  am  klarsten 
und  dessen  Doktrin  am  liberalsten  war,  sprach  sie 
dennoch  in  so  trüb  scholastischer,  verklausulierter 
Form  aus,  daß  nicht  bloß  die  religiöse,  sondern  auch 
die  politische  Partei  der  Vergangenheit  in  ihm  einen 
Verbündeten  zu  besitzen  glaubte.  Nur  die  Einge- 
weihten lächelten  ob  solchem  Irrtum,  und  erst  heute 
verstehen  wir  dieses  Lächeln;  damals  waren  wir 
jung  und  töricht  und  ungeduldig,  und  wir  eiferten 
gegen  Hegel,  wie  jüngst  die  äußerste  Linke  in  Frank- 
reich gegen  Cousin  eiferte.  Nur  daß  bei  diesem  die 
äußerste  Rechte  sich  nicht  täuschen  läßt  durch  die 
Vorsichtsmaßregeln  des  Ausdrucks;  die  römisch- 
S  katholisch-apostolische  Klerisei  zeigt  sich  hier  weit 
scharfsichtiger  als  die  königlich-preußisch-protestan- 
tische; sie  weiß  ganz  bestimmt,  daß  die  Philosophie 
ihr  schlimmster  Feind  ist,  sie  weiß,  daß  dieser  Feind 
sie  aus  der  Sorbonne  verdrängt  hat,  und  um  diese 
Festung  wieder  zu  erobern,  unternahm  sie  gegen 
Cousin  einen  Vertilgungskrieg,  und  sie  führt  ihn  mit 
jener  geweihten  Taktik,  wo  der  Zweck  die  Mittel 
y  heiligt.  So  wird  Cousin  von  zwei  entgegengesetzten 
Seiten  angegriffen,  und  während  die  ganze  Glaubens- 
armee mit  fliegenden  Kreuzfahnen,  unter  Anführung 
des  Erzbischofs  von  Chartres,  gegen  ihn  vorrückt, 
stürmen  auf  ihn  los  auch  die  Sansculotten  des  Ge- 
danken, brave  Herzen,  schwache  Köpfe,  mit  Pierre 
Leroux  an  ihrer  Spitze.  In  diesem  Kampfe  sind  alle 
unsre  Siegeswünsche  für  Cousin;  denn,  wenn  auch 
die  Bevorrechtung  der  Universität  ihre  Übelstände 
hat,   so  verhindert   sie  doch,  daß  der  ganze  Unter- 


Anhang  361 

rieht  in  die  Hände  jener  Leute  fällt,  die  immer  mit 
unerbittlicher  Grausamkeit  die  Männer  der  Wissen» 
schaff  und  des  Fortschrittes  verfolgten,  und  solange 
Cousin  in  der  Sorbonne  wohnt,  wird  wenigstens  dort 
nicht  wie  ehemals  der  Scheiterhaufen  als  letztes  Ar* 
gument,  als  ultima  ratio,  in  der  Tagespolemik  ange- 
wendet werden.  Ja,  er  wohnt  dort  als  Gonfaloniere 
der  Gedankenfreiheit,  und  das  Banner  derselben  weht 
über  dem  sonst  so  verrufenen  Obskurantenneste  der 
Sorbonne.  Was  uns  für  Cousin  noch  besonders 
stimmt,  ist  die  liebreiche  Perfidie,  womit  man  die 
Beschuldigungen  des  Pierre  Leroux  auszubeuten  wußte. 
Die  Arglist  hatte  sich  diesmal  hinter  die  Tugend  ver- 
steckt,  und  Cousin  wird  wegen  einer  Handlung  an- 
geklagt, für  die,  hätte  er  sie  wirklich  begangen,  ihm 
nur  Lob,  volles  orthodoxes  Lob  von  der  klerikalen 
Partei  gespendet  werden  müßte:  Jansenisten  ebenso» 
wohl  wie  Jesuiten  predigten  ja  immer  den  Grund- 
satz, daß  man  um  jeden  Preis  das  öffentliche  Ärger- 
nis zu  verhindern  suche.  Nur  das  öffentliche  Ärgernis 
sei  die  Sünde,  und  nur  diese  solle  man  vermeiden, 
sagte  gar  salbungsvoll  der  fromme  Mann,  den  Me- 
liere kanonisiert  hat.  Aber  nein,  Cousin  darf  sich 
keiner  so  erbaulichen  Tat  rühmen,  wie  man  sie  ihm 
zuschreibt;  dergleichen  liegt  vielmehr  im  Charakter 
seiner  Gegner,  die  von  jeher,  um  den  Skandal  zu 
hintertreiben  oder  schwache  Seelen  vor  Zweifel  zu 
bewahren,  es  nicht  verschmähten,  Bücher  zu  ver- 
stümmeln, oder  ganz  umzuändern,  oder  zu  vernichten, 
oder  ganz  neue  Schriften  unter  erborgten  Namen  zu 
schmieden,  so  daß  die  kostbarsten  Denkmale  und 
Urkunden  der  Vorzeit  teils  gänzlich  untergegangen, 
teils  verfälscht  sind.  Nein,  der  heilige  Eifer  des 
Bücherkastrierens  und  gar    der  fromme   Betrug  der 


*/ 


y 


362  Lutezia 

Interpolationen  gehört   nicht  zu  den   Gewohnheiten 
der  Philosophen. 

Und  Victor  Cousin  ist  ein  Philosoph,  in  der  gan- 
zen deutschen  Bedeutung  des  Wortes.  Pierre  Leroux 
ist  es  nur  im  Sinne  der  Franzosen,  die  unter  Philo- 
sophie vielmehr  allgemeine  Untersuchungen  über  ge- 
sellschaftliche Fragen  verstehen.  In  der  Tat,  Victor 
Cousin  ist  ein  deutscher  Philosoph,  der  sich  mehr 
mit  dem  menschlichen  Geiste,  als  mit  den  Bedürf- 
nissen der  Menschheit  beschäftigt,  und  durch  das 
Nachdenken  über  das  große  Ego  in  einen  gewissen 
Egoismus  geraten.  Die  Liebhaberei  für  den  Ge- 
danken an  und  für  sich  absorbierte  bei  ihm  alle 
Seelenkräfte,  aber  der  Gedanke  selbst  interessierte 
ihn  zunächst  wegen  der  schönen  Form,  und  in  der 
Metaphysik  ergötzte  ihn  am  Ende  nur  die  Dialek- 
tik: von  dem  Übersetzer  des  Plato  könnte  man,  das 
banale  Wort  umkehrend,  gewissermaßen  behaupten, 
er  liebe  den  Plato  mehr  als  die  Wahrheit.  Hier 
J  unterscheidet  sich  Cousin  von  den  deutschen  Philo- 
sophen: wie  den  letzteren,  ist  auch  ihm  das  Denken 
letzter  Zweck  des  Denkens,  aber  zu  solcher  philo- 
sophischer Absichtslosigkeit  gesellt  sich  bei  ihm  auch 
ein  gewisser  artistischer  Indifferentismus.  Wie  sehr 
muß  nun  dieser  Mann  einem  Pierre  Leroux  verhaßt 
sein,  der  weit  mehr  ein  Freund  der  Menschen  als 
der  Gedanken  ist,  dessen  Gedanken  alle  einen  Hinter- 
gedanken haben,  nämlich  das  Interesse  der  Mensch- 
heit, und  der  als  geborener  Ikonokiast  keinen  Sinn 
hat  für  künstlerische  Freude  an  der  Form!  In  sol- 
cher geistigen  Verschiedenheit  liegen  genug  Gründe 
des  Grolls,  und  man  hätte  nicht  nötig  gehabt,  die 
Feindschaft  des  Leroux  gegen  Cousin  aus  persön- 
lichen Motiven,  aus  geringfügigen  Vorfallenheiten  des 


Anhang  363 

Tageslebens  zu  erklären.  Ein  bißchen  unschuldige 
Privatmalice  mag  mit  unterlaufen;  denn  die  Tugend, 
wie  erhaben  sie  auch  das  Haupt  in  den  Wolken 
trägt  und  nur  in  Himmelsbetrachtungen  verloren 
scheint,  so  bewahrt  sie  doch  im  getreusamsten  Ge- 
dächtnisse  jeden  kleinen  Nadelstich,  den  man  ihr  je- 
mals versetzt  hat. 

Nein,  der  leidenschaftliche  Grimm,  die  Berserker- 
wut des  Pierre  Leroux  gegen  Victor  Cousin,  ist  ein 
Ergebnis  der  Geistesdifferenz  dieser  beiden  Männer. 
Es  sind  Naturen,  die  sich  notwendigerweise  ab- 
stoßen. Nur  in  der  Ohnmacht  kommen  sie  einan- 
der wieder  nahe,  und  die  gleiche  Schwäche  der 
Fundamente  verleiht  den  entgegengesetzten  Doktrinen 
eine  gewisse  Ähnlichkeit.  Der  Eklektizismus  von 
Cousin  ist  eine  feindrähtige  Hängebrücke  zwischen 
dem  schottisch  plumpen  Empirismus  und  der  deutsch 
abstrakten  Idealität,  eine  Brücke,  die  höchstens  dem 
leichtfüßigen  Bedürfnisse  einiger  Spaziergänger  ge- 
nügen mag,  aber  kläglich  einbrechen  würde,  wollte 
die  Menschheit  mit  ihrem  schweren  Herzensgepäcke 
und  ihren  trampelnden  Schlachtrossen  darüber  hin- 
marschieren. Leroux  ist  ein  Pontifex  Maximus  in 
einem  höhern,  aber  noch  weit  unpraktischem  Stile, 
er  will  eine  kolossale  Brücke  bauen,  die,  aus  einem 
einzigen  Bogen  bestehend,  auf  zwei  Pfeilern  ruhen 
soll,  wovon  der  eine  aus  dem  materialistischen  Granit 
des  vorigen  Jahrhunderts,  der  andere  aus  dem  ge- 
träumten Mondschein  der  Zukunft  verfertigt  worden, 
und  diesem  zweiten  Pfeiler  gibt  er  zur  Basis  irgend- 
einen noch  unentdeckten  Stern  in  der  Milchstraße. 
Sobald  dieses  Riesenwerk  fertig  sein  wird,  wollen 
wir  darüber  referieren.  Bis  jetzt  läßt  sich  von  dem 
eigentlichen    System   des  Leroux   nichts   Bestimmtes 


364  Lutezia 

sagen,  er  gibt  bis  jetzt  nur  Materialien,  zerstreute 
y  Bausteine.  Auch  fehlt  es  ihm  durchaus  an  Methode, 
ein  Mangel,  der  den  Franzosen  eigentümlich  ist,  mit 
wenigen  Ausnahmen,  worunter  besonders  Charles 
de  Remusat  genannt  werden  muß,  der  in  seinen 
»Essais  de  Philosophie«  <ein  kostbares  Meisterbuch!) 
die  Bedeutung  der  Methode  begriffen  und  für  ihre 
Anwendung  ein  großes  Talent  offenbart  hat.  Leroux 
ist  gewiß  ein  größerer  Produzent  im  Denken,  aber 
es  fehlt  ihm  hier,  wie  gesagt,  die  Methode.  Er  hat 
v  bloß  die  Ideen,  und  in  dieser  Hinsicht  ist  ihm  eine 
gewisse  Ähnlichkeit  mit  Joseph  Schelling  nicht  abzu- 
sprechen, nur  daß  alle  seine  Ideen  das  befreiende 
Heil  der  Menschheit  betreffen,  und  er,  weit  entfernt, 
die  alte  Religion  mit  der  Philosophie  zu  flicken,  viel- 
mehr die  Philosophie  mit  dem  Gewände  einer  neuen 
Religion  beschenkt.  Unter  den  deutschen  Philo- 
sophen ist  es  Krause,  mit  dem  Leroux  die  meiste 
Verwandtschaft  hat.  Sein  Gott  ist  ebenfalls  nicht 
außerweltlich,  sondern  er  ist  ein  Insasse  dieser  Welt, 
behält  aber  dennoch  eine  gewisse  Persönlichkeit,  die 
ihn  sehr  gut  kleidet.  An  der  immortaliti  de  1'äme 
kaut  Leroux  beständig,  ohne  davon  satt  zu  werden; 
es  ist  dies  nichts  als  ein  perfektioniertes  Wieder- 
käuen der  altern  Perfektibilitätslehre.  Weil  er  sich 
gut  aufgeführt  in  diesem  Leben,  hofft  Leroux,  daß 
er  in  einer  spätem  Existenz  zu  noch  größerer  Voll- 
kommenheit gedeihen  werde;  Gott  stehe  alsdann  dem 
Cousin  bei,  wenn  derselbe  nicht  unterdessen  eben- 
falls Fortschritte  gemacht  hat! 

Pierre  Leroux  mag  wohl  jetzt  fünfzig  Jahr  alt  sein, 
wenigstens  sieht  er  darnach  aus;  vielleicht  ist  er 
jünger.  Körperlich  ist  er  nicht  von  der  Natur  allzu 
verschwenderisch  begünstigt  worden.  Eine  untersetzte, 


Anhang  365 

stämmige,  vierschrötige  Gestalt,  die  keineswegs  durch 
die  Traditionen  der  vornehmen  Welt  einige  Grazie 
gewonnen.  Leroux  ist  ein  Kind  des  Volks,  war  in  *-"' 
seiner  Jugend  Buchdrucker,  und  er  trägt  noch  heute 
in  seiner  äußern  Erscheinung  die  Spuren  des  Prole- 
tariats. Wahrscheinlich  mit  Absicht  hat  er  den  ge- 
wöhnlichen Firnis  verschmäht,  und  wenn  er  irgend- 
einer Koketterie  fähig  ist,  so  besteht  diese  vielleicht 
in  dem  hartnäckigen  Beharren  bei  der  rohen  Ursprüng- 
lichkeit. Es  gibt  Menschen,  welche  nie  Handschuhe 
tragen,  weil  sie  kleine  weiße  Hände  haben,  woran 
man  die  höhere  Rasse  erkennt;  Pierre  Leroux  trägt 
ebenfalls  keine  Handschuhe,  aber  sicherlich  aus  ganz 
andern  Gründen.  Er  ist  ein  ascetischer  Entsagungs- 
mensch, dem  Luxus  und  jedem  Sinnenreiz  abhold, 
und  die  Natur  hat  ihm  die  Tugend  erleichtert.  Wir 
wollen  aber  den  Adel  seiner  Gesinnung,  den  Eifer, 
womit  er  dem  Gedanken  alle  niederen  Interessen 
opferte,  überhaupt  seine  hohe  Uneigennützigkeit,  als 
nicht  minder  verdienstlich  anerkennen,  und  noch 
weniger  wollen  wir  den  rohen  Diamanten  deswegen 
herabsetzen,  weil  er  keine  glänzende  Geschliffenheit 
besitzt  und  sogar  in  trübes  Blei  gefaßt  ist.  —  Pierre 
Leroux  ist  ein  Mann,  und  mit  der  Männlichkeit  des  * 
Charakters  verbindet  er,  was  selten  ist,  einen  Geist, 
der  sich  zu  den  höchsten  Spekulationen  empor- 
schwingt, und  ein  Herz,  welches  sich  versenken  kann 
in  die  Abgründe  des  Volksschmerzes.  Er  ist  nicht  «-^ 
bloß  ein  denkender,  sondern  auch  ein  fühlender  Philo- 
soph, und  sein  ganzes  Leben  und  Streben  ist  der 
Verbesserung  des  moralischen  und  materiellen  Zu- 
standes  der  untern  Klassen  gewidmet.  Er,  der  ge- 
stählte Ringer,  der  die  härtesten  Schläge  des  Schick- 
sals ertrüge,  ohne  zu  zwinkern,  und  der  wie  Saint- 


366  Lutezia 

Simon  und  Fourier  zuweilen  in  der  bittersten  Not 
und  Entbehrung  darbte,  ohne  sich  sonderlich  zu 
beklagen:  er  ist  nicht  imstande,  die  Kümmernisse 
seiner  Mitmenschen  ruhig  zu  ertragen,  seine  harte 
Augenwimper  feuchtet  sich  beim  Anblick  fremden 
Elends,  und  die  Ausbrüche  seines  Mitleids  sind  als* 
dann  stürmisch,  rasend,  nicht  selten  ungerecht. 

Ich  habe  mich  eben  einer  indiskreten  Hinweisung 
auf  Armut  schuldig  gemacht.  Aber  ich  konnte  doch 
nicht  umhin,  dergleichen  zu  erwähnen;  diese  Armut 
ist  charakteristisch  und  zeigt  uns,  wie  der  vortreff- 
liche Mann  die  Leiden  des  Volks  nicht  bloß  mit 
dem  Verstände  erfaßt,  sondern  auch  leiblich  mitge- 
litten hat,  und  wie  seine  Gedanken  in  der  schreck- 
lichsten Realität  wurzeln.  Das  gibt  seinen  Worten 
ein  pulsierendes  Lebensblut  und  einen  Zauber,  der 
stärker  als  die  Macht  des  Talentes.  —  Ja ,  Pierre 
Leroux  ist  arm,  wie  Saint-Simon  und  Fourier  es 
**  waren,  und  die  providencielle  Armut  dieser  großen 
Sozialisten  war  es,  wodurch  die  Welt  bereichert 
wurde,  bereichert  mit  einem  Schatze  von  Gedanken, 
die  uns  neue  Welten  des  Genusses  und  des  Glückes 
eröffnen.  In  welcher  gräßlichen  Armut  Saint-Simon 
seine  letzten  Jahre  verbrachte,  ist  allgemein  bekannt; 
während  er  sich  mit  der  leidenden  Menschheit,  dem 
großen  Patienten,  beschäftigte  und  Heilmittel  ersann 
für  dessen  achtzehnhundertjähriges  Gebreste,  erkrankte 
er  selbst  zuweilen  vor  Misere,  und  er  fristete  sein 
Dasein  nur  durch  Betteln.  Auch  Fourier  mußte  zu 
den  Almosen  der  Freunde  seine  Zuflucht  nehmen, 
und  wie  oft  sah  ich  ihn,  in  seinem  grauen,  abge- 
schabten Rocke,  längs  den  Pfeilern  des  Palais-Royal 
hastig  dahinschreiten,  die  beiden  Rocktaschen  schwer 
belastet,  so  daß  aus  der  einen  der  Hals  einer  Flasche 


Anhang  367 

und  aus  der  andern  ein  langes  Brot  hervorguckten. 
Einer  meiner  Freunde,  der  ihn  mir  zuerst  zeigte, 
machte  mich  aufmerksam  auf  die  Dürftigkeit  des 
Mannes,  der  seine  Getränke  beim  Weinschank  und 
sein  Brot  beim  Bäcker  selber  holen  mußte.  »Wie 
kommt  es«,  frug  ich,  »daß  solche  Männer,  solche 
Wohltäter  des  Menschengeschlechts,  in  Frankreich 
darben  müssen?«  »Freilich,«  erwiderte  mein  Freund 
sarkastisch  lächelnd,  »das  macht  dem  gepriesenen 
Lande  der  Intelligenz  keine  sonderliche  Ehre,  und 
das  würde  gewiß  nicht  bei  uns  in  Deutschland  pas- 
sieren: die  Regierung  würde  bei  uns  die  Leute  von 
solchen  Grundsätzen  gleich  unter  ihre  besondere  Ob- 
hut nehmen  und  ihnen  lebenslänglich  freie  Kost  und 
Wohnung  geben.« 

Ja,  Armut  ist  das  Los  der  großen  Menschheits- 
helfer, der  heilenden  Denker  in  Frankreich,  aber 
diese  Armut  ist  bei  ihnen  nicht  bloß  ein  Antrieb 
zu  tieferer  Forschung  und  ein  stärkendes  Stahlbad 
der  Geisteskräfte,  sondern  sie  ist  auch  eine  empfeh- 
lende Annonce  für  ihre  Lehre,  und  in  dieser  Be- 
ziehung gleichfalls  von  providencieller  Bedeutsamkeit. 
In  Deutschland  wird  der  Mangel  an  irdischen  Gütern 
sehr  gemütlich  entschuldigt,  und  besonders  das  Genie 
darf  bei  uns  darben  und  verhungern,  ohne  eben  ver- 
achtet zu  werden.  In  England  ist  man  schon  minder 
tolerant,  das  Verdienst  eines  Mannes  wird  dort  nur 
nach  seinem  Einkommen  abgeschätzt,  und  »how  much 
is  he  worth?«  heißt  buchstäblich:  »wieviel  Geld  be- 
sitzt er,  wieviel  verdient  er?«  Ich  habe  mit  eigenen 
Ohren  angehört,  wie  in  Florenz  ein  dicker  Eng- 
länder ganz  ernsthaft  einen  Franziskanermönch  fragte: 
wieviel  es  ihm  jährlich  einbringe,  daß  er  so  barfüßig 
und  mit  einem  dicken  Strick   um  den  Leib  herum- 


368  Lutezia 

gehe?  In  Frankreich  ist  es  anders,  und  wie  gewaltig 
auch  die  Gewinnsucht  des  Industrialismus  um  sich 
greift,  so  ist  doch  die  Armut  bei  ausgezeichneten 
Personen  ein  wahrer  Ehrentitel,  und  ich  möchte  schier 
behaupten,  daß  der  Reichtum,  einen  unehrlichen  Ver- 
dacht begründend,  gewissermaßen  mit  einem  gehei- 
men Makel,  mit  einer  levis  nota,  die  sonst  vortreff- 
lichsten Leute  behalte.  Das  mag  wohl  daher  entstehen, 
weil  man  bei  so  vielen  die  unsaubern  Quellen  kennt, 
woraus  die  großen  Reichtümer  geflossen.  Ein  Dichter 
sagte:  daß  der  erste  König  ein  glücklicher  Soldat 
war!  —  in  betreff  der  Stifter  unsrer  heutigen  Finanz- 
dynastien dürfen  wir  vielleicht  das  prosaische  Wort 
aussprechen:  daß  der  erste  Bankier  ein  glücklicher 
Spitzbube  gewesen.  Der  Kultus  des  Reichtums  ist 
v/  zwar  in  Frankreich  so  allgemein  wie  in  andern  Län- 
dern, aber  es  ist  ein  Kultus  ohne  heiligen  Respekt: 
die  Franzosen  tanzen  ebenfalls  um  das  goldene  Kalb, 
aber  ihr  Tanzen  ist  zugleich  Spott,  Persiflage,  Selbst- 
verhöhnung, eine  Art  Cancan.  Es  ist  dieses  eine 
merkwürdige  Erscheinung,  erklärbar  teils  aus  der 
generösen  Natur  der  Franzosen,  teils  auch  aus  ihrer 
Geschichte.  Unter  dem  alten  Regime  galt  nur  die 
Geburt,  nur  die  Ahnenzahl  gab  Ansehen,  und  die 
Ehre  war  eine  Frucht  des  Stammbaums.  Unter  der 
Republik  gelangte  die  Tugend  zur  Herrschaft,  die 
Armut  ward  eine  Würde,  und  wie  vor  Angst,  so 
auch  vor  Scham,  verkroch  sich  das  Geld.  Aus 
jener  Periode  stammen  die  vielen  dicken  Soustücke, 
die  ernsthaften  Kupfermünzen  mit  den  Symbolen  der 
Freiheit,  sowie  auch  die  Traditionen  von  pekuniärer 
Uneigennützigkeit,  die  wir  noch  heutigentages  bei  den 
höchsten  Staatsverwaltern  Frankreichs  antreffen.  Zur 
Zeit   des  Kaisertums    florierte    nur  der    militärische 


Anhang  369 

Ruhm,  eine  neue  Ehre  ward  gestiftet,  die  der  Ehren* 
legion,  deren  Großmeister,  der  siegreiche  Imperator, 
mit  Verachtung  herabschaute  auf  die  rechnende 
Krämergilde,  auf  die  Lieferanten,  die  Schmuggler, 
die  Stockjobbers,  die  glücklichen  Spitzbuben.  Während 
der  Restauration  intrigierte  der  Reichtum  gegen  die 
Gespenster  des  alten  Regimes,  die  wieder  ans  Ruder 
gekommen  und  deren  Insolenz  täglich  wuchs:  das 
beleidigte,  ehrgeizige  Geld  wurde  Dämagoge,  lieb- 
äugelte herablassend  mit  den  Kurzjacken,  und  als 
die  Juliussonne  die  Gemüter  erhitzte,  ward  der  Adel- 
könig  Karl  X.  vom  Throne  herabgeschmissen.  Der 
Bürgerkönig  Ludwig  Philipp  stieg  hinauf,  er,  der 
Repräsentant  des  Geldes,  das  jetzt  herrscht,  aber  in 
der  öffentlichen  Meinung  zu  gleicher  Zeit  von  der 
besiegten  Partei  der  Vergangenheit  und  der  getäusch* 
ten  Partei  der  Zukunft  frondiert  wird.  Ja,  das  adel- 
tümliche  Faubourg  Saint-Germain  und  die  proleta- 
rischen Faubourgs  Saint-Antoine  und  Saint-Marceau 
überbieten  sich  in  der  Verhöhnung  der  geldstolzen 
Emporkömmlinge,  und  wie  sich  von  selbst  versteht, 
die  alten  Republikaner  mit  ihrem  Tugendpathos  und 
die  Bonapartisten  mit  pathetischen  Heldentiraden 
stimmen  ein  in  diesen  herabwürdigenden  Ton.  Er- 
wägt man  diese  zusammenwirkenden  Grolle,  so  wird 
es  begreiflich,  warum  dem  Reichen  jetzt  in  der  öffent- 
lichen Meinung  eine  fast  übertriebene  Geringschät- 
zung zuteil  wird,  während  jeder  nach  Reichtum  lechzt. 
Ich  möchte,  auf  das  Thema  zurückkommend,  wo- 
mit ich  diesen  Artikel  begonnen,  hier  ganz  besonders 
andeuten,  wie  es  für  den  Kommunismus  ein  unbe- 
rechenbar günstiger  Umstand  ist,  daß  der  Feind,  den 
er  bekämpft,  bei  all  seiner  Macht  dennoch  in  sich 
selber  keinen  moralischen  Halt  besitzt.     Die  heutige 

IX,  14 


37o 


Luttzia 


• 


Gesellschaft  verteidigt  sich  nur  aus  platter  Notwendig- 
keit, ohne  Glauben  an  ihr  Recht,  ja  ohne  Selbst- 
achtung, ganz  wie  jene  ältere  Gesellschaft,  deren 
morsches  Gebälke  zusammenstürzte,  als  der  Sohn  des 
Zimmermanns  kam. 


II. 

Paris,  8.  Juli  1843. 
In  China  sind  sogar  die  Kutscher  höflich.  Wenn 
sie  in  einer  engen  Strafte  mit  ihren  Fuhrwerken 
etwas  hart  aneinander  stoßen  und  Deichseln  und 
Räder  sich  verwickeln,  erheben  sie  keineswegs  ein 
Schimpfen  und  Fluchen  wie  die  Kutscher  bei  uns 
zu  Lande,  sondern  sie  steigen  ruhig  von  ihrem  Sitz 
herunter,  machen  eine  Anzahl  Knickse  und  Bück- 
linge, sagen  sich  diverse  Schmeicheleien,  bemühen 
sich  hernach,  gemeinschaftlich  ihre  Wagen  in  das 
gehörige  Geleise  zu  bringen,  und  wenn  alles  wieder 
in  Ordnung  ist,  machen  sie  nochmals  verschiedene 
Bücklinge  und  Knickse,  sagen  sich  ein  respektives 
Lebewohl  und  fahren  von  dannen.  Aber  nicht  bloß 
unsre  Kutscher,  sondern  auch  unsre  Gelehrten 
sollten  sich  hieran  ein  Beispiel  nehmen.  Wenn  diese 
Herren  miteinander  in  Kollision  geraten,  machen  sie 
sehr  wenig  Komplimente,  und  suchen  sich  keines- 
wegs hilfreich  zu  verständigen,  sondern  sie  fluchen 
und  schimpfen  alsdann  wie  die  Kutscher  des  Okzi- 
dents. Und  dieses  klägliche  Schauspiel  gewähren 
uns  zumeist  Theologen  und  Philosophen,  obgleich 
erstere  auf  das  Dogma  der  Demut  und  Barmherzig- 
keit besonders  angewiesen  sind,  und  letztere  in  der 
Schule  der  Vernunft  zunächst  Geduld  und  Gelassen- 


Anhang  yt\ 

heit  erlernt  haben  sollten.  Die  Fehde  zwischen  der 
Universität  und  den  Ultramontanen  hat  diesen  Früh- 
ling bereits  mit  einer  Flora  von  Grobheiten  und 
Schmähreden  bereichert,  die  selbst  auf  unsern 
deutschen  Mistbeeten  nicht  kostbarer  gedeihen  könnte. 
Das  wuchert,  das  sproßt,  das  blüht  in  unerhörter 
Pracht.  Wir  haben  weder  Lust  noch  Beruf,  hier 
zu  botanisieren.  Der  Duft  mancher  Giftblumen 
könnte  uns  betäubend  zu  Kopf  steigen,  und  uns 
verhindern,  mit  kühler  Unparteilichkeit  den  Wert 
beider  Parteien  und  die  politische  Bedeutung  und 
Bedeutsamkeit  des  Kampfes  zu  würdigen.  Sobald 
die  Leidenschaften  ein  bißchen  •verduftet  sind,  wollen 
wir  solche  Würdigung  versuchen.  So  viel  können 
wir  schon  heute  sagen:  das  Recht  ist  auf  beiden 
Seiten,  und  die  Personen  werden  getrieben  von  der 
fatalsten  Notwendigkeit.  Der  größte  Teil  der  Katho- 
lischen,  weise  und  gemäßigt,  verdammt  zwar  das 
unzeitige  Schilderheben  ihrer  Parteigenossen,  aber 
diese  gehorchen  dem  Befehl  ihres  Gewissens,  ihrem 
höchsten  Glaubensgesetz,  dem  compelle  intrare,  sie 
tun  ihre  Schuldigkeit,  und  sie  verdienen  aus  die- 
sem Grunde  unsre  Achtung.  Wir  kennen  sie  nicht, 
wir  haben  kein  Urteil  über  ihre  Person,  und  wir 
sind  nicht  berechtigt,  an  ihrer  Ehrlichkeit  zu  zwei- 
feln .  .  . 

Diese  Leute  sind  nicht  eben  meine  Lieblinge,  aber 
aufrichtig  gestanden,  trotz  ihrem  düstern,  blutrünstigen 
Zelotismus  sind  sie  mir  lieber  als  die  toleranten 
Amphibien  des  Glaubens  und  des  Wissens,  als  jene 
Kunstgläubigen,  die  ihre  erschlafften  Seelen  durch 
fromme  Musik  und  Heiligenbilder  kitzeln  lassen,  und 
gar  als  jene  Religionsdilettanten,  die  für  die  Kirche 
schwärmen,  ohne  ihren  Dogmen  einen  strengen  Ge- 


7j2  Lutczia 

horsam  zu  widmen,  die  mit  den  heiligen  Symbolen 
nur  liebäugeln,  aber  keine  ernsthafte  Ehe  eingehen 
wollen,  und  die  man  hier  catholiques  marrons  nennt. 
Letztere  füllen  jetzt  unsre  fashionablen  Kirchen,  z.  B. 
Sainte- Madeleine,  oder  Notre-Dame-de-Lorette, 
jene  heiligen  Boudoirs,  wo  der  süßlichste  Rokoko- 
geschmack herrscht,  ein  Weihkessel,  der  nach  Lavendel 
duftet,  reichgepolsterte  Betstühle,  rosige  Beleuchtung 
und  schmachtende  Gesänge,  überall  Blumen  und 
tändelnde  Engel,  kokette  Andacht,  die  sich  fächert 
mit  Eventails  von  Boucher  und  Watteau  —  Pompa- 
dourchristentum. 

Ebenso  unrecht  wre  unrichtig  ist  die  Benennung 
Jesuiten,  womit  man  hier  die  Gegner  der  Universität 
zu  bezeichnen  pflegt.  Erstens  gibt  es  gar  keine 
Jesuiten  mehr  in  dem  Sinne,  den  man  mit  jenem 
Namen  verknüpft.  Aber  wie  es  oben  in  der  Diplo^ 
matie  Leute  gibt,  die  jedesmal,  wenn  die  Flutzeit 
der  Revolution  eintritt,  das  gleichzeitige  Heranbranden 
so  vieler  brausenden  Wellen  für  das  Werk  eines 
Comite  directeur  in  Paris  erklären :  so  gibt  es  Tri* 
bunen  hier  unten,  die,  wenn  die  Ebbe  beginnt,  wenn 
die  revolutionären  Springfluten  sich  wieder  verlaufen, 
diese  Erscheinung  den  Intrigen  der  Jesuiten  zu- 
schreiben, und  sich  ernsthaft  einbilden,  es  residiere 
ein  Jesuitengeneral  in  Rom,  welcher  durch  seine  ver- 
mummten Schergen  die  Reaktion  der  ganzen  Welt 
leite.  Nein,  es  existiert  kein  solcher  Jesuitengeneral 
in  Rom,  wie  auch  in  Paris  kein  Comite  directeur 
existiert;  das  sind  Märchen  für  große  Kinder,  hohle 
Schreckpopanze,  moderner  Aberglaube.  Oder  ist 
es  eine  bloße  Kriegslist,  daß  man  die  Gegner  der 
Universität  für  Jesuiten  erklärt?  Es  gibt  in  der  Tat 
hierzulande    keinen    Namen,    der    weniger    populär 


Anhang  in? 

wäre.  Man  hat  im  vorigen  Jahrhundert  gegen  diesen 
Orden  so  gründlich  polemisiert,  daß  noch  eine  ge= 
räume  Zeit  vergehen  dürfte,  ehe  man  ein  mildes, 
unparteiisches  Urteil  über  ihn  fällen  wird.  Es  will 
mich  bedünken,  als  habe  man  die  Jesuiten  nicht 
selten  ein  bißchen  jesuitisch  behandelt,  und  als  seien 
die  Verleumdungen,  die  sie  sich  zuschulden  kommen 
ließen,  ihnen  manchmal  mit  zu  großen  Zinsen  zurück- 
gezahlt worden.  Man  könnte  auf  die  Väter  der 
Gesellschaft  Jesu  das  Wort  anwenden,  welches 
Napoleon  über  Robespierre  aussprach :  »Sie  sind  hin- 
gerichtet worden,  nicht  gerichtet.«  Aber  der  Tag 
wird  kommen,  wo  man  auch  ihnen  Gerechtigkeit 
widerfahren  lassen  und  ihre  Verdienste  anerkennen 
wird.  Schon  jetzt  müssen  wir  eingestehen,  daß  sie 
durch  ihre  Missionsanstalten  die  Gesittung  der  Welt, 
die  Zivilisation  unberechenbar  gefördert,  daß  sie  ein 
heilsames  Gegengift  gewesen  gegen  die  leben- 
verpestenden Miasmen  von  Port-Royal,  daß  sogar 
ihre  vielgescholtene  Akkommodationslehre  noch  das 
einzige  Mittel  war,  wodurch  die  Kirche  über  die 
moderne,  freiheitslustige  und  genußsüchtige  Mensch- 
heit ihre  Oberherrschaft  bewahren  konnte.  »Mangez 
un  bceuf  et  soyez  chretien«,  sagten  die  Jesuiten  zu 
dem  Beichtkinde,  dem  in  der  Karwoche  nach  einem 
Stückchen  Rindfleisch  gelüstete;  aber  ihre  Nach- 
giebigkeit lag  nur  in  der  Not  des  Momentes,  und 
sie  hätten  später,  sobald  ihre  Macht  befestigt,  die 
fleischfressenden  Völker  wieder  zu  den  magersten 
Fastenspeisen  zurückgelenkt.  Laxe  Doktrinen  für 
die  empörte  Gegenwart,  eiserne  Ketten  für  die  unter- 
jochte Zukunft.     Sie  waren  so  klug! 

Aber    alle   Klugheit  hilft    nichts  gegen  den  Tod. ' 
Sie  liegen  längst  im  Grabe.     Es  gibt  freilich  Leute 


374  Lutezia 

in  schwarzen  Mänteln  und  mit  Ungeheuern,  dreieckig 
aufgekrempten  Filzhüten,  aber  das  sind  keine  echten 
Jesuiten.  Wie  manchmal  ein  zahmes  Schaf  sich 
in  ein  Wolfsfell  des  Radikalismus  vermummt,  aus 
Eitelkeit,  oder  Eigennutz,  oder  Schabernack,  so 
steckt  im  Fuchspelz  des  Jesuitismus  manchmal  nur 
ein  beschränktes  Grauchen.  «■■  Ja,  sie  sind  tot.  Die 
Väter  der  Gesellschaft  Jesu  haben  in  den  Sakristeien 
nur  ihre  Garderobe  zurückgelassen,  nicht  ihren  Geist. 
Dieser  spukt  an  andern  Orten,  und  manche  Cham- 
pions der  Universität,  die  ihn  so  eifrig  exorzieren, 
sind  vielleicht  davon  besessen,  ohne  es  zu  merken. 
Ich  sage  dieses  nicht  in  bezug  auf  die  Herren 
Michelet  und  Quinet,  die  ehrlichsten  und  wahrhaf- 
tigsten Seelen,  sondern  ich  habe  hier  im  Auge  zu- 
nächst den  wohlbestallten  Minister  des  öffentlichen 
Unterrichts,  den  Rektor  der  Universität,  den  Herrn 
Villemain.  Seiner  Magnifizenz  zweideutiges  Treiben 
berührt  mich  immer  widerwärtig.  Ich  kann  leider 
nur  dem  Esprit  und  dem  Stile  dieses  Mannes  meine 
Achtung  zollen.  Nebenbei  gesagt,  wir  sehen  hier,  daß 
der  berühmte  Ausspruch  von  Buffon:  »Le  style,  c'est 
l'homme«,  grundfalsch  ist.  Der  Stil  des  Herrn  Ville- 
main ist  schön,  edel,  wohlgewachsen  und  reinlich. 
—  Auch  Victor  Cousin  kann  ich  nicht  ganz  ver- 
schonen mit  dem  Vorwurf  des  Jesuitismus.  Der 
Himmel  weiß,  daß  ich  geneigt  bin,  Herrn  Cousins 
Vorzügen  Gerechtigkeit  widerfahren  zu  lassen,  daß 
ich  den  Glanz  seines  Geistes  gern  anerkenne:  aber 
die  Worte,  womit  er  jüngst  in  der  Akademie  die 
Übersetzung  Spinozas  ankündigte,  zeugen  weder  von 
Mut  noch  von  Wahrheitsliebe.  Cousin  hat  gewiß 
die  Interessen  der  Philosophie  unendlich  gefördert, 
indem   er   den   Spinoza   dem    denkenden  Frankreich 


Anhang  375 

zugänglich  machte,  aber  er  hätte  zugleich  ehrlich 
gestehen  sollen,  daß  er  dadurch  der  Kirche  keinen 
großen  Dienst  geleistet.  Im  Gegenteil  sagte  er,  der 
Spinoza  sei  von  einem  seiner  Schüler,  einem  Z,ög= 
ling  der  Ecole  normale,  übersetzt  worden,  um  ihn 
mit  einer  Widerlegung  zu  begleiten,  und  während 
die  Priesterpartei  die  Universität  so  heftig  angreife, 
sei  es  doch  eben  diese  arme,  unschuldige,  verketzerte 
Universität,  welche  den  Spinoza  widerlege,  den  ge- 
fährlichen Spinoza,  jenen  Erbfeind  des  Glaubens, 
der  mit  einer  Feder  aus  den  schwarzen  Flügeln 
Satans  seine  deiciden  Bücher  geschrieben!  »Wen 
betrügt  man  hier?«  ruft  Figaro.  Es  war  in  der 
Academie  des  sciences  morales  et  politiques,  wo 
Cousin  in  solcher  Weise  die  französische  Über- 
setzung des  Spinoza  ankündigte;  sie  ist  außerordent- 
lich gelungen,  während  die  gerühmte  Widerlegung 
so  schwach  und  dürftig  ist,  daß  sie  in  Deutschland 
für  ein  Werk  der  Ironie  gelten  würde. 


III. 

Paris,  20.  Juli  1843. 
Jedes  Volk  hat  seinen  Nationalfehler,  und  wir  Deut- 
schen haben  den  unsrigen,  nämlich  jene  berühmte 
Langsamkeit,  wir  wissen  es  sehr  gut,  wir  haben  Blei 
in  den  Stiefeln,  sogar  in  den  Pantoffeln.  Aber  was 
nützt  den  Franzosen  alle  Geschwindigkeit,  all  ihr 
flinkes  anstelliges  Wesen,  wenn  sie  ebenso  schnell 
vergessen,  was  sie  getan?  Sie  haben  kein  Gedächt- 
nis, und  das  ist  ihr  größtes  Unglück.  Die  Frucht 
jeder  Tat  und  jeder  Untat  geht  hier  verloren  durch 
Vergeßlichkeit.   Jeden  Tag  müssen  sie  den  Kreislauf 


-yjd  Lutezia 

ihrer  Geschichte  wieder  durchlaufen,  ihr  Leben  wieder 
von  vorne  anfangen,  ihre  Kämpfe  aufs  neue  durch- 
kämpfen und  morgen  hat  der  Sieger  vergessen  daß 
er  gesiegt  hatte,  und  der  Überwundene  hat  ebenso 
leichtsinnig  seine  Niederlage  und  ihre  heilsamen 
Lehren  vergessen.  Wer  hat  im  Julius  1830  die  große 
Schlacht  gewonnen?  Wer  hat  sie  verloren?  Wenig- 
stens in  dem  großen  Hospital,  wo,  um  mich  eines 
Ausdrucks  von  Mignet  zu  bedienen,  jede  gestürzte 
Macht  ihre  Blessierten  untergebracht  hat,  hätte  man 
sich  dessen  erinnern  sollen!  Diese  einzige  Be- 
merkung  erlauben  wir  uns  in  Beziehung  auf  die  De- 
batten, die  in  der  Pairskammer  über  den  Sekundär- 
unterricht stattgefunden,  und  wo  die  klerikale  Partei 
nur  scheinbar  unterlag.  In  der  Tat  triumphierte  sie, 
und  es  war  schon  ein  hinlänglicher  Triumph,  daß 
sie  als  organisierte  Partei  ans  Tageslicht  trat.  Wir 
sind  weit  entfernt,  dieses  kühne  Auftreten  zu  tadeln, 
und  es  mißfällt  uns  weit  weniger,  als  jene  schlottrige 
Halbheit,  welche  die  Gegner  sich  zuschulden  kommen 
ließen.  Wie  kläglich  zeigte  sich  hier  Herr  Villemain, 
der  kleine  Rhetor,  der  windige  Bel-Esprit,  dieser  ab- 
gestandene Voltairianer,  der  sich  ein  bißchen  an  den 
Kirchenvätern  gerieben,  um  einen  gewissen  ernst- 
haften Anstrich  zu  gewinnen,  und  der  von  einer 
Unwissenheit  beseelt  war,  die  ans  Erhabene  grenzte! 
Es  ist  mir  unbegreiflich,  daß  ihm  Herr  Guizot  nicht 
auf  der  Stelle  den  Laufpaß  gegeben,  denn  diesem 
großen  Gelehrten  mußte  jene  schülerhafte  Verlegen- 
heit, jener  Mangel  an  den  dürftigsten  Vorkenntnissen, 
jene  wissenschaftliche  Nullität,  noch  weit  empfind- 
licher mißfallen,  als  irgendein  politischer  Fehler!  Um 
die  Schwäche  und  Inhaltlosigkeit  seines  Kollegen 
einigermaßen    zu    decken,   mußte   Guizot  mehrmals 


Anhang  yrn 

das  Wort  ergreifen;  aber  alles,  was  er  sagte,  war 
matt,  farblos  und  unerquicklich.  Er  würde  gewiß 
bessere  Dinge  vorgebracht  haben,  wenn  er  nicht 
Minister  der  auswärtigen  Angelegenheiten,  sondern 
Minister  des  Unterrichts  gewesen  wäre,  und  für  die 
besondern  Interessen  dieses  Departements  eine  Lanze 
gebrochen  hätte.  Ja,  er  würde  sich  für  die  Gegen- 
partei noch  weit  gefährlicher  erwiesen  haben,  wenn 
er  ganz  ohne  weltliche  Macht,  nur  mit  seiner 
geistlichen  Macht  bewaffnet,  wenn  er  als  bloßer 
Professor  für  die  Befugnisse  der  Philosophie  in  die 
Schranken  getreten  wäre !  In  einer  solchen  günstigem 
Lage  war  Victor  Cousin,  und  ihm  gebührt  Vorzugs* 
weise  die  Ehre  des  Tages.  Cousin  ist  nicht,  wie 
jüngst  ziemlich  griesgrämig  behauptet  worden,  ein 
philosophischer  Dilettant,  sondern  er  ist  vielmehr  ein 
großer  Philosoph,  er  ist  hier  Haussohn  der  Philo- 
sophie, und  als  diese  angegriffen  wurde  von  ihren 
unversöhnlichsten  Feinden,  mußte  unser  Victor  Cousin 
seine  oratio  pro  domo  halten.  Und  er  sprach  gut, 
ja  vortrefflich,  mit  Überzeugung.  Es  ist  für  uns 
immer  ein  kostbares  Schauspiel,  wenn  die  fried- 
liebendsten Männer,  die  durchaus  von  keiner  Streit- 
lust beseelt  sind,  durch  die  innern  Bedingungen  ihrer 
Existenz,  durch  die  Macht  der  Ereignisse,  durch 
ihre  Geschichte,  ihre  Stellung,  ihre  Natur,  kurz 
durch  eine  unabweisliche  Fatalität,  gezwungen  wer- 
den, zu  kämpfen.  Ein  solcher  Kämpfer,  ein  solcher 
Gladiator  der  Notwendigkeit  war  Cousin,  als  ein 
unphilosophischer  Minister  des  Unterrichts  die  Inter- 
essen der  Philosophie  nicht  zu  verteidigen  vermochte. 
Keiner  wußte  besser  als  Victor  Cousin,  daß  es  sich 
hier  um  keine  neue  Sache  handelte,  daß  sein  Wort 
wenig    beitragen    würde    zur   Schlichtung   des   alten 


778  Lutezia 

Streits,  und  daß  da  kein  definitiver  Sieg  zu  erwarten 
sei.  Ein  solches  Bewußtsein  übt  immer  einen  dämpfen- 
den  Einfluß,  und  alles  Brillantfeuer  des  Geistes  konnte 
auch  hier  die  innere  Trauer  über  die  Fruchtlosigkeit 
aller  Anstrengungen  keineswegs  verbergen.  Selbst 
bei  den  Gegnern  haben  Cousins  Reden  einen  ehren* 
den  Eindruck  hervorgebracht,  und  die  Feindschaft, 
die  sie  ihm  widmen,  ist  ebenfalls  eine  Anerkennung. 
Den  Villemain  verachten  sie,  den  Cousin  aber  furch* 
ten  sie.  Sie  furchten  ihn  nicht  wegen  seiner  Ge- 
sinnung, nicht  wegen  seines  Charakters,  nicht  wegen 
seiner  individuellen  Vorzüge  oder  Fehler,  sondern 
sie  fürchten  in  ihm  die  deutsche  Philosophie.  Du 
lieber  Himmel!  man  erzeigt  hier  unserer  deutschen 
Philosophie  und  unserm  Cousin  allzu  große  Ehre. 
Obgleich  letzterer  ein  geborner  Dialektiker  ist,  ob- 
gleich er  zugleich  für  Form  die  größte  Begabnis  be- 
sitzt, obgleich  er  bei  seiner  philosophischen  Spezialität 
auch  noch  von  großem  Kunstsinn  unterstützt  wird, 
so  ist  er  doch  noch  sehr  weit  davon  entfernt,  die 
deutsche  Philosophie  so  gründlich  tief  in  ihrem  Wesen 
zu  erfassen,  daß  er  ihre  Systeme  in  einer  klaren, 
allgemein  verständlichen  Sprache  formulieren  könnte, 
wie  es  nötig  wäre  für  Franzosen,  die  nicht  wie  wir 
die  Geduld  besitzen,  ein  abstraktes  Idiom  zu  studieren. 
Was  sich  aber  nicht  in  gutem  Französisch  sagen 
läßt,  ist  nicht  gefährlich  für  Frankreich.  Die  Sektion 
der  Sciences  morales  et  politiques  der  französischen 
Akademie  hat  bekanntlich  eine  Darstellung  der  deut- 
schen Philosophie  seit  Kant  zu  einer  Preisfrage  ge- 
wählt, und  Cousin,  der  hier  als  Hauptdirigent  zu 
betrachten  ist,  suchte  vielleicht  fremde  Kräfte,  wo 
seine  eignen  nicht  ausreichten.  Aber  auch  andere 
haben  die  Aufgabe  nicht  gelöst,  und  in  der  jüngsten 


Anhang  379 

feierlichen  Sitzung  der  Akademie  ward  uns  an- 
gekündigt, daß  auch  dies  Jahr  keine  Preisschrift  über 
die  deutsche  Philosophie  gekrönt  werden  könne. 


Gefängnisreform  und  Strafgesetzgebung. 

<Paris,  Juli  1843.) 
Nachdem  der  Gesetzvorschlag  über  die  Gefängnis« 
reform  während  vier  Wochen  in  der  Deputierten- 
kammer debattiert  worden,  ist  derselbe  endlich  mit 
sehr  unwesentlichen  Abänderungen  und  durch  eine 
bedeutende  Majorität  angenommen  worden.  Damit 
wir  es  gleich  von  vornherein  sagen,  nur  der  Minister 
des  Innern,  der  eigentliche  Schöpfer  jenes  Gesetz- 
vorschlags, war  der  einzige,  der  mit  festen  Füßen 
auf  der  Höhe  der  Frage  stand,  der  bestimmt  wußte, 
was  er  wollte,  und  einen  Triumph  der  Überlegenheit 
feierte.  Dem  Rapporteur,  Herrn  von  Tocqueville, 
gebührt  das  Lob,  daß  er  mit  Festigkeit  seine  Ge- 
danken durchfocht;  er  ist  ein  Mann  von  Kopf,  der 
wenig  Herz  hat  und  bis  zum  Gefrierpunkt  die  Ar- 
gumente seiner  Logik  verfolgt;  auch  haben  seine 
Reden  einen  gewissen  frostigen  Glanz,  wie  ge- 
schnittenes Eis.  Was  Herrn  Tocqueville  jedoch  an 
Gemüt  fehlt,  das  hat  sein  Freund,  Mr.  de  Beaumont, 
in  liebreichster  Fülle,  und  diese  beiden  Unzertrenn- 
lichen, die  wir  immer  gepaart  sehen,  auf  ihren  Reisen, 
in  ihren  Publikationen,  in  der  Deputiertenkammer, 
ergänzen  sich  aufs  beste.  Der  eine,  der  scharfe 
Denker,  und  der  andere,  der  milde  Gemütsmensch, 
gehören  beisammen,  wie  das  Essigfläschchen  und 
das  ölfläschchen.  —  Aber  die  Opposition,  wie  vage, 
wie  gehaltlos,  wie  schwach,   wie  ohnmächtig  zeigte 


380  Lutezia 

sie  sich  bei  dieser  Gelegenheit!  Sie  wußte  nicht 
was  sie  wollte,  sie  mußte  das  Bedürfnis  der  Reform 
eingestehen,  konnte  nichts  Positives  vorschlagen,  war 
beständig  im  Widerspruch  mit  sich  selber  und  oppo* 
nierte  hier,  wie  gewöhnlich,  aus  blöder  Gewohnheit 
des  Oppositionsmetiers.  Und  dennoch  würde  sie, 
um  letzterm  zu  genügen,  leichtes  Spiel  gehabt  haben, 
wenn  sie  sich  auf  das  hohe  Pferd  der  Idee  gesetzt 
hätte,  auf  irgendeine  generöse  Rosinante  der  Theorien* 
weit,  statt  auf  ebener  Erde  den  zufälligen  Lücken 
und  Schwächen  des  ministeriellen  Systems  nach* 
zukriechen  und  im  Detail  zu  chikanieren,  ohne  das 
Ganze  erschüttern  zu  können.  Nicht  einmal  unser 
unvergleichlicher  Don  Alphonso  de  la  Martine,  der 
ingeniöse  Junker,  zeigte  sich  hier  in  seiner  idealen 
Ritterlichkeit.  Und  doch  war  die  Gelegenheit  günstig, 
und  er  hätte  hier  die  höchsten  und  wichtigsten 
Menschheitsfragen  besprechen  können,  mit  olymp* 
erschütternden  Worten;  er  konnte  hier  feuerspeiende 
Berge  reden  und  mit  einem  Ozean  von  Weltunter* 
gangspoesie  die  Kammer  überschwemmen.  Aber 
nein,  der  edle  Hidalgo  war  hier  ganz  entblößt  von 
seinem  schönen  Wahnsinn  und  sprach  so  vernünftig 
wie  die  nüchternsten  seiner  Kollegen. 

Ja,  nur  auf  dem  Felde  der  Idee  hätte  die  Oppo* 
sition,  wo  nicht  sich  behaupten,  doch  wenigstens 
glänzen  können.  Bei  solcher  Gelegenheit  hätte  eine 
deutsche  Opposition  ihre  gelehrtesten  Lorbeeren  er* 
fochten.  Denn  die  Gefängnisfrage  ist  ja  enthalten  in 
jener  allgemeinen  Frage  über  die  Bedeutung  der  Strafe 
überhaupt,  und  hier  treten  uns  die  großen  Theorien  ent* 
gegen,  die  wir  heute  nur  in  flüchtigster  Kürze  erwäh* 
nen  wollen,  um  für  die  Würdigung  des  neuen  Gefäng* 
nisgesetzes  einen  deutschen  Standpunkt  zu  gewinnen. 


Anhang  381 

Wir  sehen  hier  zunächst  die  sogenannte  Vergel- 
tungstheorie, das  alte  harte  Gesetz  der  Urzeit,  jenes 
Jus  Talionis,  das  wir  noch  bei  dem  alttestamentalischen 
Moses  in  schauerlichster  Naivetät  vorfinden:  Leben 
um  Leben,  Auge  um  Auge,  Zahn  um  Zahn.  Mit 
dem  Martyrtode  des  großen  Versöhners  fand  auch 
diese  Idee  der  Sühne  ihren  Abschluß,  und  wir  können 
behaupten,  der  milde  Christus  habe  dem  antiken  Ge- 
setze  auch  hier  persönlich  Genüge  getan  und  das- 
selbe auch  für  die  übrige  Menschheit  aufgehoben. 
Sonderbar!  während  hier  die  Religion  im  Fortschritt 
erscheint,  ist  es  die  Philosophie,  welche  stationär  ge- 
blieben, und  die  Strafrechtstheorie  unserer  Philosophen 
von  Kant  bis  auf  Hegel  ist  trotz  aller  Verschieden- 
heit des  Ausdrucks  noch  immer  das  alte  Jus  Talionis. 
Selbst  unser  Hegel  wußte  nichts  Besseres  anzugeben, 
und  er  vermochte  nur  die  rohe  Anschauungsweise 
einigermaßen  zu  spiritualisieren,  ja  bis  zur  Poesie  zu 
erheben.  Bei  ihm  ist  die  Strafe  das  Recht  des 
Verbrechers;  nämlich  indem  dieser  das  Verbrechen 
begeht,  gewinnt  er  ein  unveräußerliches  Recht  auf 
die  adäquate  Bestrafung;  letztere  ist  gleichsam  das 
objektive  Verbrechen.  Das  Prinzip  der  Sühne  ist 
hier  bei  Hegel  ganz  dasselbe  wie  bei  Moses,  nur 
daß  dieser  den  antiken  Begriff  der  Fatalität  in  der 
Brust  trug,  Hegel  aber  immer  von  dem  modernen 
Begriff  der  Freiheit  bewegt  wird:  sein  Verbrecher 
ist  ein  freier  Mensch,  das  Verbrechen  selbst  ist  ein 
Akt  der  Freiheit,  und  es  muß  ihm  dafür  sein  Recht 
geschehen.  Hierüber  nur  ein  Wort.  Wir  sind  dem 
altsazerdotalen  Standpunkt  entwachsen,  und  es  wider- 
strebt uns  zu  glauben,  daß,  wenn  der  einzelne  eine 
Untat  begangen,  die  Gesellschaft  in  Corpore  ge- 
zwungen sei,  dieselbe  Untat  zu  begehen,  sie  feier- 


382  Lutezia 

lieh  zu  wiederholen.  Für  den  modernen  Standpunkt, 
wie  wir  ihn  bei  Hegel  finden,  ist  jedoch  unser  so- 
zialer Zustand  noch  zu  niedrig;  denn  Hegel  setzt 
immer  eine  absolute  Freiheit  voraus,  von  der  wir 
noch  sehr  entfernt  sind  und  vielleicht  noch  eine  gute 
Weile  entfernt  bleiben  werden. 

Unsere  zweite  große  Straftheorie  ist  die  der  Ab- 
schreckung. Diese  ist  weder  religiös,  noch  philo* 
sophisch,  sie  ist  rein  absurd.  Hier  wird  einem  Men- 
schen, der  ein  Verbrechen  beging,  Pein  angetan, 
damit  ein  dritter  dadurch  abgeschreckt  werde,  ein  ähn- 
liches Verbrechen  zu  begehen.  Es  ist  das  höchste 
Unrecht,  daß  jemand  leiden  soll  zum  Heile  eines 
andern,  und  diese  Theorie  mahnte  mich  immer  an 
die  armen  souffre-douleurs,  die  ehemals  mit  den 
kleinen  Prinzen  erzogen  wurden  und  jedesmal  durch- 
gepeitscht wurden,  wenn  ihr  erlauchter  Kamerad 
irgendeinen  Fehler  begangen.  Diese  nüchterne  und 
frivole  Abschreckungstheorie  borgt  von  der  sazer- 
dotalen  Theorie  gleichsam  ihre  Pompes  funebres, 
auch  sie  errichtet  auf  öffentlichem  Markt  ein  Ca- 
strum  Doloris,  um  die  Zuschauer  anzulocken  und  zu 
verblüffen.  Der  Staat  ist  hier  ein  Charlatan,  nur 
mit  dem  Unterschied,  daß  der  gewöhnliche  Charla- 
tan dir  versichert,  er  reiße  die  Zähne  aus  ohne 
Schmerzen  zu  verursachen,  während  jener  im  Gegen- 
teil durch  seine  schauerlichen  Apparate  mit  weit 
größern  Schmerzen  droht,  als  vielleicht  der  arme 
Patient  wirklich  zu  ertragen  hat.  Diese  blutige  Char- 
latanerie  hat  mich  immer  angewidert. 

Soll  ich  hier  die  sogenannte  Theorie  vom  physi- 
schen Zwang,  die  zu  meiner  Zeit  in  Göttingen  und 
in  der  umliegenden  Gegend  zum  Vorschein  gekommen, 
als  eine  besondere  Theorie  erwähnen?   Nein,  sie  ist 


Anhang  383 

nichts  als  der  alte  Abschreckungssauerteig,  neu  um- 
geknetet. Ich  habe  mal  einen  ganzen  Winter  hin* 
durch  den  Lykurg  Hannovers,  den  traurigen  Hofrat 
Bauer,  darüber  schwätzen  gehört,  in  seiner  seich* 
testen  Prosa.  Diese  Tortur  erduldete  ich  ebenfalls 
aus  physischem  Zwang,  denn  der  Schwätzer  war 
Examinator  meiner  Fakultät,  und  ich  wollte  damals 
Doctor  Juris  werden. 

Die  dritte  große  Straftheorie  ist  die,  wobei  die 
moralische  Verbesserung  des  Verbrechers  in  Betracht 
kommt.  Die  wahre  Heimat  dieser  Theorie  ist  China, 
wo  alle  Autorität  von  der  väterlichen  Gewalt  ab- 
geleitet wird.  Jeder  Verbrecher  ist  dort  ein  unge- 
zogenes Kind,  das  der  Vater  zu  bessern  sucht,  und 
zwar  durch  den  Bambus.  Diese  patriarchalische,  ge- 
mütliche Ansicht  hat  in  neuerer  Zeit  ganz  besonders 
in  Preußen  ihre  Verehrer  gefunden,  die  sie  auch  in 
die  Gesetzgebung  einzuführen  suchten.  Bei  solcher 
chinesischen  Bambustheorie  drängt  sich  uns  zunächst 
das  Bedenken  auf,  daß  alle  Verbesserung  nichts  helfen 
dürfte,  wenn  nicht  vorher  die  Verbesserer  gebessert 
würden.  In  China  scheint  das  Staatsoberhaupt  der- 
gleichen Einrede  dunkel  zu  fühlen,  und  wenn  im 
Reiche  der  Mitte  irgendein  ungeheures  Verbrechen 
begangen  wird,  legt  sich  der  Kaiser,  der  Himmels- 
sohn, selber  eine  harte  Buße  auf,  wähnend,  daß  er 
selber  durch  irgendeine  Sünde  ein  solches  Landes- 
unglück verschuldet  haben  müsse.  Wir  würden  es 
mit  großem  Vergnügen  sehen,  wenn  unser  heimischer 
Pietismus  auf  solche  fromme  Irrtümer  geriete,  und 
sich  zum  Heil  des  Staats  weidlich  kasteien  wollte. 
In  China  gehört  es  zur  Konsequenz  der  patriarcha- 
lischen Ansicht,  daß  es  neben  den  Bestrafungen  auch 
gesetzliche  Belohnungen  gibt,  daß  man  für  gute  Hand- 


784  Lutezta 

lungcn  irgendeinen  Ehrenknopf  mit  oder  ohne  Schleife 
bekömmt,  wie  man  für  schlechte  Handlungen  die  ge- 
hörige Tracht  Schläge  empfängt,  so  daß,  um  mich 
philosophisch  auszudrücken,  der  Bambus  die  Beloh- 
nung des  Lasters  und  der  Orden  die  Strafe  der 
Tugend  ist.  Die  Partisane  der  körperlichen  Züchti- 
gung haben  jüngst  in  den  Rheinprovinzen  einen 
Widerstand  gefunden,  der  aus  einer  Empfindungs- 
weise hervorgegangen,  die  nicht  sehr  original  ist  und 
leider  als  ein  Überbleibsel  der  französischen  Fremd- 
herrschaft betrachtet  werden  dürfte. 

Wir  haben  noch  eine  vierte  große  Straftheorie,  die 
wir  kaum  noch  eine  solche  nennen  können,  da  der 
Begriff  »Strafe«  hier  ganz  verschwindet.  Man  nennt 
sie  die  Präventionstheorie,  weil  hier  die  Verhütung 
der  Verbrechen  das  leitende  Prinzip  ist.  Die  eifrig- 
sten Vertreter  dieser  Ansicht  sind  zunächst  die  Ra- 
dikalen aller  sozialistischen  Schulen.  Als  der  Ent- 
schiedenste muß  hier  der  Engländer  Owen  genannt 
werden,  der  kein  Recht  der  Bestrafung  anerkennt,  so- 
lange die  Ursache  der  Verbrechen,  die  sozialen  Übel, 
nicht  fortgeräumt  worden.  So  denken  auch  die 
Kommunisten,  die  materialistischen  ebensowohl  wie 
die  spiritualistischen,  welche  letztern  ihre  Abneigung 
gegen  das  herkömmliche  Kriminalrecht,  das  sie  das 
alttestamentalische  Rachegesetz  nennen,  durch  evan- 
gelische Texte  beschönigen.  Die  Fourieristen  dürfen 
ebenfalls  konsequenterweise  kein  Strafrecht  aner- 
kennen, da  nach  ihrer  Lehre  die  Verbrechen  nur 
durch  ausgeartete  Leidenschaften  entstehen  und  ihr 
Staat  sich  eben  die  Aufgabe  gestellt  hat,  durch  eine 
neue  Organisation  der  menschlichen  Leidenschaften 
ihre  Ausartung  zu  verhüten.  Die  Saint^Simonisten 
hatten  freilich  weit  höhere  Begriffe  vop  der  Unend- 


Anhang  385 

lichkeit  des  menschlichen  Gemütes,  als  daß  sie  sich 
auf  einen  geregelten  und  numerierten  Schematismus 
der  Leidenschaften,  wie  wir  ihn  bei  Fourier  finden, 
eingelassen  hätten.  Jedoch  auch  sie  hielten  das  Ver- 
brechen nicht  bloß  für  ein  Resultat  gesellschaftlicher 
Mißstände,  sondern  auch  einer  fehlerhaften  Erziehung, 
und  von  den  besser  geleiteten,  wohlerzogenen  Leiden- 
schaften erwarteten  sie  eine  vollständige  Regeneration, 
das  Weltreich  der  Liebe,  wo  alle  Traditionen  der 
Sünde  in  Vergessenheit  geraten  und  die  Idee  eines 
Strafrechts  als  eine  Blasphemie  erscheinen  würde. 

Minder  schwärmerische  und  sogar  sehr  praktische 
Naturen  haben  sich  ebenfalls  für  die  Präventions- 
theorie entschieden,  insofern  sie  von  der  Volks- 
erziehung die  Abnahme  der  Verbrechen  erwarteten. 
Sie  haben  noch  ganz  besondere  staatsökonomische 
Vorschläge  gemacht,  die  dahin  zielen,  den  Ver- 
brecher vor  seinen  eigenen  bösen  Anfechtungen  zu 
schützen,  in  derselben  Weise  wie  die  Gesellschaft 
vor  der  Untat  selbst  hinreichend  bewahrt  wird.  Hier 
stehen  wir  auf  dem  positiven  Boden  der  Präventions- 
lehre. Der  Staat  wird  hier  gleichsam  eine  große 
Polizeianstalt,  im  edelsten  und  würdigsten  Sinne,  wo 
dem  bösen  Gelüste  jeder  Antrieb  entzogen  wird,  wo 
man  nicht  durch  Ausstellungen  von  Leckerbissen 
und  Putzwaren  einen  armen  Schlucker  zum  Dieb- 
stahl und  die  arme  Gefallsucht  zur  Prostitution  reizt, 
wo  keine  diebischen  Emporkömmlinge,  keine  Robert- 
Macaires  der  hohen  Finanz,  keine  Menschenfleisch- 
händler,  keine  glücklichen  Halunken  ihren  unver- 
schämten Luxus  öffentlich  zur  Schau  geben  dürfen, 
kurz  wo  das  demoralisierende  böse  Beispiel  unter- 
drückt wird.  Kommen  trotz  aller  Vorkehrungsmaß- 
regeln dennoch  Verbrechen  zum  Vorschein,  so  sucht 

IX,  :* 


386  Lutczia 

man  die  Verbrecher  unschädlich  zu  machen;  und 
sie  werden  entweder  eingesperrt  oder,  wenn  sie  der 
Ruhe  der  Gesellschaft  gar  zu  gefährlich  sind,  ein 
bißchen  hingerichtet.  Die  Regierung,  als  Manda- 
tarin der  Gesellschaft,  verhängt  hier  keine  Pein  als 
Strafe,  sondern  als  Notwehr,  und  der  höhere  oder 
geringere  Grad  dieser  Pein  wird  nur  von  dem 
Grade  des  Bedürfnisses  der  sozialen  Selbstver- 
teidigung bestimmt.  Nur  von  diesem  Gesichts- 
punkte aus,  sind  wir  für  die  Todesstrafe,  oder  viel- 
mehr für  die  Tötung  großer  Bösewichter,  welche  die 
Polizei  aus  dem  Wege  schaffen  muß,  wie  sie  tolle 
Hunde  totschlägt. 

Wenn  man  aufmerksam  das  Expose  des  motifs 
liest,  womit  der  französische  Minister  des  Innern 
seinen  Gesetzentwurf  in  betreff  der  Gefängnisreform 
einleitete,  so  ist  es  augenscheinlich,  wie  hier  die 
zuletzt  bezeichnete  Ansicht  den  Grundgedanken 
bildet,  und  wie  das  sogenannte  Repressivprinzip  der 
Franzosen  im  Grunde  nur  die  Praxis  unserer  Prä- 
ventivtheorie ist. 

Im  Prinzip  sind  also  unsere  Ansichten  ganz  über- 
einstimmend mit  denen  der  französischen  Regierung. 
Aber  unsere  Gefühle  sträuben  sich  gegen  die  Mittel, 
wodurch  die  gute  Absicht  erreicht  werden  soll. 
Auch  halten  wir  sie  für  Frankreich  ganz  ungeeignet. 
In  diesem  Lande  der  Soziabilität  wäre  die  Absperrung 
in  Zellen,  die  pennsylvanische  Methode,  eine  un- 
erhörte Grausamkeit,  und  das  französische  Volk  ist 
zu  großmütig,  als  daß  es  je  um  solchen  Preis  seine 
gesellschaftliche  Ruhe  erkaufen  möchte.  Ich  bin  da- 
her überzeugt,  selbst  nachdem  die  Kammern  ein- 
gewilligt, kommt  das  entsetzliche,  unmenschliche,  ja 
unnatürliche   Zellulargefängniswesen    nicht    in    Aus- 


Anhang  387 

führung,  und  die  vielen  Millionen,  welche  die  nötigen 
Bauten  kosten,  sind  gottlob  verlorenes  Geld.  Diese 
Burgverließe  des  neuen  Bürgerrittertums  wird  das 
Volk  ebenso  unwillig  niederreißen,  wie  es  einst  die 
adelige  Bastille  zerstörte.  So  furchtbar  und  düster 
dieselbe  von  außen  gewesen  sein  mochte,  so  war 
sie  doch  gewiß  nur  ein  heiteres  Kiosk,  ein  sonniges 
Gartenhaus,  im  Vergleich  mit  jenen  kleinen,  schwei- 
genden amerikanischen  Höllen,  die  nur  ein  blöd- 
sinniger Pietist  ersinnen,  und  nur  ein  herzloser  Krä- 
mer, der  für  sein  Eigentum  zittert,  billigen  konnte. 
Der  gute  fromme  Bürger  soll  hinfüro  ruhiger  schlafen 
können  —  das  will  die  Regierung  mit  löblichem 
Eifer  bewirken.  Aber  warum  sollen  sie  nicht  etwas 
weniger  schlafen?  —  Bessere  Leute  müssen  jetzt 
wachend  die  Nächte  verbringen.  Und  dann,  haben 
sie  nicht  den  lieben  Gott,  um  sie  zu  schützen,  sie, 
die  Frommen?  —  Oder  zweifeln  sie  an  diesem 
Schutz,  sie,  die  Frommen? 


Aus  den  Pyrenäen. 

I. 

Bareges,  26.  Juli  1846. 
Seit  Menschengedenken  gab  es  kein  solches  Zu- 
strömen nach  den  Heilquellen  von  Bareges,  wie  dieses 
Jahr.  Das  kleine  Dorf,  das  aus  etwa  sechzig  Häu- 
sern und  einigen  Dutzend  Notbaracken  besteht,  kann 
die  kranke  Menge  nicht  mehr  fassen;  Spätkömmlinge 
fanden  kaum  ein  kümmerliches  Obdach  für  eine 
Nacht,  und  mußten  leidend  umkehren.  Die  meisten 
Gäste  sind  französische  Militärs,  die  in  Afrika  sehr 


388  Lutezia 

viele  Lorbeeren,  Lanzenstiche  und  Rheumatismen 
eingeerntet  haben.  Einige  alte  Offiziere  aus  der 
Kaiserzeit  keuchen  hier  ebenfalls  umher,  und  suchen 
in  der  Badewanne  die  glorreichen  Erinnerungen  zu 
vergessen,  die  sie  bei  jedem  Witterungswechsel  so 
verdrießlich  jucken.  Auch  ein  deutscher  Dichter  be- 
findet sich  hier,  der  manches  auszubaden  haben  mag, 
aber  bis  jetzt  keineswegs  seines  Verstandes  verlustig 
und  noch  viel  weniger  in  ein  Irrenhaus  eingesperrt 
worden  ist,  wie  ein  Berliner  Korrespondent  in  der 
hochlöblichen  »Leipziger  Allgemeinen  Zeitung«  be- 
richtet hat.  Freilich,  wir  können  uns  irren,  Hein- 
rich Heine  ist  vielleicht  verrückter  als  er  selbst  weiß; 
aber  mit  Gewißheit  dürfen  wir  versichern,  daß  man 
ihn  hier,  in  dem  anarchischen  Frankreich,  noch 
immer  auf  freien  Füßen  herumgehen  läßt,  was  ihm 
wahrscheinlich  zu  Berlin,  wo  die  geistige  Sanitäts- 
polizei strenger  gehandhabt  wird,  nicht  gestattet  wer- 
den möchte.  Wie  dem  auch  sei,  fromme  Gemüter 
an  der  Spree  mögen  sich  trösten,  wenn  auch  nicht 
der  Geist,  so  ist  doch  der  Leib  des  Dichters  hin- 
länglich belastet  von  lähmenden  Gebresten,  und  auf 
der  Reise  von  Paris  hierher  ward  sein  Siechtum  so 
unleidlich,  daß  er  unfern  von  Baguere  de  Bigorre 
den  Wagen  verlassen  und  sich  auf  einem  Lehnsessel 
über  das  Gebirge  tragen  lassen  mußte.  Er  hatte 
bei  dieser  erhabenen  Fahrt  manche  erfreuliche  Licht- 
blicke, nie  hat  ihn  Sonnenglanz  und  Waldgrün  inniger 
bezaubert,  und  die  großen  Felsenkoppen,  wie  steinerne 
Riesenhäupter,  sahen  ihn  an  mit  fabelhaftem  Mitleid. 
Die  Hautes  Pyrenees  sind  wunderbar  schön.  Be- 
sonders seelenerquickend  ist  die  Musik  der  Berg- 
wasser, die  wie  ein  volles  Orchester  in  den  rauschen- 
den Talfluß,   den   sogenannten    Gäve,   hinabstürzen. 


Anhang  389 

Gar  lieblich  ist  dabei  das  Geklingel  der  Lämmer- 
herden, zumal  wenn  sie  in  großer  Anzahl  wie  jauch- 
zend von  den  Bergeshalden  heruntergesprungen  kom- 
men, voran  die  langwolligen  Mutterschafe  und  dorisch 
gehörnten  Widder,  welche  große  Glocken  an  den 
Hälsen  tragen,  und  nebenherlaufend  der  junge  Hirt, 
der  sie  nach  dem  Taldorfe  zur  Schur  führt,  und  bei 
dieser  Gelegenheit  auch  die  Liebste  besuchen  will. 
Einige  Tage  später  ist  das  Geklingel  minder  heiter, 
denn  es  hat  unterdessen  gewittert,  aschgraue  Nebel- 
wölken  hängen  tief  herab,  und  mit  seinen  geschornen, 
fröstelnd  nackten  Lämmern  steigt  der  junge  Hirt 
melancholisch  wieder  hinauf  in  seine  Alpeneinsam- 
keit; er  ist  ganz  eingewickelt  in  seinen  braunen,  reich- 
geflickten Baskesenmantel,  und  das  Scheiden  von  Ihr 
war  vielleicht  bitter. 

Ein  solcher  Anblick  mahnt  mich  aufs  lebhafteste 
an  das  Meisterwerk  von  Decamps,  welches  der  dies- 
jährige Salon  besaß,  und  das  von  so  vielen,  ja  von 
dem  kunstverständigsten  Franzosen,  Theophile  Gau- 
tier, mit  hartem  Unrecht  getadelt  ward.  Der  Hirt 
auf  jenem  Gemälde,  der  in  seiner  zerlumpten  Majestät 
wie  ein  wahrer  Bettelkönig  aussieht,  und  an  seiner 
Brust,  unter  den  Fetzen  des  Mantels,  ein  armes 
Schäfchen  vor  dem  Regenguß  zu  schützen  sucht, 
die  stumpfsinnig  trüben  Wetterwolken  mit  ihren 
feuchten  Grimassen,  der  zottighäßliche  Schäferhund 
—  alles  ist  auf  jenem  Bilde  so  naturwahr,  so  pyre- 
näentreu gemalt,  so  ganz  ohne  sentimentalen  An- 
strich und  ohne  süßliche  Veridealisierung,  daß  einem 
hier  das  Talent  des  Decamps  fast  erschreckend,  in 
seiner  naivsten  Nacktheit,  offenbar  wird. 

Die  Pyrenäen  werden  jetzt  von  vielen  französischen 
Malern    mit  großem   Glück   ausgebeutet,   besonders 


59° 


Lutezia 


wegen  der  hiesigen  pittoresken  Volkstrachten,  und 
die  Leistungen  von  Leleux,  die  unser  feintreffender 
Pfeil-Kollege  immer  so  schön  gewürdigt,  verdienen 
das  gespendete  Lob;  auch  bei  diesem  Maler  ist 
Wahrheit  der  Natur,  aber  ohne  ihre  Bescheidenheit, 
sie  tritt  schier  allzu  keck  hervor  und  sie  artet  aus 
in  Virtuosität.  Die  Kleidung  der  Bergbewohner,  der 
Bearnaisen,  der  Basken  und  der  Grenzspanier,  ist  in 
der  Tat  so  eigentümlich  und  staffeleifähig,  wie  es 
ein  junger  Enthusiast  von  der  Pinselgilde,  der  den 
banalen  Frack  verabscheut,  nur  irgend  verlangen 
kann;  besonders  pittoresk  ist  die  Kopfbedeckung  der 
Weiber,  die  scharlachrote,  bis  an  die  Hüften  über 
den  schwarzen  Leibrock  herabhängende  Kapuze. 
Einen  überaus  köstlichen  Anblick  gewähren  derartig 
kostümierte  Ziegenhirtinnen,  wenn  sie,  auf  hoch« 
gesattelten  Maultieren  sitzend,  den  altertümlichen 
Spinnstock  unterm  Arm,  mit  ihren  gehörnten 
schwarzen  Zöglingen  über  die  äußersten  Spitzen  der 
Berge  einherreiten,  und  der  abenteuerliche  Zug  sich 
in  den  reinsten  Konturen  abzeichnet  an  dem  sonnig- 
blauen Himmelsgrund. 

Das  Gebäude,  worin  sich  die  Badeanstalt  von 
Bareges  befindet,  bildet  einen  schauderhaften  Kon- 
trast mit  den  umgebenden  Naturschönheiten,  und 
sein  mürrisches  Äußere  entspricht  vollkommen  den 
innern  Räumen:  unheimlich  finstere  Zellen,  gleich 
Grabgewölben,  mit  gar  zu  schmalen  steinernen  Bade- 
wannen, einer  Art  provisorischer  Särge,  worin  man 
alle  Tage  eine  Stunde  lang  sich  üben  kann  im  Stille- 
liegen mit  ausgestreckten  Beinen  und  gekreuzten 
Armen,  eine  nützliche  Vorübung  für  Lebensabitu- 
rienten. Das  beklagenswerteste  Gebrechen  zu  Ba- 
reges ist  der  Wassermangel;  die  Heilquellen  strömen 


Anhang  391 

nämlich  nicht  in  hinlänglicher  Fülle.  Eine  traurige 
Abhilfe  in  dieser  Beziehung  gewähren  die  sogenannten 
Piszinen,  ziemlich  enge  Wasserbehälter,  worin  sich 
ein  Dutzend,  auch  wohl  anderthalb  Dutzend  Men- 
schen gleichzeitig  baden,  in  aufrechter  Stellung.  Hier 
gibt  es  Berührungen,  die  selten  angenehm  sind,  und 
bei  dieser  Gelegenheit  begreift  man  in  ihrem  ganzen 
Tiefsinn  die  Worte  des  toleranten  Ungars,  der  sich 
den  Schnurrbart  strich  und  zu  seinem  Kameraden 
sagte:  »Mir  ist  ganz  gleich  was  der  Mensch  ist, 
ob  er  Christ  oder  Jude,  republikanisch  oder  kaiser- 
lich, Türke  oder  Preuße,  wenn  nur  der  Mensch  ge- 
sund ist.« 


II. 

Bareges,  7.  August  1846. 
Über  die  therapeutische  Bedeutung  der  hiesigen 
Bäder  wage  ich  nicht,  mich  mit  Bestimmtheit  aus- 
zusprechen. Es  läßt  sich  vielleicht  überhaupt  nichts 
Bestimmtes  darüber  sagen.  Man  kann  das  Wasser 
einer  Quelle  chemisch  zersetzen  und  genau  angeben, 
wieviel  Schwefel,  Salz  oder  Butter  darin  enthalten 
ist,  aber  niemand  wird  es  wagen,  selbst  in  bestimmten 
Fällen,  die  Wirkung  dieses  Wassers  für  ein  ganz 
probates,  untrügliches  Heilmittel  zu  erklären;  denn 
diese  Wirkung  ist  ganz  abhängig  von  der  individuellen 
Leibesbeschaffenheit  des  Kranken,  und  das  Bad,  das 
bei  gleichen  Krankheitsymptomen  dem  einen  fruchtet, 
übt  auf  den  andern  nicht  den  mindesten,  wo  nicht 
gar  den  schädlichsten  Einfluß.  In  der  Weise  wie  z.  B. 
der  Magnetismus,  enthalten  auch  die  Heilquellen  eine 
Kraft,    die    hinlänglich   konstatiert    aber   keineswegs 


392 


Lut« 


determiniert  ist,  deren  Grenzen  und  auch  geheimste 
Natur  den  Forschern  bis  jetzt  unbekannt  geblieben, 
so  daß  der  Arzt  dieselben  nur  versuchsweise,  wo 
alle  andern  Mittel  fehlschlagen,  als  Medikament  an- 
zuwenden pflegt.  Wenn  der  Sohn  Äskulaps  gar 
nicht  mehr  weiß,  was  er  mit  dem  Patienten  anfangen 
soll,  dann  schickt  er  uns  ins  Bad  mit  einem  langen 
Konsultationszettel,  der  nichts  anderes  ist,  als  ein 
offener  Empfehlungsbrief  an  den  Zufall! 

Die  Lebensmittel  sind  hier  sehr  schlecht,  aber 
desto  teurer.  Frühstuck  und  Mittagessen  werden 
den  Gästen  in  hohen  Körben  und  von  ziemlich 
klebrigen  Mägden  aufs  Zimmer  getragen,  ganz  wie 
in  Göttingen.  Hätten  wir  nur  hier  ebenfalls  den 
jugendlich-akademischen  Appetit,  womit  wir  einst 
die  gelehrt-trockensten  Kalbsbraten  Georgia  Augustas 
zermalmten!  Das  Leben  selbst  ist  hier  so  lang- 
weilig wie  an  den  blumigen  Ufern  der  Leine. 
Doch  kann  ich  nicht  umhin,  zu  erwähnen,  daß 
wir  zwei  sehr  hübsche  Bälle  genossen,  wo  die 
Tänzer  alle  ohne  Krücken  erschienen.  Es  fehlte 
dabei  nicht  an  einigen  Töchtern  Albions,  die  sich 
durch  Schönheit  und  linkisches  Wesen  auszeichneten; 
sie  tanzten  als  ritten  sie  auf  Eseln.  Unter  den  Fran- 
zösinnen glänzte  die  Tochter  des  berühmten  Cella- 
rius,  die,  *■  welche  Ehre  für  das  kleine  Bareges  — 
hier  eigenfüßig  die  Polka  tanzte.  Auch  mehre  junge 
Tanznixen  der  Pariser  großen  Oper,  welche  man 
Ratten  nennt,  unter  andern  die  silberfüßige  Made- 
moiselle  Lelhomme,  wirbelten  hier  ihre  Entrechats, 
und  ich  dachte  bei  diesem  Anblick  wieder  lebhaft 
an  mein  liebes  Paris,  wo  ich  es  vor  lauter  Tanz 
und  Musik  am  Ende  nicht  mehr  aushalten  konnte,  und 
wohin  das  Herz  sich  jetzt  dennoch  wieder  zurück- 


Anhang  393 

sehnt.  Wunderbar  närrischer  Zauber!  Vor  lauter 
Plaisir  und  Belustigung  wird  Paris  zuletzt  so  er* 
müdend,  so  erdrückend,  so  überlästig,  alle  Freuden 
sind  dort  mit  so  erschöpfender  Anstrengung  ver- 
bunden,  daß  man  jauchzend  froh  ist,  wenn  man  dieser 
Galeere  des  Vergnügens  einmal  entspringen  kann  — 
und  kaum  ist  man  einige  Monate  von  dort  entfernt, 
so  kann  eine  einzige  Walzermelodie  oder  der  bloße 
Schatten  eines  Tänzerinnenbeins  in  unserm  Gemüte 
das  sehnsüchtigste  Heimweh  nach  Paris  erwecken! 
Das  geschieht  aber  nur  den  bemoosten  Häuptern  die- 
ses süßen  Bagnos,  nicht  den  jungen  Burschen  unsrer 
Landsmannschaft,  die  nach  einem  kurzen  Semester- 
aufenthalt in  Paris  gar  kläglich  bejammern,  daß  es 
dort  nicht  so  gemütlich  still  sei  wie  jenseits  des 
Rheins,  wo  das  Zellensystem  des  einsamen  Nach- 
denkens eingeführt  ist,  daß  man  sich  dort  nicht 
ruhig  sammeln  könne  wie  etwa  zu  Magdeburg  oder 
Spandau,  daß  das  sittliche  Bewußtsein  sich  dort 
verliere  im  Geräusch  der  Genußwellen  die  sich 
überstürzen,  daß  die  Zerstreuung  dort  zu  groß  sei  — 
ja,  sie  ist  wirklich  zu  groß  in  Paris,  denn  während  wir 
uns  dort  zerstreuen,  zerstreut  sich  auch  unser  Geld! 
Ach,  das  Geld!  Es  weiß  sich  sogar  hier  in  Bareges 
zu  zerstreuen,  so  langweilig  auch  dieses  Heilnest. 
Es  übersteigt  alle  Begriffe,  wie  teuer  der  hiesige  Auf- 
enthalt; er  kostet  mehr  als  das  Doppelte,  was  man 
in  andern  Badeörtern  der  Pyrenäen  ausgibt.  Und 
welche  Habsucht  bei  diesen  Gebirgsbewohnern,  die 
man  als  eine  Art  Naturkinder,  als  die  Reste  einer 
Unschuldsrasse  zu  preisen  pflegt!  Sie  huldigen  dem 
Geld  mit  einer  Inbrunst,  die  an  Fanatismus  grenzt, 
und  das  ist  ihr  eigentlicher  Nationalkultus.  Aber 
ist  das  Geld  jetzt  nicht  der  Gott  der  ganzen  Welt, 


394 


Lutezia 


ein  allmächtiger  Gott,  den  selbst  der  verstockteste 
Atheist  keine  drei  Tage  lang  verleugnen  könnte,  denn 
ohne  seine  göttliche  Hilfe  würde  ihm  der  Bäcker 
nicht  den  kleinsten  Semmel  verabfolgen  lassen. 

Dieser  Tage,  bei  der  großen  Hitze,  kamen  ganze 
Schwärme  von  Engländern  nach  Bareges ;  rotgesunde, 
beefsteakgemästete  Gesichter,  die  mit  der  bleichen 
Gemeinde  der  Badegäste  schier  beleidigend  kontras- 
tierten.  Der  bedeutendste  dieser  Ankömmlinge  ist 
ein  enorm  reiches  und  (eidlich  bekanntes  Parlaments- 
glied von  der  torystischen  Clique.  Dieser  Gentle- 
man scheint  die  Franzosen  nicht  zu  lieben,  aber  hin- 
gegen uns  Deutsche  mit  der  größten  Zuneigung  zu 
beehren.  Er  rühmte  besonders  unsre  Redlichkeit 
und  Treue.  Auch  wolle  er  zu  Paris,  wo  er  den 
Winter  zu  verbringen  gedenke,  sich  keine  französi- 
schen Bedienten,  sondern  nur  deutsche  anschaffen. 
Ich  dankte  ihm  für  das  Zutrauen,  das  er  uns  schenke, 
und  empfahl  ihm  einige  Landsleute  von  der  histori- 
schen Schule. 

Zu  den  hiesigen  Badegästen  rechnen  wir  auch, 
wie  männiglich  bekannt  ist,  den  Prinzen  von  Nemours, 
der  einige  Stunden  von  hier,  zu  Lüz,  mit  seiner  Fa- 
milie wohnt,  aber  täglich  hierher  fährt,  um  sein  Bad 
zu  nehmen.  Als  er  das  erstemal  in  dieser  Absicht 
nach  Bareges  kam,  saß  er  in  einer  offenen  Kalesche, 
obgleich  das  miserabelste  Nebelwetter  an  jenem  Tage 
herrschte;  ich  schloß  daraus,  daß  er  sehr  gesund 
sein  müsse,  und  jedenfalls  keinen  Schnupfen  scheue. 
Sein  erster  Besuch  galt  dem  hiesigen  Militärhospital, 
wo  er  leutselig  mit  den  kranken  Soldaten  sprach, 
sich  nach  ihren  Blessuren  erkundigte,  auch  nach 
ihrer  Dienstzeit  usw.  Eine  solche  Demonstration,  ob- 
gleich sie  nur  ein  altes  Trompeterstückchen  ist,  womit 


Anhang  395 

schon  so  viele  erlauchte  Personen  ihre  Virtuosität  be* 
urkundet  haben,  verfehlt  doch  nie  ihre  Wirkung,  und 
als  der  Fürst  bei  der  Badeanstalt  anlangte,  wo  das  neu* 
gierige  Publikum  ihn  erwartete,  war  er  bereits  ziem* 
lieh  populär.  Nichtsdestoweniger  ist  der  Herzog  von 
Nemours  nicht  so  beliebt,  wie  sein  verstorbener  Bru- 
der,  dessen  Eigenschaften  sich  mit  mehrOffenheit  kund* 
gaben.  Dieser  herrliche  Mensch,  oder  besser  gesagt 
dieses  herrliche  Menschengedicht,  welches  Ferdinand 
Orleans  hieß,  war  gleichsam  in  einem  populären,  all* 
gemein  faßlichen  Stil  gedichtet,  während  der  Nemours 
in  einer  für  die  große  Menge  minder  leicht  zugäng* 
liehen  Kunstform  sich  zurückzieht.  Beide  Prinzen 
bildeten  immer  einen  merkwürdigen  Gegensatz  in 
ihrer  äußern  Erscheinung.  Die  des  Orleans  war 
nonchalant  ritterlich;  der  andere  hat  vielmehr  etwas 
von  feiner  Patrizierart.  Ersterer  war  ganz  ein  junger 
französischer  Offizier,  übersprudelnd  von  leichtsin» 
nigster  Bravour,  ganz  die  Sorte,  die  gegen  Festungs- 
mauern und  Frauenherzen  mit  gleicher  Lust  Sturm 
läuft.  Es  heißt,  der  Nemours  sei  ein  guter  Soldat, 
vom  kaltblütigsten  Mute,  aber  nicht  sehr  kriegerisch. 
Er  wird  daher,  wenn  er  zur  Regentschaft  gelangt, 
sich  nicht  so  leicht  von  der  Trompete  Bellonas  ver- 
locken lassen,  wie  sein  Bruder  dessen  fähig  war;  was 
uns  sehr  lieb  ist,  da  wir  wohl  ahnen,  welches  teure 
Land  der  Kriegsschauplatz  sein  würde,  und  welches 
naive  Volk  am  Ende  die  Kriegskosten  bezahlen 
müßte.  Nur  eins  möchte  ich  gern  wissen,  ob  näm- 
lich der  Herzog  von  Nemours  auch  so  viel  Geduld 
besitzt  wie  sein  glorreicher  Vater,  der  durch  diese 
Eigenschaft,  die  allen  seinen  französischen  Gegnern 
fehlt,  unermüdlich  gesiegt  und  dem  schönen  Frank- 
reich und  der  Welt  den  Frieden  erhalten  hat. 


^g6  Lutezia 

III. 

Bareges,  20.  August  1846. 
Der  Herzog  von  Nemours  hat  auch  Geduld. 
Daß  er  diese  Kardinaltugend  besitzt,  bemerkte  ich 
an  der  Gelassenheit,  womit  er  jede  Verzögerung  er- 
trägt, wenn  sein  Bad  bereitet  wird.  Er  erinnert 
keineswegs  an  seinen  Großoheim  und  dessen  »J'ai 
failli  attendre!«  Der  Herzog  von  Nemours  versteht 
zu  warten  und  als  eine  ebenfalls  gute  Eigenschaft 
bemerkte  ich  an  ihm,  daß  er  andere  nicht  lange 
warten  läßt.  Ich  bin  sein  Nachfolger  (nämlich  in 
der  Badewanne)  und  muß  ihm  das  Lob  erteilen,  daß 
er  dieselbe  so  pünktlich  verläßt,  wie  ein  gewöhn- 
licher Sterblicher,  dem  hier  seine  Stunde  bis  auf  die 
Minute  zugemessen  ist.  Er  kommt  alle  Tage  hie- 
her,  gewöhnlich  in  einem  offenen  Wagen,  selber  die 
Pferde  lenkend,  während  neben  ihm  ein  verdrießlich 
müßiges  Kutschergesicht  und  hinter  ihm  sein  korpu- 
lenter deutscher  Kammerdiener  sitzt.  Sehr  oft,  wenn 
das  Wetter  schön,  läuft  der  Fürst  neben  dem  Wagen 
her,  die  ganze  Strecke  von  Lüz  bis  Bareges,  wie 
er  denn  überhaupt  Leibesübungen  sehr  zu  lieben 
scheint.  Er  macht  auch  mit  seiner  Gemahlin,  die 
eine  der  schönsten  Frauen  ist,  sehr  häufige  Ausflüge 
nach  merkwürdigen  Gebirgsörtern.  So  kam  er  mit 
ihr  jüngst  hieher,  um  den  Pic  du  Midi  zu  besteigen, 
und  während  die  Fürstin  mit  ihrer  Gesellschaftsdame 
in  Palankinen  den  Berg  hinaufgetragen  ward,  eilte 
der  junge  Fürst  ihnen  voraus,  um  auf  der  Koppe 
eine  Weile  einsam  und  ungestört  jene  kolossalen 
Naturschönheiten  zu  betrachten,  die  unsere  Seele 
so  idealisch  emporheben  aus  der  niedern  Werkel- 
tagswelt.     Als  jedoch  der  Prinz  auf  die  Spitze  des 


Anhang  397 

Berges  gelangte,  erblickte  er  dort  steif  aufgepflanzt 
—  drei  Gendarmen!  Nun  gibt  es  aber  wahrlich 
nichts  auf  der  Welt,  was  ernüchternder  und  ab* 
kühlender  wirken  mag,  als  das  positive  Gesetztafel- 
gesicht  eines  Gendarmen  und  das  schauderhafte 
Zitronengelb  seines  Bandeliers.  Alle  schwärmerischen 
Gefühle  werden  uns  da  gleichsam  in  der  Brust  arre- 
tiert, au  nom  de  la  loi.  Ich  mußte  wehmütig  lachen, 
als  man  mir  erzählte,  wie  damisch  verdrießlich  der 
Nemours  ausgesehen,  als  er  bemerkte,  welche  Sür- 
prise  der  servile  Diensteifer  des  Präfekten  ihm  auf 
dem  Gipfel  des  Pic  du  Midi  bereitet  hatte. 

Hier  in  Bareges  wird  es  täglich  langweiliger.  Das 
Unleidliche  ist  eigentlich  nicht  der  Mangel  an  ge- 
sellschaftlichen Zerstreuungen,  sondern  vielmehr,  daß 
man  auch  die  Vorteile  der  Einsamkeit  entbehrt,  in* 
dem  hier  beständig  ein  Schreien  und  Lärmen,  das 
kein  stilles  Hinträumen  erlaubt,  und  uns  jeden  Augen- 
blick aus  unsern  Gedanken  aufschreckt.  Ein  grelles, 
nervenzerreißendes  Knallen  mit  der  Peitsche,  die 
hiesige  Nationalmusik,  hört  man  vom  frühesten  Mor- 
gen bis  spät  in  die  Nacht.  Wenn  nun  gar  das 
schlechte  Wetter  eintritt  und  die  Berge  schlaftrunken 
ihre  Nebelkappen  über  die  Ohren  ziehen,  dann  dehnen 
sich  hier  die  Stunden  zu  ennüyanten  Ewigkeiten.  Die 
leibhaftige  Göttin  der  Langeweile,  das  Haupt  gehüllt 
in  eine  bleierne  Kapuze  und  Klopstocks  »Messiade« 
in  der  Hand,  wandelt  dann  durch  die  Straße  von 
Bareges,  und  wen  sie  angähnt,  dem  versickert  im 
Herzen  der  letzte  Tropfen  Lebensmut!  Es  geht  so 
weit,  daß  ich  aus  Verzweiflung  die  Gesellschaft 
unsers  Gönners,  des  englischen  Parlamentsgliedes, 
nicht  mehr  zu  vermeiden  suche.  Er  zollt  noch 
immer  die   gerechteste  Anerkennung  unsern   Haus- 


39S  Lutezia 

tilgenden  und  sittlichen  Vorzügen.  Doch  will  es 
mich  bedünken,  als  liebe  er  uns  weniger  enthusia- 
stisch, seitdem  ich  in  unsern  Gesprächen  die  Äußerung 
fallen  ließ,  daß  die  Deutschen  jetzt  ein  großes  Ge- 
lüste empfänden  nach  dem  Besitz  einer  Marine,  daß 
wir  zu  allen  Schiffen  unserer  künftigen  Flotte  schon 
die  Namen  ersonnen,  daß  die  Patrioten  in  den  Zwangs- 
prytaneen,  statt  der  bisherigen  Wolle,  jetzt  nur  Linnen 
zu  Segeltüchern  spinnen  wollen,  und  daß  die  Eichen 
im  Teutoburger  Walde,  die  seit  der  Niederlage  des 
Varus  geschlafen,  endlich  erwacht  seien  und  sich  zu 
freiwilligen  Mastbäumen  erboten  haben.  Dem  edlen 
Briten  mißfiel  sehr  diese  Mitteilung,  und  er  meinte: 
wir  Deutschen  täten  besser,  wenn  wir  den  Ausbau 
des  Kölner  Doms,  des  großen  Glaubenswerks  unsrer 
Väter,  mit  unzersplitterten  Kräften  betrieben. 

Jedesmal  wenn  ich  mit  Engländern  über  meine 
Heimat  rede,  bemerke  ich  mit  tiefster  Beschämung, 
daß  der  Haß,  den  sie  gegen  die  Franzosen  hegen, 
für  dieses  Volk  weit  ehrenvoller  ist,  als  die  imper- 
tinente Liebe,  die  sie  uns  Deutschen  angedeihen 
lassen,  und  die  wir  immer  irgendeiner  Lakune  unsrer 
weltlichen  Macht  oder  unsrer  Intelligenz  verdanken: 
sie  lieben  uns  wegen  unsrer  maritimen  Unmacht, 
wobei  keine  Handelskonkurrenz  zu  besorgen  steht; 
sie  lieben  uns  wegen  unsrer  politischen  Naivetät, 
die  sie  im  Fall  eines  Krieges  mit  Frankreich  in 
alter  Weise  auszubeuten  hoffen.   —    — 


Anhang  399 

Musikalische  Saison  von  1844. 
Erster  Bericht. 

Paris,  25.  April  1844. 
A  tout  seigneur  tout  honneur.  Wir  beginnen 
heute  mit  Berlioz,  dessen  erstes  Konzert  die  musi- 
kalische Saison  eröffnete  und  gleichsam  als  Ouver- 
türe derselben  zu  betrachten  war.  Die  mehr  oder 
minder  neuen  Stücke,  die  hier  dem  Publikum  vor- 
getragen wurden,  fanden  den  gebührenden  Applaus, 
und  selbst  die  trägsten  Gemüter  wurden  fortgerissen 
von  der  Gewalt  des  Genius,  der  sich  in  allen 
Schöpfungen  des  großen  Meisters  bekundet.  Hier 
ist  ein  Flügelschlag,  der  keinen  gewöhnlichen  Sanges- 
vogel verrät,  das  ist  eine  kolossale  Nachtigall,  ein 
Sprosser  von  Adlersgröße,  wie  es  deren  in  der  Ur- 
welt gegeben  haben  soll.  Ja,  die  Berliozische  Musik 
überhaupt  hat  für  mich  etwas  Urweltliches,  wo 
nicht  gar  Antediluvianisches,  und  sie  mahnt  mich 
an  untergegangene  Tiergattungen,  an  fabelhafte 
Königstümer  und  Sünden,  an  aufgetürmte  Unmöglich- 
keiten: an  Babylon,  an  die  hängenden  Gärten  der 
Semiramis,  an  Ninive,  an  die  Wunderwerke  von 
Mizraim,  wie  wir  dergleichen  erblicken  auf  den  Ge- 
mälden des  Engländers  Martin.  In  der  Tat,  wenn 
wir  uns  nach  einer  Analogie  in  der  Malerkunst  um- 
sehen, so  finden  wir  die  wahlverwandteste  Ähnlich- 
keit zwischen  Berlioz  und  dem  tollen  Briten:  der- 
selbe Sinn  für  das  Ungeheuerliche,  für  das  Riesen- 
hafte, für  materielle  Unermeßlichkeit.  Bei  dem  einen 
die  grellen  Schatten-  und  Lichteffekte,  bei  dem  andern 
kreischende  Instrumentierung;  bei  dem  einen  wenig 
Melodie,   bei   dem  andern  wenig  Farbe,   bei  beiden 


4oo 


Luteria 


wenig  Schönheit  und  gar  kein  Gemüt.  Ihre  Werke 
sind  weder  antik  noch  romantisch,  sie  erinnern  weder 
an  Griechenland  noch  an  das  katholische  Mittel-» 
alter,  sondern  sie  mahnen  weit  höher  hinauf  an  die 
assyrisch -babylonisch -ägyptische  Architekturperiode 
und  an  die  massenhafte  Passion,  die  sich  darin  aus* 
sprach. 

Welch  ein  ordentlicher  moderner  Mensch  ist  da- 
gegen unser  Felix  Mendelssohn-Bartholdy,  der  hoch- 
gefeierte  Landsmann,  den  wir  heute  zunächst  wegen 
der  Symphonie  erwähnen,  die  im  Konzertsaale  des 
Conservatoires  von  ihm  gegeben  worden.  Dem 
tätigen  Eifer  seiner  hiesigen  Freunde  und  Gönner 
verdanken  wir  diesen  Genuß.  Obgleich  diese  Sym- 
phonie Mendelssohns  im  Conservatoire  sehr  frostig 
aufgenommen  wurde,  verdient  sie  dennoch  die  An- 
erkennung aller  wahrhaft  Kunstverständigen.  Sie  ist 
von  echter  Schönheit,  und  gehört  zu  Mendelssohns 
besten  Arbeiten.  Wie  aber  kommt  es,  daß  dem  so 
verdienten  und  hochbegabten  Künstler,  seit  der  Auf- 
führung des  »Paulus«,  den  man  dem  hiesigen  Publi- 
kum auferlegte,  dennoch  kein  Lorbeerkranz  auf  fran- 
zösischem Boden  hervorblühen  will?  Wie  kommt 
es,  daß  hier  alle  Bemühungen  scheitern,  und  daß 
das  letzte  Verzweiflungsmittel  des  Odeontheaters, 
die  Aufführung  der  Chöre  zur  »Antigone«,  eben- 
falls nur  ein  klägliches  Resultat  hervorbrachte? 
Mendelssohn  bietet  uns  immer  Gelegenheit,  über  die 
höchsten  Probleme  der  Ästhetik  nachzudenken. 
Namentlich  werden  wir  bei  ihm  immer  an  die  große 
Frage  erinnert:  was  ist  der  Unterschied  zwischen 
Kunst  und  Lüge?  Wir  bewundern  bei  diesem  Meister 
zumeist  sein  großes  Talent  für  Form,  für  Stilistik, 
seine   Begabnis   sich    das   Außerordentlichste    anzu- 


Anhang  401 

eignen,  seine  reizend  schöne  Faktur,  sein  feines 
Eidechsenohr,  seine  zarten  Fühlhörner  und  seine 
ernsthafte,  ich  möchte  fast  sagen  passionierte  In- 
differenz. Suchen  wir  in  einer  Schwesterkunst  nach 
einer  analogen  Erscheinung,  so  finden  wir  sie  dies- 
mal in  der  Dichtkunst,  und  sie  heißt  Ludwig  Tieck. 
Auch  dieser  Meister  wußte  immer  das  Vorzüglichste 
zu  reproduzieren,  sei  es  schreibend,  oder  vorlesend, 
er  verstand  sogar  das  Naive  zu  machen,  und  er 
hat  doch  nie  etwas  geschaffen  was  die  Menge  be- 
zwang und  lebendig  blieb  in  ihrem  Herzen.  Dem 
begabteren  Mendelssohn  würde  es  schon  eher  ge- 
lingen, etwas  ewig  Bleibendes  zu  schaffen,  aber  nicht 
auf  dem  Boden,  wo  zunächst  Wahrheit  und  Leiden- 
schaft verlangt  wird,  nämlich  auf  der  Bühne;  auch 
Ludwig  Tieck,  trotz  seinem  hitzigsten  Gelüste,  konnte 
es  nie  zu  einer  dramatischen  Leistung  bringen. 

Außer  der  Mendelssohnschen  Symphonie  hörten 
wir  im  Conservatoire  mit  großem  Interesse  eine 
Symphonie  des  seligen  Mozart,  und  eine  nicht  minder 
talentvolle  Komposition  von  Händel.  Sie  wurden 
mit  großem  Beifall  aufgenommen. 

Unser  vortrefflicher  Landsmann  Ferdinand  Hiller 
genießt  unter  den  wahrhaft  Kunstverständigen  ein 
zu  großes  Ansehen,  als  daß  wir  nicht,  so  groß  auch 
die  Namen  sind,  die  wir  eben  genannt,  den  seinigen 
hier  unter  den  Komponisten  erwähnen  dürften,  deren 
Arbeiten  im  Conservatoire  die  verdiente  Aner- 
kennung fanden.  Hiller  ist  mehr  ein  denkender  als 
ein  fühlender  Musiker,  und  man  wirft  ihm  noch 
obendrein  eine  zu  große  Gelehrsamkeit  vor.  Geist 
und  Wissenschaft  mögen  wohl  manchmal  in  den 
Kompositionen  dieses  Doktrinärs  etwas  kühlend 
wirken,    jedenfalls    aber    sind    sie    immer    anmutig, 

IX.  26 


402 


Lutezia 


reizend  und  schön.  Von  schiefmäuliger  Exzentrizi- 
tät ist  hier  keine  Spur,  Hiller  besitzt  eine  artistische 
Wahlverwandtschaft  mit  seinem  Landsmann  Wolf- 
gang Goethe.  Auch  Hiller  ward  geboren  zu  Frank- 
furt, wo  ich,  bei  meiner  letzten  Durchreise,  sein 
väterliches  Haus  sah;  es  ist  genannt  »Zum  grünen 
Frosch«,  und  das  Abbild  eines  Frosches  ist  über 
der  Haustüre  zu  sehen.  Hillers  Kompositionen  er- 
innern aber  nie  an  solch  unmusikalische  Bestie,  son- 
dern nur  an  Nachtigallen,  Lerchen  und  sonstiges 
Frühlingsgevögel. 

An  konzertgebenden  Pianisten  hat  es  auch  dieses 
Jahr  nicht  gefehlt.  Namentlich  die  Iden  des  Märzen 
waren  in  dieser  Beziehung  sehr  bedenkliche  Tage. 
Das  alles  klimpert  drauf  los  und  will  gehört  sein,  und 
sei  es  auch  nur  zum  Schein,  um  jenseits  der  Barriere 
von  Paris  sich  als  große  Zelebrität  gebärden  zu 
dürfen.  Den  erbettelten  oder  erschlichenen  Fetzen 
Feuilletonlob  wissen  die  Kunstjünger,  zumal  in 
Deutschland,  gehörig  auszubeuten,  und  in  den  dor- 
tigen Reklamen  heißt  es  dann,  das  berühmte  Genie, 
der  große  Rudolf  W.  sei  angekommen,  der  Neben- 
buhler von  Liszt  und  Thalberg,  der  Klavierheros, 
der  in  Paris  so  großes  Aufsehen  erregt  habe  und 
sogar  von  dem  Kritiker  Jules  Janin  gelobt  worden, 
Hosianna!  Wer  nun  eine  solche  arme  Fliege  zu- 
fällig in  Paris  gesehen  hat,  und  überhaupt  weiß,  wie 
wenig  hier  von  noch  weit  bedeutendem  Personnagen 
Notiz  genommen  wird,  findet  die  Leichtgläubigkeit 
des  Publikums  sehr  ergötzlich,  und  die  plumpe  Un- 
verschämtheit der  Virtuosen  sehr  ekelhaft.  Das 
Gebrechen  aber  liegt  tiefer,  nämlich  in  dem  Zustand 
unsrer  Tagespresse,  und  dieser  ist  wieder  nur  ein 
Ergebnis  fatalerer  Zustände.    Ich  muß  immer  darauf 


Anhang  403 

zurückkommen,  daß  es  nur  drei  Pianisten  gibt,  die 
eine  ernste  Beachtung  verdienen,  nämlich:  Chopin, 
der  holdselige  Tondichter,  der  aber  leider  auch  diesen 
Winter  sehr  krank  und  wenig  sichtbar  war;  dann 
Thalberg,  der  musikalische  Gentleman,  der  am  Ende 
gar  nicht  nötig  hätte,  Klavier  zu  spielen,  um  überall 
als  eine  schöne  Erscheinung  begrüßt  zu  werden, 
und  der  sein  Talent  auch  wirklich  nur  als  eine  Apa* 
nage  zu  betrachten  scheint;  und  dann  unser  Liszt, 
der  trotz  aller  Verkehrtheiten  und  verletzenden  Ecken 
dennoch  unser  teurer  Liszt  bleibt,  und  in  diesem 
Augenblick  wieder  die  schöne  Welt  von  Paris  in 
Aufregung  gesetzt.  Ja,  er  ist  hier,  der  große  Agi- 
tator, unser  Franz  Liszt,  der  irrende  Ritter  aller 
möglichen  Orden,  <mit  Ausnahme  der  französischen 
Ehrenlegion,  die  Ludwig  Philipp  keinem  Virtuosen 
geben  will);  er  ist  hier,  der  hohenzollenvhechingensche 
Hofrat,  der  Doktor  der  Philosophie  und  Wunderdoktor 
der  Musik,  der  wieder  auferstandene  Rattenfänger  von 
Hameln,  der  neue  Faust,  dem  immer  ein  Pudel  in 
der  Gestalt  Bellonis  folgt,  der  geadelte  und  dennoch 
edle  Franz  Liszt!  Er  ist  hier,  der  moderne  Amphion, 
der  mit  den  Tönen  seines  Saitenspiels  beim  Kölner 
Dombau  die  Steine  in  Bewegung  setzte,  daß  sie  sich 
zusammenfügten,  wie  einst  die  Mauern  von  Theben 
Er  ist  hier,  der  moderne  Homer,  den  Deutschland, 
Ungarn  und  Frankreich,  die  drei  größten  Länder, 
als  Landeskind  reklamieren,  während  der  Sänger  der 
»Ilias«  nur  von  sieben  kleinen  Provinzialstädten  in 
Anspruch  genommen  ward !  Er  ist  hier,  der  Attila, 
die  Geißel  Gottes  aller  Erardschen  Pianos,  die  schon 
bei  der  Nachricht  seines  Kommens  erzitterten  und 
die  nun  wieder  unter  seiner  Hand  zucken,  bluten 
und   wimmern,    daß   die   Tierquälergesellschaft   sich 


404  Lutezia 

ihrer  annehmen  sollte!  Er  ist  hier,  das  tolle,  schöne, 
häßliche,  rätselhafte,  fatale  und  mitunter  sehr  kin- 
dische Kind  seiner  Zeit,  der  gigantische  Zwerg,  der 
rasende  Roland  mit  dem  ungarischen  Ehrensäbel, 
der  geniale  Hans  Narr,  dessen  Wahnsinn  uns  selber 
den  Sinn  verwirrt,  und  dem  wir  in  jedem  Fall  den 
loyalen  Dienst  erweisen,  daß  wir  die  große  Furore, 
die  er  hier  erregt,  zur  öffentlichen  Kunde  bringen. 
Wir  konstatieren  unumwunden  die  Tatsache  des  Un- 
geheuern Succes;  wie  wir  diese  Tatsache  nach 
unserm  Privatbedünken  ausdeuten  und  ob  wir  über- 
haupt unsern  Privatbeifall  dem  gefeierten  Virtuosen 
zollen  oder  versagen,  mag  demselben  gewiß  gleich- 
gültig sein,  da  unsre  Stimme  nur  die  eines  einzelnen 
und  unsre  Autorität  in  der  Tonkunst  nicht  von 
sonderlicher  Bedeutung  ist. 

Wenn  ich  früherhin  von  dem  Schwindel  hörte, 
der  in  Deutschland  und  namentlich  in  Berlin  aus- 
brach, als  sich  Liszt  dort  zeigte,  zuckte  ich  mit- 
leidig die  Achsel  und  dachte:  das  stille  sabbatliche 
Deutschland  will  die  Gelegenheit  nicht  versäumen, 
um  sich  ein  bißchen  erlaubte  Bewegung  zu  machen, 
es  will  die  schlaftrunkenen  Glieder  ein  wenig  rütteln, 
und  meine  Abderiten  an  der  Spree  kitzeln  sich  gern 
in  einen  gegebenen  Enthusiasmus  hinein,  und  einer 
deklamiert  dem  andern  nach:  »Amor,  Beherrscher 
der  Menschen  und  der  Götter!«  Es  ist  ihnen,  dacht' 
ich,  bei  dem  Spektakel  um  den  Spektakel  selbst  zu 
tun,  um  den  Spektakel  an  sich,  gleichviel  wie  dessen 
Veranlassung  heiße,  Georg  Herwegh,  Franz  Liszt 
oder  Fanny  Elßler;  wird  Herwegh  verboten,  so 
hält  man  sich  an  Liszt,  der  unverfänglich  und  un- 
kompromittierend.  So  dachte  ich,  so  erklärte  ich 
mir  die  Lisztomanie,  und  ich  nahm  sie  für  ein  Merk- 


Anhang  ^Oj 

mal  des  politisch  unfreien  Zustandes  jenseits  des 
Rheines.  Aber  ich  habe  mich  doch  geirrt,  und  das 
merkte  ich  vorige  Woche  im  italienischen  Opern^ 
haus,  wo  Liszt  sein  erstes  Konzert  gab  und  zwar 
vor  einer  Versammlung,  die  man  wohl  die  Blüte  der 
hiesigen  Gesellschaft  nennen  konnte.  Jedenfalls 
waren  es  wachende  Pariser,  Menschen,  die  mit  den 
höchsten  Erscheinungen  der  Gegenwart  vertraut,  die 
mehr  oder  minder  lange  mitgelebt  hatten  das  große 
Drama  der  Zeit,  darunter  so  viele  Invaliden  aller 
Kunstgenüsse,  die  müdesten  Männer  der  Tat,  Frauen 
die  ebenfalls  sehr  müde,  indem  sie  den  ganzen 
Winter  hindurch  die  Polka  getanzt,  eine  Unzahl 
beschäftigter  und  blasierter  Gemüter  —  das  war 
wahrlich  kein  deutsch-sentimentales,  berlinisch  an* 
empfindelndes  Publikum,  vor  welchem  Liszt  spielte, 
ganz  allein,  oder  vielmehr  nur  begleitet  von  seinem 
Genius.  Und  dennoch,  wie  gewaltig,  wie  er- 
schütternd wirkte  schon  seine  bloße  Erscheinung! 
Wie  ungestüm  war  der  Beifall,  der  ihm  entgegen- 
klatschte! Auch  Buketts  wurden  ihm  zu  Füßen 
geworfen!  Es  war  ein  erhabener  Anblick,  wie  der 
Triumphator  mit  Seelenruhe  die  Blumensträuße  auf 
sich  regnen  ließ,  und  endlich,  graziöse  lächelnd,  eine 
rote  Kamelia,  die  er  aus  einem  solchen  Bukett  hervor* 
zug,  an  seine  Brust  steckte.  Und  dieses  tat  er  in 
Gegenwart  einiger  jungen  Soldaten,  die  eben  aus 
Afrika  gekommen,  wo  sie  keine  Blumen,  sondern 
bleierne  Kugeln  auf  sich  regnen  sahen  und  ihre 
Brust  mit  den  roten  Kamelias  des  eignen  Helden- 
bluts geziert  ward,  ohne  daß  man  hier  oder  dort  da- 
von besonders  Notiz  nahm.  Sonderbar!  dachte  ich, 
diese  Pariser,  die  den  Napoleon  gesehen,  der  eine 
Schlacht  nach  der  andern  liefern  mußte,  um  ihre  Auf- 


406  Lutezia 

mcrksamkeit  zu  fesseln,  diese  jubeln  jetzt  unserm  Franz 
Liszt!  Und  welcher  Jubel!  Eine  wahre  Verrückt- 
heit, wie  sie  unerhört  in  den  Annalen  der  Furore! 
Was  ist  aber  der  Grund  dieser  Erscheinung?  Die 
Lösung  der  Frage  gehört  vielleicht  eher  in  die  Patho- 
logie als  in  die  Ästhetik.  Ein  Arzt,  dessen  Spezia- 
lität weibliche  Krankheiten  sind,  und  den  ich  über 
den  Zauber  befragte,  den  unser  Liszt  auf  sein  Publi- 
kum ausübt,  lächelte  äußerst  sonderbar  und  sprach 
dabei  allerlei  von  Magnetismus,  Galvanismus,  Elektri- 
zität, von  der  Kontagion  in  einem  schwülen,  mit 
unzähligen  Wachskerzen  und  einigen  hundert  par- 
furmierten  und  schwitzenden  Menschen  angefüllten 
Saale,  von  Histrionalepilepsis ,  von  dem  Phänomen 
des  Kitzeins,  von  musikalischen  Kanthariden  und 
andern  skabrosen  Dingen,  welche,  glaub  ich,  Bezug 
haben  auf  die  Mysterien  der  bona  dea.  Vielleicht 
aber  liegt  die  Lösung  der  Frage  nicht  so  abenteuer- 
lich tief,  sondern  auf  einer  sehr  prosaischen  Ober- 
fläche. Es  will  mich  manchmal  bedünken,  die  ganze 
Hexerei  ließe  sich  dadurch  erklären,  daß  niemand 
auf  dieser  Welt  seine  Sukzesse,  oder  vielmehr  die 
mise  en  scene  derselben  so  gut  zu  organisieren 
weiß,  wie  unser  Franz  Liszt.  In  dieser  Kunst  ist 
er  ein  Genie,  ein  Philadelphia,  ein  Bosco,  ja  ein 
Meyerbeer.  Die  vornehmsten  Personen  dienen  ihm 
als  Comperes,  und  seine  Mietenthusiasten  sind 
musterhaft  dressiert.  Knallende  Champagnerflaschen 
und  der  Ruf  von  verschwenderischer  Freigebigkeit, 
ausposaunt  durch  die  glaubwürdigsten  Journale,  lockt 
Rekruten  in  jeder  Stadt.  Nichtsdestoweniger  mag 
es  der  Fall  sein,  daß  unser  Franz  Liszt  wirklich 
von  Natur  sehr  spendabel  und  frei  wäre  von  Geld- 
geiz,   einem  schäbigen   Laster,    das  so  vielen  Vir- 


Anhang  407 

tuosen  anklebt,  namentlich  den  Italienern,  und  das 
wir  sogar  bei  dem  flötensüßen  Rubini  finden,  von 
dessen  Filz  eine  in  jeder  Beziehung  sehr  spaßhafte 
Anekdote  erzählt  wird.  Der  berühmte  Sänger  hatte 
nämlich  in  Verbindung  mit  Franz  Liszt  eine  Kunst- 
reise auf  gemeinschaftliche  Kosten  unternommen, 
und  der  Profit  der  Konzerte,  die  man  in  verschie- 
denen Städten  geben  wollte,  sollte  geteilt  werden. 
Der  große  Pianist,  der  überall  den  Generalintendanten 
seiner  Berühmtheit,  den  schon  erwähnten  Signor 
Belloni,  mit  sich  herumführt,  übertrug  demselben  bei 
dieser  Gelegenheit  alles  Geschäftliche.  Als  der 
Signor  Belloni  aber  nach  beendigter  Geschäftsführung 
seine  Rechnung  eingab,  bemerkte  Rubini  mit  Ent- 
setzen, daß  unter  den  gemeinsamen  Ausgaben  auch 
eine  bedeutende  Summe  für  Lorbeerkränze,  Blumen- 
buketts, Lobgedichte  und  sonstige  Ovationskosten 
angesetzt  war.  Der  naive  Sänger  hatte  sich  ein- 
gebildet, daß  man  ihm  seiner  schönen  Stimme  wegen 
solche  Beifallszeichen  zugeschmissen,  er  geriet  jetzt 
in  großen  Zorn,  und  wollte  durchaus  nicht  die  Bu- 
ketts bezahlen,  worin  sich  vielleicht  die  kostbarsten 
Kamelias  befanden.  War  ich  ein  Musiker,  dieser 
Zwist  böte  mir  das  beste  Sujet  einer  komischen  Oper. 
Aber  ach!  laßt  uns  die  Huldigungen,  welche  die 
berühmten  Virtuosen  einernten,  nicht  allzugenau 
untersuchen.  Ist  doch  der  Tag  ihrer  eitlen  Berühmt- 
heit sehr  kurz,  und  die  Stunde  schlägt  bald,  wo  der 
Titane  der  Tonkunst  vielleicht  zu  einem  Stadtmusi- 
kus von  sehr  untergesetzter  Statur  zusammen- 
schrumpft, der  in  seinem  Kaffeehause  den  Stamm- 
gästen erzählt  und  auf  seine  Ehre  versichert,  wie 
man  ihm  einst  Blumenbuketts  mit  den  schönsten 
Kamelias  zugeschleudert,  und  wie  sogar  einmal  zwei 


^.o8  Lutezia 

ungarische  Gräfinnen,  um  sein  Schnupftuch  zu  er- 
haschen, sich  selbst  zur  Erde  geschmissen  und  blutig 
gerauft  haben!  Die  Eintagsreputation  der  Virtuo- 
sen verdünstet  und  verhallt,  öde,  spurlos,  wie  der 
Wind  eines  Kameles  in  der  Wüste. 

Der  Übergang  vom  Löwen  zum  Kaninchen  ist 
etwas  schroff.  Dennoch  darf  ich  hier  jene  zahmeren 
Klavierspieler  nicht  unbeachtet  lassen,  die  in  der 
diesjährigen  Saison  sich  ausgezeichnet.  Wir  können 
nicht  alle  große  Propheten  sein,  und  es  muß  auch 
kleine  Propheten  geben,  wovon  zwölf  auf  ein  Dutzend 
gehen.  Als  den  Größten  unter  den  Kleinen  nennen 
wir  hier  Theodor  Döhler.  Sein  Spiel  ist  nett,  hübsch, 
artig,  empfindsam,  und  er  hat  eine  ganz  eigentüm- 
liche Manier,  mit  der  wagerecht  ausgestreckten  Hand 
bloß  durch  die  gebogenen  Fingerspitzen  die  Tasten 
anzuschlagen.  Nach  Döhler  verdient  Halle  unter 
den  kleinen  Propheten  eine  besondere  Erwähnung; 
er  ist  ein  Habakuk  von  ebenso  bescheidenem  wie 
wahrem  Verdienst.  Ich  kann  nicht  umhin,  hier  auch 
des  Herrn  Schad  zu  erwähnen,  der  unter  den  Klavier- 
spielern vielleicht  denselben  Rang  einnimmt,  den  wir 
dem  Jonas  unter  den  Propheten  einräumen;  möge 
ihn  nie  ein  Walfisch  verschlucken ! 

Als  gewissenhafter  Berichterstatter,  der  nicht  bloß 
von  neuen  Opern  und  Konzerten,  sondern  auch  von 
allen  andern  Katastrophen  der  musikalischen  Welt 
zu  berichten  hat,  muß  ich  auch  von  den  vielen  Ver- 
heiratungen reden,  die  darin  zum  Ausbruch  gekom- 
men, oder  auszubrechen  drohen.  Ich  rede  von  wirk- 
lichen, lebenslänglichen,  höchst  anständigen  Heiraten, 
nicht  von  dem  wilden  Ehedilettantismus,  der  des 
Maires  mit  der  dreifarbigen  Schärpe  und  des  Segens 
der  Kirche  entbehrt.    Chacun  sucht  jetzt  seine  Cha- 


Anhang  409 

cune.  Die  Herrn  Künstler  tänzeln  einher  auf  Freiers* 
fußen  und  trällern  Hymenäen.  Die  Violine  ver- 
schwägert sich  mit  der  Flöte;  die  Hornmusik  wird 
nicht  ausbleiben.  Einer  der  drei  berühmtesten  Pia* 
nisten  vermählte  sich  unlängst  mit  der  Tochter  des 
in  jeder  Hinsicht  größten  Bassisten  der  italienischen 
Oper;  die  Dame  ist  schön,  anmutig  und  geistreich. 
Vor  einigen  Tagen  erfuhren  wir,  daß  noch  ein  an* 
derer  ausgezeichneter  Pianist  aus  Warschau  in  den 
heiligen  Ehestand  trete,  daß  auch  er  sich  hinaus- 
wage auf  jenes  hohe  Meer,  für  welches  noch  kein 
Kompaß  erfunden  worden.  Immerhin,  kühner  Segler, 
stoß  ab  vom  Lande,  und  möge  kein  Sturm  dein  Ru* 
der  brechen!  Jetzt  heißt  es  sogar,  daß  der  größte 
Violinist,  den  Breslau  nach  Paris  geschickt,  sich  hier 
verheiratet,  daß  auch  dieser  Fiedelkundige  seines 
ruhigen  Junggcsellentums  überdrüssig  geworden,  und 
das  furchtbare,  unbekannte  Jenseits  versuchen  wolle. 
Wir  leben  in  einer  heldenmütigen  Periode.  Dieser 
Tage  verlobte  sich  ein  ebenfalls  berühmter  Virtuos. 
Er  hat  wie  Theseus  eine  schöne  Ariadne  gefunden, 
die  ihn  durch  das  Labyrinth  dieses  Lebens  leiten 
wird;  an  einem  Garnknäuel  fehlt  es  ihr  nicht,  denn 
sie  ist  eine  Nähterin. 

Die  Violinisten  sind  in  Amerika,  und  wir  erhiel- 
ten die  ergötzlichsten  Nachrichten  über  die  Triumph- 
züge von  Ole  Bull,  dem  Lafayette  des  Puffs,  dem 
Reklamenheld  beider  Welten.  Der  Entrepreneur  seiner 
Sukzesse  ließ  ihn  zu  Philadelphia  arretieren,  um  ihn 
zu  zwingen,  die  in  Rechnung  gestellten  Ovations- 
kosten zu  berichtigen.  Der  Gefeierte  zahlte,  und 
man  kann  jetzt  nicht  mehr  sagen,  daß  der  blonde 
Normanne,  der  geniale  Geiger,  seinen  Ruhm  jeman- 
dem schuldig  sei.     Hier   in  Paris   hörten  wir  unter- 


xio  Lutezia 

dessen  den  Sivori;  Porzia  würde  sagen:  da  ihn  der 
liebe  Gott  für  einen  Mann  ausgibt,  so  will  ich  ihn 
dafür  nehmen.  Ein  andermal  überwinde  ich  viel- 
leicht mein  Mißbehagen,  um  über  dieses  geigende 
Brechpulver  zu  referieren.  Alexander  Batta  hat  auch 
dieses  Jahr  ein  schönes  Konzert  gegeben;  er  weint 
noch  immer  auf  dem  großen  Violoncello  seine  kleinen 
Kindertränen.  Bei  dieser  Gelegenheit  könnte  ich 
auch  Herrn  Semmelman  loben;  er  hat  es  nötig. 

Ernst  war  hier.  Der  wollte  aber  aus  Laune  kein 
Konzert  geben;  er  gefällt  sich  darin,  bloß  bei  Freun- 
den zu  spielen.  Dieser  Künstler  wird  hier  geliebt 
und  geachtet.  Er  verdient  es.  Er  ist  der  wahre 
Nachfolger  Paganinis,  er  erbte  die  bezaubernde  Geige, 
womit  der  Genueser  die  Steine,  ja  sogar  die  Klötze 
zu  rühren  wußte.  Paganini,  der  uns  mit  leisem 
Bogenstrich  jetzt  zu  den  sonnigsten  Höhen  führte, 
jetzt  in  grauenvolle  Tiefen  blicken  ließ,  besaß  freilich 
eine  weit  dämonischere  Kraft;  aber  seine  Schatten  und 
Lichter  waren  mitunter  zu  grell,  die  Kontraste  zu 
schneidend,  und  seine  grandiosesten  Naturlaute  muß- 
ten oft  als  künstlerische  Mißgriffe  betrachtet  werden. 
Ernst  ist  harmonischer,  und  die  weichen  Tinten  sind 
bei  ihm  vorherrschend.  Dennoch  hat  er  eine  Vor- 
liebe für  das  Phantastische,  auch  für  das  Barocke, 
wo  nicht  gar  für  das  Skurrile,  und  viele  seiner  Kom- 
positionen erinnern  mich  immer  an  die  Märchen- 
komödien des  Gozzi,  an  die  abenteuerlichsten  Masken- 
spiele, an  »venezianischen  Karnevale.  Das  Musik- 
stück, das  unter  diesem  Namen  bekannt  ist,  und 
unverschämterweise  von  Sivori  gekapert  ward,  ist 
ein  allerliebstes  Capriccio  von  Ernst.  Dieser  Lieb- 
haber des  Phantastischen  kann,  wenn  er  will,  auch 
rein  poetisch  sein,  und  ich  habe  jüngst  eine  Noc- 


Anhang  411 

turne  von  ihm  gehört,  die  wie  aufgelöst  war  in 
Schönheit.  Man  glaubte  sich  entrückt  in  eine  ita- 
lienische Mondnacht,  mit  stillen  Zypressenalleen, 
schimmernd  weißen  Statuen  und  träumerisch  plät- 
schernden Springbrunnen.  Ernst  hat,  wie  bekannt 
ist,  in  Hannover  seine  Entlassung  genommen,  und 
ist  nicht  mehr  königlich  hannoverscher  Konzert- 
meister. Das  war  auch  kein  passender  Platz  für 
ihn.  Er  wäre  weit  eher  geeignet,  am  Hofe  irgend- 
einer Feenkönigin,  wie  z.  B.  der  Frau  Morgane,  die 
Kammermusik  zu  leiten;  hier  fände  er  ein  Audi- 
torium, das  ihn  am  besten  verstünde,  und  darunter 
manche  hohe  Herrschaften,  die  ebenso  kunstsinnig 
wie  fabelhaft,  z.  B.  den  König  Artus,  Dietrich  von 
Bern,  Ogier  den  Dänen  u.  a.  Und  welche  Damen 
würden  ihm  hier  applaudieren!  Die  blonden  Han- 
noveranerinnen mögen  gewiß  hübsch  sein,  aber  sie 
sind  doch  nur  Heidschnucken  in  Vergleichung  mit 
einer  Fee  Melior,  mit  der  Dame  Abonde,  mit  der 
Königin  Genoveva,  der  schönen  Melusine  und  andern 
berühmten  Frauenspersonen,  die  sich  am  Hofe  der 
Königin  Morgane  in  Avalun  aufhalten.  An  diesem 
Hofe  <an  keinem  andern)  hoffen  wir  einst  dem  vor- 
trefflichen Künstler  zu  begegnen,  denn  auch  uns  hat 
man   dort  eine  vorteilhafte  Anstellung  versprochen. 


Zweiter  Bericht. 

Paris,  1.  Mai  1844^ 

Die  Academie  royale  de  Musique,  die  sogenannte 

große   Oper,   befindet  sich   bekanntlich   in   der  Rue 

Lepelletier,  ungefähr  in  der  Mitte,   der  Restauration 

von  Paolo  Broggi  gerade  gegenüber.    Broggi  ist  der 


4>2 


Lutezia 


Name  eines  Italieners,  der  einst  der  Koch  von  Ros* 
sini  war.  Als  letzterer  voriges  Jahr  nach  Paris  kam, 
besuchte  er  auch  die  Trattoria  seines  ehemaligen 
Dieners,  und  nachdem  er  dort  gespeist,  blieb  er  vor 
der  Türe  lange  Zeit  stehen,  in  tiefem  Nachdenken 
das  große  Operngebäude  betrachtend.  Eine  Träne 
trat  in  sein  Auge,  und  als  jemand  ihn  frug,  weshalb 
er  so  wehmütig  bewegt  erscheine,  gab  der  große 
Maestro  zur  Antwort:  Paolo  habe  ihm  sein  Leib* 
gericht,  Ravioli  mit  Parmesankäse,  zubereitet  wie  ehe* 
mals,  aber  er  sei  nicht  imstande  gewesen,  die  Hälfte 
der  Portion  zu  verzehren,  und  auch  diese  drücke 
ihn  jetzt;  er,  der  ehemals  den  Magen  eines  Straußes 
besessen,  könne  heutzutage  kaum  so  viel  vertragen 
wie  eine  verliebte  Turteltaube. 

Wir  lassen  dahingestellt  sein,  inwieweit  der  alte 
Spottvogel  seinen  indiskreten  Frager  mystifiziert  hat, 
und  begnügen  uns  heute,  jedem  Musikfreunde  zu 
raten,  bei  Broggi  eine  Portion  Ravioli  zu  essen,  und 
nachher  ebenfalls  einen  Augenblick  vor  der  Türe 
der  Restauration  verweilend  das  Haus  der  großen 
Oper  zu  betrachten.  Es  zeichnet  sich  nicht  aus 
durch  brillanten  Luxus,  es  hat  vielmehr  das  Äußere 
eines  sehr  anständigen  Pferdestalles,  und  das  Dach 
ist  platt.  Auf  diesem  Dach  stehen  acht  große  Sta- 
tuen, welche  Musen  vorstellen.  Eine  neunte  fehlt, 
und  ach!  das  ist  eben  die  Muse  der  Musik.  Über 
die  Abwesenheit  dieser  sehr  achtungswerten  Muse 
sind  die  sonderbarsten  Auslegungen  im  Schwange. 
Prosaische  Leute  sagen,  ein  Sturmwind  habe  sie  vom 
Dache  heruntergeworfen.  Poetischere  Gemüter  be* 
haupten  dagegen,  die  arme  Polyhymnia  habe  sich 
selbst  hinabgestürzt,  in  einem  Anfall  von  Verzweif* 
lung  über  das  miserable  Singen  von  Monsieur  Du* 


Anhang  413 

prez.  Das  ist  immer  möglich;  die  zerbrochene 
Glasstimme  von  Duprez  ist  so  mißtönend  geworden, 
daß  es  kein  Mensch,  viel  weniger  eine  Muse,  aus* 
halten  kann,  dergleichen  anzuhören.  Wenn  das  noch 
länger  dauert,  werden  auch  die  andern  Töchter  der 
Mnemosyne  sich  vom  Dach  stürzen,  und  es  wird  bald 
gefährlich  sein,  des  Abends  über  die  Rue  Lepelletier 
zu  gehen.  Von  der  schlechten  Musik,  die  hier  in 
der  großen  Oper  seit  einiger  Zeit  grassiert,  will  ich 
gar  nicht  reden.  Donizetti  ist  in  diesem  Augenblick 
noch  der  beste,  der  Achilles.  Man  kann  sich  also 
leicht  eine  Vorstellung  machen  von  den  geringern 
Heroen.  Wie  ich  höre,  hat  auch  jener  Achilles  sich 
in  sein  Zelt  zurückgezogen;  er  boudiert,  Gott  weiß 
warum!  und  er  ließ  der  Direktion  melden,  daß  er 
die  versprochenen  fünfundzwanzig  Opern  nicht  liefern 
werde,  da  er  gesonnen  sei,  sich  auszuruhen.  Wel- 
che Prahlerei!  Wenn  eine  Windmühle  dergleichen 
sagte,  würden  wir  nicht  weniger  lachen.  Entweder 
hat  sie  Wind  und  dreht  sich,  oder  sie  hat  keinen 
Wind  und  steht  still.  Hr.  Donizetti  hat  aber  hier 
einen  rührigen  Vetter,  Signor  Accursi,  der  bestän- 
dig für  ihn  Wind  macht. 

Der  jüngste  Kunstgenuß,  den  uns  die  Academic 
de  Musique  gegeben,  ist  »DerLazzarone«  vonHalevy. 
Dieses  Werk  hat  ein  trauriges  Schicksal  gehabt;  es 
fiel  durch  mit  Pauken  und  Trompeten.  Über  den 
Wert  enthalte  ich  mich  jeder  Äußerung;  ich  kon- 
statiere bloß  sein  schreckliches  Ende. 

Jedesmal  wenn  in  der  Academie  de  Musique  oder 
bei  den  Buffos  eine  Oper  durchfällt  oder  sonst  ein 
ausgezeichnetes  Fiasko  gemacht  wird,  bemerkt  man 
dort  eine  unheimliche  hagere  Figur  mit  blassem  Ge- 
sicht und   kohlschwarzen  Haaren,  eine  Art  mann- 


4H 


Lutcria 


licher  Ahnfrau,  deren  Erscheinung  immer  ein  musika- 
lisches Unglück  bedeutet.  Die  Italiener,  sobald  sie 
derselben  ansichtig,  strecken  hastig  den  Zeige-  und 
Mittelfinger  aus  und  sagen,  das  sei  der  Jettatore. 
Die  leichtsinnigen  Franzosen  aber,  die  nicht  einmal 
einen  Aberglauben  haben,  zucken  bloß  die  Achsel 
und  nennen  jene  Gestalt  Monsieur  Spontini.  Es  ist 
in  der  Tat  unser  ehemaliger  Generaldirektor  der 
berliner  großen  Oper,  der  Komponist  der  »Vestalinc 
und  des  »Ferdinand  Cortez«,  zweier  Prachtwerke, 
die  noch  lange  fortblühen  werden  im  Gedächtnisse 
der  Menschen,  die  man  noch  lange  bewundern  wird, 
während  der  Verfasser  selbst  alle  Bewunderung  ein- 
gebüßt und  nur  noch  ein  welkes  Gespenst  ist,  das 
neidisch  umherspukt  und  sich  ärgert  über  das  Leben 
der  Lebendigen.  Er  kann  sich  nicht  darüber  trösten, 
daß  er  längst  tot  ist  und  sein  Herrscherstab  über- 
gegangen in  die  Hände  Meyerbeers.  Dieser,  be- 
hauptet der  Verstorbene,  habe  ihn  verdrängt  aus 
seinem  Berlin,  das  er  immer  so  sehr  geliebt;  und  wer 
aus  Mitleid  für  ehemalige  Größe  die  Geduld  hat, 
ihn  anzuhören,  kann  haarklein  erfahren,  wie  er  schon 
unzählige  Aktenstücke  gesammelt,  um  die  Meyer- 
beerschen  Verschwörungsintrigen  zu  enthüllen. 

Die  fixe  Idee  des  armen  Mannes  ist  und  bleibt 
Meyerbeer,  und  man  erzählt  die  ergötzlichsten  Ge- 
schichten, wie  die  Animosität  sich  immer  durch  eine 
zu  große  Beimischung  von  Eitelkeit  unschädlich  er- 
weist. Klagt  irgendein  Schriftsteller  über  Meyerbeer, 
daß  dieser  z.  B.  die  Gedichte  die  er  ihm  schon  seit 
Jahren  zugeschickt,  noch  immer  nicht  komponiert 
habe,  dann  ergreift  Spontini  hastig  die  Hand  des 
verletzten  Poeten,  und  ruft:  »J'ai  votre  affaire,  ich 
weiß  das  Mittel,  wie  Sie  sich  an  Meyerbeer  rächen 


Anhang  415 

können,  es  ist  ein  untrügliches  Mittel,  und  es  be- 
steht  darin,  daß  Sie  über  mich  einen  großen  Artikel 
schreiben,  und  je  höher  Sie  meine  Verdienste  -wür- 
digen, desto  mehr  ärgert  sich  Meyerbeer.«  Ein 
andermal  ist  ein  französischer  Minister  ungehalten 
über  den  Verfasser  der  »Hugenotten«,  der  trotz  der 
Urbanität,  womit  man  ihn  hier  behandelt  hat,  den- 
noch in  Berlin  eine  servile  Hofcharge  übernommen, 
und  unser  Spontini  springt  freudig  an  den  Minister 
hinan  und  ruft:  »J'ai  votre  affaire,  Sie  können  den 
Undankbaren  aufs  härteste  bestrafen,  Sie  können  ihm 
einen  Dolchstich  versetzen,  und  zwar  indem  Sie 
mich  zum  Großoffizier  der  Ehrenlegion  ernennen.« 
Jüngst  findet  Spontini  den  armen  Leon  Pillet,  den 
unglücklichen  Direktor  der  großen  Oper,  in  der 
wütendsten  Aufregung  gegen  Meyerbeer,  der  ihm 
durch  Mr.  Gouin  anzeigen  ließ,  daß  er  wegen  des 
schlechten  Singpersonals  den  »Propheten«  noch  nicht 
geben  wolle.  Wie  funkelten  da  die  Augen  des 
Italieners!  »J'ai  votre  affaire«,  rief  er  entzückt,  »ich 
will  Ihnen  einen  göttlichen  Rat  geben,  wie  Sie  den 
Ehrgeizling  zu  Tode  demütigen:  lassen  Sie  mich  in 
Lebensgröße  meißeln,  setzen  Sie  meine  Statue  ins 
Foyer  der  Oper,  und  dieser  Marmorblock  wird  dem 
Meyerbeer  wie  ein  Alp  das  Herz  zerdrücken.«  Der 
Gemütszustand  Spontinis  beginnt  nachgerade  seine 
Angehörigen,  namentlich  die  Familie  des  reichen 
Pianofabrikanten  Erard,  womit  er  durch  seine  Gattin 
verschwägert,  in  große  Besorgnisse  zu  versetzen. 
Jüngst  fand  ihn  jemand  in  den  obern  Sälen  des 
Louvre,  wo  die  ägyptischen  Antiquitäten  aufge- 
stellt. Der  Ritter  Spontini  stand  wie  eine  Bildsäule 
mit  verschlungenen  Armen  fast  eine  Stunde  lang 
vor  einer  großen  Mumie,  deren  prächtige  Goldlarve 


a\6  Lutezia 

einen  König  ankündigt,  der  kein  geringerer  sein  soll, 
als  jener  Amenophes,  unter  dessen  Regierung  die 
Kinder  Israel  das  Land  Ägypten  verlassen  haben. 
Aber  Spontini  brach  am  Ende  sein  Schweigen,  und 
sprach  folgendermaßen  zu  seiner  erlauchten  Mit» 
mumie:  »Unseliger  Pharao!  du  bist  an  meinem  Un- 
glück schuld.  Ließest  du  die  Kinder  Israel  nicht 
aus  dem  Lande  Ägypten  fortziehen,  oder  hättest  du 
sie  sämtlich  im  Nil  ersäufen  lassen,  so  wäre  ich 
nicht  durch  Meyerbeer  und  Mendelssohn  aus  Berlin 
verdrängt  worden,  und  ich  dirigierte  dort  noch  immer 
die  große  Oper  und  die  Hofkonzerte.  Unseliger 
Pharao,  schwacher  Krokodilenkönig,  durch  deine 
halben  Maßregeln  geschah  es,  daß  ich  jetzt  ein  zu- 
grunde gerichteter  Mann  bin  —  und  Moses  und 
Halevy  und  Mendelssohn  und  Meyerbeer  haben  ge- 
siegt!« Solche  Reden  hält  der  unglückliche  Mann, 
und  wir  können  ihm  unser  Mitleid  nicht  ver- 
sagen. 

Was  Meyerbeer  betrifft,  so  wird,  wie  oben  an- 
gedeutet, sein  »Prophet«  noch  lange  Zeit  ausbleiben. 
Er  selbst  aber  wird  nicht,  wie  die  Zeitungen  jüngst 
meldeten,  für  immer  in  Berlin  seinen  Aufenthalt 
nehmen.  Er  wird  wie  bisher  abwechselnd  die  eine 
Hälfte  des  Jahres  hier  in  Paris  und  die  andere  in 
Berlin  zubringen,  wozu  er  sich  förmlich  verpflichtet 
hat.  Seine  Lage  erinnert  so  ziemlich  an  Proserpina, 
nur  daß  der  arme  Maestro  hier  wie  dort  seine  Hölle 
und  seine  Höllenqual  findet.  Wir  erwarten  ihn  noch 
diesen  Sommer  hier,  in  der  schönen  Unterwelt,  wo 
schon  einige  Schock  musikalischer  Teufel  und  Teufe- 
linnen seiner  harren,  um  ihm  die  Ohren  voll  zu  heulen. 
Von  morgens  bis  abends  muß  er  Sänger  und  Sänge- 
rinnen anhören,   die  hier  debütieren  wollen,    und  in 


Anhang  417 

seinen  Freistunden  beschäftigen  ihn  die  Albums  reU 
sender  Engländerinnen. 

An  Debütanten  war  diesen  Winter  in  der  großen 
Oper  kein  Mangel.  Ein  deutscher  Landsmann  de* 
bütierte  als  Marcel  in  den  »Hugenotten«.  Er  war 
vielleicht  in  Deutschland  nur  ein  Grobian  mit  einer 
brummigen  Bierstimme,  und  glaubte  deshalb  in  Paris 
als  Bassist  auftreten  zu  können.  Der  Kerl  schrie 
wie  ein  Waldesel.  Auch  eine  Dame,  die  ich  im 
Verdacht  habe,  eine  Deutsche  zu  sein,  produzierte 
sich  auf  den  Brettern  der  Rue  Lepelletier.  Sie  soll 
außerordentlich  tugendhaft  sein,  und  singt  sehr  falsch. 
Man  behauptet,  nicht  bloß  der  Gesang,  sondern  alles 
an  ihr,  die  Haare,  zwei  Drittel  ihrer  Zähne,  die 
Hüften,  der  Hinterteil,  alles  sei  falsch,  nur  ihr  Atem 
sei  echt;  die  frivolen  Franzosen  werden  dadurch  ge- 
zwungen sein,  sich  ehrfurchtsvoll  entfernt  von  ihr 
zu  halten.  Unsre  Primadonna,  Madame  Stolz,  wird 
sich  nicht  länger  behaupten  können;  der  Boden  ist 
unterminiert,  und  obgleich,  ihr  als  Weib  alle  Ge- 
schlechtslist  zu  Gebote  steht,  wird  sie  doch  am 
Ende  von  dem  großen  Giacomo  Machiavelli  über- 
wunden, der  die  Viardot-Garcia  an  ihrer  Stelle 
engagiert  sehen  möchte,  um  die  Hauptrolle  in  seinem 
»Propheten«  zu  singen.  Madame  Stolz  sieht  ihr 
Schicksal  voraus,  sie  ahnt,  daß  selbst  die  Affenliebe, 
die  ihr  der  Direktor  der  Oper  widmet,  ihr  nichts 
helfen  kann,  wenn  der  große  Meister  der  Tonkunst 
seine  Künste  spielen  läßt;  und  sie  hat  beschlossen, 
freiwillig  Paris  zu  verlassen,  nie  wieder  zurück* 
zukehren  und  in  fremden  Landen  ihr  Leben  zu  be- 
schließen. »Ingrata  patria«,  sagte  sie  jüngst,  »ne  ossa 
quidem  mea  habebis.«  In  der  Tat,  seit  einiger  Zeit 
besteht  sie  wirklich  nur  noch  aus  Haut  und  Knochen. 

IX,  z7 


418  Lutezia 

Bei  den  Italienern,  in  der  Opera  buflfa,  gab  es 
vorigen  Winter  ebenso  brillante  Fiaskos  wie  in  der 
großen  Oper.  Auch  über  die  Sänger  wurde  dort 
viel  geklagt,  mit  dem  Unterschied,  daß  die  Italiener 
manchmal  nicht  singen  wollten  und  die  armen  fran- 
zösischen Sangeshelden  nicht  singen  konnten.  Nur 
das  kostbare  Nachtigallenpaar,  Signor  Mario  und 
Signora  Grisi,  waren  immer  pünktlich  auf  ihrem 
Posten  in  der  Salle  Ventadour,  und  trillerten  uns 
dort  den  blühendsten  Frühling  vor,  während  draußen 
Schnee  und  Wind,  und  Fortepianokonzerte,  und 
Deputiertenkammerdebatten,  und  Polkawahnsinn.  Ja, 
das  sind  holdselige  Nachtigallen,  und  die  italienische 
Oper  ist  der  ewig  blühende  singende  Wald,  wohin 
ich  oft  flüchte,  wenn  winterlicher  Trübsinn  mich  um- 
nebelt, oder  der  Lebensfrost  unerträglich  wird.  Dort, 
im  süßen  Winkel  einer  etwas  verdeckten  Loge,  wird 
man  wieder  angenehm  erwärmt,  und  man  verblutet 
wenigstens  nicht  in  der  Kälte.  Der  melodische 
Zauber  verwandelt  dort  in  Poesie,  was  eben  noch 
täppische  Wirklichkeit  war,  der  Schmerz  verliert 
sich  in  Blumenarabesken,  und  bald  lacht  wieder  das 
Herz.  Welche  Wonne,  wenn  Mario  singt,  und  in 
den  Augen  der  Grisi  die  Töne  des  geliebten  Sprossers 
sich  gleichsam  abspiegeln  wie  ein  sichtbares  Echo! 
Welche  Lust,  wenn  die  Grisi  singt  und  in  ihrer 
Stimme  der  zärtliche  Blick  und  das  beglückte  Lächeln 
des  Mario  melodisch  widerhallt!  Es  ist  ein  lieb- 
liches Paar,  und  der  persische  Dichter,  der  die  Nach- 
tigall die  Rose  unter  den  Vögeln  und  die  Rose 
wieder  die  Nachtigall  unter  den  Blumen  genannt  hat, 
würde  hier  erst  recht  in  ein  Imbroglio  geraten,  denn 
jene  beiden,  Mario  und  Grisi,  sind  nicht  bloß  durch 
Gesang,  sondern  auch  durch  Schönheit  ausgezeichnet. 


Anhang  419 

Ungern,  trotz  jenem  reizenden  Paar,  vermissen 
wir  hier  bei  den  Buffos  Pauline  Viardot,  oder,  wie 
wir  sie  lieber  nennen,  die  Garcia.  Sie  ist  nicht  er- 
setzt, und  niemand  kann  sie  ersetzen.  Diese  ist 
keine  Nachtigall,  die  bloß  ein  Gattungstalent  hat 
und  das  Frühlingsgenre  vortrefflich  schluchzt  und 
trillert;  —  sie  ist  auch  keine  Rose,  denn  sie  ist  häß- 
lich, aber  von  einer  Art  Häßlichkeit,  die  edel,  ich 
möchte  fast  sagen  schön  ist,  und  die  den  großen 
Löwenmaler  Lacroix  manchmal  bis  zur  Begeisterung 
entzückte!  In  der  Tat,  die  Garcia  mahnt  weniger 
an  die  zivilisierte  Schönheit  und  zahme  Grazie 
unsrer  europäischen  Heimat,  als  vielmehr  an  die 
schauerliche  Pracht  einer  exotischen  Wildnis,  und 
in  manchen  Momenten  ihres  passionierten  Vortrags, 
zumal  wenn  sie  den  großen  Mund  mit  den  blendend 
weißen  Zähnen  überweit  öffnet,  und  so  grausam 
süß  und  anmutig  fletschend  lächelt:  dann  wird  einem 
zumute,  als  müßten  jetzt  auch  die  ungeheuerlichsten 
Vegetationen  und  Tiergattungen  Hindostans  oder 
Afrikas  zum  Vorschein  kommen;  —  man  meint, 
jetzt  müßten  auch  Riesenpalmen,  umrankt  von  tausend- 
blumigen  Lianen,  emporschießen;  —  und  man  würde 
sich  nicht  wundern,  wenn  plötzlich  ein  Leoparde, 
oder  eine  Giraffe,  oder  sogar  ein  Rudel  Elefanten- 
kälber über  die  Szene  liefen.  Wir  hören  mit  großem 
Vergnügen,  daß  diese  Sängerin  wieder  auf  dem 
Wege  nach  Paris  ist. 

Während  die  Academie  de  Musique  aufs  jammer- 
vollste darniederlag,  und  die  Italiener  sich  ebenfalls 
betrübsam  hinschleppten,  erhob  sich  die  dritte  lyrische 
Szene,  die  Opera  comique,  zu  ihrer  fröhlichsten  Höhe. 
Hier  überflügelte  ein  Erfolg  den  andern,  und  die 
Kasse  hatte  immer  einen  guten  Klang.   Ja,  es  wurde 


42° 


Lutezia 


noch  mehr  Geld  als  Lorbeeren  eingeerntet,  was  ge- 
wiß  für  die  Direktion  kein  Unglück  gewesen.  Die 
Texte  der  neuen  Opern,  die  sie  gab,  waren  immer 
von  Scribe,  dem  Manne,  der  einst  das  große  Wort 
aussprach:  »Das  Gold  ist  eine  Chimäre!«  und  der 
dennoch  dieser  Chimäre  beständig  nachläuft.  Er  ist 
der  Mann  des  Geldes,  des  klingenden  Realismus, 
der  sich  nie  versteigt  in  die  Romantik  einer  unfrucht- 
baren  Wolkenwelt,  und  sich  festklammert  an  der 
irdischen  Wirklichkeit  der  Vernunftheirat,  des  in* 
dustriellen  Bürgertums  und  der  Tantieme.  Einen 
ungeheuren  Beifall  findet  Scribes  neue  Oper,  »Die 
Sirene«,  wozu  Auber  die  Musik  geschrieben.  Autor 
und  Komponist  passen  ganz  füreinander:  sie  haben 
den  raffiniertesten  Sinn  für  das  Interessante,  sie 
wissen  uns  angenehm  zu  unterhalten,  sie  ent- 
zücken und  blenden  uns  sogar  durch  die  glänzenden 
Facetten  ihres  Esprits,  sie  besitzen  ein  gewisses 
Filigrantalent  der  Verknüpfung  allerliebster  Kleinig- 
keiten, und  man  vergißt  bei  ihnen,  daß  es  eine 
Poesie  gibt.  Sie  sind  eine  Art  Kunstloretten,  welche 
alle  Gespenstergeschichten  der  Vergangenheit  aus 
unsrer  Erinnerung  fortlächeln,  und  mit  ihrem  ko* 
ketten  Getändel  wie  mit  Pfauenfächern  die  sum- 
senden Zukunftgedanken,  die  unsichtbaren  Mücken, 
von  uns  abwedeln.  Zu  dieser  harmlos  buhleri- 
schen Gattung  gehört  auch  Adam,  der  mit  sei- 
nem »Cagliostro«  ebenfalls  in  der  Opera  comique 
sehr  leichtfertige  Lorbeeren  eingeerntet.  Adam  ist 
eine  liebenswürdige  erfreuliche  Erscheinung,  und 
ein  Talent,  welches  noch  großer  Entwicklung  fähig 
ist.  Eine  rühmliche  Erwähnung  verdient  auch 
Thomas,  dessen  Operette  »Mina«  viel  Glück  ge- 
macht. 


Anhang  j.21 

Alle  diese  Triumphe  übertraf  jedoch  die  Vogue  des 
»Deserteurs«,  einer  alten  Oper  von  Monsigny,  welche 
die  Opera  comique  aus  den  Kartons  der  Vergessen« 
heit  hervorzog.  Hier  ist  echt  französische  Musik, 
die  heiterste  Grazie,  eine  harmlose  Süße,  eine  Frische 
wie  der  Duft  von  Waldblumen,  Naturwahrheit,  so« 
gar  Poesie.  Ja,  letztere  fehlt  nicht,  aber  es  ist  eine 
Poesie  ohne  Schauer  der  Unendlichkeit,  ohne  ge« 
heimnisvollen  Zauber,  ohne  Wehmut,  ohne  Ironie, 
ohne  Morbidezza,  ich  möchte  fast  sagen,  eine  ele- 
gant bäurische  Poesie  der  Gesundheit.  Die  Oper 
von  Monsigny  mahnte  mich  unmittelbar  an  seinen 
Zeitgenossen,  den  Maler  Greuze:  ich  sah  hier  wie 
leibhaftig  die  ländlichen  Szenen,  die  dieser  gemalt, 
und  ich  glaubte  gleichsam  die  Musikstücke  zu  ver- 
nehmen, die  dazu  gehörten.  Bei  der  Anhörung 
jener  Oper  ward  es  mir  ganz  deutlich,  wie  die  bil- 
denden und  die  rezitierenden  Künste  derselben  Periode 
immer  einen  und  denselben  Geist  atmen,  und  ihre 
Meisterwerke  die  intimste  Wahlverwandtschaft  beur- 
kunden. 

Ich  kann  diesen  Bericht  nicht  schließen,  ohne  zu 
bemerken,  daß  die  musikalische  Saison  noch  nicht 
zu  Ende  ist  und  dieses  Jahr  gegen  alle  Gewohnheit 
bis  in  den  Mai  fortklingt.  Die  bedeutendsten  Bälle 
und  Konzerte  werden  in  diesem  Augenblick  gegeben, 
und  die  Polka  wetteifert  noch  mit  dem  Piano.  Ohren 
und  Füße  sind  müde,  aber  können  sich  doch  noch 
nicht  zur  Ruhe  begeben.  Der  Lenz,  der  sich  dies- 
mal so  früh  eingestellt,  macht  Fiasko,  man  bemerkt 
kaum  das  grüne  Laub  und  die  Sonnenlichter.  Die 
Arzte,  vielleicht  ganz  besonders  die  Irrenärzte, 
werden  bald  viel  Beschäftigung  gewinnen.  In  diesem 
bunten    Taumel,    in    dieser    Genußwut,    in    diesem 


A22  Lutczia 

singenden,  springenden  Strudel  lauert  Tod  und 
Wahnsinn.  Die  Hämmer  der  Pianoforte  wirken 
fürchterlich  auf  unsre  Nerven,  und  die  große  Dreh- 
krankheit, die  Polka,  gibt  uns  den  Gnadenstoß. 


Spätere  Notiz. 

Den  vorstehenden  Mitteilungen  füge  ich  aus 
melancholischer  Grille  die  folgenden  Blätter  hinzu, 
die  dem  Sommer  1847  angehören,  und  meine  letzte 
musikalische  Berichterstattung  bilden.  Für  mich  hat 
alle  Musik  seitdem  aufgehört,  und  ich  ahnte  nicht, 
als  ich  das  Leidensbild  Donizettis  krayonnierte, 
daß  eine  ähnliche  und  weit  schmerzlichere  Heim- 
suchung mir  nahete.  Die  kurze  Kunstnotiz  laute 
wie  folgt: 

Seit  Gustav  Adolf,  glorreichen  Andenkens,  hat 
keine  schwedische  Reputation  so  viel  Lärm  in  der 
Welt  gemacht,  wie  Jenny  Lind.  Die  Nachrichten, 
die  uns  darüber  aus  England  zukommen,  grenzen 
ans  Unglaubliche.  In  den  Zeitungen  klingen  nur 
Posaunenstöße,  Fanfaren  des  Triumphes;  wir  hören 
nur  Pindarsche  Lobgesänge.  Ein  Freund  erzählte 
mir  von  einer  englischen  Stadt,  wo  alle  Glocken 
geläutet  wurden,  als  die  schwedische  Nachtigall  dort 
ihren  Einzug  hielt;  der  dortige  Bischof  feierte  dieses 
Ereignis  durch  eine  merkwürdige  Predigt.  In  seinem 
anglikanischen  Episkopalkostüme,  welches  derLeichen- 
bittertracht  eines  Chefs  des  Pompes  funebres  nicht 
unähnlich,  bestieg  er  die  Kanzel  der  Hauptkirche, 
und  begrüßte  die  Neuangekommene  als  einen  Hei- 
land in  Weibskleidern,  als  eine  Frau  Erlöserin,  die 
vom  Himmel  herabgestiegen,  um  unsre  Seelen  durch 


Anhang  423 

ihren  Gesang  von  der  Sünde  zu  befreien,  während 
die  andern  Cantatricen  ebenso  viele  Teufelinnen 
seien,  die  uns  hineintrillern  in  den  Rachen  des 
Satanas.  Die  Italienerinnen  Grisi  und  Persiani 
müssen  vor  Neid  und  Ärger  jetzt  gelb  werden  wie 
Kanarienvögel,  während  unsre  Jenny,  die  schwedische 
Nachtigall,  von  einem  Triumph  zum  andern  flattert. 
Ich  sage  unsre  Jenny,  denn  im  Grunde  repräsentiert 
die  schwedische  Nachtigall  nicht  exklusive  das  kleine 
Schweden,  sondern  sie  repräsentiert  die  ganze  ger- 
manische Stammesgenossenschaft,  die  der  Cimbern 
ebensosehr  wie  die  der  Teutonen,  sie  ist  auch  eine 
Deutsche,  ebensogut  wie  ihre  naturwüchsigen  und 
pflanzenschläfrigen  Schwestern  an  der  Elbe  und  am 
Neckar,  sie  gehört  Deutschland,  wie,  der  Versiche- 
rung des  Franz  Hörn  gemäß,  auch  Shakspeare  uns 
angehört,  und  wie  gleicherweise  Spinoza,  seinem 
innersten  Wesen  nach,  nur  ein  Deutscher  sein  kann 
—  und  mit  Stolz  nennen  wir  Jenny  Lind  die  Unsre! 
Juble,  Uckermark,  auch  du  hast  teil  an  diesem  Ruhme ! 
Springe,  Maßmann,  deine  vaterländisch  freudigsten 
Sprünge,  denn  unsre  Jenny  spricht  kein  römisches 
Rotwelsch,  sondern  gotisch,  skandinavisch,  das  deut- 
scheste Deutsch,  und  du  kannst  sie  als  Landmännin 
begrüßen;  nur  mußt  du  dich  waschen,  ehe  du  ihr 
deine  deutsche  Hand  reichst.  Ja,  Jenny  Lind  ist  eine 
Deutsche,  schon  der  Name  Lind  mahnt  an  Linden, 
die  grünen  Muhmen  der  deutschen  Eichen,  sie  hat 
keine  schwarzen  Haare  wie  die  welschen  Primadonnen, 
in  ihren  blauen  Augen  schwimmt  nordisches  Gemüt 
und  Mondschein,  und  in  ihrer  Kehle  tönt  die  reinste 
Jungfräulichkeit!  Das  ist  es.  »Maidenhood  is  in  her 
voice«  —  das  sagten  alle  old  spinsters  von  London, 
alle  prüden  Ladies  und  frommen  Gentlemen  sprachen 


4H 


Lutezia 


es  augenverdrehend  nach,  die  noch  lebende  mauvaise 
queue  von  Richardson  stimmte  ein,  und  ganz  Groß- 
britannien feierte  in  Jenny  Lind  das  singende  Magd- 
tum,  die  gesungene  Jungferschaft.  Wir  wollen  es  ge- 
stehen, dieses  ist  der  Schlüssel  der  unbegreiflichen, 
rätselhaft  großen  Begeisterung,  die  Jenny  in  England 
gefunden  und,  unter  uns  gesagt,  auch  gut  auszubeuten 
weiß.  Sie  singe  nur,  hieß  es,  um  das  weltliche 
Singen  recht  bald  wieder  aufgeben  zu  können,  und  ver- 
sehen mit  der  nötigen  Aussteuersumme  einen  jungen 
protestantischen  Geistlichen,  den  Pastor  Swenske,  zu 
heiraten,  der  unterdessen  ihrer  harre  daheim  in  seinem 
idyllischen  Pfarrhaus  hinter  Upsala,  links  um  die 
Ecke.  Seitdem  freilich  will  verlauten,  als  ob  der 
junge  Pastor  Swenske  nur  ein  Mythos  und  der  wirk- 
liche Verlobte  der  hohen  Jungfrau  ein  alter  abge- 
standener Komödiant  der  Stockholmer  Bühne  sei  — 
aber  das  ist  gewiß  Verleumdung.  Der  Keuschheits- 
sinn dieser  Prima  Donna  immaculata  offenbart  sich 
am  schönsten  in  ihrem  Abscheu  vor  Paris,  dem 
modernen  Sodom,  den  sie  bei  jeder  Gelegenheit  aus- 
spricht, zur  höchsten  Erbauung  aller  Dames  patro- 
nesses  der  Sittlichkeit  jenseits  des  Kanals.  Jenny 
hat  aufs  bestimmteste  gelobt,  nie  auf  den  Laster- 
brettern der  Rue  Lepelletier  ihre  singende  Jungfer- 
schaft dem  französischen  Publiko  preiszugeben;  sie 
hat  alle  Anträge,  welche  ihr  Herr  Leon  Pillet  durch 
seine  Kunstruffiani  machen  ließ,  streng  abgelehnt. 
»Diese  rauhe  Tugend  macht  mich  stutzen«  —  würde 
der  aJte  Paulet  sagen.  Ist  etwa  die  Volkssage  ge- 
gründet, daß  die  heutige  Nachtigall  in  frühern  Jahren 
schon  einmal  in  Paris  gewesen  und  im  hiesigen  sünd- 
haften Conservatoire  Musikunterricht  genossen  habe, 
wie  andre  Singvögel,  welche  seitdem  sehr  lockere  Zei- 


Anhang  425 

sige  geworden  sind?  Oder  fürchtet  Jenny  jene  frivole 
Pariser  Kritik,  die  bei  einer  Sängerin  nicht  die  Sitten, 
sondern  nur  die  Stimme  kritisiert,  und  Mangel  an 
Schule  für  das  größte  Laster  hält?  Dem  sei  wie 
ihm  wolle,  unsre  Jenny  kommt  nicht  hierher  und 
wird  die  Franzosen  nicht  aus  ihrem  Sündenpfuhl 
heraussingen.  Sie  bleiben  verfallen  der  ewigen  Ver- 
dammnis. 

Hier  in  der  Pariser  musikalischen  Welt  ist  alles 
beim  alten;  in  der  Academie  royale  de  Musique  ist 
noch  immer  grauer,  feuchtkalter  Winter,  während 
draußen  Maisonne  und  Veilchenduft.  Im  Vestibül 
steht  noch  immer  wehmütig  trauernd  die  Bildsäule 
des  götdichen  Rossini;  er  schweigt.  Es  macht  Herrn 
Leon  Pillet  Ehre,  daß  er  diesem  wahren  Genius 
schon  bei  Lebzeiten  eine  Statue  gesetzt.  Nichts  ist 
possierlicher,  als  die  Grimasse  zu  sehen,  womit  Scheel- 
sucht und  Neid  sie  betrachten.  Wenn  Signor  Spontini 
dort  vorbeigeht,  stößt  er  sich  jedesmal  an  diesem  Steine. 
Da  ist  unser  großer  Maestro  Meyerbeer  viel  klüger, 
und  wenn  er  des  Abends  in  die  Oper  ging,  wußte 
er  jenem  Marmor  des  Anstoßes  immer  vorsichtig 
auszuweichen,  er  suchte  sogar  den  Anblick  desselben 
zu  vermeiden;  in  derselben  Weise  pflegen  die  Juden 
zu  Rom,  selbst  auf  ihren  eiligsten  Geschäftsgängen, 
immer  einen  großen  Umweg  zu  machen,  um  nicht 
jenem  fatalen  Triumphbogen  des  Titus  vorbeizu- 
kommen, der  zum  Gedächtnis  des  Untergangs  von 
Jerusalem  errichtet  worden.  Über  Donizettis  Zustand 
werden  die  Berichte  täglich  trauriger.  Während  seine 
Melodien  freudegaukelnd  die  Welt  erheitern,  wäh- 
rend man  ihn  überall  singt  und  trillert,  sitzt  er  selbst, 
ein  entsetzliches  Bild  des  Blödsinns,  in  einem  Kranken- 
hause   bei  Paris.    Nur   für   seine  Toilette   hatte   er 


426  Lutczia 

vor  einiger  Zeit  noch  ein  kindisches  Bewußtsein  be- 
wahrt, und  man  mußte  ihn  täglich  sorgfältig  anziehen, 
in  vollständiger  Gala,  der  Frack  geschmückt  mit 
allen  seinen  Orden;  so  saß  er  bewegungslos,  den 
Hut  in  der  Hand,  vom  frühesten  Morgen  bis  zum 
späten  Abend.  Aber  das  hat  auch  aufgehört,  er 
erkennt  niemand  mehr;   das   ist  Menschenschicksal. 


Kleinere  Schriften 

aus  den  Jahren  1840  bis  1844 


Vier  Berichte  für  die  Allgemeine  Zeitung. 


Paris,  4.  Februar  <i84o). 

Die  Opposition  in  ihrer  beschränkten  Weise  be- 
hauptet  noch  immer:  die  Ernennung  Guizots  als 
Gesandter  in  London  sei  dem  Könige  ganz  genehm, 
und  er  habe  sich  nur  scheinbar  zum  Rückruf  Seba- 
stianis,  seines  alten  Konspirationsvertrauten,  zwingen 
lassen.  In  Wahrheit  aber  ist  diese  Ernennung  ganz 
gegen  den  allerhöchsten  Willen  des  Königs  durch- 
gesetzt worden,  sein  Unmut  gegen  Guizot  bricht 
ohne  Rücksicht  hervor,  und  er  wird  demselben  gewiß 
auf  seinem  neuen  Posten  allerlei  geheimen  Schaber- 
nack spielen.  —  Für  Guizots  politische  Bedeutung 
ist  dieser  Eintritt  in  die  diplomatische  Karriere  sehr 
wichtig.  Entweder  er  verfängt  sich  zu  London  in 
unsichtbaren  Netzen  und  wird  lächerlich  durch  ein 
sichtbares  Zappeln,  oder  er  gibt  Proben  von  staats- 
männischen Talenten  und  erreicht  auch  in  dieser 
Beziehung  das  Ansehen  Thiers'.  Herr  Guizot  ver- 
dient vielleicht  jetzt  seinen  diplomatischen  Sporn  und 
wird  bei  seiner  Rückkehr  von  London  um  so  ritter- 
licher mit  Thiers  und  Louis  Philipp  in  die  Schranken 
treten  können.  Zwischen  diesen  drei  Männern  wird 
späterhin  der  Kampf  um  die  wirkliche  Präsidenten- 
herrschaft des  Konseils  ausgestritten  werden  müssen. 
Bis  jetzt  usurpiert  der  König  noch  immer  diese  Stelle 
und  verwaltet  sie  durch  Kommis,  welche  sich  ver- 
antwortliche Minister  nennen.  In  meinem  nächsten 
Briefe  werde  ich  hierauf  zurückkommen.  —  Die  Heu- 
rat des  Herzogs  von  Nemours  beschäftigt  noch  immer 
den  Hof  und  die  Stadt  (alter  Stil!),  zumeist  aber 
den  Hof,  diesen  großen  Polypen,  der  mit  tausend 
Rüsseln  am  Budget  sich  festsaugt,  unbekümmert  um 


430 


Kleincrc  Schriften 


Cormenin,  welcher  schon  im  Dunkeln  sein  Messer 
wetzt.  Dieser  Pamphletist,  der  es  der  königlichen 
Familie  nicht  verzeihen  kann,  daß  er  ihr  nichts  zu 
verdanken  hat,  erregt  im  Schöße  derselben  weit 
größere  Schmerzen,  als  er  vielleicht  selber  ahnt.  Der 
König  will  die  Pension  des  Herzogs  von  Nemours 
nicht  mehr  zahlen  und  zwar  aus  dem  einfachen 
Grunde,  weil  er  sie  nicht  mehr  zahlen  kann.  Die 
Zivilliste  ist  schrecklich  verschuldet;  wie  mir  gestern 
ein  Bankier  versichert,  vielleicht  über  zwanzig  Mil- 
lionen verschuldet.  Der  König  hat  wenig  Geld,  und 
es  ist  für  ihn  ein  doppeltes  Mißgeschick,  daß  das 
große  Publikum  das  Gegenteil  glaubt  und  über  seine 
große  Geldgier  murrt,  während  die  haute  finance  bei 
welcher  er  borgen  möchte,  das  betrübte  Geheimnis 
sehr  gut  kennt.  Dieser  Geldverlegenheit  verdankt 
Rothschild  die  größten  Aufmerksamkeiten  bei  Hofe; 
einige  hundert  Jahre  früher  hätte  ihm  der  König  von 
Frankreich  ganz  einfach  die  Zähne  ausreißen  lassen, 
um  ihn  zu  einer  Anleihe  zu  bewegen.  Aber  die 
naiven  Sitten  des  Mittelalters  sind  untergegangen  im 
Strom  der  Revolution,  und  Herr  Rothschild,  Baron 
und  Ritter  des  Isabellenordens,  kann  jetzt  ruhig  in 
den  Tuilerien  umherspazieren  und  dem  geldbedräng- 
ten Könige  die  Zähne  zeigen,  ohne  auch  nur  einen 
Stummel  zu  riskieren.  —  Der  König  hat  kein  Geld, 
und  sein  Kredit  ist  in  diesem  Augenblick  nicht  glän- 
zend. Er  beabsichtigt  eine  Anleihe  zu  negozieren 
und  wird  darauf  hingewiesen,  als  Garantie  die  Güter 
seiner  Schwester  zu  verpfänden.  Mademoiselle  Ade- 
laide, trotz  ihrer  großen  Zärtlichkeit  für  den  teuren 
Bruder,  will  sich  noch  nicht  diesem  Opfer  fügen.  — 
Die  Schulden  des  Königs  sind  übrigens  von  der 
ehrenhaftesten  Art;  sie  entspringen  zumeist  aus  sei- 


Vier  Berichte  für  die  Allgemeine  Zeitung      431 

ner  Leidenschaft  für  Bauten  und  Kunstwerke.  Das 
ist  seine  fürstliche  Eigenschaft  und  erinnert  an  den 
großen  Ahnherrn,  der  ihm  Versailles  hinterlassen  hat, 
um  sich  ebenfalls  daran  zu  ruinieren.  Man  hat 
keinen  Begriff  davon,  welche  Summen  die  historische 
Galerie  bereits  verschlungen  hat.  —  Unter  diesen 
Umständen  findet  der  König  bei  der  Heurat  des 
Herzogs  von  Nemours  eine  willkommene  Gelegen* 
heit,  um  für  denselben  eine  Dotation  zu  verlangen 
und  die  20000  Francs,  die  er  dem  Prinzen  monat- 
lich gibt,  nicht  mehr  zu  zahlen.  Der  König  wird 
seinem  erlauchten  Sohne  jetzt  nur  noch  Obdach  und 
Atzung  liefern  und  ihn  für  das  übrige  auf  seine 
Dotation  verweisen.  Der  Herzog  ist  keineswegs, 
wie  man  vermeinen  sollte,  mit  diesen  väterlichen 
Beschlüssen  sehr  unzufrieden,  er  findet  sie  vielmehr 
ganz  vernünftig;  denn  der  Herzog  von  Nemours  ist 
sehr  sparsam,  sehr  haushälterisch.  Das  ist  eine  Eigen- 
schaft, die  er  schon  im  voraus  von  seinem  könig- 
lichen Vater  geerbt  hat,  und  dieser  überläßt  ihm  den 
vollen  Genuß  derselben.  —  Da  ein  Prinz,  welcher 
sich  verheuratet,  auch  ein  Haus  machen  muß,  so 
klopfen  schon  eine  Menge  Bittsteller  an  dessen  Pfor- 
ten <figürlicher  Ausdruck,  da  ja  ein  noch  unerbautes 
Haus  auch  noch  keine  Pforten  hat!),  und  da  ver- 
langt der  eine  die  Stelle  eines  Administrators,  der 
andre  die  eines  Kassierers,  ein  dritter  die  eines  Biblio- 
thekars. Die  zwei  ersten  Plätze  sind  bereits  besetzt, 
und  sobald  die  Kammer  dem  Prinzen  das  verlangte 
Geld  bewilligt,  wird  der  Kassierer  es  in  Empfang 
nehmen  und  der  Administrator  es  ausgeben.  —  Ich 
habe  heute  noch  keine  Zeitungen  gelesen  und  weiß 
nicht,  wie  weit  die  Dotationsverhandlungen  gediehen 
sind.     Aber   so   viel   weiß   ich,   daß   der  König  die 


432 


Kleinere  Schriften 


Geldangelegenheiten  seiner  Kinder  immer  mit  hero- 
ischer  Unermüdlichkeit  betreiben  wird.  Die  Minister 
setzt  diese  väterliche  Liebe  in  große  Verlegenheit; 
nur  der  Marschall  Soult  unterstützt  sie  mit  unbe- 
dingtem Eifer.  Die  Hartnäckigkeit  des  Königs  in 
Geldsachen  versteht  auch  niemand  besser  zu  wür- 
digen als  jener  greise  Held,  der  einst  öffentlich  er- 
klärte, daß  er  jeden  Sou  seines  Traitements  bis  zu 
seinem  letzten  Blutstropfen  verteidigen  werde.  —  Die 
Heurat  des  Herzogs  von  Nemours  veranlaßte  vor 
etwa  acht  Tagen  eine  außerordentliche  Rezeption 
bei  Hofe,  wo  die  Vertrauten  ihre  mehr  oder  minder 
wohlgemeinten  Glückwünsche  in  üblicher  Weise  dar- 
brachten. Es  befanden  sich  dort  über  sechzig  Damen, 
die  meisten  überreif  und  alt,  ein  aschgrau  welker 
Blumenflor,  woraus  kaum  zwei  bis  drei  jugendliche 
Gesichter  hervorlächelten.  Unter  diesen  war  eine 
blonde  Schöne,  die  an  dem  Herzen  Sr.  königl.  Ho- 
heit des  Herzogs  von  Orleans  vor  dessen  Heurat 
sehr  stark  gerüttelt  hatte  und  später  das  Herz  des 
Nemours  ebenfalls  in  Bewegung  setzte,  aber  bei  dieser 
Gelegenheit  ihre  eigne  Ruhe  verlor,  die  Bedauerns- 
würdige! Auf  ihrem  Gesichte,  das  mich  immer  an 
die  blühenden  und  heiteren  Frauenbilder  ihres  Lands- 
mannes Rubens  erinnerte,  lag  diesmal  eine  wehmütige 
Blässe.  -  Auch  ihre  Lippen,  die  sie  beständig  mit  dem 
artigen  Zünglein  befeuchtete,  entbehrten  das  frische 
Kolorit,  das  sonst  wie  reife  Kirschen  auf  genäschige 
Königskinder  wirkte.  Wer  in  ihren  Augen  lesen 
konnte,  fand  darin  weit  schlimmere  Philippika,  als 
jemals  der  bitterste  Volkstribun  gegen  Fürsten  und 
Fürstenlaune  ausgesprochen.  —  Vorige  Woche  ver- 
ließ uns  Heinrich  Laube,  welcher  mit  seiner  Gattin, 
einer  sehr  gebildeten  und  geistreichen  Dame,  diesen 


Vier  Berichte  für  die  Allgemeine  Zeitung      ^ 

Sommer  hierher  kam,  den  größten  Teil  der  franzö- 
sischen Provinzen  bereiste,  auch  einen  kurzen  Ab* 
Stecher  nach  Afrika  unternommen  hatte  und  seit 
einigen  Monaten  wieder  nach  Paris  zurückgekehrt 
war.  Hier  beschäftigte  er  sich  vorzüglich  mit  histo- 
rischen  Untersuchungen,  wozu  ihm  die  Archive  ihre 
bedeutenden  Materialien  eröffneten.  Der  ausgezeichnet 
kritische  Sinn  des  Mannes  und  sein  offenes  Auge 
für  alle  Erscheinungen  des  wirklichen  Lebens,  Stu- 
dium und  Anschauung,  werden  gewiß  ein  kostbares 
Buch  zutage  fördern.  Von  Laubes  deutscher  Lite- 
raturgeschichte sind  erst  zwei  Bände  hier  angekom- 
men, und  ein  Gesamturteil  über  diese  Arbeit  ist  noch 
nicht  zulässig.  Wenn  die  Ausführung  den  Anfängen 
und  der  ganzen  Anlage  entspricht,  so  erhält  das 
Publikum  hier  ein  Werk,  das  bis  jetzt  in  unserer 
Literatur  fehlte  und  einem  großen  Bedürfnisse  abhilft. 
Bouterweks  deutsche  Literaturgeschichte  ist  veraltet 
und  reicht  nicht  bis  auf  die  neueste  Periode,  deren 
erste  Erscheinungen  nur  polemisch  angedeutet  wur- 
den; und  doch  wäre  dieses  Buch  als  das  einzige  zu 
nennen,  wo  eine  gründliche,  tatsächliche  Belehrung 
für  das  große  Publikum  geliefert  wird.  Andere  Ver- 
suche umfassen  nicht  das  Ganze  der  Literatur,  oder 
sind  nur  ein  Konvolut  räsonierender  Artikel,  litera- 
rischer Rhapsodien,  trockner  Notizen,  oder  verfallen 
gar  ins  Gebiet  der  Chrestomathie.  Rosenkranz,  der 
geistreichste  und  tiefsinnigste  Literaturhistoriker  un- 
serer Zeit,  hat  zwar  über  deutsche  Literatur  Vor- 
treffliches geschrieben,  aber  nicht  im  Zusammenhang 
aller  Epochen;  er  widmete  dem  Mittelalter  ein  eigenes 
Werk,  und  von  der  spätem  deutschen  Schriftwelt 
hat  er  in  seinem  größeren  Literaturbuche  nur  den 
poetischen  Teil  und  auch  diesen  nur  in  allzukurzen 
ix, »» 


a-iä  Kleinere  Schriften 

Umrissen  behandelt.  Laubes  Werk  wird  daher  ein 
Buch  sein,  wie  eben  die  große  Menge  dessen  be- 
darf, nämlich  eine  ausführliche  Darlegung  des  ganzen 
deutschen  Literaturbestands,  von  den  ältesten  Zeiten 
bis  auf  heutigen  Tag,  belehrend  wie  ein  Handbuch 
durch  Treue  und  Gründlichkeit  und  unterhaltend  wie 
ein  Kunstwerk  durch  harmonischen  Reiz  der  schönen 
Rede.  Talent  und  Charakter  haben  sich  hier  ver- 
einigt, und  ihre  Verbindung  liefert  das  erfreulichste 
Resultat.  Laube  ist  nämlich  nicht  bloß  ausgezeichnet 
durch  ästhetische  Begabnisse,  durch  Macht  der  Dar- 
stellung, durch  Phantasie  und  Scharfsinn,  sondern 
auch  durch  die  Biederkeit,  die  Ehrlichkeit,  die  Lauter- 
keit seines  ganzen  Wesens:  seine  Zunge  ist  der  ge- 
wissenhafte Dolmetsch  seines  redlich  deutschen  Her- 
zens. —  Daß  die  Wahrheit  auch  geistreich  sein 
könne,  davon  gibt  uns  Laube  einen  erquickenden 
Beweis.  Und  ach!  wir  bedurften  eines  solchen  Trostes 
in  einer  Zeit,  wo  die  geistreiche  Lüge  sich  ausspreizt 
in  ihrem  brillantesten  Dünkel. 


Paris,  20.  November  (1840). 
Die  Dienstbarkeit  liegt  in  der  Natur  des  Menschen. 
Laßt  uns  nicht  darüber  rechten,  welche  Gattung  des 
Dienens  die  edlere  sei:  der  Germane,  welcher  einer 
Person  diente,  ist  ebenso  achtenswert  wie  der  Römer, 
welcher  dem  Boden  diente,  und  die  Untertanstreue 
des  einen,  ebenso  wie  die  Vaterlandsliebe  des  andren 
steht  nicht  niedriger  als  der  Dienst,  welchen  man 
einer  übersinnlichen  Idee  widmet,  z.  B.  der  Gottes- 
dienst der  Hebräer.  Sogar  unsre  radikalsten  Eman- 
zipatoren   können    sich    nicht  von    der   angeborenen 


Vier  Berichte  für  die  Allgemeine  Zeitung      43c 

Dienstbarkeit  losmachen,  sie  dienen  der  Begier  des 
abzuschüttelnden  Joches,  der  entfesselten  Ungeduld, 
und  Robespierre  rief  einst:  »Ich  bin  ein  Knecht  der 
Freiheit!«  —  Heutzutage  gibt  es  in  der  Gesinde» 
stube  der  Freiheit  wenig  treue  Knechte,  aber  desto 
mehr  glänzende  Dienerschaft:  Heiducken  von  aus» 
gezeichnet  körperlicher  Größe,  kleine  naseweise 
Jockeien,  windige  Läufer,  grobselige  Kutscher,  Leib- 
jäger usw.  Diese  Leute  dünken  sich  zu  gut  oder 
sind  vielleicht  zu  schlecht,  um  einer  Person  dienen 
zu  können,  und  sie  vermieten  sich  bei  einer  Idee 
aus  Müßiggang,  für  Taglohn,  wo  nicht  gar,  um  bei 
Gelegenheit  zu  stehlen  oder  für  ein  gutes  Trinkgeld 
die  Hausinteressen  zu  verraten.  Wüßte  ich  nicht, 
daß  die  herrschende  Idee  unserer  Tage  —  und  ich 
will  sie  bei  ihrem  Namen  nennen:  die  Demokratie  — 
im  Boden  Frankreichs  tiefer  wurzelt  als  jede  andre 
Herrschaft,  so  würde  ich  ihre  Zukunft  sehr  gefährdet 
glauben;  denn  ich  erblicke  in  ihrer  Nähe  gar  zwei» 
deutige  Gesichter,  ich  sehe,  wie  eine  Menge  Lakaien 
des  alten  Regimes  sich  in  ihre  Livree  vermummen, 
und  unter  dem  Tressenhut  ihres  Haushofmeisters 
bemerke  ich  die  Tonsur.  —  Daß  die  Idee  der  Demo» 
kratie  in  Frankreich  herrschend  ist,  unterliegt  keinem 
Zweifel.  Der  ungeheure  Absatz,  den  die  demokra» 
tischen  Broschüren  finden,  ist  der  sicherste  Beweis. 
Täglich  werden  dergleichen  von  der  Regierung  kon» 
fisziert.  Die  wichtigsten  in  der  letzten  Zeit  waren 
die  Broschüren  von  Louis  Blanc  und  Lamennais. 
Von  ersterem  habe  ich  bereits  in  diesen  Blättern 
gesprochen:  es  ist  das  gescheuteste  Köpfchen  seiner 
Kirtei  und  das  bravste  Herz.  Über  des  Abbe 
Lamennais  glänzendes  Talent  brauche  ich  nicht  erst 
zu   berichten.     Ich  zweifle  nicht,   daß  er  es  ehrlich 


436  Kleinere  Schriften 

meint,  nämlich  mit  der  katholischen  Religion,  die  er 
mit  der  Demokratie  verbünden  will:  denn  er  glaubt, 
daß  letzterer  die  Weltherrschaft  anheimfalle.  Die 
römische  Kurie  hat  den  großen  Priester  nicht  ver- 
standen; die  Härte,  womit  sie  seinen  wohlgemeinten 
Eifer  ablehnte,  ist  jedenfalls  tadeis  wert.  Armer 
Lamennais!  Ich  begreife  seinen  Kummer  ob  der 
Schonungslosigkeit,  womit  die  Seinigen  ihn  behandelt, 
ihn,  den  Kämpfer  des  Glaubens,  der  zum  Heil  des 
Glaubens  sein  eignes  Heil  aufs  Spiel  setzte,  mit 
der  Ketzerei  fraternisierte  und  sich  der  ewigen  Ver- 
dammnis  preisgab!  Daß  er,  der  römisch-katholische 
Lamennais,  sich  am  Ende  von  Rom  lossagen  mußte, 
war  gewiß  der  größte  Schmerz  seines  Lebens,  und 
er  muß  daran  verbluten.  Wenn  nicht  gar  ob  dieser 
heroischen  Selbstaufopfrung  die  Kraft  der  Reue  ihn 
später  erfaßt!  Schon  jetzt  kann  er  des  Nachts  nicht 
mehr  schlafen:  er  sieht  lauter  kleine  Teufel  mit  Licht- 
chen, die  um  sein  Lager  herumtänzeln  und  hüpfen; 
er  sieht,  wie  die  Bettgardinen  Feuer  fangen  und  die 
Höllengluten  über  ihn  zusammenschlagen;  zitternd 
und  zähneklappernd  verkriecht  er  sich  unter  der 
Decke,  bis  der  Spuk  vorüber  ist;  hernach  weint  er 
bitterlich.  Sein  Verstand  kann  ihn  nicht  schützen 
vor  den  Schrecknissen  seines  eingewurzelten  Kind- 
heitsglaubens; so  erzählen  seine  Freunde.  Die  Feinde, 
wie  immer  geschieht,  geben  der  Stärke  seines  Geistes 
ein  besseres  Zeugnis.  Vor  einigen  Tagen  konfis- 
zierte man  »l'Evangile  du  Peuplec,  ebenfalls  eine 
demokratische  Broschüre,  worin  die  radikalste  Frei- 
heits-  und  Gleichheitslehre  aus  der  Bibel  deduziert 
und  der  göttliche  Bergprediger  als  ein  Montagnard 
von  1793  dargestellt  wird.  Der  Verfasser,  namens 
Esquiros,  ist  ein  guter  Mensch  von  etwas  weiblicher 


Vier  Berichte  für  die  Allgemeine  Zeitung      a-tj 

Natur,  schwärmerisch  sanft  wie  eine  Predigerstochter 
im  Mondschein,  dabei  aber  auch  beseelt  von  werktätiger 
Frömmigkeit  gleich  einer  barmherzigen  Schwester. 
Diese  praktische  Gemütlichkeit  offenbart  er  aufs 
liebenswürdigste  in  einer  anderen  Schrift,  die  er 
jüngst  herausgab,  betitelt  »Les  vierges  folles«.  Unter 
dem  Namen  »törichte  Jungfrauen«  bespricht  er  eine 
Klasse  Weibsbilder,  die  zwar  hinlänglich  töricht,  aber 
von  zweifelhafter  Jungfräulichkeit  sind;  ein  delikates, 
jedoch  sehr  wichtiges  Thema,  das  früher  oder  später 
in  Frankreich  mit  Entschiedenheit  diskutiert  werden 
muß.  —  Die  »Revue  democratique«,  die  ebenfalls 
vor  einigen  Tagen  konfisziert  worden,  gehört  zu  den 
wildesten  Produkten  des  Radikalismus  und  gewährt 
eine  Lektüre,  wobei  jedem,  der  einen  Kopf  hat,  die 
Haare  zu  Berge  steigen.  Sie  ist  zunächst  gegen  das 
Eigentum  gerichtet  und  bespricht  im  grellsten  Tone 
die  letzten  Konsequenzen  der  herrschenden  Idee. 
Hier  sehen  wir  nicht  die  geputzten  Kammerdiener 
dieser  Idee,  sondern  die  Stallknechte,  in  schäbiger 
Lederjacke,  mit  Striegel  und  Heubündeln  und  riechend 
nach  Mist.  Besonders  unheimlich  ward  mir,  als 
ich  sah,  daß  auch  hier  der  religiöse  Fanatismus  mit 
dem  politischen  Brüderschaft  trank.  In  besagter 
»Revue  democratique«  fand  ich  —  denken  Sie  sich! 
»—  die  extravagantesten  Auslegungen  der  Apokalypse. 
Der  Titel  dieses  Aufsatzes  lautet:  »Le  cataclysme, 
prochain  accomplissement  des  Proph&ies  de  Jean 
l'Evangeliste,  apötre  du  Peuple  par  Jesus.«  Als  Probe 
des  Unsinns  zitiere  ich  Ihnen  folgende  Stellen  und 
zwar  im  französischen  Original;  denn  das  Merk- 
würdigste ist  eben,  daß  solche  Dinge  jetzt  auf  fran- 
zösich  geschrieben  werden  —  in  deutscher  Sprache 
klingt  dergleichen  nicht  so  befremdlich.     Hören  Sie: 


aj%  Kleinere  Schriften 

In  den  Kapiteln  VIII— XVI  der  Apokalypse  findet 
der  Verfasser:  »Septieme  sceau,  ou  revolution  fran» 
caise.  Les  sept  periodes  de  cette  revolution  ou  les 
sept  anges  avec  les  sept  coupes  ampres  et  les  sept 
trompettes.  Les  annees  1789,  92,  95,  99  et  1804 
sont  les  sept  premieres  coupes,  versees  au  son  des 
cinq>  premieres  trompettes.  En  92,  tombe  du  ciel 
l'etoile  absinte,  Rope-apsinthos  ou  Robespierre;  en 
1804  vole  l'aigle  de  la  guerre«.  In  den  Kapiteln  IX 
bis  XVI  findet  der  Verfasser:  »Armes  imperiales 
francaises,  commandees  par  Apoleon,  l'extermina- 
teur,  ou  Napoleon.  Coalition  des  rois  contre  la 
France.  Bataille  des  nations  dans  les  plaines  d'Ar* 
magdon  ou  l'Allemagne.  La  sixieme  coupe  ou  trom* 
pette  est  le  signal  des  malheurs  de  1812  a  1814«. 
Lachen  Sie  nicht  über  die  heutigen  Jakobiner;  ihre 
Tollheit  ist  weit  entsetzlicher  wie  die  ihrer  Väter, 
auch  furchtbarer.  Wenn  der  Pere  Duchene  auch 
noch  so  bougrement  patriotique  zürnte,  war  sein  Zorn 
doch  noch  lange  nicht  so  gefährlich  wie  jene  Mischung 
von  irdischem  und  himmlischem  Wahnsinn,  von  Sans- 
culottismus und  Apokalypse,  den  die  »Revue  demo- 
cratiquec  bietet.  Mich  graut  vor  der  Möglichkeit 
eines  Umsturzes  der  Dinge  in  Frankreich.  In  einem 
heutigen  comite  du  salut  public  wurden  Männer 
sitzen,  die  weit  schrecklicher  als  Robespierre,  als 
der  bittere  Rope-apsinthos.  Dieser  war  doch 
am  Ende  nur  ein  weltlicher  Zungendrescher,  ein 
Advokat.  Aber  denkt  euch  einen  Torquemada,  be* 
kleidet  mit  der  dreifarbigen  Schärpe  und  dem  Feder- 
hut eines  Repräsentant  du  peuple!  —  »Ich  will  euch 
zeigen,  was  ein  Priester  istc,  sagte  einst  der  Abbe 
de  Lamennais,  und  ich  kann  diese  Worte  nimmer- 
mehr vergessen.     Sie  sind   wichtiger  als  alles,   was 


Vier  Berichte  für  die  Allgemeine  Zeitung      439 

gestern  in  der  Pairskammer  gesprochen  ward,  wo 
nicht  gar  als  die  Rede  des  Herrn  Guizot.  Wie  sehr 
über  letztere  alle  Gemüter  in  Aufruhr  sind,  wird 
Ihnen  die  Tagespresse  zur  Genüge  berichten.  Ich 
enthalte  mich  überhaupt  aller  Besprechung  der 
Kammerdebatten,  die  Ihrer  eignen  Beurteilung  ge- 
druckt vorliegen.  Wie  ich  vorausgesagt,  sie  be- 
gannen mit  der  Untersuchung,  ob  Frankreich  von 
England  beleidigt  worden.  Herr  Guizot  sagt:  Nein. 
Ich  möchte  ihn  fragen:  Wie  viel  Ohrfeigen  gehören 
denn  zu  einer  Injurie?  Die  Debatten  über  die  Adresse 
werden  in  der  Deputiertenkammer  bis  zur  äußersten 
Heftigkeit  steigen.  Die  nationale  Partei,  welche  an 
die  Stelle  der  gestürzten  parlamentarischen  Partei 
auftaucht,  wird  eine  furchtbare  Antrittsrede  halten.  — 


Thomas  Reynolds. 

Paris,  im  November  <i84i>. 
»Waverley«  von  Walter  Scott  ist  männiglich  be- 
kannt, und  während  dieser  Roman  die  rohe  Menge 
durch  stoffartiges  Interesse  unterhält,  entzückt  er 
den  gebildetem  Leser  durch  die  Behandlung,  durch 
eine  Form,  welche  an  Einfachheit  unvergleichbar 
ist  und  dennoch  den  größten  Reichtum  von  Entfal- 
tungen darbietet.  An  diese  unübertreffliche,  ergie- 
bige Form  erinnerte  uns  das  Buch,  das  unserer  heu- 
tigen Besprechung  vorliegt  und  von  den  hier  lebenden 
Landsleuten  des  Verfassers  so  verschiedenartig  be- 
urteilt wird.  Es  ist  voriges  Jahr  zugleich  in  London 
bei  Longman  und  hier  in  Paris  in  der  englischen 
Buchhandlung  der  Rue  neuve  St.  Augustin  erschienen 


44Q 


Kleinere  Schriften 


und  führt  den  Titel :  »The  life  of  Thomas  Reynolds, 
Esq.,  by  his  son  Thomas  Reynolds«.  Sonderbar ! 
die  oberwähnte  Form,  welche  Scott  dem  feinsten 
Kalkül  seines  künstlerischen  Talents  verdankte,  findet 
sich  auch  in  diesem  Buche,  aber  als  ein  Produkt 
der  Natur,  als  ein  ganz  unmittelbares  Ergebnis  des 
Stoffes.  Letzterer  ist  hier,  ganz  wie  in  dem  Scott» 
sehen  Roman ,  eine  verunglückte  Empörung,  und 
wie  bei  dem  Schilderheben  der  schottischen  Hoch- 
fänder  sehen  wir  auch  hier  in  dem  irischen  Auf* 
stand  einen  etwas  schwachmütigen  Helden,  der  fast 
passiv  von  den  Ereignissen  hin  und  her  geschleudert 
wird;  nur  daß  der  große  Dichter  seinem  Waverley 
durch  die  liebenswürdigsten  Ausschmückungen  die 
Sympathie  der  Lesewelt  aufs  reichlichste  zuwandte, 
was  leider  der  Biograph  des  Thomas  Reynolds  für 
diesen  nicht  tun  konnte,  eben  weil  er  keinen  Roman, 
sondern  eine  wahre  Geschichte  schrieb.  Ja,  er  be- 
schrieb  das  Leben  seines  Helden  mit  einer  so  uner- 
quicksamen  Wahrheitsliebe,  er  berichtete  die  pein- 
lichsten Tatsachen  in  einer  so  grellen  Nacktheit, 
daß  den  Leser  dabei  manchmal  eine  fast  schauer- 
liche Mißstimmung  anwandelt.  Es  ist  der  Sohn, 
welcher  hier  das  treue  Bild  seines  Vaters  zeichnet, 
aber  selbst  die  unschönen  Züge  desselben  so  sehr 
liebt,  daß  er  sie  durch  keine  erlogene  Zutat  ideali- 
sieren und  somit  dem  ganzen  Porträt  seine  teure 
Ähnlichkeit  rauben  will.  Er  besitzt  eine  so  hohe 
Meinung  von  dem  Charakter  seines  Vaters,  daß 
er  es  verschmäht  selbst  die  unrühmlichsten  Hand- 
lungen einigermaßen  zu  verblümen;  diese  sind  für 
ihn  nur  betrübsame  Konsequenzen  einer  falschen 
Position,  nicht  des  Willens.  Es  herrscht  ein  schreck- 
licher Stolz   in   diesem  Buche,   nichts   soll   verheim- 


Vier  Berichte  für  die  Allgemeine  Zeitung.      441 

licht,  nichts  soll  bemäntelt  werden ;  aber  die  Umstände, 
die  seinen  Vater  in  die  verhängnisvollste  Lage  hin* 
eintrieben,  die  Motive  seines  Tuns  und  Lassens, 
die  Verleumdungen  des  Parteigrolls  will  der  Sohn 
beleuchten;  und  nach  solcher  Beleuchtung  kann  man 
in  der  Tat  nicht  mehr  ein  hartes  Verdammnisurteil 
fällen  über  den  Mann,  welcher  der  revolutionären 
Sippschaft  in  Irland  gegenüber  eine  gar  gehässige 
Rolle  spielte,  aber  jedenfalls,  wir  müssen  es  gestehen, 
seinem  Vaterland  einen  großen  Dienst  leistete :  denn 
die  Häupter  der  Verschwörung  hatten  nichts  Ge- 
ringeres im  Sinne,  als  mit  Hilfe  einer  französischen 
Invasion  Irland  ganz  loszureißen  von  dem  großbritan- 
nischen Staatsverbande,  der  zwar  damals,  in  den 
neunziger  Jahren,  wie  noch  jetzt,  sehr  drückend  und 
jammervoll  auf  dem  irländischen  Volk  lastete,  ihm 
aber  einst  die  unberechenbarsten  Vorteile  bieten  wird, 
sobald  die  kleinen  mittelalterlichen  Zwiste  geschlichtet 
und  Irland,  Schottland  und  England  auch  geistig  zu 
einem  organischen  Ganzen  verschmolzen  sein  wer- 
den. Ohne  solche  Verschmelzung  würden  die  Ir- 
länder  eine  sehr  klägliche  Rolle  spielen  in  dem 
nächsten  europäischen  Völkerturnier;  denn  in  allen 
Ländern,  nach  dem  Beispiel  Frankreichs,  suchen  die 
nachbarlichen  und  sprachverwandten  Stämme  sich 
zu  vereinigen.  Es  bilden  sich  große  kompakte 
Staatenmassen,  und  wenn  einst  diese  kolossalen  Käm- 
pen miteinander  in  die  Schranken  treten,  streitend 
um  die  Welthegemonie,  dann  wird  der  beste  Patriot 
in  Dublin  keinen  Augenblick  daran  zweifeln,  daß 
Thomas  Reynolds  seinem  Lande  einen  großen  Dienst 
leistete,  als  er  die  Plane  der  Verschwörung,  die 
Irland  von  England  trennen  wollten,  verriet  und 
mit  seinem  Zeugnis    gegen    sie    auftrat.    Zu  dieser 


442 


Kleinere  Schriften 


Stunde  aber  ist  solche  tolerante  Beurteilung  noch 
unmöglich  in  dem  grünen  Erin,  wo  die  zwei  feind- 
lichen Parteien,  die  protestantisch  britische  und  die 
katholisch  nationale ,  noch  immer  so  grimmig  und 
trotzig  sich  gegenüberstehen  wie  in  den  neunziger 
Jahren,  ja  wie  seit  Wilhelm  von  Oranien,  der  den 
sogenannten  Orange -Men  seinen  Namen  hinter- 
ließ und  von  den  Gegnern  noch  heute  unerbittlich 
gehaßt  wird;  während  erstere  bei  ihren  Festmahlen 
dem  Andenken  König  Wilhelms  die  freudigsten 
Toaste  bringen,  trinken  letztere  auf  die  Gesundheit 
der  stätigen  Stute,  durch  welche  König  Wilhelm  den 
Hals  brach. 

Müssen  wir  aber  auf  die  Zukunft  verweisen,  um 
das,  was  Thomas  Reynolds  tat,  notdürftig  zu  be- 
schönigen, müssen  wir,  um  sein  Tun  zu  entschul- 
digen, unsere  wärmsten  Gefühle  zurückdrängen,  so 
können  wir  doch  schon  jetzt  und  mit  freiem  Herzen 
den  schlimmsten  Anklagen  widersprechen,  und  wir 
sind  davon  überzeugt,  daß  die  Motive  seiner  Tat 
keineswegs  so  häßlich  waren  wie  seine  Feinde 
glaubten,  daß  er  zwar  die  Verschwörung  aufdeckte, 
keineswegs  aber  an  den  Personen  der  Verschwörer 
einen  Verrat  übte,  am  allerwenigsten  an  der  Person 
des  vortrefflichen  Lord  Edward  Fitzgerald,  wie  Tho- 
mas Moore  in  der  Biographie  desselben  unredlicher- 
weise behauptete.  Der  Sohn  hat  bis  zur  Augen- 
scheinlichkeit bewiesen,  daß  kein  Geldvorteil  seinen 
Vater  veranlaßt  haben  konnte,  die  Partei  der  Regie- 
rung zu  ergreifen,  die  im  Gegenteil  wenig  für  ihn 
tat  und  ihn  für  die  Verluste  nur  kärglich  entschä- 
digte. In  dieser  Beziehung  schirmt  ihn  auch  das 
Zeugnis  der  vornehmsten  Staatsmänner  Englands, 
namentlich    des   Earl    of   Chichester,    des   Marquis 


Vier  Berichte  für  die  Allgemeine  Zeitung      443 

Cambden  und  des  Lord  Castlereagh,  welche  damals 
an  der  Spitze  der  irischen  Regierung  standen.  Diese 
rühmen  ihn  wegen  seiner  Uneigennützigkeit,  erklären 
sein  Betragen  für  ehrenwert,  versichern  ihn  ihrer 
Hochachtung  —  und  wie  wenig  ich  auch  diese 
britischen  Tories  liebe,  so  zweifle  ich  doch  nicht  an 
ihrem  Wort,  denn  ich  weiß,  sie  sind  viel  zu  hoch* 
mutig,  als  daß  sie  für  einen  bezahlten  Verräter 
öffentlich  lügen  würden.  Sie  verachten  alle  Men- 
schen, und  doppelt  verachten  sie  diejenigen,  denen 
sie  Geld  gegeben,  und  gegen  solche  sind  sie  noch 
wortkarger.  Aber  nicht  bloß  die  Höchstgestellten, 
sondern  auch  viele  Landsleute  geringeren  Ranges 
sprachen  Thomas  Reynolds  unbedingt  frei  von  der 
Beschuldigung,  als  habe  Gewinnsucht  ihn  geleitet. 
Die  Kaufmannsgilde  von  Dublin  erließ  an  ihn  eine 
Adresse,  welche  voll  ehrender  Anerkennung  und 
mit  den  Schmähungen  seiner  Feinde  einen  fast  ko- 
mischen Gegensatz  bildet. 

Wie  Reynolds  der  Sohn  durch  die  genauesten 
Details  und  die  sinnreichsten  Schlußfolgen  bis  zur 
Evidenz  bewiesen,  daß  sein  Vater  nicht  aus  Eigen- 
nutz die  Verschwörung  verriet,  so  beweist  er  eben- 
falls bis  zur  Evidenz,  daß  er  keineswegs  an  der 
Person  der  Verschwörer  irgendeinen  argen  Verrat 
übte,  und  daß  er,  weit  entfernt  die  Gefangennahme 
des  Lord  Fitzgerald  veranlaßt  zu  haben,  im  Gegen- 
teil für  die  Rettung  desselben  die  größte  Sorge  an 
den  Tag  legte  und  ihn  auch  mit  Geld  aufs  redlichste 
unterstützte.  Die  Lebensbeschreibung  Fitzgeralds, 
die  wir  der  buntfarbigen  Feder  des  Thomas  Moore 
verdanken,  scheint  mehr  Dichtung  als  Wahrheit  zu 
enthalten,  und  mit  Recht  muß  der  Poet  den  Un- 
willen eines  Sohnes  ertragen,  der  die  Verunglimpfung 


v      Kleinere  Schriften 

seines  Vaters  mit  den  schärfsten  Stachelreden  züch- 
tigt. Thomas  Little  <wie  man  Thomas  Moore  ob 
seiner  winzigen  Gestalt  zu  nennen  pflegt)  bekommt 
hier  sehr  nachdrücklich  die  Rute,  und  es  ist  nicht 
zu  verwundern,  daß  das  Männchen,  das  auf  die 
ganze  Londoner  Presse  den  größten  Einfluß  übt, 
alle  seine  Mittel  in  Bewegung  setzte,  um  das  Rey- 
noldssche  Werk  in  der  öffentlichen  Meinung  herab- 
zuwürdigen. Sein  Held  Fitzgerald  wird  zwar  hier 
von  allem  romantischen  Nimbus  entkleidet,  aber  er 
erscheint  deshalb  nicht  minder  heroisch,  besonders 
bei  seiner  Gefangennahme,  und  ich  will  die  darauf 
bezügliche  Stelle  hier  mitteilen. 

»Die  folgende  Erzählung  von  der  Gefangennahme 
des  Lord  Edward  Fitzgerald  erhielt  mein  Vater  von 
dem  Hrn.  Sirr  und  dem  Hrn.  Swann;  ersterer 
ist  noch  am  Leben  und  kann  berichtigen  wo  ich 
etwa  irre.  Es  war  am  18.  Mai,  als  Hr.  Edward 
Cooke,  damaliger  Unterstaatssekretär,  den  Hrn. 
Charles  Sirr,  Bürgermeister  <town-mayor>,  einen 
wackern,  tätigen  und  verständigen  Beamten,  zu  sich 
rufen  ließ  und  ihm  den  Auftrag  gab,  den  andern 
Tag  zwischen  5  und  6  Uhr  abends  nach  dem  Hause 
eines  gewissen  Nicolas  Murphy  zu  gehen,  welcher 
Feder*  und  Bauholzhändler  in  Thomasstreet;  dort 
fände  er  den  Lord  Edward  Fitzgerald,  den  er  arre- 
tieren solle  laut  dem  Verhaftbefehl,  den  er  ihm  ein- 
händigte. Hr.  Sirr  traf  schon  denselben  Abend 
hierzu  die  notwendigen  Anstalten  und  den  nächsten 
Morgen  besprach  er  sich  über  seinen  Auftrag  mit 
dem  Hrn.  Swann  und  einem  gewissen  Hrn.  Ryan, 
zwei  Magistratspersonen,  denen  er  das  höchste  Ver- 
trauen schenkte  und  deren  Mithülfe  er  in  Anspruch 
nahm.     Hr.   Ryan    war    damals    Herausgeber   einer 


Vier  Berichte  für  die  Allgemeine  Zeitung     445 

Zeitung,  worin  einige  sehr  schmähsüchtige  Ausfälle 
gegen  Lord  Edward  abgedruckt  worden,  welche 
letztern  mit  großem  Haß  gegen  Hrn.  Ryan  erfüllten. 
Hr.  Sirr  besorgte  9  Mann  von  der  Londonderry- 
Miliz,  sämtlich  wohluniformiert.  Hr.  Stirling,  jetzt 
Konsul  zu  Genua,  und  Dr.  Bankhead,  beide  Offiziere 
jenes  Regiments,  begleiteten  sie,  ebenfalls  in  Uniform. 

Es  ist  eine  merkwürdige  Tatsache,  daß  Lord  Ed- 
ward erst  in  der  Nacht  am  18.  Mai  nach  dem  Hause 
des  Murphy  ging,  und  der  Staatssekretär,  noch  ehe 
er  hinging,  von  seiner  Absicht  dorthin  zu  gehen 
so  sicher  unterrichtet  war,  daß  er  schon  des  Nach* 
mittags  dem  Hrn.  Sirr  die  Instruktion  und  den  Ver- 
haftsbefehl  geben  konnte,  also  acht  bis  zehn  Stunden 
vor  Lord  Edwards  Ankunft. 

Die  HH.  Sirr,  Swann  und  Ryan  nebst  ihren 
Genossen  begaben  sich  in  zwei  Mietkutschen  nach 
dem  Hause  des  Murphy;  Hr.  Sirr  sorgte  auch  da- 
für, daß  eine  starke  Kompagnie  Militär,  gleichzeitig 
aus  der  Kaserne  abmarschierend,  unmittelbar  nach 
der  Ankunft  der  Kutschen  vor  dem  Hause  des 
Murphy  anlangen  konnte,  um  ihn  und  seine  Leute 
gegen  den  Pöbel  zu  schützen,  der  sich  in  jenem 
Viertel  von  Dublin  sehr  leicht  zu  einem  bedeutenden 
Auflauf  versammelt.  Sobald  er  ankam,  wußte  Hr. 
Sirr  seine  neun  Mann  so  aufzustellen,  daß  sie  alle 
Eingänge  besetzten,  sowohl  Seiten-  als  Hintertüren. 
Während  er  diese  Vorrichtung  traf,  eilten  Hr. 
Swann  und  Hr.  Ryan  die  Treppe  hinauf,  da  im 
Erdgeschoß  nur  Komptoirstuben  und  Warenlager  be- 
findlich. Im  ersten  Gemach  sahen  sie  niemand,  aber 
den  Speisesaal  schien  man  eben  verlassen  zu  haben, 
da  sich  auf  der  Tafel  noch  Überbleibsel  von  Dessert 
und   Weinen    befanden.     Sie    erreichten    hastig    das 


a,a6  Kleinere  Schriften 

zweite  Gemach,  ohne  jedoch  irgendeines  Menschen 
ansichtig  zu  werden;  sie  öffneten  dort  die  Tür  eines 
Schlafzimmers,  welche  weder  verschlossen  noch  ver- 
riegelt war:  in  diesem  Zimmer  endlich  stand  Murphy 
am  Fenster  der  Straße  zu,  ein  Papier  in  der  Hand 
haltend,  welches  er  eben  zu  lesen  schien,  und  auf 
dem  Bett  lag  Lord  Edward  Fitzgerald  halb  ent- 
kleidet. Auf  einem  Stuhle  neben  dem  Bette  lag  ein 
Kästchen  mit  Taschenpistolen;  Hr.  Swann  eilte  gleich 
darauf  zu  und,  sich  zwischen  den  Stuhl  und  das  Bett 
drängend,  rief  er:  ,Lord  Edward  Fitzgerald,  Ihr  seid 
mein  Gefangener,  denn  wir  kommen  mit  starkem  Ge- 
leit und  jeder  Widerstand  ist  nutzlos !'  Lord  Edward 
sprang  empor,  und  mit  einem  zweischneidigen  Dolch, 
welchen  er  irgend  neben  sich  verborgen  gehalten, 
stach  er  nach  der  Brust  des  Hrn.  Swann;  dieser 
wollte  mit  der  Hand  den  Stich  abwehren  und  sie 
ward  durchstochen  am  Knöchel  des  Zeigefingers 
dergestalt,  daß  die  Hand  im  buchstäblichen  Sinn  einen 
Augenblick  an  seiner  Brust  festgeheftet  blieb.  Der 
Dolch  drang  nämlich  in  eine  Seite  seiner  Brust  und 
die  Rippen  hindurch  kam  er  hinten  am  Schulterblatt 
wieder  zum  Vorschein.  Hr.  Ryan  stürzte  jetzt  herbei, 
feuerte  ein  Pistol  auf  Lord  Edward  ab,  und  schoß 
fehl.  Lord  Edward,  welcher  ihn  kannte,  rief:  ,Ryan, 
du  Elender!'  <,Ryan,  you  villain!')  und  indem  er 
den  Dolch,  dessen  Griff  er  noch  immer  in  Händen 
hielt,  aus  Hrn.  Swanns  Brust  herausriß,  stach  er 
damit  Hrn.  Ryan  in  die  Herzgrube  und,  die  Waffe 
wieder  zurückziehend,  schlitzte  er  ihm  mit  der  Schneide 
den  Bauch  auf  bis  am  Nabel.  Die  HH.  Swann 
und  Ryan  hatten  beide  Lord  Edward  um  den  Leib 
gefaßt,  und  da  derselbe  noch  unverwundet,  suchte 
er  durch   die   Türe   zu   entkommen,   wo   Hr.  Ryan 


Vier  Berichte  für  die  Allgemeine  Zeitung     447 

ihn  endlich  losließ,  indem  er  mit  den  heraushängen* 
den  Gedärmen  zu  Boden  stürzte,  aber  Hr.  Swann 
hielt  ihn  noch  fest.  Im  Vorzimmer  neben  der  Tür 
war  eine  Leiter,  welche  nach  dem  Söller  führte  und 
einen  Ausgang  nach  dem  Dache  bot.  Diese  Vor* 
kehrung  war  getroffen,  um  im  Fall  der  Not  die 
Flucht  zu  fördern,  und  auf  diesem  Wege  wollte 
I>ord  Edward  entfliehen;  jedoch  Hr.  Swann,  wel- 
cher sich  mit  seinem  ganzen  Gewicht  an  ihm  fest- 
hing, hinderte  ihn  die  Leiter  zu  ersteigen,  und  um 
sich  von  dieser  Last  zu  befreien,  erhub  er  eben 
seinen  Arm  und  wollte  ihn  mit  dem  Dolche,  den 
er  noch  in  Händen,  aufs  neue  durchstoßen.  Alles 
dies  ereignete  sich  in  weniger  als  einer  Minute. 
Mittlerweile  aber  war  das  Militär  aus  der  Kaserne 
angelangt,  und  nachdem  Hr.  Sirr  dasselbe  gehörig 
postiert,  eilte  er  ins  Haus  und  die  Treppe  hinauf, 
wo  er  schießen  hörte,  und  mit  einem  Pistol  in  der  Hand 
erreichte  er  das  Zimmer  eben  in  dem  Augenblick, 
wo  Lord  Edward  seinen  Arm  erhoben,  um  Hrn. 
Swann  den  Gnadenstoß  zu  geben;  er  schoß  also 
ohne  sich  lange  zu  bedenken  und  traf  Lord  Ed- 
ward am  Arm,  nahe  bei  der  Schulter.  Der  Arm 
sank  ihm  machtlos,  und  Lord  Edward  war  ge- 
fangen. 

Es  bietet  sich  hier  die  ganz  natürliche  Frage: 
was  tat  unterdessen  Murphy,  der  Hauswirt,  ein 
Mann  in  der  Blüte  seines  Alters  und  seiner  Kraft, 
und  dessen  Schutz  sich  Lord  Edward  anvertraut 
hatte?  Er  blieb  ein  schweigender  Zuschauer  des 
ganzen  Auftritts,  obgleich  jedem  einleuchten  muß, 
daß  er  durch  die  geringste  Hülfleistung  seinen  Gast 
von  Hrn.  Swann  befreien  und  seine  Flucht  über 
das  Dach  ganz  leicht  bewirken  konnte.   Das  Fenster, 


ja$  Kleinere  Schriften 

wo  Murphy  stand,  ging  nach  der  Straße,  es  war 
keine  30  Fuß  vom  Boden  entfernt,  und  die  Kutschen 
konnten  bis  14  Fuß  der  Mauer  des  Hauses  sich  nahen. 
Es  ist  unbegreiflich,  daß  zwei  Mietkutschen  mit  vier- 
zehn Menschen  solchermaßen  haltend  seine  Aufmerk- 
samkeit nicht  erregten.  Es  ist  auch  unbegreiflich,  daß 
in  dem  Hause,  welches  solchen  Gast  beherbergte,  Tür 
und  Tor  von  oben  bis  unten  unverschlossen  und  un- 
bewacht geblieben  und  keine  Seele  sich  dort  befand 
außer  dem  Eigentümer.  Der  geringste  Wink  konnte 
die  Flucht  sichern,  ehe  Hr.  Swann  die  Treppe  er- 
stiegen, ebenso  die  geringste  Hülfleistung,  nachdem 
schon  der  Angriff  stattfand.  Vielleicht  war  alles  dies 
Zufall.  Ich  berichte  bloß  die  Begebenheiten,  wie  sie 
meinem  Vater  erzählt  worden  von  den  HH.  Sirr  und 
Swann;  erstem  sprach  er  schon  den  andern  Morgen, 
den  20.,  letztern  erst  nach  seiner  Genesung.  Murphy 
ward  verhaftet,  aber  nicht  verhört.  Nachdem  Lord 
Edwards  Wunde  verbunden,  ward  er  sorgfältig  fort- 
gebracht; aber  da  die  Kugel  oben  in  die  Brust 
gedrungen  und  der  Brand  erfolgte,  starb  er  am  4.  Ju- 
nius.  Hrn.  Ryans  Wunde  ließ  keinen  Augenblick 
seine  Erhaltung  hoffen;  der  Tod  erfolgte  nach  einigen 
Tagen.« 

Wie  über  Fitzgerald,  enthält  das  vorliegende  Buch 
auch  die  interessantesten  Mitteilungen  über  Theo- 
bald  Wolfe  Tone,  der  in  der  irischen  Verschwörung 
gleichfalls  eine  bedeutende  Rolle  spielte  und  ein  eben- 
so unglückliches  Ende  nahm.  Er  war  ein  edler 
Mensch,  durchglüht  vom  Feuer  der  Freiheitsliebe, 
und  agierte  einige  Zeit  als  bevollmächtigter  Gesandte 
der  Verschworenen  bei  den  französischen  Republi- 
kanern. Sein  Tagebuch,  welches  sein  Sohn  heraus- 
gegeben,  enthält   merkwürdige  Notizen   über  seinen 


Vier  Berichte  für  die  Allgemeine  Zeitung     449 

Aufenthalt  zu  Paris  während  der  Sturm*  und  Drang- 
periode der  französischen  Revolution.  Nach  Irland 
kehrte  er  zurück  mit  der  Expedition,  die  das  Direkt 
torium  etwas  zu  spät  dorthin  unternahm.  Die  Er* 
Zählung  von  dieser  Expedition,  wie  sie  im  vor* 
liegenden  Buch  umständlich  zu  lesen,  ist  höchst 
bedeutungsvoll  und  zeigt  welchen  schwachen  Wider- 
stand eine  Landung  in  England  finden  würde,  wenn 
sie  besser  organisiert  wäre  als  damals.  Man  glaubt 
der  Schauplatz  sei  China,  wenn  man  liest,  wie 
einige  hundert  Franzosen,  kommandiert  von  General 
Humbert,  mit  Übermut  das  ganze  Land  durchstreichen 
und  Tausende  von  Engländern  zu  Paaren  treiben. 
Ich  kann  der  Versuchung  nicht  widerstehen  folgende 
Stelle  mitzuteilen: 

»Als  der  Marquis  v.  Cornwallis  am  24.  August 
die  Nachricht  erhielt  von  der  Landung  der  Fran- 
zosen, gab  er  dem  Generalleutnant  Lake  Befehl,  sich 
nach  Galway  zu  begeben,  um  das  Kommando  der 
sich  in  Connaught  versammelnden  Truppen  zu  über- 
nehmen. Dieser  General  begab  sich  nun  mit  den 
Truppen,  die  er  zusammenbringen  konnte,  nach  Cast- 
lebar,  wo  er  am  26.  anlangte  und  den  Generalmajor 
Hutchinson  fand,  der  dort  am  Vorabend  eingetroffen. 
Die  solchermaßen  zu  Castlebar  versammelten  Trup- 
pen bestanden  aus  4000  Mann  regulärer  Soldaten, 
Yeomen  und  Landmiliz,  begleitet  von  einem  starken 
Park  Artillerie.  Der  General  Humbert  <welcher  die 
Franzosen  kommandierte)  verließ  Ballina  den  26.  mit 
800  Mann  und  zwei  Feldschlangen,  aber  statt  der 
gewöhnlichen  Heerstraße  durch  Foxford,  wo  der 
General  Taylor  mit  einem  starken  Korps  stationierte, 
schlug  er  den  Bergweg  ein  bei  Barnageehy,  wo  nur 
ein   geringer  Posten  aufgestellt  war,   und  um  7  Uhr 

IX,  ig 


450 


Kleinere  Schriften 


morgens  den  27.  gelangte  er  bis  auf  zwei  Meilen  in 
die  Nähe  von  Castlebar  und  fand  dort  vor  der  Stadt 
die  königlich  englischen  Truppen  postiert  in  der  vor- 
teilhaftesten Position.  Alles  war  vereinigt,  was  diesen 
letztern  einen  leichten  Sieg  zu  versprechen  schien. 
Sie  waren  in  großer  Anzahl,  3  bis  4000  Mann,  wohl- 
versorgt mit  Artillerie  und  Munition;  sie  waren  frisch 
und  wohlerquickt,  während  der  Feind  nur  aus  800 
Mann  bestand,  nur  zwei  Feldschlangen  besaß  und 
durch  einen  mühsamen  und  höchst  beschwerlichen 
Bergmarsch  von  etwa  24  Stunden  ganz  ermüdet  und 
abgemattet  war.  Die  königliche  Artillerie,  vortreff- 
lich dirigiert  durch  Kapitän  Shortall,  tat  im  Anfang 
den  Franzosen  sehr  viel  Schaden  und  hielt  sie  einige 
Zeit  zurück;  aber  diese,  als  sie  sahen,  daß  sie  nicht 
lange  widerstehen  könnten,  wenn  sie  dem  wohlge- 
leiteten Kanonenfeuer  der  Engländer  zu  viel  Fronte 
böten,  teilten  sich  in  kleine  Kolonnen  und  drangen 
mit  so  ungestümem  Mut  vorwärts,  daß  in  wenigen 
Minuten  die  königlichen  Truppen  zurückwichen  und, 
ergriffen  von  panischem  Schrecken,  nach  allen  Rich- 
tungen Reißaus  nahmen;  in  äußerster  Verwirrung 
flohen  sie  durch  die  Stadt  und  nahmen  den  Weg 
nach  Tuam,  einem  Ort,  der  30  Meilen  von  Castle- 
bar entfernt  liegt.  Aber  auch  hier,  wo  sie  in  der 
Nacht  anlangten,  glaubten  sie  sich  noch  nicht  hin- 
länglich geborgen,  sie  verweilten  nur  so  lange,  als 
notwendig  war  um  einige  Erfrischungen  zu  sich  zu 
nehmen,  und  setzten  ihre  schmähliche  Flucht  fort 
nach  Athlone,  welches  33  Meilen  weiter  liegt  und 
wo  der  Vortrab  am  Dienstag  den  29.  um  1  Uhr 
anlangte.  So  groß  war  ihr  Schrecken,  daß  sie 
36  Meilen  weit  in  27  Stunden  gelaufen !  Der  Verlust 
der  königlichen  Armee  bestand  in  53  Toten,  35  Ver- 


Vier  Berichte  für  die  Allgemeine  Zeitung      ac\ 

wundeten  und  279  Gefangenen.  Sie  verlor  gleichfalls 
zehn  Stücke  schweren  Geschützes  und  vier  Feld* 
schlangen.  Wieviel  die  Franzosen  verloren,  ist  nicht 
bekannt.  Die  französischen  Truppen  zogen  ein  in 
Castlebar,  wo  sie  ungestört  bis  zum  4.  Sept.  blieben.« 

Da  aber  die  erwarteten  Hilfstruppen  nicht  anlang* 
ten  und  überhaupt  die  ganze  Expedition  nach  einem 
schlechten  Plan  eingeleitet  worden,  mußte  sie  am 
Ende  erfolglos  scheitern.  Wolf  Tone,  welcher  bei 
dieser  Gelegenheit  den  Engländern  in  die  Hände  fiel, 
ward  vor  ein  Kriegsgericht  gestellt  und  zum  Strang 
verurteilt.  Der  arme  Schelm,  er  fürchtete  den  Tod 
nicht,  auf  dem  Greveplatz  zu  Paris  hatte  er  genug 
Hinrichtungen  mit  angesehen,  aber  er  war  nur  an 
Guillotiniertwerden  gewöhnt  und  hegte  eine  unüber- 
windliche Antipathie  gegen  das  hängende  Verfahren. 
Vergebens  bat  er,  daß  man  ihn  wenigstens  erschießen 
möge,  welche  Todesart  ihm  mit  größerem  Recht  ge- 
bühre, da  er  ein  französisches  Offizierspatent  besäße 
und  als  Kriegsgefangener  zu  betrachten  sei.  Nein, 
man  gab  seiner  Bitte  kein  Gehör,  und  aus  Abscheu 
vor  dem  Hängen  schnitt  sich  der  Unglückliche  im 
Gefängnis  die  Kehle  ab. 

Von  Milde  war  bei  der  englischen  Regierung  keine 
Rede  zur  Zeit  der  irischen  Rebellion.  Ich  bin  kein 
Freund  der  Guillotine  und  hege  eben  kein  beson- 
deres Vorurteil  gegen  das  Hängen,  aber  ich  muß 
bekennen,  in  der  ganzen  französischen  Revolution 
sind  kaum  solche  Greuel  verübt  worden,  wie  sich 
deren  das  englische  Militär  in  Irland  zuschulden 
kommen  ließ.  Obgleich  ein  Anhänger  der  Regierung, 
hat  doch  unser  Verfasser  diese  schändliche  Soldaten- 
wirtschaft mit  den  treuesten  Farben  geschildert  oder 
vielmehr  gebrandmarkt.     Gott  bewahre  uns  vor  sol- 


452 


Kleinere  Schriften 


eher  Einquartierung,  wie  sie  auf  dem  Kastell  Kilkea 
ihren  Unfug  trieb!  Am  meisten  rührte  mich  das 
Schicksal  einer  schönen  Harfe,  welche  die  Engländer 
mit  besonderm  Grimm  in  Stucken  schlugen,  weil  ja 
die  Harfe  das  Sinnbild  Irlands!  Auch  die  blutige 
Roheit  der  Aufruhrer  schildert  der  Verfasser  mit  Un- 
parteilichkeit, und  folgende  Beschreibung  ihrer  Kriegs- 
weise trägt  das  Gepräge  der  abscheulichsten  Wahr- 
heit. 

»Die  Art  der  Heerführung  bei  den  Insurgenten 
charakterisierte  ganz  diese  Leute.  Sie  postierten  sich 
immer  auf  Anhöhen,  die  besonders  emporragten,  und 
das  nannten  sie  ihr  Lager.  Ein  oder  zwei  Zelte 
oder  sonstiges  Gehäuse  diente  als  Obdach  für  die 
Anführer;  die  übrigen  blieben  unter  freiem  Himmel, 
Männer  und  Weiber  nebeneinander  ohne  Unterschied, 
gehüllt  in  Lumpen  oder  Bettücher,  die  meisten  ohne 
andere  Nachtbedeckung  als  das  was  sie  am  Tage 
auf  dem  Leibe  trugen.  Diese  Lebensart  ward  be- 
günstigt von  einem  ununterbrochen  schönen  Wetter, 
wie  es  in  Irland  ganz  ungewöhnlich  ist.  Auch  be- 
trachteten sie  diesen  Umstand  als  eine  besondere 
Gunst  der  Vorsehung,  und  man  hatte  ihnen  den 
Glauben  beigebracht,  es  würde  kein  Tropfen  Regen 
herabfallen,  ehe  sie  Meister  geworden  von  ganz  Ir- 
land. In  diesen  Lagern,  wie  man  sich  leicht  denken 
kann,  unter  solchen  Haufen  von  rohen,  aufruhrsüch- 
tigen Menschen  herrschte  die  schrecklichste  Wirrnis 
und  Unfug  jeder  Art.  Wenn  ein  Mann  des  Nachts 
im  gesundesten  Schlaf  lag,  stahl  man  ihm  seine  Flinte 
oder  sonstigen  Effekten.  Um  sich  gegen  diesen  Miß- 
stand zu  sichern,  ward  es  gebräuchlich,  daß  man 
um  zu  schlafen  sich  immer  platt  auf  den  Bauch 
legte  und  Hut,    Schuhe  und  dergleichen    sich    unter 


Vier  Berichte  für  die  Allgemeine  Zeitung      je? 

der  Brust  festband.  Die  Küche  war  roh  über  alle 
Begriffe:  das  Vieh  wurde  niedergeworfen  und  er* 
schlagen,  jeder  riß  dann  nach  Herzenslust  ein  Stück 
Fleisch  davon  ab,  ohne  es  zu  häuten,  und  röstete 
oder  vielmehr  brannte  es  am  Lagerfeuer,  ganz  mit 
dem  Fetzen  Fell,  das  daran  hängen  geblieben.  Den 
Kopf,  die  Füße  und  den  Überrest  des  Gerippes  ließ 
man  liegen,  und  es  verfaulte  auf  demselben  Platz, 
wo  man  das  Tier  getötet.  Wenn  die  Insurgenten 
kein  Leder  hatten,  nahmen  sie  Bücher  und  bedienten 
sich  derselben  als  Sättel,  indem  sie  das  Buch  in  der 
Mitte  aufgeschlagen  auf  den  Rücken  des  Pferdes 
legten,  und  Stricke  ersetzten  Gurt  und  Steigbügel. 
Die  großen  Foliobände,  welche  man  bei  Plünderungen 
erbeutete,  erschienen  zu  diesem  Gebrauch  ganz  be- 
sonders schätzbar.  Da  man  sehr  kärglich  mit  Mu- 
nition versehen  war,  nahm  man  die  Zuflucht  zu 
Kieselsteinen  oder  auch  zu  Kugeln  von  gehärtetem 
Lehm.  Die  Anführer  vermieden  es  immer  den  Feind 
in  der  Nacht  anzugreifen,  wenn  einiger  Widerstand 
zu  erwarten  war,  und  zwar  weil  ihre  Leute  nie 
ordentlich  ihren  Befehlen  Folge  leisteten,  sondern 
vielmehr  dem  eignen  Ungestüm  und  den  Eingebun- 
gen des  Momentes  gehorchten.  In  der  Schlacht  be- 
wachten sie  sich  nämlich  wechselseitig,  da  jeder 
fürchtete,  daß  ihn  die  andern  in  Stich  lassen  möch- 
ten im  Fall  eines  Rückzugs,  der  gewöhnlich  sehr  schnell 
und  unversehens  stattfand;  deshalb  schlugen  sie  sich 
nicht  gern  des  Nachts,  wo  keiner  auf  den  Stand 
seiner  Genossen  genau  achthaben  konnte  und  immer 
besorgen  mußte,  daß  sie  plötzlich,  ehe  er  sich  dessen 
versehen,  Reißaus  nähmen  <was  man  make  the  run 
nennt)  und  ihn  alsdann  in  den  Händen  derer  zurück- 
ließen, die  nie  Pardon  gaben;  keiner  traute  dem  an- 


454 


Kleinere  Schriften 


dem.  Es  läßt  sich  behaupten,  daß  diese  Aufruhrer 
sich  nie  eine  rohe  Handlung  oder  Unziemlichkeit 
gegen  Weiber  oder  Kinder  zuschulden  kommen  ließen; 
nur  der  Brand  von  Scullabogue  und  die  Behandlung 
Mackees  und  seiner  Familie  in  der  Grafschaft  Down 
macht  eine  Ausnahme;  ausgenommen  diese  wütende 
Metzelei,  wo  auf  Geschlecht  und  Alter  nicht  mehr 
geachtet  wurde,  kenne  ich  kein  Beispiel,  daß  irgendwo 
ein  Weib  von  den  Rebellen  mißhandelt  worden  wäre. 
Ich  furchte,  wir  können  ihren  Gegnern  kein  ebenso 
rühmliches  Zeugnis  erteilen.« 

Diese  Schilderung  der  Kriegsführung  bei  den  iri- 
schen Insurgenten  leitete  mich  auf  zwei  Bemerkungen, 
die  ich  hier  in  der  Kürze  mitteilen  will.  Zunächst 
bemerke  ich,  daß  Bücher  bei  einem  Volksaufstand 
sehr  brauchbar  sein  können,  nämlich  als  Pferdesättel, 
woran  unsere  revolutionären  Tatmänner  gewiß  noch 
nicht  dachten,  denn  sie  würden  sonst  auf  alles  Bücher* 
schreiben  nicht  so  ungehalten  sein.  Und  dann  be- 
merke ich,  daß  Paddy  in  einem  Kampf  mit  John 
Bull  immer  den  kürzern  ziehen  und  dieser  seine  Herr- 
schaft über  Irland  nicht  so  leicht  einbüßen  wird.  Ist 
etwa  der  Irländer  minder  tapfer  als  der  Engländer? 
Nein,  vielleicht  hat  er  sogar  noch  mehr  persönlichen 
Mut.  Aber  bei  jenem  ist  das  Gefühl  des  Individu- 
alismus so  vorherrschend,  daß  er,  der  einzeln  so 
tapfer,  dennoch  gar  zaghaft  und  unzuverlässig  ist  in 
jeder  Assoziation,  wo  er  seinem  Nebenmann  ver- 
trauen und  sich  einem  Gesamtwillen  unterordnen  soll. 
Solcher  Geist  des  Individualismus  ist  vielleicht  ein 
Charakterzug  jenes  celtischen  Stammes,  der  den  Kern 
des  irischen  Volks  bildet.  Bei  den  Bewohnern  der 
Bretagne  in  Frankreich  gewahren  wir  dieselbe  Er- 
scheinung,  und  nicht   mit  Unrecht  hat   der  geniale 


Vier  Berichte  für  die  Allgemeine  Zeitung     ^55 

Michelet  in  seiner  französischen  Geschichte  überall 
darauf  hingewiesen,  wie  jener  Charakterzug  des  In« 
dividualismus  im  Leben  und  Streben  der  berühmten 
Bretonen  so  bedeutungsvoll  hervortritt.  Sie  zeich* 
neten  sich  aus  durch  ein  fast  abenteuerliches  Ringen 
des  individuellen  Geistes  mit  einer  konstituierten 
Autorität,  durch  das  Geltendmachen  der  Persönlich-» 
keit.  Der  germanische  Stamm  ist  disziplinierbarer 
und  ficht  und  denkt  besser  in  Reih  und  Glied,  aber 
er  ist  auch  empfänglicher  für  Dienstbarkeit  als  der 
celtische  Stamm.  Die  Verschmelzung  beider  Ele- 
mente,  des  germanischen  und  des  celtischen,  wird 
immer  etwas  Vortreffliches  zutage  fördern,  und  Eng- 
land wie  Irland  werden  nicht  bloß  politisch,  sondern 
auch  moralisch  gewinnen,  sobald  sie  einst  ein  einiges 
organisches  Ganze  bilden. 


Hamburg. 

Paris,  20.  Mai  0842). 
In  diesem  Augenblick  freilich  sind  die  meisten  Völ- 
ker noch  darauf  hingewiesen  ihr  Nationalgefühl  aus- 
zubilden oder  vielmehr  auszubeuten,  um  zur  innern 
Einheit,  zur  Zentralisation  ihrer  Kräfte  zu  gelangen 
und  somit  auch  nach  außen  den  bedrohlichen  Nach- 
barn gegenüber  zu  erstarken.  Aber  das  National- 
gefühl ist  nur  Mittel  zum  Zweck,  es  wird  wieder 
erlöschen,  sobald  dieser  erreicht  ist,  und  es  hat 
keine  so  große  Zukunft  wie  jenes  Bewußtsein  des 
Weltbürgertums,  das  von  den  edelsten  Geistern  des 
18.  Jahrhunderts  proklamiert  worden  und  früh  oder 
spät,  aber  auf  immer,  auf  ewig  zur  Herrschaft  ge- 
langen  muß.     Wie    tief  dieser  Kosmopolitismus   in 


456  Kleinere  Schriften 

den  Herzen  der  Franzosen  wurzelt,  das  beurkundete 
sich  recht  sichtbar  bei  Gelegenheit  des  Hamburger 
Brandes.  Die  Partei  der  Menschheit  hat  da  einen 
großen  Triumph  gefeiert.  Es  übersteigt  alle  Begriffe, 
wie  gewaltig  das  Mitgefühl  hier  alle  Volksklassen 
erfaßte,  als  sie  von  dem  Unglück  hörten,  das  jene 
ferne  deutsche  Stadt  betroffen,  deren  geographische 
Lage  vielleicht  den  wenigsten  bekannt  war.  Ja,  bei 
solchen  Anlässen  zeigt  es  sich,  daß  die  Völker  dieser 
Erde  inniger  verbunden  sind,  als  man  da  und  dort 
ahnen  oder  wünschen  mag,  und  daß  bei  aller  Ver* 
schiedenheit  der  Interessen  dennoch  eine  glühende 
Bruderliebe  in  Europa  auflodern  kann,  wenn  die 
rechte  Stunde  kommt.  Hatte  aber  die  Nachricht 
von  jenem  furchtbaren  Brande  bei  den  Franzosen, 
die  gleichzeitig  im  eignen  Hause  ein  schmerzliches 
Schrecknis  erlebten,  die  rührendste  Sympathie  her» 
vorgerufen,  so  mußte  die  Teilnahme  in  noch  stär* 
kerem  Grade  stattfinden  bei  den  hier  wohnenden 
Deutschen,  die  ihre  Freunde  und  Verwandten  in 
Hamburg  besitzen.  Unter  den  Landsleuten,  die  sich 
bei  dieser  Gelegenheit  durch  mildtätigen  Eifer  aus- 
zeichneten, muß  Hr.  James  v.  Rothschild  ganz  be- 
sonders genannt  werden,  wie  denn  überhaupt  der 
Name  dieses  Hauses  immer  hervortritt,  wo  ein  Werk 
der  Menschenliebe  zu  verrichten  ist. 

Und  mein  armes  Hamburg  liegt  in  Trümmern,  und 
die  Orte,  die  mir  so  wohl  bekannt,  mit  welchen  alle 
Erinnerungen  meiner  Jugend  so  innig  verwachsen,  sie 
sind  ein  rauchender  Schutthaufen!  Am  meisten  beklage 
ich  den  Verlust  jenes  Petriturmes  —  er  war  über  die 
Kleinlichkeit  seiner  Umgebung  so  erhaben !  Die  Stadt 
wird  bald  wieder  aufgebaut  sein  mit  neuen  gradlinigen 
Häusern  und  nach  der  Schnur  gezogenen  Straßen, 


Vier  Berichte  für  die  Allgemeine  Zeitung     457 

aber  es  wird  doch  nicht  mehr  mein  altes  Hamburg 
sein,  mein  altes,  schiefwinklichtes,  schlabbriges  Ham^ 
bürg!  Der  Breitengiebel,  wo  mein  Schuster  wohnte 
und  wo  ich  Austern  aß,  bei  Unbescheiden  —  ein 
Raub  der  Flammen!  Der  »Hamburger  Korrespon- 
dent« meldet  zwar,  daß  der  Dreckwall  sich  bald  wie 
ein  Phönix  aus  der  Asche  erheben  werde  —  aber 
ach!  es  wird  doch  der  alte  Dreckwall  nicht  mehr 
sein !  Und  das  Rathaus  —  wie  oft  ergötzte  ich  mich 
an  den  Kaiserbildern,  die,  aus  Hamburger  Rauch- 
fleisch gemeißelt,  die  Fassade  zierten!  Sind  die  hoch» 
und  wohlgepuderten  Perücken  gerettet,  die  dort  den 
Häuptern  der  Republik  ihr  majestätisches  Ansehen 
gaben?  Der  Himmel  bewahre  mich  in  einem  Mo- 
mente wie  der  jetzige  an  diesen  alten  Perücken  ein 
weniges  zu  zupfen.  Im  Gegenteil,  ich  möchte  bei 
dieser  Gelegenheit  vielmehr  bezeugen,  daß  die  Re- 
gierung zu  Hamburg  immer  die  Regierten  übertraf 
an  gutem  Willen  für  gesellschaftlichen  Fortschritt. 
Das  Volk  stand  hier  immer  tiefer  als  seine  Stell- 
vertreter, worunter  Männer  von  der  bedeutendsten 
Bildung  und  Vernünftigkeit.  Aber  es  steht  zu  hoffen, 
daß  der  große  Brand  auch  die  unteren  Intelligenzen 
ein  bißchen  erleuchtet  haben  wird  und  die  ganze 
hamburgische  Bevölkerung  jetzt  einsieht,  daß  der 
Zeitgeist,  der  ihr  im  Unglück  seine  Wohltat  ange- 
deihen  ließ,  späterhin  nicht  mehr  durch  kleinlichen 
Krämersinn  beleidigt  werden  darf.  Namentlich  die 
bürgerliche  Gleichstellung  der  verschiedenen  Kon- 
fessionen wird  gewiß  jetzt  nicht  mehr  in  Hamburg 
vertagt  werden  können.  —  Wir  wollen  das  Beste 
von  der  Zukunft  erwarten;  der  Himmel  schickt 
nicht  umsonst  die  großen  Prüfungen. 


Ludwig  Marcus.     Denkworte. 

(Geschrieben  zu  Paris  den  22.  April  1844.) 

Was  ist  der  Grund,  warum  von  den  Deutschen, 
die  nach  Frankreich  herübergekommen,  so  viele 
in  Wahnsinn  verfallen?  Die  meisten  hat  der  Tod  aus 
der  Geistesnacht  erlöst;  andere  sind  in  Irrenanstalten 
gleichsam  lebendig  begraben;  viele  auch,  denen  ein 
Funken  von  Bewußtsein  geblieben,  suchen  ihren  Zu* 
stand  zu  verbergen,  und  gebärden  sich  halbweg  ver* 
nünftig,  um  nicht  eingesperrt  zu  werden.  Dies  sind 
die  Pfiffigen;  die  Dummen  können  sich  nicht  lange 
verstellen.  Die  Anzahl  derer,  die  mit  mehr  oder 
minder  lichten  Momenten  an  dem  finstern  Übel  leiden, 
ist  sehr  groß,  und  man  möchte  fast  behaupten,  der 
Wahnsinn  sei  die  Nationalkrankheit  der  Deutschen 
in  Frankreich.  Wahrscheinlich  bringen  wir  den  Keim 
des  Gebrestens  mit  über  den  Rhein,  und  auf  dem 
hitzigen  Boden,  dem  glühenden  Asphaltpflaster  der 
hiesigen  Gesellschaft,  gedeiht  rasch  zur  blühendsten 
Verrücktheit,  was  in  Deutschland  lebenslang  nur 
eine  närrische  Krüppelpflanze  geblieben  wäre.  Oder 
zeugt  es  schon  von  einem  hohen  Grade  des  Wahn- 
witzes, daß  man  das  Vaterland  verließ,  um  in  der 
Fremde  »die  harten  Treppen«  auf  und  ab  zu  steigen, 
und  das  noch  härtere  Brot  des  Exils  mit  seinen 
Tränen  zu  feuchten?  Man  muß  jedoch  beileibe  nicht 
glauben,  als  seien  es  exzentrische  Sturm*  und  Drang* 
naturen,  oder  gar  Freunde  des  Müßiggangs  und  der 
entfesselten  Sinnlichkeit,  die  sich  hier  in  die  Ab* 
gründe  des  Irrsinns  verlieren  —  nein,  dieses  Unglück 
betraf  immer  vorzugsweise  die  honorabelsten  Gemüter, 
die  fleißigsten  und  enthaltsamsten  Geschöpfe. 

Zu  den  beklagenswertesten  Opfern,  die  jener  Krank* 
heit   erlagen,   gehört   auch    unser   armer  Landsmann 


Ludwig  Marcus  450 

Ludwig  Marcus.  Dieser  deutsche  Gelehrte,  der  sich 
durch  Fülle  des  Wissens  ebenso  rühmlich  auszeich- 
nete, wie  durch  hohe  Sittlichkeit,  verdient  in  dieser 
Beziehung,  daß  wir  sein  Andenken  durch  einige 
Worte  ehren. 

Seine  Familienverhältnisse  und  das  ganze  Detail 
seiner  Lebensumstände  sind  uns  nie  genau  bekannt 
gewesen.  Soviel  ich  weiß,  ist  er  geboren  zu  Dessau 
im  Jahre  1798,  von  unbemittelten  Eltern,  die  dem 
gottesfürchtigen  Kultus  des  Judentums  anhingen.  Er 
kam  Anno  1820  nach  Berlin,  um  Medizin  zu  studieren, 
verließ  aber  bald  diese  Wissenschaft.  Dort  zu  Berlin 
sah  ich  ihn  zuerst,  und  zwar  im  Kollegium  von 
Hegel,  wo  er  oft  neben  mir  saß  und  die  Worte  des 
Meisters  gehörig  nachschrieb.  Er  war  damals  zwei- 
undzwanzig Jahre  alt,  doch  seine  äußere  Erscheinung 
war  nichts  weniger  als  jugendlich.  Ein  kleiner 
schmächtiger  Leib,  wie  der  eines  Jungen  von  acht 
Jahren,  und  im  Antlitz  eine  Greisenhaftigkeit,  die 
wir  gewöhnlich  mit  einem  verbogenen  Rückgrat  ge- 
paart  finden.  Eine  solche  Mißförmlichkeit  aber  war 
nicht  an  ihm  zu  bemerken,  und  eben  über  diesen 
Mangel  wunderte  man  sich.  Diejenigen,  welche  den 
verstorbenen  Moses  Mendelssohn  persönlich  ge- 
kannt, bemerkten  mit  Erstaunen  die  Ähnlichkeit, 
welche  die  Gesichtszüge  des  Marcus  mit  denen 
jenes  berühmten  Weltweisen  darboten,  der  sonder- 
barerweise ebenfalls  aus  Dessau  gebürtig  war.  Hät- 
ten sich  die  Chronologie  und  die  Tugend  nicht 
allzubestimmt  für  den  ehrwürdigen  Moses  verbürgt, 
so  könnten  wir  auf  einen  frivolen  Gedanken  ge- 
raten. 

Aber  dem  Geiste  nach  war  Marcus  wirklich  ein 
ganz   naher  Verwandter  jenes  großen   Reformators 


a(>o  Kleinere  Schriften 

der  deutschen  Juden,  und  in  seiner  Seele  wohnte 
ebenfalls  die  größte  Uneigennützigkeit,  der  duldende 
Stillmut,  der  bescheidene  Rechtsinn,  lächelnde  Ver- 
achtung des  Schlechten,  und  eine  unbeugsame,  eiserne 
Liebe  für  die  unterdrückten  Glaubensgenossen.  Das 
Schicksal  derselben  war,  wie  bei  jenem  Moses,  auch 
bei  Marcus  der  schmerzlich  glühende  Mittelpunkt 
aller  seiner  Gedanken,  das  Herz  seines  Lebens. 
Schon  damals  in  Berlin  war  Marcus  ein  Polyhistor, 
er  stöberte  in  allen  Bereichen  des  Wissens,  er  ver- 
schlang ganze  Bibliotheken,  er  verwühlte  sich  in 
allen  Sprachschätzen  des  Altertums  und  der  Neuzeit, 
und  die  Geographie,  im  generellsten  wie  im  parti- 
kularsten  Sinne,  war  am  Ende  sein  Lieblingsstudium 
geworden:  es  gab  auf  diesem  Erdball  kein  Faktum, 
keine  Ruine,  kein  Idiom,  keine  Narrheit,  keine  Blume, 
die  er  nicht  kannte  —  aber  von  allen  seinen  Geistes- 
exkursionen kam  er  immer  gleichsam  nach  Hause 
zurück  zu  der  Leidensgeschichte  Israels,  zu  der 
Schädelstätte  Jerusalems  und  zu  dem  kleinen  Väter- 
dialekt Palästinas,  um  dessentwillen  er  vielleicht  die 
semitischen  Sprachen  mit  größerer  Vorliebe  als  die 
andern  betrieb.  Dieser  Zug  war  wohl  der  hervor- 
stechend wichtigste  im  Charakter  des  Ludwig  Marcus, 
und  er  gibt  ihm  seine  Bedeutung  und  sein  Verdienst; 
denn  nicht  bloß  das  Tun,  nicht  bloß  die  Tatsache 
der  hinterlassenen  Leistung,  gibt  uns  ein  Recht  auf 
ehrende  Anerkennung  nach  dem  Tode,  sondern  auch 
das  Streben  selbst,  und  gar  besonders  das  unglück- 
liche Streben,  das  gescheiterte,  fruchtlose,  aber  groß- 
mütige Wollen. 

Andere  werden  vielleicht  das  erstaunliche  Wissen, 
das  der  Verstorbene  in  seinem  Gedächtnis  aufge- 
stapelt hatte,  ganz  besonders  rühmen  und  preisen; 


Ludwig  Marcus  461 

für  uns  hat  dasselbe  keinen  sonderlichen  Wert.  Wir 
konnten  überhaupt  diesem  Wissen,  ehrlich  gestanden, 
niemals  Geschmack  abgewinnen.  Alles  was  Marcus 
wußte,  wußte  er  nicht  lebendig  organisch,  sondern 
als  tote  Geschichtlichkeit,  die  ganze  Natur  versteinerte 
sich  ihm,  und  er  kannte  im  Grunde  nur  Fossilien 
und  Mumien.  Dazu  gesellte  sich  eine  Ohnmacht 
der  künstlerischen  Gestaltung,  und  wenn  er  etwas 
schrieb,  war  es  ein  Mitleid  anzusehen  wie  er  sich 
vergebens  abmühte,  für  das  Darzustellende  die  not* 
dürftigste  Form  zu  finden.  Ungenießbar,  unverdau- 
lich, abstrus  waren  daher  die  Artikel  und  gar  die 
Bücher,  die  er  geschrieben. 

Außer  einigen  linguistischen,  astronomischen  und 
botanischen  Schriften  hat  Marcus  eine  Geschichte 
der  Vandalen  in  Afrika,  und  in  Verbindung  mit  dem 
Professor  Duisberg  eine  nordafrikanische  Geographie 
herausgegeben.  Er  hinterläßt  in  Manuskript  ein  un- 
geheuer großes  Werk  über  Abyssinien,  welches  seine 
eigentliche  Lebensarbeit  zu  sein  scheint,  da  er  sich 
schon  zu  Berlin  mit  Abyssinien  beschäftigt  hatte. 
Nach  diesem  Lande  zogen  ihn  wohl  zunächst  die 
Untersuchungen  über  die  Falaschas,  einen  jüdischen 
Stamm,  der  lange  in  den  abyssinischen  Gebirgen 
seine  Unabhängigkeit  bewahrt  hat.  Ja,  obgleich  sein 
Wissen  sich  über  alle  Weltgegenden  verbreitete,  so 
wußte  Marcus  doch  am  besten  Bescheid  hinter  den 
Mondgebirgen  Äthiopiens,  an  den  verborgenen  Quellen 
des  Nils,  und  seine  größte  Freude  war,  den  Bruce 
oder  gar  den  Hasselquist  auf  Irrtümern  zu  ertappen. 
Ich  machte  ihn  einst  glücklich,  als  ich  ihn  bat,  mir 
aus  arabischen  und  talmudischen  Schriften  alles  zu 
kompilieren,  was  auf  die  Königin  von  Saba  Bezug 
hat.     Dieser  Arbeit,   die  sich  vielleicht   noch  unter 


a6z  Kleinere  Schriften 

meinen  Papieren  befindet,  verdanke  ich  es,  daß  ich 
noch  zu  heutiger  Stunde  weiß,  weshalb  die  Könige 
von  Abyssinien  sich  rühmen,  aus  dem  Stamme  David 
entsprossen  zu  sein:  sie  leiten  diese  Abstammung 
von  dem  Besuch  her,  den  ihre  Altermutter,  die  be- 
sagte Königin  von  Saba,  dem  weisen  Salomon  zu 
Jerusalem  abgestattet.  Wie  ich  aus  besagter  Kom- 
pilation ersah,  ist  diese  Dame  gewiß  ebenso  schön 
gewesen,  wie  die  Helena  von  Sparta.  Jedenfalls  hat 
sie  ein  ähnliches  Schicksal  nach  dem  Tode,  da  es 
verliebte  Rabbinen  gibt,  die  sie  durch  kabbalistische 
Zauberkunst  aus  dem  Grabe  zu  beschwören  wissen; 
nur  sind  sie  manchmal  übel  dran  mit  der  beschwo- 
renen Schönen,  die  den  großen  Fehler  hat,  daß  sie, 
wo  sie  sich  einmal  hingesetzt,  gar  zu  lange  sitzen 
bleibt.     Man  kann  sie  nicht  los  werden. 

Ich  habe  bereits  angedeutet,  daß  irgendein  Interesse 
der  jüdischen  Geschichte  immer  letzter  Grund  und 
Antrieb  war  bei  den  gelehrten  Arbeiten  des  seligen 
Marcus:  inwieweit  dergleichen  auch  bei  seinen  abys- 
sinischen  Studien  der  Fall  war,  und  wie  auch  diese 
ihn  ganz  frühzeitig  in  Anspruch  genommen,  ergibt 
sich  unabweisbar  aus  einem  Artikel,  den  er  schon 
damals  zu  Berlin  in  der  »Zeitschrift  für  Kultur  und 
Wissenschaft  des  Judentums«  abdrucken  ließ.  Er 
behandelte  nämlich  die  Beschneidung  bei  den  Abys- 
sinierinnen.  Wie  herzlich  lachte  der  verstorbene 
Gans,  als  er  mir  in  jenem  Aufsatze  die  Stelle  zeigte, 
wo  der  Verfasser  den  Wunsch  aussprach,  es  möchte 
jemand  diesen  Gegenstand  bearbeiten,  der  demselben 
besser  gewachsen  sei. 

Die  äußere  Erscheinung  des  kleinen  Mannes,  die 
nicht  selten  zum  Lachen  reizte,  verhinderte  ihn  je- 
doch keineswegs,  zu  den  ehrenwertesten  Mitgliedern 


Ludwig  Marcus  463 

jener  Gesellschaft  zu  zählen,  welche  die  oben  er» 
wähnte  Zeitschrift  herausgab,  und  eben  unter  dem 
Namen  »Verein  für  Kultur  und  Wissenschaft  des 
Judentums«  eine  hochfliegend  große,  aber  unausführ« 
bare  Idee  verfolgte.  Geistbegabte  und  tiefherzige 
Männer  versuchten  hier  die  Rettung  einer  längst 
verlornen  Sache,  und  es  gelang  ihnen  höchstens,  auf 
den  Walstätten  der  Vergangenheit  die  Gebeine  der 
altem  Kämpfer  aufzufinden.  Die  ganze  Ausbeute 
jenes  Vereins  besteht  in  einigen  historischen  Arbeiten, 
in  Geschichtsforschungen,  worunter  namentlich  die 
Abhandlungen  des  Dr.  Zunz  über  die  spanischen 
Juden  im  Mittelalter  zu  den  Merkwürdigkeiten  der 
höhern  Kritik  gezählt  werden  müssen. 

Wie  dürfte  ich  von  jenem  Vereine  reden,  ohne 
dieses  vortrefflichen  Zunz  zu  erwähnen,  der  in  einer 
schwankenden  Übergangsperiode  immer  die  uner- 
schütterlichste Unwandelbarkeit  offenbarte,  und  trotz 
seinem  Scharfsinn,  seiner  Skepsis,  seiner  Gelehrsam- 
keit, dennoch  treu  blieb  dem  selbstgegebenen  Worte, 
der  großmütigen  Grille  seiner  Seele.  Mann  der  Rede 
und  der  Tat,  hat  er  geschaffen  und  gewirkt,  wo 
andere  träumten  und  mutlos  hinsanken. 

Ich  kann  nicht  umhin,  auch  hier  meinen  lieben 
Bendavid  zu  erwähnen,  der  mit  Geist  und  Charakter* 
stärke  eine  großartig  urbane  Bildung  vereinigte,  und 
obgleich  schon  hochbejahrt,  an  den  jugendlichsten 
Irrgedanken  des  Vereins  teilnahm.  Er  war  ein 
Weiser  nach  antikem  Zuschnitt,  umflossen  vom 
Sonnenlicht  griechischer  Heiterkeit,  ein  Standbild  der 
wahrsten  Tugend,  und  pflichtgehärtet  wie  der  Marmor 
des  kategorischen  Imperativs  seines  Meisters  Immanuel 
Kant.  Bendavid  war  Zeit  seines  Lebens  der  eifrigste 
Anhänger  der  Kantischen  Philosophie,  für  diese  litt 


4,64  Kleinere  Schriften 

er  in  seiner  Jugend  die  größten  Verfolgungen,  und 
dennoch  wollte  er  sich  nie  trennen  von  der  alten 
Gemeinde  des  mosaischen  Bekenntnisses,  er  wollte 
nie  die  äußere  Glaubenskokarde  ändern.  Schon  der 
Schein  einer  solchen  Verleugnung  erfüllte  ihn  mit 
Widerwillen  und  Ekel.  Lazarus  Bendavid  war,  wie 
gesagt,  ein  eingefleischter  Kantianer,  und  ich  habe 
damit  auch  die  Schranken  seines  Geistes  angedeutet. 
Wenn  wir  von  Hegelscher  Philosophie  sprachen, 
schüttelte  er  sein  kahles  Haupt  und  sagte,  das  sei 
Aberglaube.  Er  schrieb  ziemlich  gut,  sprach  aber 
viel  besser.  Für  die  Zeitschrift  des  Vereins  lieferte 
er  einen  merkwürdigen  Aufsatz  über  den  Messias* 
glauben  bei  den  Juden,  worin  er  mit  kritischem 
Scharfsinn  zu  beweisen  suchte,  daß  der  Glaube  an 
einen  Messias  durchaus  nicht  zu  den  Fundamental- 
artikeln  der  jüdischen  Religion  gehöre,  und  nur  als 
zufälliges  Beiwerk  zu  betrachten  sei. 

Das  tätigste  Mitglied  des  Vereins,  die  eigentliche 
Seele  desselben,  war  M.  Moser,  der  vor  einigen 
Jahren  starb,  aber  schon  im  jugendlichsten  Alter 
nicht  bloß  die  gründlichsten  Kenntnisse  besaß,  son- 
dern auch  durchglüht  war  von  dem  großen  Mitleid 
für  die  Menschheit,  von  der  Sehnsucht,  das  Wissen 
zu  verwirklichen  in  heilsamer  Tat.  Er  war  uner- 
müdlich in  philanthropischen  Bestrebungen,  er  war 
sehr  praktisch,  und  hat  in  scheinloser  Stille  an  allen 
Liebeswerken  gearbeitet.  Das  große  Publikum  hat 
von  seinem  Tun  und  Schaffen  nichts  erfahren,  er 
focht  und  blutete  inkognito,  sein  Name  ist  ganz  un- 
bekannt geblieben,  und  steht  nicht  eingezeichnet  in  dem 
Adreßkalender  der  Selbstaufopferung.  Unsere  Zeit 
ist  nicht  so  ärmlich  wie  man  glaubt;  sie  hat  erstaun- 
lich viele  solcher  anonymen  Märtyrer  hervorgebracht. 


Ludwig  Marcus  465 

Der  Nekrolog  des  verstorbenen  Marcus  leitete 
mich  unwillkürlich  zu  dem  Nekrolog  des  Vereins, 
zu  dessen  ehrenwertesten  Mitgliedern  er  gehörte,  und 
als  dessen  Präsident  der  schon  erwähnte,  jetzt  eben- 
falls  verstorbene  Eduard  Gans  sich  geltend  machte. 
Dieser  hochbegabte  Mann  kann  am  wenigsten  in 
bezug  auf  bescheidene  Selbstaufopferung,  auf  ano- 
nymes Märtyrertum  gerühmt  werden.  Ja,  wenn  auch 
seine  Seele  sich  rasch  und  weit  erschloß  für  alle 
Heilsfragen  der  Menschheit,  so  ließ  er  doch  selbst 
im  Rausche  der  Begeisterung  niemals  die  Personal- 
interessen  außer  acht.  Eine  witzige  Dame,  zu  wel- 
cher Gans  oft  des  Abends  zum  Tee  kam,  machte 
die  richtige  Bemerkung,  daß  er  während  der  eifrig- 
sten Diskussion  und  trotz  seiner  großen  Zerstreut- 
heit dennoch,  nach  dem  Teller  der  Butterbröte  hin- 
langend, immer  diejenigen  Butterbröte  ergreife,  welche 
nicht  mit  gewöhnlichem  Käse,  sondern  mit  frischem 
Lachs  bedeckt  waren. 

Die  Verdienste  des  verstorbenen  Gans  um  deutsche 
Wissenschaft  sind  allgemein  bekannt.  Er  war  einer 
der  rührigsten  Apostel  der  Hegeischen  Philosophie, 
und  in  der  Rechtsgelahrtheit  kämpfte  er  zermalmend 
gegen  jene  Lakaien  des  altrömischen  Rechts,  welche 
ohne  Ahnung  von  dem  Geiste,  der  in  der  alten 
Gesetzgebung  einst  lebte,  nur  damit  beschäftigt  sind, 
die  hinterlassene  Garderobe  derselben  auszustauben, 
von  Motten  zu  säubern,  oder  gar  zu  modernem 
Gebrauche  zurechtzuflicken.  Gans  fuchtelte  sol- 
chen Servilismus  selbst  in  seiner  elegantesten  Livree. 
Wie  wimmert  unter  seinen  Fußtritten  die  arme  Seele 
des  Herrn  von  Savigny!  Mehr  noch  durch  Wort 
als  durch  Schrift  förderte  Gans  die  Entwickelung 
des  deutschen  Freiheitssinnes,  er  entfesselte  die  ge* 

IX,  ]o 


4,66  Kleinere  Schriften 

bundensten  Gedanken  und  riß  der  Lüge  die  Larve 
ab.  Er  war  ein  beweglicher  Feuergeist,  dessen  Witz* 
funken  vortrefflich  zündeten,  oder  wenigstens  herrlich 
leuchteten.  Aber  den  trübsinnigen  Ausspruch  des 
Dichters  <im  zweiten  Teile  des  »Faust«): 

»Alt  ist  das  Wort,  doch  bleibet  hoch  und  wahr  der 

Sinn, 
Daß  Scham  und  Schönheit  nie  zusammen,  Hand  in 

Hand, 
Den  Weg  verfolgen  über  der  Erde  grünen  Pfad. 
Tief  eingewurzelt  wohnt  in  beiden  alter  Haß, 
Daß,  wo  sie  immer  auch  des  Weges  sich 
Begegnen,  jede  der  Gegnerin  den  Rücken  kehrt«.  «— 

dieses  fatale  Wort  müssen  wir  auch  auf  das  Ver- 
hältnis der  Genialität  zur  Tugend  anwenden,  diese 
beiden  leben  ebenfalls  in  beständigem  Hader,  und 
kehren  sich  manchmal  verdrießlich  den  Rücken.  Mit 
Bekümmernis  muß  ich  hier  erwähnen,  daß  Gans,  in 
bezug  auf  den  erwähnten  Verein  für  Kultur  und 
Wissenschaft  des  Judentums,  nichts  weniger  als  tugend- 
haft handelte,  und  sich  die  unverzeihlichste  Felonie 
zuschulden  kommen  ließ.  Sein  Abfall  war  um  so 
widerwärtiger,  da  er  die  Rolle  eines  Agitators  ge- 
spielt, und  bestimmte  Präsidialpflichten  übernommen 
hatte.  Es  ist  hergebrachte  Pflicht,  daß  der  Kapitän 
immer  der  letzte  sei,  der  das  Schiff  verläßt,  wenn 
dasselbe  scheitert  —  Gans  aber  rettete  sich  selbst 
zuerst.  Wahrlich  in  moralischer  Beziehung  hat  der 
kleine  Marcus  den  großen  Gans  überragt,  und  er 
könnte  hier  ebenfalls  beklagen,  daß  Gans  seiner  Auf- 
gabe nicht  besser  gewachsen  war. 

Wir  haben   die  Teilnahme   des   Marcus  an   dem 
Verein  für  Kultur  und  Wissenschaft  des  Judentums 


Ludwig  Marcus  467 

als  einen  Umstand  bezeichnet,  der  uns  wichtiger  und 
denkwürdiger  erschien,  als  all  sein  stupendes  Wissen 
und  seine  sämtlichen  gelehrten  Arbeiten.  Ihm  selber 
mag  ebenfalls  die  Zeit,  wo  er  den  Bestrebungen  und 
Illusionen  jenes  Vereins  sich  hingab,  als  die  sonnigste 
Blütenstunde  seines  kümmerlichen  Lebens  erschienen 
sein.  Deshalb  mußte  hier  jenes  Vereins  ganz  be- 
sonders Erwähnung  geschehen,  und  eine  nähere  Er- 
örterung seines  Gedankens  wäre  wohl  nicht  über- 
flüssig. Aber  der  Raum  und  die  Zeit  und  ihre  Hüter 
gestatten  in  diesen  Blättern  keine  solche  ausgeführte 
Darstellung,  da  letztere  nicht  bloß  die  religiösen  und 
bürgerlichen  Verhältnisse  der  Juden,  sondern  auch 
die  aller  deistischen  Sekten  auf  diesem  Erdball  um- 
fassen müßte.  Nur  so  viel  will  ich  hier  aussprechen, 
daß  der  esoterische  Zweck  jenes  Vereins  nichts  an- 
deres war,  als  eine  Vermittelung  des  historischen 
Judentums  mit  der  modernen  Wissenschaft,  von  wel- 
cher man  annahm,  daß  sie  im  Laufe  der  Zeit  zur 
Weltherrschaft  gelangen  würde.  Unter  ähnlichen 
Umständen,  zur  Zeit  des  Philo,  als  die  griechische 
Philosophie  allen  alten  Dogmen  den  Krieg  erklärte, 
ward  in  Alexandrien  ähnliches  versucht,  mit  mehr 
oder  minderem  Mißgeschick.  Von  schismatischer 
Aufklärerei  war  hier  nicht  die  Rede,  und  noch  we- 
niger von  jener  Emanzipation,  die  in  unseren  Tagen 
manchmal  so  ekelhaft  geistlos  durchgeträtscht  wird, 
daß  man  das  Interesse  dafür  verlieren  könnte.  Na- 
mentlich haben  es  die  israelitischen  Freunde  dieser 
Frage  verstanden,  sie  in  eine  wässerig  graue  Wolke 
von  Langweiligkeit  zu  hüllen,  die  ihr  schädlicher  ist, 
als  das  blödsinnige  Gift  der  Gegner.  Da  gibt  es 
gemütliche  Pharisäer,  die  noch  besonders  damit  prah- 
len, daß  sie  kein  Talent  zum  Schreiben  besitzen  und 


468  Kleinere  Schriften. 

dem  Apollo  zum  Trotz  für  Jehova  die  Feder  er- 
griffen haben.  Mögen  die  deutschen  Regierungen 
doch  recht  bald  ein  ästhetisches  Erbarmen  mit  dem 
Publikum  haben,  und  jenen  Salbadereien  ein  Ende 
machen  durch  Beschleunigung  der  Emanzipation,  die 
doch  früh  oder  spät  bewilligt  werden  muß. 

Ja,  die  Emanzipation  wird  früh  oder  spät  bewilligt 
werden  müssen,  aus  Gerechtigkeitsgefühl,  aus  Klug- 
heit, aus  Notwendigkeit.  Die  Antipathie  gegen  die 
Juden  hat  bei  den  obern  Klassen  keine  religiöse  Wur- 
zel mehr,  und  bei  den  untern  Klassen  transformiert 
sie  sich  täglich  mehr  und  mehr  in  den  sozialen  Groll 
gegen  die  überwuchernde  Macht  des  Kapitals,  gegen 
die  Ausbeutung  der  Armen  durch  die  Reichen.  Der 
Judenhaß  hat  jetzt  einen  andern  Namen,  sogar  beim 
Pöbel.  Was  aber  die  Regierungen  betrifft,  so  sind 
sie  endlich  zur  hochweisen  Ansicht  gelangt,  daß  der 
Staat  ein  organischer  Körper  ist,  und  daß  derselbe 
nicht  zu  einer  vollkommenen  Gesundheit  gelangen 
kann,  solange  ein  einziges  seiner  Glieder,  und  sei 
es  auch  nur  der  kleine  Zeh,  an  einem  Gebreste  leidet. 
Ja,  der  Staat  mag  noch  so  keck  sein  Haupt  tragen 
und  mit  breiter  Brust  allen  Stürmen  trotzen,  das 
Herz  in  der  Brust  und  sogar  das  stolze  Haupt  wird 
dennoch  den  Schmerz  mitempfinden  müssen,  wenn 
der  kleine  Zeh  an  den  Hühneraugen  leidet  — -  die 
Judenbeschränkungen  sind  solche  Hühneraugen  an 
den  deutschen  Staatsfüßen. 

Und  bedächten  gar  die  Regierungen,  wie  entsetz- 
lich der  Grundpfeiler  aller  positiven  Religionen,  die 
Idee  des  Deismus  selbst,  von  neuen  Doktrinen  be- 
droht ist,  wie  die  Fehde  zwischen  dem  Wissen  und 
dem  Glauben  überhaupt  nicht  mehr  ein  zahmes  Schar- 
mützel, sondern  bald  eine  wilde  Todesschlacht  sein 


Ludwig  Marcus  j.ÖQ 

wird  —  bedächten  die  Regierungen  diese  verhüllten 
Nöten,  sie  müßten  froh  sein,  daß  es  noch  Juden  auf 
der  Welt  gibt,  daß  die  Schweizergarde  des  Deismus, 
wie  der  Dichter  sie  genannt  hat,  noch  auf  den  Beinen 
steht,  daß  es  noch  ein  Volk  Gottes  gibt.  Statt  sie 
von  ihrem  Glauben  durch  gesetzliche  Beschränkungen 
abtrünnig  zu  machen,  sollte  man  sie  noch  durch 
Prämien  darin  zu  stärken  suchen,  man  sollte  ihnen 
auf  Staatskosten  ihre  Synagogen  bauen,  damit  sie 
nur  hineingehen,  und  das  Volk  draußen  sich  ein* 
bilden  mag,  es  werde  in  der  Welt  noch  etwas  ge- 
glaubt. Hütet  Euch,  die  Taufe  unter  den  Juden  zu 
befördern.  Das  ist  eitel  Wasser,  und  trocknet  leicht. 
Befördert  vielmehr  die  Beschneidung,  das  ist  der 
Glauben  eingeschnitten  ins  Fleisch;  in  den  Geist 
läßt  er  sich  nicht  mehr  einschneiden.  Befördert  die 
Zeremonie  der  Denkriemen,  womit  der  Glaube  fest» 
gebunden  wird  auf  den  Arm;  der  Staat  sollte  den 
Juden  gratis  das  Leder  dazu  liefern,  sowie  auch  das 
Mehl  zu  Matzekuchen,  woran  das  gläubige  Israel 
schon  drei  Jahrtausende  knuspert.  Fördert,  beschleu- 
nigt die  Emanzipation,  damit  sie  nicht  zu  spät  komme 
und  überhaupt  noch  Juden  in  der  Welt  antrifft,  die 
den  Glauben  ihrer  Väter  dem  Heil  ihrer  Kinder  vor- 
ziehen. Es  gibt  ein  Sprichwort:  »Während  der  Weise 
sich  besinnt,  besinnt  sich  auch  der  Narr.« 

Die  vorstehenden  Betrachtungen  knüpfen  sich  natür- 
lich an  die  Person,  die  ich  hier  zu  besprechen  hatte, 
und  die,  wie  ich  schon  bemerkt,  weniger  durch  in- 
dividuelle Bedeutung,  als  vielmehr  durch  historische 
und  moralische  Bezüge,  unser  Interesse  in  Anspruch 
nimmt.  Ich  kann  auch  aus  eigener  Anschauung  nur 
Geringfügiges  berichten  über  das  äußere  Leben  unseres 
Marcus,  den  ich  zu  Berlin  bald  aus  den  Augen  ver- 


47© 


Kleinere  Schriften 


lor.  Wie  ich  hörte,  war  er  nach  Frankreich  ge- 
wandert, da  er,  trotz  seines  außerordentlichen  Wissens 
und  seiner  hohen  Sittlichkeit,  dennoch  in  den  Über- 
bleibseln mittelalterlicher  Gesetze  ein  Hindernis  der 
Beförderung  im  Vaterlande  fand.  Seine  Eltern  waren 
gestorben,  und  aus  Großmut  hatte  er  zum  Besten 
seiner  hilfsbedürftigem  Geschwister  auf  die  Ver- 
lassenschaft verzichtet.  Etwa  fünfzehn  Jahre  ver- 
gingen, und  ich  hatte  lange  nichts  mehr  gehört,  weder 
von  Ludwig  Marcus  noch  von  der  Königin  von 
Saba,  weder  von  Hasselquist  noch  von  den  beschnit- 
tenen Abyssinierinnen,  da  trat  mir  eines  Tages  der 
kleine  Mann  hier  zu  Paris  wieder  entgegen,  und  er 
erzählte  mir,  daß  er  unterdessen  Professor  in  Dijon 
gewesen,  jetzt  aber  einer  ministeriellen  Unbill  wegen 
die  Professur  aufgegeben  habe,  und  hier  bleiben 
wolle,  um  die  Hilfsquellen  der  Bibliothek  für  sein 
großes  Werk  zu  benutzen.  Wie  ich  von  andern 
hörte,  war  ein  bißchen  Eigensinn  im  Spiel,  und  das 
Ministerium  hatte  ihm  sogar  vorgeschlagen,  wie  in 
Frankreich  gebräuchlich,  seine  Stelle  durch  einen 
wohlfeiler  besoldeten  Suppleanten  zu  besetzen  und 
ihm  selber  den  größten  Teil  seines  Gehalts  zu  über- 
lassen. Dagegen  sträubte  sich  die  große  Seele  des 
Kleinen,  er  wollte  nicht  fremde  Arbeit  ausbeuten, 
und  er  ließ  seinem  Nachfolger  die  ganze  Besoldung. 
Seine  Uneigennützigkeit  ist  hier  um  so  merkwürdiger, 
da  er  damals  blutarm  in  rührender  Dürftigkeit  sein 
Leben  fristete.  Es  ging  ihm  sogar  sehr  schlecht, 
und  ohne  die  Engelhilfe  einer  schönen  Frau  wäre 
er  gewiß  im  darbenden  Elende  verkommen.  Ja,  es 
war  eine  sehr  schöne  und  große  Dame  von  Paris, 
eine  der  glänzendsten  Erscheinungen  des  hiesigen 
Weltlebens,  die,  als  sie  von  dem  wunderlichen  Kauz 


Ludwig  Marcus  471 

hörte,  in  die  Dunkelheit  seines  kümmerlichen  Lebens 
hinabstieg  und  mit  anmutiger  Zartsinnigkeit  ihn  da- 
hin zu  bringen  wußte,  einen  bedeutenden  Jahrgehalt 
von  ihr  anzunehmen.  Ich  glaube,  seinen  Stolz  zähmte 
hier  ganz  besonders  die  Aussicht,  daß  seine  Gön- 
nerin,  die  Gattin  des  reichsten  Bankiers  dieses  Erd- 
balls, späterhin  sein  großes  Werk  auf  ihre  Kosten 
drucken  lassen  werde.  Einer  Dame,  dachte  er,  die 
wegen  ihres  Geistes  und  ihrer  Bildung  so  viel  ge- 
rühmt wird,  müsse  doch  sehr  viel  daran  gelegen 
sein,  daß  endlich  eine  gründliche  Geschichte  von 
Abyssinien  geschrieben  werde,  und  er  fand  es  ganz 
natürlich,  daß  sie  dem  Autor  durch  einen  Jahrgehalt 
seine  große  Mühe  und  Arbeit  zu  vergüten  suchte. 
Die  Zeit,  während  welcher  ich  den  guten  Marcus 
nicht  gesehen,  etwa  fünfzehn  Jahre,  hatte  auf  sein 
Äußeres  nicht  verschönernd  gewirkt.  Seine  Er- 
scheinung, die  früher  ans  Possierliche  streifte,  war 
jetzt  eine  entschiedene  Karikatur  geworden,  aber 
eine  angenehme,  liebliche,  ich  möchte  fast  sagen 
erquickende  Karikatur.  Ein  spaßhaft  wehmütiges  An- 
sehen gab  ihm  sein  von  Leiden  durchfurchtes  Greisen- 
gesicht, worin  die  kleinen  pechschwarzen  Äuglein 
vergnüglich  lebhaft  glänzten,  und  gar  sein  abenteuer- 
licher fabelhafter  Haarwuchs!  Die  Haare  nämlich, 
welche  früher  pechschwarz  und  anliegend  gewesen, 
waren  jetzt  ergraut,  und  umgaben  in  krauser  auf- 
gesträubter Fülle  das  schon  außerdem  unverhältnis- 
mäßig große  Haupt.  Er  glich  so  ziemlich  jenen 
breitköpfigen  Figuren  mit  dünnem  Leibchen  und 
kurzen  Beinchen,  die  wir  auf  den  Glasscheiben  eines 
chinesischen  Schattenspiels  sehen.  Besonders  wenn 
mir  die  zwerghafte  Gestalt  in  Gesellschaft  seines 
Kollaborators,  des  ungeheuer  großen  und  stattlichen 


472 


Kleinere  Schriften 


Professors  Duisberg,  auf  den  Boulevards  begegnete, 
jauchzte  mir  der  Humor  in  der  Brust.  Einem  meiner 
Bekannten,  der  mich  frug  wer  der  Kleine  wäre,  sagte 
ich  es  sei  der  König  von  Abyssinien,  und  dieser 
Name  ist  ihm  bis  an  sein  Ende  geblieben.  Hast 
du  mir  deshalb  gezürnt,  teurer  guter  Marcus?  Für 
deine  schöne  Seele  hätte  der  Schöpfer  wirklich  eine 
bessere  Enveloppe  erschaffen  können.  Der  liebe 
Gott  ist  aber  zu  sehr  beschäftigt;  manchmal,  wenn 
er  eben  im  Begriff  ist,  der  edlen  Perle  eine  prächtig 
ziselierte  Goldfassung  zu  verleihen,  wird  er  plötz- 
lich gestört,  und  er  wickelt  das  Juwel  geschwind  in 
das  erste  beste  Stück  Fließpapier  oder  Läppchen  ■— 
anders  kann  ich  mir  die  Sache  nicht  erklären. 

Ungefähr  fünf  Jahre  lebte  Marcus  im  weisesten 
Seelenfrieden  zu  Paris;  es  ging  ihm  gut,  ja  sogar 
einer  seiner  Lieblingswünsche  war  in  Erfüllung  ge- 
gangen: er  besaß  eine  kleine  Wohnung  mit  eignen 
Möbeln,  und  zwar  in  der  Nähe  der  Bibliothek!  Ein 
Verwandter,  ein  Schwestersohn,  besucht  ihn  hier 
eines  Abends,  und  kann  sich  nicht  genug  darüber 
wundern,  daß  der  Oheim  sich  plötzlich  auf  die  Erde 
setzt  und  mit  wilder  trotziger  Stimme  die  Scheuß* 
lichsten  Gassenlieder  zu  singen  beginnt.  Er,  der 
nie  gesungen,  und  in  Wort  und  Ton  immer  die 
Keuschheit  selbst  war!  Aber  die  Sache  ward 
noch  grauenhaft  befremdlicher,  als  der  Oheim  zor- 
nig emporsprang,  das  Fenster  aufstieß  und  erst  seine 
Uhr  zur  Straße  hinabschmiß,  dann  seine  Manuskripte, 
Tintenfaß,  Federn,  seine  Geldbörse.  Als  der  Neffe 
sah,  daß  der  Oheim  das  Geld  zum  Fenster  hinaus- 
warf, konnte  er  nicht  länger  an  seinem  Wahnsinn 
zweifeln.  Der  Unglückliche  ward  in  die  Heilanstalt 
des  Dr.  Pinnel  zu   Chaillot    gebracht,  wo  er  nach 


Ludwig  Marcus  473 

vierzehn  Tagen  unter  schauderhaften  Leiden  den 
Geist  aufgab.  Er  starb  am  15.  Julius,  und  ward  am 
17.  auf  dem  Kirchhof  Montmartre  begraben.  Ich 
habe  leider  seinen  Tod  zu  spät  erfahren,  als  daß 
ich  ihm  die  letzte  Ehre  erweisen  konnte.  Indem 
ich  heute  diese  Blätter  seinem  Andenken  widme, 
wollte  ich  das  Versäumte  nachholen  und  gleichsam 
im  Geiste  an  seinem  Leichenbegängnis  teilnehmen. 
Jetzt  aber  öffnet  mir  noch  einmal  den  Sarg,  da- 
mit ich  nach  altem  Brauch  den  Toten  um  Verzeih- 
ung bitte  für  den  Fall  daß  ich  ihn  etwa  im  Leben 
beleidigt  —  Wie  ruhig  der  kleine  Marcus  jetzt  aus- 
sieht! Er  scheint  darüber  zu  lächeln,  daß  ich  seine 
gelehrten  Arbeiten  nicht  besser  gewürdigt  habe.  Da- 
ran mag  ihm  wenig  gelegen  sein,  denn  hier  bin  ich 
ja  doch  kein  so  kompetenter  Richter  wie  etwa  sein 
Freund  S.  Munk,  der  Orientalist,  der  mit  einer  um- 
fassenden Biographie  des  Verstorbenen  und  mit  der 
Herausgabe  seiner  hinterlassenen  Werke  beschäftigt 
sein  soll. 


Spätere  Note. 

<Im  März  1854.) 
Da  ich  mich  immer  einer  guten  Gesinnung  und 
eines  ebenso  guten  Stiles  beflissen,  so  genieße  ich 
die  Genugtuung,  daß  ich  es  wagen  darf,  unter  dem 
anspruchvollen  Namen  »Denkworte«  die  vorstehen- 
den Blätter  hier  mitzuteilen,  obgleich  sie  anonym 
für  das  Tagesbedürfnis  der  »Augsburger  Allgemeinen 
Zeitung«  bereits  vor  zehn  Jahren  geschrieben  worden. 
Seit  jener  Zeit  hat  sich  vieles  in  Deutschland  ver- 
ändert,  und   auch   die   Frage   von  der   bürgerlichen 


ajä  Kleinere  Schriften 

Gleichstellung  der  Bekenner  des  mosaischen  Glau- 
bens, die  gelegentlich  in  obigen  Blättern  besprochen 
ward,  hat  seitdem  sonderbare  Schicksale  erlitten.  Im 
Frühling  des  Jahres  1848  schien  sie  auf  immer  er* 
ledigt,  aber  wie  mit  so  vielen  andern  Errungen- 
schaften aus  jener  Blütezeit  deutscher  Hoffnung,  mag 
es  jetzt  in  unsrer  Heimat  auch  mit  besagter  Frage 
sehr  rückgängig  aussehen,  und  an  manchen  Orten 
soll  sie  sich  wieder,  wie  man  mir  sagt,  im  schmach- 
vollsten statu  quo  befinden.  Die  Juden  dürften  end- 
lich zur  Einsicht  gelangen,  daß  sie  erst  dann  wahr- 
haft emanzipiert  werden  können,  wenn  auch  die 
Emanzipation  der  Christen  vollständig  erkämpft  und 
sichergestellt  worden.  Ihre  Sache  ist  identisch  mit 
der  des  deutschen  Volks,  und  sie  dürfen  nicht  als 
Juden  begehren,  was  ihnen  als  Deutschen  längst  ge- 
bührte. 

Ich  habe  in  obigen  Blättern  angedeutet,  daß  sich 
der  Gelehrte  S.  Munk  mit  einer  Herausgabe  der 
hinterlassenen  Schriften  des  seligen  Marcus  beschäf- 
tigen werde.  Leider  ist  dieses  jetzt  unmöglich,  da 
jener  große  Orientalist  an  einem  Qbel  leidet,  das 
ihm  nicht  erlaubt,  sich  einer  solchen  Arbeit  zu  unter- 
ziehen; er  ist  nämlich  seit  zwei  Jahren  gänzlich  er- 
blindet. Ich  vernahm  erst  kürzlich  dieses  betrübsame 
Ereignis,  und  erinnere  mich  jetzt,  daß  der  vortreff- 
liche Mann  trotz  bedenklicher  Symptome  sein  lei- 
dendes Gesicht  nie  schonen  wollte.  Als  ich  das 
letztemal  die  Ehre  hatte  ihn  auf  der  königlichen 
Bibliothek  zu  sehen,  saß  er  vergraben  in  einem  Wust 
von  arabischen  Manuskripten,  und  es  war  schmerz- 
lich anzusehen,  wie  er  seine  kranken  blassen  Augen 
mit  der  Entzifferung  des  phantastisch  geschnörkelten 
Abracadabra  anstrengte.    Er  war  Kustos  in  besagter 


Ludwig  Marcus  475 

Bibliothek,  und  er  ist  jetzt  nicht  mehr  imstande,  die* 
ses   kleine   Amt  zu    verwalten.     Hauptsächlich    mit 
dem  Ertrag  seiner  literarischen  Arbeiten   bestritt  er 
den  Unterhalt   einer  zahlreichen   Familie.     Blindheit 
ist  wohl  die  härteste  Heimsuchung,  die  einen  deut- 
sehen  Gelehrten  treffen  kann.    Sie  trifft  diesmal  die 
bravste  Seele,  die  gefunden  werden  mag;   Munk  ist 
uneigennützig  bis  zum  Hochmut,  und  bei  all  seinem 
reichen  Wissen  von  einer  rührenden  Bescheidenheit. 
Er  trägt  gewiß  sein  Schicksal  mit  stoischer  Fassung 
und   religiöser  Ergebung   in   den  Willen  des  Herrn. 
Aber  warum  muß  der  Gerechte  so  viel  leiden  auf 
Erden?  Warum  muß  Talent  und  Ehrlichkeit  zugrunde 
gehen,   während   der   schwadronierende   Hanswurst, 
der  gewiß  seine  Augen  niemals  durch  arabische  Ma- 
nuskripte trüben  mochte,  sich  räkelt  auf  den  Pfühlen 
des  Glücks  und  fast  stinkt  vor  Wohlbehagen?   Das 
Buch  Hiob  löst  nicht  diese  böse  Frage.    Im  Gegen- 
teil, dieses  Buch  ist  das  Hohelied  der  Skepsis,  und 
es  zischen  und  pfeifen  darin  die  entsetzlichen  Schlan- 
gen   ihr   ewiges:   Warum?   Wie   kommt  es,  daß  bei 
der  [Rückkehr    aus    Babylon    die   fromme   Tempel- 
archivkommission,   deren  Präsident  Esra  war,  jenes 
Buch   in   den   Kanon   der   heiligen  Schriften   aufge- 
nommen?   Ich    habe    mir    oft    diese  Frage    gestellt. 
Nach   meinem  Vermuten    taten   solches    jene    gott- 
erleuchteten Männer  nicht  aus  Unverstand,  sondern 
weil  sie  in  ihrer  hohen  Weisheit  wohl  wußten,  daß 
der  Zweifel  in  der  menschlichen  Natur  tief  begrün- 
det und  berechtigt  ist,  und  daß  man  ihn  also  nicht 
täppisch  ganz  unterdrücken,  sondern  nur  heilen  muß. 
Sie   verfuhren   bei  dieser  Kur   ganz  homöopathisch, 
durch   das  Gleiche   auf  das  Gleiche   wirkend,   aber 
sie   gaben    keine    homöopathisch    kleine    Dosis,    sie 


4.76  Kleinere  Schriften 

steigerten  vielmehr  dieselbe  aufs  ungeheuerste,  und 
eine  solche  überstarke  Dosis  von  Zweifel  ist  das 
Buch  Hiob;  dieses  Gift  durfte  nicht  fehlen  in  der 
Bibel,  in  der  großen  Hausapotheke  der  Mensch* 
heit.  Ja,  wie  der  Mensch,  wenn  er  leidet,  sich  aus* 
weinen  muß,  so  muß  er  sich  auch  auszweifeln,  wenn 
er  sich  grausam  gekränkt  fühlt  in  seinen  Ansprüchen 
auf  Lebensglück;  und  wie  durch  das  heftigste  Wei* 
nen,  so  entsteht  auch  durch  den  höchsten  Grad  des 
Zweifels,  den  die  Deutschen  so  richtig  die  Ver* 
zweiflung  nennen,  die  Krisis  der  moralischen  Hei- 
lung. —  Aber  wohl  demjenigen,  der  gesund  ist  und 
keiner  Medizin  bedarf! 


Briefe  über  Deutschland. 

Erster  Brief. 


.  .  Sie,  mein  Herr,  haben  unlängst  in  der  »Revue 
des  deux  mondes«,  bei  Gelegenheit  einer  Kritik  gegen 
Ihre  Frankfurter  Landsmännin  Bettina  Arnim,  mit 
einer  Begeisterung  auf  die  Verfasserin  der  »Corinna« 
hingewiesen,  die  gewiß  aus  wahrhaften  Gefühlen  her* 
vorging;  denn  Sie  haben  zeigen  wollen,  wie  sehr 
sie  die  heutigen  Schriftstellerinnen,  namentlich  die 
Meres  d'Eglise  und  die  Meres  des  compagnons  über* 
ragt.  Ich  teile  in  dieser  Beziehung  nicht  Ihre  Mei- 
nungen, die  ich  hier  nicht  widerlegen  will,  und  die 
ich  überall  achten  werde,  wo  sie  nicht  dazu  bei- 
tragen können,  in  Frankreich  irrige  Ansichten  über 
Deutschland,  seine  Zustände  und  ihre  Repräsentanten, 
zu  verbreiten.  Nur  in  dieser  Absicht  trat  ich  be- 
reits vor  zwölf  Jahren  dem  Buche  der  Frau  von  Stael 
»De  l'Allemagne«  in  einem  eignen  Buche  entgegen, 
welches  denselben  Titel  führte.  An  dieses  Buch 
knüpfe  ich  eine  Reihe  von  Briefen,  deren  erster 
Ihnen  gewidmet  sein  soll. 


Ja,  das  Weib  ist  ein  gefährliches  Wesen.  Ich 
weiß  ein  Lied  davon  zu  singen.  Auch  andre  machen 
diese  bittere  Erfahrung,  und  noch  gestern  erzählte 
mir  ein  Freund  in  dieser  Beziehung  eine  furchtbare 
Geschichte.  Er  hatte  in  der  Kirche  Saint-Mery  einen 
jungen  deutschen  Maler  gesprochen,  der  geheimnis- 
voll zu  ihm  sagte:  »Sie  haben  Madame  la  Comtesse 
de  *•  in   einem   deutschen  Artikel   angegriffen.     Sie 


478  Kleinere  Schriften 

hat  es  erfahren,  und  Sie  sind  ein  Mann  des  Todes, 
wenn  es  wieder  geschieht.  Elle  a  quatre  hommes, 
qui  ne  demandent  pas  mieux  que  d'obeir  ä  ses  ordres.« 
Ist  das  nicht  schrecklich?  Klingt  das  nicht  wie  ein 
Schauder-  und  Nachtstück  von  Anna  Radcliffe? 
Ist  diese  Frau  nicht  eine  Art  Tour  de  Nesle?  Sie 
braucht  nur  zu  nicken,  und  vier  Spadassins  stürzen 
auf  dich  zu  und  machen  dir  den  Garaus,  wenn  auch 
nicht  physisch,  doch  gewiß  moralisch.  Wie  kommt 
aber  diese  Dame  zu  einer  solchen  düstern  Gewalt? 
Ist  sie  so  schön,  so  reich,  so  vornehm,  so  tugend- 
haft, so  talentvoll,  daß  sie  einen  so  unbedingten  Ein- 
fluß auf  ihre  Seiden  ausübt,  und  diese  ihr  blindlings 
gehorchen?  Nein,  diese  Gaben  der  Natur  und  des 
Glücks  besitzt  sie  nicht  in  allzu  hohem  Grade.  Ich 
will  nicht  sagen,  daß  sie  häßlich  sei;  kein  Weib 
ist  häßlich.  Aber  ich  kann  mit  Fug  behaupten, 
wenn  die  schöne  Helena  so  ausgesehen  hätte  wie 
jene  Dame,  so  wäre  der  ganze  trojanische  Krieg 
nicht  entstanden,  die  Burg  des  Priamus  wäre  nicht 
verbrannt  worden,  und  Homer  hätte  nimmermehr  be- 
sungen den  Zorn  des  Peliden  Achilles.  Auch  so 
vornehm  ist  sie  nicht,  und  das  Ei,  woraus  sie  her- 
vorgekrochen, hatte  weder  ein  Gott  gezeugt,  noch 
eine  Königstochter  ausgebrütet;  auch  in  bezug  auf 
die  Geburt  kann  sie  nicht  mit  der  Helena  verglichen 
werden;  sie  ist  einem  bürgerlichen  Kaufmannshause 
zu  Frankfurt  entsprungen.  Auch  ihre  Schätze  sind 
nicht  so  groß  wie  die,  welche  die  Königin  von  Sparta 
mitbrachte,  als  Paris,  welcher  die  Zither  so  schön 
spielte  <das  Piano  war  damals  noch  nicht  erfunden), 
sie  von  dort  entführte;  im  Gegenteil,  die  Fournisseurs 
der  Dame  seufzen,  sie  soll  ihr  letztes  Ratelier  noch 
schuldig  sein.     Nur  in   bezug  auf  die  Tugend  mag 


Briefe  über  Deutschland  ±jg 

sie   der   berühmten   Madam   Menelaus   gleichgestellt 
werden. 

Ja,  die  Weiber  sind  gefährlich;  aber  ich  muß 
doch  die  Bemerkung  machen,  daß  die  schönen  lange 
nicht  so  gefährlich  sind  wie  die  häßlichen.  Denn 
jene  sind  gewohnt,  daß  man  ihnen  die  Kour  mache, 
letztere  aber  machen  jedem  Manne  die  Kour  und 
gewinnen  dadurch  einen  mächtigen  Anhang.  Nament- 
lich ist  dies  in  der  Literatur  der  Fall.  Ich  muß 
hier  zugleich  erwähnen,  daß  die  französischen  Schrift- 
stellerinnen, die  jetzt  am  meisten  hervorragen,  alle 
sehr  hübsch  sind.  Da  ist  George  Sand,  der  Autor 
des  Essai  sur  le  developpement  du  dogme  catho- 
lique,  Delphine  Girardin,  Madame  Merlin,  Louise 
Collet  — -  lauter  Damen,  die  alle  Witzeleien  über 
die  Grazienlosigkeit  der  bas  bleux  zuschanden 
machen,  und  denen  wir,  wenn  wir  ihre  Schriften 
des  Abends  im  Bette  lesen,  gern  persönlich  die  Be- 
weise unseres  Respekts  darbringen  möchten.  Wie 
schön  ist  George  Sand  und  wie  wenig  gefähr- 
lich, selbst  für  jene  bösen  Katzen,  die  mit  der  einen 
Pfote  sie  gestreichelt  und  mit  der  andern  sie  ge- 
kratzt, selbst  für  die  Hunde,  die  sie  am  wütendsten 
anbellen;  hoch  und  milde  schaut  sie  auf  diese  herab, 
wie  der  Mond.  Auch  die  Fürstin  Belgiojoso,  diese 
Schönheit,  die  nach  Wahrheit  lechzt,  kann  man  un- 
gestraft verletzen;  es  steht  jedem  frei,  eine  Madonna 
von  Rafael  mit  Kot  zu  bewerfen,  sie  wird  sich  nicht 
wehren.  Madame  Merlin,  die  nicht  bloß  von  ihren 
Feinden,  sondern  sogar  von  ihren  Freunden  immer 
gut  spricht,  kann  man  ebenfalls  ohne  Gefahr  belei- 
digen; gewohnt  an  Huldigungen,  ist  die  .Sprache  der 
Roheit  ihr  fast  fremd,  und  sie  sieht  dich  an  ver- 
wundert.    Die  schöne  Muse  Delphine,  wenn  du  sie 


a$q  Kleinere  Schriften 

beleidigst,  ergreift  ihre  Leier,  und  ihr  Zorn  ergießt 
sich  in  einem  glänzenden  Strom  von  Alexandrinern. 
Sagst  du  etwas  Mißfälliges  über  Madame  Collet,  so 
ergreift  sie  ein  Küchenmesser  und  will  es  dir  in  den 
Leib  stoßen.  Das  ist  auch  nicht  gefährlich.  Aber 
beleidige  nicht  die  Comtesse  **!  Du  bist  ein  Kind 
des  Todes.  Vier  Vermummte  stürzen  auf  dich  ein 
—  vier  souteneurs  litteraircs  —  Das  ist  die  Tour 
de  Nesle  —  du  wirst  erstochen,  erwürgt,  ersäuft  — 
den  andern  Morgen  findet  man  deine  Leiche  in  den 
Entrefilets  der  Presse. 

Ich  kehre  zurück  zu  Frau  von  Stael,  welche  nicht 
schön  war,  und  dem  großen  Kaiser  Napoleon  sehr 
viel  Böses  zufugte.  Sie  beschränkte  sich  nicht  dar- 
auf, Bücher  gegen  ihn  zu  schreiben,  sondern  sie 
suchte  ihn  auch  durch  nichtliterarische  Mittel  zu 
befehden,  sie  war  einige  Zeit  die  Seele  diplomati- 
scher Intrigen,  welche  der  Koalition  gegen  Napoleon 
vorangingen:  auch  sie  wußte  ihrem  Feinde  einige 
Spadassins  auf  den  Hals  zu  jagen,  welche  freilich 
keine  Valets  waren,  wie  die  Champions  der  er- 
wähnten Dame,  sondern  Könige.  Napoleon  unter- 
lag, und  Frau  von  Stael  zog  siegreich  ein  in  Paris 
mit  ihrem  Buche  »De  l'Allemagne«  und  einigen  hun- 
derttausend Deutschen,  die  sie  gleichsam  als  eine 
lebendige  Illustration  ihres  Buches  mitbrachte.  .  .  . 
Seit  der  Zeit  sind  die  Franzosen  Christen  geworden, 
und  Romantiker,  und  Burggrafen.  Das  ginge  mich 
am  Ende  nichts  an,  und  ein  Volk  hat  wohl  das 
Recht,  so  langweilig  und  lauwarm  zu  werden,  wie 
ihm  beliebt,  umsomehr,  da  es  bisher  das  geistreichste 
und  heldenmütigste  war,  das  jemals  auf  dieser  Erde 
geschanzt  und  gekämpft  hatte.  Aber  ich  bin  doch 
bei  jener  Umwandlung  etwas   interessiert,   denn  als 


Briefe  über  Deutschland  481 

die  Franzosen  dem  Satan  und  seiner  Herrlichkeit 
entsagten,  haben  sie  auch  die  Rheinprovinzen  abge* 
treten,  und  ich  ward  bei  dieser  Gelegenheit  ein 
Preuße.  Ja,  so  schrecklich  das  Wort  klingt,  ich  bin 
es,  ich  bin  ein  Preuße,  durch  das  Recht  der  Er* 
oberung.  Nur  mit  Not,  als  es  nicht  länger  auszu* 
halten  war,  gelang  es  mir,  meinen  Bann  zu  brechen, 
und  seitdem  lebe  ich  als  Prussien  libere  hier  in  Paris, 
wo  es  gleich  nach  meiner  Ankunft  eine  meiner  wich* 
tigsten  Beschäftigungen  war,  dem  herrschenden  Buche 
der  Frau  von  Stael  den  Krieg  zu  machen. 
-  Ich  tat  dieses  in  einer  Reihe  Artikel,  welche  ich 
bald  darauf  als  vollständiges  Buch  unter  dem  Titel 
»De  l'Allemagne«  herausgab.  Es  fällt  mir  nicht  ein, 
durch  diese  Titelwahl,  mit  dem  Buche  der  berühmten 
Frau  in  eine  literarische  Rivalität  treten  zu  wollen. 
Ich  bin  einer  der  größten  Bewunderer  ihrer  geistigen 
Fähigkeiten,  sie  hat  Genie,  aber  leider  hat  dieses 
Genie  ein  Geschlecht,  und  zwar  ein  weibliches.  Es 
war  meine  Pflicht  als  Mann,  jenem  brillanten  Kankan 
zu  widersprechen,  der  um  so  gefährlicher  wirkte,  da 
sie  in  ihren  deutschen  Mitteilungen  eine  Masse  von 
Dingen  vorbrachte,  die  in  Frankreich  unbekannt,  und 
durch  den  Reiz  der  Neuheit  die  Geister  bezauberte. 
Ich  ließ  mich  auf  die  einzelnen  Irrtümer  und  Fäl- 
schungen nicht  ein,  und  beschränkte  mich,  zunächst 
den  Franzosen  zu  zeigen,  was  eigentlich  jene  roman- 
tische Schule  bedeutete,  die  Frau  von  Stael  so  sehr 
rühmte  und  feierte.  Ich  zeigte,  daß  sie  nur  aus  einem 
Haufen  Würmern  bestand,  die  der  heilige  Fischer 
zu  Rom  sehr  gut  zu  benutzen  weiß,  um  damit  Seelen 
zu  ködern.  Seitdem  sind  auch  vielen  Franzosen  in 
dieser  Beziehung  die  Augen  aufgegangen,  und  sogar 
sehr  christliche  Gemüter  haben  eingesehen,  wie  sehr 

IX,  M 


482  Kleinere  Schriften 

ich  Recht  hatte,  ihnen  in  einem  deutschen  Spiegel 
die  Umtriebe  zu  zeigen,  die  auch  in  Frankreich  um- 
herschlichen, und  jetzt  kühner  als  je  das  geschorene 
Haupt  erheben. 

Dann  wollte  ich  auch  über  die  deutsche  Philo* 
sophie  eine  wahre  Auskunft  geben,  und  ich  glaube, 
ich  hab  es  getan.  Ich  hab  unumwunden  das  Schul- 
geheimnis  ausgeplaudert,  das  nur  den  Schülern  der 
ersten  Klasse  bekannt  war,  und  hierzulande  stutzte 
man  nicht  wenig  über  diese  Offenbarung.  Ich  er- 
innere mich,  wie  Pierre  Leroux  mir  begegnete  und 
mir  offen  gestand,  daß  auch  er  immer  geglaubt  habe, 
die  deutsche  Philosophie  sei  ein  gewisser  mystischer 
Nebel,  und  die  deutschen  Philosophen  seien  eine 
Art  frommer  Seher,  die  nur  Gottesfurcht  atmeten. 
Ich  habe  freilich  den  Franzosen  keine  ausführliche 
Darstellung  unserer  verschiedenen  Systeme  geben 
können  —  auch  liebte  ich  sie  zu  sehr,  als  daß  ich 
sie  dadurch  langweilen  wollte  —  aber  ich  habe  ihnen 
den  letzten  Gedanken  verraten,  der  allen  diesen 
Systemen  zugrunde  liegt,  und  der  eben  das  Gegenteil 
ist  von  allem,  was  wir  bisher  Gottesfurcht  nannten. 
Die  Philosophie  hat  in  Deutschland  gegen  das  Christen- 
tum denselben  Krieg  geführt,  den  sie  einst  in  der 
griechischen  Welt  gegen  die  ältere  Mythologie  ge- 
führt hat,  und  sie  erfocht  hier  wieder  den  Sieg.  In 
der  Theorie  ist  die  heutige  Religion  ebenso  aufs 
Haupt  geschlagen,  sie  ist  in  der  Idee  getötet,  und 
lebt  nur  noch  ein  mechanisches  Leben,  wie  eine 
Fliege,  der  man  den  Kopf  abgeschnitten,  und  die  es 
gar  nicht  zu  merken  scheint,  und  noch  immer  wohl- 
gemut umherfliegt.  Wie  viel  Jahrhunderte  die  große 
Fliege,  der  Katholizismus,  noch  im  Bauche  hat  (um 
wie  Cousin   zu   reden),  weiß   ich  nicht,  aber  es  ist 


Briefe  über  Deutschland  483 

von  ihm  gar  nicht  mehr  die  Rede.  Es  handelt  sich 
weit  mehr  von  unserem  armen  Protestantismus,  der, 
um  seine  Existenz  zu  fristen,  alle  möglichen  Kon- 
zessionen gemacht,  und  dennoch  sterben  muß:  es 
half  ihm  nichts,  daß  er  seinen  Gott  von  allem  An» 
thropomorphismus  reinigte,  daß  er  ihm  durch  Ader- 
lässe alles  sinnliche  Blut  auspumpte,  daß  er  ihn 
gleichsam  filtrierte  zu  einem  reinen  Geiste,  der  aus 
lauter  Liebe,  Gerechtigkeit,  Weisheit  und  Tugend 
besteht  —  alles  half  nichts,  und  ein  deutscher  Por- 
phyrius,  genannt  Feuerbach  <auf  französisch  fleuve 
de  flamme)  moquiert  sich  nicht  wenig  über  diese 
Attribute  des  »Gott-Reiner-Geist«,  dessen  Liebe 
kein  besonderes  Lob  verdiene,  da  er  ja  keine  mensch- 
liche Galle  habe;  dem  die  Gerechtigkeit  ebenfalls 
nicht  viel  koste,  da  er  keinen  Magen  habe,  der  ge- 
füttert werden  muß  per  fas  et  nefas;  dem  auch  die 
Weisheit  nicht  hoch  anzurechnen  sei,  da  er  durch 
keinen  Schnupfen  gehindert  werde  im  Nachdenken; 
dem  es  überhaupt  schwer  fallen  würde,  nicht  tugend- 
haft zu  sein,  da  er  ohne  Leib  ist!  Ja,  nicht  bloß 
die  protestantischen  Rationalisten,  sondern  sogar  die 
Deisten  sind  in  Deutschland  geschlagen,  indem  die 
Philosophie  eben  gegen  den  Begriff  »Gott«  alle  ihre 
Katapulte  richtete,  wie  ich  eben  in  meinem  Buche 
»De  l'Allemagne«  gezeigt  habe. 

Man  hat  mir  von  mancher  Seite  gezürnt,  daß  ich 
den  Vorhang  fortriß  von  dem  deutschen  Himmel  und 
jedem  zeigte,  daß  alle  Gottheiten  des  alten  Glau- 
bens daraus  verschwunden,  und  daß  dort  nur  eine 
alte  Jungfer  sitzt  mit  bleiernen  Händen  und  traurigem 
Herzen:  die  Notwendigkeit.  —  Ach!  ich  habe  nur 
früher  gemeldet,  was  doch  später  jeder  erfahren 
mußte,  und  was  damals  so  befremdlich  klang,  wird 


484  Kleinere  Schriften 

jetzt  auf  allen  Dächern  gepredigt  jenseits  des  Rheines. 
Und  in  welchem  fanatischen  Tone  manchmal  werden 
die  antireligiösen  Predigten  abgehalten!  Wir  haben 
jetzt  Mönche  des  Atheismus,  die  Herrn  von  Voltaire 
lebendig  braten  würden,  weil  er  ein  verstockter  Deist 
sei.  Ich  muß  gestehen,  diese  Musik  gefällt  mir 
nicht,  aber  sie  erschreckt  mich  auch  nicht,  denn  ich 
habe  hinter  dem  Maestro  gestanden,  als  er  sie  kom~ 
ponierte,  freilich  in  sehr  undeutlichen  und  verschnör- 
kelten  Zeichen,  damit  nicht  jeder  sie  entziffre  —  ich 
sah  manchmal,  wie  er  sich  ängstlich  umschaute,  aus 
Furcht,  man  verstände  ihn.  Er  liebte  mich  sehr, 
denn  er  war  sicher,  daß  ich  ihn  nicht  verriet;  ich 
hielt  ihn  damals  sogar  für  servil.  Als  ich  einst  un- 
mutig war  über  das  Wort:  »Alles,  was  ist,  ist  ver- 
nünftig«, lächelte  er  sonderbar  und  bemerkte:  »Es 
könnte  auch  heißen:  Alles,  was  vernünftig  ist,  muß 
sein.«  Er  sah  sich  hastig  um,  beruhigte  sich  aber 
bald,  denn  nur  Heinrich  Beer  hatte  das  Wort  ge- 
hört. Später  erst  verstand  ich  solche  Redensarten. 
So  verstand  ich  auch  erst  spät,  warum  er  in  der 
Philosophie  der  Geschichte  bebehauptet  hatte:  das 
Christentum  sei  schon  deshalb  ein  Fortschritt,  weil 
es  einen  Gott  lehre,  der  gestorben,  während  die 
heidnischen  Götter  von  keinem  Tode  etwas  wußten. 
Welch  ein  Fortschritt  ist  es  also,  wenn  der  Gott 
gar  nicht  existiert  hat!    .... 

Mit  dem  Umsturz  der  alten  Glaubensdoktrinen 
ist  auch  die  ältere  Moral  entwurzelt.  Die  Deutschen 
werden  doch  noch  lange  an  letztere  halten.  Es 
geht  ihnen  wie  gewissen  Damen,  die  bis  zum  vier- 
zigsten Jahre  tugendhaft  waren,  und  es  nachher 
nicht  mehr  der  Mühe  wert  hielten,  das  schöne  Laster 
zu  üben,  wenn  auch  ihre  Grundsätze   laxer  gewor- 


Briefe  über  Deutschland  485 

den.  Die  Vernichtung  des  Glaubens  an  den  Himmel 
hat  nicht  bloß  eine  moralische,  sondern  auch  eine 
politische  Wichtigkeit:  die  Massen  tragen  nicht  mehr 
mit  christlicher  Geduld  ihr  irdisches  Elend,  und 
lechzen  nach  Glückseligkeit  auf  Erden.  Der  Kom- 
munismus ist  eine  natürliche  Folge  dieser  veränderten 
Weltanschauung,  und  er  verbreitet  sich  über  ganz 
Deutschland.  Es  ist  eine  ebenso  natürliche  Er- 
scheinung, daß  die  Proletarier  in  ihrem  Ankampf 
gegen  das  Bestehende  die  fortgeschrittensten  Geister, 
die  Philosophen  der  großen  Schule,  als  Führer  be- 
sitzen;  diese  gehen  über  von  der  Doktrin  zur  Tat, 
dem  letzten  Zweck  alles  Denkens,  und  formulieren 
das  Programm.  Wie  lautet  es?  Ich  hab  es  längst 
geträumt  und  ausgesprochen  in  den  Worten:  »Wir 
wollen  keine  Sanskülotten  sein,  keine  frugale  Bürger, 
keine  wohlfeile  Präsidenten;  wir  stiften  eine  Demo- 
kratie gleichherrlicher,  gleichheiliger,  gleichbeseligter 
Götter.  Ihr  verlangt  einfache  Trachten,  enthaltsame 
Sitten  und  ungewürzte  Genüsse;  wir  hingegen  verlangen 
Nektar  und  Ambrosia,  Purpurmäntel,  kostbare  Wohl- 
gerüche,  Wollust  und  Pracht,  lachenden  Nymphen- 
tanz, Musik  und  Komödien,  c  Diese  Worte  stehen 
in  meinem  Buche  »De  l'Allemagnec,  wo  ich  bestimmt 
vorausgesagt  habe,  daß  die  politische  Revolution  der 
Deutschen  aus  jener  Philosophie  hervorgehen  wird, 
deren  Systeme  man  so  oft  als  eitel  Scholastik  ver- 
schrien. Ich  hatte  leicht  prophezeien!  Ich  hatte  ja  ge- 
sehen, wie  die  Drachenzähne  gesät  wurden,  aus  wel- 
chen heute  die  geharnischten  Männer  emporwachsen, 
die  mit  ihrem  Waffengetümmel  die  Welt  erfüllen, 
aber  auch  leider  sich  untereinander  würgen  werden! 
Seitdem  das  mehrerwähnte  Buch  erschienen,  habe 
ich  für  das  Publikum  nichts  über  Deutschland  ver- 


486  Kleinere  Schriften 

öffentlicht.  Wenn  ich  heute  mein  langes  Stillschwei- 
gen breche,  so  geschieht  es  weniger,  um  die  Be- 
dürfnisse  des  eignen  Herzens  zu  befriedigen,  als 
vielmehr  um  den  dringenden  Wünschen  meiner 
Freunde  zu  genügen.  Diese  sind  manchmal  weit 
mehr,  als  ich,  indigniert  über  die  brillante  Unwissen- 
heit, die  in  bezug  auf  deutsche  Geistergeschichte  hier- 
zulande herrscht,  eine  Unwissenheit,  die  von  unseren 
Feinden  mit  großem  Erfolg  ausgebeutet  wird.  Ich 
sage:  von  unseren  Feinden,  und  verstehe  darunter 
nicht  jene  armseligen  Geschöpfe,  die  von  Zeitungs- 
bureau zu  Zeitungsbureau  hausieren  gehen,  und 
rohe,  absurde  Verleumdungen  feilbieten,  und  einige 
sogenannte  Patrioten  als  Allümeurs  mit  sich  schlep- 
pen: diese  Leute  können  auf  die  Länge  nicht  scha- 
den, sie  sind  zu  dumm,  und  sie  werden  es  noch 
dahin  bringen,  daß  die  Franzosen  am  Ende  in  Zweifel 
ziehen,  ob  wir  Deutschen  wirklich  das  Pulver  er- 
funden haben.  Nein,  unsere  wahrhaft  gefährlichen 
Feinde  sind  jene  Familiären  der  europäischen  Aristo- 
kratie, die  unter  allerlei  Vermummungen,  sogar  in 
Weiberröcken,  uns  überall  nachschleichen,  um  im 
Dunkeln  unseren  guten  Leumund  zu  meucheln.  Die 
Männer  der  Freiheit,  die  in  der  Heimat  dem  Kerker, 
der  geheimen  Hinrichtung  oder  jenen  kleinen  Ver- 
haftsbefehlen,  welche  das  Reisen  so  unsicher  und 
unbequem  machen,  glücklich  entronnen  sind,  sollen 
hier  in  Frankreich  keine  Ruhe  finden,  und  die  man 
leiblich  nicht  mißhandeln  konnte,  sollen  wenigstens 
ihren  Namen  tagtäglich  beschimpft  und  gekreuzigt 
sehen 


Anmerkungen 


Lutezia. 

Allgemeines. 

Von  Heines  Plan,  seine  Artikel  aus  der  »Allgemeinen 
Zeitung«  in  den  ersten  vierziger  Jahren  zu  sammeln 
und  seinen  Werken  einzuverleiben,  ist  zuerst  in  seinem 
Brief  an  Campe  vom  18. — Z2.  März  1852  die  Rede:  die 
Zusätze  der  Redaktion  auszumerzen  und  das  zu  strei- 
chen, was  wegen  veränderter  Zeitumstände  gegenstands- 
los geworden  war,  schien  ihm  dabei  die  in  erster  Linie 
zu  lösende  Aufgabe.  Zugleich  bat  er,  da  er  selbst 
kein  vollständiges  Verzeichnis  seiner  Artikel  mehr  be- 
saß, am  26.  März  Cotta,  ein  solches  aus  dem  Verlags- 
archiv zusammenzustellen  und  ihm  die  betreffenden 
Nummern  der  Zeitung  zuzusenden.  Während  der  Re- 
vision der  Blätter  konnte  er  am  7.  Juni  Campe  melden, 
daß  er  fühle,  wie  sich  ein  Buch  in  seinem  Geiste  for- 
miere, das  Blüte  und  Frucht  seiner  Pariser  Erfahrungen 
und  Erlebnisse  darstellen  und,  wenn  nicht  als  Ge- 
schichtsbuch, doch  gewiß  als  eine  Chrestomathie  guter 
publizistischer  Prosa  sich  in  der  deutschen  Literatur 
erhalten  werde.  Am  12.  August  erklärte  er  es  zwar 
für  eine  höllische  Arbeit,  nach  den  glücklicherweise 
wiedergefundenen  Brouillons  den  stark  entstellten  Text 
zu  säubern,  umzuarbeiten  und  durch  einen  besonnenen 
Guß  ein  harmonisches  Ganzes  hervorzubringen,  fing 
aber  bereits  an,  genauere  Unterhandlungen  über  Druck- 
legung und  Honorierung  des  Werkes  zu  eröffnen.  Die 
weiteren  Verhandlungen  mit  Campe  führten  aber  bald 
zu  einer  Vertagung  der  ursprünglich  für  die  allernächste 
Zeit  geplanten  Herausgabe:  ja  Heine  erklärte  am 
12.  September  von  dem  ganzen  Plane  nichts  mehr  hören 
zu  wollen.  Erst  im  Frühjahr  1854  trat  man  der  An- 
gelegenheit wieder  näher:  zwischen  April  und  Juni 
ging  das  Manuskript  stückweise  nach  Hamburg  ab,  im 
Juli  begann  der  Druck.  In  seinen  Briefen  an  Campe 
aus    dem  Frühjahr    und    Sommer    dieses  Jahres    spricht 


400  Anmerkungen 

sich  Heine  wiederholt  über  Tendenz  und  Wert  seines 
Buches  aus:  er  hofft  (j.  März),  daß  das  Werk  der 
Bildung  des  Stils  für  populäre  Themata  sehr  förderlich 
sein  werde,  nennt  es  <i5.  April)  ein  Geschichtsbuch, 
das  den  heutigen  Tag  ansprechen  und  in  der  Zukunft 
fortleben  werde,  und  findet  <z6.  Juni),  daß  das  Ganze 
sich  wie  ein  Roman  lese,  während  es  doch  ein  histo- 
risches Aktenstück  sei  und  sein  prägnantester  Stil  sich 
darin  kundgebe.  Am  zi.  August  ging  das  Zueignungs- 
schreiben an  den  Fürsten  Pückler  als  Schlußstein  der 
Arbeit  an  Campe  ab. 

Erster  Druck:  Vermischte  Schriften  von  Heinrich  Heine. 
Zweiter  Band:  Lutezia,  Erster  Teil.  Dritter  Band: 
Lutezia,  Zweiter  Teil.  Hamburg,  Hoffmann  und  Campe, 
1854.  Diese  Ausgabe  liegt  unserem  Text  zugrunde; 
verglichen  wurden  die  Artikel  in  der  »Allgemeinen 
Zeitung«  1840:  Nr.  66.  108.  iz8  Beil.  129.  144  Beil. 
149  Beil.  154.  158  Beil.  17z  Beil.  191  Beil.  214  Beil. 
u.  Hauptbl.  218  Beil.  219  Beil.  247.  272.  28z.  z86Beil. 
u.  Hauptbl.  309.  315.  317  Beil.  3Z6.  —  Jahrgang  1841: 
Nr.  13  Beil.  20  Beil.  53 Beil.  97.  119  Beil.  126.  145  Beil. 
148.  352  Beil.  360  Beil.  —  Jahrgang  1842:  Nr.  3. 
18  Beil.  44  Beil.  129  Beil.  167  Beil.  178  Beil.  198.  200. 
205.  211.  293  Beil.  347.  —  Jahrgang  1843:  Nr.  5  Beil. 
85  Beil.  u.  Hauptbl.  134  Beil.  196  Beil.  —  Jahrgang 
1844:  Nr.  129  Beil.  138  Beil.  —  Jahrgang  1846:  Nr.  217 
Beil.  Z43  Beil.  —  Jahrgang  1847:  Nr.  140.  Außer 
dem  »Zueignungsbrief«  und  fast  sämtlichen  »Späteren 
Notizen«  fehlen  in  der  »Allgemeinen  Zeitung«  die 
Abschnitte  I,  VI,  XI,  XXV,  XXX,  LIV,  LVIII, 
LXI  und  die  Abschnitte  über  »Kommunismus,  Philo- 
sophie und  Klerisei«  und  »Gefängnisreform  und  Straf- 
gesetzgebung« im  Anhang.  Der  erste  Teil  des  An- 
hangs erschien  zuerst  unter  der  Überschrift  »Kampf 
und  Kämpfer«  in  der  »Zeitung  für  die  elegante  Welt« 
1843,  Nr.  Z9,  die  auch  einen  Teil  von  Nr.  LXI  bringt. 


Anmerkungen  491 

—  Heines  regelmäßige  Chiffre  in  der  »Allgemeinen 
Zeitung«  ist  0  oder  & ;  nur  Abschnitt  II  ist  mit  2|- 
gezeichnet.  —  Einzelne  Artikel  der  »Allgemeinen 
Zeitung«  tragen  eigene  Überschriften;  so  IV:  »Die 
Extreme  in  Frankreich«.  V:  »George  Sands  Co- 
sima«.  VIII:  »Thiers  und  die  Franzosen«.  IX:  »Die 
Juden  und  die  Presse  in  Paris«.  XXXI:  »Die 
Befestigung  von  Paris  vom  Standpunkt  der  Franzosen«. 
XXXIII:  »Musikalische  Saison  in  Paris«.  XXXV: 
»Mignet,  Cousin,  Guizot«.  XXXVII:  »Volks»  und 
Kunstleben  in  Paris«.  XXXVIII:  »Der  Obelisk  von 
Luxor.  Guizot  und  Thiers«.  XLII:  »Der  Karneval 
in  Paris«.  XLIII:  »Rossini  und  Felix  Mendels- 
sohn«. XLIV:  »Destutt  de  Tracy«.  XLV:  »Die 
Wahlen«.  LIII:  »Jahresrückblick«.  ~  LVII:  »In- 
dustrie  und  Kunst«.  LX:  »Michelet  und  Edgar 
Quinet«. 

Lesarten. 

Bei  der  Bearbeitung  der  Artikel  aus  der  »Allgemeinen 
Zeitung«  für  die  »Vermischten  Schriften«  sind  folgende 
wichtigeren  längeren  und  kürzeren  Stellen  gestrichen 
worden : 

Seite  23, j  Thiers  ist  kein  Ehrgeiziger,  ebensowenig 
wie  Victor  Hugo;  Monsieur  de  Lamartine  hingegen  ist 
ein  Ehrgeiziger,  sowohl  in  politischer  wie  in  poetischer 
Beziehung. 

Seite  27^  Das  bedeutendste  Organ  der  Republikaner 
ist  die  Revue  du  Progres.  Louis  Blanc,  der  Redakteur 
en  chef,  ist  unstreitig  der  ausgezeichnetste  Kopf  seiner 
Partei.  Von  Statur  ist  er  sehr  klein,  sieht  fast  aus  wie 
ein  Schuljunge,  kleine  rote  Bäckchen,  fast  gar  kein  Bart  ; 
aber  mit  dem  Geiste  überragt  er  alle  seine  Parteigenossen, 
und  sein  Blick  dringt  tief  in  die  Abgründe,  wo  die 
sozialen  Fragen    nisten   und  lauern.     Er  ist  ein  Mann, 


XQ2  Anmerkungen 

der  eine  große  Zukunft  hat,  denn  er  begreift  die  Ver- 
gangenheit. Er  ist,  wie  gesagt,  der  ausgezeichnetste 
Kopf  seiner  Partei,  und  ich  habe  mich  nicht  sehr  ver- 
wundert, als  ich  diese  Woche  von  der  Dissidenz  er- 
fuhr, die  zwischen  ihm  und  seinen  republikanischen  Mit- 
redaktoren ausgebrochen.  Louis  Blanc  hatte  nämlich, 
bei  Gelegenheit  des  Vautrin  von  Balzac,  unumwunden 
erklärt,  daß  die  Theaterzensur  notwendig  sei.  Empört 
durch  solchen  greuelhaften  Ausspruch,  solche  anti- 
jakobinische Ketzerei,  haben  sich  Felix  Piat  und  August 
Luchet  von  der  Redaktion  der  Revue  du  Progres  los- 
gesagt. Beide  sind  nicht  bloß  Männer  von  ehrenvollem 
Charakter,  sondern  auch  Schriftsteller  von  großem  Ta- 
lent; vor  einigen  Jahren  schrieben  sie  gemeinsam  ein 
Drama,  welches  von  der  Theaterzensur  unterdrückt 
wurde. 

Seite  28 14  Der  aufgeklärte  Bankier,  der  mir  dieses 
sagte,  ist  weder  der  große  Baron  v.  Rothschild,  noch 
der  kleine  Hr.  Königswärter;  kaum  bedürfte  es  noch 
dieser  besondern  Bemerkung,  da  ersterer,  wie  jeder  weiß, 
so  viel  Geld  hat,  daß  seine  beiden  Taschen  davon  voll 
sind,  während  der  andere  zu  wenig  Geist  hat,  als  daß 
er  irgend  zu  erklären  wüßte,  warum  er  zwanzigmal  des 
Tags  abwechselnd  Royalist  und  Republikaner  ist. 

Seite  30 27  Seine  Gegner  flüstern  sich  dergleichen  ins 
Ohr.  Hingegen  seine  Freunde  bemerken  an  ihm  eine 
täglich  zunehmende  Milde.  Der  Mann  lebt  im  Gefühl 
seiner  ernsthaften  Pflichten,  seiner  Verantwortlichkeit 
gegen  Mitwelt  und  Nachwelt,  und  er  wird  dem  Tumult 
der  Tagesleidenschaften  immer  die  kluge  Ruhe  des 
Staatsmanns  entgegensetzen. 

Seite  34 y  und  die  Vorstellung  ward  nicht  unterbrochen 
durch  jene  Tumulte,  die  bei  der  Aufführung  der  Stücke 
von  Victor  Hugo  stattzufinden  pflegen. 


Anmerkungen  aq? 

Seite  3422  Die  Beifallsbezeugungen,  die  dennoch 
häufig  und  hinlänglich  geräuschvoll  stattfanden,  waren 
um  so  ehrenwerter.  Während  des  fünften  Akts  hörte 
man  einige  Meucheltöne,  und  doch  enthielt  dieser  Akt 
weit  mehr  dramatische  und  poetische  Schönheiten  als 
die  vorhergehenden,  worin  das  Bestreben,  alles  Anstößige 
zu  vermeiden,  fast  in  eine  unerfreuliche  Zagnis  aus- 
artete. 

Über  den  Wert  des  Stücks  überhaupt  will  ich  mir 
hier  kein  Urteil  gestatten.  Genug,  der  Verfasser  ist 
George  Sand  und  das  gedruckte  Werk  wird  in  einigen 
Tagen  der  Kritik  von  ganz  Europa  überliefert  werden. 
Das  ist  ein  Vorteil,  den  die  großen  Reputationen  ge- 
nießen: sie  werden  von  einer  Jury  gerichtet,  welche  sich 
nicht  irre  machen  läßt  von  einigen  literarischen  Eunuchen, 
die  aus  dem  Winkel  eines  Parterres  oder  eines  Journals 
ihre  pfeifenden  Stimmchen  vernehmen  lassen. 

Seite  51 2  Ihr  irrt  euch:  in  der  Person  des  auf 
St.  Helena  Geschiedenen  wurde  nicht  Frankreich  miß- 
handelt, sondern  die  Menschheit,  wie  auch  die  Leichen- 
feier, die  jetzt  stattfinden  wird,  keineswegs  als  eine 
Niederlage  der  auswärtigen  Mächte  zu  betrachten  ist, 
sondern  als  ein  Sieg  der  Menschheit.  Dem  Lebenden 
galt  der  Kampf,  nicht  dem  Toten,  und  daß  man  diesen 
den  Franzosen  nicht  schon  längst  ausgeliefert  hat,  das  ist 
nicht  die  Schuld  der  europäischen  Potentaten,  sondern 
einer  kleinen  Koterie  großbritannischer  Fuchsjäger  und 
Stallknechte,  die  unterdessen  den  Hals  gebrochen  oder 
sich  die  Kehle  abgeschnitten  haben,  wie  z.  B.  der  edle 
Londonderry,  oder  auch  sonst  zugrunde  gingen  durch 
die  Macht  der  Zeit  und  des  Portweins.  Wir  haben 
bereits  vor  vielen  Jahren  in  Deutschland  dem  großen 
Kaiser  den  schuldigen  Tribut  der  Verehrung  gezollt, 
und  jetzt  haben  wir  wohl  das  Recht,  die  Exaltation 
der  heutigen  Huldigungen  mit  etwas  Gemütsruhe  zu 
betrachten.     Aufrichtig    gestanden,    die    Franzosen    ge- 


aqa  Anmerkungen 

bärden  sich  bei  dieser  Gelegenheit  wie  die  Kinder, 
denen  man  ihr  Spielzeug  genommen  hat  und  wieder 
zurückgibt:  sobald  sie  es  in  Händen  haben,  werden  sie 
es  lachend  zerschlagen  und  mit  Füßen  treten,  und  ich 
sehe  schon  voraus,  wieviel  schlechte  Witze  gerissen 
werden,  wenn  die  große  Prozession  anlangt  mit  den 
Reliquien  von  St.  Helena.  Jetzt  schwärmen  sie,  die 
gutmütig  leichtsinnigen  Franzosen.  Sie  sind  mit  den 
Lebenden  so  unzufrieden,  daß  sie  Gott  weiß  was  von 
dem  Toten  erwarten.  Ihr  irrt  euch.  Ihr  werdet  einen 
sehr  stillen  Mann  an  ihm  finden. 


Seite  52,9  Zwischen  dem  Univers  und  der  Qyoti- 
dienne,  welche  sich  von  ersterem  durch  einen^  etwas 
chevaleresken  Charakter  unterscheidet,  hat  sich  in  betreff 
der  Damaszener  Vorgänge  eine  Polemik  entsponnen,  die 
sehr  wunderlicher,  fast  ergötzlicher  Art  ist:  die  Qyoti- 
dienne,  ein  Organ  der  reinen  Legitimisten,  der  An- 
hänger der  älteren  Linie,  steht  in  natürlicher  Fehde  mit 
jenem  Teil  des  Klerus,  welcher  sich  der  jüngeren  Linie 
der   Bourbons,    der    herrschenden  Dynastie,   anschließt. 

Seite  54,6  Ein  wiedereingesetzter  Bonaparte  würde 
in  rührender  Dankbarkeit  verharren;  die  matte  Kreatur 
würde  ihren  starken  Schöpfer  um  so  preisender  ver- 
ehren, je  bedürftiger  sie  seiner  Nachstütze  beständig 
bliebe.  Dazu  kommt,  daß  es  leichter  ist  in  Frankreich 
ein  Bonapartistenregiment  als  eine  Republik  zu  stiften ; 
gegen  ersteres  würde  weder  die  Bourgeoisie  noch  die 
Armee  so  großen  Widerstand  leisten,  wie  gegen  die 
Republik.  Der  Bourgeoisie  liegt  nur  an  einem  sichern 
Schutzvogt  des  Eigentums.  Und  gar  die  Armee  — 
in  dem  Schrei  Vive  l'Empereur!  liegen  so  viele  fun- 
kelnde Epaulette,  so  viele  Herzogsuniformen,  so  viele 
Kontributionen,  kurz  der  glänzendste  Köder  der  Raub- 
sucht und  Eitelkeit. 


Anmerkungen  495 

Seite  78,7  Sowohl  die  Redaktion  als  das  Eigentum 
des  > Commerce«  ist  vor  14  Tagen  in  andere  Hände 
übergegangen.  Diese  Nachricht  ist  an  sich  freilich 
nicht  sehr  wichtig,  aber  wir  wollen  daran  allerlei  Be- 
merkungen knüpfen.  Zunächst  bemerke  ich,  daß  diese 
renovierten  Blätter  dieser  Tage  einen  Ausfall  gegen 
meine  Korrespondenz  in  der  »Allgemeinen  Zeitung« 
enthielten,  der  ebenso  ungeschickt  wie  albern  war.  Der 
Verdächtigung,  worauf  es  abgesehen,  bin  ich  mit  auf- 
schlagenem  Visier  im  »Constitutionnel«  entgegengetreten. 
Eine  andere  Bemerkung,  die  aber  allgemeiner  Art, 
drängt  sich  uns  entgegen  bei  der  Frage:  welche  Farbe 
wird  das  »Commerce«  jetzt  annehmen?  Man  hat  mir 
nämlich  geantwortet:  »Dieses  Blatt  wird  sich  weder 
für  das  dermalige  Königtum,  noch  für  die  republika- 
nische Partei  aussprechen,  und  vorderhand  wird  es 
wohl  bonapartistisch  werden.«  In  dieser  scheinbar  aus- 
weichenden, unbestimmten  Antwort  ertappen  wir  ein 
Geständnis,  das  uns  über  das  ganze  politische  Treiben 
der  Franzosen  viel  Belehrung  und  Aufschluß  gewährt. 
Nämlich:  in  dieser  Zeit  der  Schwankungen,  wo  niemand 
weiß  was  ihm  die  nächste  Zukunft  entgegenführt;  wo 
viele,  mit  der  Gegenwart  unzufrieden,  dennoch  nicht 
wagen  mit  den  Tagesherrschern  bestimmt  zu  brechen; 
wo  die  meisten  eine  Stellung  in  der  Opposition  ein- 
nehmen wollen,  die  nicht  auf  immer  verpflichtend  und 
ebensowenig  kompromittierend  ist,  sondern  ihnen  erlaubt, 
ohne  sonderlich  herbe  Retraktionen,  je  nachdem  das 
Kriegsglück  entscheidet,  ins  Lager  der  siegenden  Re- 
publik oder  des  unüberwindlichen  Königtums  überzu- 
gehen —  in  dieser  Zeit  ist  der  Bonapartismus  eine  be- 
queme Übergangspartei.  Aus  diesem  Grunde  erkläre 
ich  es  mir,  weshalb  jeder,  der  nicht  genau  weiß  was 
er  will,  oder  was  er  darf,  oder  was  er  kann,  sich  um 
die  imperialistische  Standarte  versammelt.  Hier  braucht 
man  keiner  Idee  den  Eid  der  Treue  zu  schwören, 
und  der  Meineid  wird  hier  keine  Sünde  gegen  den  hei- 


j.q6  Anmerkungen 

ligen  Geist.  Das  Gewissen,  die  bessere  Ehre,  erlaubt 
hier  auch  späterhin  jeden  Abfall  und  Fahnenwechsel.  — 
Und  in  der  Tat  das  napoleonische  Kaisertum  war 
selber  nichts  anderes  als  neutraler  Boden  für  Menschen 
von  den  heterogensten  Gesinnungen,  es  war  eine  nütz» 
liehe  Brücke  für  Leute,  die  sich  aus  dem  Strom  der 
Revolution  darauf  retteten  und  20  Jahre  lang  darauf 
hin  und  her  liefen,  unentschlossen  ob  sie  sich  auf  das 
rechte  oder  auf  das  linke  Ufer  der  Zeitmeinungen  be- 
geben  sollten.  Das  napoleonische  Kaisertum  war  kaum 
etwas  anderes  als  ein  abenteuerliches  Interregnum,  ohne 
geistige  Notabilitäten,  und  all  seine  ideelle  Blüte  resü- 
miert sich  in  einem  einzigen  Manne,  der  am  Ende 
selber  nichts  ist  als  eine  glänzende  Tatsache,  deren 
Bedeutung  wenigstens  bis  jetzt  noch  halb  ein  Geheimnis 
ist.  Dieses  materielle  Zwischenreich  war  ganz  den  da- 
maligen Bedürfnissen  angemessen.  Wie  leicht  konnten 
die  französischen  Sansculotten  in  die  gallonierten  Pracht- 
hosen des  Empire  hineinspringen!  Mit  welcher  Leich- 
tigkeit hingen  sie  später  die  befiederten  Hüte  und  gold- 
nen  Jacken  des  Ruhmes  wieder  an  den  Nagel  und 
griffen  wieder  zur  roten  Mütze  und  zu  den  Rechten 
der  Menschheit!  Und  die  ausgehungerten  Emigranten, 
die  adelstolzen  Royalisten,  sie  brauchten  ihrem  ange- 
bornen  Höflingssinn  keineswegs  zu  entsagen,  als  sie 
dem  Napoleon  I.  statt  Ludwig  XVI.  dienten,  und  als 
sie,  dem  erstem  wieder  den  Rücken  kehrend,  dem  legi- 
timen  Herrscher,  Ludwig  XVIII.   huldigten! 

Trotzdem,  daß  der  Bonapartismus  tiefe  Sympathien  im 
Volke  findet  und  auch  die  große  Zahl  der  Ehrgeizigen, 
die  sich  nicht  für  eine  Idee  entscheiden  wollen,  in  sich 
aufnimmt,  trotzdem  glaube  ich  nicht,  daß  er  sobald 
den  Sieg  davontragen  möchte;  käme  er  aber  zur  Herr- 
schaft, so  dürfte  auch  diese  nicht  von  langer  Dauer 
sein,  und  sie  würde,  ganz  wie  die  frühere  napoleo- 
nische Regierung,  nur  eine  kurze  Vermittlungsperiode 
bilden.  —  Unterdessen  aber  versammeln  sich  alle  mög- 


Anmerkungen  4,97 

liehen  Raubvögel  um  den  toten  Adler,  und  die  Ein» 
sichtigen  unter  den  Franzosen  werden  nicht  wenig  da* 
durch  geängstigt.  Die  Majorität  in  der  Kammer  hat 
vielleicht  doch  nicht  so  ganz  unrecht  gehabt,  als  sie 
die  zweite  Begräbnismillion  verweigerte  und  hiedurch 
die  auflodernde  Eroberungssucht  etwas  dämpfte.  Die 
Kammer  besitzt  den  Instinkt  der  nationalen  Selbsterhal- 
tung, und  sie  hatte  vielleicht  eine  dunkle  Ahnung,  daß 
dieser  Bonapartismus  ohne  Bonaparte,  diese  Kriegslust 
ohne  den  größten  Feldherrn,  das  französische  Volk  sei- 
nem Untergang  entgegenführt. 

»Und  wer  sagt  Ihnen,  daß  wir  dessen  nicht  ganz 
bewußt  waren,  als  wir  über  die  zwei  Millionen  der 
Leichenfeier  votierten ?c  Diese  Worte  entschlüpften 
gestern  einem  meiner  Freunde,  einem  Deputierten,  mit 
welchem  ich,  die  Galerien  des  Palais-Royal  durchwan- 
delnd, über  jenes  Votum  sprach.  Wichtiges  und  er- 
freuliches Geständnis!  um  so  mehr,  als  es  aus  dem 
Mund  eines  Mannes  kommt,  der  nicht  zu  den  blöden 
Zitterseelen  gehört:  vielleicht  sogar  ist  bei  diesem  Ge- 
genstand sein  Name  von  einiger  Bedeutung  wegen  der 
glorreichen  Erinnerungen,  die  sich  daran  knüpfen  — 
es  ist  der  Sohn  jenes  tugendhaften  Kriegers,  der  im 
Heilausschuß  saß  und  den  Sieg  organisierte  —  es  ist 
Hippolyt  Carnot.  Heilausschuß!  comite  du  salut  public! 
Das  Wort  klingt  noch  weit  erschütternder,  als  der 
Name  Napoleon  Bonaparte.  Dieser  ist  doch  nur  ein 
zahmer  Gott  des  Olymps  im  Vergleich  mit  jener  wilden 
Titanenversammlung. 

Seite  79 5  Dieses  Zirkular  beginnt  mit  den  Worten: 
C'est  tres  probablement  une  b^neVole  supposition  ou 
im  souhait  amical  jete  ä  loisir  dans  le  camp  des  nou- 
vellistes  de  Paris,  que  l'annonce  que  je  viens  de  lire 
dans  la  Gazette  d'Etat  de  Berlin,  et  dans  les  Deb.its 
du  16.  courant,  que  l'administration  de  l'acad^mie  royale 
de  musique  a  arr£te  de  remettre  en  scene  la  Vestale! 

IX,  ,i 


aq8  Anmerkungen 

ce  dont  aucuns  desirs  ni  soucis  ne  m'ont  un  seul  in- 
stant occupe  apres  mon  dernier  depart  de  Paris!  Als 
ob  jemand  in  der  Staatszeitung  oder  in  den  Debats 
aus  freiem  Antrieb  von  Hrn.  Sp.  spräche,  und  als  ob 
er  nicht  selbst  die  ganze  Welt  mit  Briefen  tribulierte, 
um  an  seine  Oper  zu  erinnern. 

Seite  108 ,3  Was  mich  betrifft,  ich  glaube  nicht  an 
Krieg,  und  wie  Sie  wissen,  zweifelte  ich  nie  am  Fort- 
bestand des  Friedens.  Aber  es  ist  immer  wichtig  zu 
erfahren,  mit  welchen  Gesinnungen  das  Volk  einen 
Ausbruch  der  Feindseligkeiten  begrüßen  würde.  Und 
in  dieser  Beziehung  bemerke  ich  bei  der  großen  Masse 
einen  bewunderungswürdigen  Scharfsinn.  Die  Franzosen 
täuschen  sich  nicht  über  die  Gefahren,  die  ihnen  sowohl 
von  innen  als  von  außen  entgegendrohen.  Da  sie  aber 
genau  ihren  Zustand  kennen  und  genau  wissen,  was  sie 
wollen,  werden  sie  mit  der  größten  Schnelligkeit  ver- 
fahren. Ich  bin  überzeugt,  sie  entledigen  sich  zuerst 
jener  vergangenheitlichen  Partei,  die,  eine  unversöhnliche 
Feindin  des  neuen  Frankreichs,  weder  durch  Großmut, 
noch  durch  Vernunft  entwaffnet  werden  konnte,  und 
bei  der  geringsten  Hoffnung  einer  fremden  Invasion 
die  alten  Ränke  spielen  läßt,  und,  wie  man  behauptet, 
wieder  die  Chouans  in  der  Vendee  zum  Bürgerkriege 
aufreizt.  Reisende  versichern  mir,  daß  dort  schon 
einige  Scharmützel  vorgefallen,  aber  diese  unreifen  Ver- 
suche bald  unterdrückt  wurden.  Wichtig  war  es  mir 
zu  ermitteln,  wie  man  hierzuland  über  den  König 
denkt,  und  mit  Freude  bemerkte  ich,  daß  man  ihm  das 
treueste  Mitgefühl  für  sein  Volk  zutraut,  und  auch  nicht 
der  leiseste  Verdacht  antinationaler  Sympathien  auf  ihm 
lastet.  Man  weiß  zwar,  daß  er  den  Frieden  liebt  —  <und 
welcher  ehrliche  Mann  liebte  ihn  nicht?)  —  aber  man 
weiß  auch,  daß  er  den  Krieg  nicht  bis  zur  Feigheit 
fürchtet.  In  der  Tat,  Ludwig  Philipp  ist  ein  Held,  aber 
in  der  Weise  jenes  Odysseus,  der  sich  nicht  gern  schlug, 


Anmerkungen  aqq 

wenn  er  mit  der  Diplomatie  der  Rede  sich  durchhelfen 
konnte,  der  aber  ebenso  tapfer  focht,  wie  irgend  ein 
Ajax  oder  Achilles,  wenn  er  mit  Worten  nicht  mehr 
auslangte  und  notgezwungen  zum  Schwert  oder  Bogen 
greifen  mußte.  Die  Meinung  geht  sogar  dahin,  daß  er 
im  schlimmsten  Falle  zu  einer  sehr  terroristischen 
Gegenwehr  seine  Zuflucht  nehmen  werde.    — 

Seite  112 4  Jetzt  hat  sich  auch  in  dieser  Beziehung 
manches  geändert.  Lamennais  selber  ist  ein  Bretonc 
und  seine  Lehre  ist  vielleicht  mit  ein  Erzeugnis  des 
Bodens.  Die  Geistlichkeit  mußte  sich  versöhnen  mit 
der  neuen  Gedankendynastie,  als  sie  die  Hoffnung 
aufgab,  die  Dynastie  der  alten  Gedanken  wiederher- 
zustellen. Laßt  uns  ihnen  nicht  Unrecht  tun:  um  die 
Menschen  zu  beglücken,  muß  man  sie  lenken  können, 
und  die  Mittel  zu  diesem  ernsten  Zweck  erlangt  man 
nur  durch  Verbündung  mit  den  herrschenden  Gewalten. 
Die  Lehre  Lamennais'  ist  aber  nicht  bloß  für  Frank- 
reich, sondern  für  ganz  Europa  von  der  furchtbarsten 
Bedeutung,  besonders  im  Fall  eines  Krieges  gegen  die 
Quadrupelallianz  würde  sie  eine  Rolle  spielen.  Ich 
habe  Sie  längst  darauf  aufmerksam  gemacht,  daß  das 
französische  Ministerium  mit  jener  Partei  allerlei  im 
Sinne  führt,  und  sie  nicht  bloß  schont,  sondern  ihr  auch 
mitunter  schmeichelt.  Was  man  auch  sage,  Hr.  Thiers 
ist  ein  großer  Staatsmann,  und  bei  seiner  religiösen  In- 
differenz mag  es  ihm  leicht  einfallen,  auch  die  Religion, 
die  Heilsbotschaft  des  Friedens,  als  Zerstörungsmittel 
zu  benutzen.  Überhaupt  dürften  im  Fall  eines  Kriegs 
allerlei  Erscheinungen  emportauchen,  wovon  man  jetzt 
noch  keine  Ahnung  hat,  und  schauerlich  ist  der  gegen- 
wärtige Moment,  wo  von  den  kleinsten  Mißgriffen  der 
Friede  der  Welt  abhängig  ist. 

Seite  ii27  Wer  hat  diesen  Dämon  geweckt?  Ich 
glaube  die  Selbstsucht  der  Engländer  ist  ebenso  schuldig 


coo  Anmerkungen 

wie  der  Leichtsinn  der  Franzosen.  In  der  Tat,  einer 
der  bedeutendsten  Staatsmänner  versicherte  mich  vor 
etwa  sechs  Wochen,  der  schlaue  Brunnow  habe  da- 
durch die  Engländer  geködert,  daß  er  ihnen  in  der 
Perspektive  den  Untergang  der  französischen  Marine 
zeigte  als  ein  natürliches  Resultat  der  eintretenden  Ver- 
wickelungen und  Kollisionen.  Und  sonderbar!  in  der 
ganzen  Normandie,  wie  ich  Ihnen  bereits  aus  Granville 
schrieb,  und  auch  in  der  Bretagne,  fand  ich,  wie  eine 
Volkssage,  überall  die  Meinung  verbreitet,  als  habe 
England  sich  mit  den  russischen  Interessen  verbündet, 
aus  perfider  Eifersucht  wegen  der  blühenden  Entwicke- 
lung  der  französischen  Marine.  Was  die  feinste  diplo- 
matische Nase  gerochen,  durchschaut  das  Volk  mit 
seiner  wunderbaren  Klarsicht. 

Seite  114,2  Die  Niederlage  der  Bonapartisten  ist  für 
die  Republikaner  vielleicht  ein  ebenso  großer  Gewinn, 
wie  sie  ein  Mißgeschick  für  die  Anhänger  der  Ozea- 
nischen Dynastie;  zwischen  letztern  und  der  Republik 
gibt  es  jetzt  keine  Übergangspartei  mehr,  und  beide 
werden  um  so  heftiger  zusammenstoßen.  Die  Legiti- 
misten  freuen  sich  ungemein  über  die  Bonapartistischen 
Mißgeschicke,  denn  Napoleon  ist  ihnen  noch  weit 
verhaßter  als  die  Republik  und  Ludwig  Philipp;  auch 
meinen  sie,  Heinrich  V.  sei  jetzt  der  einzige  Präten- 
dent. Der  Prinz  Ludwig  Bonaparte  ist  in  der  Tat  für 
immer  verloren,  nicht  durch  den  Narrenstreich  von 
Boulogne,  sondern  durch  den  größeren  Narrenstreich 
den  er  beging,  als  er  den  Hrn.  Berryer,  den  schlauen 
Sachverwalter  der  Karlisten,  zu  seinem  Verteidiger  er- 
wählte! —  Hier  in  Paris  herrscht  in  diesem  Augenblick 
eine  griesgrämlich  brütende  Stimmung.  Viele  Truppen 
ziehen  durch  die  Stadt,  mit  trübem  Trommelschlag, 
und  in  den  Lüften  spielt  der  Telegraph  mit  beäng- 
stigender Hast.  Der  Prozeß  des  Prinzen  Ludwig  wird 
in  wenigen  Tagen  geendigt  sein  und  beschäftigt  keines- 


Anmerkungen  501 

wegs  die  Neugier  der  Menge.  Der  arme  Prinz  macht 
Fiasko,  während  Madame  Lafarge  seit  ihrer  Verurtei- 
lung  noch  leidenschaftlicher  als  früher  besprochen  wird. 

Seite  121,2  Wir  haben  in  diesen  Blättern  unsere  Vor- 
liebe für  Thiers  immer  freimütig  ausgesprochen  und 
unsere  Abneigung  gegen  Guizot  nie  verhehlt;  nur  den 
Privatcharakter  Guizots  haben  wir  unbedingt  gewürdigt 
und  gern  zollten  wir  dem  Menschen  unsere  Achtung, 
während  unsere  Rüge  den  Staatsmann  bloßstellte.  Werden 
wir  gegen  letztern  die  höchste  Unparteilichkeit  aus- 
üben können?  Wir  wollen  es  ehrlich  versuchen.  In 
diesem  Augenblick  ist  es  unsere  größte  Pflicht. 

Seite  12530  Ich  kann  dieses  Porträt  nicht  genug 
loben;  es  erschien  vor  einiger  Zeit  bei  Rittner,  dem 
deutschen  Kunsthändler  auf  dem  Boulevard-Montmartre, 
bei  welchem  jetzt  eine  Menge  schöner  Sachen  heraus- 
kommen, z.  B.  die  Fischer  von  Ludwig  Robert.  Als 
Hr.  Rittner  mich  jüngst  dieses  Meisterstück  des  Grab- 
stichels, das  fast  ganz  vollendet  ist,  mit  freundlicher 
Güte  sehen  ließ,  und  auf  die  Porträte  von  Thiers  die 
Rede  kam,  bemerkte  er,  daß  seine  Kunden  in  der  Pro- 
vinz und  im  Auslande  von  dem  Porträt  des  Hrn.  Thiers 
15  Exemplare  verlangen,  während  ihnen  von  jedem  Por- 
trät der  übrigen  großen  Männer  ein  einziges  Exemplar 
genügt. 

Seite  1343  Wie  alle  bedeutenden  Menschen  suchte 
er  gern  seine  besondern  Bedürfnisse  mit  dem  Gemein- 
wohl seiner  Zeitgenossen  in  Einklang  zu  bringen,  und 
so  steigerte  sich  in  ihm  die  Überzeugung,  daß  der  Krieg 
nicht  bloß  für  ihn,  sondern  für  die  ganze  Menschheit 
ein  Unglück  sei,  und  alle  seine  Kämpfe  zur  Erhaltung 
des  Friedens,  die  Gefahren,  worein  sie  ihn  verstricken, 
die  Kränkungen,  denen  er  dadurch  ausgesetzt,  betrachtet 
er   als»  ein  Martyrtum.     Vielleicht  hat    er   recht,    viel- 


rQ2  Anmerkungen 

leicht  leidet  er  für  uns  alle  —  verleumdet  wenigstens 
nicht  seine  Tränen!  —  Es  war  ein  trauriges  Faktum, 
das  den  trübseligsten   Interpretationen  begegnet. 

Seite  134 14  Der  Sieg,  den  gestern  das  Ministerium 
in  den  Bureaux  der  Kammer  davongetragen,  ist  nicht 
so  wichtig,  wie  man  nach  dem  Triumphgeschrei  seiner 
Blätter  schließen  dürfte.  Die  Wahl  des  Präsidenten 
und  der  Vizepräsidenten  zeugt  zwar  von  einiger  Lau- 
heit, ist  aber  in  der  Hauptsache  von  keiner  Bedeutung. 
Die  französischen  Deputierten  sind  eben  solche  Fran- 
zosen wie  die  übrigen,  und  werden  ebenso  wie  diese 
durch  Ereignisse  in  leidenschaftliche  Bewegung  gesetzt. 
Lassen  Sie  nur  einmal  eine  Nachricht  anlangen,  die 
das  Nationalgefühl  verletzt  —  und  der  Moderantismus 
der  Moderantesten  wird  spurlos  verschwinden.  Die 
Leute,  auf  welche  das  Ministerium  rechnet,  gehören 
meistens  zu  jenem  Marais,  dessen  charakteristische  Tu- 
gend darin  besteht,  daß  er  die  Regierung  unterstützt, 
solange  sie  nicht  mit  bedeutender  Stärke  angegriffen 
wird.  Heute  ist  der  Marais  gegen  Thiers,  morgen  ist 
er  für  ihn  —  doch  wir  wollen  mit  unserm  Urteil  den 
Ereignissen  nicht  vorgreifen. 

Seite  136,7  Ich  habe  Lamartines  erwähnt,  des  großen 
Poeten;  dieser  Mann  hat  auch  im  Gebiete  der  Politik 
viel  Zukunft.  Ich  liebe  ihn  nicht,  aber  volle  Unpar- 
teilichkeit wollen  wir  ihm  widerfahren  lassen,  wenn 
nächstens  in  der  Kammer  über  die  orientalischen  An- 
gelegenheiten seine  edle  Stimme  sich  erheben  wird. 

Seite  14028  Die  Feinde  der  Revolution  würdigen  ihn 
in  dieser  Beziehung  weit  besser  als  unsre  Radikalen; 
jene  haben  wohl  eingesehen,  daß,  während  er  das  Re- 
giment der  Mittelklassen  gegen  den  Ansturm  der  Pro- 
letarier schützt,  er  dennoch  durch  seine  Unterrichts- 
reformen   die    untern    Klassen    vorbereitete,    im*  Laufe 


Anmerkungen  503 

der  Zeit,  in  allmählicher  Entwicklung  ohne  gewaltsame 
Plötzlichkeit,  an  jenem  Regiment  einen  ersprießlichen 
und  segensreichen  Anteil  zu  nehmen. 

Seite  160 16  Wir  sind  gesonnen  jedem  Gerechtigkeit 
widerfahren  zu  lassen  und  von  Hrn.  Thiers  nicht  Dinge 
zu  verlangen,  die  nicht  in  seinem  Wesen  liegen  und 
mit  seiner  Geschichte  unvereinbar  sind.  Wir  haben 
seinen  Patriotismus  gerühmt,  wir  wollen  auch  seine  Ge- 
nialität anerkennen.  Sonderbar  genug  ist  es,  daß  diese 
heterogenen  Vorzüge  in  diesem  Manne  vereinigt  sind. 
Ja,  er  ist  nicht  bloß  ein  patriotischer  Franzose,  sondern 
auch  ein  Mensch  von  Genie,  und  manchmal  wenn  er 
zu  diesem  Bewußtsein  gelangt,  vergißt  er  sein  beschränkt 
örtliches  Nationalgefühl,  es  ergreift  ihn  die  Ahnung 
eines  sozusagen  zeitlichen  Weltbürgertums,  und  in  einem 
solchen  Momente  sprach  er  einst  die  merkwürdigen 
Worte:  »Ich  liebe  mein  Jahrhundert,  denn  dieses  ist 
ein  Vaterland,  das  ich  in  der  Zeit  besitze. t 

Seite  161,6  Wir  wollen  sehen  was  für  ihn  geschieht 
und  ob  man  ihm  die  volle  Erblichkeit  seines  Pascha« 
liks  auswirkt  und  sichert.  Aber  auch  im  Falle  diese 
Erblichkeit  für  Mehemed  Ali  eine  Wahrheit  wird,  ist 
seine  Macht  ganz  zugrunde  gerichtet  und  er  wird  nimmer- 
mehr der  Macht  des  Sultans  das  Gleichgewicht  halten 
können,  wie  früher,  wo  vielleicht  eben  durch  das  Gleich- 
gewicht der  beiden  Gegner  die  Ruhe  der  türkischen 
Provinzen  erhalten  wurde.  Die  Statthalter  derselben 
verharrten  bei  dem  schwachen  Großherrn,  weil  sie  sich 
vor  dem  übermächtigen  Vasallen  fürchteten;  oder  auch 
sie  warteten  auf  den  Ausgang  des  großen  Zweikampfs, 
unentschlossen  zum  Abfall  wie  zum  Übertritt,  im  Zaum 
gehalten  durch  den  Respekt,  womit  sie  schon  dem  ein- 
stigen Sieger  huldigten.  Die  Gegenwart  gehorchte  ge- 
wissermaßen einer  Autorität  der  Zukunft.  Jetzt  ist  auch 
dieses  Bindungsmittel  zerstört,  jeder  weiß,  daß  der  Pascha 


J04  Anmerkungen 

nimmermehr  zur  Alleinherrschaft  gelangt,  jeder  weiß 
auch,  daß  die  gepriesene  Oberhoheit  des  Sultans  nur 
eine  glänzende  Scheinmacht  ist,  eine  morgenländische 
Ferman-Hyperbel,  eine  okzidentalische  Protokolltäu- 
schung, und  Stück  vor  Stück  wird  jetzt  das  ganze 
Türkenreich  auseinanderfallen,  wie  einst  das  ältere  Ka- 
lifat. —  Wird  aber  unter  diesen  Umständen  die  Ruhe 
im  Orient  dergestalt  begründet  werden  können,  daß  die 
Konflikte  nicht  bis  zu  uns  fortwirken?  Ich  fürchte,  die 
vielbelobte  Pazifikation,  wodurch  der  Pascha  geschwächt 
und  der  Sultan  nicht  gestärkt  worden,  gibt  eben  das 
Signal  zu  der  allgemeinen  Auflösung  des  osmanischen 
Reiches  und  zu  dem  Beginn  des  großen  Erbfolgestreits! 

Seite  17028  Auch  spielte  er  in  dem  Konzert  der 
Gazette  musicale  des  Hrn.  Schlesinger,  der  ihn  mit 
Lorbeerkränzen  aufs  liberalste  belohnt.  Die  France 
musicale  preist  ihn  ebenfalls  und  mit  gleicher  Unpartei- 
lichkeit: diese  Zeitschrift  hegt  einen  blinden  Groll  gegen 
Liszt,  und  um  indirekt  diesen  Löwen  zu  stacheln,  lobt 
sie  das  kleine  Kaninchen.  Von  welcher  Bedeutung  ist 
aber  der  wirkliche  Wert  des  berühmten  Döhler?  Die 
einen  sagen,  er  sei  der  letzte  unter  den  Pianisten  des 
zweiten  Rangs;  andere  behaupten,  unter  den  Pianisten 
des  dritten  Ranges  sei  er  der  erste! 

Seite  17421  Jedenfalls  war  Mlle.  Löwe  sehr  schlecht 
beraten  in  der  Wahl  der  Stücke,  die  sie  vortrug.  Und 
dann,  sonderbar!  es  waltet  ein  unglücklicher  Stern  über 
den  Debüts  in  den  Schlesingerschen  Konzerten.  Mancher 
junge  Künstler  weiß  ein  trübes  Lied  davon  zu  singen. 
Am  traurigsten  erging  es  dem  armen  Ignaz  Moscheies, 
der  vor  einem  Jahr  aus  London  herüberkam  nach  Paris, 
um  seinen  Ruhm,  der  durch  merkantilische  Ausbeutung 
sehr  welk  geworden,  ein  bißchen  aufzufrischen.  Er 
spielte  in  einem  Schlesingerschen  Konzerte,  und  fiel 
durch,  jammervoll. 


Anmerkungen  505 

Seite  1753  Wohlunterrichtete  Personen  versichern 
mich,  Meyerbeer  sei  ganz  unschuldig  an  der  verzöger- 
ten Aufführung  seiner  neuen  Oper,  und  die  Autorität 
seines  Namens  werde  zuweilen  ausgebeutet,  um  fremde 
Interessen  zu  fördern:  er  habe  der  Direktion  der  Aca- 
demie  royale  de  Musique  sein  vollendetes  Werk  zur 
Verfügung  angeboten,  ohne  in  betreff  der  ersten  Sän- 
gerin irgend  eine  wählige  Bedingnis  zu  stellen. 

Obgleich,  wie  ich  oben  bemerkt  habe,  die  inner- 
lichste Tugend  des  deutschen  Gesanges,  seine  süße 
Heimlichkeit,  den  Franzosen  noch  immer  verborgen 
bleibt,  so  läßt  sich  doch  nicht  in  Abrede  stellen,  daß 
die  deutsche  Musik  bei  dem  französischen  Volk  sehr 
in  Aufnahme,  wo  nicht  gar  zu  Herrschaft  kommt. 
Es  ist  dies  die  Sehnsucht  Undinens  nach  einer  Seele. 
Wird  das  schöne  Kind  durch  den  Gewinnst  dieser  Seele 
glücklicher  sein?  Darüber  möchten  wir  nicht  urteilen; 
wir  wollten  hier  nur  eine  Tatsache  aufzeichnen,  die 
vielleicht  einen  Aufschluß  gibt  über  die  außerordent- 
liche Popularität  des  großen  Meisters,  der  den  »Robert 
le  Diable«  und  die  » Hugenotten  €  geschaffen  und  dessen 
dritte  Oper,  der  »Prophet«,  mit  einer  fieberhaften  Unge- 
duld, mit  einem  Herzklopfen  erwartet  wird,  wovon  man 
keinen  Begriff  hat.  Man  lächle  nicht,  wenn  ich  be- 
haupte, auch  in  der  Musik  —  nicht  bloß  in  der  Lite- 
ratur —  liege  etwas,  was  die  Nationen  vermittelt. 
Durch  ihre  Universalsprache  ist  die  Musik  mehr  als  jede 
andere  Kunst  geeignet,  sich  ein  Weltpublikum  zu  bilden. 

Jüngst  sagte  mir  ein  Franzose:  durch  die  Meyerbeer- 
schen  Opern  sei  er  in  die  Goethesche  Poesie  einge- 
weiht worden,  jene  hätten  ihm  die  Pforten  der  Goethe- 
schen  Dichtung  erschlossen.  Es  liegt  ein  tiefer  Sinn 
in  diesem  Ausspruch,  und  er  bringt  mich  auf  den  Ge- 
danken, daß  der  deutschen  Musik  überhaupt  hier  in 
Frankreich  die  Sendung  beschieden  sein  mag,  als  eine 
präludierende  Ouvertüre  das  Verständnis  unserer  deut- 
schen Literatur  zu  befördern. 


jo6  Anmerkungen 

Seite  i829  Es  herrscht  wirklich  etwas  Deutsches  in 
seinem  Wesen,  aber  Deutsches  von  der  besten  Art: 
er  ist  grundgelehrt,  grundehrlich,  allgemein  menschlich, 
universell.  —  Wir  Deutschen,  die  wir  stolz  auf  Guizot 
sein  würden,  wenn  er  wirklich  unser  Landsmann  wäre, 
wir  sollten  ihm  als  französischem  Minister  wenigstens 
Gerechtigkeit  widerfahren  lassen,  wo  seine  persönliche 
Würde  in  Frage  steht.  In  dieser  Beziehung  kann  ich 
mich  nicht  genug  wundern,  wie  ehrenhafte  Leute  in 
Deutschland  auf  den  Gedanken  gerieten,  als  habe  die 
deutsche  Presse  von  der  Intervention  eines  solchen 
Mannes  etwas  zu  befürchten.  Ich  weiß  nicht,  welche 
Bewandtnis  es  hat  mit  den  Beklagnissen  der  »Oberdeut- 
schen Zeitung«;  aber  ich  weiß,  daß  nur  Irrtum  oder 
böswillige  Auslegung  im  Spiele  sein  kann,  wenn  man 
einen  Guizot  für  den  Instigator  von  Beschränkungen 
hält,  womit  ein  deutsches  Blatt  von  seiner  örtlichen 
Zensurbehörde  bedroht  worden  sei.  Einen  solchen 
Vorwurf  las  ich  in  der  gestern  hier  angekommenen 
i«3ten  Nummer  der  »Allg.  Zeitung«.  Ich  habe  nicht  die 
Ehre  dem  Hrn.  Guizot  persönlich  nahe  zu  stehen,  sonst 
würde  ich  gewiß  jenem  unwürdigen  Vorwurf  mit  be- 
stimmteren Angaben  widersprechen  können.  So  viel 
kann  ich  jedoch  behaupten:  mehr  als  irgend  jemand  in 
Frankreich,  hegt  Hr.  Guizot  die  größten  Sympathien 
für  die  Unabhängigkeit  des  deutschen  Schrifttums  und 
die  freie  Entwicklung  des  deutschen  Geistes,  und  in 
diesem  Bewußtsein  glaubt  er  sich  unserer  intelligenten 
Anerkennung  so  sicher,  daß  er  jüngst  einem  meiner 
Landsleute  das  naive  Kompliment  machte:  »Ein  Deut- 
scher wird  mich  nimmermehr  für  reaktionär  halten.« 

Seite  1895  Wer  dieses  längst  begriffen  hat,  ist  Lud- 
wig Philipp,  und  deshalb  begründete  er  seine  Macht 
nicht  auf  die  idealen  Gefühle  der  Ehrfurcht,  sondern 
auf  reelle  Bedürfnisse  und  nackte  Notwendigkeit.  Die 
Franzosen    können    ihn    nicht   entbehren   und    an    seine 


Anmerkungen  507 

Erhaltung  ist  die  ihrige  geknüpft.  Derselbe  Spießbürger, 
der  es  nicht  der  Mühe  wert  hält,  die  Ehre  des  Königs 
gegen  Verleumdungen  zu  verteidigen,  ja,  der  selber  bei 
Braten  und  Wein  auf  den  König  losschmäht,  er  würde 
dennoch,  beim  ersten  Trommelruf,  mit  Säbel  und  Flinte 
herbeieilen,  um  Ludwig  Philipp  zu  schützen,  ihn  den 
Bürgen  seiner  eigenen  politischen  Wohlfahrt  und  seiner 
gefährdeten  Eigentumsinteressen.  Wir  können  nicht 
umhin  bei  dieser  Gelegenheit  zu  erwähnen,  daß  ein  legi» 
timistisches  Journal,  »La  France«,  uns  sehr  bitterblütig 
angegriffen,  weil  wir  uns  in  der  »Allgem.  Zeitung«  eine 
Verteidigung  des  Königs  zuschulden  kommen  ließen. 
Auf  jenen  Angriff  wollen  wir  nur  flüchtig  entgegnen, 
daß  wir  von  aller  Teilnahme  an  den  innern  Partei- 
kämpfen Frankreichs  sehr  entfernt  sind.  Bei  unseren 
Mitteilungen  in  diesen  Blättern  bezwecken  wir  zunächst 
das  eigentliche  Verständnis  der  Dinge  und  Menschen, 
der  Begebenheiten  und  Verhältnisse,  und  wir  dürfen  uns 
dabei  der  größten  Unparteilichkeit  rühmen  —  solange 
keine  vaterländischen  Interessen  ins  Spiel  kommen  und 
auf  unsere  Stimmung  ihren  Einfluß  üben.  Wer  könnte 
sich  von  Einwirkungen  solcher  Art  ganz  frei  halten? 
So  mag  freilich  unsere  Sympathie  für  französische  Staats- 
männer, und  auch  für  Ludwig  Philipp,  manchmal  da- 
durch gesteigert  werden,  daß  wir  ihnen  heilsame  Ge- 
sinnungen für  Frankreich  zutrauen.  Ich  fürchte,  ich 
werde  noch  oft  verleitet  werden,  günstig  von  einem 
lürsten  zu  sprechen,  der  uns  vor  den  Schrecknissen 
des  Kriegs  bewahrt  hat,  und  dem  wir  es  verdanken, 
in  friedlicher  Muße  das  Bündnis  zwischen  Frankreich 
und  Deutschland  begründen  zu  können.  Diese  Allianz 
ist  jedenfalls  natürlicher  als  die  englische  oder  gar  die 
russische,  von  welchen  beiden  Extremen  man  hier  all- 
mählich zurücklenkt.  Ein  geheimes  Grauen  hat  doch 
die  Franzosen  jedesmal  angewandelt,  wenn  es  galt  sich 
Rußland  zu  nähern;  sie  hegen  eine  gewaltige  Scheu  vor 
den    Umarmungen    jener   Bären    des   Nordens,    die   sie 


*C»8  Anmerkungen 

auf  den  moskowitischen  Eisfeldern  in  Person  kennen 
gelernt.  Mit  England  wollen  sie  sich  jetzt  ebensowenig 
einlassen,  nachdem  sie  jüngst  wieder  ein  Pröbchen  al- 
bionischer Perfidie  genossen.  Und  dann  mißtrauen  sie 
der  Dauer  des  dortigen  Regiments  und  sie  glauben  das- 
selbe seinem  Untergang  viel  näher  als  wirklich  der  Fall. 
Die  sinkende  Richtung  des  britischen  Staates  täuscht 
sie.  Aber  fallen  wird  er  dennoch,  dieser  schiefe  Turm! 
Die  einheimischen  Maulwürfe  lockern  unablässig  sein 
Fundament  und  am  Ende  kommen  die  Bären  des  Nor- 
dens und  schütteln  daran  mit  ungestümen  Tatzen.  Ein 
Franzose  könnte  im  stillen  wünschen:  möge  der  schiefe 
Turm  endlich  niederstürzen  und  die  siegenden  Bären 
unter  seinen  Trümmern  begraben! 


Seite  zoik»  Dieses  Werk,  wie  mir  sein  Buchhändler 
versichert,  der  den  größten  Teil  davon  in  Händen  hatte, 
ist  in  der  jüngsten  Zeit  sehr  fortgeschritten.  Sein  Buch- 
händler ist  Hr.  Dubochet,  einer  der  edelsten  und  wahr- 
haftigsten Männer  die  ich  kenne:  die  Böswilligkeit  wird 
mir  daher  einräumen  müssen,  daß  ich  nicht  aus  un- 
lauterer Quelle  berichte.  Andere  glaubwürdige  Per- 
sonen, die  in  Thiers'  Nähe  leben,  haben  mir  versichert, 
daß  er  Tag  und  Nacht  mit  seinem  Buche  beschäftigt 
sei.  Ihn  selbst  habe  ich  seit  seiner  Rückkehr  aus  Deutsch- 
land nicht  gesehen,  aber  ich  höre  ebenfalls  mit  Freude, 
daß  er  durch  seinen  dortigen  Aufenthalt  nicht  bloß 
seine  historiographischen  Zwecke  erreicht,  sondern  auch 
eine  bessere  Einsicht  in  die  deutschen  Zustände  ge- 
wonnen habe,  als  er  während  seines  Ministeriums  be- 
urkundete. Mit  großer  Vorliebe  und  entschiedenem 
Respekt  spricht  er  vom  deutschen  Volke,  und  die  An- 
sicht, die  er  von  unserem  Vaterlande  mitgebracht,  wird 
gewiß  gedeihlich  wirken,  gleichviel  ob  er  wieder  ans 
Staatsruder  gelangt  oder  nur  den  Griffel  der  Geschichte 
in  der  Hand  behält. 


Anmerkungen  509 

Seite  2o634  Von  Seite  der  Plebejer,  die  neben  den 
altbackenen  Patriziern  in  der  Pairskammer  sitzen,  ist 
ebensowenig  Milde  zu  erwarten;  mit  wenigen  Ausnahmen 
suchen  sie  beständig  ihren  revolutionären  Ursprung  zu 
verleugnen,  und  mit  Entschiedenheit  verdammen  sie  ihr 
eigenes  Blut.  Oder  offenbart  sich  eine  gewisse  ange- 
borne  Dienstbarkeit  bei  diesen  neuen  Leuten,  sobald 
sie  ihr  großes  Tribunatziel  erreicht,  nämlich  sich  als 
Pairs  neben  ihren  ehemaligen  Herren  niedergesetzt  haben  ? 
Die  alte  Unterwürfigkeit  ergreift  wieder  ihre  Seelen, 
unter  dem  Hermelin  kommt  ein  Stück  Livree  zum 
Vorschein,  und  bei  jeder  Frage  gehorchen  sie  unwill- 
kürlich den  gnädigen  Herrschaftsinteressen  des  Hauses. 

—  Die  Verurteilung  des  Dupoty  wird  der  Pairie-In- 
stitution  unsäglichen  Schaden  zufügen.  -•  Die  Pairie 
ist  jetzt  bei  dem  Volk  ebenso  verhaßt  wie  diskreditiert. 
Die  letzte  Fournee  enthält  zwar  Namen,  wogegen  sich 
wenig  einwenden  ließe;  aber  die  Suppe  wird  dadurch 
weder  fetter  noch  schmackhafter.  Die  Liste  ist  bereits 
in  allen  Zeitungen  durchgeträtscht  worden,  und  ich 
enthalte  mich  der  besondern  Besprechung.  Nur  in  Be- 
ziehung auf  Hrn.  Beugnot  will  ich  hier  beiläufig  be- 
merken, daß  dieser  neue  Pair  unsre  deutsche  Sprache  und 
überhaupt  deutsche  Weise  sehr  gut  kennen  muß,  denn 
er  ist  bis  zum  Jünglingsalter  in  Deutschland  erzogen 
worden,  nämlich  zu  Düsseldorf,  wo  er  den  öffentlichen 
Unterricht  des  Gymnasiums  genoß  und  sich  bereits 
durch  Fleiß  und  wackere  Gesinnung  auszeichnete.  Es 
hat  für  mich  immer  etwas  Tröstliches  und  Beruhigendes, 
wenn  ich  unter  den  Mitgliedern  der  französischen 
Staatsgewalt  etwelche  Personen  sehe,  von  denen  ich 
überzeugt  bin,  daß  sie  der  deutschen  Sprache  kundig 
sind  und  Deutschland  nicht  nur  von  Hörensagen  ken- 
nen. —  Vielen  Unmut  erregt  die  Promotion  des  Hrn. 
de  Murat  und  des  Hrn.  de  Chavigny,  ralliierter  Legi- 
timisten;    letzterer  war  Sekretär    des  Hrn.  v.  Polignac. 

—  Es  heißt  allgemein,  auch  Hr.   Benoit  Fould   werde 


cio  Anmerkungen 

zum  Pair  de  France  erhoben,  und  es  ist  mehr  als 
wahrscheinlich,  daß  wir  dieses  ergötzlich  betrübsame 
Schauspiel  in  kurzem  erleben.  Das  fehlt  noch  jener 
armen  Pairie,  um  zum  Gespötte  der  Welt  zu  werden. 
Es  fehlt  überhaupt  noch  dieser  eklatante  Sieg  des  nüch» 
fernsten  und  härtesten  Geldmaterialismus!  Hebt  James 
Rothschild  so  hoch  ihr  wollt  —  er  ist  ein  Mensch 
und  hat  ein  menschliches  Herz.  Aber  dieser  Hr.  Benoit 
Fould!  Der  »National«  sagt  heute:  der  Bankier  Fould 
sei  der  einzige  gewesen,  der  in  der  Eröffnungssitzung 
dem  Generalprokurator  Hebert  die  Hand  gedrückt; 
Mr.  Fould  <fügt  er  bei)  ressemble  beaucoup  ä  un 
discours  d'accusateur  public. 

Seite  Z33,,  Deshalb  ist  es  so  weltwichtig,  daß  sich 
uns  der  Charakter  der  neuen  Kammer  sobald  als  mög» 
lieh  offenbare  und  daß  wir  erfahren,  ob  sich  Guizot 
am  Steuer  des  Staatsschiffes  erhalten  wird.  Ist  es 
nämlich  nicht  der  Fall  und  gewinnt  die  Opposition  die 
Oberhand,  so  werden  die  Agitatoren  ganz  gemächlich 
eine  günstige  Konjunktur  abwarten,  die  im  Laufe  der 
Session  notwendig  eintreten  muß,  und  wir  haben  für 
einige  Zeit  Ruhe.  Das  wird  freilich  eine  sehr  beäng- 
stigend schwüle  widerwärtige  Ruhe  sein,  unerträglicher 
als  die  Unruhe.  Hält  sich  aber  Guizot  und  können 
sich  die  Männer  der  Bewegung  nicht  länger  mit  der 
Hoffnung  schmeicheln  diesen  Granitblock,  womit  sich 
die  Ordnung  barrikadiert  hat,  endlich  hinweggeräumt  zu 
sehen,  so  dürfte  wohl  die  grimmige  Ungeduld  sie  zu 
den  verzweiflungsvollsten  Versuchen  anhetzen.  Die 
Tage  des  Julius  sind  heiß  und  gefährlich;  aber  jedes 
Schilderheben  in  der  gewaltsamen  Weise  dürfte  jetzt 
kläglicher  als  je  verunglücken.  Denn  Guizot,  im  eisernen 
Selbstbewußtsein  seines  Wollens,  wird  unerschütterlich 
seinem  System  treu  bleiben  bis  zu  dessen  letzten  Kon- 
sequenzen. Ja  er  ist  der  Mann  eines  Systems,  welches 
das  Resultat    seiner    politischen  Forschungen    ist,    und 


Anmerkungen  z\\ 

seine  Kraft  und  Größe  besteht  eben  darin,  daß  er 
keinen  Finger  breit  davon  abweicht.  Unerschrocken 
und  uneigennützig  wie  der  Gedanke,  wird  er  die  Tu- 
multuanten  besiegen,  die  nicht  wissen  was  sie  wollen, 
die  sich  selbst  nicht  klar  sind  oder  gar  im  Trüben  zu 
fischen  gedenken.  —  Nur  Einen  Gegner  hat  Guizot 
am  ernsthaftesten  zu  fürchten:  dieser  Gegner  ist  nämlich 
jener  spätere  Guizot,  jener  Guizot  des  Kommunismus, 
der  noch  nicht  hervorgetreten  ist,  aber  gewiß  einst  gewaltig 
hervortritt  und  ebenfalls  unerschrocken  und  uneigennützig 
sein  wird  wie  der  Gedanke;  denn  wie  jener  sich  mit  dem 
System  des  Bourgeoisieregiments,  so  wird  dieser  sich  mit 
dem  System  der  Proletarierherrschaft  identifiziert  haben 
und  der  Konsequenz  die  Konsequenz  entgegensetzen. 

Seite  2367  Heute  ist  man  schon  etwas  ruhiger  ge- 
stimmt als  gestern.  Die  Konservativen  haben  sich  vom 
ersten  Schreck  erholt  und  die  Opposition  sieht  ein, 
daß  sie  nur  an  Hoffnungen  gewonnen,  der  Sieg  aber 
noch  im  weiten  Felde  steht.  Das  Ministerium  kann 
sich  noch  immer  halten,  obgleich  mit  einer  sehr  ge- 
ringen, beängstigend  notdürftigen  Majorität.  Anfangs 
des  nächsten  Monats,  bei  der  Präsidentenwahl,  wird 
sich  hierüber  das  Bestimmte  ausweisen.  Daß  diesmal 
so  viele  entschiedene  Legitimisten  zu  Deputierten  ge- 
wählt worden,  ist  vielleicht  ein  Vorteil  der  Regierung. 
Die  Radikalen  werden  durch  diese  neuen  Verbündeten 
moralisch  gelähmt,  und  das  Ministerium  erstarkt  in  der 
öffentlichen  Meinung,  wenn  es,  um  jene  legitimistische 
Opposition  zu  bekämpfen,  notwendigerweise  aus  dem 
alten  Arsenal  der  Revolution  seine  Waffen  nehmen 
muß.  Aber  die  Flamme  ist  wieder  angefacht,  angefacht 
in  Paris,  dem  Mittelpunkt  der  Zivilisation,  dem  Feuerherd 
der  die  Funken  über  die  Welt  verbreitet.  Heute  noch 
freuen  sich  die  Pariser  ihrer  Tat,  vielleicht  aber  morgen 
erschrecken  sie  darüber  und  dem  Übermut  folgt  das 
Verzagen  auf  dem  Fuße. 


ci2  Anmerkungen 

Seite  240,9  Ja,  das  Königtum  feierte  einen  großen 
Triumph  und  zwar  auf  derselben  Place  de  la  Concorde, 
wo  es  einst  seine  schmählichste  Niederlage  erlitten. 

Seite  242,«  Aber  die  gütigen  Götter  haben  anders 
beschlossen.  Sie  wollten  daß  der  künftige  König  von 
Frankreich  mit  reiner  Liebe  an  seinem  Volke  hängen 
könne  und  auch  nicht  die  Landsleute  seiner  Mutter  zu 
hassen  brauche:  es  war  weder  die  Hand  eines  Fran- 
zosen noch  eines  Deutschen,  die  das  Blut  seines  Vaters 
vergossen.     Ein  milder  Trost  liegt  in  diesem  Gedanken. 

Seite  247,2  Vor  einigen  Wochen  sah  ich  einen  alten 
Mann  über  die  Boulevards  gehen,  dessen  sorglose  Phy- 
siognomie mir  auffiel.  »Wissen  Sie  wer  das  ist?«  — 
sprach  zu  mir  mein  Begleiter  —  »das  ist  Monsieur  de 
Polignac  <?>,  derselbe,  der  am  Tode  so  vieler  Tausende 
von  Parisern  Schuld  ist  und  auch  mir  einen  Vater  und 
einen  Bruder  gekostet!  Vor  zwölf  Jahren  hätte  ihn  das 
Volk  in  der  ersten  Wut  gern  zerrissen,  aber  jetzt  kann 
er  hier  ruhig  auf  dem   Boulevard  herumgehen.« 

Seite  252,,  Dies  aber  ist  keine  Kleinigkeit,  und  es 
gehört  dazu  eine  Anschauung,  die  man  nur  jenseits  des 
Kanals,  auf  dem  Schauplatz  selbst,  gewinnen  kann. 
Was  ich  heute  beiläufig  mitteile,  ist  nichts  als  flüchtige 
Andeutung,  notdürftiges  Auffassen  von  Tischreden  und 
Teegesprächen,  die  ich  zu  Boulogne  unwillkürlich  an- 
hören mußte,  die  aber  vielleicht  nicht  gänzlich  ohne 
Wert  waren,  da  jeder  Engländer  mit  der  Politik  seines 
Landes  vertraut  ist  und  in  einem  Wust  von  langweiligen 
Details  immer  einige  mehr  oder  minder  bedeutsame 
Dinge  zu  Markt  bringt.  Ich  bediente  mich  eben  des 
Ausdrucks  »die  Politik  seines  Landes«;  diese  ist  bei 
Engländern  nichts  anderes  als  eine  Masse  von  Ansichten 
über  die  materiellen  Interessen  Englands  und  ein  rich- 
tiges Abwägen  der  ausländischen  Zustände    in    wieweit 


Anmerkungen  513 

sie  für  Englands  Wohl  und  Handel  schädlich  oder 
heilsam  sein  können.  Es  ist  merkwürdig  wie  sie  alle, 
vom  Premierminister  bis  zum  geringsten  Flickschneider, 
hierüber  die  genauesten  Notizen  im  Kopf  tragen  und 
bei  jedem  Tagesereignis  gleich  herausfinden  was  England 
dabei  zu  gewinnen  oder  zu  verlieren  hat,  welcher 
Nutzen  oder  welcher  Schaden  für  das  liebe  England 
daraus  entstehen  kann.  Hier  ist  der  Instinkt  ihres 
Egoismus  wahrhaft  bewunderungswürdig.  Sie  unterscheid 
den  sich  hierdurch  sehr  auffallend  von  den  Franzosen, 
die  selten  übereinstimmen  in  ihren  Ansichten  über  die 
materiellen  Interessen  ihres  Landes,  im  Reiche  der  Tat- 
sachen eine  brillante  Unwissenheit  verraten  und  immer 
nur  mit  Ideen  beschäftigt  sind  und  nur  über  Ideen  dis- 
kutieren. Französische  Politiker,  die  eine  englische 
Positivität  mit  französischem  Idealismus  vereinigen,  sind 
sehr  selten.  Guizot  ragt  in  dieser  Beziehung  am  glor* 
reichsten  hervor.  Die  Engländer,  die  ich  über  Guizot 
reden  hörte,  verrieten  keineswegs  eine  so  große  Sym- 
pathie  für  ihn,  wie  man  gewöhnlich  glaubt,  im  Gegenteil 
sie  waren  sehr  unmutig  gestimmt,  sie  führten  bittere 
Klagen;  sie  behaupteten  jeder  andere  Minister  würde 
ihnen  weniger  Respekt,  aber  weit  mehr  materielle  Vor* 
teile  angedeihen  lassen,  und  nur  über  seine  Größe  als 
Staatsmann  sprachen  sie  mit  unparteiischer  Verehrung. 
Sie  rühmten  seine  consistency  und  verglichen  ihn  ge* 
wohnlich  mit  Sir  Robert  Peel,  den  aber  Guizot  nach 
meiner  Ansicht  himmelhoch  überflügelt,  eben  weil  ihm 
nicht  bloß  alles  tatsächliche  Wissen  zu  Gebot  steht, 
sondern  weil  er  auch  Ideen  im  Haupt  trägt  —  Ideen, 
wovon  der  Engländer  keine  Ahnung  hat.  Ja,  er  hat 
von  dergleichen  keine  Ahnung,  und  das  ist  das  Un- 
glück  Englands;  denn  nur  Ideen  können  hier  retten, 
wie  in  allen  verzweiflungsschweren  Fällen.  Wie  jäm- 
merlich mußte  Peel  in  einer  merkwürdigen  Rede 
beim  Schluß  des  Parlaments  seine  Unmacht  einge- 
stehen ! 

ix,  n 


c\a  Anmerkungen 

Seite  2Ö26  ist  Deutschland  trotz  seiner  Zerstücke- 
lung die  gewaltigste  Macht  der  Welt,  und  diese  Macht 
ist  im  wunderbarsten  Wachstum.  Ja  Deutschland  wird 
täglich  stärker,  der  Nationalsinn  verleiht  ihm  eine  innere 
Einheit  die  unverwüstlich,  und  es  ist  gewiß  ein  Sym- 
ptom unserer  steigenden  Volksbedeutung,  daß  die  Eng- 
länder, die  einst  nur  den  Fürsten  Subsidien  gezahlt, 
jetzt  auch  den  deutschen  Tribunen,  die  mit  der  Feder 
den  Rhein  verteidigen,  ihre  Druckkosten  ersetzen. 

Seite  264,,  Ia'  nur  der  Himmel  weiß  es,  nicht  wir, 
die  wir,  in  der  Ungeduld  des  langweiligsten  Schmerzes, 
die  Urheber  desselben  vergebens  erraten  wollen  und 
blind  umhertappend  nicht  selten  die  unschuldigsten  Lei- 
densgenossen verletzen.  Wir  haben  immer  Recht  in 
Betreff  der  Tatsache,  nämlich  daß  Giftmischerei  statt- 
gefunden und  daß  wir  daran  erkrankten;  aber  was  die 
Personen  betrifft  auf  die  unser  Verdacht  fällt,  so  ist 
Irrtum  an  allen  Ecken,  und  es  ist  manchmal  heilsam 
sich  darüber  auszusprechen.  Es  ist  manchmal  sogar 
Pflicht,  und  in  dieser  Beziehung  habe  ich  über  den 
Schluß  meines  letzten  Briefes  eine  erläuternde  Bemer- 
kung nachzuschicken.  Ich  habe  nämlich  in  jenen  Schluß- 
worten keineswegs  die  Ehrlichkeit  der  Gesinnung,  die 
Wahrhaftigkeit  und  Ehrenfestigkeit  irgend  eines  deut- 
schen Tribunen,  der  unsern  Rhein  verteidigt,  zu  ver- 
unglimpfen gesucht :  sondern  ich  habe  nur  auf  die  Aus- 
bildung eines  Systems  hindeuten  wollen,  das  jenseits 
des  Kanals  seit  dem  Beginn  der  französischen  Revolu- 
tion gegen  Frankreich  angewendet  worden;  jenes  System 
ist  eine  Tatsache  die  historisch  bewiesen  ist.  Ich  hatte 
nur  jene  britische  Bereitwilligkeit  im  Auge,  die,  wenn 
sie  auch  nicht  selbst  schießt,  doch  wenigstens  die 
Bomben  liefert  wie  zu  Barcelona.  Ich  glaube  mich 
zu  dieser  Bemerkung  verpflichtet;  der  Zwiespalt  zwi- 
schen den  sogenannten  Nationalen  und  den  Rationalen 
wird  täglich  klaffender,  und   letztere   müssen    eben  ihre 


Anmerkungen  515 

Vernünftigkeit  dadurch  beurkunden,  daß  sie  den  Groll 
gegen  die  Idee  nicht  die  Diener  derselben  entgelten 
lassen.  Wie  die  Römer,  wenn  sie  eine  Stadt  mit  Sturm 
einnehmen  wollten,  vorher  die  Götter  aufforderten  das 
Weichbild  der  bedrohten  Stadt  zu  verlassen,  aus  Furcht 
daß  sie  im  Tumult  irgend  eine  Gottheit  beschädigen 
möchten,  so  wollen  wir,  die  wir  Krieg  führen  mit  Gott- 
heiten, mit  Ideen,  uns  im  Gegenteil  dafür  hüten  daß 
wir  nicht  die  Diener  derselben,  die  Menschen,  im  Kampf- 
gewühl verletzen! 

Seite  z84,6  Der  »Prophet«  von  Meyerbeer  wird  noch 
immer  erwartet,  und  zwar  mit  einer  Ungeduld  die, 
aufs  unleidlichste  gesteigert,  am  Ende  in  einen  fatalen 
Unmut  überschlagen  dürfte.  Es  bildet  sich  hier  schon 
ohnehin  eine  sonderbare  Reaktion  gegen  Meyerbeer, 
dem  man  in  Paris  die  Huld  nicht  verzeiht  die  ihm  zu 
Berlin  gnädigst  zuteil  wird.  Man  ist  ungerecht  genug 
ihm  manche  politische  Grämlichkeiten  entgelten  zu  lassen. 
Bedürftigen  Talenten,  die  zu  ihrem  Lebensunterhalt  auf 
die  allerhöchste  Gunst  angewiesen,  verzeiht  man  weit 
eher  ihre  Dienstbarkeit  als  dem  großen  Maestro  der 
unabhängig  mit  einem  grandiosen,  fast  genialen  Ver- 
mögen zur  Welt  gekommen.  In  der  Tat  er  hat  sich 
sehr  bedenklichen  Mißverständnissen  bloßgestellt;  wir 
werden  vielleicht  nächstens  darauf  zurückkommen.  Wir 
dürfen  die  Anwesenheit  Konradin  Kreuzers,  des  vor- 
trefflichen deutschen  Meisters,  nicht  unerwähnt  lassen. 
Er  komponiert  eine  Oper  für  die  Opera-comique,  wozu 
Scribe  den  Text  liefert;  wir  prophezeien  ihm  das  beste 
Gelingen.  Die  Abwesenheit  von  Berlioz  ist  fühlbar. 
Er  wird  uns  hoffentlich  bei  seiner  Rückkehr  viel  Schönes 
mitbringen;  Deutschland  wird  ihn  gewiß  inspirieren,  wie 
auch  er  jenseits  des  Rheins  die  Gemüter  begeistert  haben 
muß.  Er  ist  unstreitig  der  größte  und  originellste  Musiker 
den  Frankreich  in  der  letzten  Zeit  hervorgebracht  hat; 
er  überragt  alle  seine  Kollegen  französischer  Zunge. 


cj6  Anmerkungen 

Seite  2938  Wenn  nur  Rothschild  und  die  Kammer 
sich  verständigen  in  Bezug  auf  die  Nordeisenbahn.  Der 
kleinlichste  Parteigeist  ist  hier  sehr  tätig  Schwierig» 
keiten  zu  säen  und  den  notwendigen  Unternehmungs« 
eifer  zu  lähmen.  Die  Kammer,  aufgereizt  durch  Privat» 
chikane  jeder  Sorte,  wird  an  den  vorgeschlagenen 
Bedingungen  der  Rothschildschen  Sozietät  mäkeln,  und 
es  entstehen  alsdann  die  unleidlichsten  Zögerungen  und 
Zagnisse.  Aller  Augen  sind  bei  dieser  Gelegenheit  auf 
das  Haus  Rothschild  gerichtet,  das  die  Sozietät,  die 
sich  zur  Ausführung  jener  Eisenbahn  gebildet  hat, 
ebenso  solid  wie  rühmlich  repräsentiert.  Es  ist  eine 
beachtenswerte  Erscheinung  daß  das  Haus  Rothschild, 
welches  früher  nur  den  gouvernementalen  Bedürfnissen 
seine  Tätigkeit  und  Hülfsquellen  zuwandte,  sich  jetzt 
vielmehr  an  die  Spitze  großer  Nationalunternehmungen 
stellt,  Industrie  und  Volkswohlfahrt  befördernd  durch 
seine  enormen  Kapitalien  und  seinen  unermeßlichen 
Kredit.  Der  größte  Teil  der  Mitglieder  dieses  Hauses 
oder  vielmehr  dieser  Familie  ist  gegenwärtig  in  Paris 
versammelt;  doch  die  Geheimnisse  eines  solchen  Kon* 
gresses  sind  zu  gut  bewahrt,  als  daß  wir  darüber  etwas 
berichten  könnten.  Unter  diesen  Rothschilden  herrscht 
eine  große  Eintracht.  Sonderbar,  sie  heiraten  immer 
untereinander,  und  die  Verwandtschaftsgrade  kreuzen 
sich  dergestalt,  daß  der  Historiograph  einst  seine  liebe 
Not  haben  wird  mit  der  Entwirrung  dieses  Knäuels. 
Das  Haupt  oder  vielmehr  der  Kopf  der  Familie  ist 
der  Baron  James,  ein  merkwürdiger  Mann  dessen  eigen- 
tümliche Kapazität  sich  freilich  nur  in  Finanzverhält- 
nissen offenbart,  der  aber  zugleich  durch  Beobachtungs- 
gabe oder  Instinkt  die  Kapazitäten  in  jeder  andern 
Sphäre  wo  nicht  zu  beurteilen,  doch  herauszufinden 
versteht. 

Seite  29629  Apropos  Dichtkunst:  ich  kann  nicht 
umhin    hier  flüchtig    zu    erwähnen    daß  Monsieur   Pon- 


Anmerkungen  e\j 

sard  nichts  weniger  als  ein  großer  Dichter  ist.  Unver- 
stand und  Parteigeist  haben  ihn  aufs  Schild  gehoben 
und  werden  ihn  ebenso  schnell  wieder  fallen  lassen. 
Ich  kenne  seine  vielbesprochene  Lucretia  nur  nach 
Auszügen,  aber  soviel  habe  ich  gleich  gemerkt  daß 
die  Franzosen  von  der  Poesie,  die  in  diesem  Stücke 
enthalten,  keine  Indigestion  bekommen  werden.  Unter- 
dessen bringt  jene  Tragödie  die  alten  bestäubten  Streit- 
fragen über  das  Klassische  und  Romantische  wieder  aufs 
Tapet,  ein  Zwist  der  für  den  deutschen  Zuschauer 
nachgerade  langweilig  wird. 

Seite  353 7  In  der  erwähnten  Akademie,  jener  Sektion 
des  Institut  de  France,  die  am  meisten  Lebenskraft 
äußert  und  die  verjährten  Spötteleien  gegen  Akademiker 
ganz  zu  Schanden  macht,  wurden  jüngst  auch  neue 
Arbeiten  über  deutsche  Philosophie  angekündigt,  und 
hier  wird  auch  nächstens  die  Preisschrift  über  Kant 
gekrönt  werden.  Die  diesjährige  öffentliche  Sitzung, 
welche  vorigen  Sonnabend  stattfand,  war  eine  jener 
schönen  Feierlichkeiten  die  ich  nie  versäume.  Ich  traf 
es  diesmal  besonders  gut,  indem  Mignet,  der  Secr^tairc 
perpetuel,  über  einen  verstorbenen  Akademiker  zu  spre- 
chen hatte,  welcher  an  der  politischen  und  sozialen 
Bewegung  Frankreichs  großen  Anteil  genommen,  so 
daß  sich  der  Geschichtschreiber  der  Revolution  hier 
auf  seinem  eigentümlichen  Felde  befand  und  gleichsam 
die  großen  Springbrunnen  seines  Geistes  spielen  lassen 
konnte. 

Seite  354 9  Daß  Mignet  in  seiner  Notice  historique 
für  den  Lebenslauf  dieses  scheinlosen  Mannes  soviel 
Interesse  zu  erregen  wußte,  zeugt  von  seiner  unüber- 
trefflichen Kunst  der  Darstellung.  Ich  möchte  sagen, 
die  Sauce  war  diesmal  besser  als  der  Fisch.  Keiner 
versteht  wie  Mignet  in  klaren  Übersichten  die  ver- 
wickeltsten   Zustände    zur   Anschauung   zu   bringen,  in 


*l8  Anmerkungen 

wenigen  Grundzügen  eine  ganze  Zeit  zu  resümieren, 
und  das  charakteristische  Wort  zu  finden  für  Personen 
und  Verhältnisse.  Die  Resultate  der  mühsamsten  For- 
schungen und  des  Nachsinnens  werden  hier  wie  gele- 
gentliches Füllwerk  in  kurze  Zwischensätze  gedrängt; 
viel  Dialektik,  viel  Geist,  viel  Glanz,  aber  alles  echt, 
nirgends  eitel  Schein.  Bewunderungswürdige  Harmonie 
zwischen  Inhalt  und  Form,  und  man  weiß  nicht  was 
man  hier  von  beiden  am  meisten  bewundern  soll,  die 
Gedanken  oder  den  Stil,  die  Edelsteine  oder  ihre  kost- 
bare Fassung.  Ja,  während  alle  Arbeiten  Mignets 
einen  Gelehrtenfleiß  und  Tiefsinn  bekunden,  die  an 
Deutschland  erinnern,  ist  dennoch  die  Darstellung  ganz 
so  nett,  so  durchsichtig,  gedrungen,  wohlgeordnet,  logisch, 
wie  man  sie  nur  bei  Franzosen  finden  kann.  Im  Geiste 
Mignets  gewahren  wir  die  Eigenschaften  beider  Nationen. 
In  seiner  persönlichen  Erscheinung  bemerken  wir  ein 
ähnliches  Phänomen.  Er  ist  blond  und  blauäugig  wie 
ein  Sohn  des  Nordens,  und  doch  verläugnet  er  nicht 
den  südlichen  Ursprung  in  der  Grazie  und  Sicherheit 
seiner  Bewegung.  Er  ist  einer  der  schönsten  Männer, 
und  unter  uns  gesagt,  das  Publikum,  welches  jedesmal 
im  Palais  Mazarin  die  große  Aula  füllt,  wenn  ein  Vor- 
trag von  Mignet  angekündigt  worden,  besteht  größten- 
teils aus  mehr  oder  minder  jungen  Damen,  die  sich  oft 
stundenlang  vorher  dorthin  begeben,  um  die  besten 
Plätze  zu  bekommen,  wo  man  den  Secr^taire  perpetuel 
ebenso  gut  sehen,  wie  hören  kann.  Die  Mehrzahl 
seiner  Kollegen  sind  Männer,  deren  Äußeres  minder 
begünstigt,  wo  nicht  gar  sehr  unangenehm  vernachlässigt 
von  der  Mutter  Natur.  Ich  kann  nicht  ohne  Lachen 
an  die  Äußerung  denken,  womit  eine  junge  Person,  die 
letzthin  in  der  Akademie  neben  mir  saß,  auf  einige 
Mitglieder  der  ehrwürdigen  Körperschaft  hinwies.  Sie 
sagte:  »Diese  Herren  müssen  sehr  gelehrt  sein,  denn  sie 
sind  sehr  häßlich.«  Eine  solche  Schlußfolge  mag  im 
Publikum  nicht  selten  vorkommen  und  sie  ist  vielleicht  der 


Anmerkungen  jig 

Schlüssel  mancher  gelehrten  Reputation.  In  derselben 
Sitzung,  wo  Mignet  über  Daunou  sprach,  hielt  auch 
Herr  Portalis  eine  große  Rede.  Himmel,  welcher  Red- 
ner! Er  mahnte  mich  an  Demosthenes.  Ich  erinnerte 
mich  nämlich,  daß  Demosthenes  in  seiner  Jugend,  um 
seine  spröden  Sprachwerkzeuge  zu  überwinden,  sich  im 
Sprechen  übte,  während  er  mehrere  Kieselsteine  im 
Munde  hielt.  Herr  Portalis  sprach/  als  hätte  er  das 
ganze  Maul  voll  Kieselsteine,  und  weder  ich,  noch 
irgend  jemand  des  Auditoriums  konnte  von  seiner  Rede 
das  Mindeste  verstehen. 

Seite  395 5  Da  diesem  designierten  Regenten  eine 
so  große  Zukunft  bevorsteht,  und  seine  Persönlichkeit 
auf  das  Schicksal  von  ganz  Europa  Einfluß  haben  kann, 
betrachtete  ich  ihn  mit  etwas  geschärfter  Aufmerksam- 
keit, und  ich  suchte  in  seiner  äußern  Erscheinung  die 
Signatur  der  innern  Gemütsart  zu  erspähen.  Bei  diesem 
etwas  mißtrauischen  Geschäfte  entwaffnete  mich  zu- 
nächst die  stille  Grazie  welche  jene  schlankzierliche 
Jünglingsgestalt  gleichsam  umfloß,  und  dann  der  schöne 
mitleidige  Blick,  womit  das  Auge  auf  den  Leidens- 
gestalten ruhte,  die  hier  in  betrübsamer  Menge  ver- 
sammelt waren.  Dieser  Blick  hatte  durchaus  nichts 
Offizielles,  nichts  Einstudiertes,  es  war  ein  reiner,  wahr- 
hafter Strahl  aus  einer  edlen,  menschenfreundlichen 
Seele.  Das  Mitleid  das  sich  hier  Im  Auge  des  Ne- 
mours verriet,  hatte  dabei  etwas  rührend  Bescheidenes, 
wie  denn  überhaupt  die  Bescheidenheit  der  auffallend 
schönste  Zug  in  seinem  Charakter  sein  soll.  Diese 
Bescheidenheit  fanden  wir  auch  bei  seinem  Bruder,  dem 
Herzog  von  Orleans,  der  auf  dem  Schlachtfelde  de« 
Lebens  so  bedauerlich  früh  gefallen. 

Seite  39521  Der  Nemours  sieht  vielmehr  aus  wie 
ein  Staatsmann,  aber  wie  einer  der  ein  Gewissen  hat 
und   mit   der   Besonnenheit    auch    den    edelsten    Willen 


c2o  Anmerkungen 

verbindet.  Soll  ich  mich  durch  Beispiele  verständlichen, 
so  wähle  ich  dieselben  am  liebsten  im  Gebiete  der 
Dichtung,  und  es  will  mich  bedanken,  als  habe  Goethe 
die  beiden  Fürsten  schon  so  halbwegs  geschildert  unter 
dem  Namen  Egmont  und  Oranien,  Personen  die  ihm 
nahe  stehen,  sagen  mir,  der  Prinz  von  Nemours  besitze 
sehr  viele  Kenntnisse  und  eine  klare  Übersicht  aller 
heimischen  und  ausländischen  Zustände;  eifrig  sei  er 
bemüht  sich  bei  jedem  Sachverständigen  zu  unterrichten, 
er  selbst  aber  zeige  sich  wenig  mitteilend,  und  man 
wisse  nicht  ob  aus  Schüchternheit  oder  Verschlossen- 
heit. Als  hervorstechende  Eigenschaft  loben  sie  an 
ihm  seine  hohe  Zuverlässigkeit;  er  verspreche  selten, 
mit  der  größten  Zurückhaltung,  aber  man  könne  sich 
auf  sein  Wort  verlassen  wie  auf  einen  Felsen.  Er  sei 
ein  guter  Soldat,  von  dem  kaltblütigsten  Mute,  aber 
nicht  sehr  kriegslustig.  Er  liebe  seine  Familie  leiden- 
schaftlich, und  der  kluge  Vater  habe  wohl  gewußt  in 
wessen  Hände  er  das  Heil  des  Hauses  Orleans  gelegt. 
Welche  Bürgschaft  aber  bietet  der  Mann  für  die  Inter- 
essen Frankreichs  und  der  Menschheit  überhaupt?  Ich 
glaube  die  beste;  jedenfalls,  wir  wollen  es  aussprechen, 
eine  weit  bessere  als  sein  seliger  Bruder  uns  geboten 
hätte.  Er  ist  weniger  populär  als  dieser  es  war,  und 
er  darf  also  weniger  wagen,  wenn  einmal  die  Errungen- 
schaften der  Revolution  mit  den  Bedürfnissen  der  Re- 
gierung in  Konflikt  gerieten.  Geliebte  Regenten,  die 
ein  blindes  Zutrauen  genießen,  sind  der  Freiheit  mit- 
unter sehr  gefährlich.  Der  Nemours  weiß  daß  man 
ihn  argwöhnisch  beaufsichtigt,  und  er  wird  sich  in  acht 
nehmen  vor  jedem  verfänglichen  Akt. 

Seite  39623  Den  Bergbewohnern  imponiert  er  durch 
die  gelenkige  Keckheit  womit  er  die  steilsten  Höhen 
erklimmt;  bei  der  Rolandsbresche  im  Gavarnital  zeigt 
man  die  halsbrechenden  Felswände  wo  der  Prinz  hin- 
aufgeklettert.    Er   ist   ein  vorzüglicher  Jäger,    und  soll 


Anmerkungen  521 

jüngst    einen    Bären    in    sehr    große    Gefahr    gebracht 
haben. 

Seite  3978  und  ich  begreife  sehr  gut  die  Äußerung 
einer  kleinen  Französin  welche  vorigen  Winter  so  sehr 
darüber  empört  war  daß  man  Gendarmen  sogar  in 
Kirchen  erblicke,  in  frommen  Gotteshäusern  wo  man 
sich  den  Empfindungen  der  Andacht  hingeben  wolle; 
»Dieser  Anblick«,  sagte  sie,  »zerstört  mir  alle  Illu- 
sion«. 

Seite  397 12  Armer  Prinz,  dachte  ich,  du  irrst  dich 
sehr,  wenn  du  glaubst  daß  du  jetzt  noch  einsam  und 
unbelauscht  schwärmen  kannst;  du  bist  der  Gendarmerie 
verfallen,  und  du  wirst  einst  selbst  der  Obergendarm 
sein  müssen,  der  für  den  Landfrieden  zu  sorgen  hat. 
Armer  Prinz! 

Seite  39828  Eine  Diversion  in  der  hiesigen  Lange- 
weile gewährten  die  Klatschgeschichten,  die  Chronika 
der  Wahlen,  welche  auch  in  unsern  Bergen  ihr  skanda- 
löses Echo  gefunden.  Die  Opposition  hat  in  dem  De- 
partement des  Hautes  Pyrenees  wieder  eine  Niederlage 
erlitten,  und  das  war  vorauszusehen  bei  der  politischen 
Indifferenz  und  der  grenzenlosen  Geldgier  die  hier  herr- 
schen. Der  Kandidat  der  Bewegungspartei,  der  zu 
Tarbes  durchfiel,  soll  ein  rechtschaffener  braver  Mann 
sein,  der  wegen  seiner  Überzeugung  und  treuen  Aus- 
dauer gerühmt  wird,  obgleich  auch  bei  ihm,  wie  bei  so 
vielen  andern  Gesinnungshelden  die  Oberzeugung  eigent- 
lich nur  ein  Stillstand  im  Denken  ist,  und  die  Aus- 
dauer dabei  nur  eine  psychische  Schwäche.  Diese 
Leute  beharren  bei  den  Grundsätzen,  denen  sie  bereits 
so  viele  Opfer  gebracht  haben,  aus  demselben  Grunde 
warum  manche  Menschen  sich  nicht  von  einer  Mai- 
tresse losmachen  können;  sie  behalten  sie  weil  ihnen 
die  Person  ja  doch  schon  soviel  gekostet  hat. 


«22  Anmerkungen 

Daß  Hr.  Achilles  Fould  zu  Tarbes  gewählt  worden 
und  in  der  nächsten  Deputiertenkammer  wieder  die 
hohen  Pyreneen  repräsentieren  wird,  haben  die  Zeitungen 
zur  Genüge  berichtet.  Der  Himmel  bewahre  mich  da- 
vor daß  ich  Partikularitäten  der  Wahl  oder  der  Person 
hier  mitteile.  Der  Mann  ist  nicht  besser  und  nicht 
schlechter  als  hundert  andere,  die  mit  ihm  auf  den  grü- 
nen Bänken  des  Palais -Bourbon  übereinstimmend  die 
Majorität  bilden  werden.  Der  Auserwählte  ist  übrigens 
konservativ,  nicht  ministeriell,  und  er  hat  von  jeher 
nicht  Guizot,  sondern  Hrn.  Mole*  protegiert.  Seine  Er- 
hebung zur  Deputation  macht  mir  ein  wahrhaftes  Ver- 
gnügen, aus  dem  ganz  einfachen  Grunde  weil  dadurch 
das  Prinzip  der  bürgerlichen  Gleichstellung  der  Israe- 
liten in  seiner  letzten  Konsequenz  sanktioniert  wird. 
Es  ist  freilich,  sowohl  durch  das  Gesetz  wie  durch 
die  öffentliche  Meinung,  hier  in  Frankreich  längst  der 
Grundsatz  anerkannt  worden  daß  den  Juden,  die  sich 
durch  Talent  oder  Hochsinn  auszeichnen,  alle  Staats- 
ämter ohne  Ausnahme  zugänglich  sein  müssen.  Wie 
tolerant  dieses  auch  klingt,  so  finde  ich  hier  doch  noch 
den  säuerlichen  Beigeschmack  des  verjährten  Vorurteils. 
Ja,  solange  die  Juden  nicht  auch  ohne  Talent  und  ohne 
Hochsinn  zu  jenen  Amtern  zugelassen  werden,  so  gut 
wie  Tausende  von  Christen  die  weder  denken  noch 
fühlen  sondern  nur  rechnen  können,  so  lange  ist  noch 
immer  das  Vorurteil  nicht  radikal  entwurzelt,  und  es 
herrscht  noch  immer  der  alte  Druck!  Die  mittelalter- 
liche Intoleranz  schwindet  aber  bis  auf  die  letzte  Schatten- 
spur, sobald  die  Juden  auch  ohne  sonstiges  Verdienst 
bloß  durch  ihr  Geld  zur  Deputation,  dem  höchsten 
Ehrenamte  Frankreichs,  gelangen  können  ebenso  gut 
wie  ihre  christlichen  Brüder,  und  in  dieser  Beziehung 
ist  die  Ernennung  des  Hrn.  Achilles  Fould  ein  defi- 
nitiver   Sieg   des  Prinzips   der   bürgerlichen   Gleichheit. 

Noch  zwei  andere  Bekenner  des  mosaischen  Glau^ 
bens,  deren  Namen  einen  ebenso  guten  Geldklang  hat, 


Anmerkungen  523 

sind  diesen  Sommer  zu  Deputierten  gewählt  worden. 
Inwieweit  fördern  auch  diese  das  demokratische  Gleich- 
heitsprinzip? Es  sind  ebenfalls  zwei  millionenbesitzende 
Bankiers,  und  in  meinen  historischen  Untersuchungen 
über  den  Nationalreichtum  der  Juden  von  Abraham 
bis  auf  heute  werde  ich  auch  Gelegenheit  finden  von 
Hrn.  BenoTt  Fould  und  Hrn.  v.  Eichthal  zu  reden. 
Honni  soit  qui  mal  y  pense.  Ich  bemerke  im  voraus 
um  Mißdeutungen  zu  entgehen  daß  das  Ergebnis  mei- 
ner Forschungen  über  den  Nationalreichtum  der  Juden 
für  diese  sehr  rühmlich  ist  und  ihnen  zur  größten  Ehre 
gereicht.  Israel  verdankt  nämlich  seinen  Reichtum  einzig 
und  allein  jenem  erhabenen  Gottesglauben,  dem  es  seit 
Jahrtausenden  ergeben  blieb.  Die  Juden  verehrten  ein 
höchstes  Wesen  das  unsichtbar  im  Himmel  waltet, 
während  die  Heiden,  unfähig  einer  Erhebung  zum  Rein- 
geistigen, sich  allerlei  goldene  und  silberne  Götter  mach- 
ten, die  sie  auf  Erden  anbeteten.  Hätten  diese  blinden 
Heiden  all  das  Gold  und  Silber,  das  sie  zu  solchem 
schnöden  Götzendienst  vergeudeten,  in  bares  Geld  um- 
gewandelt und  auf  Interessen  gelegt,  so  wären  sie  eben- 
falls so  reich  geworden  wie  die  Juden,  die  ihr  Gold 
und  Silber  vorteilhafter  zu  placieren  wußten,  vielleicht 
in  assyrisch-babylonischen  Staatsanleihen,  in  Nebukad- 
nezarschen  Obligationen,  in  ägyptischen  Kanalaktien,  in 
fünfprozentigen  Sidoniern,  und  andern  klassischen  Pa- 
pieren die  der  Herr  gesegnet  hat,  wie  er  auch  die  mo- 
dernen zu  segnen  pflegt. 

Seite  401 11  Diese  beiden,  Mozart  und  Händel,  haben 
es  endlich  dahingebracht  die  Aufmerksamkeit  der  Fran- 
zosen auf  sich  zu  ziehen,  wozu  sie  freilich  viel  Zeit 
bedurften,  da  keine  Propaganda  von  Diplomaten,  Pie- 
tisten und  Bankiers  für  sie  tätig  war. 

Seite  40814  Ein  ganz  vorzügliches  Konzert  gab 
Hr.  Antoine  de  Kontski,    ein  junger  Pole   von   ehren- 


C2«i  Anmerkungen 

wertem  Talente,  der  auch  schon  seine  Zelebrität  er- 
worben. Zu  den  merkwürdigen  Erscheinungen  der  Saison 
gehörten  die  Debüts  des  jungen  Mathias;  Talent  hohen 
Ranges.  Die  altern  Pharaonen  werden  täglich  mehr 
überflügelt  und  versinken  in  mutloser  Dunkelheit. 

Als  gewissenhafter  Berichterstatter  muß  ich  hier 
die  Konzerte  erwähnen,  womit  die  beiden  musikali- 
schen Zeitungen,  die  »Gazette  Musicale«  des  Hr. 
M.  Schlesinger  und  die  »France  Musicale«  der  HH. 
Bscudier  ihre  Abonnenten  erfreuten.  Wir  hörten  hier 
besonders  hübsche  und  doch  gute  Sängerinnen:  Me. 
Sabatier,  Mlle.  Lia  Duport  und  Me.  Castellan.  Da 
diese  Konzerte  gratis  gegeben  worden,  so  waren  die 
Anforderungen  des  Publikums  desto  strenger,  sie  wur- 
den aber  reichlich  befriedigt.  Mit  Vergnügen  melde 
ich  hier  die  wichtige  Nachricht,  daß  der  siebenjährige 
Krieg  zwischen  den  erwähnten  zwei  musikalischen  Zeit- 
schriften und  ihren  Redakteuren  Gottlob  zu  Ende  ist. 
Die  edlen  Kämpfer  haben  sich  zum  Friedensbündnis 
die  Hände  gereicht,  und  sind  jetzt  gute  Freunde.  Diese 
Freundschaft  wird  dauernd  sein,  da  sie  auf  wechsel- 
seitige Achtung  gegründet  ist.  Das  Projekt  einer  Ver- 
schwägerung zwischen  beiden  hohen  Häusern  war  nur 
die  müßige  Erfindung  kleiner  Journale.  Die  Ehe,  und 
zwar  die  lebenslängliche  Ehe,  ist  jetzt  in  der  Kunst- 
welt das  Tagesthema.  Thalberg  vermählte  sich  unlängst 
mit  der  Tochter  von  Lablache,  einer  ausgezeichnet  an- 
mutigen und  geistreichen  Dame.  Vor  einigen  Tagen 
erfuhren  wir  daß  auch  unser  vortrefflicher  Eduard  Wolf 
sich  verheirate,  daß  er  sich  hinauswage  usw. 

Seite  41325  Dieses  Werk  hat  ein  schreckliches  Schick- 
sal gehabt.  Halevy  hat  hier  sein  Waterloo  gefunden, 
ohne  je  ein  Napoleon  gewesen  zu  sein.  Das  größere 
Mißgeschick  ist  für  ihn  bei  dieser  Gelegenheit  der  Ab- 
fall von  Maurice  Schlesinger.  Letzterer  war  immer 
sein  Pylades,  und  wenn  Orestes  Halevy  auch  die  ver- 


Anmerkungen  525 

fehlteste  Oper  schrieb,  und  sie  noch  so  kläglich  durch* 
fiel,  so  ging  doch  der  Freund  immer  ruhig  für  ihn  in 
den  Tod  und  druckte  das  Opus.  In  einer  Zeit  der 
Selbstsucht  war  ein  solches  Schauspiel  freundschaft- 
licher Selbstaufopferung  immer  sehr  erfreulich,  sehr  er- 
quickend. Jetzt  aber  behauptet  Pylades,  der  Wahnsinn 
seines  Freundes  sei  so  gestiegen  daß  er  nichts  mehr 
von  ihm  verlegen  könnte  ohne  selbst  verrückt  zu  sein. 

Seite  4172  Wie  ich  höre,  wird  nächsten  Winter  bei 
den  Italienern  der  »Crociato«  gegeben,  und  die  Umar- 
beitung wozu  sich  Meyerbeer  bereden  ließ,  dürfte  wohl 
etwelche  neue  Teufeleien  für  ihn  hervorrufen.  Jeden- 
falls aber  wird  er  sich  nicht  wie  im  Himmel  fühlen, 
wenn  er  jetzt  die  »Huguenotten«  hier  aufführen  sieht,  die 
noch  immer  dazu  dienen  müssen  die  Kasse  zu  füllen, 
nach  jedem  Unfall.  Es  sind  in  der  Tat  nur  die  »Hu- 
guenotten« und  »Robert  le  Diable«  die  wahrhaft  fortleben 
im  Gemüt  des  Publikums,  und  diese  Meisterwerke  wer- 
den noch  lange  herrschen. 

Seite  4zz4  Was  ist  die  Polka?  Zur  Beantwortung 
dieser  Zeitfrage  hätte  ich  wenigstens  sechs  Spalten  nötig. 
Doch  sobald  wichtigere  Themata  mir  Muße  gönnen, 
werde  ich  darauf  zurückkommen. 

Auch  in  der  französischen  Ausgabe  von  1855  finden 
sich  eine  ganze  Reihe  kleinerer  und  größerer  Zusätze. 
Von  den  dem  Druck  in  der  »Allgemeinen  Zeitung«  zu- 
grunde liegenden  Handschriften  sind  nur  ein  paar  er- 
halten geblieben,  deren  Text  teilweise  erheblich  vom 
ersten  Druck  abweicht. 


Kleinere  Schriften. 

Von  den  »Vier  Berichten  für  die  Allgemeine  Zeitung« 
sind    die    beiden    ersten    von   der  Redaktion  unterdrückt 


C2Ö  Anmerkungen 

worden  und  erst  neuerdings  gedruckt  (Vom  Fels  zum 
Meer,  Novemberheft  1884;  Deutsche  Dichtung,  Juniheft 
1887).  Der  Aufsatz  über  Reynolds  findet  sich  in  der 
Beilage  zur  Allgemeinen  Zeitung  vom  z8.  und  29.  No- 
vember 1841,  der  über  Hamburg  ebendort  in  der  Bei- 
lage vom  26.  Mai  184z. 

Der  Aufsatz  über  Ludwig  Marcus  schließt  den  ersten 
Band  der  1854  erschienenen  Vermischten  Schriften  und 
war  vorher  in  der  Beilage  zur  Allgemeinen  Zeitung  vom 
2.  und  3.  Mai  1844  erschienen.  An  seinen  Verleger 
Campe  schreibt  Heine  am  19.  März  1854:  »Wenn  Sie 
diese  Denkrede  lesen,  so  lassen  Sie  sich  vorher  von 
Ihrer  Frau  ein  Kissen  geben  und  lesen  Sie  das  Werk 
knieend,  denn  Sie  werden  nicht  alle  Tage  Gelegenheit 
finden,  einen  so  guten  Stil  anzubeten.  Ich  überzeugte 
mich  mit  Freuden,  daß  fast  der  ganze  zweite  Teil  an- 
betungswürdig ist  in  stilistischer  Beziehung.« 

Die  fragmentarischen  »Briefe  über  Deutschland«  er- 
schienen nach  dem  Tode  des  Dichters  in  den  Letzten 
Gedichten  und  Gedanken  von  Heinrich  Heine  (Ham- 
burg 1869). 


Kommentar. 

Seite  7,6  Das  kriegslustige  Ministerium  Thiers  und 
das  ihm  am  29.  Oktober  1840  folgende  Ministerium 
Soult,  dessen  Seele  Guizot  war. 

Seite  io9ff.  Vgl.  das  19.  Kapitel  der  Urfassung  des 
Atta  Troll. 

Seite  10  n  So  hatte  der  Kaiser  von  China  während 
des  Opiumkrieges  die  Engländer  bezeichnet. 

Seite  ii6  Verhöhnende  Nachahmung  englischer  Aus- 
sprache. 

Seite  11  «f.  Metternich,  der  seit  seinem  Rücktritt  1848 
auf  seiner  rheinischen  Besitzung  lebte. 

Seite  1921  Cousin. 


Anmerkungen  527 

Seite  1928  In  Paris  wird  zum  Fasching  ein  Ochse 
mit  vergoldeten  Hörnern,  der  mit  bunten  Bändern  ge- 
schmückt  ist,  durch  die   Straßen  geführt. 

Seite  21,  Ludwigs  XVIII.  Staatsgrundgesetz  vom 
4.  Juni  1814. 

Seite  2130  Dotation:  Für  den  Herzog  von  Nemours 
bei   Gelegenheit  seiner  Heirat. 

Seite  2321fr.  Nach  einem  Epigramm  Bürgers  »Cicero 
und  Demosthenes«. 

Seite  2328  Für   die   geheimen  Fonds  der  Regierung. 

Seite  2Ö30  Zwei  Personen  in  Aristophanes'  Rittern. 

Seite  30 2  Lamennais. 

Seite  337   »Revue  des  deux  mondes«. 

Seite  33,9  Mit  seinem  Drama  »Vautrin«,  das  sofort 
verboten  wurde. 

Seite  3429  Vgl.  2  Könige  19,  28;  Hiob  40,  26;  Je« 
saias  37,  29. 

Seite  3522  f.  Wo  das  Abgeordnetenhaus  und  das 
Oberhaus  tagten. 

Seite  3812   Vgl.  Esprit  des  lois  5,  13. 

Seite  43,5   Alambik:  Destillierkolben. 

Seite  44n  Dessauer;  vgl.  das  Gedicht  »Der  Wan- 
zerich«  in  den   »Vermischten  Gedichten«. 

Seite  484fr.  Der  Mord  eines  Kapuzinerpaters  in 
Aleppo  hatte  dort  eine  Judenverfolgung   hervorgerufen. 

Seite  fi4  Kechenäer:  Maulaufsperrer. 

Seite  51 30  Seide  heißt  der  Sklave  Mahomets  in 
Voltaires  Tragödie. 

Seite  57,7  Die  Vertreter  der  strengeren  und  mil- 
deren jüdischen  Gesetzesauslegung. 

Seite  6o4  Baron  von  Eckstein. 

Seite  6ig  Statt  der  beantragten  zwei  Millionen  hatte 
die  Kammer  nur  eine  Million  für  die  Überführung  von 
Napoleons  Leiche  bewilligt. 

Seite  62 n  So  ist  Chateaubriand  wegen  seines  »Iti* 
nlraire  de  Paris  ä  Jerusalem«   genannt. 

Seite  69 4  In  der  Schrift  De  divinatione  2,  24,  51. 


528  Anmerkungen 

Seite  74?2  Der  hier  von  Heine  abgelehnte  Artikel 
ist  tatsächlich  von  ihm;  die  Stelle  findet  sich  oben 
Seite  521  ff. 

Seite  777  Kolb. 

Seite  90,0  »Leonore  ou  les  morts  vont  vite«,  Me- 
lodrama von  den  Brüdern  Cogniard. 

Seite  91 1  Nach  dem  Tode  Ferdinands  VII.  prote- 
stierte Don  Carlos  gegen  die  Thronbesteigung  seiner 
Tochter  Isabella  II.,  woraus  sich  ein  langer  Krieg 
entspann. 

Seite  94,6  Durch  sie  wurde  Mehemet  Ali  erblicher 
Herrscher  über  Ägypten  und  lebenslänglicher  über 
Syrien  unter  der  Bedingung  sofortiger  Zustimmung. 

Seite  97 5f.  Die  Ausdrücke  entstammen  den  engli- 
schen Unruhen  unter  Karl  I. 

Seite  104,0  Am  5.  August  landete  Louis  Napoleon 
bei  Boulogne,  wurde  aber  bei  dem  Versuche  Unruhen 
zu  erregen  gefangen  genommen,  verurteilt  und  in  Harn 
interniert. 

Seite  iu,6  So  nannte  sich  und  hieß  bei  den  fran- 
zösischen Legitimisten  der  Graf  von  Chambord. 

Seite  11417  Man  hatte  sie  des  Giftmordes  an  ihrem 
Gatten  beschuldigt. 

Seite  1171,  Am  20.  September  hatte  die  englisch- 
österreichisch-türkische Flotte  Beirut  nach  mehrtägigem 
Bombardement  genommen. 

Seite  124,7  Am  15.  Oktober  hatte  Darmes  auf  den 
König  geschossen. 

Seite  132,   Figur  aus  der  Wiener  Lokalposse. 

Seite  135 j  Macbeth  1,  7. 

Seite  153,,  Die  Kammer  beschloß  Paris  mit  zwei 
großen   Linien  von  Forts  zu  umgeben. 

Seite  iöi„  Unruhen  in  Canada,  das  sich  selbständig 
machen  wollte. 

Seite  161  n  Der  eigenartige  Stil  in  den  Gedichten 
König  Ludwigs  I. 


Anmerkungen  520 

Seite  165,6  Börsenspekulant:  Stern  aus  Frankfurt, 
der  »Nasenstern«,  der  auch  im  »Rabbi  von  Bacherach« 
und  »Ludwig  Börne«  vorkommt.     Vgl.   Seite  3020. 

Seite  16928  Schindler. 

Seite  1854  Titel  einer  1814  erschienenen  Schrift  von 
Savigny. 

Seite  187,7  Remusat  hat  Goethes  »Clavigo«,  »Eg- 
mont«,  »Jery  und  Bätely«  und  »Triumph  der  Empfind- 
samkeit«  ins  Französische  übersetzt. 

Seite  187«  Das  Rheinlied  »Sie  sollen  ihn  nicht 
haben«. 

Seite  1 8 8 2i f.  Schlußverse  aus  Goethes  Gedicht 
»Mut«,  ungenau  zitiert. 

Seite  19526  Man  nimmt  auch  heute  an,  daß  eine 
Leidenschaft  für  die  Prinzessin  Charlotte  Bonaparte  die 
Veranlassung  zu  Roberts  Tode  gewesen  ist. 

Seite  206  9  Dupoty  war  der  moralischen  Mitschuld 
an  einem  Attentate  auf  den  Herzog  von  Aumale  be- 
schuldigt worden. 

Seite  212 3  Dieser  Autor  ist  Heine  selbst:  vgl.  seine 
»Elementargeister«   im  dritten  Bande  des  Salons. 

Seite  217,4   Bastringuen:  gemeine  Kneipen. 

Seite  21728  Der  leichtsinnige  Titelheld  einer  damals 
vielaufgeführten  Komödie  von  Antier  und  LemaTtre. 

Seite  22620  Der  Tempelhofer  Berg,  jetzt  Kreuzberg. 

Seite  238,4  Ungenaues  Zitat  aus  Wallensteins  Tod 
4,  12. 

Seite  239,2  Der  Tod  des  jungen  Prinzen  hatte  merk- 
würdige Ähnlichkeit  mit  dem  des  Hippolyte  in  Racines 
Tragödie. 

Seite  242,  Bei  Herodot  1,  32. 

Seite  2592,   Am  8.  Mai  1842. 

Seite  260 25  Vgl.  seine  Satiren  71;  das  Zitat  ist 
ungenau,  der  Name  heißt  Trimalchio. 

Seite  263  +  Packknechte  und  Ablader,  die  zu  einer 
Bruderschaft  verbunden  waren. 

Seite  278 6ff.  Diese  Verse    sind    nicht    von    Goethe. 

ix.  M 


«O  Anmerkungen 

Seite  286 y  Meyerbeers  Stiefmutter. 

Seite  289,,   Vgl.  oben  Seite  löpjsff 

Seite  3026  Ein  Jude  aus  Frankfurt,  der  auch  im 
»Rabbi  von  Bacherach«  vorkommt.     Vgl.  zu  Seite  165,6. 

Seite  30721  Nach  den  Schlußworten  von  Schillers 
Gedicht   »Shakespeares  Schatten«. 

Seite  310 28 f.   Namen  französischer  Gefängnisse. 

Seite  311 11  Ein  von  Lessing  geprägter  Ausdruck 
<Emilia  Galotti  2,   5;  Nathan  2,   5). 

Seite  311^  Vgl.  im   10.  Bande  unserer  Ausgabe. 

Seite  3i826f.  Godoy  war  vielmehr  Günstling  Könif 
Karls  IV.  und  seiner  Gemahlin. 

Seite  319,}   Klindworth. 

Seite  31925  Weil. 

Seite  32850  Aus  der  4.  Strophe  des  Gedichts  »Georg 
Herwegh«   in  den  Zeitgedichten. 

Seite  331 1  Der  Fürstin  Belgiojoso.  Im  folgenden  ist 
Thiers  gemeint. 

Seite  33521  Oheim:  Leo. 

Seite  350,5  Qjiinets  Aufsatz  »Revue  fiteraire  de 
l'Allemagne«   steht  in  der  Revue  des  deux  mondes  1843 

<«#   477>- 

Seite  361 20  Nach  Tartuffe  4,  5. 

Seite  37121  Lukas  «4,  23  in  der  Fassung  der  latei- 
nischen Bibel. 

Seite  37421  In  seiner  Antrittsrede  vor  der  Pariser 
Akademie. 

Seite  379,4  Duchatel. 

Seite  391,0fr.  Vgl.  die  5.  Strophe  im  »Lied  der  Mar- 
ketenderin«. 

Seite  400,,  Die  schottische  Symphonie  <a«moll>. 

Seite  40426  Aus  einem  Chorlied  der  Antigone  des 
Sophokles. 

Seite  406,7   Kantharidcn:  spanische  Fliegen. 

Seite  4094fr.  Thalberg  heiratete  die  Tochter  Lablaches. 
Im  folgenden  sind  Wolff  und  Panofka  gemeint. 

Seite  409:7  Puff:  schwindelhafte  Reklame. 


Anmerkungen  «1 

Seite  410,  Ungenaues  Zitat  aus  dem  Kaufmann  von 
Venedig  1,  2. 

Seite  4109  Gemeint  ist  Seligmann. 

Seite  4205  Die  Worte  finden  sich  in  Scribes  und 
Delavignes  Text  zu  Meyerbeers  Oper  »Robert  der 
Teufel«. 

Seite  423,6  Vgl.  Hörn,  Shakespeares  Schauspiele  5,VI. 

Seite  42429  Ungenaues  Zitat  nicht  aus  Schillers 
Maria  Stuart,  sondern  aus  Lessings  Nathan  z,  5. 

Seite  433,2  Sie  erschien  in  vier  Bänden  Stuttgart 
1840. 

Seite  433,9  Geschichte  der  neueren  Poesie  und  Be- 
redsamkeit <Göttingen  1801    19). 

Seite  4333;  Geschichte  der  deutschen  Poesie  im 
Mittelalter  (Halle  1830). 

Seite  433,4  Handbuch  einer  allgemeinen  Geschichte 
der  Poesie  (Halle  1832—33). 

Seite  44330  Sie  erschien  London  1831. 

Seite  456,7   Vgl.  oben  S.  25921fr. 

Seite  466,  Faust  Vers  8754  (Worte  der  Phorkyas 
im  dritten  Aufzug). 

Seite  4776  Gemeint  ist  Daniel  Stern,  der  in  der 
Revue  des  deux  mondes  1844  <2,  265)  einen  Aufsatz 
über  Bettina  veröffentlicht  hatte. 

Seite  4780  Tour  de  Nesle:  Ort,  wo  man  auf 
einen  Liebhaber  oder  eine  Geliebte  wartet. 

Seite  478,,   Seiden:  vgl.  oben  zu  Seite  5iJ0. 


Inhalt  des  neunten  Bandes 


Lutezia.    Berichte  über  Politik,  Kunst 

und  Volksleben «-355 

Erster  Teil 1  —  218 

Zweiter  Teil 219  —  355 

Anhang 356  —  426 

Kommunismus,  Philosophie  und  Klerisei .  356  —  379 

Gefängnisreform  und  Strafgesetzgebung      .  379—387 

Aus  den  Pyrenäen 387—398 

Musikalische  Saison  von  1844                 .  399—426 

Kleinere  Schriften  aus  den  Jahren  1840 
bis  1844 427-486 

Vier  Berichte  für  die  Allgemeine  Zeitung      .   429  —  457 

Paris,  4.  Februar  (1840) 429  —  434 

Paris,  20.  November  (1840)      ....    434  —  439 

Thomas  Reynolds 439  ~  455 

Hamburg 455 ~ 457 

Ludwig  Marcus.     Denkworte 458—476 

Briefe  über  Deutschland 477  —  486 

Anmerkungen 487-531 

Lutezia 489  —  525 

Kleinere  Schriften 525—526 

Kommentar 526  —  531 


Die  Herausgabe  dieses  Bandes  besorgte 
Albert  Leitzmann.  Der  Druck  erfolgte  in 
der  Offizin  Breitkopf  'S)  Härtel,  Leipzig. 


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JAN  14  1959 


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